Zuckerguss (part 2 von 4)

Der nächste Morgen, ein Samstagmorgen, brachte den Lutgers eine Überraschung in Gestalt von Lynn Havermann. Willis feste Freundin stand bereits um acht Uhr vor der Haustür, gewandet in ein neues Kleid, eine neue Winterjacke, neue Stiefel und viel Geduld. Die stand ihr am Besten, fand Willi, weil es sich um das einzige Kleidungsstück seiner Freundin handelte, das er auch tragen würde.
In den Augen der Schmitts, Lutgers und der restlichen Kleinbürger des Viertels war Lynn eine sogenannte „feine Frau“. In den Augen der weniger vorzeigbaren Elemente aus den Nebenstraßen desselben Viertels war sie das ebenfalls, um der Wahrheit die Ehre zu geben. Sie betonten es lediglich anders…
Willi war als einziger bereits wach, als es klingelte. Eine Inspiration hatte ihn zeitig aus dem Bett an seinen Schreibtisch getrieben, wo er an seinen Skizzen zeichnete. Missmutig schlurfte er zur Tür, doch sein Gesicht hellte sich sofort auf, als er die Stimme seiner Freundin durch die Sprechanlage hörte.
„Lynn! Du bist das! Klar kannst du hochkommen! Ich mache dir sofort auf!“
Nie zuvor hatte die Zwanzigjährige die Wohnung der Lutgers aufgesucht oder gar betreten.
Willi war klar, dass er sich für sein Domizil schämen sollte, war es doch schäbig im Vergleich zum strahlend weißen Stadthaus des amerikanischen Diplomaten, Mister Havermann, Lynns Vater.
„Ich weiß, was du denkst“, flüsterte Lynn, während sich die beiden im Korridor gegenüberstanden. Sie fingerte am Reißverschluss ihrer Stiefel herum, in dem Bemühen, sie von den Waden zu lösen, ohne dabei zu Füße mit abzureißen. „Aber glaubst du vielleicht, ich nehme etwas von meiner Umgebung wahr? Ich habe nur Augen für… autsch… dich!“
„Ah“, erwiderte Willi grinsend. „Muss ich jetzt eifersüchtig auf den Stiefel oder die Strumpfhose sein? Mit wem genau hast du gerade gesprochen?“
„Mit etwas Pech mit etwa drei Dutzend Flöhen“, antwortete Lynn. „Ah, schon besser!“
Endlich war es ihr gelungen, sich von dem Schuhwerk zu trennen.
„Ich habe eine Zwischengröße, aber ob bei Schuhen oder Klamotten, Mom kauft immer die kleinere von beiden“, beschwerte sie sich. „Das nervt!”
„Und dein Vater?“
„Ach“, Lynn winkte ab. „Wenn er nicht an Politik denkt, dann denkt er an Politics. Immer nur seine Karriere. Na ja, wollen wir ihm mal zugute halten, dass er das nur deswegen so forciert, weil er sie beenden will und die Früchte seiner Arbeit genießen.“
Willi öffnete die Wohnzimmertür. Stumm bat er Lynn hinein. Der Junge mochte die Richtung nicht, die dieses Gespräch nahm, da konnte ihm seine Freundin noch so viele Liebesbekundungen schenken. Egon Havermann plante nämlich, mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Das Vereinigte Deutschland genügte ihm nicht mehr. So sehr sich Willi für den Mann freute, dass dieser auf ein erfülltes Leben zurückblicken konnte, so wenig behagte es ihm, dass sein eigenes Leben dadurch unweigerlich um die zweitwichtigste Sache darin ärmer werden musste: Lynn.
Die Havermanns waren eine alte Auswandererfamilie, die nie ihre Wurzeln vergessen hatte. Besonders Lynns Vater interessierte sich sehr für die Heimat seiner Vorfahren und hatte sich freiwillig zum Dienst im besetzten Westberlin gemeldet. Dort war es eigentlich nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er sich in eine Einheimische verliebt und diese in Ermangelung eines Vaters um ihre Hand angehalten hatte.
Willi wies auf das Sofa.
„Setz dich doch, Lynnie…“, brummte er.
Lynn folgte der Aufforderung.
„Vati war so glücklich, als vor fünf Jahren der Friedensvertrag unterzeichnet wurde“, erklärte sie. „Irgendwie war dadurch alles wieder im Reinen für ihn. Als sei seine Ehe jetzt erst rechtsgültig und er erst jetzt ein freier Mann oder so…“
Die junge Frau zog die Beine aufs Sofa und klopfte auf die Sitzfläche neben sich. Doch Willi dachte nicht daran, auf Kommando, und sei es noch so lieb gemeint, irgendwo anzutreten! Er lies sich im Sessel gegenüber nieder, rupfte sich die Hausschuhe von den Füßen und streckte sie aus, damit sie neben Lynns zu liegen kamen. Die junge Frau kicherte.
„Jedenfalls, sobald ich auch nach amerikanischem Recht volljährig bin“, fuhr sie fort, „wollen meine Eltern Deutschland verlassen. Aber ich habe mich entschieden, hier zu bleiben. Hier ist meine Heimat… und alles, was mir etwas bedeutet.“
Willi konnte kaum fassen, was er da hörte!
„Du bleibst?!“ entfuhr es ihm. „Du bleibst wirklich hier? Bei mir?“
„Ja, auch bei dir“, nickte Lynn. „Und deswegen muss ich wohl ehrlich zu dir sein.“
Willis Herz rutschte in seine Hose. Er zog seine Füße vom Sofa, saß kerzengerade. Aus der Höhe seiner Knie schlug sein Herz so heftig, als säße es noch immer an seiner einstigen Stelle in der Brust. Der Junge fürchtete eine Eröffnung auf sich zukommen, neben der Lynns Abreise auf Nimmerwiedersehen in die mittelamerikanische Pampa erstrebenswert erscheinen musste.
„Ehrlich?“ krächzte er.
Sie liebt mich nicht, sie liebt mich nicht, sie liebt mich nicht. Sie liebt mich doch nicht und bleibt nicht wegen mir hier, dachte er.
„Du wirst immer…“, begann Lynn. Sie stockte. Ein Schluchzer arbeitete sich ihre Kehle hoch, ohne sie verlassen zu können.
„Ich werde immer?“
„Die… die zweit…“
Willi wartete ab.
„Die zweitwichtigste Sache in meinem Leben bleiben“, vollendete Lynn ihren Satz. „Nur die zweite… und das tut mir so leid! So wahnsinnig leid, Willi!“
„Ist diese erste Sache ein Junge?“
Kopfschütteln.
„Ein Mann?“
„Nein.“
„Ein Mädchen oder eine Frau?“
„Nein!“
Verdutzt warf Willi die Arme in die Luft.
„Warum weinst du dann, wenn du etwas besitzt, das dich sogar darüber wegtrösten könnte, wenn ich nicht mehr da wäre? Wenn es doch gar keine andere Person ist, was juckt mich das?“
Lynn sprang auf. Mit den Worten „Du Mistkerl!“ fiel sie Willi in die Arme.
„Was immer es ist, erschrick mich bitte nie, nie wieder so! Bitte!“ nuschelte der Junge in Lynns Haar.
Die junge Frau ließ sich umarmen. Eng umschlungen wiegten die beiden zu einer lautlosen Melodie. Es war nicht die des Vorspiels oder des Liebesspiels im Stehen, sondern eher eine beruhigende Schwingung. Aber wer tröstete dabei wen? Vielleicht spielte es gar keine Rolle.
„Es ist gar nichts Konkretes, was meinen ersten Rang einnimmt“, gestand Lynn schließlich, als sich die beiden wieder voneinander lösten. „Nicht wie deine Malerei. Eher der Wunsch, nicht so zu werden, wie meine Mom. Ich möchte bis zum Abschluss weiter studieren. Was immer danach kommt, ich werde der Zukunft in dem Wissen begegnen, jederzeit für meinen eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können!“
Lynn blickte Willi ernst an. Die Frauen in seinem Land waren doch alle so gewesen, oder? Vielleicht kannte es Wilfried ja gar nicht anders und störte sich nicht an einer selbständigen Freundin, gar Lebensgefährtin? Schön wäre das, mehr als schön, denn diesen Wilfried Lutger begehrte Lynn beinahe so stark wie ihre Freiheit.
„Und du?“ hörte sie sich fragen. „Woran arbeitest du gerade?“
Willi grinste. „An einer Liebeserklärung. Kann sein, es ist die Antwort auf deine unausgesprochene Frage.“
„Ach? Habe ich denn eine?“
„Komm schon“, lachte Willi. „Ich kann menschliche Gesichtsausdrücke so gut lesen, wie jeder andere. Nur, weil ich nicht gern mit Leuten rede, heißt das nicht, dass ich sie nicht verstünde.“
Stimmt, dachte Lynn. Du verstehst sie oft viel zu gut. Besser als sie sich selbst und definitiv besser, als es für jeden gut ist, der nicht gerade als Psychologe arbeitet.
Doch gerade diese Eigenschaft hatte Wilfried Lutger zu einer frühen Reife verholfen, obwohl er seinen Eltern noch viel kindlicher erschien als seine Altersgefährten. Lynn fragte sich, wie sich das wohl im Liebesakt ausdrücken würde. Dann lachte sie über sich selbst. Was würde ihr die Antwort auf diese Frage schon nützen? Vergleiche besaß sie ja keine…
Willi reichte seiner Freundin die Hand. „Komm bitte mit in mein Zimmer! Dann zeige ich dir mein Projekt. Ich hole meine Sachen ungern hier rein, weißt du? Das ist das Reich meiner Eltern.“
Lynn folgte dem Jungen in dessen Raum. Als das älteste Kind besaß Willi ein eigenes Zimmer, doch Lynn vermutete stark, dass seine beiden Schwestern in ihrem geteilten Zimmer mehr Wohnraum besaßen. Willis Jugendzimmer glich eher einem Atelier. Jeder Quadratzentimeter zeugte von der Hingabe des Heranwachsenden an seine Berufung, von der Ernsthaftigkeit und dem Fleiß, die er seiner Arbeit widmete. Selbst dort, wo Mal- und Zeichenutensilien scheinbar wild durcheinander lagen, folgte ihre Kombination einem bestimmten Plan. Doch weitestgehend war Willis Domäne wohlgeordnet. Das Chaos tobte sich auf seinen Zeichenblättern – und wohl auch im Kopf des jungen Malers – aus, nicht in seinem Arbeitsraum. Aber konnte man am eigenen Arbeitsplatz wohnen? Leben?
Wieder lagen Lynns Gedanken wie ein offenes Buch vor Willi. „Ist schon okay“, eröffnete er ihr. „Wenn ich mich erholen will, gehe ich auf den Balkon oder in den Park. Das Zimmer hier brauche ich wirklich nur zum Arbeiten und Schlafen.“
Lynn kicherte. „Ihr Künstler und eure Natur! Mit der habt ihr es wohl alle?“
„Jetzt, wo du´s sagst…“ Willi nahm ein dünnes Schulheft von einem Stapel, um es Lynn zur Begutachtung vorzulegen. „Geometrieaufgaben, W. Lutger“ stand auf dem Umschlag zu lesen, doch nur die ersten beiden Seiten waren tatsächlich zu diesem Zweck genutzt worden. Lynn wusste, dass Willi nur deswegen die Schule besuchte, weil er noch minderjährig und damit schulpflichtig war. Was ihm dort vermittelt wurde, wusste der Junge entweder bereits selbst oder es interessierte ihn nicht. Das Berufsvorbereitungsjahr wurde nicht durch gute Leistungen bestanden, sondern allein durch Absitzen der Zeit. Die Bezeichnung des Lehrgangs klang ungewollt ironisch, denn genaugenommen hinderte seine vormittägliche Schulpflicht Willi daran, sich so intensiv auf seinen Beruf vorzubereiten, wie er es gern getan hatte.
Lynn blätterte durch das Geometrieheft. Jede Doppelseite hatte ihr Freund dem Studium einer anderen Baum- oder Strauchart gewidmet. Allen Gewächse entstammten dem afrikanischen Regenwald. Willi hatte auf jegliche künstlerische Freiheit verzichtet. Seine Pflanzenstudien trugen keine über sich selbst hinausweisende Aussage in sich In ihrer Exaktheit hätten sie den Ansprüchen eines akademischen Botanikers genügt.
Willi legte ein Zeichenblatt im A3 – Format in das Heft, so dass Lynns Blick darauf fallen musste. „Und hier kommt alles zusammen!“ versprach er.
Lynn betrachtete die Zeichnung. Zuerst fiel es ihr schwer, einen Ruhepunkt für ihren Blick zu finden. Zu gedrängt erschien der jungen Frau die Skizze, ganz so, als hätte ihr Schöpfer versucht, eine ganze Welt hineinzupacken. Allein das unübersichtliche Pflanzengewirr im Hintergrund hätte Material für mehrere Gemälde geliefert, doch tummelten sich auf der Skizze noch ein halbes Dutzend Urmenschen. Zumindest ging Lynn davon aus, dass es sich um solche handelte, denn sie trugen Lendenschurze und hier und da hatte der Maler auch bei den Frauen eine ungewöhnlich ausgeprägte Körperbehaarung angedeutet.
Die Evolution des Adam lautete der in die rechte obere Ecke des Blattes gequetschte Titel des Bildes.
Lynn konzentrierte sich auf die Menschen in dem Bild. Jedem Einzelnen hatte der Künstler sorgfältig herausgearbeitete, individuelle Gesichtszüge mit auf den Weg gegeben. Ihre Körper waren wie so viele Bestandteile der Umgebung noch skizzenhaft, doch am innersten Wesen der dargestellten Menschen blieb bereits in diesem Stadium nichts unklar oder dem Betrachter verborgen.
Das zentrale Paar aus Mann und Frau brachte Lynn zum Schmunzeln, kannte sie diese Konstellation doch aus ihrem eigenen Leben. Da war diese junge Frau im Twenalter, die mit den Augen andächtig an den Lippen ihres gleichaltrigen Begatters hing, während dieser mit weit ausholenden Gesten über etwas dozierte.
„Treffend beobachtet!“ lachte Lynn. „Wie bei mir auf der Uni!“
Doch wo sich die Frauen an der Universität freiwillig in die Rolle der hingebungsvollen Zuhörerin fanden, repräsentierte die auf Willis Bild einen einfach gestrickten Typ. Sie verzichtete nicht freiwillig darauf, ihrem männlichen Gesprächspartner vorzuführen, dass sie ihm intellektuell ebenbürtig war, sie war es tatsächlich nicht.
Lynn entdeckte zwei spielende Kinder, zwei nackte Knaben im einstelligen Altersbereich, die in der Nähe des Paares spielten. Die Jungs stellten eine Mischung der Anlagen ihrer Eltern dar. Nicht nur waren sie anhand ihrer Gesichtszüge auf den ersten Blick als der Nachwuchs des Paares in der Bildmitte erkennbar, sie waren auch ihrem Verstand nach bereits unter das Niveau des Mannes herabgesunken, ohne aber auf dem der Frau angekommen zu sein. Lynn bewunderte Willis Fähigkeit, das alles bereits in einer Skizze so deutlich darstellen zu können. Doch anstatt ihm das zu sagen und ihren Freund anzuhimmeln, brachte sie ihm den Respekt entgegen, sich weiter aufmerksam mit seinem Werk zu beschäftigen.
Der ältere der beiden Knaben auf dem Bild zertrat eine Schnecke – ganz offensichtlich empfand er Freude daran. Sein jüngerer Bruder hingegen schaute verträumt vor sich hin, ohne dabei zu bemerken, dass sich ihm eine Giftschlange näherte.
Neben den Kindern und dem Paar gab es noch eine weitere Frau in der Szene. Sie blickte hochintelligent drein, grinste aber ähnlich bösartig wie der ältere der beiden Jungen. Dennoch bestand kein Verwandtschaftsverhältnis zwischen den beiden.
Mit einer Hand deutete die Frau auf das tumbe Frauchen am Arm ihres Mannes, mit der anderen auf in den Bäumen sitzende Affen. Flankiert wurde sie von zwei männlichen Urmenschen, die in ihrer Darstellung dem ersten Mann ähnelten: Stark, klug, nicht sonderlich tief fühlend, aber etwas weniger entschlussfreudig als dieser und daher nicht zum Anführer taugend.
„Willi!“ wisperte Lynn. „Sind das…?“
„Ja, sollen sie sein“, gab der Maler zurück.
Lynn lies ihren Blick erneut über das Bild schweifen. Die bisher anonymen Personen trugen nun Namen. Die junge Frau erkannte Eva, das gefügige, leichtgläubige Mädchen, und Lilith, Adams erste Partnerin, die ihm ebenbürtig gewesen war. Doch der Mann hatte etwas anderes gewollt, jemand Ergebenen, und sich damit Lilith auch in deren Hochmut gleich herausgestellt. Adams Herrschsucht und Evas Beschränktheit formten den Menschen. Seth fehlte auf dem Bild noch. Lynn war gespannt auf Willis Interpretation des letztendlichen Stammvaters der Menschheit. Aber möglichst nicht mehr auf diesem Bild, das ohnehin schon viel zu viele Elemente enthielt. Genau das sagte Lynn ihrem Freund am Ende ihrer Betrachtung seines Werkes.
„Ja, ich weiß“, seufzte Willi. „Es ist zu viel… so wird das nichts. Das Schneckenvieh ist außerdem zu groß und die Affen zu klein.“
„Trotzdem bist du gut. Ein Jammer, dass du nicht studieren darfst.“
Willi zuckte die Schultern. Mit seinen diesbezüglichen Defiziten hatte er sich bereits auf der Realschule abgefunden. Die hatte er mit gutem Erfolg abgeschlossen, doch für den Besuch des Gymnasiums genügten weder sein Wissen noch seine Fähigkeit zu verstehen. Studieren würde Wilfried Lutger also nie. Malte ein Kunststudent überhaupt? Ein Germanist schrieb ja auch keine Bücher! Er interpretierte sie, erforschte die Entwicklung der Sprache oder brachte als Deutschlehrer Kindern die Rechtschreibregeln bei.
Wie wurde man ein Künstler? Durch Geburt und Realisierung seiner Berufung. Aber wie wurde man ein Kunstschaffender von Berufs wegen? Willi wusste es nicht und er fürchtete, es trotz all seiner Bemühungen nie herauszufinden.
Fakt war, dass niemand den angehenden Kunstmaler unter seine Fittiche nehmen wollte. Niemand kaufte ihm seine Bilder ab, keine Agentur fand sich bereit, seine Werke zu vermarkten und für eine private Ausbildung besaß er kein Geld.
Lynn hingegen machte sich keine Sorgen um Willis Zukunft. Ihr Freund war männlichen Geschlechts, würde eines Tages älter als siebzehn sein und eine Postadresse im Westteil der Stadt besitzen, so dass Kunstagenten und potentielle Kunden auch einmal einen Blick auf seine Probewerke werfen würden. Bis dahin würde er eben üben, was ja nie verkehrt sein konnte.
„Komm!“ sagte sie. „Wir sollten deinen Eltern etwas zu essen machen, bevor sie aufwachen. Dann nehmen sie es dir vielleicht weniger krumm, dass du unangemeldeten Besuch eingelassen hast, ohne sie vorher um Erlaubnis zu fragen.“
„Oh… okay.“
Willi lies sich ohne Widerrede in die Küche ziehen. Lynn übernahm das Kommando, eine Meisterin im Organisieren, wenngleich nicht in der Nahrungszubereitung. Es war Willi, der Wasser für gekochte Eier aufsetzte, selbstgebackenes Brot in Scheiben schnitt und aus Naturjoghurt und Früchten irdisches Ambrosia zauberte. Lynn deckte indessen den Tisch, arrangierte die Dekoration und grinste, als sie im Schrank ein Fässchen fand, in dem winzige Degen auf ihren Einsatz warteten.
„Hm. Meinst du, deine Eltern bekommen die Message, wenn wir Spießer in die Käsewürfel stecken?“
Wie zur Antwort betätigte jemand im Bad die Toilettenspülung.
„Ich glaube, das heißt forget it“, lachte Willi. Lynn fiel in das Lachen ein.
„Du liest jetzt also die Bibel?“ erkundigte sie sich, während sie die Teller und Besteck zum letzten Mal in Position rückte. „Oder war das nur so, mit Adam und Eva?“
Die Frage löste einen Redeschwall in Lynns Freund aus, der nicht durch den Druck auf die Wasser-sparen – Taste zu bremsen war! Willi erzählte von Tobias, der von seinem Vater all die weisen und gütigen Ratschläge erhalten hatte, und dann ganz selbstverständlich Menschen als Ware geschenkt bekam. Darüber verlor der Vater kein Wort der Missbilligung. Sogar ein Engel stand dabei, ohne in Tränen auszubrechen…
Am Ende presste Willi die Worte nur noch unter Mühen hervor. Es war ihm anzusehen, wie schockierend der Junge das Gelesene fand.
Lynn runzelte die Stirn.
„Warte mal… wir haben doch erst… wann?… darüber gesprochen, dass du mit dem Gedanken spielst, die Bibel anzufangen. Vor kurzem jedenfalls. Wie kannst du da jetzt schon so weit sein?“
„Oh, I was looking for something short to start…“, gestand Willi der Freundin. “I did not read it straight from cover to cover. Say, how´s my english?”
„Getting better.”
„And how is this?“ Willi berührte Lynns Kinn. Er zog es sanft zu sich, beugte sich zu ihr vor und als er sah, wie sich die Lippen der jungen Frau unwillkürlich öffneten, schloss er die Augen, um den sich anbahnenden Moment zu genießen.
Lynn gab ihre Antwort auf die Frage nonverbal. Es handelte sich um dieselbe wie auf die erste Frage: Auch im Küssen sammelte ihr Freund allmählich Erfahrung.
Die beiden jungen Menschen lösten sich erst voneinander, als Willis Eltern und seine Schwestern die Wohnküche betraten – gerade noch rechtzeitig, um nicht bei ihrem Kuss beobachtet zu werden.
Was in den folgenden Minuten geschah und gesprochen wurde, konnte sich nicht in Wilfried Lutgers Langzeitgedächtnis festsetzen. Er blendete es ja bereits, während es geschah, als banal und seiner Aufmerksamkeit nicht würdig aus. Niemandes Aufmerksamkeit, genauer gesagt, und wenn es die anderen Leute anders hielten, dann in Willis Augen nur deswegen, weil sie erst noch zu der Erkenntnis finden mussten, die er schon lange besaß.
Einzig Lynns Antwort auf die gedankenlos dahingeworfene Frage, was sie um diese frühe Uhrzeit schon aus dem Haus triebe, brannte sich tief in Willis Geist ein:
„Mein Vater hat eine Flohbombe gezündet. So einen Fogger. Wir wollten das ohnehin heute Nachmittag tun. Aber Mom war so in Panik, sie hat die ganze Nacht nicht schlafen können… Also haben wir es gleich gemacht und können jetzt zwei Stunden lang nicht ins Haus.“
Von da an schwieg Willi. Er hatte sich schon vorher nicht am Tischgespräch beteiligt, doch nun ging sein Verhalten darüber hinaus, nun schwieg er so intensiv, dass es bereits wieder Kommunikation betrieb.
„Das passt dir nicht, oder?“ forschte Lynn, nachdem die anderen die Küche verlassen hatten und nur noch das junge Paar zurückgeblieben war. Seit er seine Lehre abgebrochen hatte, überließen die Eltern und Geschwister Willi stillschweigend die gesamte Hausarbeit, obwohl er doch Miete bezahlte. Wilfried hatte nichts gegen Hausarbeit, ganz im Gegenteil erschien es ihm nur vernünftig, dass er, der ja daheim arbeitete und sich seine Zeit frei einteilen konnte, der Familie diese Last abnahm. Eine einzige Frage der Mutter, eine kurzer, klärender Wortwechsel mit dem Vater oder eine Bitte der Schwestern und alles wäre in Ordnung gewesen. Doch die Art und Weise, in der der Junge seine neue Pflicht aufgedrückt bekommen hatte, wollte ihm nicht schmecken. Es fühlte sich wie eine Strafe an…
Willi begriff, dass sich Lynns Frage nicht auf seine Tätigkeit im Haushalt und auch nicht auf die Umstände, die dazu geführt hatten, bezog.
„Eure Flohbombe?“ erwiderte er. „Stimmt, die passt mir ganz und gar nicht! Was können die Flöhe dafür, sich den falschen Hund ausgesucht zu haben? Euer Fido ist einfach nur eine Futterstelle für sie, ihre natürliche Nahrungsquelle. Die Tiere sind unschuldig! Sie tun, was Flöhe eben tun, aber sollen dafür bestraft werden. Mit ihrem Tod und dem ihrer Jungen!“
„Hm“, machte Lynn. Sie dachte kurz nach, dann gab sie sich einen Ruck.
„Willst du eine Kerze für die Toten anzünden?“ fragte die junge Frau.
„Ich…“ Willi wusste, dass seine Freundin ihm nur Angebote unterbreitete, die sie auch ernst meinte. Unter keinen Umständen machte sie sich über ihn lustig. Dennoch zögerte der Junge. Seine Hausarbeit war normal. Für abweichendes Verhalten gemaßregelt zu werden, war normal. Selbst der Kuss mit Lynn, so sehr es sich auch verbot, ihn unter den Augen der Eltern zu wiederholen, war etwas völlig Normales. Eine Kerze im stillen Gedenken an eine Ungezieferplage zu entzünden … undenkbar eigentlich. Aber vielleicht war es gerade das, was der Erzengel insgeheim von Tobias erwartet hatte? Von dem Jüngling, der jede Prüfung bestanden hatte, die ihm zugeteilt wurde? Dass er darüber hinausgehen und jene Prüfungen in Angriff nehmen würde, die nicht offensichtlich an ihn herangetragen wurden?
Willi rang mit sich. Seine Andersartigkeit zu verbergen, mit dem als unheilbar erkannten Makel zu leben, ohne aufzufallen, darauf hatte seine Erziehung abgezielt. „Du bist, wie du bist, und solange du das heimlich tust, lieben wir dich trotzdem“, lautete die unausgesprochene Botschaft seiner Eltern an ihren Ältesten. Aber war das wirklich Liebe? Oder nur Fürsorge? Hielten ihn Wilhelm und Elfriede nicht ebenfalls in einer Form der Sklaverei?
Willis Gedanken überschlugen sich, bis er selbst nicht mehr in der Lage war, ihnen zu folgen. Sie beschleunigten ungeachtet dessen noch einmal, um Sphären zu erreichen, in denen sie selbst Lynn nicht mehr verständlich gewesen wären. Schließlich nickte der Junge. „Ja, ich denke, das möchte ich gern.“

So kam es, dass der siebzehnjährige Wilfried Lutger zum ersten Mal in seinem Leben eine Kirche betrat. An der Seite ihres Liebsten fühlte sich Lynn Havermann, als sei es auch ihr erster Kirchgang. Sie versuchte, so viel wie möglich mit den Augen ihres Freundes zu sehen, wahrzunehmen, wie Willi seine Umgebung wahrnahm, das Erlebte zu verarbeiten, wie er es tat.
Willi lies sich von Lynn den Kerzenstock zeigen. Er warf ein paar Münzen in die Box und nahm eines der bereitstehenden Teelichter in die Hand. Ungläubig lächelnd hielt er es Lynn zur Begutachtung hin. „Ich hatte etwas Größeres erwartet“, schien sein Blick zu sagen.
„Mach!“ erwiderte Lynn, den Gedanken erratend. „Es wird zu etwas Größerem, sobald die Flamme erst brennt!“
Schulterzuckend entzündete Willi die Kerze an den bereits brennenden. Er setzte das Teelicht vorsichtig auf einen freien Platz in einem vielarmigen Leuchter. Symbolisierte das Gestell irgendetwas? Wenn ja, was? Und wenn es für nichts symbolisch stand, wieso sah es dann nicht etwas gefälliger aus? Kaltes Metall…
„Mein erster Kirchenbesuch“, flüsterte der Junge mehr zu sich als zu Lynn. „Und was ist der Anlass? Der Tod!“
„Der umgibt uns überall“, gab Lynn ebenso leise zurück. „Aber Jesus Christus hat uns vorgeführt, dass der Tod überwindbar ist.“
„Ja, so heißt es!“ schnaubte Willi. „Dass das Opfer in seinem Tod bestand! Ich weiß noch nicht, was ich von alle dem halten soll, was deine Religion ausmacht, Lynn. Ob ich es glauben sollte oder nicht. Aber dieser Tod am Kreuz, der war nur eine Lehre für uns. Ein Fingerzeig, ein Machtbeweis, nenn es, wie du möchtest. Das wirkliche Opfer war es, herzukommen, sich all dem hier auszusetzen, als Mensch unter Menschen.“
Lynn unterbrach ihren Freund nicht. Zum einen aus Respekt für Willi und seine Gefühle, zum anderen, weil der unentschlossene Künstler ihren Glauben aus einer völlig neuen Perspektive unter die Lupe nahm, als es die Gemeindemitglieder oder die Glaubensfeinde zu tun pflegten.
„Ich seh´s direkt vor mir“, fuhr Willi fort. „Joseph hat Marias Sohn in seiner Familie akzeptiert. Er wollte einen ordentlichen Tischler aus Jesus machen, aber dessen Berufung lag woanders…“
„Jetzt siehst du dich in der Geschichte!“ rügte Lynn ihren jungen Freund, doch sie tat es mit einem verständnisvollen Lachen.
„Nein, andersherum wird ein Schuh draus!“ Mit Feuereifer begann Willi, seiner Freundin seine neue These auseinanderzusetzen. „Er sieht mich! Versteht mich! Wie uns alle. Der Vater wurde in seiner Menschengestalt zum Sohn. Er hat in seiner kurzen Zeit unter uns alles mitgemacht, was es zu erleben gab. Wir reden uns gern ein, unser Leben wäre irgendwie tief oder vielschichtig, aber das ist es nicht. Dreißig Jahre genügen völlig, sind sogar mehr als genug. Außerdem ist er ja Gott, da kann es sein, dass eine einzelne Handbewegung seines Pflegevaters den jungen Jesus mehr gelehrt hat, als unsereiner sich in seiner gesamten Schulzeit erarbeiten kann.“
„Nun sag nicht, du glaubst, Joseph hätte ihn geohrfeigt?!“
„Nein, daran dachte ich gar nicht. Ich hatte mir vorgestellt, dass er die Körpersprache perfekt gelesen hätte und ihm dann die Veränderung im Luftzug Informationen herangetragen hätten und lauter so mystische Dinge. Aber eine Watsche? Verflixt, Lynn, das wäre heftig. Umso heftiger, da es nicht völlig undenkbar ist. Also hat er wirklich alles mitgemacht… jede Erfahrung…“
Willi ergriff Lynns Hand.
„Du, ich muss hier raus! Das ist nicht der Ort für solche Gespräche! In einer Kirche sollten die Gemeindemitglieder ihren Bund untereinander stärken, indem sie sich an Vertrautes anlehnen. Ich aber bin auf der Suche. Ich bin Gift für das Dogma. Wenn ich gefunden habe, was ich suche, und es ist das, was du schon längst hast, ich verspreche dir, dann kehren wir beide hierher zurück!“
Lynn nickte stumm. Nachdenklich folgte sie Willi. Besaß sie wirklich, was der junge Künstler ihr unterstelle? Einen festen Glauben? Oder handelte es sich bei ihrem Christentum einfach nur um eine Gewohnheit, wie das morgendliche Waschen? Vielleicht, so überlegte Lynn Havermann, täte es ihr gut, sich an Willis Suche zu beteiligen, anstatt ihm die Lehrerin vorzuspielen?

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