Tausend Lippenstiftbäumchen

Und hier eine weitere alte Fanfic, diesmal zum (leider mittlerweile eingestellten) Browserspiel „Kapifari“ der Firma Upjers. Die Geschichte ist unvollendet, da sie sich vornehmlich während der Beta entwickelt hat und auf diverse innerspielweltliche Änderungen während dieser Testphase anspielt. Wie schon bei der ersten Story gilt auch hier: bitte keine Perle der Schriftstellerei erwarten!
(Kursiver Text  kennzeichnet immer meine später eingefügten Kommentare)

Dies ist die Geschichte einer idealistischen Tierärztin, die in der afrikanischen Savanne der Rettung verletzter und krankter Tiere verschrieben hat. Naja, und irgendwie ist auch meine Geschichte. Und ich bin… sagen wir, etwas weniger edel.

Sehen Sie, ich wollte eigentlich nur meine Ruhe. Raus aus der Großstadt, ein bißchen natürliche Luft schnuppern und nebenbei ein kleines Vermögen machen. Dass es mich zu diesem Zweck ausgerechnet nach Afrika verschlagen würde, hätte ich mir selbst nicht vorstellen können.
Aber nun war ich einmal hier. Kaum hatte ich mich eingelebt, stolperte ich auf einem Ausflug auf eine Frau, die sich mehr tot als lebendig durch den Busch schleppte. Ihre Safarikleidung war zerfetzt, sie selbst blutete aus mehreren Wunden. In ihren Händen hielt sie einen Tomatenfrosch, der wohl mittelbar daran schuld war, dass sich die Fremde in einem derartig bemittleidenswerten Zustand befand.
Ich hörte sie nur noch stammeln, dass sie das Tier vor Hyänen habe retten wollen. Keine Ahnung, ob ich das richtig verstanden habe. Ist auch egal, denn die Fremde fiel vor meinen Augen in Ohnmacht. Mir blieb nur, sie zu meinem Lager zu schleppen und zu versorgen. Den Frosch verarztete ich gleich mit und setzte ihn anschließend meinen Garten.
Die Fremde verschlief den restlichen Tag und dann die ganze Nacht durch. Soweit ich das beurteilen konnte, bestand keine Todesgefahr, doch die Bisswunden waren äußerst schmerzhaft und sie hatte viel Blut verloren, das sich erst wieder neu bilden musste. Nun ja, Wasser hatte ich genug, hatte ja meinen eigenen Brunnen installiert, und ein Maul mehr oder weniger zu stopfen stellte auch kein Problem dar. Meine Bananenbäume trugen reichlich Früchte und sollte das nicht reichen, würde ich eben von meiner Jagdlizenz Gebrauch machen, obwohl ich das nur ungern tat.
Am nächsten Morgen fühlte sich die Gerettete fit genug, sich von mir auf die Holzbank vor meinem Zelt schleppen zu lassen. Dabei sah sie zum ersten Mal, was ich mir hier bereits aufgebaut hatte. Glänzend rot srahlte sie meine Pflanzung von den Hängen der umliegenden Hügel an.
„Oh, mein Gott!“ rief die Frau aus, die Hände über ihrem süßen Köpfchen zusammenschlagend. Nur hätte das einem Mann gegenüber sicher mehr gebracht und so grinste ich nur unter meinem Schlapphut. „Das sind ja an die vierzig Lippenstiftbäume!!!“ Die Fremde fuhr zu mir herum. „Sie wissen doch, dass es illegal ist, mehr als zwei Lippenstiftbäume auf engsten Raum zu pflanzen? Wegen der ökologischen Risiken?!“
„Fräulein“, erwiderte ich. „Darum, was ich weiß, geht es doch gar nicht. Die Frage ist: Wer weiß außer mir davon.“ Tja, und das waren nun einmal nur die Freunde, die mich mit Setzlingen versorgten und die Kunden, die so wild auf Lippenstiftkerne waren, dass sie nicht danach fragten, woher die Ernte stammte.
Die Frau schürzte ihre Lippen. Sie murmelte etwas von, sie werde meinen Frevel schon den zuständigen Behörden melden, doch sie begriff selbst, wie lächerlich das klang. Denn erstens stand uns an Fahrzeugen nur mein ein klappriges Fahrrad zur Verfügung, mit dem sie langsamer dahinzuckelte, als ich lief, und zwotens hatte ich ihr vor ein paar Tagen das Leben gerettet.
Ich zog mich in mein Zelt zurück und setzte ersteinmal Kaffee auf. Als der verlockend duftete, gesellte sich mir die Frau zum Frühstück zu. Sie stellte sich als „Dana“ vor. Genüßlich eine Banane schälend, sah ich ihr beim Nachdenken zu. Hätte ich geahnt, dass es sich um die letzten ruhigen Minuten handelte, die ich in nächster Zeit erleben sollte, ich hätte diese Zeit intensiver genossen.
Denn Dana platzte heraus, dass Lippenstiftkerne ein hochwirksames Heilmittel für Schrammen seien. „Bei Tieren“, schränkte ich ein, auf ihre Verbände sowie die Einstichstelle weisend, wo ich ihr am Vortag eine Ladung Antibiotika ins Blut gejagt hatte.
„Ja, für Tiere!“ lächelte Dana. Und dann setzte sie mir ganz langsam ihren Plan auseinander. Genausogut hätte sie mir mit einem Taschenmesser die Haut abziehen können. Diese Hexe verlangte ein Entgegenkommen für ihr Stillschweigen bezüglich meiner illegalen Plantage. Und das, nachmdem ich sie den Hyänen quasi aus den hungrigen Mäulern herausoperiert hatte!
Ab und zu wolle sie ein verletztes Tierchen aus der Savanne mitbringen und mit den Früchten meiner Plantage gesundpflegen. Ich Trottelin sagte auch noch „Ja, so machen wir das.“…

Das war der Originalpost, inspiriert durch meinen kleinen Lippenstiftbaumexploit. Die maximale Anzahl von Bäumen jeder Sorte war levelabhängig, aufgrund eines Bugs griff diese Sperre allerdings nicht während der Beta.

Seitdem hat Dana meine Farm zu einer Tierpflegestation umgebaut. Überall stehen ihre Käfige und Gehege herum und mein Garten produziert schon nur noch Lavendel und Flaschenfrüchte. Schlimmer: Mein Gast scheint eine Ökoaktivistin zu sein, die jeden Schnippsel aufliest, den sie findet, und wohin bringt? Natürlich zu mir. Aber hallo? Wollte ich das Zeug haben, hätte ich es ja gar nicht erst weggeworfen!
Gestern hat sie eine Kolonie Termiten auf meinem Land angesiedelt. Ich sage Ihnen, wenn die Viecher sich an meinen Bäumchen vergreifen, gibt es Tote!

Viel zu tun, kaum Zeit für Tagebucheinträge. Die Plantage läuft gut. Ein Kunde hat mit 20 Saphiren bezahlt – die sind immerhin 25.000 Dongos wert!
Ein paar Einheimische waren ebenfalls an Lippenstiftkernen interessiert, besaßen aber kein Geld. Sie haben uns stattdessen ein Vorratshaus aus Lehmziegeln und Wellblech gebaut. Hauptsächlich lagere ich dort den Müll, den Dana anschleppt, denn der lässt sich ja nur kiloweise Verkaufen. Wenn Sie mir das nicht glauben, dann versuchen Sie doch mal, mit ein oder zwei alten Zeitungen vor einem Abfallunternehmen anzutreten. Machen sie ruhig, ich hab ja jetzt alles da, um die Schürfwunden und Prellungen zu behandeln, die Sie (im günstigsten Fall) davontragen, nachdem der Eignetümer Sie von seinem Hof geprügelt hat. Also sammeln Dana und ich das Zeug lieber. Ich hätte gar nicht gedacht, dass es überhaupt Abnehmer für den ganzen Mist gibt und befürchtete schon, wir müssten für die Entsorgung auch noch bezahlen. Aber mein alter Kumpel Malte aus Waldseeheim hat da etwas gedeichselt, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
Das Zelt habe ich mittlerweile durch ein Holzhaus ersetzt (steht sogar ganz stilecht auf Pfeilern) und mir einen Motorroller angeschafft. Nun besitzt jeder von uns ein Fahrzeug. Dumm nur, dass Dana mich gleich verpflichtet hat, ebenfalls die Gegend nach kranken Tieren abzugrasen. Und natürlich hatte ich die „Freude“, sogleich ein Vieh zu finden, das ausgerechnet an Verstopfung litt. Wie man das diagnostiziert und behandelt? Tja, das sind zwei Infos, auf die ich gern verzichtet hätte…
Das einzige, was ich mir jetzt wünsche, ist so ein niedlicher Löffelhund. Ich brauche einen Wachhund, denn die ganzen verletzten Tiere auf meinem Land locken natürlich Raubtiere an. Von den Kranken halten sie sich fern, das spüren sie schon, dass mit dem Fleisch etwas nicht in Ordnung ist. Aber ein gebrochenes Bein, ein verrenkter Flügel und dergleichen mehr… dazu noch ein Zaun um das Gehege, nee, nee, das muss den Löwen doch wie eine Einladung zum eröffneten Büffet vorkommen!

Wieder halte ich einen Saphir in der Hand. Für das kleine Ding hatte einem Kunden ich eine Woche lang Baumstämme liefern müssen. Ich will mich nicht beschweren, immerhin ist ein Saphir ein guter Lohn, gut seine 1000 bis 1250 Dongos wert. Dennoch hätten die Einnahmen auch höher ausfallen können. Die meisten meiner Kunden wissen, dass meine kleine Pflanzung illegal ist, weshalb ich gezwungen bin, teils richtig unverschämte Angebote anzunehmen. Habe ja keine andere Wahl…
Doch das meiste von dem, was wir täglich so benötigen, erwerben wir durch Tauschhandel. Wenn ein Nachbar sauberes Wasser wünscht, dann kommt er zu uns schöpfen und erhält im Gegenzug dafür ein paar Kanister voll. Oder auch Eimer, je nachdem, was er mitbringt.
Genauso läuft es mit den Termiten: Einmal sammeln für eine Handvoll von den Tierchen als Lohn. Wozu man die braucht? Nun ja, ein wenig Honig, Alufolie und einen Grill vorausgesetzt, verwandeln sie sich in wertvolle Proteine. Insekten sind gute Eiweißspender, müssen Sie wissen. Man muss nur aufpassen, auch die richtigen Exemplare zu erwischen, sonst wird es statt nahrhaft und eklig einfach nur eklig.
Seit Neustem habe ich auch genug Bananen und Wunderbaumfrüchte, um diese ebenfalls zu verkaufen.
Meine Bäume sind mein ganzer Stolz. Nur ein Sorgenkind wächst in der Nähe meines Gartens, eines der Lippenstiftbäumchen. Die oberen Äste tragen nie Früchte, so dass man nur weit unten ernten kann. Wie ich das heute wieder so tat, bemerkte ich etwas Graues zwischen den Blättern. Die Farbe ging bereits ein wenig ins Bläuliche und die Textur erinnerte an Federn. In dem Moment, wo ich „Papagei“ dachte, fiel mir der Bursche auch schon aus dem Geäst heraus entgegen.
Ich erkannte auf den ersten Blick, dass das Tier verletzt war. Es hatte sich eine Schramme am Beinchen zugezogen und konnte nun nicht mehr richtig auf dem Ast sitzen. Auch zum Fliegen war der Vogel zu ermattet, wie ich feststellte.
Nun ja, wie man derart einfache Wehwehchen kuriert, wusste ich ja nun bereits. Es war mir ein Leichtes, mit der einen Hand den Papagei zu halten und mit der anderen einen Lippenstiftkern frisch vom Baum zu pflücken. Ein wenig Erfahrung vom Übermalen der Kratzer meines alten Opel mit dem Lackierstift, mehr benötigte ich nicht, um den gefiederten Patienten zu verarzten. Noch bevor Dana von einer ihrer zahlreichen Expeditionen zurückkehrte, konnte ich ihn bereits wieder Fliegen sehen.
Ich blickte ihm nach und freute mich… natürlich darüber, den ungebetenen Gast so schnell wieder losgeworden zu sein! Nichts Gefühlsduselieges! Nein, echt nicht! …. Naja… war schon niedlich… und so…

Aber das eine sage ich Ihnen: Tausendmal lieber einen ganzen Schwarm dieser Biester am Hals, als noch einmal das durchleben, was Dana als nächstes für mich in petto hatte! Doch dazu mehr beim nächsten Mal.

Meine Nachbarin, eine Tierpflegerin, ist zurück nach Deutschland gereist, die Nachmieterin wird von den Behörden nichts in Land gelassen. In dieser Situation hat es mich zuerst etwas verwirrt, als Dana mir zwei Tickets unter die Nase hielt.
„Du reist ab?“ erkundigte ich mich vorsichtig. „Wie, äh, schade. Aber für wen soll die zweite Fahrkarte sein?“
Für mich natürlich, musste ich mich belehren lassen. Und wir würden auch nicht außer Landes fahren, sondern lediglich nach Victoria zum Naturheilkundemittelkongress.
„Du sprichst als letzte vor der Mittgaspause“, teilte mir mein Gast mit. „Das bedeutet, dein Vortrag wird den Zuhörern noch frisch im Gedächtnis stehen, wenn sie sich zerstreuen. Das könnte sich als nützlich erweisen!“
„Ich tue was?!!!“ jaulte ich wie ein Löffelhund, dem man die Ohren noch länger gezogen hatte.
Dana strahlte mich an. „Du hältst einen Vortrag über die Kombination der Wirkstoffe in den Lipenstiftkernen und den Flaschenfrüchten.“
„Unter gar keinen Umständen!“ Ich wedelte wild mit den Armen, fuchtelte vor Danas Gesicht herum. „Nix da! Nada! Schluss!“
Dana öffnete den Mund, doch ich hörte mir gar nicht erst an, welche Argumente sie vorbringen würde. Ich rannte wie vom wilden Affen gebissen zwischen den Gehegezäunen entlang in Richtung Savanne. Erst, als kein Schatten mehr auf mich fiel und ich keine klagenden Laute kranker Tiere mehr hörte, hielt ich inne. Ich schlug eine ruhigere Gangart ein, bewegte die Arme beim Laufen und atmete tief durch.
Ja, und dann hörte ich die Fahrradklingel direkt an meinem linken Ohr.
„Dana“, seufzte ich.
„Yep“, erwiderte die Tierärztin. „Du, wir müssen mal miteinander reden.“

Ich schüttelte den Kopf. Nein, wir mussten nicht reden. Der Fall lag doch klar: Ich war nur eine Pflanzerin von etwas anrüchigem Status, keine Studierte wie Dana. Das adrette Mädchen würde einmal den Indiana Jones abbekommen, während ich für die Slapstickszenen gut war.
Allein die Vorstellung, vor den gelehrten Damen und Herren einen Vortrag zu halten, war mehr als albern. Mein Auftritt würde den gesamten Kongress ins Lächerliche ziehen.
Das alles fauchte ich Dana ins Gesicht. Das Mädel ließ mich jammern.
„Alles, was ich über die Heilkraft der einheimischen Flora weiß, habe ich erst von dir gelernt“, behauptete sie dann.
„Ach, nee“, schnappte ich. „Hast wohl acht Semester Party gemacht, oder was? Erzähl mir doch nichts!“
Dana schmunzelte. „Stimmt schon, manches hatte ich bereits in den Vorlesungen gehört, aber das war nur auswendig gepaukt. Erst hier in Afrika habe ich es richtig verstanden. Weißt du nicht mehr, wie oft du mir vorgeführt hast, wie die Handgriffe aus meinem Lehrbuch zu machen sind?
Mehr noch: Ohne einen Supermarkt wäre ich verhungert, du aber wusstest, wie man ohne überlebt. Und ohne deine guten Kontakte zu den anderen Siedlern wären wir beide vereinsamt.
Enki, verstehst du denn nicht? Das doch schon längst deine Tierauffangstation, und nicht mehr meine! Gib schon zu, dass das Projekt etwas bedeutet!“
„Lass mich!“ wehrte ich ab, ehe die Kleine am Ende noch gestammelt hätte, dass ich wie eine Ersatzmutter für sie gewesen sei oder etwas ähnlich Verrücktes.
„Na gut, wie du willst“, lenkte Dana ein. „Dann läufst du eben wieder weg. Wann wirst du mal anfangen, auf ein Ziel zuzulaufen?“

Dana fuhr natürlich ohne mich zu ihrem Kongreß. Sollte sie dort ruhig davon berichten, wie eine kräuterkundige Frau sie im Busch unter ihre Fittiche genommen hat oder dergleichen! Und von wegen „meine“ Tierauffangstation. Ich besaß eine Plantage mit ein paar Gehegen hinter dem Haus, mehr nicht.
Andere derartige Stationen weisen ein Dutzend und mehr Gehege auf, die ständig besetzt sind. Das sind die Experten, die sogar wirtschaftlich gesehen erfolgreich sind. Mich mit denen zu messen oder auch nur unter sie zu mischen, nein, das hätte nur für Heiterkeit gesorgt.

Ich nutzte die Zeit der Abwesenheit meiner Untermieterin, um den Garten in Ordnung zu bringen und ein wenig umzuräumen. Der Brunnen musste vom Schlamm befreit werden und ich fand endlich Gelegenheit, die Pumpe zu installieren.
Als ich mich nach getaner Arbeit aufrichtete und mir den Schweiß von der Stirn wischte, fiel mein Blick auf den Hügel mit dem Termitenstock. Vor meinem inneren Auge stieg das Bild eines Zauns auf, der einen Teil der Erhebung abgrenzte. Sicher liesen sich hier ein paar Tiere unterbringen, die weder dem Sand-, noch dem Grasboden etwas abgewinnen konnten. In einem schönen Krankenzimmer, wird man schneller gesund, nicht wahr? Und je schneller die Bestien wieder gesund werden, umso rascher bin ich sie wieder los!
Ich setzte mir Tee auf, und am nächsten Tag machte ich mich an die Arbeit.

Dana! Ich erwürge sie! Jetzt schickt sie mir schon SMS mit Fragen der Kongressteilnehmer aufs Handy?! Woran erkennt man, dass ein Frosch Kopfschmerzen hat… hm. In der Regel weiß ich das doch nur deswegen, weil ich dem Vieh vorher einen Tritt gegen seinen Schädel verpasst habe. Denn danach hätte jeder Kopfschmerzen, ob nun Frosch oder nicht. Ich muss das überschlafen. Vielleicht wartet die Medizinerin ja bis morgen auf meine Antwort. Woran erkennt man, dass ein Frosch… *schnarch* Bild *wieder aufschreck!* Kopfschmerzen… hat… *schnarch* 😉

Die Sache mit dem Frosch lies mir keine Ruhe. Ich wanderte durch die Ebene bis zu einem kleinen Tümpel, der eine größere Population von Tomatenfröschen Heimat bietet. Dort bückte ich mich und studierte einen nach dem anderen der kleinen Kerlchen. Ihr kurzen, breiten Köpfe erschienen mir recht normal. Doch dann entdeckte ich einen, der seine Vorderbeine merkwürdig über den Kopf gezogen hatte. Auch mit den Hinterfüßen versuchte er, die Augen zu erreichen und zu bedecken. Ohne Zweifel – dieses Tier litt unter einer ausgewachsenen Migräne!
Und weil man als Frau für solche Leiden sensibilisiert ist, stülpte ich meinen Hut über den Frosch. Licht- und Lärmempfindlichkeit sollten sich damit erledigt haben.
Hatten sie auch, denn kurz darauf hüpfte mein Hut munter davon. Aber wissen Sie was? Das war mir egal. Denn der ganze Tümpel war voller Tomatenfrösche und die gute Dana nicht anwesend. Nur ich, die Frösche, ein Lederbeutel und mein Handy. Tomatenfrösche stehen unter Artenschutz, dennoch gibt es Tierhändler, die sehr gut für eine paar Exemplare zahlen, die dann in die Terrarien reicher Kunden wandern. Und ich hatte einen Hut zu ersetzen!

Dana staunte nicht schlecht, als sie mein neu angelegtes Gehege entdeckte. „Haha!“ lachte und umarmte mich stürmisch zur Begrüßung. „Also bedeutet dir die Station doch etwas!“ „Naja, ja“, sagte ich, um ihr einen Gefallen zu tun. Dann sah ich den Anhänger an unserem Motorroller. Und das Monstrum, das dort in einem Käfig schlummerte.
„Ja, ich musste sie leider betäuben“, meinte Dana bedauernd. „SIE?“ Wiederholte ich. Was meine Untermieterin da angeschleppt hatte, war eine ausgewachsene Gorilladame! „Und woran leidet sie genau?“ erkundigte ich mich vorsichtig. Dana grinste keck. „Finde es heraus!“ neckte sie mich.
„Äh… ja. Sofort…“
Übergangslos setzte Dana eine ernste, gar besorgte Miene auf. „Nein, nicht sofort, Enki. Ich kümmere mich selbst darum. Dich wollte ich um etwas anderes bitten.“ Ich fragte: „Essen zu kochen?“ Dana schüttelte den Kopf. „Als ich am Tümpel vorbeikam, habe ich dort erstaunlich wenige Tomatenfrösche gesehen, Enki“, vertraute sie mir an. „Kannst du dir das erklären?“
Natürlich konnte ich das, immerhin hatte mir der Verkauf der Tierchen ein nettes Sümmchen verschafft. Doch laut sagte ich: „Nö. Ich habe hier bei unseren Patienten die Stellung gehalten.“
„Bitte nimm den Roller und fahr noch mal zum Tümpel!“ bat mich Dana. „Nicht, dass dort eine Epidemie grassiert! Und nimm Wasserproben und auch gleich Bodenproben…“
Ich zog meinen neuen Hut tief ins Gesicht, brummte „Klar“ und machte mich davon.

Naja, irgendwann habe ich Dana dann die Wahrheit gesagt, nämlich, dass Tierfänger die Frösche eingefangen und für viel Geld an Terrarienfreunde verkauft haben. Nur, dass ich diese Tierfängerin war, brauchte sie nicht unbedingt zu erfahren.
Wir kamen ohnehin kaum mehr mit unserem Geld aus, trotz des Nebenverdienstes. Einen einzigen Saphir hatte ich noch im ausgehöhlten Pfosten meines Bettes versteckt. Den würde ich so schnell nicht ausgeben. Mit unserem Papiergeld hingegen konnten wir ein Lagerfeuer anzünden. Beinahe über Nacht waren die Preise für praktisch alles in die Höhe geschossen: Nahrungsmittel, Baumaterial, Medizin, Treibstoff und Dienstleistungen. Die kleine afrikanische Republik, auf deren Boden wir uns befanden, war von einer schweren Inflation ergriffen worden und wir, wir waren hilflos dagegen. Ja, wir konnten Kratzer bei Frosch und Mensch heilen, doch Politik und Wirtschaft gerade rücken, war uns nicht gegeben. Im Gegenteil, unsere Arbeit litt darunter. Wo sollten wir beispielsweise eine Viertelmillion auftreiben, um ein neues artgerechtes Gehege anzuschaffen?! Selbst der lukrative Verkauf der Tomatenfrösche hatte nicht einmal ansatzweise diese Summe eingebracht!
Ich lies – nur aus Interesse – meinen Saphir schätzen. „Bringen Sie mir noch mal 9 und ich gebe Ihnen 100 Dongos dafür“, meinte der Juwelier. Soviel dazu, dass Edelmetalle und -steine zukunftssichere Investitionen seien.

An einem dieser Tage trat ich aus meinem Haus. Ich sah Dana bereits mit ihrem Motorroller und einem Käfig, in dem ein Chamäleon hockte, den Pfad entlangkommen. Schon hob ich die Hand zu einem Winken, als mir plötzlich weiß vor Augen wurde. Weiß, nicht schwarz. Und dann sah ich ersteinmal eine Weile gar nichts mehr…

Als ich wieder erwachte, spürte ich einen Einstich im Nacken.
„Tut es noch weh?“ fragte Dana. „Würde mich nicht wundern. Diese Mistkerle haben sich angeschlichen und dir den hier verpasst!“
Die Tierärztin hielt mir einen winzigen Pfeil unter die Nase, von dem ein Draht baumelte. Bestimmte Schockwaffen feuerten derartige Munition ab. Ein Taserpfeil aus nächster Nähe – autsch! Der Treffer hatte mich sofort ohnmächtig werden lassen.
„Mir haben sie eine Pistole vorgehalten“, berichtete Dana weiter. Ihre Stimme klang belegt und das mit Recht. Dana und ich kannten uns mit Waffen aus, ich besaß eine Jagdflinte, sie ihr Gewehr mit den Ampullen mit Sedativ. Doch eine Waffe auf eine andere Person zu richten, wäre uns im Traum nicht eingefallen.
„Wir wurden also überfallen“, seufzte ich. „Was wollten die? Doch nicht etwa Geld?“
„Nahrung“, zischte Dana, woraufhin ich eins und eins zusammenzählte.
„Unsere Tiere!“
Ich fuhr herum. Hinter dem Haus standen unsere Gehege, doch entgegen meinen Befürchtungen waren sie alle noch besetzt.
„Wer verletzte Tiere schlachten will“, grinste Dana, „sollte sich die Mühe machen, sie von kranken zu unterscheiden. Es ist unschön, ein Chamäleon mit Husten zu erwischen und ein schnupfender Gorilla ist auch nicht gerade in bester Stimmung. Kurz und gut: Die Plünderer wurden in die Flucht geschlagen.“

Wir hatten also noch einmal Glück gehabt und machten uns wieder an die Arbeit. Ein Graupapagei hockte traurig auf einem Gerüst aus abgestorbenen Ästen, das wir ihm in seiner Voliere zusammengebastelt hatten. Das Tier wollte nicht fressen.
„Noch eine Verstopfung?“ erkundigte ich mich.
„Nein.“ So rücksichtsvoll wie möglich öffnete Dana den Schnabel des Vogels. „Hier, schau mal! Siehst du diese Vertiefungen? Die ein wenig zahnartig aussehen?“
„Ja.“
„Faszinierend, oder? Ihre Vorfahren, die Saurischia…“
„Die was?! Saurier oder was?“
„Ja, genau! Genaugenommen die Theropoden. Die unmittelbaren Vogelahnen eben.“
„Thero-bitte was? Brauch ich Insektenspray?“ entfuhr es mir.
Geduldig begann Dana die Evolution der Vögel zu erklären, die ihren Dozenten zufolge bei den Dinosauriern ihren Anfang genommen hatte.
Der Gedanke, dass unser unschuldiger Graupapagei in direkter Linie von T-Rex oder so abstammen sollte, lag mir etwas schwer im Magen, doch Dana war sich ihrer Sache sicher.
„Da freut man sich, dass die rezenten Arten keine Zähne mehr haben, stimmt´s?“ zwinkerte sie mir zu. „Außer natürlich kurz vor dem Schlüpfen.“
„Spricht man deswegen vom Eizahn?“ überlegte ich laut. Dana nickte, erfreut, dass ich mitdachte. „Ja.“ Dann erklärte sie mir, was genau dem Papagei fehlte. Es klang kompliziert und stand mit den zahnartigen Rillen in Verbindung.
„Ach so, sag das doch gleich!“ lachte ich. „Jetzt verstehe ich! Der Kleine hat einfach nur Zahnschmerzen!“
An diesem Punkt lachte Dana dann nicht mehr, sondern setzte eine Miene auf, als litte sie ebenfalls unter Zahnweh.

Die Papageien mit Zahnschmerzen waren dem Spielsystem geschuldet, das zuerst je nach besuchtem Gebiet eine Tierart auswürfelte, und dem Patienten anschließend ein oder mehrere Krankheiten nach dem Zufallsprinzip bestimmte zuwies.

„Also nee, wennsch das hier lese, was du mir schreibst, ich weeß ja nich, Döchterchen. Das mid deim Löffelhund, was hadder nochma alles gehabd? Koppschmerzen, Vorstopfung, Husden, Schnuppen un ooch noch ne Schramme? Da hättsde ma besser de Flinde genomm, un hinderher ä neuen gekooft…“

– Auszug aus einem Brief von daheim

„Die Vögelchen haben es dir angetan, oder?“ erkundigte sich Dana eines Tages während der Wirtschaftskrise. Mittlerweile verlangten die Großhändler sogar schon Edelsteine für einen Sack Dünger. Den hätten wir gut gebrauchen können, doch wer waren wir denn? Die Diamantengrube von Viktoria?! Sicher nicht! Also mussten wir mit dem klarkommen, was wir besaßen. Das Gute an der Sache war, dass wir Nachbarn enger zusammenrückten. Mal war es eine Schachtel mit Termiten, mal ein Netz Orangen, das sie uns vorbeibrachten, und wir revangierten uns natürlich dafür, indem wir ihnen auch Geschenken zukomen ließen.
Mittlerweile 65 Lippenstiftbäume gediehen auf meiner Plantage und das Leben war, obwohl es härter geworden war, irgendwie schön.
Zumal Wirtschaftsministerin ladiablesse kürzlich angekündigt hatte, dass zumindest der Verramschung wertvoller Saphire in bald Einhalt geboten würde.
„Ja, die Graupapageien sind niedlich“ meinte ich, wieder zurück in die Gegenwart kehrend. „Aber ich habe draußen auch Geier kreisen sehen. Wenn mal ein Geier deine Hilfe braucht, dann will ich ihn in sicherer Verwahrung sehen und nicht auf meiner Schulter sitzen haben. Hier, schau mal!“ Ich hielt Dana meine Pläne für eine neue Vogelvoliere unter die Nase. Eigentlich war es mehr schon ein Gehege.
„Schön“, flüsterte Dana. „Ich hoffe, ich kann mir das noch anschauen, bevor ich gehe…“
„Sie geht! Sie verschwindet, nimmt ihr Viehzheug mit und ich habe wieder meine Ruhe!“ hätte ich jubeln müssen, doch stattdessen entfuhr es mir: „Du gehst?!“

In den nächsten Tagen stand ich oft an den Gehegen und sah zu, wenn Dana die geheilten Tiere wieder in die Freiheit entließ. Dafür hatte ich mir bisher kaum Zeit genommen. Was ich zu sehen bekam, waren jede Menge Hintern, und dennoch, irgendwie war es ein erhebender Anblick. Vielleicht würde das nächstbeste Raubtier unsere Patienten fressen, mag sein, doch wir hatten ihnen immerhin zu einer Chance verholfen, die sie sonst nicht gehabt hätten. Und wenn es nur einige Tage gewesen wären.
Den meisten Tierschützern kam es nur auf das Überleben der Art an, nicht auf das Individuum. Man musste in ihren Augen schon etwas zur Erhaltung derselben beizutragen haben, um ein Recht auf Heilung zu haben. Seit meiner Rekrutierung als Danas Gehilfin ertappe ich mich immer öfter bei derlei philosophischen Gedanken.
Irgendwann in nächster Zeit würde auch die Tierärztin sich ebenso wie die Tiere von meiner Plantage fortbewegen. Sie schrieb hier nur an ihrer Doktorarbeit.
„Was wirst du tun, wenn ich fort bin?“ fragte mich Dana, als ich eines Abends leichenblass vom Brunnen zurückkehrte.
Ich schüttelte den Kopf. „Will nicht reden…“ murmelte ich, als hätte ich mit einem leichten Sonnenstich zu kämpfen.
„Okay, dann also später“, nickte die junge Frau.
In unserem Haupthaus warf ich mich auf mein Feldbett. Fünf kleine Saphire bohrten sich von innen in meine zu Fäusten geballten Hände.
Einen hatte ich beim Brunnen gefunden, den zweiten nahebei, die restlichen drei über die Wiese verteilt.
Wir waren also DOCH die Diamantengrube von Viktoria! Oder eher die Saphirmine von Kapifari.
Mein Land hatte sich als Edelsteinvorkommen herausgestellt!
Die Bäume, die Gehege, unsere Gärten… alles würde verschwinden. Die Bananenbäume Baggern weichen, der Brunnen Brauchwasser für das Auswaschen der Edelsteine liefern müssen.
Ich würde reich sein, reicher, als mich die Plantage jemals hätte machen können!
Keine Tiere mehr…
Unruhig warf ich mich auf meinem Lager hin und her.

Eine einzige Wolke zog gemächlich über den Himmel. Sie war weiß und flauschig – oder tat das Mistding nur so harmlos? Es könnte sich ebensogut um den gut getarnten Vorläufer einer geschlossenen Regenwolkenfront handeln.
Nicht, dass mir so ein Unwetter ungelegen gekommen wäre, hätte es doch unter Umständen ein paar mehr Saphire aus dem Boden gespült.
Dana saß im Freien. Sie schrieb weiter an ihrer Doktorarbeit. Ich warf einen Blick auf das Konzept, entdeckte meinen Namen und suchte mir lieber rasch eine andere Beschäftigung.
Also trollte ich mich in unseren Garten, der mittlerweile zu drei Abteilungen ausgebaut worden war.
Eine davon war dem Sternblüten-Lavendel vorbehalten. Lavendel ließ sich sich immer gut verkaufen, wenn der eigene Bedarf gedeckt war. Nur die wenigsten Mitarbeiter der Tierrettungsstationen bauten selbst welchen an.
Ein zweites wölkchen zuckelte hinter dem ersten her.
Auch dem Lavendel würde ein wenig Regen gut tun, dachte ich bei mir. Bereits im letzten Jahr hatte ich erlebt, dass die aus der Pflanze gewonnenen Öle nach einem kräftigen Regenguss besonders wirksam waren.
In unserer warmen Gegend war der Geruch der Lavendelblüte besonders intensiv. Noch zweieinhalb Monate bis zur Blüte… Ich zögerte. Wozu würde ich im Oktober noch einen Garten voller Lavendel benötigen? Besser wäre es, die nutzlos gewordenen Büsche gleich auszureißen und an Ort und Stelle nach Saphiren zu graben. Oder sie kampflos den Schmetterlingsraupen zu überlassen, die sich ohnehin daran gütlich taten.
Ich erhob mich. Aus dem Werkzeugschuppen holte ich mir einen kleinen Fuchsschwanz und eine größere Schippe.
Vom Klappern der Werkzeuge aufgeschreckt, fragte Dana unschuldig: „Willst du das Vogelgehege ausbauen?“
Was sollte ich jetzt darauf antworten? Besser gleich die Wahrheit? Dass aus dem Land eine Edelsteinmine würde, sobald sie wieder in Deutschland wäre? Dass ich es nicht mehr nötig hatte, illegale Lippenstiftbäumchen zu züchten? Kleinstbergbau war ja nur anmeldepflichtig, diese Formsache wäre schnell erledigt.
Dana bemerkte mein Zögern. „Hast es dir wohl doch anders überlegt, Enki?“
Wie jetzt? Was meinte sie? Ich hatte mir gar nichts überlegt! schoss es mir in Sekundenschnelle durch den Kopf.
„Mit dem Vogelgehege, meine ich“, fügte Dana hinzu. „Recht hast du! Das Wetter ist viel zu schön, um zu arbeiten.“
Die junge Frau klappt ihren Hefter zu, räumte die Stifte fort und schob alles zusammen mit einem Lehrbuch zu einem Stapel, den sie in einer Korbkiste unter dem Tisch verstaute.
Ich brachte das Werkzeug zurück. Irgendwie war mir zumute, als hätte mich gerade ein Engel davor bewahrt, ein Waisenhaus niederzubrennen.

Mit dem Ende der Closed Beta wurden alle Accounts auf Startwerte zurückgesetzt. In Storyform umgesetzt sah das so aus:

Rot… alles war rot… Der Himmel brannte, naja, eigentlich waren es mehr meine 65 Lippenstiftbäume, die in Flammen aufgingen. Rauschschwaden stiegen in den Himmel. Die Luft war aufgeheizt, stickig und reizte zum Husten. Ein schon beinahe geräuchertes Namu-Flughuhn unter dem einen Arm und mit der anderen Hand ein feuchtes Tuch vor den Mund pressend, hastete Dana auf den Motorroller zu. Wir waren nie dazu gekommen, einen Jeep zu kaufen, das sollte sich nun rächen.
Ich öffnete indessen die Gatter der Gehege. Halb gesund gepflegte Tiere stoben in schierer Panik ins Freie. Sie waren nun auf sich allein gestellt. Mehr konnten wir nicht mehr für sie tun.
Als ich mich umdrehte, um mir unser Fahrrad zu schnappen, blickte in einen Pistolenlauf. Gehalten wurde die Waffe von einem afrikanischen Ranger und der hatte nichts Besseres zu tun, als mir noch einmal mein Sündenregister vorzulesen, während um meinen Kopf herum mein Lebenswerk niederbrannte.
„Überschreitung der maximalen Anzahl erlaubter Lippenstiftbäume und damit Unterminierung der Verdienstmöglichkeiten einheimischer Landwirte… Illegale Verkäufe geschützter Tiere… und und und… das wird teuer. Dann hoffen wir mal, dass Ihre Saphirmine das hergibt, Enki.“
Ich schüttelte stumm den Kopf. Nein, es war bei einigen vereinzelten Exemplaren geblieben, die auf meinem Land aufgetaucht waren. Anderswo wurden die Edelsteine zu tausenden abgebaut, aber nicht bei uns.
„In diesem Fall“, meinte der Mann, doch er beendete seinen Satz nicht, sondern schüttelte lediglich bedauernd den Kopf.
„In diesem Fall was?!“
„Kommen Sie mit! Sie sind verhaftet!“
Ich wehrte mich nicht. Immerhin hatte der Ranger uns vor dem Buschfeuer gerettet. Und irgendwie hatte ja Recht. Ich war ein ziemlicher Gauner, der nichts Besseres verdient hatte.

Eine Woche später:

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es im 21. Jahrhundert noch Zwangsarbeit auf der Plantage gab, doch genau so war es.
Ich war gefangen. Meines gesamten Besitzes und meiner Freiheit geraubt. Jeder Schritt wurde überwacht und wehe, man versuchte, auszuscheren.
Manche Aufseher waren netter als andere. Dann höre man ein „Nur Geduld, Sie können ja bald wieder tun und lassen, was Sie wollen.“ Aber das waren nur Worte, Versprechen einer Zukunft, die in unendlicher Ferne und daher unwirklich war.
Das wirklich Dumme an meiner Situation war jedoch, dass ich als Pflanzer jeden anderen hier mit meiner Erfahrung ausstach. Ich versuchte, den Leuten zu erklären, dass man lieber gleich ein ganzes Feld bepflanzen sollte, als nur 10 Beete. „Gedankt“ wurde mir mein Rat mit einem Schlag auf den Kopf und dem Befehl, gleich noch zu gießen.
„Das muss nicht gegossen werden! Das ist ne Kurzzeitpflanze, da kommt es auf die eine Minute mehr oder weniger echt nicht an!“ protestierte ich.
„Ach ne?“ Minuten später fand ich mich mit dem Kopf im Brunnen wieder. Fünf Sekunden, zehn, zwanzig… langsam blieb mir die Luft weg.
Ich fluchte in Gedanken. Genau diesen Brunnen hatten wir selbst graben müssen. Gestern erst war er fertig geworden.
Nach mehreren Bestrafungen dieser Art dämmerte es selbst mir, dass ich zu gehorchen hatte und Widerspruch sinnlos war.
Alles war so hoffnungslos. Ich war allein. Meine Freunde konnten mir nicht helfen. Oh, ja, sie schrieben mir nette Einladungen für die Zeit nach meiner Haft, doch ich durfte nicht zu ihnen, es war ihnen verboten, mir Geschenke zu schicken oder zu helfen.
Mehr als einmal war mit zum Heulen zumute.
Einmal während meiner Haft wurden wir alle zusammen in einen Vergnügungspark gefahren. Doch wer dachte, sich dort erholen zu können, befand sich im Irrtum. Wir mussten schrauben, ölen, Blumen gießen, Bäume pflanzen, Hindernisse auf dem Gelände beseitigen und neue Buden aufbauen. Ich hatte das Glück, an einer Crepes-Bude arbeiten zu dürfen – Naschen inklusive.
Dann hieß es wieder zurück in den Urwald. Der harte, dröge Gefängnisalltag hatte uns wieder.
Ich glaubte, ich müsse daran zugrunde gehen.
Und dann geschah es…
Als ich eines Tages am Waldrand arbeitete, fielen mir dort zwei kleine orange-rote Punkte auf. Zwei völlig verwirrte und hilflose Tomatenfrösche hockten dort unter einem Bananenbaum. So schnell ich konnte, pflückte die Früchte, wie mir aufgetragen worden war. Dann setzte ich die beiden Frösche mit den den Korb und rannte zur Küche.
Die Küchenfrau schenkte mir einen verständnislosen Blick. „Enki, was soll das? Das hier ist ein Gefängnis, kein Hungerturm! Ihr werdet so gut versorgt, da musst du doch keine Frösche ausfammeln, um sie zu essen!“
„Ja, ist klar“, grinste ich. „Und ihr Essen schmeckt auch wirklich toll, das mit den Fröschen hat ne andere Bewandnis. Bitte lassen Sie mich die Tiere einfach hier aufbewahren, okay?“
Ich ging zurück aufs Feld. Noch nie war ich so schnell mit meine Soll fertig geworden wie an diesem Tag.
Als die Freizeitstunden begannen, pflückte ich eine Handvoll Lippenstiftkerne von einem Baum. Meine Frösche warteten noch immer in der Küche – ungekocht. Mit den Worten „Hier, schauen Sie mal!“ machte ich die Küchenchefin auf zwei böse Schrammen aufmerksam, die sich die Tiere zugezogen hatten. „Zentralafrika ist nicht ihr natürlicher Lebensraum, daher sind die Tiere hier orientierungslos und neigen zu Verletzungen – oder Schlimmerem.“ Routiniert behandelte ich die Wunden mit den Lippenstiftkernen.
Die Einheimische sah mich lange an. „Ich hätte das nicht gewusst, mit den Fröschen“, gab sie dann zu. „Bin nämlich ein richtiges Großstadtkind.“
„Ich eigentlich auch“, antwortete ich. „Aber wissen Sie, in den letzten Monaten ist einiges geschehen. Dinge haben sich geändert. Ich sehe die Welt jetzt mit anderen Augen als vorher.“
„So?“
Ich nickte. Geld und Edelsteine waren in den Hintergrund gerückt. Klar würde ich mich nicht beschweren, beides zu haben, doch beides zu erwerben war kein Selbstzweck mehr. Ich sammelte Reichtum nicht mehr nur für mich, sondern für einen konkreten Zweck.
„Wenn ich hier wieder draußen bin, dann baue ich die größte Wildauffangstation auf, die es gibt! Auch ohne Saphire und Helfer.“
Das schwor ich mir.
„Oder vielleicht doch nicht die größte. Aber dafür mit dem ganzen Herzen!“

ENDE

Mit Beginn der Open Beta mussten wir noch einmal das Tutoria durchspielen. Die in der Story erwähnte Zwangsarbeit  gibt so ziemlich genau wieder, wie ich mich währenddessen gefühlt habe. Der Arbeitsausflug in den Freizeitpark bezieht sich auf ein anderes Spiel, das zu diesem Zeitpunkt in die Testphase ging.

Mein neues Lager befindet sich direkt am Fluss. Eingebettet in den Urwald ist es aus der Luft kaum zu erkennen. Man muss schon genau wissen, wo es sich befindet, um es ausfindig zu machen. Na klar, die Naturschutzbehörde kennt die Koordinaten und über mein Satelliten-Handy bin ich jederzeit zu finden, doch das Versteck bietet ein wenig Schutz vor den weniger ambitionierten Wilddieben und Schmugglern. Dana hat es gefunden, als sie mich nach meiner Entlassung besuchte, aber Dana ist ja auch durch meine Schule gegangen. Der afrikanische Urwald und die Savanne sind nun ihre zweite Heimat.
Ab und zu spuckt der Boden noch Edelsteine aus. Ich spare sie, um mir eine Ladung dieser Superspritzen aus Deutschland kommen zu lassen, von denen mir Dana erzählt hat. Sie wird mir helfen, einen Lieferanten zu finden. Auch die Teilnehmer des Naturheilmittelkongresses erinnern sich noch an mich. Ich stehe auf ihrer Gästeliste für dieses Jahr. Ehrensache, dass ich dabei ein paar Proben meiner Ernte mitbringe!
Die Kehrseite meiner neuen, gesetzestreuen Lebensweise ist, dass ich nun jede Menge Aufträge von offizieller Seite erhalte. Mal ist das ein uneigennütziges Gorillarettungsprogramm, dann wieder pflege ich gezielt Chamäleons, um die Wand meiner Hütte mit einem Zertifikat über die erfolgreich abgeschlossene Wildhüterausbildung schmücken zu dürfen.

Nur bei einer Sache konnten mir auch meine neuen Kontakte zur richtigen Seite des Gesetzes nicht weiterhelfen:
Ich habe mir wieder einen Brunnen gegraben. Es ist einfach sicherer so, denn der Fluss vor meiner Haustür unterliegt jahreszeitlichen Schwankungen im Wasserstand. Nach ein, zwei Spatensichen prallte meine Schaufel an etwas Hartem ab. Nanu? Hatte ich etwa bereits den Fels erreicht? Ungläubig beugte ich mich in das Loch und scharrte mit den Fingern nach. Zum vorschein kam eine faustgroße Steinplatte. Auf den ersten Blick erkannte ich sie als von Menschenhand bearbeitet. Die Kanten liesen darauf schließen, dass es sich nur um ein Teil einer größeren Struktur handelte.
Dana arrangierte ein Treffen mit einem Archäologen, der sofort angereist kam. Doch selbst der Akademiker vermochte das Fragment keiner ihm bekannten afrikanischen Kultur zuzuordnen. Dafür lenkte er meine Aufmerksamkeit auf eine Stelle etwas nördöstlich meiner Basis. Die dort wachsenden Bäume waren jünger, das war mir auch schon aufgefallen, doch ich hatte diesem Fakt keine Beachtung geschenkt. Zu dritt rodeten wir einen Teil des Areals, bis eine uralte Steinplatte zum Vorschein kam. Der Gelehrte hat dann etwas verglichen, das ich nicht verstand und kam zu dem Schluss, dass die Steinplatte und das von mir gefundene Fragment mit denselben Werkzeugen bearbeitet worden seien.
Mittlerweile bringen mir meine Nachbarn weitere solcher Fragmente vorbei. Auch auf meinen Touren durch den Wald und sogar den Fahrten in die offene Savanne tauchen immer wieder solche Steine auf. Nachts träume ich von der Statue eines Elefanten, die sich über meinem Land erhebt und mir Weisheit schenkt. Aber wieso? Woher will ich das wissen? Weder dem (mittlerweile wieder abgereisten) Archäologen noch Dana habe ich bisher meine Vision anvertraut. Ich möchte nicht als verrückt… äh, noch verrückter als ohnehin schon, gelten.
Alles, was ich tun kann, ist abwarten und weiter sammeln.

Meine eigentliche Geschichte scheint gerade erst zu beginnen!

——

Es gibt ja Menschen, die kaufen sich ihr Feuerholz teuer auf dem Baumarkt. Dann gibt es jene, die verschwinden einfach mal im afrikanischen Busch und kommen mit einer Kiepe voll wieder (hüstel). Nun, seit einiger Zeit besaß ich das von der Regierung des Landes Kapifari gewährte Recht, auf meinem Land beliebig Holz nicht nur zu sammeln, sondern auch selbst zu schlagen. Es ist merkwürdig: Als ich das noch illegal getan hatte, hat mir das nie ein schlechtes Gewissen verursacht. Erst jetzt, nachdem ich es darf, kommen mir jedesmal Bedenken. Und manchmal stehe ich auch einfach nur da und kann nicht glauben, was ich da schon wieder finde. So auch wieder letzte Woche.
Da lag doch mitten im Urwald ein Haufen Holz und brannte vor sich hin. Wir befanden uns mitten in der Trockenzeit, die Bäume waren dementsprechend knochentrocken, doch weder sprang das Feuer auf die umstehenden Bäume über, noch… noch… verflixt. Selbst heute fällt es mir schwer, darüber zu schreiben, was ich da beobachten durfte-musste-konnte. Aber da führt wohl kein Weg dran vorbei, denn ohne diese Information ergibt alles Folgende keinen Sinn. Seufz. Also gut! Das Holz brannte, aber es VER-brannte nicht. Es wurde einfach nicht weniger!!!
Ich beobachtete das Naturschauspiel solange, bis den Regeln der Physik nach nur noch ein Haufen Asche vor mir hätte liegen dürfen. Stattdessen flackerte da das sture Feuerholz unbeirrt weiter vor sich hin. Ha! Feuerholz im wahrsten Sinne des Wortes! Afrika steckte wirklich voller Magie…

Das Rätsel blieb an diesem Tag noch ungelöst. Ich hatte ohnehin Wichtigeres zu tun. Auf meinem Motorroller karrte ich eine Lieferung Wunderbaumfrüchte an einen Teilnehmer des ersten Naturheilmittel-Kongresses. Wir tauschten ein wenig Smalltalk aus, der Mann erkundigte sich nach meiner neuen Station, ich verplapperte mich und kam auf das Holz zu sprechen und siehe da – der Wissenschaftler hatte eine Erklärung parat.
Einfach so. Aus dem Ärmel geschüttelt.
Der Mann erzählte mir von magischen Schalen, die wohl aus dem einzigen Material bestanden, in dem die chemische Reaktion vollständig ablaufen konnte. Ich dachte, etwas von Chemie zu verstehen, Himmeldonnerwetter, ich bin doch Umweltschutztechnikerin! Aber nach dem, was mir der Studierte da über das vermaledeite Holz erzählte, war ich soweit, mein Zeugnis zurückzugeben, meine völlige Unkenntnis der Welt und der Naturgesetze zuzugeben und meinen Lebensabend als Dichter zu verbringen.
Ich meine, das klang alles so abstrus! Dennoch funktionierte es. Die wenigen in das Geheimnis Eingeweihten nutzen die magische Aura des „Wahren Feuerholzes“, wie sie es nennen, um die Baumreifung zu beschleunigen. „Funktioniert auch bestens mit Lippenstiftbäumen“, neckte mich der Wissenschaftler.
Wir teilten ein Grinsen. Der Mann holte eine der Schalen, von denen er gesprochen hatte, aus seiner Abstellkammer hervor, und half mir, sie auf dem Gepäckträger meines Motorrollers festzuschnallen. Im Tausch gegen Saphire wäre er sogar bereit gewesen, mir mehr von dem Wahren Feuerholz zu verkaufen.
Eine völlig neue Welt tat sich mir auf, und das nicht nur in Bezug auf mein Verständnis der Umwelt.
Wie unkompliziert sich alles aufgelöst hatte… So war das also, wenn man Beziehungen besaß!
Der Wissenschaftler lächelte. „Nein, Enki, nicht Beziehungen. Freunde!“
Er hielt mir die Hand hin und ich schlug ein.
——–

Ich stehe in der Dunkelheit. Um mich herum hustet, schnieft und wimmert es. Der hier herrschende Gestank wäre kaum auszuhalten, betriebe ich nicht nebenbei eine Müllsammelstelle, von der ich Schlimmeres gewohnt bin. Eines schönen Tages, muss ich das Ding mal renovieren…
Willkommen im „Allerheiligsten“ von Enkis Tierrettungsstation!
Wer meine Basis besucht, bekommt in der Regel nur die Außengehege zu sehen, in denen die Patienten schon wieder halbwegs gesund herumtollen. Papageien spreizen ihr Gefieder, Tomatenfrösche hüpfen im Kreis, Chamäleons huschen durchs hohe Savannengras und Schildkröten… äh, bewegen sich. Ich bin mir dessen fast sicher. Zumindest atmen tun sie. Andererseits sind es eben Schildkröten, wenn die sich zu sehr bewegten, wäre das ein schlechtes Zeichen, denn auf Hyperaktivität darf und kann ich Tiere noch nicht behandeln. Aber all das spielt sich weiter oben ab. Hier, im Keller unter meinem Grundstück, sieht die Welt weniger strahlend aus. Manche Leute nennen den Keller mein „Inventar“. Ein einziges Gemeinschaftsgehege erstreckt sich im Schutze der Erde. Hier befinden sich die schweren Fälle, jene Tiere, die so krank sind, dass sie selbst ihre natürlichen Feindschaften vergessen. Die nicht viel mehr als Atmen tun können und selbst das nur unter Schmerzen. Es ist ein jammervoller Anblick, aber bisher habe ich noch jeden einzelnen Patienten in die Freiluftgehege umsiedeln und zur Auswilderung fit machen können. Manche früher, andere später.
„Iehhhhhhk! Iehhhhhhhhk! Chhhr! Erre! Erre!“
Die kläglichen Geräusche brechen mir fast das Herz. Ich trete tiefer in den Raum hinein.
„Waaaf? Waff? Waff, waff, waff!“
Hey, Moment mal! Das klang eben außerordentlich gesund. Ich taste nach dem Lichtschalter. Derzeit beherberge ich keinen Kopfschmerzpatienten, so dass ich ruhig mal etwas Licht machen kann.
KLICK.
Im selben Augenblick verstummt das Fiepen. Neugierig schaue ich mich um. „Na, wer von euch ist der Hypochonder?“ frage ich „meine“ Tiere. „Wer ist schon wieder heimlich gesund geworden?“
Die bellenden Geräusche klangen stark nach einem ganz und gar nicht mehr an einer schweren Erkältung mit sämtlichen Nebensymptomen leidenden Löffelhund.
Niemand antwortet. Der Löffelhund erweckt den Eindruck eines feuchten Bettvorlegers und riecht ähnlich. Nein, der Ärmste ist viel zu apathisch, um auch nur ans Bellen zu denken. Die Papageien vergraben ihre Köpfe weiterhin im Gefieder, ohne sich zu rühren und die Schildkröte liegt schon wieder orientierungslos auf dem Rücken. Als ich das Tier umdrehe, höre ich erneut Geräusche, die nicht normal für ein Tierkrankenhaus klingen. Sie klingen wie das Keckern irgendeines Nagetiers. Dann ändert sich die Tonlage. Ich fühle mich an das Knattern des Modells einer Windkraftanlage erinnert, das wir als Kinder einmal in der Schule bauen mussten. Die Flügel gaben ähnliche Geräusche von sich, während sie sich drehten.
„Klacker, klacker, ratter, ratter, keck.“
Da ist er wieder, der Kecker-Laut!
„Ha!“ rufe ich triumphierend. Und schon wieder verstummt das Geräusch. Dafür wird mir aus einer Ecke etwas entgegengeschoben. Ich betrachte das Objekt näher. Es handelt sich um die Frucht einer Eggelingii-Pflanze. Wie kommt die hier herunter?
Misstrauisch hebe ich meinen Blick zur Decke. Irgendwo dort oben befindet sich mein Garten, die einzige Quelle für Flaschenfrüchte innerhalb mehrerer Quadratkilometer. Wie von der Tarantel gestochen, haste ich die Treppe hinauf. Ich denke noch daran, das Licht zu löschen, aber dann gibt es kein Halten mehr.

Wenige Minuten später stehe ich am Gartentor und atme auf. Nein, niemand hat sich an den Pflanzreihen vergriffen. Alles noch heil. Aber eines der Tiere muss aus dem Gatter entkommen sein, sich in den Garten geschlichen und eine Flaschenfrucht gestohlen haben. Und das darf ich nicht zulassen, wenn ich nicht will, dass sich die Krankheitskeime über ganz Afrika verbreiten.
Ich wende meinen Blick in Richtung der Freigehege – und muss mich am Gartenzaun festhalten. Denn von hier bis zum Waldrand erstreckt sich keine Tierauffangstaation mehr, sondern die Mondoberfläche! Komplett mit allen jemals gesichteten Kratern! Mein Grundstück hat sich im Verlauf eines einzigen vormittags in ein Sprengstofftestgebiet verwandelt!
Gibt es in Afrika Maulwürfe? Und wenn ja, weshalb ausgerechnet bei mir?
„Du lieber Himmel…“ ächze ich. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, stoße ich gegen ein kleines Objekt. Nanu? Das ist doch eine Schachtel Termiten aus dem Großhandel?! Ich hebe die Pappschachtel auf. Bei näherer Betrachtung weist sie Zahnspuren auf. Außen. Und am Fundort finden sich Spuren winziger Krällchen. Ich verfolge sie, bis sie in einem der Krater verschwinden. Dann geschieht das Merkwürdige: Aus dem Erdboden schiebt mir eine winzige Klauenhand einen Scheit des magischen Holzes entgegen.
Tiefer unten höre ich die knatternden und bellenden Geräusche. Ich greife nach dem Holz, ziehe es aus dem Loch und lege es völlig verwirrt neben die Termitenbox.

Eine Stunde später sitze ich in meinem Haupthaus am Laptop und durchforste das Internet nach Hinweisen auf die merkwürdigen Vorgänge auf meinem Land. Endlich werde ich fündig. Sowohl die Spuren, als auch die Geräusche stammen von Erdmännchen. Diese kleinen Raubtiere gelten nicht als bedrohte Tiere. Noch nicht! Denn niemand gräbt ungestraft mein Land um!
Schon springe ich auf, um eine Schaufel und Material für Fallen zusammenzuklauben, als mein Blick wieder auf den Holzscheit und die Termiten fällt. Wirken sie nicht beinahe wie… Bestechungsgeschenke? Als wollten die kleinen Biester darum betteln, hierbleiben zu dürfen?
Ich knirsche mit den Zähnen! „Das letzte Mal hat so eine Taktik in Troja funktioniert!“
Ich schnappe mir noch einen Sack und beginne Operation „Arche Noah II“. Irgendeiner inaktiven Accountleiche auf dem Server werde ich diese Biester schon unterjubeln können, denke ich mir. Oder ich verschenke sie als Tagesgeschenk. Sowas niedliches kommt doch immer gut an, nicht wahr?
„1 neuer Treffer“ meldet da mein Suchprogramm auf dem Laptop. Unwirsch werfe ich einen Blick darauf. Und dieser eine Blick ändert alles.
„Hochintelligente Erdmännchen aus staatlichem Versuchslabor entkommen“ steht dort und dann noch: „Hohe Belohnung ausgesetzt“. Kann ich das wirklich mit meinem Gewissen vereinbaren? Nein, natürlich nicht! Meine Erdmännchen dürfen also bleiben. Aber ein paar Regeln müssen her und zwar andere als „1. Alle Macht der Erdmännchenheit“!
„1 neuer Treffer“ jault das Suchprogramm. „Ja, ist ja schon gut!“ Ich fahre herum, um den Browser herunterzufahren. Dabei fällt mein Blick auf den neuen Treffer. „Ach, du liebe Zeit…“
Gleich unter dem Artikel, der die Belohnung verspricht, ist nun ein weiterer erschienen. Einer, der exakt das Gegenteil verheißt: Sollte sich jemand am Eigentum der Republik Kapifari vergreifen und die ausgebüxten Erdmännchen nicht zurückbringen, sondern behalten, dann… Ich muss die für diesen Fall angedrohte Strafe zweimal lesen, bevor ich glauben kann, dass jemand Derartiges auch nur in Betracht zieht.
Okay. Jetzt sitze ich aber richtig in der Klemme 😯
Mit meinen Vorstrafen kann ich mir eigentlich keinen weiteren Gesetzesbruch leisten. Aber wer hilft dann den Erdmännchen?

———————————

Am Ende bin ich weggelaufen. Wie immer. Jedenfalls hat es sich so für die Öffentlichkeit dargestellt: Die unzuverlässige Ex-Kriminelle wirft alles hin und haut ab.
Und das war genau, was die Leute glauben sollten!
Meine Geschichte setzt an dem Tag wieder ein, an dem ich nach monatelanger Abwesenheit nach Afrika zurückkehrte…

Wenn man sich von Norden her meiner Tierauffangstation nähert, so muss man zuerst eine kleine Hügelkette überqueren. Steht man auf den Kuppen dieser Hügel,
fällt der Blick auf einen dichten Urwald, der von einem schmalen Fluss durchschnitten wird. Auf einer Lichtung nahe dieses Flusses steht mein Haupthaus, gut verborgen vor
neugierigen Blicken. Dahinter reihen sich die Gehege aneinander, wobei ich darauf geachtet habe, sie gleich auf dem jeweils passenden Untergrund zu errichten,
um nicht zuviel an der Landschaft verändern zu müssen.
Etwas abseits stinkt der Schuppen mit dem Blechdach vor sich hin, der als örtliche Müllsammelstelle dient. Futter- und Heilbäume, Büsche und Zierblumen wachsen über das gesamte Gelände verteilt und direkt am Ufer des Flusses befindet sich mein ganz privater Rückzugsort
bestehend aus einer Hängematte und einer in den Boden gerammten Angelrute.
Am nördlichen Rande der Lichtung, beinahe schon zwischen den Bäumen versteckt, haben Eingeborene einen Schrein errichtet. Hier brennen die Scheite des Wahren Feuerholzes in ihrem
Spezialbehälter und hier haben wir damals auch das Fundament der Elefantenstatue ans Licht gebracht.
All das weiß ich, auch wenn ich es von meinem Standort aus noch nicht mit eigenen Augen sehen kann. Um nach Hause zu kommen, muss ich erst den Wald durchqueren,
und zwischen diesem und dem Hügel, auf dem ich stehe, erstreckt sich offenes Gelände, eine von zahlreichen Felsbrocken übersäte trockene Ebene, die im Sommer von
Rissen durchzogen wird. Obwohl also noch ein beachtliches Stück Weg vor mir liegt, stellt sich das Gefühl ein, daheim zu sein.

Nachdem ich mehr oder weniger geschickt den Abhang herunter gerutscht bin, stehe ich nun in der steinigen Ebene. Etwas glitzert zu meinen Füßen – womöglich wieder
einmal ein Saphir? Als ich mich nach dem Objekt bücke, treten Tränen der Rührung in meine Augen, denn es handelt sich mitnichten um einen Edelsteinfund. Statt der
Steinchen halte ich zwei Ostereier in meinen Händen!
Ein Schatten legt sich über mich. Ich meine, weibliche Umrisse unter einem Safarihelm zu erkennen. Daher sage ich, ohne mich nach der Person umzudrehen:
„Schau mal, Dana! Zwei vergessene Ostereier!“
Die Person an meiner Seite holt tief Luft. Noch bevor ich ihre Stimme höre, weiß ich, dass es sich nicht um Dana handeln kann. Die ist ja nach Deutschland zurückgekehrt und hat
meine neue Station nie gesehen. Wer also steht da neben mir?!
„Wer sind Sie und was wollen Sie hier? Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie sich auf einem Privatgrundstück zu befinden!“ schnarrt mich eine fremde Stimme an.
Sie klänge einschüchternder, wäre die Sprecherin nicht erst vierzehn Jahre alt, aber die Tatsache, dass das Mädchen eine Heugabel in beiden Händen hält,
relativiert die Angelegenheit bereits wieder. Wenn jemand eine spitz zulaufende Waffe auf dich richtet, während du gerade mit einem bunten Ei in jeder Hand
auf Knien hockst, spielt das Alter deines Gegenübers nur noch eine untergeordnete Rolle. Dann antwortest du höflich und respektvoll. Ich gebe also Auskunft,
nenne meinen Namen und erkläre, dass ich nach längerer Abwesenheit meine Tierrettungsstation wieder zu eröffnen gedenken. Dabei blicke ich dem fremden Mädchen fest in die
Augen, versäume aber nicht, mir einen Eindruck von ihr zu verschaffen.
Die Jugendliche ist nicht allein, wie ich feststellen muss. Zwei ihrer Freundinnen stehen ein Stückchen hinter ihr. Vom Gürtel der einen baumelt eine Gartenschere,
die andere trägt einen langstieligen Kescher locker über der Schulter. Die Teenager tragen allesamt kurzärmlige Safariblusen, Safarihosen und -helme. Die erste ist
komplett in hellblau gekleidet, die zweite in grün und die dritte in gelb.
Alle drei wirken wie Bürger der Republik Kapifari, die Anführerin weist auch den typischen
Akzent auf. „Enki?“ vergewissert sie sich und als ich nickte und mich schon auf ein herzliches Wilkommen einrichte, schreit sie los: „Sie können nicht einfach so hier
hereinplatzen und so tun, als wäre keine Zeit vergangen!“
„Was ich kann und was nicht…“, beginne ich, doch dann drängt sich mir eine viel brennendere Frage auf: „Moment mal, wer seid ihr eigentlich?“ [i]Und aus welcher Teletubbies-Folge seid ihr entsprungen[/i] denke ich bei mir, verkneife mir aber, es laut auszusprechen.
„Wir sind diejenigen, die diese Station all die Monate über am Laufen gehalten haben. Und wir lassen nicht zu, dass Sie sich jetzt wieder als der Boss aufspielen, als drehte sich die
Welt nur um Sie!“
Na toll. Da verlässt man Afrika für ein paar kurze Monate, nur, um sein Lebenswerk anschließend von Peter Pan und Konsorten übernommen vorzufinden.
Die bunten Mädchen wissen nicht, dass ich unter Aufbietung aller meiner Erfahrung als Schmugglerin genetisch manipulierte Erdmännchen von menschlicher Intelligenz
außer Landes geschafft habe, damit sie nicht als Versuchstiere enden müssen. Ich darf es ihnen auch nicht verraten, nein, ich
muss so tun, als sei ich wirklich nur abgehauen, weil ich eben keine Lust mehr auf Tierpflege hatte.
Da hocke ich nun mit meinen (im Übrigen erstaunlich gut erhaltenen) Ostereiern und mir fehlen die passenden Worte an die bunten afrikanischen Mädchen.
„Naja“, meinte die hellblaue Wortführerin. „Kommen sie erstmal mit zur Station.“ Es fällt mir nicht schwer, aus dem Unterton die unausgesprochene Ergänzung
herauszuhören: „Wo wir ein Auge darauf haben, dass Sie keinen Mist anstellen!“

———-

*Relaunch, ihr müsst nur den vorherigen Beitrag gelesen haben und nicht den ganzen Thread*

Was bisher geschehen ist: Enki, Betreiberin einer Tierrettungsstation, kehrt nach langer Abwesenheit nach Afrika zurück. Nicht alle Bewohner der Republik Kapifari sind davon begeistert, denn sie erinnern sich noch, dass die gute Frau vorher als skrupellose Schmugglerin bedrohter Tiere und Pflanzen aktiv war…

Ich folge den drei Teenagermädchen durch den Wald zur Lichtung.
Neben dem Eingeborenenschrein am Waldrand steht nun eine Hütte und davor sitzt ein viertes Mädchen, ebenfalls in Safarikleidung gewandet. Ihre ist rot, was den Farbkasten komplett macht.
Ich deute auf die Bambushütte. „Wohnt ihr hier allein? Ohne Erwachsene?“
Die blau gekleidete Anführerin des Quartetts zuckt die Schultern. „Besser keine Erwachsenen, als welche von der falschen Sorte, ne?“
Wo sie recht hat, da hat sie recht, denke ich bei mir, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass die „falsche“ Sorte mich einschließt.
Ich verschaffe mir einen kurzen Überblick über das Gelände. Zu meiner Überraschung und großen Freude präsentiert sich die Station, als wäre ich niemals fort gewesen.
Die Gehege sind besetzt, die beiden Gärten bepflanzt und die Wasserpumpe und der -tank sehen gewartet aus. Ich bin beeindruckt: Sogar Gorillas werden derzeit hier gepflegt.
„Woran leidet der?“ erkundige ich mich bei den Mädchen, als wir das etwas abseits von den anderen stehende Berggehege passieren.
Meine Begleiterin antwortet kurz angebunden: „Mundgeruch.“
„In eurem Alter habe ich das ähnlich gesehen, aber ich muss euch sagen: das ist keine Krankheit“, grinse ich. Bevor Proteste aufkommen können, spreche ich schnell weiter: „Der Mundgeruch ist nur ein Symptom, nicht der Befund selbst. In den meisten Fällen stimmt da etwas mit den Zähnen nicht, oder auch mit der Verdauung. Ich an eurer Stelle würde mir einmal das Gebiss des Burschen ansehen.“
„Hm…“ Die Kinder blicken skeptisch drein. In leisem, aber bestimmten Tonfall teilt mir die gelb Gekleidete mit, ich solle Medizin vergraben. Die sinngemäße Übersetzung aus ihrem lokalen Suaheli-Dialekt ins Deutsche ist um einiges unflätiger.
„Msaidi Njemba!“ Die Blaue funkelt ihre Freundin an. „Bleib höflich!“
„Msaidi, hm?“ wiederhole ich. „Das bedeutet doch Helfer? Wessen Helfer?“
„Sie werden es gleich sehen“, antwortet die Blaue, während Njemba aufgrund der Rüge betreten zu Boden schaut.
Mit meiner kleinen Eskorte steige ich die hölzernen Treppenstufen zu meinem Haupthaus hinauf. Alle möglichen Gedankenspiele finden in meinem Hirn statt, während ich die wenigen Schritte gehe. Muss ich mir Sorgen machen? Eher nicht, oder? Wer immer da meine Station übernommen hat, führt sie doch in meinem Sinne und zum Wohl der Tiere, sage ich mir. So gesehen dürfte kein Konflikt zu erwarten sein.

Oder?!

———-

Zuerst fällt mir auf, dass der Geruch frisch gepflückter Blumen fehlt. Dann realisiere ich, wie ordentlich aufgräumt der Raum doch ist. Er wirkt gleich um einiges größer als er eigentlich ist.
Der alte Teppich mit dem Giraffenemblem, der als Matratze unter meinem Schlafsack lag, dient nun als Fußabtreter.
Mein Trophäenschrank, der in letzter Zeit nur noch Pokale aus Wildhüterwettbewerben enthielt (EHRLICH!), wurde zu einem Medizinregal umfunktioniert. Schächtelchen, Fläschchen und Döschen, deren Aufschrift verrät, dass sie aus Deutschland und den USA eingeflogen wurden, reihen sich in den Fächern aneinandern. Die lateinischen Produktnamen kann ich nicht in jedem Fall entziffern, doch sie sagen alle dassselbe aus: „Mit unseren Nebenwirkungen können wir den ganzen Kontinent entvölkern“.
Als ich eintrete, wendet sich gerade ein afrikanischer Tierarzt von dem Regal ab. Der Mann ist etwas jünger als ich, Ende zwanzig oder in den frühen Dreißigern, und er sieht ausnehmend gut aus. Ich bemühe mich, ihn nicht ungebührlich anzustarren, doch als er mich lächelnd mit meinem richtigen Namen begrüßt, reiße ich die Augen auf (und bin bemüht, nicht die Kinnlade runterklappen zu lassen)!
„Oder besser bekannt als Enki“, schmunzelt der Doktor. „Die Wunderheilerin mit dem magischen Feuerholz, die eine sicher viel magischere Elefantenstatue im Urwald baut.“ Der Doktor lacht in einer Weise, die mir ganz und gar nicht gefallen will.
„Ja, ich habe von Ihnen gehört. Gemessen an Ihren Möglichkeiten waren Sie wohl ganz erfolgreich, aber ich sehe es als meine Pflicht an, hier ein wenig Wissenschaft einzubringen. Oder auch mehr als nur ein wenig. Nichts gegen Quereinsteiger…“
„Wenn sie ihren Platz in der zweiten Reihe akzeptieren?“ beendete ich den Gedanken. Erneutes Lachen ist die Antwort.
Ich weiß, dieser Kerl bedeutet soviel Ärger, wie er gut aussieht und erwähnte, dass er extrem gut aussah? Tja.
„Mit welchem Recht“, frage ich, während ich mich gemessenen Schritts auf den Mediziner zubewege, „hängen Sie Ihren Safarihelm über die Lehne meines Stuhls, als wäre es Ihr Thron?! Mein Pachtvertrag für das Gelände läuft noch!“
Der Fremde nickt. In knappen Worten klärt er mich darüber auf, dass ihn die Regierung Kapifaris hergesandt hat, um meine Arbeit fortzusetzen.
„Niemand rechnete mit Ihrer Rückkehr“, erklärt er, „aber für den Fall, der ja nun eingetreten ist, wurde ich Ihnen als wissenschaftlicher Berater zugeteilt. Will heißen, ohne mein Okay dürfen Sie hier keinen Finger krumm machen.“ Der Mann besinnt sich kurz. „Außer natürlich, um an Ihrer Statue zu werkeln, da will ich mich nicht einmischen.“
Dampfende Vergrabene Medizin nich mal! Ich muss mein Urteil revidieren: So viel Ärger, wie der bedeutet, so gut kann nicht mal ein Engel aussehen!

———-

„Ich nehme an, Sie sind vorerst damit beschäftigt, Ihren Chemieunfall unter Kontrolle zu halten“, zicke ich und deute dabei auf den Medizinschrank. „Unterdessen sehe ich nach den Tieren.“
„Tun Sie das“, nickt der Tierarzt. Er drückt mir ein Smartphone in die Hand. „Die App hier sagt Ihnen, wann Sie sich auf welche Weise um welchen Patienten kümmern müssen.“
In der Tat tut das kleine Gerät genau das – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Bereits mein erster Rundgang durch die Gehege verrät mir das. Die Tiere wirken scheu, beinahe verängstigt. Sie wissen nicht, was mit ihnen geschieht. Niemand beschäftigt sich mit ihnen über das notwendige Maß hinaus. Es gibt keine Leckerlis, Streicheleinheiten, zusätzliche Sessions mit der Bürste oder andere den Heilerfolg unterstützende Interaktionen mit den Patienten.
Der Neue praktiziert eine artgerechte, streng naturgetreue Haltung mit nur dem absoluten Mindestmaß an Kontakt zum Pfleger. Ich glaube, ich werde es in Bezug auf die kleine Menschenpopulation auf meinem Gelände ebenso halten…
Es gibt einfach viel zu viel tun, als dass ich mich mit denen rumärgern könnte! Meine mitgebrachten Schraubenbaumsetzlinge wollen eingepflanzt werden und ich muss mich auf die Suche nach meinem speziellen Feuerholz machen, dessen Rauch und Asche der perfekte Dünger für die hiesigen Bäume sind.
Außerdem fehlt den Gehegen die eine oder andere Aufwertung. Auf Danas alter Station besaßen wir Spezialkonstruktionen, die es erlaubten, mehrere Tiere im selben Gatter zu halten und sozialisieren, was besonders bei kranken Tieren nicht leicht zu bewerkstelligen ist.
Also die Ärmel hochgekrempelt und angepackt!

———-
———-

Ich habe die benachbarten Tierpflegestationen aufgesucht. Sie alle sind verlassen, ohne Ausnahme. In einigen Fällen befanden sich sogar noch Tiere in den Gattern, als die Betreiber aufgebrochen sind. Ich erkenne die Stellen, wo die geheilten Patienten die Zäune durchbrochen haben, um ihre Freiheit zurückzugewinnen.
Nichtsdestotrotz funktionieren die von den Abgereisten gegrabenen Brunnen noch, die Termitenhügel sind gut bewohnt und die wildwuchernden Heil- und Futterbäume tragen reichlich Früchte. Lediglich die Gärten sind rettungslos überwuchert. Sie zu betreten ist mir ohne einen eigenen Bagger unmöglich.

Indem ich die verlassenen Gehege wieder herrichte, gewinne ich an zusätzlicher Erfahrung. Einige der Gatter sind viel besser als die auf meiner Station ausgestattet und eignen sich dazu, Kobras, Erdferkel, Okapis, Husarenaffen oder andere kompliziertere Patienten aufzunehmen.
Gerade die Erdferkel stellen ein Problem dar. Ich besitze eigentlich noch keine Erlaubnis, welche auf meiner Station zu behandeln. Aber hier im Nirgendwo kräht kein Hahn danach, was ich tue und da die Tiere meine Hilfe benötigen, bekommen sie die auch.
Mein „Assisstent“ der Tierarzt bekommt nichts davon mit, was ich so treibe. Er glaubt, ich befände mich auf Expedition, wenn ich in Wirklichkeit meine tägliche Runde über die Nachbarstationen drehe.

———-

Unterdessen waren Charlotte, Njemba, Caroline und Iffat, die vier Teenies, die bei uns jobben, nicht müßig. Sie haben einen Tierschutzhelferplatz eingerichtet, eine Art Sammelstelle, an der die Bewohner des Umlandes uns Patienten zuführen können.
Diese Auftraggeber sind anschließend auch wieder für die Auswilderung zuständig, während wir uns nur um den medizinischen Teil zu kümmern brauchen.
Am ersten Tag bringt uns eine alte Dame ihren Lieblingspapageien vorbei, der an Verstopfung leidet, und ein städtisches Tropenhaus schickt uns einen Tomatenfrosch mit einer Schramme. Kein schlechter Anfang!

Die neuen Gäste sind in der Regel schnell kuriert und bleiben daher nicht lange. Im Vergleich zu den Wildtieren, die es meist schlimmer erwischt, sind sie beinahe schon gesunde, kaum dass sie uns anvertraut werden.
„Leicht verdientes Geld“, meint mein Assi, äh, Assisstent, dazu.
Ich nickte. „Ja, aber genau darin liegt die Gefahr.“
„Wie bitte? Welche Gefahr? Wovon sprechen Sie?“
„Die Gefahr, die Leiden der Patienten vom Tierschutzhelferplatz klein zu reden“, antworte ich. „Nur weil es jemand dreckiger geht als der Lora dort, heißt das nicht, dass es ihr gut geht.“
Für einen Moment stutzt der Mann. Dann meint er: „Das klingt nach einer Anspielung. Auf Ihr eigenes Leben vielleicht?“
„Vielleicht.“
„Wollen Sie drüber reden? Über einem Kaffee vielleicht?“
Oha, jetzt wird er tollkühn. Oder verzweifelt. Wenn man monatelang allein im Busch lebt, ist man vielleicht geneigt, die erste Frau zu bezirzen, der man begegnet.
„Wie könnte ich einen Kaffeegedeck ablehnen, das jemand anderes bezahlt?“ erwidere ich. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich gerade den Mädchen zum Opfer gefallen. Jede einzelne scheint in den Tierarzt verknallt zu sein.
Er und ich fahren also in den nächsten Ort, genaugenommen einer Raststation an einer Überlandstraße. Wir sprechen über mein Leben in Deutschland und seins in Kapifari. Über die Arbeit fällt kein Wort, da wir genau wissen, dass wir den Kaffee dann nicht austrinken, sondern und früher oder später gegenseitig ins Gesicht schütten würden.
So wird es überraschenderwerise ein entspannter Nachmittag mit „Doc“, wie alle den Mann nennen.

———-

Der solcherart geschlossene Burgfrieden sollte nicht lange andauern. Hätte mir doch denken können, dass so etwas nie von Dauer ist!
Naja. Hier stehe ich, ein fettes Erdferkel in meinen Armen. Woran es leidet, weiß ich noch nicht. Ich habe es mitgenommen, weil es so apathisch herumlag. Aber wer weiß, am Ende war es einfach nur zufrieden?
Jedenfalls ist es das, was mir Doc vorhält. Das Tier habe nur gedöst, sei völlig gesund. Je länger der Tierarzt auf mich einrede, umso mehr ziehe ich meine Wahrnehmung in Zweifel.
„Woher haben Sie das Tier überhaupt?“ hakt Doc nach. „Ein Erdferkel! Sie haben doch gar kein Zertifikat dafür!“
„Irrtum“, erwidere ich. „Ich habe noch nicht die Erlaubnis, ins Stammrevier der Erdferkel zu fahren. Wenn mir anderswo eins unterkommt darf ich es sehr wohl mitbringen! Dieses hier lag im Sektor 6-7 teilnahmslos…“
„Zufrieden!“
„Wie auch immer. Es lag da herum.“
„Von wo Sie es entführt haben. Da arme Tier war bisher völlig gesund, aber nun wird es ein Trauma davon tragen. Und selbst wenn es krank wäre, Sie wüssten doch gar nicht, was Sie in so einem Fall zu tun hätten.“
„Doch“, sage ich leise, beherrscht, obwohl mir zum Heulen zumute ist. „Doch, das weiß ich. Alles, was mir zum Erdferkel-Schein noch fehlt, sind etwa hundert Lippenstiftkerne.
Mit denen lässt sich der Veranstalter den Kurs bezahlen, damit er selber auf seiner Station keine anbauen muss.“
Doc schnaubt verächtlich. Dann scherzt er: „Dass ausgerechnet Ihnen diese Kerne mal ausgehen sollten…“
Autsch! Das hat gesessen! Mich an meine illegale Plantage zu erinnern, die mir abgebrannt ist! Jetzt hilft auch kein Kaffee mehr zur Versöhnung und das sage ich laut.
„Darf es stattdessen afrikanischer Wein sein?“ grinst Doc. Du liebe Zeit! Der Schleimbolzen hat diesen Wortwechsel exakt so geplant! Er deutet an, dass wir uns ja SEHR gestritten hätten und entsprechen LÄNGER versöhnen müssten.
„Ja, eine Flasche“, knurre ich. „Die verdünnen Sie und trinken Sie mit Ihren Kindern!“
Als ich mich abwende, höre ich Doc sein überlegenes Lachen lachen, ganz so, als hätte er gerade einen Sieg davongetragen. Der Rest der Welt war nur zu dumm, deswegen hielt sie den Triumph für eine Abfuhr.

Next: Krank oder gesund?

—————————

Abfuhr… Verdammnis, ABFUHR! Wie in Abführmittel!
Ich bin kaum drei Schritte gelaufen, da entleert das Erdferkel seinen Darm auf meine Safarihose und in die Stiefel.
Igitt!
Ich stehe über und über vollgeschissen zwischen den Gehegen – und lache!
Denn ich hatte Recht! Das von mir gefundene Erdferkel ist wirklich krank! Es hat Durchfall!

„Charlotte, kommst du bitte mal kurz mit der Mistgabel?“ rufe in die Runde.
Doch die Angesprochene presst nur die Lippen aufeinander und rührt sich keinen Zentimeter. Sie kann es nicht fassen, dass Ihr Idol, der Doktor, eine falsche Diagnose gestellt haben sollte. Hatte Doc nicht behauptet, mein Erdferkel sei gesund?
Als wieder Leben in das Mädchen kommt, kommt es nicht etwa meiner Bitte nach, nein, fegt es das längst vollständig gereinigte Sandgehege. Charlotte widmet sich dieser Aufgabe mit einer Hingabe, als reche sie einen Zengarten.
Iffat, das Mädchen in grün, sitzt auf dem Zaun und schaut ihrer „Blauen“ Kameradin zu. Von Caroline und Njemba ist weit und breit nichts zu sehen.
Ich stehe mit meinem Erdferkel da und wir beide stinken ein bißchen vor uns hin.
Charlotte fegt weiter verbissen den Sand.
Schließlich schüttelt Iffat entschlossen den Kopf. Sie springt vom Zaun, dann hechtet sie in einem langen Satz über die Schubkarre und rennt auf mich zu.
Im Laufen dreht sie sich nach der Anführerin der Teenagermädchen um und ruft: „Enki kennt sich DOCH aus!“
Dann baut sich Iffat vor mir auf und schaut mich aus ihren dunklen Augen entschlossen an. „Ich helfe dir!“ erklärt das Mädchen. Dass sie mich duzt, ist keine Beleidigung, sondern zeigt, dass ich in ihren Augen nun akzeptiert bin.
„Ist mir egal, ob die anderen dann noch mir mir reden oder nicht“, fügt Iffat hinzu.
Gemeinsam verfrachten wir das Erdferkel in ein Gatter.
Ich sollte mich freuen, eine Freundin gefunden zu haben, doch so richtig wohl fühle ich mich nicht.
Denn wo immer sich Menschen in Fraktionen aufteilen, wird es früher oder später zwischen diesen krachen…

————————–

enki überlegt ob sie gehen sollte, bringt nur unruhe
iffat sagt, sie soll für die tiere bleiben
enki: die haben euch und doc
iffat: aber das erdferkel neulich, hast du gerettet, da wusste doc nicht weiter

doc: wozu jahrlang studiert, wenn jetzt eine bäuerin kommt und alles besser weiß?!

blau – Charlotte – Heugabel
gelb – Njemba – Wasser
orange (rot) Caroline – Käfig
grün – Iffat – Schubkarre

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s