Zuckerguss (part 4 von 4)

In den kommenden Tagen dachte Willi angestrengt darüber nach, wie er den Eltern seine gewonnene Erkenntnis vermitteln könnte. Doch zunehmend nahmen die Vorbereitungen für das Fest die fünf Lutgers in Anspruch. Nachdem das Willis Schwestern ersteinmal aufgegangen war, neigten sie dazu, der elterlichen Wohnung so lange wie möglich fern zu bleiben. Am 21. und 22. Dezember war großer Hausputz angesagt und lange vor den Mikroben und Bazillen waren die beiden Mädchen aus der Wohnung verschwunden.
„Sie werden eben selbständiger und unabhängiger“, meinte Elfriede gerührt.
„Quatsch!“ widersprach Willi. „Die lernen, sich um die Arbeit zu drücken!“
In Gestalt ihres großen Bruders hatten die beiden ja ein Aschenputtel im Haus. Kinder lernten seiner Erfahrung nach schnell, wie sie andere ausnutzen konnten und machten in der Regel hemmungslos davon Gebrauch. Immer häufiger ertappte sich Willi dabei, sich auszumalen, wie er seine eigenen zukünftigen Kinder daran hindern konnte, Charakterschweine zu werden, ohne sie dabei zu brechen. Jedesmal endeten seine diesbezüglichen Gedanken an derselben Stelle: Ohne Lynns Unterstützung wird das nichts. Und dann wurden die Gedankenspiele weniger jugendfrei. Schon bald, wenn die weihevolle Zeit zwischen den Jahren herumgegangen war, wollten die beiden Liebenden das erste Mal miteinander schlafen. Willi ahnte, ohne sich wirklich sicher sein zu können, dass es auch für seine Freundin das allererste Mal sein würde. Jedenfalls das erste Mal in Gesellschaft. Ob sich auch Mädchen mit dem Problem herumschlugen, dass es manchmal einfach so passierte? Und wenn ja, ob sie es zu schätzen wussten, dass sie hinterher keine schleimige Bescherung wegputzen mussten?
Wilhelm und Elfriede blieben von den Gedanken ihres Sohns ausgeschlossen. Nicht im Traum wäre es Willi eingefallen, ausgerechnet diese beiden in seine Nöte sexueller Natur einzubeziehen. Diesmal lag es nicht am gestörten Vertrauensverhältnis zwischen Erzeugern und pubertierendem Sohn, ganz im Gegenteil war sich der Junge sicher, dass seine Eltern erfreut gewesen wären, wenn er endlich einmal mit einem ganz normalen Teenagerproblem zu ihnen käme, mit etwas, das sie nachvollziehen konnten. Doch genau da lag der Hase im Pfeffer. Der Gedanke, dass seine Eltern ebenfalls wussten, was es mit Männlein und Weiblein auf sich hatte, fühlte sich irgendwie widerlich für den Jungen an. Sich dann auch noch vorzustellen, dass die beiden die Konsequenzen aus den Unterschieden zwischen Mann und Frau auch noch praktizierten, gehörte zu den Horrorvisionen eines Siebzehnjährigen.
So kam Willi um die Lösung seines Problems und Willis Eltern blieb versagt, zu erleben, wie ihr ältestes Kind einmal einen ihrer Ratschläge befolgt hätte.
Man putzte und dekorierte einfach schweigend nebeneinander her. Besonders Willi bemühte sich um eisernes Schweigen, denn wann immer er eine Frage hatte, führte die nur zu größerer Verwirrung. Dann lieber raten, wie es weitergehen sollte.
„Wo ist´n der Müllbeutel?“ erkundigte sich der Junge schließlich doch, eine volle Schaufel Kehricht in der einen und einen Klumpen Knüllpapier in der anderen Hand. Mit dieser Frage konnte man nichts falsch machen, oder? Ihre Beantwortung verlangte keine missverständliche Tätigkeitsumschreibung, sondern eine simple Ortsangabe.
„Da, neben dem Bett“, antwortete die Mutter.
Wilfried rief den Begriff „Bett“ in seinem internen Wörterbuch auf: Zeitgenössische Schlafstätte, bestehend aus Matratze und Bettgestell, meist auf vier Beinen auf dem Boden stehend. Nächstes entsprechendes Objekt im Zimmer = die beiden Liegen der Eltern.
Nicht einmal ansatzweise in der Nähe der Liegen war ein Müllsack zu sehen. Zwar lagen alle möglichen Kabel, Bücher, Decken, Läufer und sogar eine überlagerte Packung Fischflocken auf dem Boden, aber weit und breit keine Plastiktüte. Willi stakste wie der sprichwörtliche Storch im Salat durch das Chaos um die Schlafliegen herum.
„Wo?“ wollte er fragen, stolperte jedoch im selben Moment, schaffte es nicht, sich wieder zu fangen, und landete auf seinem Hinterteil.
Aus dem „Wo“ wurde ein „Whoaaa!“ die Kehrschaufel entglitt Willis Händen und erst, als der Junge ein „Au“ hinzufügen wollte, ging ihm auf, dass er ja eigentlich sehr weich gefallen war. Willi blickte nach unten und stellte fest, auf dem gesuchten Müllsack zu sitzen.
„Sag mal, geht’s dir noch gut?!“ hörte er seinen Vater schimpfen. „Jetzt hast du den ganzen Dreck auf unserem Deckbett verteilt!“
In der Tat hatte sich der Inhalt der Kehrschaufel malerisch auf der bezogenen Steppdecke verteilt, mit der sich Wilhelm nachts zuzudecken pflegte.
„Und ich sage dem Jungen noch ‚neben dem Bett’!“ seufzte die Mutter.
‚Bett!’ schoss es Willi durch den Kopf. ‚Damit war das Deckbett gemeint!’
Nicht, dass ihm diese Erkenntnis sonderlich weitergeholfen hätte. Bereits im Verlauf der nächsten zehn Minuten wurde er angewiesen, ein Heizkissen in Weihnachtsmannform „aufs Bett“ zu legen. Schon senkte Willi seine Hand zu den mittlerweile zum Auslüften auf dem Fensterbrett ausgebreiteten Steppdecken, als ihn ein scharfes „Aufs Bett!!!“ an seinem Vorhaben hinderte. „Dorthin!“ ergänzte der Vater, mit dem Finger auf Elfriedes Liege weisend.
Willi unterdrückte ein Stöhnen, dann platzierte er das Kissen an den ihm zugedachten Platz.
‚Ist ja auch irgendwie logisch’, dachte er.
Die Fronten verhärteten sich zusehends, als der Junge nun die Anweisung erhielt, noch schnell mit einem feuchten Lappen über die Scheuerleiste zu wischen.
„Die unter der Heizung, ja?“
„Nein, daneben.“
„Also soll ich unter der Heizung aussparen?“
„Nein!“
„Also die ganze?“
„Ja!“
„Also doch die unter der Heizung!“
Wilhelm Lutger blinzelte. Er winkte seinen Sohn mit dem Finger zu sich, bis dieser so nah stand, dass er zu seinem Vater aufsehen musste.
„Du machst das mit Absicht, oder?“
Kopfschütteln.
„Du willst provozieren!“
Erneutes Kopfschütteln.
„Ha! Dachte ich es mir doch!“
In Momenten wie diesen fragte sich Wilfried, ob wirklich er kommunikationsgestört war oder nicht doch eher seine Eltern. Er glaubte, die Worte und ihre Bedeutung zu kennen. Ein Ja war ein Ja und ein Nein ein Nein. Doch in der Welt da draußen zogen Worte, Gesten und Tonfälle ganze Rattenschwänze an Bedeutungen hinter sich her. Rattenkönigsschwänze, so unentwirrbar waren die Konstruktionen! Da half es auch nicht, sich vorzunehmen, öfter mit anderen Menschen zu sprechen. Durch Zuhören allein vermochte Willi die korrekte Anwendung falscher Sprache nicht zu erlernen.
Also hieß es, die Zähne zusammenzubeißen, das eigene hilflose Schweigen als Trotz ausgelegt zu bekommen und die Strafe auf sich zu nehmen. Telefonverbot in diesem Fall. Das bedeutete, Willi würde Lynn erst wieder nach den Feiertagen sprechen können, sollte sie nicht von selbst auf den Gedanken verfallen, bei den Lutgers anzurufen. Aber da Willi auch keine Anrufe annehmen durfte, lag es in der Gnade seiner Eltern, ob sie ihn an den Hörer rufen oder den Anrufer mit einem „Unser Sohn ist leider nicht daheim“ abweisen würden.

An diesem Abend kam Willi lange nicht zur Ruhe. Er malte. Zuerst im Kunstlicht seiner Zimmerlampe und dann im Mondlicht. Er malte den Himmel, den Mond, die Dächer der Häuser und die kahlen Wipfel der Bäume, malte sie, wie sie sich ihm vor seinem Fenster präsentierten und doch völlig anders.
Die Äste schienen förmlich nach oben zu greifen, doch sie konnten den Mond nicht erreichen. Dieser wiederum ahlte sich im Schein der Sonne, den er reflektierte. Er gab nur wieder, erzeugte nicht selbst. Ein Brocken tauben Gesteins, das aus unerreichbarer Höhe auf die lebendigen Bäume herabschien, ohne sie auch nur wahrzunehmen. Aber die Bäume lebten, auch, wenn sie sich gerade nicht von ihrer besten Seite zeigten, weit von ihrer eigentlichen Pracht entfernt waren. Wieso sehnten sich die Bäume danach, den Mond zu berühren? Was sollte dieser hartherzige Koloss ihnen zu geben haben? Vielleicht musste man die Frage ja anders stellen: Wieso eigentlich mühten sie sich ab, ihm zu schenken, was sie zu geben hatten? Warum es unbedingt teilen wollen? Weshalb nicht einfach aufgeben?
„Das ist eben so“, wiederholte Willi ein oft gehörtes Mantra. Zum ersten Mal in seinem Leben sprach er es voller Überzeugung aus.
Als der junge Maler schließlich erschöpft in sein Bett fiel, starrte er noch lange auf sein neustes Werk. Er hielt es für eines seiner Besten und die Kritiker würden ihm da eines Tages zustimmen.
Lächelnd schlief der Junge ein.

Am 23. Dezember schmückten alle fünf Lutgers zusammen den Weihnachtsbaum. Auch das artete in Arbeit aus, doch vor dieser Arbeit drückten sich die Schwestern ausnahmsweise einmal nicht.
„Sind die Lichter angezündet“ schallte es aus der Stereoanlage. Elfriede Lutger hatte eine alte Schallplatte aus DDR-Zeiten auf Kassette aufgenommen, eine Platte, auf der die Lieder, die einen deutlichen Religionsbezug aufwiesen, noch ausschließlich instrumental gespielt wurden und mit „Weihnachtsmusik 1“ bis „Weihnachtsmusik 4“ betitelt waren. Diese Schallplatte gehörte so sehr zu Willis Kindheit wie Teddy, Spielzeugpanzer, Indianerkostüm und sein Hase & Wolf – Schulranzen. Je älter er wurde, so hatten ihm die Eltern einmal eröffnet, umso unwichtiger würde Weihnachten für ihn werden. Doch im Gegenzug würden die Erinnerungen an die Weihnachtsfeste seiner Kindheit einen größeren Stellenwert einnehmen. Ob sich daran etwas ändern würde, nun, er die Weihnachtsgeschichte für sich selbst entdeckte, fragte sich Willi? Er konnte es nur abwarten.
In diesem Jahr erstrahlte der Lutger´sche Christbaum in weiß und violett. Kugeln, Zapfen und Glocken baumelten immer schön abwechselnd von den Zweigen, nie zweimal dieselbe Form nebeneinander.
„Richtig schön wird der“, meinte die jüngste Lutger-Tochter.
„Unser Willi hat eben ein Auge für so etwas!“ bestätigte Elfriede.
Wilfried hatte zwar die Hauptarbeit bei Auswahl und Platzierung des Dekoration geleistet, doch betrachtete er seine Beteiligung am Baumschmücken schon seit vier Jahren als eine ungeliebte Auftragsarbeit. Schon seit der Wende wollten die Lutgers ihren Weihnachtsbaum nicht mehr „bunt wie die Russen“ schmücken, sondern wählten eine einzige Haupt- und eine dezente Kontrastfarbe aus. Das sah nicht besser aus als früher, im Gegenteil sogar langweiliger, ohne Seele. Und es fühlte sich fremd an – was für ein menschliches Gehirn nur schwer von „falsch“ zu trennen war.
Willi gefiel es nicht, dass jedermann in seiner Umgebung danach trachtete, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Nichts durfte mehr an früher erinnern. Man entsorgte die Schrankwand, auf die man so lange gewartet hatte, um sie gegen ein weniger haltbares Westmodell auszutauschen, kaufte einen unerschwinglich teuren Westwagen auf Ratenzahlung und warf die liebevoll selbstgenähten Jeans weg, um sie durch Fertigware aus dem Westen zu ersetzen. So hielten das die Nachbarn, die Eltern der Mitschüler und so hatten es auch die Arbeitskollegen während seiner Lehre praktiziert.
Willi selbst hatte sein blaues und das rote Halstuch sowie das weiße Pionierhemd mit ansehnlichem Gewinn an einen Sammler aus den alten Bundesländern verkauft. Von seinem Lenin-Abzeichen für ausgezeichnete Lernerfolge und dem bronzenen Sportabzeichen hingegen würde er sich nie trennen. Die hatte er sich verdient, sie gehörten zu ihm und waren weder für Geld zu haben, noch musste man sich ihrer schämen. Zugegeben, die für das bronzene Sportabzeichen notwendige Leistung hatte darin bestanden, zum Prüfungstermin anwesend zu sein und sich nicht allzu sehr zu blamieren, doch bereits das hatte dem kleinen Willi damals einiges abverlangt.
Die einzigen Menschen, mit denen er darüber sprechen konnte, waren kurioserweise drei Westdeutsche: Lynns Eltern und Willis Wirtschaftskundelehrer. Diesen Menschen durfte der Junge anvertrauen, dass er sich gern an früher erinnerte. An das Gute, das verschwunden war, und an das Schlechte – weil es überwunden worden war.
Ein Bild nahm in Willis Geist Gestalt an. Kein anderer Maler vor ihm würde es gemalt haben. Es wäre fremd genug, um exotisch zu wirken, erforderte aber keine über das Abmalen einer Straßenszene hinausgehende Kunstfertigkeit. Lediglich auf eine einzelne Farbe musste der Maler verzichten…
Willi strich mit den Fingerkuppen über die Nadeln des sterbenden Baums, als wolle er ihn streicheln. Und warum auch nicht? Der Weihnachtsbaum in seinem purpur-weißen Totenhemd hatte ihm soeben Hoffnung in Form einer Inspiration geschenkt. Darum ging es bei Weihnachten. Mochten andere Familien ruhig ihr Jahresend-Geschenkefest feiern, Wilfried Lutger war zum ersten Mal in seinem Leben bereit, das Weihnachtsfest zu begehen!
Geschenke erwartete er ohnehin keine, wo er doch schon das ganze Jahr über kostenlos daheim mitessen durfte…
Willi schnalzte mit der Zunge. Das Essen! Die Schokolade!
Vor dem Abendessen wurden noch die bunten Teller in gemeinschaftlicher Arbeit bestückt. Pfefferkuchen mit und ohne Schokoladenüberzug, Äpfel, Apfelsinen, Wal- und Haselnüsse, mit Nougat gefüllte Schokoladenzapfen, Eierlikörfässchen, Geleebananen, Schokoweihnachtsmänner und die traditionelle Pralinenschachtel für jeden stapelten sich auf dem großen Wohnzimmertisch. Nach und nach fand der gesamte süße Segen Platz auf fünf Papptellern, ein kleines Wunder, das sich jedes Jahr wiederholte. Bereits einkalkuliert war der unvermeidliche Schwund, der dafür sorgte, dass die Lutgers dem Aufschnitt und dem Gurkensalat an jenem Abend weniger reichlich als sonst zusprachen.

Die beiden Mädchen hatten den gesamten Vormittag des 24. Dezember über Wohnzimmerverbot. Vorbei waren allerdings die Zeiten, in denen die aufgeregten Kinder mehr oder weniger in ihren Zimmern eingesperrt worden waren.
Je älter die Lutger-Geschwister wurden, umso weiter verlagerte außerdem sich die Uhrzeit der Bescherung nach vorn. Man wollte „etwas vom Nachmittag haben“, anstatt stundenlang auf den Weihnachtsmann zu warten. Geschenke gab es dennoch weiterhin für jeden. So spießig Wilfried seine Eltern vorkamen, so oft er ihnen vorwarf, nur mit der uniformen Masse mitzutrotten, so wenig gerechtfertigt wäre das in dieser Hinsicht gewesen. Wilhelm und Elfriede kannten einander gut und liebten sich und den jeweils anderen zu sehr, um auf Verzlegenheitsgeschenke wie Krawatten oder Parfüm zurückgreifen zu müssen.
Sehr zu seinem Erstaunen wurde auch Willi des Wohnzimmers verwiesen, als es daran ging, die Geschenke aufzubauen. Wie musste er diese Geste interpretieren? Als eine Zurechtweisung und Erinnerung an seinen Status als Minderjähriger? Oder bedeutete die Aussperrung, dass sich auch für ihn ein Präsent auf den Stapeln befinden würde? Pakete schnürten die Lutgers normalerweise nicht, alle Geschenke erwarteten ihre Empfänger offen über das gesamte Zimmer verteilt. Wieso die Familie diese Tradition pflegte, wusste Willi nicht. Er hatte auch nie danach gefragt. Er konnte nur vermuten, dann irgendwann in der Nachkriegszeit Geschenkpapier einmal sehr knapp gewesen sein musste und daher für die Großeltern nicht infrage gekommen war.
Das Geschnatter der Schwestern riss Willi aus seinen Gedanken.
„Hoffentlich bekomme ich die Jahreskarte fürs Kino!“ zwitscherte die ältere. Und mit einem Mal hatte dieses Geschwisterkind wieder einen Namen, wurde von Aschenputtels Stiefschwester zu „Lörchen“ Hannelore Lutger, Willis Schwester, die von derselben gespannten Erwartung beherrscht wurde wie der Junge.
„Wenn ich sie als erste sehe, puste ich sie unter den Tisch und dann suchst du bis Ostern danach!“ neckte Maria, ein Name, der in Willis Augen förmlich in die Welt hinein schrie „Wir hätten uns doch kein drittes Kind gewünscht, wenn wir gewusst hätten, dass wir ihm auch noch einen Namen geben müssen!!!“.
„Das ist doch kein Geschenk, so ein Stück Papier“, betonte Maria. „Da kannst du dir ja gleich Geld wünschen. Stimmt doch, oder, Willi?“
„Viele aus meiner Klasse bekommen Geld von den Eltern. Oder Gutscheine.“
Maria zuckte die Achseln. „Na ja, auf deiner Schule ist das vielleicht so, weil die ja schlecht Bier und Kondome auf den Wunschzettel schreiben können“, lenkte sie ein. „Aber in einer ordentlichen Familie…“
„Maria!“ riefen Lörchen und Willi gleichzeitig.
Das Kind schwieg, grinste und legte den Kopf schief.
„Dein Geschenk liegt auf dem Tisch“, eröffnete ihm da Willi.
Maria sprang beinahe vor Schreck in die Luft.
„Was? Woher weißt du das? Hast du es etwa schon gesehen? Und wieso bekomme ich denn nur ein einziges Geschenk?“
Lörchen bremste Marias Redeschwall durch einen schwesterlichen Tritt auf deren Zehen.
„Au!“ beschwerte sich die Jüngere. „Ja, sag mal!“
„Weil du nur Kohle bekommst und die den Teppich vollstauben würde“, erklärte Lörchen der Schwester. Willi nickte dazu, erfreut darüber, nicht der einzige zu sein, dem dieser Gedanke durch den Kopf gegangen war.
Und dann war es soweit. Zu den Klängen von „Süßer die Glocken nie klingen“ wurden die Geschwister Punkt Fünfzehn Uhr in die Stube eingelassen. Hannelore fand ihren Kinogutschein vor, Maria natürlich keine Kohle, nur Willi glaubte, seine Reife demonstrieren zu müssen, indem er schnurstracks auf die Eltern zutrat, ihnen Frohe Weihnachten wünschte und die für sie gekauften Geschenke überreichte.
„Hab ich mir irgendwie gedacht, dass er das tun würde“, wisperte Elfriede Wilhelm zu. Sie nahm ihr Geschenk entgegen und drückte ihrem Sohn im selben Moment ebenfalls einen Karton in die Hände.
„Menschenskinder!“ entfuhr es Willi, als er einen kleinen Camcorder erkannte.
„Du wirst den Baum wie jedes Jahr aus allen möglichen Perspektiven knippsen wollen“, meinte die Mutter, „Und da haben wir uns gedacht, dass wir dir auch gleich eine Kamera für einen Rundumschwungschwenk schenken können.“
Willi zog die Nase hoch, wenngleich nur ein ganz klein wenig, gehörten doch derartige körperlichen Funktionen zu den verpönten im Haushalt Lutger.
„Ich dachte“, erwiderte er, „mir dieses Jahr mal die unmöglichen Perspektiven vorzunehmen.“
Feixend packte Elfriede ihren Sohn bei dessen Schultern und drehte ihn in Richtung der Geschenkepyramide.
„Jetzt werden erstmal die Geschenke anderen angeguckt, bevor nachher du nur noch Augen für deine Kamera hast!“
„Oder euch nur noch durch eine Linse anschaue? Mache ich doch sowieso schon!“
Im übertragenen Sinne tat ihr Sohn das wirklich, das war Elfriede Lutger bewusst. Sie drückte dem Jungen einen vergebungsvollen Schmatzer auf die Wange. Es war mehr, als Willi erwartet hatte, aber viel weniger, als er sich heimlich erhoffte. Denn zwischen gönnerhaftem Darüberhinwegsehen und Akzeptanz lagen nun einmal Welten.
Die Geschenkeausbeute in seinem siebzehnten Lebensjahr fiel kleiner aus als früher, doch das hatte sich bereits seit Willis dreizehnten Geburtstag angedeutet. Im Gegenzug wurde jede Gabe wertvoller, vielleicht nicht immer ihrem monetären Wert nach, wohl aber im ideellen Sinne. Nicht mehr ein Haufen Spielzeug, sondern einige äußerst persönliche Gegenstände erwarteten die erwachsenen und halberwachsenen Familienmitglieder.
Willi fand eine sogenannte Unechte Rose von Jericho unter den Präsenten, eine wechselfeuchte Pflanze, die nur eine Woche in jedem Monat lebte. Er beschloss, sie in sämtlichen Stadien der Vertrocknung und des Wiederaufblühens zu malen…
Mitten in der Betrachtung seiner Geschenke hörte der Junge seinen Vater anerkennend durch die Zähne pfeifen. Er drehte seinen Kopf und sah, dass Wilhelm Lutger gerade das Geschenk seines Sohnes ausgepackt hatte. Es handelte sich um eine Hardcoverausgabe von Goethes Faust – der Tragödie erster und zweiter Teil im Geschenkkarton. Ein drittes Buch mit literaturwissenschaftlichen Aufsätzen befand sich ebenfalls in dem Schuber.
Wilhelm Lutger liebte innig Homers Epen, ihm sämtliche anderen Glanzlichter gutbürgerlicher Vorzeigeliteratur zu präsentieren, lief auf ein Glückspiel hinaus. Manche mochte er auf Anhieb, andere fand er scheußlich, so oft er sich auch an ihnen versuchte. Doch wie immer sein Urteil auch ausfiel, besser als Literatur fand Wilhelm in jedem Fall repräsentativ verpackte Literatur, die man ins Regal stellen konnte. Willi hatte also gar nichts falsch machen können.
Der junge Künstler trat auf seinen Vater zu.
„Na“, zog ihn der Vater auf. „Kannst du noch den Osterspaziergang? Als Gedicht für den Weihnachtsmann eignet er sich eher weniger…“
Willi nickte. Dann begann er zu deklamieren, doch nicht Fausts Lobpreis der Natur vor seinem Famulus Wagner, sondern den Text einer anderen Figur: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Ich…“ Willi leckte sich nervös über die Lippen. Dann presste er hervor: „Ich bin Mephistos Sohn.“
‚Damit bin ich gemeint!’ schoss es Wilhelm durch den Kopf. So also nahm der Junge seinen Erzeuger wahr! Nur zu Willis Bestem hatte er ihm den Streich mit dem Malwettbewerb gespielt, damit der Junge endlich loslassen konnte! Dafür beleidigt zu werden, hatte der Mann, wie er fand, nicht verdient!
Doch lag es überhaupt nicht in Willis Absicht, seinen Vater zu beleidigen. Im Gegenteil schien er eine Erkenntnis aus der Episode gewonnen zu haben, die Wilhelm zwar gewiss nicht behagen würde, dem Jungen aber sehr wertvoll sein musste. Würde er sonst vor seinem Vater stehen und eine tiefe Dankbarkeit ausstrahlen, die beinahe körperlich zu spüren war?
Willi verlangte es nach Versöhnung, wie konnte sein Vater die ablehnen? Oder musste er sie ablehnen, erneut zum Besten seines Kindes? Wie konnte er sich sicher sein, die richtige Entscheidung zu treffen?
Wilhelm Lutger gab sich einen Ruck. Er beschloss, die Geste so hinzunehmen, wie angedacht gewesen war, nicht, wie sie normalerweise ankommen müsste.
‚Wie klischeehaft das ist’, dachte Wilfried noch, als ihn sein Vater in die Arme schloss und tatsächlich „Mein Sohn!“ sagte. Zuckerguss eben, passend zur Jahreszeit. Aber vielleicht könnte man den ja so konservieren, dass der nächste Regen ihn nicht mehr aufzulösen vermochte?
(Fortsetzung im Webroman „Homo artifex“)

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