Der Schwarze Hund und die Damenwelt

(Kapitel 2 von „Brüder oder so“)

Puerto Principe war ein Drecknest inmitten des dampfenden kubanischen Urwaldes. Das Pork Jerky und das Ziegenfleisch wurden hier ohne vorgehäckselte Ananaswürfel serviert und der Rum war definitiv nicht auf in Deutschland zugelassene Trinkstärke herabgesetzt. Zumindest trugen die einheimischen Waldbauern keine scharfen Waffen, doch benötigten sie auch keine, um im Handgemenge die Leben ihrer Zeitgenossen so kurz zu fassen, dass genügend Vorleben für beinahe jeden Menschen des einundzwanzigsten Jahrhundert dabei herauskamen.
Man schrieb das Jahr des Herrn 1643 – falls man denn schreiben konnte.

In diese Epoche hatte Silvios Unterbewusstsein den Teenager versetzt, in eine Zeit, in der Errol Flynn oder Johnny Depp jederzeit hinter einem Baum hervorspringen und einem die Säbelklinge an die Kehle setzen mochten. Doch daran störte sich der Patient nicht. Woran er wirklich dachte, das waren all die Versteckmöglichkeiten für Spinnen in den Lehmhäusern und Bambushütten des Städtchens.
‚Zumindest die Gefahr, auf einen Skorpion zu treten, besteht nicht’, überlegte Silvio in seiner Hypnose. ‚Das sind doch Wüstentiere, oder?’
Der Junge konzentrierte sich auf alles, was ihn Dr. Fechner über Arthropoden hatte auswendig lernen lassen. Dummerweise fiel ihm als einziges ein, dass die nächste Spinne nie weiter als drei Meter von einem entfernt baumelte. Die meisten sah man bloß nicht, aber sie lebten im Mauerwerk, in den Ritzen, im Duschkopf der Brause über der Badewanne gegenüber dem Klo… und im Herzhäuschen hinter der Taberna, welches Silvios Alter Ego sich gerade aufzusuchen genötigt sah.
Der Mann, in dessen Haut Silvio steckte, knöpfte seine Hose auf, ließ seinen Penis an der natürlichen Luft hier drinnen teilhaben, erleichterte seine Blase und kehrte in die Schankstube zurück. Der Kürass eines Unteroffiziers der spanischen Armee lastete auf seinem dieses Gewicht nicht gewohnten Körper, die Gurte scheuerten und die Ballonhosen sahen einfach nur lächerlich aus.
Wieso stellte jemand überhaupt solche komischen Rüstungsteile her, fragte sich der Junge? Die Arme und der gesamte Rücken lagen frei! In einem Kampf gegen Piraten oder Indios würde es sicher nicht viel helfen, eine eiserne Platte vor der Brust zu tragen, in der Hoffnung, der Feind möge ritterlich von vorn angreifen. Eigentlich war diese Uniform nur zu einer Sache gut: Ausgezogen zu werden, nachdem sie ihrem Zweck erfüllt hatte, die Mädchen Puerto Principes auf ihn heiß zu machen.

Silvio gab jedes einzelne Detail seiner Reise in die Vergangenheit an Dr. Fechner weiter.
„Wie heißt du?“ fragte dieser.
„Francois“, antwortete der Junge.
„Das klingt nicht gerade nach einem spanischen Namen.“
„Doc! Ich bin außerdem der Schwarze Hund der spanischen Küste, klingt das vielleicht besser?!“
„Dann befindest du dich auf Kuba weit weg von daheim.“
„Ja. Aber es hat sich gelohnt, herzukommen. Wegen der Silberkarawane und dem Zuckerschnaps. Selbst die Verkleidung als spanische Soldaten hat was für sich. Die Mädels fahren voll drauf ab, wie Wespen auf Zucker.“
‚Die Mädels?!’ Alarmsirenen heulten in Dr. Fechners Kopf auf, als eins plus eins plötzlich drei ergab!
So behutsam wie möglich beendete er Silvios Trip in die Vergangenheit, bevor der Minderjährige noch Szenen zu sehen bekäme, die ihm in seinem Alter zwar ausnehmend gut tun würden, für die sich Therapeut und Patient aber vor dem Gesetz verantworten würden müssen.

„Du hast übrigens kein Wort über Spinnen gesagt“, lenkte Dr. Fechner das Gespräch sofort wieder auf das eigentliche Thema, nachdem sein Patient die Augen wieder aufgeschlagen hatte.
Silvio streckte sich in seinem Sessel. „Das war gemütlicher als sonst auf dem ollen Reisebürostuhl“, meinte er. „Und, doch, da waren Spinnen. Eine ganze Menge von dem Drecksviehzeug hat auf dem Klo rumgesponnen. Aber, ja, Sie hatten Recht: Vorhin in der Hypnose hat mir das nichts ausgemacht.“
Dr. Fechner beobachtete seinen Patienten genau, während dieser über die Spinnen sprach. Silvios etwas bleichere Gesichtsfarbe, das Zittern seiner Finger und die fluchtbereite Haltung in Verbindung mit dem Bemühen, seine Glieder für ein spontanes Weglaufen geschmeidig zu halten, es den Arzt aber nicht wissen zu lassen, hätten selbst zu einem Laien Bände gesprochen. Silvios Phobie hatte sich nicht im Mindesten gebessert. Man hätte den Jungen schon unter Dauerhypnose halten müssen, um etwas daran zu ändern.
Nachdem sich Silvio vergewissert hatte, dass das Sprechzimmer frei von Achtbeinern war, begann er ganz von selbst zu sprechen: „Ich denke, ich bin nicht wegen der Spinnen in dieser Szene gelandet. Es ging um etwas ganz anderes, Doc. Um die Mädchen nämlich.“
„Sil…!“
Lachend winkte Silvio ab.
„Nein, lassen Sie mich ausreden!“ bat er.
Es tat ihm gut, in den Erwachsenen hineinzureden, ihm das Wort abzuschneiden, ihm Anweisungen zu geben und zu wissen, dass der andere dasselbe jederzeit mit ihm tun konnte, ohne dass eine andere Hierarchieebene zwischen ihnen stand als die des Helfers und des Hilfsbedürftigen.
„Der Schwarze Hund hat mir einen Spiegel vorgehalten“, überlegte Silvio laut. „Er hat sie alle gehabt, schätze ich, jede einzelne Frau in Puerto Principe. Und, nein, es ist nichts passiert in der Hypnose. Ich habe das nicht live miterlebt. Aber Francois Gefühle habe ich spüren können. Er hat es so hemmungslos getrieben, weil er sich seine Manneskraft beweisen musste.“
„Wieso das?“
‚Das ist vollständig scheißegal und geht Sie nichts an!’ dachte der Patient, laut aber sagte er: „Keine Ahnung.“
„Aber du meinst, dass du dir ebenfalls etwas beweisen müsstest? Wie steht das deiner Einschätzung nach mit deiner Spinnenphobie in Zusammenhang?“
„Ich schäme mich so für diesen Scheiß“, gestand Silvio. „Nur Mädchen haben Angst vor Spinnen! Wenn ich auch darunter leide, dann fühle ich mich nicht mehr wie´n Kerl!“
Seine Erkenntnis hatte Silvio mit gesenktem Kopf dem Linoleum auf dem Fußboden anvertraut. Nun hielt er die Augen weiterhin gesenkt, damit der Therapeut nicht sah, wie sich salzige, heiße Flüssigkeit in ihnen sammelte.
„Ich glaube, ich bin gar kein richtiger Mann“, flüsterte er. „Davor habe ich Angst. Wenn ich das Krabbelzeug sehe und es mich dabei kribbelt, dann ruft ein Teil von mir ‚Junge, was bist du schwul’ und dann möchte ich mich am liebsten verkriechen. Alle denken, es ist wegen den Spinnen, wenn ich wegrenne, aber es ist wegen mir! Nur wegen mir…“

Silvio wollte seinen Kummer vor dem Erwachsenen verbergen. Dadurch entging ihm, wie ein erleichtertes Schmunzeln über Dr. Fechners Gesicht huschte.
‚Endlich wieder lösbare Probleme!’ frohlockte der Mann. ‚Von seiner Spinnenphobie kurieren kann ich den Jungen nicht, aber ihm das Selbstbewusstsein geben, damit zu leben, das sollte mir möglich sein.’
Dr. Fechner klopfte mit seinem Kugelschreiber auf das Therapieprotokoll.
„Fünf Minuten vor Schluss, und ich brauche eine neue Kulimine“, meinte er beiläufig. „Tja, passiert.“
Der Mann erhob sich. Er verließ den Raum, überquerte den Flur, trat ins das Zimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs seiner Praxis ein und verschaffte Silvio dadurch den nötigen Freiraum, seinen Gefühlen unbeobachtet ihren Lauf zu lassen. Als Dr. Fechner wenig später zurückkehre, hatte Silvio die Spuren seines Weinanfalls bereits soweit getilgt, dass man wissen musste, was geschehen war, um sie noch zu finden.
Die beiden verabschiedeten sich gesittet, wenn auch nicht unbedingt gefasst, voneinander. Fechner glühte vor Vorfreude darauf, den Fall doch noch in absehbarer Zeit erfolgreich abschließen zu können. In Silvios Kopf hingegen überschlugen sich die Gedanken…

*

Silvio hastete die Straße hinunter. Er beeilte sich nicht, um seinen Bus noch zu erreichen, sondern rannte wie von Höllenhunden gehetzt neben eben jenem Linienbus her, ohne das Fahrzeug überhaupt wahrzunehmen. Dass er die Haltestelle längst passiert hatte, war Silvio in seiner blinden Flucht aus der Praxis völlig entgangen. Er lief weiter. Weil es gut tat. Weil er ja nach Hause musste. Und weil ihm nichts Besseres einfiel.
Schließlich siegte der Bus und ließ den Zweibeiner hinter sich, jedoch nicht ohne ihm zum Abschied eine Wolke aus Wasser, Ruß und Nitratverbindungen zu hinterlassen. Keuchend, als habe er diesen Cocktail in einem Zug eingeatmet, hielt Silvio Lehmann inne.
Ein einziger Gedanke raste ihm immer wieder durch den Kopf: ‚Ich bin nicht schwul! Das ist völlig unmöglich!’
Ein anderer, hartnäckigerer Gedanke allerdings, der sich ebenfalls zu Wort meldete, stellte beharrlich die Frage, weshalb der Junge sich genötigt fühle, das Schwulsein so vehement abzustreiten. Niemand hatte ihm vorgeworfen, am anderen Ufer zu fischen. Niemand hatte es auch nur angedeutet. Der Gedanke war von ihm selbst gekommen – und das nicht zum ersten Mal heute.

‚Ich rufe Achim an’, beschloss Silvio.
Schon wühlte er in den Tiefen seines Rucksacks nach seinem Handy. Er musste sich durch alle möglichen Utensilien durcharbeiten, die er eingesteckt hatte, weil er sie eventuell in der halben Stunde, die er für die Wegstrecke zwischen seiner Wohnung und Dr. Fechners Praxis benötigte, gebrauchen könnte. Endlich umschlossen Silvios Finger sein altmodisches, weil billiges, Telefon, tippten bereits die Vorwahl ein – und erstarrten.
‚Soweit ist es mit mir schon gekommen!’ schoss es dem Jungen durch den Kopf. ‚Ich rufe einen anderen Kerl an, um ihm mein Herz auszuschütten!’
Wütend schleuderte er das Handy zurück in seinen Rucksack, kehrte dann um und trottete zurück zur Bushaltestelle.

*

In seinem Zimmer im Dachgeschoss der sich über zwei Etagen erstreckenden Wohnung seines Vaters seufzte Joachim Bentele. Sein Blick wanderte vom Fenster, von dem man den Park und die Bushaltestelle sehen konnte, zu einem digitalen Bilderrahmen auf seinem Schreibtisch. Auf dem Gerät lief in einer Endlosschleife das Photo der gescheiterten Patchworkfamilie und vor dem Jungen auf dem Tisch lag ein Fachtext, den er eigentlich auswendig lernen sollte.
Etwa um diese Uhrzeit musste Silvios Therapiestunde vorbei sein, überlegte der Teenager. Dennoch hatte der andere noch nicht angerufen. Ob etwas schiefgelaufen war? Mit dem esoterischen Zeug verhielt es sich ja nicht anders als mit herkömmlichen naturwissenschaftlichen Prozessen: Sie mochten alle stattfinden, doch es war gefährlich, damit herumzuspielen.
‚Unsinn!’ schalt sich Achim. ‚Welchen Grund sollte Silvio denn auch haben, ausgerechnet mich gleich danach anzurufen, wie ein aufgeregtes kleines Schulmädchen? Zurück zu den Hausaufgaben…’

„Das Umweltrecht“, kritzelte der Azubi auf die erste Seite eines neben seiner Lehrtextkopie aufgeschlagenen Schreibblocks. „Die Umwelt befindet sich überall von uns, nicht nur rechts. Das macht es schwer, ihr zu entgehen, was gerade, wenn sie stinkt, scheiße ist.
Ich will hier nicht sein.
Ich kann dieses beschruppte Fach nicht ausstehen.“
Eine Weile ruhte Achims Füller, dann kratzte die Feder hastig über das Papier.
„Das ist mein Tagebuch, nachdem Dad mir das alte um die Ohren gehauen und weggeworfen hat. Ich solle ja nicht noch mal auf so eine Idee kommen.
Vorbei ist vorbei. Ich bin nun ein Mann ohne Vergangenheit und meine Zukunft gefällt mir nicht. Der Neuigkeitswert dieser Zeilen dürfte sich in Grenzen halten, aber es ist verdammt noch mal mein Leben, da kann ich drüber schreiben, was ich will. Und wenn’s nur Gemeinplätze sind, dann sehen Sie, mein lieber Herr Archäologe in 2000 Jahren, mal dran, wie scheiße genau dieses Leben war. Vielleicht sind Sie ja ich? Mein Bruder macht gerade so einen Vorlebenstrip, aber er will nicht mit mir darüber reden…“
Achim schrieb, bis seine Patrone leer war. Gerade wollte er eine neue in den Füller schrauben, als sich sein Telefon zu Wort meldete. „Seasons in the sun“ dudelte rein instrumental aus dem Gerät und die dazu abgebildete Nummer gehörte zum Festnetzanschluss der Lehmanns.
Achim hob das Telefon ans rechte Ohr.
„Bentele? Ach, du bist es, Silvio? Tut mir leid, ich muss gleich weg. Wir reden später. … Was? Ob ich wegen was sauer bin? Ja, verflucht! … Äh… wegen meinem Vater. … Ja, klar. … Danke. … Bis demnächst, tschö!“

Achim klappte sein Schreibblock-Tagebuch zu. Die Schulbücher schob er ebenfalls zur Seite. Immerhin begann die Berufsschule erst im September und obwohl der Junge sich darauf freute, seine Lieblingsfächer fortzuführen, empfand der die Lernerei für sein Hauptfach als lästige Pflicht. Die Gesetze auswendig lernen und einem Studierten dabei helfen, sie anzuwenden, wirklich toll! War er denn noch ein kleiner Junge, der Räuber und Gendarm spielte?
Achim wusste selbst, dass er ungerecht urteilte, doch er konnte sich nicht helfen. Viel lieber hätte er darüber diskutiert, was in den Köpfen der Menschen vorging, die dieses und jenes Gesetz verabschiedet hatten, wieso es so und nicht anders lauten musste und wie es sich seit seiner Einführung verändert hatte.
Ruckartig schob Achim den Bürostuhl, auf dem er saß, vom Schreibtisch weg. Er versetzte das Möbelstück in Bewegung, drehte es mehrfach um die eigene Achse – und fühlte sich hinterher noch genauso beschissen wie vorher. Er war eben wirklich kein kleiner Junge mehr, den derartige Spielereien dauerhaft aufzuheitern vermochten.
„Jakob Joachim Bentele, du bist jetzt einer von den Guten“, schnaubte der Jugendliche höhnisch. „Du hilfst Menschen in Not und wirst noch eine Stütze der Gesellschaft.“
Aber wer half ihm? Niemand. Offenbar war es im Weltplan nicht vorgesehen, dass der edle Rechtspfleger selbst auch ein bisschen Glück abbekam.

Achim suchte sämtliche Geldstücke, die sich in seinem Zimmer angesammelt hatten, zusammen, um sie in die Spardose zu werfen. Er besaß wohl die ungewöhnlichste Spardose aller Gleichaltrigen der Stadt, nämlich einen ausgemusterten Geldspielautomaten aus der Clubkantine des Sportplatzes. Die Beleuchtung der Walzen hatte ein wenig geflackert, Achim eine Woche lang braver Junge gespielt, sein Vater einmal im Leben Verständnis gezeigt und schon war das Geschenk zum vierzehnten Geburtstag in der Tüte gewesen. Mittlerweile hatte der stolze neue Besitzer des Automaten das Kabel zum Lämpchen wieder festgelötet und konnte nun seit zwei Jahren dabei zusehen, wie seine Ersparnisse unter Dudelmusik und gelb-orangenen Lichtblitzen in der Geldkassette verschwanden. Dass Achim selbst den Schlüssel zu dem Gerät besaß und zuweilen eine Handvoll Münzen wieder herauskam, tat dem Spaß keinen Abbruch.
Dennoch, ein echtes Casino zu besuchen, das war etwas anderes als der einsame Slotautomat im Kinderzimmer. Oder vor aller Augen ein Computerspiel zu kaufen, das man vielleicht gar nicht mochte, auf dem aber rot das Ab – 18 – Siegel der USK prangte. Oder sich mit siebzehn für die Führerscheinprüfung anzumelden. Oder, oder, oder…
‚Jemanden, den man wirklich gern hat, mit in das Casino zu nehmen’, schoss es Achim durch den Kopf. Der Junge schmunzelte über sich selbst. Ja, vielleicht würde er bereits in diesem Herbst in der neuen Schule eine heiße Braut kennen lernen. Dass ihm bisher nicht eine einzige gefallen hatte, musste ja nicht heißen, dass es auch in Zukunft so bliebe.

*

Im Wohnzimmer der Lehmanns entfernte Silvio Lauras Rockballaden-CD aus dem unteren Laufwerk des Familienrechners und schob sein Piratenspiel hinein.
Irgendwann hatten Mutter und Sohn einmal ausgemacht, wem welches Laufwerk gehören sollte, nämlich Laura das obere und Silvio dass untere. Aber Laura hielt sich nie an die Vereinbarung. Sie benutze beide Laufwerke, wie es ihr gefiel. Dass sie die gemeinsam getroffene Abmachung mitnichten vergessen hatte, bewies die Frau jedes Mal, wenn sie sich darüber beschwerte, dass Silvio nach dem Brennen von Musik die Originale im oberen, dem Read-Only, Laufwerk vergaß. Mit seiner halblegalen Tätigkeit mochte der Sohn ja ungeschoren davonkommen, aber eine Abmachung mit seiner Erziehungsberechtigten, die brach er nicht ungestraft!

Silvio startete sein Piratenspiel und lud den aktuellen Spielstand.
Don Ferrando stellte sich heute nicht nur dem Duell mit seinem Nebenbuhler, nein, er verfolgte die Romanze konsequent weiter, wofür Silvio sämtliche Nebenhandlungen ignorierte. Zu allem Überfluss musste er auch noch zwei Meutereien niederschlagen, weil seine digitalen Matrosen wenig Verständnis dafür aufbrachten, auf das Entern lukrativer Beuteschiffe verzichten zu müssen, bloß, weil sich ihr Capitano im Liebesrausch befand. Aber Silvio wollte die Frau mehr als alles andere, wollte sie endlich ins Ehebett bekommen und sich wie ein ganzer Mann fühlen.
Bis in den späten Abend hinein spielte der Junge. Als die Hochzeitssequenz endlich über den Bildschirm flimmerte, fühlte sich Silvio ausgelaugt und leer. Beinahe hätte er vergessen, seinen Spielfortschritt zu speichern.

*

Dr. Fechner war in seinem Privatleben unter dem Namen Ludwig oder auch Lutz bekannt.
Seine jugendlichen Patienten mochten sich ihren mit einem akademischen Titel geehrten Therapeuten ein gesundes Gurkensandwich essend die neusten wissenschaftlichen Dokumentationen im Fernsehen verfolgend vorstellen, doch diese Vorstellung ging an der Realität vorbei. Der Mann hatte promoviert und ging seiner Tätigkeit kompetent nach, doch darüber definierte er sich nicht. Nach Feierabend drehten sich Lutz Fechners Gedanken um Grillpartys, seine Lieblingsfernsehserie, sein nächstes Auto, interessanten Sex und die Frage, was er tun müsse, um seine Freundin noch möglichst lange zu behalten.
An diesem Abend hatte er Carola zu einem ihrer ganz privaten Dinner eingeladen: Den besten Wein aus dem Fachhandel und dazu selbstgebackene Pizza.
Mit Pizza kannte sich Lutz aus. Immerhin wühlte er im Geist der verquersten Patienten herum und brachte dort in Ordnung, was durcheinander geraten war. Die Zutaten für eine Pizza exotisch, aber nicht widerlich, zu kombinieren, stellte daher für ihn die allergeringste Herausforderung dar – behauptete er zumindest.
„Und? Was gibt es Neues in der Praxis?“ erkundigte sich Carola, während die beiden aßen.
Lutzs Lebensgefährtin wusste, dass es die kleinen Anekdoten waren, die ihren Freund am Laufen hielten: Eine neue Topfpflanze, ein Witz, den ein Patient gerissen hatte, Neuigkeiten über den kleinen Sohn seiner Sprechstundenhilfe, der die erste Klasse der Grundschule besuchte… An je mehr erfreuliche Ereignisse, die in seiner Praxis stattfanden, sich der Doktor erinnern durfte, umso besser fühlte er sich in der Lage, auch mit den dort auftretenden Krisen fertig zu werden.
„Heute nur lauter olle Kamellen“, antwortete Lutz verschmitzt. „Von vor dreihundertfünfzig Jahren.“
„Was du nicht sagst!“

Lutz ließ seine Partnerin ein wenig zappeln. Diesmal, das wusste er, würde sie ihm aus ehrlich empfundener Neugier zuhören, und nicht bloß, um ihm dabei zu helfen, seine Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.
Von Anfang bis Ende berichtete der Doktor, wie er Silvio Lehmann gewissermaßen auf eine Zeitreise geschickt hatte und was der Junge dort erlebt hatte.
„Es ist nur vernünftig, sich zu sagen, das Ganze sei eine Ausgeburt des Unterbewusstseins meines Patienten gewesen“, schloss der Therapeut seine Erzählung. „Aber eine Sache hat mich stutzig gemacht. Der Schwarze Hund – Silvio – behauptete felsenfest, er und seine Bande hätten einem Silbertransport aufgelauert. Wieso sollte der Junge so etwas phantasieren? Würde nicht jeder von uns zuerst an Gold denken?“
„Würden wir?“
„Das ist, weil wir heutzutage ein verzerrtes Bild vom Piratenleben haben“, fuhr Lutz fort. „In Wirklichkeit haben die meisten Seeräuber nämlich kleine Brötchen gebacken, blieben arme Schlucker. Silvio wusste das nicht. Er hat sich sehr darüber gewundert, dass es in seiner Phantasie nicht um einen richtigen Schatz ging.“
Lutz säbelte seine Pizza in kleine Brocken.
„Das bisschen Silber… Wie wertvoll kann so was schon sein?“
Carola kicherte. „Immens wertvoll! Denk doch mal nach: Was wurde aus Silber hergestellt? Messer, Gabeln, Löffel…?“
„Ja. So´n Zeug halt.“
Lutzs Freundin schüttelte ihre Lockenmähne, als sie „Geld!“ antwortete. „Jede in den Kolonien geförderte Unze Silber bedeutete mehr Geld für das Heimatland. Man brachte das Silber nach Europa, prägte Münzen daraus.“
„Moment, Moment!“ hakte der Doktor ein. „Das ist nicht unbedingt eine gute Sache. Mehr im Umlauf befindliches Geld bedeutet erhöhte Nachfrage bei gleichbleibender Gütermenge. Preise würden steigen und zuerst auch die Löhne mit ihnen, weil man ja genug neue Münzen herstellen kann. Aber im Laufe der Jahre hätte es zu eine Inflation kommen müssen.“
„Das ist es auch“, erwiderte Carola. „Die Grundlagen der Merkantilwissenschaften wurden in jener Epoche gelegt, als die Menschen diese Zusammenhänge nach und nach auf die harte Tour ergründeten. Angebot und Nachfrage bestimmten schon immer den Markt, lange, bevor man diese Gesetzmäßigkeiten theoretisierte. Und schon damals wurden auf Befehl der Kolonialmächte Gewürzladungen verbannt, um den Preis nicht zu verderben. Aber das dürfte deinem Piraten egal gewesen sein.“
Lutz hob abwehrend die Hände.
„Es ist nicht ‚mein’ Pirat. Das ist die Phantasie meines Patienten. Mir ist es völlig egal, was der Junge halluziniert, solange es uns in seiner Heilung näher bringt.“

*

Aber stimmte das wirklich? Am nächsten Morgen – Carola hatte die gemeinsame Wohnung bereits verlassen, um sich mit ihrem Doktorvater in die Freuden der historischen Entwicklung und Zukunftsperspektiven unregelmäßig gebeugter Verben zu versenken – schritt Ludwig Fechner vor seinem Bücherschrank auf und ab wie ein Raubtier in einem zu engen Käfig. Immer wieder lief der Mann hin und her. Seine Finger zuckten zu diesem oder jenen Buch, schraken aber zurück, noch bevor sie einen Bücherrücken berühren konnten.
Lutz dachte über Francois nach. Nicht über Silvio Lehmann, sondern über dessen Alter Ego im siebzehnten Jahrhundert.
Carolas Einschätzung nach hatte es sich beim „Schwarzen Hund der Spanish Main“ um einen erfolgreichen Piraten gehandelt, wenn er sich an eine Silberkarawane heranwagte. Lutz glaubte seiner Freundin. Wer sein Leben damit füllte, die Entwicklung wohl sämtlicher indogermanischer Sprachen durch die Geschichte hinweg zu verfolgen, der lernte nebenbei auch etwas darüber, wie die Sprecher in den jeweiligen Epochen gedacht und gefühlt hatten.
Ein Mann wie Francois hätte mit Sicherheit seine Spuren in der Historie hinterlassen. Vielleicht nicht gerade im Brockhaus oder im Ploetz, wohl aber in spezialisierten geschichtlichen Abhandlungen.
Dem Internet traute Lutz Fechner nicht. Genaugenommen vertraute er seinen Suchkünsten in diesem Medium nicht. Um über „Schwarzer Tee“, „Kalter Hund“ und „Schatzinsel“ als Treffer hinauszukommen, benötigte Dr. Fechner eine gut sortierte Bibliothek. Glücklicherweise besaß er diese in Form der Präsenzbibliothek des Geschichtswissenschaftlichen Instituts der Universität direkt vor seiner Haustür. Da er seine Praxis ohnehin erst um zwölf Uhr dreißig öffnete, lag ein ganzer Vormittag vor dem Doktor, den er für seine Recherche nutzen konnte. Ein kurzer Abstecher zu den Sprachwissenschaftlern und ein Küßchen verschafften Lutz Carolas Bibliotheksausweis, dann konnte er die Spur des Piraten aufnehmen.

Doch der Schwarze Hund zeigte sich nicht sonderlich kooperativ. Wenn dieser Mann in die Geschichte eingegangen war, dann unter einem anderen Namen. Lutzs einziger anderer Anhaltspunkt bestand in einem Vornamen, dem Taufnamen des Piraten, den Silvio ihm unter Hypnose genannt hatte. Aber „Francois“ gab es wie Sand am Meer, wie Sand an allen sieben Meeren, wenn man es genau nehmen wollte. Mit dem Namen allein kam der Doktor nicht weiter.
Doch hatte ihm Silvio ihm nicht auch eine Jahreszahl genannt? 1643! Das war es!
Erneut trat Lutz an den Tresen, tauschte Bücher, die ihn nicht weitergebracht hatten, gegen neue und zog sich an einen Einzeltisch im hintersten Winkel der Bibliothek zurück.
Eine weitere Stunde später hatte der Mann gefunden, was er suchte. Nicht seine Antwort, aber wenigstens einen Anhaltspunkt, wie er an jene Antwort gelangen könnte.
Die Spanier hatten jährlich die Schätze aus ihren Kolonien in der gesamten Neuen Welt eingesammelt und auf die Reise nach Europa geschickt, so erfuhr Ludwig. Jedes Mal hatten die mächtigeren der karibischen Beutegreifer Hoffnungen gehegt, ein Nachzüglerschiff des Konvois aufbringen zu können. Derlei Angriffe versprachen meist nur dann Erfolg, wenn mehrere Piratenkapitäne ihre Schiffe zu einer Flotte vereinten. Einige davon blieben stets auf der Strecke. Die Frage lautete nur, wer genau und an welchem Punkt der Kaperoperation es passierte…
Im fraglichen Jahr ´dreiundvierzig war das Kunststück, die Schatzflotte zu berauben, tatsächlich einem Kapitän gelungen. Im Jahr darauf war es sogar zu einer verheerenden Niederlage gekommen, bei der Spanien die halbe Flotte verloren hatte. Ein spanischer Edelmann hatte sich dafür zu verantworten und in den Ruhestand als Offizier treten müssen, doch fand Dr. Fechner nicht mehr als ein paar Sätze zu dieser Folge der Ereignisse.
Derlei Abenteuergeschichten ließen sich sicher zu einem spannenden Kinofilm verarbeiten, zu Francois dem Schwarzen Hund standen sie in keiner Beziehung. Daher ignorierte Lutz sämtliche Erwähnungen des vierundvierziger Zwischenfalls, um sich ganz auf den Mann zu konzentrieren, der im Körper des sechzehnjährigen Silvio Lehmann wiedergeboren worden war.
Aber stimmte das denn? Durfte man daran glauben? Und selbst wenn, was würde es ändern? Silvio hatte noch immer drei Jahre Gymnasium zu absolvieren. Bei seiner Lernerei würde es ihm ganz sicher nicht helfen, zu wissen, vor mehr als dreihundert Jahren ein versierter Steuermann und Säbelfechter gewesen zu sein.
Real hingegen war das Silber. Das spanische Silber, das Piratensilber…

Immer tiefer vergrub sich Lutz in seine Recherche. Er stieß auf Erwähnungen dieses und jenes Scharmützels in Zusammenhang mit den Silberkarawanen. Stets war fein säuberlich festgehalten worden, wie viele Witwen gefallener Soldaten es zu entschädigen galt, wie viele Trägersklaven ersetzt werden mussten, ob Verwundete den Weitertransport verlangsamt hatten oder Gefangene eingebracht worden waren. Mit einiger Phantasie lies sich die Episode auf Kuba, die Silvio erlebt zu haben angab, an gleich mehreren Stellen in den Aufzeichnungen wiederfinden. Offenbar war man in Spanien gar nicht einmal so selten auf die Idee verfallen, allein mit Ballastkisten beladene Köderschiffe durch die Karibik zu senden, während das Silber so oft wie möglich über den Landweg transportiert wurde. Einem dieser Transporte hatte der Schwarze Hund also in Puerto Principe aufgelauert.
Der Doktor schlug weiter Seite um Seite um. Er verließ seinen Platz weder um zu rauchen, noch, um sich einen Snack zu gönnen. Mehrfach hatten bereits die Studentengruppen gewechselt, die in der Bibliothek an ihren Hausarbeiten arbeiteten. Auch das Bibliothekspersonal hatte seinen Wachwechsel zur Mittagsstunde bereits vollzogen, nur Lutz blieb die ganze Zeit über seinem Posten treu.
Und dann fand er es.
Wie elektrisiert beugte sich Dr. Fechner über das Bibliotheksbuch. Mit den Fingern fuhr er die Zeilen nach.
Ein Logbucheintrag aus dem Jahr 1643 schilderte die Verfolgung eines Piratenschiffes, dem offenbar das Bubenstück gelungen war, eine Silberkarawane und damit die spanische Krone um einiges ärmer zu machen. Nur, dass sie nicht viel davon gehabt hatten…

Verfolgten die „Sharkeye“, an Bord das geraubte Silber des Konvoischiffes „Oro del Mare“, von Kuba aus nach Osten. Verloren Ziel außer Sicht, konnten aber ausschließen, dass die „Sharkeye“ jemals ihren Zielhafen erreichte. Aufgrund ihrer Schäden und der Wetterverhältnisse ist davon auszugehen, dass sie an unbekanntem Ort sank.

„Mit meinem Silber“, schoss es Dr. Fechner durch den Kopf.
Der Doktor lachte über sich selbst. Das war wieder einmal so typisch! Jeder dachte zuerst „Warum kann das eigentlich nicht auch mir gehören?“, wenn er von versunkenen Schätzen hörte.
Und was sprach eigentlich dagegen, fragte sich der Mann?
Von der Oro del Mare über Land in die Hände der Piraten und von dort hinab zu den Fischen war das Silber gewandert, dessen war sich Lutz nun sicher. Aber von dort konnte es auch wieder auftauchen!
Besaß er nicht, was den Spaniern damals gefehlt hatte? Einen direkten Zugang zur Brücke – oder wie immer die Seeleute ihren Kommandostand damals genannt haben mochten – der Sharkeye?
Der Schwarze Hund befand sich zwar nicht in seiner Gewalt, dafür spazierte er mehrmals wöchentlich ganz von selbst in Dr. Fechners Praxis.
„Das ist verrückt…“
Der Doktor schlug das Buch zu.
Er schüttelte den Kopf.
Erhob sich.
Trug sämtliche den Regalen entnommenen Werke an ihren Platz zurück.
Niemand in der Bibliothek nahm Notiz von den Vorgängen. Es spielte sich ja nichts Außergewöhnliches vor den Augen der Studenten und Angestellten ab, oder? Nein, natürlich nicht! Nur ein Wissenschaftler, der verzweifelt eine für seine Arbeit wichtige Information gesucht und endlich auch gefunden hatte.

Dr. Fechner verließ das Gebäude beschwingten Schritts. Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, begann er auch schon zu pfeifen.
Natürlich war es nicht sonderlich wahrscheinlich, dass der Junge in seiner Praxis, der sich so vor Spinnen fürchtete, die Koordinaten zu einen wertvollen Silberschatz in seinem Kopf trug oder er, Lutz Fechner, dieses Silber auch noch eines Tages bergen würde. Ganz und gar nicht wahrscheinlich, sogar in höchsten Maße un-wahrscheinlich war das!
Dummerweise enthielt dieses Wort, dass der Doktor sich immer wieder im Geiste vorsagte, die Silbe „Schein“, was es Lutz erschwerte, auf andere Gedanken als Berge von Geld zu kommen.
„Aber man wird ja träumen dürfen…“ dachte er noch bei sich, bevor ein weiterer Arbeitstag seine Aufmerksamkeit zu hundert Prozent forderte.

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