Zuckerguss (part 3 von 4)

Der Dezember schlich dahin und eines Tages erfuhr Wilfried Lutger, dass er einen Mal- und Zeichenwettbewerb gewonnen hatte. Es stand schwarz auf weiß in einem Brief, mit dem sein Vater winkte, noch bevor er die Schwelle in den Flur überschritten hatte.
Glück verlieh bekanntlich Flügel, doch damit hielt sich Willi nicht auf. Jeder andere Junge wäre im übertragenen Sinne aus seinem Zimmer heraus zur Wohnungstür geschwebt, Wilfried Lutger hingegen überwand den Zwischenraum nicht auf watteweichen Engelsflügeln, sondern in Nullzeit, ohne die dazwischenliegende Strecke wahrzunehmen. Wie so oft bei derartigen Geschwindigkeiten, war der Aufprall schmerzhaft.
„Das… das ist keine der Adressen, an die ich etwas geschickt hatte…“ stotterte Wilfried, den Briefumschlag mit den Herzlichen Glückwünschen in den Händen. Geöffnet hatten das Kuvert bereits seine Eltern, denn vom Postgeheimnis wurden in Familien wie den Lutgers nur die Erwachsenen geschützt. Sich dagegen aufzulehnen war nicht sinn-, aber weitestgehend fruchtlos. Eine verrückte Hoffnung keimte in Willi auf. Sollten die Eltern etwa eines seiner Werke entwendet und in seinem Namen bei einem Wettbewerb eingereicht haben, dessen Existenz ihm entgangen war? Möglich wäre es, immerhin besaßen Wilhelm und Elfriede Zweitschlüssel zu jedem abschließbaren Objekt in den Reichen ihrer Kinder, mit Ausnahme vielleicht der Tagebücher der Mädchen. Wollte man etwas vor ihnen verbergen, musste man sich schon die Mühe machen, es auf einer karibischen Insel zu vergraben.
Erneut studierte Willi die Adresse des Absenders. Veranstalter des Wettkampfes war, wie er feststellte, ein Autohaus ganz in der Nähe. Nun, das klang nicht sonderlich prestigeträchtig, dafür aber nach einem dicken Bündel Geldscheine für den Sieger.
„Und ich habe wirklich den ersten Platz gemacht?“ vergewisserte sich Willi. „Kein Scheiß?“
Die Eltern nickten einträchtig.
„Womit genau?“ forschte Willi weiter nach. „Etwas mit Autos wäre ein bisschen plump…“ Doch während er das laut dachte, schoss dem Jungen ein „Nein, halt!“ durch den Kopf. Ein solches Motiv einzureichen erschien nur ihm selbst plump. Möglicherweise war es genau das gewesen, was der Sponsor hatte sehen wollen. Die Eltern kannten sich mit solchen Dingen viel besser aus als er. ‚Mit Sicherheit hätte ich es vermasselt’, überlegte Willi weiter. ‚Ich hätte von mir aus weder den Nürburgringunfall noch Man´s better half hingeschickt.’
Es handelte sich um zwei seiner Zeichnungen, die eine mit Bleistiften, die andere mit der Feder. Willis Meinung nach zählten sie nicht zu seinen schlechtesten, aber auch nicht gerade zu seinen Glanzwerken. Genaugenommen hatte er sie nur zur Entspannung dahingeworfen und nie geplant, sie der Öffentlichkeit vorzustellen. An andere Werke mit Bezug zu Autos oder Straßenverkehr erinnerte sich der angehende Kunstmaler nicht.
„Verflixt noch mal“, sagte er lachend, „vielleicht sollte ich mehr von meinen Kaffeepausenwerken anbieten, wenn ich scheinbar aus dem Handgelenk heraus bessere Bilder schaffe, als wenn ich ernsthaft arbeite!“ Konnte es sein, dass er sich zu viel Mühe gab? Zu viele Gedanken machte? Wahre Kunst kam stets aus dem Herzen, soviel war Willi schon selbst klar, doch hatte er bisher geglaubt, dass hochwertige Kunst vorher noch einen Pakt mit dem Hirn eingehen musste und für verkäufliche Kunst auch noch geschickte Finger nötig waren.
Der Junge zog nun das Schreiben aus dem Umschlag. Einen Scheck fand er nicht darin vor, wohl aber eine Einladung zur Preisverleihung im Rahmen eines… Eines bitte was?!
Ein langgezogenes „NEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIINNNNNNNNNNNNN!“ hallte von den Wänden des Treppenhauses wieder, gefolgt von einem Klatschen, als schlage jemand Papier fest gegen Holz.

„Wieder die Kaffeemaschine?“ fragte im dritten Stockwerk Frau Schmitt ihren Mann.
„Denke ich mal“, erwiderte dieser ebenso beiläufig. „Das ist aber auch ein Tapps, der Willi.“

Wilfried Lutger mangelte es tatsächlich an Gewandtheit, Stärke und Ausdauer, all den Qualitäten, die einen guten Sportler ausmachten, dafür verfügte er über ein beachtliches Geschick mit den Händen. In den Minuten nach der Öffnung des Briefumschlages hätte er seine Fingerfertigkeit mit Freuden gegen körperliche Kraft eingetauscht – denn dann hätte er seine Eltern erwürgen können.
„Wie konntet ihr nur!“ wisperte er, bis ins Innerste erschüttert.
„Ein Preis ist ein Preis“, erwiderte Wilhelm. „Wir dachten, es würde dich freuen, auch mal einen zu gewinnen. Und es waren ja wirklich Bilder von dir…“
„Ihr habt meine Zeichnungen vom Babysitten bei den Täschners zu einem Malwettbewerb für Grund- und Vorschulkinder eingeschickt!“ zischte Willi.
„Und gewonnen“, grinste Elfriede. „Also, du hast gewonnen.“
„Ja“, murrte Willi. „Ein Feuerwehrauto von Lego.“
„Von Playmobil.“
„Oh, ja, super. Großer Unterschied.“
Elfriede Lutger legte ihre Hände auf Willis. Der Junge fühlte sich, als würden ihm Handschellen angelegt.
„Fakt ist, hier hast du den ersten Platz belegt. An anderen Stellen wurdest du nicht einmal platziert. Zeigt dir das nicht, wo deine Grenzen liegen?“
„Du hast dich für alle möglichen Stipendien und Wettbewerbe beworben“, sprach Wilhelm auf seinen Sohn ein. „Zusagen kamen immer nur von den unseriösen Stellen. Siehst du nicht endlich ein, dass du dir mit deiner Malerei keine Existenz aufbauen kannst? Willi, das ist ein wundervolles Hobby, das du da hast, aber für ein Steckenpferd wirft man nicht seine Lehre hin.“
Von den Handschellen zur Hinrichtung. Aber wenn man schon sterben musste, dann brauchte man sich auch nicht mehr an Höflichkeitsregeln zu halten. Was konnte einem zur Strafe schon noch Schlimmeres zustoßen? Daher erwiderte Willi respektlos: „Ich dachte mir, dass ihr das jetzt wieder hoch würgt.“
Zu Überraschung des Jungen lenkte sein Vater bereitwillig ein, indem er erklärte:
„Na ja, ich gebe zu, dass die Gartenmöbelfabrik vielleicht nicht ganz das Richtige für dich war.“
Willi nickte heftig.
„Aber mittlerweile hast du ein besseres Angebot erhalten“, fuhr Wilhelm fort. „Du könntest dein ganzes Leben lang mit Kindern arbeiten. Mit ihnen malen. Wer weiß, vielleicht bist du es ja, der mal einen kleinen Künstler unter ihnen entdeckt? Das wäre doch toll!“
„Ja, wer weiß. Hat dir allerdings auch nicht gereicht, dir erzählen zu lassen, wie ein anderer Kerl deine Frau durchgefickt hat.“
Elfriede schnappte nach Luft!
„Aber geheiratet hat sie später mich!“ schnarrte Wilhelm. „Weil ich ihre große Liebe bin und der andere nur eine Flamme gewesen ist! Meinst du nicht, dass deine Mutter sich auch gern an Dieter erinnert? Immerhin hatten die beiden eine gute Zeit zusammen, damals auf der Oberschule. Nur ein weltfremder Narr würde sich das nicht eingestehen.“
Wilhelms Eröffnung war von einer Willi bis dahin dermaßen unbekannten Vertraulichkeit und Offenheit, dass der Junge lediglich „Wieso sagst du mir das?“ stottern konnte.
„Weil es auch mit dir und dem Malen so sein wird – sein sollte. Niemand verlangt von dir, es aufzugeben. Aber du musst endlich mal die richtigen Prioritäten in deinem Leben setzen!“
„Also wollt ihr, dass ich diese Lehre als Erzieher antrete und die Wettbewerbe vergesse?“
„So ist es.“
„Dumm nur, dass ihr mit eurer Teilnahme in eine Veröffentlichung von Name und Photo des Siegers eingewilligt habt…“
„Ach?“ fragte Elfriede leichthin.
Wilhelm verschränkte seine Arme vor dem Körper.
„Ich würde sagen, ein erster Preis ist ein erster Preis. Hol ihn ab! Oder sollen wir uns umsonst die Mühe gemacht haben?“
Willi musterte Mutter und Vater prüfend. Doch diesmal lies ihn seine Menschenkenntnis im Stich. Er konnte sich beim besten Willen nicht erschließen, was die beiden planten. Es gab nur einen einzigen Weg, es herauszufinden: Sich auf die ganze Farce einzulassen.

Mit einem alten Kinderphoto in der Innentasche seine Wintermantels und einem flauen Gefühl im Magen lies sich Willi von seinem Vater zum Autohaus fahren. Er bemerkte kaum die anwesenden Eltern mit ihren Sprösslingen, obwohl man stellenweise knietief in Kindern watete, die ab und zu ohne vorherige Warnsignale Eigenschaften einer Springflut entwickelten.
Als Vater und Sohn Lutger eintrafen, war das Kinderfest bereits in vollem Gange. Angestellte, Spielstationen, Prospekte, Angebote für Probefahrten, ausgestellte Bilder, Musik, Büffet… Punkt für Punkt hakte der Jugendliche die Umgebungscheckliste ab, ohne sich selbst in irgendeiner Weise zu einem der Listenposten in Beziehung zu setzen. Wie betäubt nahm er endlich neben seinem Vater zwischen den restlichen Familien im großen Präsentationsraum Platz. Nun ließen sich auch die Kinder nicht länger von den Autos und dem Budenzauber ablenken, war es doch an der Zeit, die Gewinner des Malwettbewerbs bekanntzugeben.
Aus den Augenwinkeln beobachteten die beiden Lutgers die anderen Anwesenden. Sie versuchten, herauszufinden, welche der Elternpaare ihren Kindern schon gesagt hatten, ob diese zu den Gewinnern gehörten und welche den genauen Inhalt des Briefes geheim gehalten hatten. Und dann waren da noch jene, die nur eine Einladung erhalten hatten, ohne einen Hinweis auf eine Platzierung ihres Kindes. Natürlich bedeutete das, dass sich der Sohn oder die Tochter eben nicht platziert hatten, doch solange man das nicht schwarz auf weiß in den Händen hielt, solange bestand noch Hoffnung…
Wilhelm entging nicht, dass sein Sohn dasselbe tat wie er selbst. Er grinste Willi verschwörerisch zu. Doch der Jugendliche schaute sofort weg.
‚Einem dieser Kinder hast du den Preis geraubt, Vater’, dachte er bei sich. Denn das eigentliche Siegerkind des Wettbewerbs war ja zum Zweitplazierten geworden, der Zweite zum Dritten und immer so weiter bis hinunter zum Zehnten, der nun der Elfte sein würde und ohne Preis nach Hause gehen musste.
‚Vielleicht ist es jemand, den ich kenne’, redete sich Willi ein. ‚Dann mache ich es wieder gut! Ich bekomme ja Lohn für meine Minijobs.’
Einen kurzen Moment lang sonnte sich Wilfried in diesem Gedanken, dem Gedanken daran, dass mit Geld alles wieder ins rechte Lot zu bringen war. Reich müsste man sein! So richtig reich! Und dann etwas bewirken! Er würde… Ja, was würde er eigentlich als erstes tun? Zuerst würde er sich wohl hinsetzen müssen, um einen Kompromiss aus dem, was die Menschen wollten, und dem, was sie brauchten, zu finden. Natürlich würde Lynn dabei neben ihm sitzen. Er würde ihr vorher etwas geschenkt haben. Was sie sich wohl am allermeisten wünschen würde?
Der Junge wurde aus seinen Tagträumen brutal in die Gegenwart zurückgeholt, als der Autohausbesitzer bei der Siegerehrung nun die ersten drei Plätze bekannt gab. Willi hob den Kopf. Er blickte in die Gesichter von sieben Kindern, die bereits ihre Preise in den Händen hielten und wie die Honigkuchenpferde ins Publikum grinsten. Wohlwissend, dass es zu viel Unruhe in die Menge gebracht hätte, wären die Prämierten zu ihren Plätzen zurück geschickt worden, hatte der Sponsor des Wettbewerbs sie einfach alle vorn behalten. Hier und da blitzen Photokameras auf. Willi blinzelte. Dann hörte er seinen Namen.
WILFRIED LUTGER!
Wilhelm sprang auf, ganz der stolze Vater. Gefolgt von seinem mit gesenktem Kopf dahinschlurfenden Sohn – ganz der genervte Teenager – kam er nach vorn.
„Ja, der Willi ist leider erkrankt“, spulte Wilhelm seinen Text herunter. Willi musste dem Vater zugestehen, dass er seine Rolle überzeugend spielte. Offenbar hatte er seine Künstlergene also vom väterlichen Zweig der Familie erhalten.
Ganz und gar nicht kaltschnäuziger Geschäftsmann, sondern tatsächlich ein wenig traurig, wandte sich der Autohausbesitzer an Willis Vater: „Das ist aber schade! Ich hätte Ihrem Sohn gern persönlich die Hand gedrückt. Alle Kinder haben sich große Mühe gegeben, aber die Arbeit ihres Jungen war etwas ganz Besonderes. Wie von einem viel älteren Kind.“
„Ich bin kein Kind!“ zischte da Willi Lutger, so dass es nur sein Vater und der Autohausbesitzer verstehen konnte.
Auf den verdutzten Blick des fremden Mannes und den überrumpelten des Vaters, der in Bruchteilen einer Sekunde die ganze Wahrheit preisgab, hin ergänzte der junge Maler: „Das Bild ist von mir!“ Gleichzeitig griff er nach der Kinderzeichnungsimitation, die auf dem Tisch vor dem Geschäftsmann lag. Den ebenfalls dort wartenden Preis, das große Playmobil-Feuerwehrauto, ignorierte er.
Zwar nicht gewohnt, aber doch befähigt, weitreichende Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit zu treffen, lies sich der Wettbewerbssponsor zunächst nichts anmerken. Er wiederholte Wilhelms Lüge über den erkrankten Wettbewerbssieger noch einmal für alle Anwesenden, wünschte „dem kleinen Künstler Willi“ „Gute Besserung“ und nahm sich sogar Zeit, mit den Kindern auf dem Photo zu posieren. Dann erst winkte er die beiden Lutgers in ein abgetrenntes Separee im Saal, wo normalerweise Verträge unterschrieben wurden. Der Mann schloss die Tür hinter den dreien und dann wurde es laut. Sehr laut.
„Sagen Sie mal, wie können Sie es wagen…?!“ explodierte der Autohausbesitzer.
Herr Lutger zuckte zusammen.
Willi grinste.
Jedenfalls am Anfang.

Wenig später hockte Willi erneut auf dem Beifahrersitz des Familienwagens. Er umklammerte den Karton mit dem Feuerwehrauto wie einen Rettungsanker. Hätte sich das Gefährt jetzt für einen Einsatz bereit machen müssen, die Tränenflut des Preisträgers hätte genügend Wasser bereitgestellt, um ein ganzes Stadtviertel samt einer mittelgroßen Chemiefabrik zu löschen.
„Für einen Moment war ich versucht, dem Mann zu sagen, du seist geistig behindert“, murmelte Wilhelm. „Auf dem Entwicklungsstand eines Grundschülers zurückgeblieben. Aber…“
„Was aber?!“ schnauzte Willi seinen Vater an. „Das denkst du doch sowieso! Das glaubt ihr doch alle in der Familie!“
„Das stimmt nicht. Das bildest du dir nur ein.“
„Vielleicht“, gab Willi zu. „Denn wenn es so wäre, dann hättet ihr mir schon längst einen Behindertenausweis aufgezwungen, um sämtliche Vergünstigungen einzukassieren!“
„Nun werd aber mal nicht unsachlich!“ herrschte Wilhelm seinen Sohn an.
„Ach? Bekomme ich von dir jetzt auch eine Predigt zu hören, wie von dem Kerl da drin? Ihr Kainsbrut haltet doch alle zusammen!“ schrie Willi unter Tränen. „Ich kenne die Geschichte! Es wird uns immer eingeredet, Seth sei der Stammvater der Menschen, aber auch Kain hat sich fortgepflanzt! Öfter, möchte ich wetten!“
Willis Ausbruch brachte Herrn Lutger zum Schweigen. Nicht die Anschuldigung als solche, denn die war zu absurd in den Augen des Mannes, um auch nur ansatzweise in Betracht gezogen zu werden. Erschüttert darüber, wieder einmal, vorgeführt zu bekommen, auf welch merkwürdigen Pfaden sich die Gedanken seines Sohnes bewegten, vermochte Wilhelm nichts zu erwidern.
Mechanisch löste er die Handbremse, dann lies er ebenso mechanisch den Motor an, konnte jedoch bereits wieder seinen Kopf schütteln, als er den Gang einlegte.
„Du…“ brachte Willi unter Tränen hervor, „Du hast das so geplant! Am liebsten wäre es dir gewesen, wenn ich die ganze Demütigung auch noch vor allen Leuten erfahren hätte!“
Wilhelm nickte knapp.
„Ja“, lautete die Geste, „ich wollte, dass du dich blamierst. Ich hoffte, es würde dir eine Lehre sein. Damit es endlich aufhört.“
„Und ich Trottel“, schniefte Willi, „habe geglaubt, du würdest entlarvt mit deinem schäbigen Schachzug. Und dass ich dann vielleicht wiederkommen und meine richtigen Bilder zeigen könnte. Aber ich kam ja nicht einmal zu Wort in dem Kabuff. Für den Typen war völlig klar, dass nur ich allein der Betrüger sein konnte. Der hat mich so was von fertiggemacht… Na ja, eigentlich auch nicht anders als ihr normalerweise, nur lauter, drastischer… offener eben. Das bin ich noch nicht gewohnt.“
Von seinem Vater erhielt Willi daraufhin nur noch das altbekannte missbilligende Schweigen, das Schweigen der „Nun denk mal darüber nach, was du falsch gemacht hast!“ – Art. Der Junge hätte schwören können, dass sein Vater auf der Fahrt nach Hause nicht nur deutsch, sondern auch russisch, englisch und lateinisch geschwiegen hatte und hätte die Mietskaserne, in der die Lutgers lebten, nicht so nah am Autohaus gelegen, hätte der arme Kerl wohl auch noch auf altgriechisch zurückgreifen müssen, das er leider nicht beherrschte.

Elfriede Lutger empfing Wilhelm und Wilfried mit einem freundlichen Lächeln und dem tischfertigen Mittagessen. Eines war so falsch wie das andere. Die Bolognese Soße auf den Makkaroni kam aus dem Glas und unter dem Lächeln vermochte sich die Sorge nicht vollständig zu verstecken. In Willis Augen wurde die Mutter damit zur Kollaborateurin, nein, zu einem gleichberechtigten Teil der Konspiration gegen ihn!
„Wie ist es ausgegangen?“ fragte Elfriede leise ihren Mann. Der zuckte die Achseln.
Die Mutter streute Willi eine Extraportion Käse auf die Makkaroni mit Soße.
„Hast du etwas aus der Angelegenheit gelernt?“ forschte sie.
„Ja.“
Hastig schlang Willi sein Essen hinunter. Kaum war er fertig, sprang er auf, um sich in der Küchenspüle das Gesicht zu waschen. Nachdem die letzten Tränenspuren beseitigt waren, knüpfte der Junge an sein „Ja“ an, als lägen nicht mehrere Minuten, sondern lediglich ein kleines Komma zwischen der Antwort und seiner nun folgenden Eröffnung: „Deswegen muss ich noch mal weg.“
„Wa…?“ entfuhr es dem Vater, doch da war sein Teenagersohn bereits aus der Küche gerauscht. Die älteren Lutgers hörten nur noch die Wohnungstür aufgehen und wieder ins Schloss fallen.
„Da soll mich doch!“ ächzte Wilhelm. „Ich werde nicht schlau aus dem Jungen! Wer weiß, was er jetzt wieder vor hat!“
„Heute ist doch der Termin für das Vorstellungsgespräch“, erinnerte Elfriede ihren Gatten. „Den wird er nun doch wahrnehmen wollen.“
Skeptisch legte Wilhelm seine Stirn in Falten. Die Stirn tat das bereits von ganz allein, aber da Stirnhaut und Besitzer einer Meinung waren, verstärkte Wilhelm den Effekt willig.
„Meinst du wirklich?“ hakte er nach.
Elfriede nickte. „Schau – er hat im Gehen den Brief eingesteckt.“

Wilfried Lutger trug tatsächlich den Briefumschlag mit der Einladung bei sich. Er benötigte ihn, um zur richtigen Adresse zu gelangen. Den blau-weißen Karton mit dem Spielzeugauto unter dem Arm klingelte er an der Tür des privat geführten Kindergartens „Fröbelwiese“.
Die Tochter der Besitzerin, die merkwürdigerweise gar nicht Fröbel hieß, öffnete ihm.
Gerd und Valerie hatten Willi schon von den beiden Tanten Nicht-Fröbel erzählt, die sich manchmal vormittags um sie kümmerten. Bruder und Schwester waren sogenannten „Mittagskinder“, die mehrere Stunden vor den anderen wieder abgeholt wurden. Für dieses Privileg mussten sie allerdings auf den Kakao verzichten, der nachmittags an die anderen Kindergartenkinder ausgeteilt wurde. Nur, wer nicht regelmäßig mittags nach Hause gehen durfte, sondern nur ausnahmsweise einmal, erhielt seine tägliche Ration bereits mittags.
Kopfschüttelnd realisierte Willi, wie viel ihm bereits über die Gepflogenheiten an der ihm zugedachten Arbeitsstätte wusste. Aber da ein stummer, kopfschüttelnder Teenager auf der Schwelle ihrer Erziehungsanstalt Fräulein Nicht-Fröbel nur unnötig verwirrt hätte, stellte sich der Junge rasch vor: „Mein Name ist Willi Lutger. Ich kenne ein paar Ihrer Zöglinge.“
Sofort wechselte der Gesichtsausdruck der jungen Frau von neutralem, geschäftsmäßigen Interesse zu freudiger Überraschung. Lag vielleicht sogar ein wenig Zuneigung darin? Oder bildete sich Willi das nur ein, weil Nicht-Fröbel nur wenig älter als seine Freundin Lynn war?
„Willi, sagst du? Ja, dann möchte ich mal meinen, dass viele unserer Kinder, die du nicht kennst, dich trotzdem kennen. Du bist so eine Art Superheld für die Kleinen.“
„Was immer sie erzählt haben, ist bestimmt übertrieben! Aber das mit dem Autofahren, das stimmt wirklich!“ platzte es aus dem angehenden Kunstmaler heraus. Er konnte gar nicht anders. An einem Ort, an dem er sich akzeptiert fühlte, durfte Wilfried sämtliche Facetten seines Wesens ausleben. Dazu gehörte nun einmal auch, ein Teenager zu sein. Die Erzieherin wusste das natürlich. Aus diesem Grund schmunzelte sie, gab aber keinen Kommentar ab, als der Junge auf den Grund seines Besuchs zu sprechen kam: „Mein Vater und eine Respektsperson sind der Meinung, dass ich Mist gebaut hätte. Als Wiedergutmachung soll ich dieses Feuerwehrauto bezahlen und spenden. Vielleicht glauben sie, ich schicke es nach Indien oder so, aber ich denke, hier bei Ihnen ist es auch gut aufgehoben.“
Willi hielt den Karton vor seinen Körper wie einen Schild. Die Krieger aus alter Zeit hatten noch gewusst, wie man seine Wehr notfalls zu Schlagwaffe umfunktionieren konnte. Willi bot einen ganz ähnlichen Anblick…
„Komm doch erstmal rein“, forderte die Erzieherin den jungen Mann auf. „Geschenke sollte man stets persönlich überreichen.“
„Jaaaa, dann… Okay.“
‚Mein Vater und eine Respektsperson’ – die Kindergartenerzieherin lies sich diesen Satz immer wieder durch den Kopf gehen, während sie Willi ins Haus geleitete. Er klang so sehr nach trotzigem Teenager, dass man schon auf den Unterton hören musste, um zu erkennen, welchen der beiden Männer Willi denn nun wirklich respektierte und welchen nicht. Aber Respekt konnte auch langsam verloren gehen, vor allem, wenn er ursprünglich lediglich aus antrainiertem Gehorsam heraus geboren war…
„Ist das einzige Grund, aus dem du heute hier bist?“ erkundigte sich die Erzieherin bei ihrem Besucher. „Weil, wenn es noch einen anderen gäbe, dann müsste ich ‚Sie’ zu dir sagen.“
Willi winkte ab.
„Haben die Ausbilder an meinem ersten Arbeitsplatz auch nicht getan. Aber Sie haben schon Recht, ich kann den Brief nicht einfach totschweigen und hoffen, dass er sich dann in Wohlgefallen auflöst. Also, Folgendes, ich wollte Ihre Mutter bitten, mir das Angebot aufzuheben. Noch ein Jahr, bis ich achtzehn bin.“
„Das wundert mich jetzt aber. Ich dachte wirklich, es wäre ein Beruf für dich.“
Willi schluckte hart. Das war dann also der Moment. Der, in dem er sein gesamtes Wissen über seine Mitmenschen in die Waagschale würde werfen müssen. Der Junge wollte niemanden verletzen, am allerwenigsten Leute, die es gut mir ihm meinten. Aber er konnte auch sich selbst keine tödliche Wunde zufügen. Daher versuchte er sich an Worten, die überzeugend klingen mussten, dabei aber die Wahrheit außen vor ließen:
„Ich würde vorher gern noch die Schule fertig machen. Wissen Sie, das klingt jetzt blöd, aber die intelligenten Kinder, denen wird gestattet, zwölf oder dreizehn Schuljahre lang Kinder zu bleiben. Die müssen noch nicht arbeiten gehen. Ich möchte diese zusätzlichen Jahre ebenfalls haben! Ich bin siebzehn, meine Hormone spielen verrückt, manchmal weiß ich nicht, was ich eigentlich fühle oder wer ich überhaupt bin! Ich fühle mich einfach noch nicht bereit, in diesem Zustand Kiddies zu unterrichten. Es wäre eine Lüge.“
Fräulein Nicht-Fröbel lies Willi ausreden, ohne ihn zu unterbrechen. Lediglich ein Schmunzeln hier und da und ein anerkennendes Nicken an manchen Stellen gestattete sich die Frau.
„Du kannst jederzeit wiederkommen, Willi. Selbst, wenn wir die freie Stelle dann schon mit jemand anderem besetzt haben, darfst du die Lehre trotzdem bei uns machen. Und solltest du einfach mal einen Vor- oder Nachmittag unverbindlich hier jobben wollen, dann melde dich nur rechtzeitig vorher an. Einverstanden?“
Die Erzieherin streckte Willi ihre Hand entgegen. Der Junge zwang sich, kein verräterisches Zögern zuzulassen und einzuschlagen.
„Einverstanden!“ antwortete er.

‚So’, dachte Willi, während er wenig später gegen die Wand gelehnt dem Spiel der Kinder zuschaute. Darauf hatte die junge Frau bestanden. Welche Hintergedanken auch immer sie damit verbinden mochte, der junge Künstler war dankbar für die Auszeit. Zum einen würde seine längere Abwesenheit die Eltern in ihrer Annahme bestärken, dass er sich gerade in einem Bewerbungsprozess befand, zum anderen benötigte er die Zeit, um seine aufgewühlten Gedanken zur Ruhe zu bringen.
Zuhause würde er erzählen, dass man ihn nicht genommen hätte. Er wiese Bildungsdefizite auf, die er aber im Rahmen des BVJ aufholen werde, so dass noch Hoffnung bestünde…
‚So’, dachte Willi also, „Jetzt bin ich ein Lügner und Eidbrecher. Ich verspreche etwas, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich es nicht halten werde. Was muss ich noch alles auf mich nehmen für meinen Traum, das die Kinder anderer Eltern nicht nötig haben? Was alles?!’
In diesem Moment huschte ein kleiner weiß-gelber Komet an Willi vorbei. Es handelte sich um ein in dicken einen Strickpullover gepacktes Mädchen aus der mittleren Gruppe.
„Schau!“ begrüßten die anderen Kinder ihre Freundin, die erst jetzt aus dem Mittagsschlaf in ihre Runde zurückkehrte. „Wir haben ein Geschenk bekommen! Von Willi!“
Ein Junge deutete, einen der Feuerwehrmänner fest in der seiner Faust umschlossen, auf das Auto.
„Das hat Willi für uns gekauft! Das ist das große, nicht das kleine! Das kostet ganz viel Geld!“ wusste ein anderer Junge zu berichten.
„Ich habe so eins zuhause“, verriet das Strickpullimädchen dem Spender. „Wenn ich hier auch damit spielen kann, habe ich nicht mehr so doll Heimweh…“
Diese und weitere Kommentar hörte sich Wilfried Lutger an, bis er sich die Tränen aus den Augen wischen musste.
„Danke, Mutti, Danke, Vati!“ flüsterte er. Ein Künstler war er schon immer gewesen, daran würde sich auch nie etwas ändern. Doch die kleine Scharade seiner Eltern hatte ihn hierher in diese Situation gebracht. Und erst im Verlauf dieser Episode war Willi ein Grund aufgegangen, unbedingt mit seiner Malerei Geld verdienen zu müssen. Nicht als Bestätigung dessen, was er war, oder wenigstens nicht nur deswegen. Die Freude der Kinder war sein eigentlicher Lohn. Weil er anders war, als seine Eltern, die sich nicht um die Gefühle ihres Sohns scherten!
Doch wie so oft in den vergangenen Monaten entlarvte der Junge einen seiner eigenen Gedanken als falsch, noch während er ihn dachte. Oder zumindest als unvollständig. Seine Gefühle waren den Eltern tatsächlich ziemlich egal, nicht aber er selbst. In ihrer verdrehten Art und Weise meinten sie es ja nur gut mit ihm.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s