Zuckerguss (Part 1 von 4)

Die Figur des Wilfried Lutger entstand, als ich einen Künstlerroman der anderen Art schreiben wollte. Ich weiß nicht, wie oft das bereits gemacht wurde, mir jedenfalls stand damals die Darstellung des „Ach, ich armer Künstler, ich bin so anders, keiner versteht mich, ich muss wohl an der Welt zerbrechen“ bis zum Halse. Stattdessen lies ich Willi auf die Welt los, einen Kunstmaler, der die gesamte Welt zu „die sind halt anders“ definierte, sich selbst zum Mittelpunkt der Schöpfung und dabei einfach davon ausgeht, dass die Welt schon nicht an ihm zerbrechen würde, weil sie ja auch die Chance hat, sich ihm stattdessen zu beugen.

Nun, wie jeder von uns war auch dieser Willi einmal ein Jugendlicher mit allen damit einhergehenden Identitätsproblemen. Einen Blick in diese Zeit gibt die Kurzgeschichte. Den gesamten Roman Homo artifex kann man auf neobooks lesen. Ein Account ist nicht nötig, vereinfacht das Lesen allerdings deutlich. (Account und Text sind kostenlos)

ZUCKERGUSS

Um ein Haus vollständig unbewohnbar zu machen bedarf es keines Erdbebens, keiner Flutkatastrophe und keiner Bombe. Es genügen völlig: 1 Kilogramm Puderzucker, fünf Eier, sechzehn kleine Tuben Lebensmittelfarbe, zehn Puddingschüsseln, zehn Teelöffel, drei Messer sowie diverse Spatel, Pinsel und ein elektrisch betriebener Mixer. Dieses Arsenal reicht für eine große Wohnküche aus, zumindest, wenn Personen beteiligt sind, die wissen, wie man diese Waffen am effektivsten zur Zerstörung einsetzt.
Die beiden Kinder des Ehepaars Täschner erfüllen dieses Kriterium perfekt…
– Aus Wilfried Lutgers Tagebuch, Dezember 1995

Ein Jahr später.

Man schrieb den Tag nach Totensonntag, Neujahr, wenn man sich am Kirchenjahr orientierte. In Erwin Täschners Familie galt dieser Tag traditionell als der erste Tag der Weihnachtszeit. Von da an wurde bei den Täschners gebacken und gebastelt, als gelte es, die Arche Noah seetauglich zu machen und für ihre Reise zu verproviantieren. Zum Auftakt der Konditorsaison hatten die Geschwister Monika und Alfred Unterstützung durch die Kinder der Freunde ihrer Eltern erhalten. Das Einwanderermädchen Kübra und Staubi mit seiner kleinen Schwester Valerie wuselten gemeinsam mit den Täschnerkindern durch die großzügig bemessene Wohnküche. Niemand erinnerte sich mehr daran, unter welchem Namen „Staubi“ ins Geburtenregister eingetragen war. Niemand musste sich daran erinnern, machte der Sechsjährige seinem Spitznamen doch auch heute wieder alle Ehre, während er mit dem Mehl hantierte. Da stübte und knisterte es, dass es eine helle Freude war – jedenfalls, wenn man zufällig Frau Holle gehießen hätte.
Eine Stimme erhob sich über das Geschnatter der Kinder: „Gerd Hübner! Vorsicht mit dem Mehl! Das ist ein Lebensmittel, damit darfst du nicht rummatschen, wie es dir gefällt!“
Monika, Alfred und Kübra schauten sich verdutzt um, wen der Sprecher wohl meinen könnte. Valerie schien mehr darüber zu wissen, teilte ihr Wissen aber nicht mit den anderen. Nur Staubi hielt unverzüglich in seiner Tätigkeit inne und warf dem jungen Mann, der ihn so scharf ermahnt hatte, ohne dabei unfreundlich zu klingen, einen entwaffnenden Blick zu.
Willi lachte! „Das klappt nur bei Mädchen! Aber merk dir diesen Gesichtsausdruck ruhig schon mal für später.“
Voller Entsetzen verzog Staubi das Gesicht zu einer Grimasse. Alfred jedoch, der Sohn des Hausherren, versuchte, sich die Miene zu merken und sie selbst aufzusetzen.
Staubi schüttelte verständnislos den Kopf. Da ahmte Alfi seinen Gesichtsausdruck nicht etwa nach, um ihn nachzuäffen und auszulachen, sondern schien den Gedanken, sich damit bei Mädchen beliebt machen zu können, gut zu finden?! Na ja, deswegen war Alfi eben nur der Sohn eines Freundes von Staubis Eltern, aber nicht sein Freund.
„Kommt mal her, Jungs!“ forderte Willi die beiden Knaben auf, bevor die erste Beleidigung fallen konnte. Der sechsjährige Gerd und der um ein halbes Jahr ältere Alfred traten neugierig näher. Wilfried Lutger war älter als sie beide zusammen, aber, und das war wichtig, er war noch kein richtiger Erwachsener. Beispielsweise musste Willi noch in die Schule gehen und es war ihm strengstens verboten, Auto zu fahren. Im Vertrauen hatte der Jugendliche den Kindern verraten, dass er es natürlich trotzdem längst könne…
Nun holte Willi aufs Geradewohl eines von Alfreds Spielzeugautos aus der Box unter der großen Eckbank in der Küche hervor. Er warf einen Blick darauf und stellte fest, dass es sich um einen alten Skoda handelte. Nun, damit ließ sich doch etwas anfangen! Der Jugendliche versetzte sich zurück in die eigene Kindheit, in eine Zeit, in der die Hexe Baba Jaga, und nicht etwa Halloween, die kleinen Kinder in wohligen Schrecken versetzt hatte, und begann zu erzählen: „Mit dem Mehl ist das nämlich so: Eines Tages setzte sich der Bauer Pjötr in seinen Wagen…“
Willi setzte das Auto vor den Augen der Kinder auf den Tisch. Der Hinterreifen berührte die Tischkante.
„… und fuhr auf sein Feld.“
Während Willi in kurzen Sätzen vom Bauern Pjötr erzählte, wie der im fernen Russland sein Feld beackerte, stellte er einen Traktor vor den Skoda. Und dann einen Mähdrescher. Und schließlich einen LKW. Auf diesen wurde das zu Mehl gemahlene Korn verladen.
„Der Laster setzte sich in Bewegung“, erzählte Wilfried weiter. „Er fuhr weit, weit nach Westen, immer an der Pipeline entlang, aus der unser Öl kommt. Da konnte er sich nämlich nicht verfahren.“
Nicht nur die beiden Jungs, auch die Mädchen, hatten die Erzählung bis hierhin beinahe andächtig verfolgt. Nun legte Monika mehrere Makkaroni neben die stetig wachsende Autokolonne. Es handelte sich natürlich um die von ihm erwähnte Ölleitung, wie Willi sofort begriff.
„Ja“, fuhr der Babysitter fort, „aber Russland ist nur eins von vielen Ländern, durch die das Mehl zu uns gelangt.“
Wilfried erfand eine Route für die Pipeline, die unter anderem durch die arabische Wüste, über das Mittelmeer und über die Schweizer Alpen führte, um der Autoschlange ein Kamel, eine Fähre und ein Alp-aka hinzufügen zu können. Die beteiligten Länder hätten das sicher zum Anlass genommen, ihren Beziehungen Feuer und Flamme hinzuzufügen, doch das pädagogische Lehrstück erfüllte seinen Zweck. All die Autos, die nötig waren, um das Mehl von der fernen Ukraine nach Berlin zu schaffen, standen den Kindern nun vor Augen.
So viel Aufwand für so ein bisschen Mehl!
Natürlich hätte Willi auch von der harten Arbeit der einheimischen Bauern oder den gern zitierten hungernden Kindern in Afrika erzählen können, um Staubi nahe zu bringen, dass Lebensmittelverschwendung etwas Schlimmes war, doch bevorzugte er seine eigenen Gleichnisse. Autos waren cool und Benzin teuer, da waren sich der Jugendliche und die Kinder einig. Aber weil dem so war, wurde auch das langweilige Mehl interessant. Interessant und wertvoll. Man durfte es nicht einfach verschwenden, sondern musste sorgsam damit umgehen, das begriffen die Jungs nun. Willis Lektion war angekommen.
„So!“ Willi klatschte in die Hände. „Und jetzt wieder an die Arbeit! Wir brauchen noch viel mehr Teig!“
Unter den Händen der Kinder verwandelten sich Mehl, Zucker, Eier, Weihnachtsgewürz und zermahlene Nüsse in Lebkuchenteig. So viele Bleche, wie nur hineingingen, wanderten in den Herd. Als der Ofen geschlossen und der Kurzzeitwecker gestellt war, scheuchte Willi die Kinder ans Aufräumen. Widerspruchslos gehorchten die fünf. Sie waren nicht etwa deswegen so brav, weil Willi ihr Babysitter war, sondern weil Willi ihr Babysitter war, ein subtiler Unterschied in der Betonung, der einen nachhaltigen Effekt nach sich zog. Wilfried „Willi“ Lutger war etwas Besonderes! Willi konnte nämlich malen und erst, wenn der große Küchentisch und die Schränke wieder sauber waren, konnte er sein neustes Werk präsentieren. Diesmal handelte es sich um schnöde Auftragskunst. Bereits seit Tagen arbeitete Wilfried an der Bodenplatte für das Lebkuchen-Weihnachtsdorf, das heute Nachmittag entstehen sollte. Nicht nur für die Kinder, auch zu seinem eigenem Vergnügen, hatte Willi sich große Mühe dabei gegeben. Es gab eine Hauptstraße, von der schmale Kopfsteinpflasterwege abzweigten, aufgerichtete Straßenschilder, Zaunslatten aus Pappe, einen zugefrorenen Teich und dergleichen mehr. Die Pappschablonen für die Häuserteile auszuschneiden, hatte dagegen nur den geringsten Teil von Willis Kreativität beansprucht. Doch zu einer Karriere als Kunstmaler gehörte mehr, als nur Wasserfarben hübsch auf Pappplatten zu verteilen. Eine solche Karriere strebte Wilfried Lutger an. Er erträumte sie sich nicht etwa, sondern arbeitete hart daran. Und selbst, wenn er wie heute als Babysitter jobbte, gelang es ihm nur schwer, sich von den Gedanken an seine eigentliche Berufung zu lösen.
„Jeder Maler fertigt eine Skizze an, bevor er loslegt“, eröffnete Willi den fünf Kindern. „Und was wir heute vorhaben, ist eine erste Sache. Deswegen machen wir das auch so. Sobald der Teig fertig ist und aus dem Ofen kommt, werdet ihr mit dem Bauen eurer Häuser loslegen. Dann geht es um die Wurst – wer sein Haus am schönsten verziert, der gewinnt einen Preis. Also denkt euch schon mal etwas Gutes aus und malt ein Bild davon, damit ihr nachher genau wisst, wie ihr es anfangen müsst! Hier sind die Buntstifte!“
Nicht wesentlich weniger gierig als ein Schwarm Piranhas auf einen Schwimmer stürzten sich die Kinder auf die Stifte. Sie rissen sie dem Teenager förmlich aus den Händen.
Auf diese Weise hatte Willi ihm anvertraute Kinder schon mehrmals für eine Weile ruhiggestellt. Es war eben etwas anderes, ob einen die Eltern fragten, ob man nicht ein nettes Bild malen wolle, oder ob es ein echter Maler tat!
Die vierjährige Valerie stellte ein aufgeklapptes Bilderbuch zwischen sich und die anderen Kindern, bevor sie zu zeichnen begann. „Nicht illern!“ drohte sie ihnen.
Willi grinste zufrieden in sich hinein.
Einen Weltraumroman in silbrig glitzerndem Einband in den Händen haltend, verbrachte er die folgende Zeit teils schmökernd und dann wieder ein Auge auf die Kinder werfend.
Dann wurde es ernst: Der Teig war fertig.
Eifrig benutzten die Kontrahenten die ihnen ausgeteilten Schablonen, um die Böden, Wände und Dachplatten für ihre Pfefferkuchenhäuschen auszustanzen. Der Bauplan war vorgegeben und für alle gleich. Willi hatte das so bestimmt, damit es einfacher sei, den Sieger zu bestimmen. Die Jungen und Mädchen waren sich einig, dass derartige Gedanken ein klares Zeichen dafür waren, dass ihr großer Freund bald endgültig am Erwachsensein erkranken würde. Er bekäme dann zwar mehr Privilegien, wäre aber andererseits kein vollwertiger Mensch mehr. Die Vernunft kam einfach abhanden, je älter man wurde. Das äußerte sich auch darin, dass Willi glaubte, aus seinen Erfahrungen aus dem letzten Jahr Lehren gezogen zu haben und den Täschner-Kindern nicht mehr erlaubte, den Klebstoff für ihre Lebkuchenhäuser selbst anzurühren… Ganz allein trennte er Eidotter von Eiklar, rührte letzteres mit einem elektrischen Mixer, bis es steif geschlagen war und hob Puderzucker unter. Ein paar Spritzer Zitronensaft vervollständigten den Werkstoff, den Willi anschließend auf mehrere Puddingschüsseln verteilte. Sodann erhielt jedes Kind eine volle und eine leere Puddingschüssel, eine Palette sowie vier Tuben mit flüssiger Lebensmittelfarbe in den Farben rot, gelb, grün und blau. Gummibärchen, Smarties, bunte Streuseln und weiterer essbarer Zierrat standen in der Mitte des Tisches allen zur Verfügung.
Willi schaute auf seine Uhr. Er wartete, bis die Sekunden auf 00 zur nächsten Minute sprangen, dann verkündete er: „Es geht los!“

Die Zeit verflog. Scheinbar nur wenige Sekunden nach seinem Startkommando beendete Willi den Wettkampf mit einem schrillen Pfiff auf zwei Fingern. Als Kunstkritiker und Statiker des städtischen Bauamts in Personalunion schritt er die Lebkuchenhäuschen nacheinander ab.
Zuerst musste Valerie ihr Werk einer Prüfung unterziehen lassen. Als einziges der Kinder hatte das Mädchen die Lebensmittelfarbe nicht unter ihren Puderzuckerleim gerührt, bis eine homogene Masse entstand, sondern die beim Mischen entstehenden Farbschlieren bewusst beibehalten. Jeder einzelne Streusel der Streudeko saß perfekt, zwar einen spielerischen Eindruck erweckend, aber in Wirklichkeit im Vorfeld exakt durchgeplant. Das Ergebnis von Valeries Bemühungen war beeindruckend, doch ob das zum Sieg genügte?
Alfreds Häuschen hingegen wurde von den anderen misstrauisch beäugt. Zu viel pinkfarbener, roter und lilaner Zuckerguss ließ die Kinder Abstand von dem Machwerk halten. Selbst für Monikas Geschmack glitzerte da viel zu viel Rosa. Doch ihr Bruder war sich seiner Sache sicher. „Das soll ja nicht mir gefallen, sondern Carola“, erklärte er in überlegenem Tonfall. „Wenn sie zu Besuch kommt, zeige ich ihr, welches Haus ich gebaut habe – nur für sie gebaut habe! – und dann ist sie hin und weg. Tja, so ist das mit den Mädchen.“
„Ja, das glaube ich auch“, erwiderte Kübra, die ihr noch unbekannte deutsche Redewendung als Einsicht des Jungen interpretierend. „Sie kommt hin, guckt und rennt weg.“
Ihr eigenes Haus strahlte in grün und weiß, nur die Grundplatte war komplett in gelb gehalten. Mit einem Löffelstiel deutete das Mädchen noch in letzter Sekunde einzelne Pflastersteine an. Wer ihre Lieblingsmärchen kannte, begriff sofort, was das Kind da gestaltet hatte: Goodwins Palast in der Smaragdenstadt und den gelben Backsteinweg, der Alice zum Herrscher über das Land Oz geführt hatte.
Monika war ebenso sehr mit dem Herzen beim Basteln gewesen wie die anderen, doch fehlten ihr jegliche künstlerische Ambitionen. Alfreds Schwester war eine begeisterte Sportlerin und so hatte sie ihr Lebkuchenhäuschen zu einer anheimelnden Skihütte ausgebaut, realistisch mit Fenstern, Gardinen und einem Fußabtreter vor der Tür ausgestattet. Willi zuckte bei dem Anblick kurz zusammen, erkannte er doch in der Fußmatte die sterblichen Überreste eines Topfkratzers aus der Täschnerschen Küche wieder.
„Hübsch“, meinte er, denn genau so beurteilte der Junge Monikas Werk: Nicht wirklich überragend, aber alles andere als schlecht.
Als letztes galt es, Staubis Werk der Begutachtung zu unterziehen.
Dieses Häuschen war eine richtige Hexenhütte und eine kleine Hexe aus Pappe stand auch davor, mit Zuckerguss auf die Grundplatte geklebt. Staubi hatte seine Puderzuckerdeko violett, blau und giftgrün gefärbt. Aus dem Kamin seines Häuschens troff eine vielfarbige, ungesunde Masse über das Dach und schließlich auf die Bodenplatte hinunter.
„Die Hexe hat Gift gekocht in ihrer Hütte. Das ist übergekocht und jetzt oozt das durch die Tür raus!“ erklärte der Sechsjährige.
Die anderen mussten neidlos zugeben, dass die Idee spitze war. Und die Ausführung? Erwartungsvoll schauten die Kinder zu Willi herauf. Ob der Halberwachsene wohl noch Kunstverstand besaß? Würde er Staubi zum Sieger erklären, wie es dieser verdiente?
„Gewinner ist…“ begann Willi in langgezogener Rede, um dann gleich einem Fanfarenstoß zu verkünden: „Gerd!“
„Wer?“ entfuhr es Monika. Erst Sekundenbruchteile später dämmerte es dem Mädchen wieder. Vielleicht hatte es auch geholfen, dass Kübra mit dem Zeigefinger auf das passende Objekt im Raum gedeutet hatte. „Ach so, ja.“
Willi naschte unterdessen vom übrigen Puderzuckerklebstoff. Er dachte daran, dass das hübsche Dorf spätestens zum zweiten Advent einem Kriegsschauplatz gleichen würde. Denn natürlich war der ganze Spaß auch zum Essen gedacht.
Zuckerguss, dachte der Junge. Den wollen wir doch alle im Leben.
Gab es da nicht sogar diesen aktuellen Film darüber? Über zwei Teenager aus schwierigen Verhältnissen, die erfolgreich ihr Abitur ablegten?
Angenehm gerührt und erhoben verließen die Wohlstandsbürger sicherlich Tag für Tag das Kino. Die Tausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die für jeden der gezeigten Erfolgsmenschen auf der Strecke bleiben, waren menschliches Plankton. Was zählte, war der Wal und der hatte ja bewiesen, wie tatkräftig er sich behaupten vermochte, obwohl er doch vom Aussterben bedroht sein sollte. Ja, auf solche jungen Menschen konnte es stolz sein, das deutsche Volk. Und so kehrte der Kinobesucher heim, wieder einmal in seiner Überzeugung bestärkt, dass die anderen ja nur nicht wollen.
Willi aber hätte sich vorher erst noch verneigt – weil das nun einmal beim Kotzen auf der Kinotoilette am praktischsten war.
Solche Filme waren gefährlich. Sie führten dazu, dass im Kopf der Menschen verankert wurde, man müsse nur wollen. So, wie Wilfried wollte und kompromisslos sein Ziel anstrebte. Wilfried Lutger, so leutselig er sich gab, war ein menschlicher Wal. Wo solche Wale schwammen, warfen sie einen Schatten, machtvoll, finster und bedrohlich. Doch letzten Endes waren sie auf Plankton angewiesen. Willi schuldete den Maschinenbedienern, die seine Farbtuben abfüllen, denselben Respekt, den er von seiner kleinen Fangemeinde im Kiez entgegengebracht bekam. Exakt denselben und nicht mehr. Aber solange die Menschen das nicht begriffen, solange der menschliche Geist das Konzept der Würde auf sich selbst und jeden einzelnen Artgenossen bezogen noch nicht fassen konnte, war es Willis Aufgabe, die Menschen zu beschützen. So betrachtete der junge Wilfried Lutger die Welt im Allgemeinen und seinen Platz darin im Besonderen. Seine Erkenntnis löst nicht etwa Frieden in Willi aus, sondern unbändigen Stolz.
Doch davon war nichts mehr zu spüren, als Monikas und Alfreds Eltern vom Bowling heimkehrten. Denn im Schlepptau der Täschners befand sich Wilfrieds Vater. Wilhelm Lutger „trank nicht“, das heißt, er mied Alkohol. Daher hatte er seine Frau und die Täschners in seinem eigenen Auto heimgefahren. Während die anderen Eltern ihre Sprösslinge begrüßten, die Pfefferkuchenhäuschen ausgiebig lobten und schließlich ihre Kinder in die eigenen Wagen luden, ignorierten Wilhelm und Elfriede Lutger die Existenz ihres ältesten Sohns vollständig. Mit viel gutem Willen und ein bisschen Glück brachten die Täschners schließlich das Kunststück fertig, auch Willi mit in die Unterhaltung einzubeziehen.
„Ohne euren hilfsbereiten Großen hätten wir uns diesen schönen Nachmittag überhaupt nicht machen können“, wagte Lisa Täschner zu sagen.
Wilhelm zog ein Gesicht, als hätte man angeklagt, einen Herumtreiber gezeugt zu haben, der sich den König der Juden nannte – zum Pasachfest in Jerusalem.
„Nichts zu Danken. Willi verdient sein Geld damit“, meinte er.
Lisa deutete auf eine Reihe von Kinderzeichnungen, die an den Wänden der Küche hingen. Längst hatten diese Bilder sich über die eigentlich dafür bereitgestellte Pinwand hinaus ausgebreitet.
„Das haben die Kinder alles mit ihm zusammen gemalt“, erinnerte Lisa die Lutgers.
Wilhelm lies seinen Blick stumm über die Bilder schweifen.
„So schön konntest du das in dem Alter noch nicht!“ bemerkte Elfriede zu ihrem Sohn.
Die Täschnerkinder brachen in Lachen aus! Monika schlug beide Hände vor ihren Mund, Alfred stieß vor Vergnügen eine Faust in die Luft. Willi Lutger aber wandte sich ab, um ein Geräusch von sich zu geben, das schwer zu definieren war. Am ehesten wären Nilpferde in der Lage dazu gewesen, ein passendes Attribut dafür beizusteuern.
„Wie man deswegen gleich flennen kann…“ murrte Elfriede, doch sie tat es leise, mehr zu sich.

Wenig später fand sich Willi auf dem Beifahrersitz des Lutgerschen Familienwagens wieder. Jemand – etwas? – tippte ihn auf die Schulter. Wilhelm manövrierte das Auto aus einer Parklücke, während sein Sohn etwas seine Schulter herabgleiten spürte.
„Nun greif schon zu!“ hörte er die Mutter auf der Rückbank drängen. „Ist was Gutes!“
Aufs Geradewohl fischte Willi den ihm gereichten Gegenstand aus der Lücke zwischen den beiden Vordersitzen, in der mittlerweile gerutscht war. Es handelte sich um länglichen Briefumschlag. Willi ahnte, was sich darin befinden würde – so etwa das Unwillkommenste, das sich der Junge vorzustellen in der Lage war.
„Mutti!“ stöhnte er. „Bitte nicht schon wieder!“
Doch Elfriede machte keine Anstalten, dem Wunsch ihres Sohnes zu entsprechen.
„Es ist eine Einladung, Willi, zu einem Vorstellungsgespräch“, klärte sie ihn auf. „Du kannst eine Lehre als Erzieher antreten!“
Die plötzliche Beschleunigung des Autos drückte Willi tief in seinen Sitz.
„Ich bin Kunstmaler!“ schnappte er.
„Nein, bist du nicht!“ fuhr ihn der Vater an. „Du bist Babysitter. Damit verdienst du dein Geld, also ist das deine Identität. Ein Babysitter, der gern malt.“
„So?“ Willi sah den Vater nicht an, während er mit ihm sprach. Die Eltern Lutger hatten sich längst an diese Eigenart ihres Ältesten gewöhnt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit litt Willi an einer milden Form des Autismus, bei welcher die Artikulationsfähigkeit nicht beeinträchtigt war. Willi hätte dem vielleicht sogar zugestimmt. Doch wenn dem so war, so fragte er sich, wieso ging dann alle Welt davon aus, dass er mit Menschen sprechen wolle, nur, weil er dazu in der Lage war?! Er konnte ja auch ziemlich gut zielen, wäre aber nie auf den Gedanken verfallen, eine Person zu erschießen…
Wie dem auch sei, solange die Lutgers unter sich waren, wurde Wilfrieds Macke toleriert.
„Dann sage ich euch mal was!“ zischte Willi, den Blick stur geradeaus gerichtet. „Diese Bilder an der Pinwand, die so viel toller als meine Kinderzeichnungen sein sollen, die habe ich gemalt! Weil ich sehen wollte, ob ich es kann! Ich kann jeden Stil kopieren und muss nur noch meinen eigenen finden! Deswegen haben die Kids gelacht. Nicht über mich, sondern über unser geteiltes Geheimnis. Und ich, ich hätte auch fast gelacht.“
Unwirsch schlug Wilhelm das Lenkrad ein. Eine ganze Reihe Erwiderungen von liebevoll über sachlich bis hin zu persönlich beleidigend lagen ihm auf der Zunge. Am Ende entschied er sich für das, was seiner Meinung nach die eindringlichste Lehre beinhaltete: Vorwurfsvolles Schweigen.
Um Willis Mundwinkel zuckte es verräterisch.
‚Als ob ich solchen Taktiken zu widerstehen nicht schon lange vor dem Farbkreis geübt hätte’, dachte der Junge bei sich.
So gelangten die Lutgers nach Hause, in ihre Vierzimmerwohnung in einem Ostberliner Mietshaus. Im Alter von sechs Jahren hatte Willi zu seinem Entsetzen erfahren müssen, dass „unsere“ Wohnung gar nicht den Lutgers gehörte, sondern Mutti und Vati Miete an den Staat zahlen mussten. Von da an hatte ihm der Ort nie wieder dieselbe Geborgenheit vermitteln können. Nun zahlten die Eltern die Miete an eine Frau, die sie nie persönlich kennen gelernt hatten und trieben ihrerseits Geld von Willi ein. Aber immerhin durfte er daheim kostenfrei mitessen…

Elfriede und Wilhelm liebten sich aufrichtig und hatten gemeinsam drei Kinder gezeugt. Scham war es also nicht, die sie dazu veranlasste, niemals das Bad zusammen zu benutzen. Es handelte sich einfach nur um eine Marotte, die das Zusammenleben mit sich gebracht hatte, ohne es zu beeinträchtigen. Vielleicht stärkte das Bewusstsein der geteilten Macke das Band der Eheleute sogar. Als sich Wilhelm an diesem Abend bettfertig machen wollte, schlüpfte Elfriede jedoch kurzerhand mit ins Badezimmer. Ihr Gatte zögerte. Unsicher schloss er die Tür hinter sich und seiner Frau.
„Elli…? Es ist was Ernstes, stimmt´s?“
Elfriede nickte.
„Es geht um Willi…“
Wilhelm nickte. „Der Junge leidet.“
„Gestern“, seufzte Elfriede, „hat er Klio, hilf mir, wo bist du, ich brauche dich! geschrieen, dass es auf der Straße zu hören war. Ich bin daraufhin gleich zu den Schmitts hoch und habe mich entschuldigt. Habe ihnen gesagt, der Junge hätte sich aus Ungeschick kochendheißes Wasser über den Bauch geschüttet…“
„Und?“ forschte Wilhelm. Mit den Schmitts musste man vorsichtig umgehen. Sie hatten bereits zu DDR-Zeiten jede kleinste Ordnungswidrigkeit vor den Richter bringen wollen.
Elfriede lächelte traurig, obwohl doch alles gut ausgegangen war. „Sie wollten wissen, wer Klio sei. Ob Willi denn nicht mehr mit seiner ‚Westschnitte’ ginge.“
Besonders groß war Wilhelm Lutgers Wissensvorsprung vor den Schmitts nicht. „Klio, das ist eine der Musen, richtig?“ fragte er, sich selbst dafür verachtend. Es gab doch nun wirklich Dringlicheres zu besprechen als antike Mythologie!
Dennoch rutschte ihm die Anschlussfrage unwillkürlich über die Lippen: „Was hat die genau mit Malerei zu tun?“
Elfriede schüttelte den Kopf.
„Nichts. Es ist die Einzige, die Willi namentlich kennt.“
„So, wie sein Vater“, knurrte Wilhelm. „Hm. Also. Es muss was geschehen.“
„Ja.“
Minutenlang saßen die Lutgers nebeneinander auf dem Rand der Badewanne. Eines war klar: Wilfried durfte seine Zukunft nicht aus einer Laune heraus wegwerfen, seine finanzielle Sicherheit nicht einer fixen Idee opfern und mochte diese noch so verlockend erscheinen. Doch über eine elterliche Weisung oder ein Verbot waren die drei längst hinaus. Damit Willi nicht ein Leben lang mit den Eltern und seinem bürgerlichen Leben hadern würde, musste die Entscheidung, die Malerei aufzugeben, von ihm selbst kommen. Das Feuer, das in Willis Brust brannte, durfte nicht im Sand erstickt werden. Es musste sich nur mit einem anderen Brennmaterial anfreunden, einem, das ihm erlauben würde, sich nicht selbst zu verzehren, sondern ruhig und stetig weiter zu brennen. Beharrlichkeit, Unauffälligkeit und Produktivität, diese Werte hatten Generationen von Lutgers ein gutes Leben garantiert. Nun war es an der Zeit für Wilhelms Erstgeborenen, sie sich zu eigen zu machen.
„Er ist erst siebzehn…“, murmelte Elfriede.
„Ich hatte mit vierundzwanzig meinen Meister!“
„Heutzutage werden die Kinder später erwachsen. Die Zeiten sind ja auch freundlicher geworden. Die Kinder können es sich leisten, länger Kinder zu bleiben.“
Herr und Frau Lutger sahen sich an. Er schmunzelte hintergründig, sie lächelte aufmunternd.
Wilhelm war ein Licht aufgegangen – und Elfriede war das nicht verborgen geblieben.

 

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