Sechzehn und völlig normal

Kapitel 1 von „Brüder oder so“

Die wunderschöne Gouverneurstochter empfing den kühnen Freibeuter im Salon ihres Vaters. Sie ergriff seine Hand. Zog ihn zu sich heran. Strich zärtlich über seine schmucke gelbe Uniform und hauchte in sein Ohr:
„Oh, Kapitän Ferrando, es ist schrecklich! Der Graf Ramon, der um meine Hand anhält, hat von unseren Treffen erfahren. Er ist furchtbar wütend. Er erwartet Euch zum Duell am Springbrunnen!“
Mit einem Mal erschien es dem Mann, als hielte die Zeit um ihn herum inne. Capitano Ferrando blieb daher genügend Zeit, seine Optionen durchzugehen. Ihm standen nur zwei offen:
· Sorgt Euch nicht, mein Fräulein, ich werde kurzen Prozess mit ihm machen!
· Oh, äh, ich habe noch einen wichtigen Termin…

„Du musst dich fertig machen, du hast in einer halben Stunde deinen Termin!“
Eine halbe Stunde? Wie? Was? Also, sooo lange wollte der Mann seine Angebetete nun wirklich nicht auf seine Antwort warten lassen. Was hatte das zu bedeuten?
Ach so.
Ja.
Falsche Welt.
Die andere war gemeint.
Silvio musste über seine eigene Zerstreutheit schmunzeln. Sich dermaßen tief in ein Computerspiel zu versenken, dass man die Stimme der eigenen Mutter nicht mehr erkannte, ließ schon auf ein gerüttelt Maß an…
‚Nein, Quatsch’, dachte der Sechzehnjährige. ‚Auf gar nichts lässt das schließen. Das ist völlig normal, vor allem bei einer Mutter wie meiner.’
In dem Maße, in dem sich der junge Mann von seinem Computerbildschirm löste, wurde er wieder von Capitano Ferrando dem spanischen Freibeuter zu Silvio Lehmann. Und damit leider auch um gute zehn Jahre jünger.
„Ja, Mom, ich weiß“, erwiderte der Jugendliche. „Aber das ist eine Action-Einlage, da kann ich jetzt nicht speichern. In zwei Minuten…“
Ein leichter Windzug streifte Silvio im Nacken, ein Schatten legte sich über das Paar aus Capitano Ferrando und seiner Geliebten, dann vernahm man ein leises Klicken und das kurze, intensive Surren eines Computers, der ausgeschaltet wurde. Silvio verglich das Geräusch mit dem letzten „Sssst“ eines Insekts, das sein Ende unter einer Katzenpfote fand.
Er drehte seinen Kopf und blickte in das Gesicht der Mutter, die gerade mit einer einzigen Handbewegung nicht nur die nächste Stufe seiner digitalen Romanze zunichte gemacht hatte, sondern mit ihrer Handlung einen weiteren Keil zwischen den Heranwachsenden und diejenige, die seine Vertrauensperson hätte sein können, getrieben hatte.
„Ab ins Bad mit dir“, ordnete die Frau an. „Putz dir die Zähne, bevor du gehst, ich weiß, dass du es heute früh nicht getan hast!“

Silvio blieb nichts anderes übrig als zu gehorchen. Genaugenommen stand er vor der Wahl aus einer ganzen Reihe von Handlungsmöglichkeiten, doch befand sich darunter keine, die sich mit der Wahrung des Familienfriedens hätte vereinbaren lassen. Daher trottete der Junge ins Badezimmer, stopfte sich die elektrische Zahnbürste in den Mund und ließ das Gerät seine Arbeit tun, während seine Gedanken um ganz andere Dinge als seinen Zahnbelag kreisten.
Es ging nicht um die zwei Minuten. Es ging auch nicht um den verlorenen Fortschritt in einem Spiel, an dessen Ausgang in der wirklichen Welt nichts weiter hing. Es ging noch nicht einmal darum, dass Laura Lehmanns gedankenlose Behandlung des Familienrechners zu einem irreparablen Festplattenschaden führen konnte. Es ging Silvio einzig und allein darum, dass Laura wieder und wieder auf seinen Gefühlen herumtrampelte, als handle es dabei sich um etwas irgendwie minderwertiges, nicht mit den Ergüssen eines ausgewachsenen Gehirns zu vergleichendes.
Erwachsene hörten nie zu. Sie stellten Regeln auf, ohne sie zu erklären. Sie erteilten Befehle.
Als kleiner Junge hatte Silvio geglaubt, eine Erziehung solle das Kind auf das Leben vorbereiten. Wie die Dinge standen, fühlte er sich bestens für den Wehrdienst fit gemacht, aber für nichts, was darüber hinaus ging.

*

Mit den Worten „Mom, eins wollte ich dir noch erzählen“ wandte sich Silvio an seine Mutter, bevor er die Wohnung verließ.
„Ja, Schatz?“
„Diese Jungs, denen ich Mathe-Nachhilfe gebe…“
„Ja, ich weiß, was ist mit denen?“
Silvio lächelte. Zumindest kannte ihn seine Mutter gut genug, um zu erkennen, an welchen Gesprächsstellen ein Nachhaken oder auch nur ein ‚Ach?’ von ihr nötig waren.
„Einer von denen kam mit einer Idee zu mir, die, wie er sagte, die chemische Industrie revolutionieren könne.“
„Oh, hat er das so gesagt?“
„So ähnlich. Mit mehr Worten. Ich habe mich mit ihm hingesetzt und mir das erklären lassen. Es war natürlich hanebüchener Unsinn, aber eben nur von meiner Warte aus. Die Chemiekenntnisse eines Siebtklässlers sind eben nicht mit meiner Erfahrung zu vergleichen.“
Der Junge ignorierte das Kichern der Mutter, ein beiläufiges, verletzendes Auslachen, das zu unterdrücken die Frau sich nicht einmal ansatzweise Mühe gab. Er fuhr einfach fort: „Obwohl mir das völlig klar war, ließ ich den Jungen ausreden. Als er fertig war, habe ich ihm auseinandergesetzt, wo seine Theorie auf wackligen Füßen stand, wiederum auf sein Niveau heruntergekürzt. Nicht nur, dass es Humbug ist, sondern auch, wieso das so ist.“
„Verstehe! Dadurch, dass du mit ihm die chemischen Formeln durchgerechnet hast, hat dein Schüler etwas über Mathematik gelernt. Indem du ihn bei einem Thema gepackt hast, das ihn interessiert. Gut gemacht!“
Silvio rang sich ein „Mein Bus fährt, Ciao, Mom“, ab, schlüpfte durch die Tür und stürmte die Treppe hinunter. Eine abgewetzte Sisalbeschichtung, welche eigentlich der wöchentlichen Pflege durch eine Spezialfirma bedurft hätte, dämpfte das Geräusch seiner Schritte. Zum Ausgleich dafür hämmerte Silvios Herz umso lauter.
‚Sie hat nichts verstanden, nicht das Geringste! Selbst meine Mathenachhilfe-Kids sind nicht so beschränkt!’
Der Jugendliche trat aus dem Treppenhaus auf die Straße. Er atmete tief durch.
‚Wieso denkt man sich eigentlich solche Gleichnisse aus, wenn die Lehre daraus nicht hängen bleibt?!’ dachte er noch, als er in den soeben in der Haltestelle eingefahrenen Bus einstieg. ‚Weshalb mache ich mir überhaupt noch die Mühe?’
Die schonungslose Antwort lautete: Weil er von dieser Frau abhängig war. Silvio Lehmann war Laura nicht verfallen, sondern im Wortsinn abhängig von ihr. Wirtschaftlich. Und rechtlich. Ihm konnte der Staat noch nicht die volle Verantwortung eines Erwachsenen anvertrauen. Er hatte noch nicht gelernt, Befehle zu geben…

*

Silvio warf sich auf einen der Doppelsitze im Bus. Direkt gegenüber saß bereits ein Mädchen in seinem Alter. Sie beachtete den Jungen nicht.
Silvio Lehmann war hochgewachsen, schlank, wenn auch nicht besonders muskulös, und wies durchaus ansprechende Gesichtszüge auf. Er stach nicht als besonders gutaussehend aus der Menge heraus, dennoch hätten ihn die meisten Menschen als zumindest hübsch beschrieben. Zu gleichaltrigen Mädchen pflegte der Heranwachsende ein entspanntes Verhältnis, was vor allem darauf zurückzuführen war, dass diese es wie Laura hielten: Sie schienen den Mann in Silvio einfach nicht zu sehen. Über andere Mitschüler lachten die Mädchen, Silvio Lehmann respektierten sie. Doch dieser Respekt galt weiterhin dem vernünftigen Jungen, den sie seit Jahren kannten. Dieser Junge hätte es vorgezogen, wenn er zu den Ausgelachten gehört hätte, zu denen, die in seinen Augen bereits mehr waren.
Was hatte man davon, mit einem Mädchen ins Kino gehen zu können, wenn diese ja doch nur deswegen so bereitwillig mitkam, weil sie einen lediglich als Kumpel betrachtete? Dann lieber einen Korb und Gelächter! Das tat weh, aber es war mit einer Kampfnarbe vergleichbar. Wer keine davontrug, musste nicht unbedingt der bessere Kämpfer sein. Es mochte sich auch einfach nur um ein Kind handeln, das noch nicht mitfechten durfte.
Das Wissen darum, seiner Kinderrolle nicht entkommen zu können, schmerzte Silvio viel mehr als jede andere Verletzung.

*

Fünfundzwanzig Minuten später erreichte Silvio die Praxis seines Therapeuten und vier Minuten später saß er dann auch dem Doktor selbst gegenüber.
„Keine Angst vor Saturn“ verkündete ein zur Rechten des Mannes an der Wand klebendes Plakat. Vor seinen Besuchen bei Dr. Fechner wäre Silvio nie in den Sinn gekommen, dass es sich bei dem Ringplaneten um etwas handelte, das ihm Furcht einflößen müsste. Ansonsten stellte sich das Sprechzimmer des Psychologen als frei von übernatürlichen Einflüssen jeder Art dar. Je nach Identität des Patienten konnte die Anwesenheit des Saturn-Plakats daher als „Ja, ich glaube an die Esoterik, aber ich will es nicht zu öffentlich machen“ beziehungsweise als „Oh, ich glaube ja selbst nicht daran, das ist ein Geschenk einer dankbaren Patientin“ erläutert werden. Silvio hatte nie danach gefragt, weder in Worten noch durch verräterische Körpersprache. Der Saturn war eben da, er gehörte ebenso zu seinem Leben wie jene irrationale Angst vor Gliedertieren, die Silvio, im Gegensatz zu dem unschuldigen Himmelskörper, mit Dr. Fechners Hilfe loszuwerden hoffte.

Der Erwachsene warf einen vorwurfsvollen Blick auf seinen Patienten, während er die Zeitbescheinigung für die angebrochene Therapieeinheit unterschrieb und das Papier dem Jugendlichen zum Gegenzeichnen über den Tisch schob.
„Setz dich gerade hin! Ich stehe nicht gut mit dem örtlichen Therapeuten für Haltungsschäden und könnte mir nicht verzeihen, ihm durch Unterlassung dieses Hinweises einen Patienten zugeführt zu haben!“
Silvio grinste.
„Ja, Doc.“
„Welche Laus ist dir über die Leben gelaufen?“ erkundigte sich der Mann.
„Nur der übliche Scheiß, der zu einem gesunden Aufwachsen dazu gehört“, antwortete Silvio. „Ich lerne, meine Mutter zu hassen, damit es mir leichter fällt, mich abzunabeln und auf eigenen Füßen zu stehen. Clever von der Natur eingerichtet und so grausam, wie alles, was von ihr kommt.“
Der Doktor nickte. Von dessen Arthropodenphobie einmal abgesehen saß ein geistig völlig gesunder Heranwachsender vor ihm, was bedeutete, dass der Mann sich seines üblichen schnoddrigen Tonfalls aus dem Privatleben bedienen konnte, ohne befürchten zu müssen, weitere Schäden bei einem hochgradig gestörten Patienten anzurichten. So schlimm Fälle wie der Silvios für die Betroffenen auch waren, für den Therapeuten stellten sie das dringend notwendige Aufatmen innerhalb ihres harten Arbeitstages dar. Mit Patienten wie diesem konnte man auch einmal Dinge besprechen, die einem selbst auf der Seele brannten und möglicherweise neue Ansatzpunkte für die Lösung der eigenen Probleme daraus gewinnen. Gerade heute schlug sich Dr. Fechner mit einem solchen herum.

„Silvio“, begann der Doktor. „Wärst du gern erwachsen? Jetzt sofort, meine ich?“
Verdutzt rang sich der Gefragte zu einem „Ich verstehe die Frage nicht“ durch.
Er vertraute dem Doktor, zumindest hatte er das bis zu diesem Moment getan. Doch Fechners unerwartete, ganz und gar merkwürdige Frage weckte Misstrauen in dem Jungen. Auf welches Glatteis versuchte der Mann ihn plötzlich zu führen?!
Fechner zupfte sein Oberhemd glatt.
„Ich brauche ein bisschen Anlaufzeit, um das anzusprechen, was mir auf der Zunge liegt“, meinte er.
„Ein Kaugummi? Der muss raus!“ erklärte Silvio mit einem Grinsen auf dem Gesicht.
„Nein. Es geht um das hier!“ Der Erwachsene wies mit dem Kopf auf das Saturn-Poster. „Glaube ich an solche Dinge oder nicht? Hast du dich das jemals gefragt?“
„Nein, nie. Ich habe immer nur panische Angst gehabt, Sie würden mir einen Skorpion oder eine Spinne zeigen.“
„Tja. Die Wahrheit ist, das Übernatürliche schert sich offenbar nicht darum, ob ich ihm eine Existenzberechtigung zugestehe. Es gibt da eine Therapieform, die erwiesenermaßen funktioniert. Leider weiß niemand so richtig, worauf ihre Wirksamkeit zurückgeht.“
„Will heißen, die Kasse übernimmt das nicht“, schlussfolgerte Silvio.
„Schau auf dein Rezept“, forderte der Therapeut. „Uns bleiben nicht mehr viele Sitzungen und, das weißt du sicher selbst, wir haben in den hinter uns liegenden nicht den geringsten Fortschritt erzielt.“
„Ja…“
„Also würde ich es gern einmal mit dieser etwas unkonventionellen Behandlungsmethode bei dir versuchen.“
„Die da wäre?“
„Hypnose.“
Nun saß Silvio tatsächlich so kerzengerade, wie es sich Dr. Fechner von ihm gewünscht hatte!
„Verstehe ich das richtig? Sie wollen meinem Unterbewusstsein suggerieren, dass Spinnen harmlos wären?“
„Spinnen sind harmlos.“
„Ja, ja, ich weiß. Sie wollen mich dazu bringen, das auch so zu sehen, wofür ich Moms Krankenkasse Sie ja auch bezahlen lasse. Aber – durch Hypnose?“
„Genaugenommen“, sprach Dr. Fechner, sich seiner Sache zunehmend sicherer werdend, „geht es mir darum, herauszufinden, wann und wodurch deine Phobie zum ersten Mal ausgelöst wurde. Ich verspreche mir davon einen neuen Ansatz, wie wir deine Angst gemeinsam loswerden können. Da sich aber niemand in deiner Familie, einschließlich dir selbst, an das Ereignis erinnert, müssen wir deinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen, Verschüttetes wieder hervorholen und gezielt analysieren.“
Silvio kämpfte den Kloß in seinem Hals herunter. Erst nach mehreren Anläufen gelang es ihm, zu fragen: „Das heißt, ich müsste mir die allererste Spinne, vor der ich Schiss hatte, noch mal ansehen?“
„Natürlich.“ Der Doktor grinste wie ein Mann, der mehr wusste. Das gab den Ausschlag, dass Silvio ihn ausreden ließ, anstatt sich vor Augen zu halten, dass die Lehmanns eigentlich streng mit ihren Finanzen haushalten mussten und die Sache abzublasen.
„Bei diesem denkwürdigen Zusammentreffen“ so führte Dr. Fechner weiter aus, „werden wir allerdings dein Bewusstsein an einen Punkt zurückgeführt haben, an dem es sich noch nicht vor dieser oder irgendeiner anderen Spinne fürchtete. Du wirst das Tier durch die Augen deines früheren Selbst betrachten können.“
„Hm…“
„Ich habe das bereits einmal mit durchschlagendem Erfolg praktiziert“, eröffnete Dr. Fechner. „Die Patientin hat dabei herausgefunden, dass sie sich in frühester Kindheit vor etwas ganz anderem erschrocken hat, aber im selben Moment einen Goldfisch im Glas vor sich stehen hatte. Der Anblick solcher Tiere hat jahrzehntelang quasi als Schutzmechanismus fungiert. Die Frau zuckte zusammen und kniff ihre Augen zu, wann immer sie einen Fisch sah, um sich nicht an das eigentliche Ereignis erinnern zu müssen.“
„Wie ist die Sache ausgegangen?“
„Mit einer Anklage wegen Körperverletzung, aus der die Patientin allerdings herausgekommen ist, und einem Aquarium voller bunter Zierkarpfen, die sie in Wirklichkeit, also von ihrer Phobie befreit, ausgesprochen süß findet.“

Silvio ließ sich diesen Satz noch einmal Silbe für Silbe durch den Kopf gehen, schmunzelte kurz und erklärte dann, er habe das Wort Rückführung bereits gehört.
„Da geht es doch eigentlich um frühere Leben und so was, richtig?“
„Und hier kommen wir zum Pferdefuß der Geschichte“, stimmte Dr. Fechner zu. „Die Anweisung, an den Anfang des Problems zurückzukehren, versetzt Patienten mitunter in einen Zustand, in dem sie sich tatsächlich in die Haut eines anderen versetzt fühlen. Sie sprechen dann von der Anekdote als einer Erinnerung an ein… ein früheres Leben. Wie gesagt, weiß ich selbst nicht, was davon zu halten ist, aber die Methode liefert Ergebnisse.“
„Klingt spannend“, erklärte Silvio, um sich gleich darauf zu erkundigen: „Welche Nebenwirkungen können auftreten?“
„Du könntest während der Hypnose einschlafen und die Therapiesitzung ungenutzt verschwenden. Unter Umständen hätte ich ziemlich peinliche Fragen zu beantworten, wieso nämlich ein völlig erschöpfter Junge auf meiner Couch liegt, was mich die Zulassung kosten könnte.“
„Doc“, stöhnte Silvio. „Ich seh´ schon ein, dass das nicht leicht für Sie ist, aber werden Sie bitte wieder ernst! Ich könnte also wegratzen, gut, was noch?“
„Du musst dir die unter Hypnose betrachteten Bilder wie einen sehr klaren Traum vorstellen oder einen gut gemachten Kinofilm, ein mitreißendes Computerspiel oder eine besonders lebhafte Unterrichtsstunde. Unter Umständen entwickelt sich daraus eine ungesunde Faszination für die betreffende Epoche, die eine Weile anhalten kann.“
„Ich könnte anfangen, auf Mittelaltermärkten zu jobben oder ‚Das schwarze Auge’ zu zocken?“
„Nein, Silvio, das stellst du zu harmlos dar. Du könntest deine komplette bisherige Lebensplanung über den Haufen werfen und ein Nischenfach wie Byzantinische Archäologie studieren.“
Silvio schluckte hart. Da saß ein Erwachsene vor ihm, der mehr tun wollte, als seinen Lohn für die gehaltenen Sitzungen einstreichen, jemand, dem daran gelegen war, seinen Patienten wirklich zu helfen, selbst, wenn er dazu zu Methoden greifen musste, die ihm selbst nicht geheuer waren.
Detail für Detail ging Doktor Fechner die Rückführung und ihre Voraussetzungen mit seinem Patienten durch:
„Leidest du unter niedrigen oder hohen Blutdruck?“
Silvio schüttelte den Kopf. Er fühlte sich gut dabei, das tun zu können.
‚Ich will diese Scheiß-Rückführung’, sagte sich der Junge. ‚Ob sie nun etwas bringt oder nicht. Ich will dieses Gefühl, jemandem wichtig zu sein, von jemand in Entscheidungen einbezogen zu werden und erläutert zu bekommen, warum ich dies und das nicht tun darf, wenn es losgeht.’
All diese Dinge waren viel wichtiger für den Heranwachsenden, als ohne Kribbeln in den Fingern Spinnen von der Decke fegen zu können. Oder ohne einen weiteren Wohnungsbrand ausgelöst durch panisches Herumschlagen mit einem Handfeger auf die Weihnachstdekoration. Auf diese Weise war er ja überhaupt erst in Dr. Fechners Praxis gelandet.

„Okay, ich bin bereit!“ erklärte Silvio am Ende des Aufklärungsgesprächs. „Machen Sie los!“
Dr. Fechner schüttelte den Kopf. „Unsere Zeit für heute ist um. Ich gebe dir ein Schreiben für deine Eltern mit, in dem ich alles noch einmal zusammengefasst habe, was wir gemeinsam durchgegangen sind. Sie müssen zustimmen.“
„Ich habe nur noch eine Mutter“, erklärte Silvio leise. „Mein Vater ist tödlich verunglückt, als ich noch ein Kleinkind war.“
Sein „Oh, tut mir leid, das wusste ich nicht“ ließ Dr. Fechner stecken. Die Worte hätten schal geklungen, wären nicht willkommen gewesen. Daher beschränkte sich der Mann darauf, ihren Inhalt allein mit den Augen und einem kurzen Kopfnicken zu vermitteln.

*

Eine winzige Grünfläche an der Stadtbushaltestelle,
Vierzig Minuten und eine SMS nach der Therapiesitzung.

„Achim.“
„Silvio.“
Die beiden Sechzehnjährigen standen sich gegenüber wie zwei Unterhändler feindlicher Mächte, Männer, die vom jeweils anderen nicht einzuschätzen wussten, inwieweit dieser die Ideologie seiner Auftraggebernation auch als die seine annahm.
Joachim Bentele war der Sohn eines Mannes, der sich drei Jahre lang dem Experiment Patchworkfamilie mit Laura Lehmann unterzogen hatte – mit katastrophalem Resultat. Seit mittlerweile drei weiteren Jahren lebte jeder wieder in seinem eigenen Umfeld. Für Laura Lehmann und Harald Bentele schien das bestens zu funktionieren, nur die beiden Söhne sahen sich mit der verstörenden Situation konfrontiert, nun doch keine Brüder mehr sein zu müssen. Bloß, dass sich dieses „müssen“ in den letzten Monaten der Partnerschaft ihrer Eltern in ein „dürfen“ verwandelt hatte, als das zunehmende Missverhältnis zwischen den beiden Elternteilen die Kinder enger aneinander geschweißt hatte.

Silvio nahm als erster das Wort an sich: „Achim, ich benötige deine Hilfe. Kannst du Moms Unterschrift noch nachahmen?“
„Schon… Aber nicht für Fuchs“, verwehrte sich der Ex-Stiefbruder sofort. „Den alten Fuchs würde ich nie in die Pfanne hauen. Der war der beste Lehrer, den ich je hatte!“
„Fuchs hat damit nichts zu tun. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, haben wir Ferien“, schnarrte Silvio.
„Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, bin ich mit der Schule fertig!“ konterte Achim. „Und ich bin nicht dein Feind! Aber jedes Mal, wenn wir uns ohne die Clique treffen, wird es irgendwie unbehaglich. Am Ende denken die Jungs im Viertel noch, ich sei schwul oder so!“
„Lass sie denken, Alter“, winkte der ältere Bruder ab. „Das wird ihnen zur Abwechslung mal gut tun.“
Achim nickte.
„Die Unterschrift deiner Mom also“, wiederholte er. „Geht in Ordnung, obwohl es mir nicht sonderlich gefällt. Ich wünschte, sie wäre meine Mutter.“
„Jakob Joachim Bentele! Was willst du mit diesem Drachen?!“
„Na ja, zum einen schlägt sie einen nicht. Das ist schon mal ein Vorteil.“
„Aber sie hält nur davon Abstand, weil sie auf ihren Ruf achtet. Nicht aus Prinzip.“
Achim schüttelte seine Mähne. Silvios Ex-Bruder hatte schulterlanges, ungepflegtes, schmutzigblondes Haar, das er absichtlich ungewaschen lies. Mit frisch gereinigtem Haar beliebiger Länge sähe er nur aus wie ein zehnjähriger Strahlematz aus der Toggo-Fernsehwerbung, fand der Junge und Silvio musste zugeben, dass der andere irgendwie Recht hatte. Aber eine ganzjährig getragene Sonnenbrille und die abgetragenen Bikerklamotten seines älteren Cousins trugen ein wenig dazu bei, das niedliche Kind in einen coolen Sechzehnjährigen zu verwandeln, welcher demnächst eine Lehre als Autoschlosser beginnen würde. Das erzählte Achim jedem. Doch danach befragt, was an dem Beruf so toll sei, zählte er mit glänzenden Augen lauter ins Berufsbild eines Ingenieurs gehörende Dinge auf…
„Mit ist es egal, warum jemand etwas tut“, behauptete Achim. „Nur, was er tut. Und jetzt gib mir den Wisch!“

Achim warf einen Blick auf das Papier, das ihm Silvio überreichte: Dr. Fechners Infoblatt bezüglich der Hypnosetherapie. Der Junge stutzte kurz, dann studierte er das Schreiben beinahe andächtig von Anfang bis Ende.
„Davon habe ich schon gehört. Klar, dass du so was deiner Mutter nicht vorlegen kannst…“ flüsterte er schließlich.
„Ich habe beschlossen, sie einfach nicht mehr in mein Leben einzubeziehen“, erklärte Silvio. „Besonders nicht in die Leben, die sie gar nichts angehen“, fügte er hinzu.
„Oh-keh“, lachte Achim. „Machen Sie sich bereit für den Auftritt der unvergleichlichen Dame Laura Lehmann, hier und nur heute in Person!“
Mit Schwung setzte er dann Lauras Unterschrift gekonnt auf die dafür vorgesehene Linie ganz unten auf Dr. Fechners Dokument.
„Da! Fertig! Und vergiss nicht, mir zu erzählen, was du in Hypnose gesehen hast. Wenn du eine Tussi warst und mit deinem Kerl rumgemacht hast zum Beispiel.“
Silvio zuckte sichtlich zusammen!
„Was, das kann passieren?! Davon hat der Doc aber nichts gesagt!“
Achim grinste über das ganze Gesicht, als er „Oder Kammerjäger!“ ergänzte.
„Ka…ka…?“
„Ja, Kacke, was? Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie Ihre Geburtsurkunde oder fragen Sie Ihren freundlichen Rechtsanwaltsfachgehilfen Bentele von nebenan.“
„Wie bitte?“ Achim stutzte. „Was hast du da gesagt?“

Achim zog Silvio neben sich auf die Parkbank, auf der soeben die Unterschriftenfälschung über die Bühne gegangen war.
„Ich habe dich gerade in etwas eingeweiht, das kein anderer außerhalb meiner Familie weiß“, erklärte er. „Ich werde nämlich gar nicht Autoschlosser. Die Schraubis haben mich nicht angenommen. Kein Handwerksberuf wollte mich, nur so ein paar Berufsfachschulen ohne Betrieb, die Geld für eine Ausbildung sehen wollten. Pa hat mich daher als Azubi in der Firma seiner Schwester untergebracht, um mir das BVJ zu ersparen. Denn wenn ich gar nichts gekriegt hätte, wäre ich noch schulpflichtig.“
„Und Abitur? Wäre das denn keine Alternative gewesen?“
„Du weißt doch, wie mein Vater ist: ‚Wenn ich gewollt hätte, dass mein Sohn seine Zeit mit dem Auswendiglernen von Sachen verplempert, die er ein Jahr nach dem Abschluss alle wieder vergessen muss, hätte ich ihn schon nach der Vierten in die Streberschule gesteckt’, ‚Wer gutes Geld nach Hause bringen kann, braucht unseres nicht länger zu verschwenden’ und so weiter. Du weißt, wie er sich darüber lustig gemacht hast, dass deine Mom dich damals aufs Gymnasium geschickt hat, aber er mich nicht, obwohl wir doch eine Familie werden wollten. Und weißt du noch, wie wir befürchteten, dass sich die zwei deswegen schlechter verstanden?“
„Ja. Das war das erste Mal, das wir etwas gemeinsam hatten!“
Achim nickte.
„Wenn… Falls du mich auch in der Vergangenheit siehst, sag mir Bescheid, ja?“ bat er den anderen. „Ich wüsste das wirklich gern!“
„Sicher“, stimmte Silvio zu.
Eigentlich war damit alles gesagt, was es zu sagen gab, und erledigt, was es zu erledigen gab. Doch aus irgendeinem Grund genügte das Silvio nicht. Er war gern mit seinem Ex-Bruder zusammen.
„Trinken wir noch´n Bier zusammen?“ fragte er so locker wie es ihm nur irgend möglich war.
Achim nickte.
„Klar, warum nicht? Ich weiß, wo sie uns welches verkaufen.“

*

„Hier ist alles mögliche zum Unterschreiben“, meinte Silvio am selben Abend leichthin. Der Junge streckte seiner sichtlich gestressten Mutter eine Handvoll Papiere unter die Nase, woraufhin er prompt seine Abfuhr für dieses rücksichtslose, gedankenlose und infantile Benehmen kassierte.
„Tut mir leid, Mom… kommt nicht wieder vor.“
„Nimm den Mund mal nicht zu voll. Aber wenn es zumindest in nächster Zeit nicht wieder vorkäme, wäre ich schon dankbar.“
Silvio senkte seinen Blick angemessen zerknirscht zu Boden, doch innerlich grinste er. Denn Laura Lehmann arbeitete sich nun mit dem Kugelschreiber durch jede einzelne Rechnung, ohne hinzusehen, was genau sie da unterschrieb. Später würde Silvio der Mutter glaubhaft in Erinnerung rufen können, das Informationsblatt von Doktor Fechner hätte sich darunter befunden – was allerdings nicht der Fall war.
Der Junge vermochte nicht einzuschätzen, wie seine Mutter auf Dr. Fechners Vorschlag reagieren würde. Im Zweifelsfalle würde sie wohl gegen ihn sein, allein, um ihre Macht auszuspielen. Daher hatte Silvio das Problem bereits im Vorfeld mit Achims Hilfe umgangen. Er legte sich schlafen und verbrachte seine Zeit in gespannter Erwartung der Therapiesitzung am kommenden Dienstag.

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