Spinnen sind nützliche Tiere

(Kapitel 4 von „Brüder oder so“)

Silvio Lehmann hatte zugestimmt, Dr. Fechner nach Kräften bei der Ermittlung der Koordinaten zu unterstützen, an denen die Sharkeye mit ihrer Silberladung gesunken war. Was er nicht unterzeichnet hatte, war eine Schweigevereinbarung. So kam es, dass der Junge bereits am nächsten Tag seinen Ex-Bruder auf dem Weg zum Sportplatz abfing, um ihn in seine Entscheidung einzuweihen.
Achim verstand zuerst nur Bahnhof und zwar Durchgangsbahnhof mit U- und S-Bahnanschluss sowie Bushaltestelle.
„Wir sollten das irgendwo in aller Ruhe besprechen, Silvio“, meinte er. „In der Kantine vom Clubhaus vielleicht?“
„Okay.“
Schweigend trottete Silvio neben Achim her, als dieser nun doch den Weg zum öffentlichen Sportplatz einschlug. Noch immer schweigend folgte er ihm die Betonstufen zum größten der Gebäude hinauf.
Nur die wenigsten Besucher des Sportplatzes kehrten hier ein. Wer unbedingt sofort nach dem Training etwas zu essen zu benötigen glaubte, der brachte sich seine eigenen Vorräte mit. Fitnessgetränke ließen sich überdies zum selben gepfefferten Preis auch an den auf dem ganzen Gelände verteilten Automaten ziehen. Ins Clubhaus kam man eigentlich nur, um gesehen zu werden, aber auch das nur zu im Vorfeld festgelegten Veranstaltungen.
So wunderte sich die Betreiberin nicht schlecht darüber, dass da plötzlich zwei Jugendliche an der Theke standen und Bockwürste mit Senf verlangten.
„Alkohol gibt´s hier aber nicht, falls ihr das glaubt. Nicht für euch und nicht für niemanden.“
„Eine Ungerechtigkeit, die alle trifft, ist schon wieder gerecht“, meinte Achim leichthin. Er stellte noch eine Coladose und ein Selterswasser auf die Theke, legte zwei Schokoriegel dazu und wartete darauf, die Gesamtsumme genannt zu bekommen.
Silvio blickte zu Boden. Er hätte sich hier bestenfalls ein kleines Eis am Stiel leisten können. Die Selbstverständlichkeit, nein, die selbstverständliche Gedankenlosigkeit, mit der sein Ex-Bruder die Snacks bezahlte, ließ die Schamesröte in sein Gesicht steigen.

Achim nahm das Tablett an sich. Er steuerte damit auf einen fensternahen Tisch zu und Silvio folgte ihm.
Unvermittelt rief der Tablettträger: „Silvio bleib stehen! Augen zu!“
Der andere gehorchte.
„Es pe ii enn enn eh?“ vergewisserte er sich.
„Exakt das.“
Achim drückte Silvio das Tablett in die Hand. Mit noch immer zusammengepressten Augenlidern nahm der Junge es entgegen.
„Hasst du die Teile eigentlich oder graults dich nur vor denen?“ erkundigte sich Achim.
„Ich habe nichts gegen sie. Sie soll´n nur woanders rumhängen als ich.“
Silvio hörte, wie jemand, Achim vermutlich, ein Fenster öffnete.
„Und die Netze?“ hakte der Jüngere nach.
„Pfui!“
„Alles klar. Dann kümmere ich mich auch um die.“
Silvio wartete ab. Er wagte es nicht, seine Augen zu öffnen. Am liebsten hätte der Junge auch noch sein Gehör ausgeschaltet. Erst, als Achim Entwarnung gab, er habe den achtbeinigen Clubgast des Hauses verwiesen und auch dessen Webe entfernt, atmete Silvio ein wenig befreiter.
„Lass uns trotzdem einen anderen Tisch nehmen, ja?“
„Wieso? Das Vieh ist fort. Ich hab´s lebendig rausgesetzt, weil du ja gesagt hast, du hättest nichts gegen Spinnen.“
„Hab ich auch nicht. Aber man muss die Biester mindestens zehn Meter weit forttragen, damit sie nicht wieder zurückkommen.“
Belustigt schüttelte Achim den Kopf.
„Das ist hoffnungslos. Wenn dich dein Doc mit Bildung versaut, bin ich machtlos.“
„Na ja, ja. Er kann schon sehr überzeugend sein…“

Die beiden Jungen nahmen an einem Ecktisch Platz. Sie blieben die einzigen Besucher, dennoch sprach Silvio die ganze Zeit über mit verhaltener Stimme. Er berichtete seinem Ex-Bruder haarklein alles, was sich in der letzten und vorletzten Therapiesitzung zugetragen hatte. Über den Schwarzen Hund. Kuba. Clark the Shark und seine Bande. Und über die Silberkarawane.
Zunehmend bedenklicher erschien dem anderen, was er da zu hören bekam. Mehrfach setzte Achim zu einer Zwischenfrage an, hielt sich dann aber jedes Mal zurück.
Am Ende gab Silvio von ganz allein zu, sich äußerst unwohl bei der ganzen Angelegenheit zu fühlen.
„Aber ich kann Doc Fechner einfach nichts abschlagen“, gestand er.
„Wie lange kennst du ihn denn? N Monat, einmal die Woche? Nicht? Dann zweimal? Egal, macht keinen Unterschied.“
„Mit der Länge hat das nichts zu tun. Meine Mutter kenne ich noch länger. Ich sehe sie jeden Tag, aber ich würd´ jetzt nicht behaupten, ich vertraute ihr.“
„Hm.“
„Er ist irgendwie wie´n Vater für mich. Verstehst du?“
Achim schüttelte den Kopf.
„Üm-üm. Wenn jemand wie mein Vater wäre, täte ich ihm absolut nicht vertrauen.“
„Wie ein richtiger Vater. Einer, mit dem man Pferde stehlen kann.“
„Aber erstens kannst du dafür gehängt werden und zweitens seid ihr ja hinter dem Piratensilber her. Sag mal, wieso´n eigentlich Silber? Kein Gold?“
„Was weiß denn ich? Vielleicht wollten wir daraus Münzen machen? So wie Falschgeld?“
„Ja, das wäre eine Möglichkeit. Du sagst übrigens „wir“, das finde ich cool. Hält das noch an? Dass du dir wie der Schwarze Hund vorkommst? Auch jetzt noch?“
„Mhm, ja. Auch jetzt manchmal noch.“
Silvios Herz setzte zu einem schnelleren Takt an. Er fürchtete, der andere werde auf das Versprechen aus dem Park zurückkommen und danach fragen, ob er selbst in Silvios Vision eine Rolle gespielt habe. Was sollte er dann antworten? Oder besser: Wie sollte er antworten, ohne gleich zu verraten, dass er sich seine Antwort nur ausdachte? Denn unter keinen Umständen würde Silvio Achim Bentele erzählen, wie sich dessen Gesicht und seine Vorstellung des Piratenkapitäns Clark the Shark immer wieder überlappten!

„Jedenfalls, wenn der Doc und ich das Silber gefunden haben, dann…“
Silvio stockte. Wie sollte er seinen Satz beenden? Dass er dann Achim schick zum Essen ausführen würde?! So ein Quark! Quark mit Spinatfasern und Apfelkernen drin! So etwas würde er doch nie tun! Er hätte noch nicht einmal daran denken dürfen!
Achim winkte ab. „Dann schaffst du dir ein Auto an und kaufst dir ein Haus und machst groß Party, ja, ja“, meinte er wegwerfend.
„Ja, du wohl nicht? Los, sag schon, was stört dich daran? Du holst dir wohl lieber noch Legosteine oder was?“
„Nein, aber ich glaube, du wärst mit einem Karton voll gut beraten.“
Achim lehnte sich zurück. Er öffnete seine Cola, trank selenruhig aus der Dose und schien den Anblick seines völlig sprachlosen Gegenübers zu genießen.
„Hätte jemand Geld für eine Reise in die Karibik, brauchte er auch den Schatz nicht“, erklärte Achim nach einer Weile. „Und überhaupt. Wie wolltest du so was aus dem Land bekommen? Eine Schatzsuche! Geschmuggeltes Silber! Das sind doch alles Kinderphantasien!“
„Wie bitte?“
„Komm zurück zu uns nach Kansas, James Hawkins! Du gehst studieren, bekommst BAföG und lebst mal gut, und das alles in der realen Welt.“
Silvio hatte genug gehört! Er schoss vor, streckte seine Hand aus und schlug dem anderen die halb geleerte Dose aus der Hand.
„Du lebst gut, ohne studieren zu müssen!“ herrschte er ihn an. „Du brauchst diese blöde Lehrstelle doch gar nicht!“
„Na ja.“ Achim massierte sein Handgelenk. Mit den Füßen angelte er nach der Dose, bückte sich und hob sie wieder auf. Durch kurzes Schütteln prüfte er, ob sich noch ein wenig des Inhalts darin befände. In der Tat war kaum etwas von der Cola auf den Boden geflossen.
„Ich will ja nicht nur das Geld meines Vaters und Tante Rikes verprassen“, erklärte der Junge. „Sondern selbständig werden und meinen Kids auch mal was hinterlassen.“
„Trotzdem!“ beharrte Silvio. „Du verstehst das nicht! Du hast nie Not gelitten, Achim. Solche wie du können groß herumtönen, was vernünftig und was unvernünftig ist. Dabei wollt ihr nur, dass wir anderen gar nicht erst versuchen, möglicherweise an euch ran zu kommen!“

Achim sagte nichts. Hinter seiner Stirn arbeitete es heftig. Was immer er antworten wollte, es fiel ihm nicht leicht. Vielleicht sollte er es ja doch lieber für sich behalten?
Während er seinem Ex-Bruder dabei zusah, wie dieser zu einer Entscheidung zu gelangen versuchte, fiel Silvio zum ersten Mal auf, wie tiefblaue Augen Achim eigentlich hatte. Ihn selbst hatte die Natur lediglich mit einem nichtssagenden Braun ausgestattet. Der Junge korrigierte seine Vorstellung von Captain Clark, den er sich eher grauäugig mit nur einem leichten Anflug von Blau vorgestellt hatte. Außerdem wies der Piratenkapitän in Silvios Phantasie eine jungenhafte Stupsnase auf. Bisher hatte er geglaubt, diese Nasenform von Achim übernommen zu haben, doch nun sah er seinen Irrtum ein.
‚So lange kenne ich dich jetzt schon und in all den Jahren müsste mir doch im Gedächtnis hängengenlieben sein, wie deine Nase aussieht?’ überlegte Silvio. Doch dann verbesserte er sich selbst: ‚Nein, muss es nicht. Es war mir einfach nie wichtig.’
Aber jetzt schien es dazu sein. Immer mehr Details aus Achims Gesicht brannten sich Silvios Netzhaut ein. Sie alle schienen nach ihm zu rufen, zu schreien und der Junge wusste nicht, wie er sie zum Schweigen bringen konnte. Denn selbst, wenn er Achim noch einmal, diesmal richtig, schlagen sollte, müsste er ihn dazu ja berühren. Das aber erschien Silvio viel zu gefährlich. Wer wusste schon, was so eine Berührung alles in Gang setzen konnte?
Achim erlöste seinen Ex-Bruder aus dessen gedanklicher Endlosschleife. Leise, kopfschüttelnd, begann er zu sprechen: „Meine Mutter will nichts mehr mit uns zu tun haben. Keine der anderen Mütter, die ich hatte, mag mit etwas Kontakt halten, das mein Vater gezeugt hat. Sooooo gut geht es mir, Silvio.“
Silvio schluckte trocken.
„Spielen wir eine Runde Tennis?“ fragte er.
„Ja, gern. Mir ist jetzt richtig danach, auf etwas einzudreschen.“
„Mir auch.“

*

Ein Montagenachmittag diente eigentlich dazu, sich von dem Schock zu erholen, dass auf den Sonntagabend ein Montagmorgen gefolgt war. Silvio Lehmann mochte Montage, auch während der Schulzeit. Montags verließ seine Mutter wie an jedem Wochentag bereits vor ihm die Wohnung. Das bedeutete, völlig ohne Stress allein frühstücken zu können.
Seine Dienstage hingegen verbrachte er in Dr. Fechners Praxis, jederzeit auf den Ersatzschock einer Spinne gefasst. Und dagegen waren alle Montage der Weltgeschichte nichts!
„Heute kannst du ganz beruhigt sein“, scherzte Lutz, als sein Patient in dem bereits bekannten Sessel Platz nahm. „Keine Spinnen! Heute haben wir ja etwas anderes vor.“
„Ja“, murmelte Silvio. „Ich weiß.“
Wie ein Gefangener, ein Beutetier in einem Spinnenetz, fühlte er sich dennoch.
„Machen Sie schon los!“

*

Kuba.
Vielleicht auch an einem Dienstag,
auf jeden Fall aber im Jahr des Herrn 1643.

Francois saß halb und lag halb mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt. Seine Hände waren hinter diesem Baum gefesselt und aus irgendeinem Grund, der sich Silvio nicht erschloss, war sein Alter Ego in der Vergangenheit nicht vertraut genug mit Seemannsknoten, um sich selbst zu befreien. Dabei befreiten sich die Haupthelden IMMER von ihren Fesseln! Nur dieser hier offenbar nicht. Der Schwarze Hund harrte sauber an die Kette gelegt seinem Schicksal, über das er nicht mehr selbst bestimmte. Nie wieder, wenn es nach dem Offizier der spanischen Krone ging, der den verkleideten Piraten und seine Bande in Puerto Principe enttarnt und folgerichtig festgesetzt hatte.
Um sein Leben musste Francois vorerst nicht fürchten, wohl aber um seine Freiheit. Sämtliche Gefangenen, die von den Spaniern nicht in ihrer ersten Wut abgemetzelt worden waren, erwartete eine Zukunft als Grubensklaven in den zentralamerikanischen Silberminen.
„NEEEEIIIIN!“ jaulte Silvio in der Gegenwart in Dr. Fechners Praxis. Er wollte an seinen Fesseln zerren, wollte den gegnerischen Kommandanten anschreien, ja, er war sogar bereit, um Gnade zu flehen, dem Mann alles zu versprechen, ihm die Kriegsgeheimnisse seiner Nation ausliefern und seine Heimatstadt unter spanische Flagge stellen, wenn dieser ihn nur gehen ließe. Doch Francois ging bei diesen Wünschen nicht mit. Vielleicht hatte der Pirat sich bereits aufgegeben, oder er vermochte sich ganz einfach besser zusammenzureißen. Jedenfalls blieben sämtliche Versuche Silvios, seinen geliehenen Körper in der Vergangenheit zu steuern, ohne Ergebnis. Der Jugendliche empfand seine Hilflosigkeit dadurch doppelt so intensiv.

„Fechner! Fechner, es reicht! Das bringt nichts!“
„Maul halten!“ schnarrte der Erwachsene seinen Patienten an. „Ich will mit dem Schwarzen Hund sprechen.“
„Der ist tot.“
Dr. Fechner wich zwei Schritte zurück. Natürlich war der Mann namens Francois, so er denn jemals gelebt hatte, mittlerweile tot. Doch Silvios Stimme klang verändert, als er das aussprach. Selbstbewusst, an der Grenze zur Überheblichkeit, gelinde amüsiert, als spreche er einen Witz aus, den nur er selbst verstünde. Der Pirat ähnelte wirklich sehr… ja, wem eigentlich? Woher kam plötzlich dieser Gedanke, wunderte sich der Therapeut?
Egal, das spielte keine Rolle.
„Er ist mit seinem Schiff untergegangen“, ergänzte Silvio.
Fechner nickt stumm. Ja. Ja, diese Aussage deckte sich mit seinen Nachforschungen. Nur, dass Francois selbst das zu diesem Zeitpunkt ja nicht wissen konnte. Hier vermischten sich zwei Identitäten, die des Mannes und des Jungen. Der Junge aber, dessen war sich Fechner nun endgültig sicher, verfügte noch immer über den kompletten Erfahrungsschatz des toten Piraten, nicht nur über die wenigen Erinnerungsfetzen, die während der Hypnosesitzungen zutage traten. Man musste sich lediglich dorthin vortasten, wohin man den Burschen haben wollte. Vermeiden, den Schwarzen Hund in Situationen zu bringen, die das Unterbewusstsein eines heranwachsenden Lümmels beisteuerten, weil sie dessen Entwicklung förderlich waren.
Leicht würde sich dieses Unterfangen nicht gestalten, das war Fechner klar. Immerhin hatte der Glanz des Silbers nur seinen Geist geblendet, nicht von heute auf morgen sein gesamtes Fachwissen aus dem Hirn gelöscht.
„Also gut. Die Spanier sind nicht auf euren Trick mit den Verkleidungen hereingefallen. Sie haben euch gefangengesetzt, aber du und ich wissen, dass das nicht von Dauer sein wird. Dass ihr euch dieses Silber am Ende doch noch holen werdet.“
Silvio/Francois ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Nicht, dass er erst darüber nachdenken musste, was er sagen wollte, doch die Worte wollten ihm mit einem Mal nicht mehr so leicht von der Zunge gehen. Deutsch oder Französisch? Zwei Sprachen, die beide seine Muttersprache waren, sowie zwei Zeitebenen kollidierten miteinander, einmal ganz davon abgesehen, dass Francois auf Kuba natürlich Spanisch gesprochen hatte.
„Tu… Sie… El Canido… nero… negro… black… schwarz… niger… irgendwas… ist tot…”
Der Junge bäumte sich in seinem Sessel auf. Seine Finger zuckten, doch die Hände lösten sich nicht von der Lehne, ganz so, als hielte sie noch immer die Fesselung von vor dreihundertfünfzig Jahren an ihrem Platz.
“Il faut vivre dans le présent… “, ächzte Silvio. “Le présent!!!“

Silvios Schulfranzösisch ging in eine antiquierte Aussprache und Wortwahl über. Nur die Tatsache, dass sich Satzstellung und Grammatik nicht wesentlich geändert hatten, erlaubte es Dr. Fechner, seiner Rede weiterhin zu folgen. Doch was der Mann hören musste, klang nicht sehr schmeichelhaft:
„Du bist naiv, Doc. Glaubst du im Ernst, auch nur einer der anderen Piraten wird sein Leben für meins riskieren? Nachdem die Spanier uns zusammengeschossen haben und der Urwald die ‚Entkommenen’ für sich beansprucht?“
„Und doch ist es so. Du wirst diesen Tag überleben. Ich weiß es. Du weißt es ebenfalls. Du musst es dir bloß eingestehen.“
Ein Fünkchen des alten Doktor Fechner blitzte wieder in dem gierigen Mann auf, in den er sich verwandelt hatte. Im Grunde seines Wesens wollte er doch nur anderen Menschen helfen! Was war so schlimm daran, das als reicher Mann tun zu wollen? Hatte er sich das nicht verdient? Ja, natürlich, sagte sich der Doktor. Und er würde den Leuten als reicher Mann sogar noch viel besser helfen können. War doch alles in Ordnung…
„Alles, was dich zu Boden zieht, entspringt nur deinen eigenen verwirrten Gefühlen“, erklärte Dr. Fechner Silvio. „Du kannst es abstreifen. Ich weiß, dass du das tun wirst. Du bist nicht der erste und nicht der letzte Teenager auf diesem Planeten. Ich behaupte ja gar nicht, dass dieser Prozess leicht oder schmerzfrei vonstatten gehen wird, aber man kann das überleben. Wenn man sich auf das besinnt, was man ganz tief drinnen in sich angelegt spürt…“
Aber genau das war es ja, das Silvio eben nicht wünschte. Das, was er in sich angelegt spürte, wie der Doktor es ausdrückte, durfte unter keinen Umständen zutage treten!
„Sht!“ zischte der Patient. „Später!“
„Was ist los?“
Der Junge grinste.
„Sieht so aus, als würde ich gerade überleben.“

*

In der Vergangenheit horchte Francois auf. Er vermochte das leiseste Rascheln der Blätter eines Strauches zu verstehen, es dem Wind oder einem unachtsamen Waldläufer zuzuordnen. Wo es andere als großartige Leistung betrachteten, überhaupt eine Fährte zu entdecken, wusste der Schwarze Hund sie zu deuten. Auf See war seine Erfahrung als Waidmann und Entdecker verschwendet, aber als er einmal, ein einziges Mal!, vor Captain Clark mit seinen Fähigkeiten hätte glänzen können, da war er in eine Falle gelaufen. Sich ausgerechnet vor Clark zu blamieren, kam Francois unerträglicher vor als das Urteil, das die Spanier über ihn verhängt hatten.
‚Clark…’, dachte Francois. Bei jedem beinahe nicht wahrnehmbaren Ton war der Mann versucht, den Kopf zu heben, bestand doch eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass Clark the Shark der Verursacher wäre. Louis, Pierre oder den Kariben hätte er nicht gehört und alle anderen Mannschaftsmitglieder, die zu schleichen versuchten, hätten die Spanier auf sich aufmerksam gemacht. Allein Captain Clark wusste sich beinahe, aber eben nicht vollständig lautlos zu bewegen. Wenn Francois also etwas Merkwürdiges hörte, mochte es sich durchaus um den Kaperkapitän handeln…
Doch wieder und wieder stellten sich die Umgebungsgeräusche tatsächlich nur als eben das heraus: Umwelteffekte.
Silvio tat sein Möglichstes, die Tagträume seines älteren Ichs zu unterstützen. Es konnte doch nicht allzu schwer sein, eine Befreiungsszene zu halluzinieren? Clark würde aus dem Wald auftauchen, sich wieder einmal in seiner Überlegenheit sonnen und ihn endlich von dem Baum sowie allem, was auf der Rinde krabbelte, losmachen.
‚Komm schon, Alter, mach hin! Hier hat etwas Beine… zu viele auf jeder Seite…!’
Doch wie Silvio sich auch darauf konzentrierte, die Vergangenheit zu ändern, das Beste, was er erreichen konnte, waren Kopfschmerzen in der Gegenwart. Da Francois unter keinen litt, zog sich der Junge aus Selbstschutz mehr und mehr in die Hypnoseszene zurück.
Dort hockte er vor seinem Baum, fürchtete sich nicht mehr vor den Waldspinnen und dachte an Clark. Doch der ließ sich Zeit. Viel zu viel Zeit. Das Messer, dass schließlich Francois Fesseln durchtrennte, wurde von einer anderen Hand geführt.

„Pepe“, flüsterte Silvio erstaunt. Es gelang ihm, den Kopf seines eigenen Körpers zu schütteln. „Nicht Clark. Und dabei war ich mir so sicher, er würde kommen!“
„Wer ist Pepe und was hat er mit der ganzen Angelegenheit zu tun?“
Silvio zuckte unverbindlich zu Achseln.
„Nur so ein spanischer Soldat, der mit seinem Lohn unzufrieden war. Ich habe ihn beschwatzt, mich gehen zu lassen und sich unserer Crew anzuschließen.“
‚Was bin ich eigentlich für eine Niete von Kerl?!’ fuhr es dem Teenager durch den Kopf. ‚Ich habe den Wachtposten bequasselt, bis er nachgegeben hat. Aber so was ist nur cool, wenn es Captain Kirk in ‚Raumschiff Enterprise’ tut. In Wirklichkeit machen das nur Mädchen!’

*

1643 eilten Pepe und der Schwarze Hund durch den kubanischen Urwald, der Küste zustrebend, wo Francois sein Schiff in einem sicheren Versteck vor Anker liegend wusste. Die beiden Männer hatten sich auf eine mehrtägige Reise durch gefahrvolles Gelände eingerichtet, an deren Ende sie möglicherweise der Tatsache ins Auge blicken würden müssen, dass Captain Clark längst ohne sie abgefahren war.
Doch soweit sollte es nicht kommen.
Der Piratenkapitän stolperte aus der Gegenrichtung in Begleitung einiger weiterer Piraten und eines Esels – der Unterschied lag in der Anzahl der Beine, hätte Clark behauptet – auf die beiden Flüchtlinge zu. Selten in den reichlich vierzig Lebensjahren, die Silvio und der Schwarze Hund zusammen aufwiesen, war ihnen ein willkommenerer Anblick beschieden gewesen!
Captain Clark lief auf den Freund zu. Er boxte ihn kameradschaftlich in die Seite – in seiner Position bereits das Maximum an Zuneigung, das sich öffentlich zu demonstrieren schickte. Silvio war dennoch abgestoßen von der Geste. Genaugenommen ging es ihm wie dem Schwarzen Hund: Er war abgestoßen nicht von Clark, sondern von den Gefühlen, die Clarks unschuldiger Boxer in ihm selbst auslöste.
Ungeachtet der Vorgänge im Inneren seines Kumpans forderte der Piratenkapitän eine Einschätzung der Lage von Francois ein.
Der Schwarze Hund runzelte die Stirn.
„Die Bedeckung der Silberkarawane hat sich veranderthalbfacht, Clark. Ich würde sagen, auf See hätten wir eine Chance, aber hier im Wald? Ich fürchte, wir müssen uns zurückziehen.“

„Auf See!“ triumphierte Lutz Fechner. „Endlich macht ihr beiden Nägel mit Köpfen! Ihr habt euch neu formiert, seid zu eurem Schiff zurückgekehrt und habt den Silbertransport auf dem Wasser abgefangen! Wunderbar! Springen wir doch gleich einmal in diese Szene hinein!“
Doch nichts weniger als seine ‚Gegenwart’ vorzuspulen lag dem Schwarzen Hund am Herzen.
Silvio verharrte sehr zu Dr. Fechners Ärger ausgiebig in der Wanderungsszene. Schon bald wünschte er sich, sie würde niemals enden. Er war wieder mit dem Captain vereint und obwohl er es hasste, wie dieser ständig seine Überlegenheit demonstrieren musste, war die Welt irgendwie wieder in Ordnung. Vielleicht, weil Francois die einzige echte Konkurrenz des Hais darstellte. Weil Clark sich anstrengen musste, ihn zu übertreffen. Aber musste er dabei gleich ständig so verflixt begehrenswert wirken?!
Seite an Seite mit dem Kumpan durch den Urwald zu marschieren, nachdem man mit knapper Not dem Tod und der Sklaverei entronnen war, löste starke Gefühle in dem Piraten aus. Silvio hingegen, der in seinem bequemen Sessel ruhte, und nie Todesfurcht kennen gelernt hatte, filterte aus dem Gefühlscocktails des Mannes die eine Geschmacksrichtung heraus, die sich am ehesten mit seinem eigenen Gemütszustand deckte.
Captain Clark war kleiner als der Schwarze Hund und sein Haarschopf von einem schmutzigen Blondton, der Silvio an jemand erinnerte. Die Stimmlage war völlig anders als die seines Stiefbruders, doch die Art zu sprechen, hatten Joachim Bentele und Clark the Shark miteinander gemeinsam…
„Mist, Mist, Mist!“ jaulte Silvio auf. „Mist verdammter, bleib unten!“
Doch da war es schon geschehen.
Dr. Fechner starrte auf seinen Patienten. Minutenlang hatte der Junge geschwiegen, nichts mehr über seine Erlebnisse in der Vergangenheit berichtet. Was der Therapeut nun zu sehen bekam, ließ die Alarmglocken in seinem Hirn anschlagen. Behutsam führte er den Geist des Teenagers aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. Wider jede Vernunft hoffte er, der Anblick, der sich Silvio hier bieten würde, werde sich als unerotisch genug herausstellen, die Bescherung in seiner Hose rückgängig zu machen.
Aber das Saturn-Plakat und der Reisebürostuhl genügten noch nicht. Dr. Fechner musste schwerere Geschütze auffahren. Aus seinem Schreibtischfach nahm er eine fette, haarige Plastikspinne von der Größe einer Männerfaust. Er lies das Tier an seiner Schnur vor Silvios Augen hin und her pendeln.
„Ah-ähhhhhhhhhhh!“ heulte der Junge auf.
Silvio krümmte sich im Sessel zusammen, schlug seine Arme vor das Gesicht. Jede einzelne Faser seines Körpers war angespannt, bis auf jene, die es nicht durften. Fechners Trick hatte funktioniert.
„Nehmen Sie das weg!“ rief Silvio.
„Sicher, gern. Die war ohnehin nur für Notfälle bestimmt.“
„So was wie Sie sind, das ist ein Notfall!“ keuchte Silvio. „Eine Katastrophe!“

Unbeirrt von diesem Ausbruch seines Patienten schloss Dr. Fechner das Gruselspielzeug wieder in der Schreibtischschublade ein.
„Wir haben es beinahe geschafft“, meinte er dabei. „Noch zwei Sitzungen werden nötig sein, eine Reise in die Überfallszene und eine zurück zu dem Tag, an dem die Sharkeye gesunken ist. Dann haben wir es geschafft.“
Silvio blieb skeptisch. Er grübelte darüber nach, wie wenig er seinen Therapeuten eigentlich vorher gekannt hatte. Verändert, wie ein völlig anderer, erschien ihm der Mann in letzter Zeit. Hieß es deshalb, Geld verderbe den Charakter? Selbst solches Geld, das man noch gar nicht besaß?
„Ich habe eigentlich gar Lust, mitzuerleben, wie ich sterbe“, vertraute der Junge dem Doktor an. Was immer aus dem Mann geworden war, ein Teil von Silvio sah noch immer den väterlichen Freund in Ludwig Fechner.
„Das kann ich mir vorstellen“, erwiderte der Therapeut. „Und doch wird es notwendig sein. Nach dem Untergang des Piratenschiffes wird jeder an Bord tot sein. Das wird dir helfen, dich von allem, was du hier durchmachen musstest, zu lösen. Der Schwarze Hund sollte vor deinen Augen sterben, sonst könnte es sein, dass er dich weiter begleiten wird.“
Genauer darüber nachdenkend, kam Silvio zu dem Schluss, dass der Erwachsene Recht hatte.
War es nicht tatsächlich eine sehr gute Idee, Clark sterben zu sehen? Der Junge hoffte, dass auch jener Teil, den er an sich verabscheute, mit dem Captain sterben würde. Bis zu diesem Tag wollte er das Thema auf sich beruhen lassen. Aber nein, der Doktor musste ja un – be – dingt darauf zurückkommen…
„Ich hoffe“, hub Dr. Fechner an, „du hast nicht gerade unter Hypnose dein erstes Mal erlebt?“
„Wie denn? Bevor ich zum Zug kommen konnte, haben Sie mir das Spinnvieh unter die Nase gehalten!“
„Siehst du?“ Fechner grinste zufrieden mit einem kleinen Anflug Selbstgefälligkeit. „Es sind doch überaus nützliche Tiere.“
„Hm.“
Lutz schüttelte belustigt den Kopf. Doch er ließ es nicht dabei bewenden, sondern trat auf seinen Patienten zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Zumindest diese Berührung löste keine unerwünschten Gefühle in dem Teenager aus. Dr. Fechner war einfach uralt, schon an die vierzig! Nein, diese Altersklasse war nicht nur in erotischer Hinsicht uninteressant, in diesem Alter spielte die Erotik überhaupt keine Rolle mehr, dessen war sich Silvio völlig sicher.
„Pass auf, Silvio“, sprach Dr. Fechner, „was immer du gesehen hast, wie tolle Möpse sie auch gehabt haben mag, das war nicht die Realität. Es mag irgendwann einmal stattgefunden haben, aber es ist trotzdem nicht echt. Du solltest auf jemand warten, der dir hier bei uns gefällt. Wenn du magst, dann musst du nicht mal warten. Ich meine, du bist sechzehn, aufgeklärt und verantwortungsbewusst. Warum solltest du da keine Beziehung eingehen? Ich würde es dir jedenfalls gönnen.“
‚Ja’, dachte Silvio. ‚Das glaube ich Ihnen. Aber mein eigener Körper gönnt es mir nicht.’

*

Als Silvio Lehmann an diesem Tag heimkam, war er völlig am Ende. Nervlich angeschlagen, wie er war, erzählte er sogar Laura von dem Erlebnis mit der Spinne – und empfand es als Erleichterung.
Alles andere, das sich in letzter Zeit zugetragen hatte, oder was in ihm vorging, behielt der Junge für sich. Er war ja weder lebensmüde noch irrsinnig, sondern einfach abgespannt.
Laura hatte gerade ein Viererpack Tiefkühlbaguettes zum Aufbacken in den Herd geschoben. Silvio fühlte sich, als könne er die ganz allein verputzen. Gleichzeitig meinte er, sein Magen könne nichts aufnehmen.
„Nun ja“, meinte Laura, die Topflappen noch in den Händen. „Ihr seid fast durch mit der Therapie, da war es sicher angebracht, dir die Spinne vorzuhalten. Du wirst sehen, wenn sich der Schock gelegt hat, wird es von nun an besser für dich.“
„Ja, wenn er sich gelegt hat… Tut er aber nicht!“
Laura räumte ihre Küche auf. Das überlegene Lächeln, das sie dabei aufsetzte, musste Silvio zum Glück nicht sehen, da seine Mutter ihm den Rücken zudrehte. Es genügte, dass er wusste, dass es da war.
„Ach übrigens, Achim ist da“, teilte Laura ihrem Sohn mit.
„Was?!“
„Lustig, nicht? Als hätte er was geahnt!“
‚Wie meint die denn das?’ dachte Silvio. ‚Soll ich mich jetzt etwa von Bentele wegen der Spinne trösten lassen oder was?’
„Du, ich habe nichts dagegen, wenn ihr zusammen abhängt“, erklärte Laura.
‚Aber ich vielleicht…’
„Mit Achim habe ich mich nicht überworfen. Wir haben ein bißchen geredet und es scheint ihm gut zu tun, herzukommen.“
„Was mir gut tut, danach fragt mal wieder keiner!“ rief Silvio. „Verbündet euch doch alle gegen mich!“
Aber dann betrat er doch seine Kammer. Dort saß Achim an Silvios Arbeitstisch und blätterte in einem Comicheft herum. Als er die Silvio eintreten hörte, legte Achim das Heft beiseite. Alles, was er gleich zu hören bekommen würde, war ungleich spannender, fand der Junge. Doch ein Blick in Silvios Augen belehrte ihn eines Besseren: Derartigen Anblicken setzte man sich nicht zum eigenen Vergnügen aus. Hier wurde ein Therapeut benötigt, was überaus dumm war, da der Bruder ja von einem solchen kam.
„Himmel, Silvio! Bist du in der Vergangenheit der spanischen Inquisition über den Weg gelaufen?“
Silvio lies sich auf seinem Bett nieder.
„Nur die Spanier. Den Teil mit der Inquisition hat Fechner übernommen.“

*

In der nächsten halben Stunde ließ sich Achim alles berichten, was sein Bruder diesmal bei Dr. Fechner erlebt hatte. Er futterte während der Erzählung drei Pizzabaguettes. Silvio schaffte mit Mühe und Not ein halbes, obwohl er hungrig war.
„Isst du das noch? Dan…“
Schon zog der Gast Silvios Teller mit dem Baguetterest auf seinen Schoß, da schlug Silvio ihm das Sägemesser über die Finger.
„…keeeeeee!“ jaulte Achim auf.
„Beim nächsten Mal gibt’s die Seite mit den Zähnen, verstanden? Das ist meins!“
Achim saugte an seinen Fingern.
„Schu bischt scha g-meingefährlüsch“, warf er Silvio vor.
In diesem Moment betrat Laura das Kinderzimmer. Sie warf einen Blick auf die Teller, sah nur noch das halbe Baguette vor Achim liegen, grinste und schüttelte belustigt den Kopf.
„Lieber Himmel, musst du einen Hunger gehabt haben, Schatz! Und Jojo, du hast nicht mal ein halbes geschafft? Oder willst du lieber was anderes?“
„Jojo“ wollte vor allem nicht mehr mit seinem Spitznamen aus Knabentagen angesprochen werden. Doch etwas sagte ihm, dass es wahrscheinlicher war, von Laura eine weitere Packung Pizzabaguettes schnorren zu können, als diesen Wunsch erfüllt zu bekommen.
„Ich habe Zahnreißen“, behauptete Achim. „Kann ich vielleicht was kriegen, das man nicht zu kauen braucht?“
Laura zuckte die Schultern. „Ich habe noch solchen gesunden probiotischen Joghurt im Kühlschrank. Den gab´s im Angebot.“
„Supi! Nehme ich gerne!“
„Na gut, ich hole ihn dir. Da kommt der endlich mal weg.“

Die beiden Ex-Brüder schwiegen sich an, bis Silvios Mutter mit dem Gewünschten zurückkehrte. Nachdem Laura die Kammer wieder verlassen hatte, drückte Achim Silvio Joghurtbecher und Löffel in die Hände.
„Hier, probier´s mal damit! Sollte eigentlich von alleine rutschen. Ansonsten musst du ein Bier trinken. Das ist so gut wie eine Mahlzeit.“
Völlig überrumpelt von der Fürsorge des anderen leistete Silvio der Aufforderung Folge.
Vergnügt beobachtete Achim, wie sein Bruder den Deckel abzog, vorsichtig kostete und dabei feststellte, dass man das gut belebte Behelfsnahrungsmittel tatsächlich und möglicherweise sogar ohne bleibende Schäden konsumieren konnte.
„Nächstes Mal komme ich mit zu Fechner“, erklärte der Gast dann.
„Und was willst du ihm sagen, warum du kommst?“
„Die Wahrheit. Dass ich mich in meinem Leben unglücklich fühle, weil ich nicht bekommen habe, was ich wollte… äh, die Lehrstelle als Autoschlosser, meine ich. Er soll mir mit seinem Hypnosedingens helfen loszulassen. Aber zuerst wolle ich nur mal zugucken, um mir ´n Bild davon zu machen, wie die Sache läuft.“
Silvio löffelte den Joghurt mit sich zunehmend steigernden Appetit.
„Klingt simpel“, warf er ein.
Joachim lachte.
„Das tun die besten Pläne stets, Alter!“
„Trotzdem… Ich weiß nicht…“
„Ach, komm! Lass mich dir helfen und deinem Doc ein wenig auf die Finger sehen! Dieser Captain ist doch auch für dich umgekehrt, richtig? Er war auf dem Weg, dich zu befreien, weil er ja nicht wissen konnte, dass du längst frei warst.“
Silvio biss fest auf den Kaffeelöffel. Er zog ihn aus dem Mund, schleuderte ihn zur Seite, den leeren Joghurtbecher gleich hinterher und ärgerte sich im selben Moment darüber, nicht mit beiden Objekten auf Achim gezielt zu haben.
„Ja, verdammt!“ schnaubte er. „Und ich habe das langsam satt, immer von Leuten befreit, gerettet, therapiert oder sonst was werden zu müssen! Ich bin doch kein Mädchen!“
‚Nee, denn dann wärst du mir ja auch schnuppe’, schoss es Achim durch den Kopf.
Silvio blieb von dieser Erkenntnis ausgeschlossen. Er bemerkte nur, wie der Besucher über etwas heftig erschrak.
Hastig erhob sich Achim Bentele, eilte zur Tür, ohne sich von Laura zu verabschieden und verschwand in der Nacht.

*

Daheim warteten noch Hausaufgaben auf den angehenden Rechtspfleger. Tanke Rike musste wohl die einzige Alibi-Ausbilderin in ganz Deutschland sein, die darauf bestand, dass ihr Mündel nicht nur zur Arbeit erschien, sondern sich auch noch gelehrig dabei anstellte.
Unter normalen Umständen bereitete das Lernen Achim ja auch Freude. Er bewahrte sogar noch einige seiner Schulhefter und Klassenarbeiten auf.
Auf der Suche nach unbeschriebenen Seiten, die er nicht in den Schulheften verrotten lassen wollte, fiel Achims Blick auf einen Brief, den er in der Zehnten hatte verfassen müssen. Es handelte sich um einen Antwortbrief aus der Feder des anonymen Freundes, an den Goethes leidender Jüngling Werther den ganzen Roman über seine Worte richtete:

„Deine Briefe lese ich mit zunehmenden Erstaunen, mein lieber Werther, das muss ich Dir einmal sagen. Was ist aus Dir geworden? Wo sind unsere philosophischen Gespräche geblieben, unsere Gedanken über die Menschheit? Wohl erkenne ich noch Anklänge darin in Deinen Zeilen, aber Du ordnest nun alles deiner Sehnsucht nach dieser Frau unter. Was siehst Du in ihr? Ein Objekt Deiner Begierde? Dann Schande über dich! Ein Idealbild all dessen, was Du selbst sein könntest? Dann brauchst Du sie nicht im Bett, sondern im Kopf und mal ehrlich, zu beiden Zwecken genügt jede beliebige Frau.
Wieviele Bilder hast Du gemalt, seit wir uns nicht mehr gesehen haben? Weniger als sonst in einem Monat!
Hatten wir uns nicht versprochen, alles weiterzuführen, was die Vorfahren bereits angedacht und in ihren Schriften gesäät hatten? Es zur Blüte, nein, zur Reife zu bringen? Und die anderen Vater, Mutter, Kind spielen zu lassen?
Leuchtende Wesen sind wir, Werther, nicht diese plumpe Materie!“

Auf dem Star Wars – Zitat, so erinnerte sich Achim, war sein damaliger Lehrer herumgeritten wie auf einer Hafenhure, vermutlich, um sich nicht mit dem restlichen Inhalt des Schreibens auseinandersetzen zu müssen. Anschließend hatte er den Schülern die Unterschiede zwischen Pop- und Hochkultur erklärt. Wie im wahren Leben durfte zwar der Burgherr die niedere Magd befruchten, der Stallknecht hingegen hatte sich vom Burgfräulein fernzuhalten. Beschworen hatte der Lehrer die unterschiedlichen Sphären, in denen sich Goethe und Lucas bewegten, als handle es sich mitnichten um menschengemachte Konstrukte, sondern um Naturgesetze, an denen es nichts zu rütteln gab. Dabei war Achim insgeheim davon überzeugt, dass sein Zitat dem Herrn von Goethe, obwohl dieser sehr dem Fleischlichen noch ziemlich zugetan gewesen war, gefallen hätte.
Achim Bentele war ein guter Schüler, er würde seine Lehre problemlos bestehen und vermutlich irgendwo eine Anstellung finden. Doch genau das war es, was er nicht wollte: auf einen Beruf festgelegt zu werden, zu dem er sich nicht Beziehung setzen konnte.
„Drei Schuljahre mehr und ich wüsste, wer ich bin und was ich im Leben mal erreichen möchte!“ wiederholte der Junge immer wieder. Vater, Mutter, Kind und unbefristete Vollzeitverurteilung, ähem, -festanstellung konnte doch nicht alles sein?
Von seinen Verwandten erhielt Achim lediglich die über Jahrtausende erprobte Antworten: „Lern erst mal was vom Leben, bevor du hier rumtönst!“ und „Wenn du erst eine Freundin hast, wirst du dich besser fühlen.“.
Das brachte Achim regelmäßig zum Schweigen, denn eine Freundin war das Allerletzte, das er in seinem Leben gebrauchen konnte.
Als vor vier Jahren seine Freunde begannen, mehr als doofe Zicken in den Mitschülerinnen zu sehen – nämlich attraktive doofe Zicken – hatte er auf den Moment gewartet, an dem es ihm ebenfalls so gehen würde. Doch der war nie eingetreten.
‚Die spinnen ja alle mit ihren Weibsbildern’, lautete Achims Einschätzung seiner Alterskameraden im zwölften Lebensjahr.
Mit dreizehn meinte er, das ganze Gewerbe und Gebalze gehe von den Weibern aus. Sie stellten irgendetwas mit den Köpfen der Jungs an, dem nur er als der Klügste, Standhafteste und Mutigste der Klassenstufe, widerstehen konnte.
‚Was soll’s, bin ich eben ein bisschen zurückgeblieben’, hatte sich der Junge im Alter von vierzehn Jahren selbst getröstet, als er die Faszination der Frau noch immer nicht nachvollziehen konnte. ‚Ich bin der Klassenbeste und bei Strebern soll so was schon vorkommen. Nächstes Jahr starre ich auch auf die Möpse wie alle anderen.’
Fünfzehnjährig behauptete Achim, dass sich unter den Mädchen, die er kannte, einfach keine Gutaussehende befände. Wenn er eine träfe, würde er den anderen Jungs schon zeigen, dass sich das Warten gelohnt hätte!
Aber mittlerweile war er sechzehn geworden und mit sechzehn entdeckte er allerhand Details in seiner Umgebung, die sich nur als erotisch bezeichnen ließen. Dummerweise fand der Teenager diese stets nur beim eigenen Geschlecht. Seine Altersgefährten hielten Achim Bentele für einen vortrefflichen Frauenkenner, denn mit seinen Tipps hatte er bereits einigen der anderen zu einem Date verholfen. Die Rechnung war simpel: Achim musste sich nicht in die ach so fremde Gefühlswelt einer Frau einzufühlen versuchen. Er nannte den anderen einfach die Dinge, die ihm selbst an einem Jungen gefielen und bläute ihnen die Worte ein, die er selbst gern gehört hätte.
Aber in dieses Geheimnis hatte er noch nicht einmal seinen Ex-Bruder eingeweiht.

Achim drehte die Musikanlage in seinem Zimmer voll auf. Der Junge hörte nicht, wie sein Vater die Nachbarn rund machte, die sich über den Lärm beschweren kamen. Er dachte an die vielzierten hungernden Kinder in Afrika und den Klimawandel, an all die Weltprobleme, die einem Sechzehnjährigen tagtäglich aufs Neue vor Augen hielten, dass sie Menschen, die ihm gegenüber weisungsbefugt waren, noch nicht einmal ihren eigenen Scheißplaneten zu managen verstanden. Aber die afrikanischen Kinder verhungerten wenigstens irgendwann mal und der Planet ging auch zuverlässig kaputt! Die hatten es alle gut! Aus seiner Lage hingegen gab es keinen Ausweg, schrieb Achim in sein improvisiertes Tagebuch. Die Dinge, die eben so waren, wie sie waren, hatten ihn voll erwischt.
Gerade, als Achim diesen Satz überaus stolz auf seine Formulierung zu Papier gebracht und auch noch doppelt unterstrichen hatte, stockte er.
Was war es denn überhaupt, das in Stein gemeißelt schien? Seine Neigung zu Jungs oder der Anspruch gemischtgeschlechtlicher Partnerschaften, das Richtige zu verkörpern? Und in welche Richtung wollte Achim die Dinge verändern? Wollte er sich ändern oder die anderen Menschen? Welcher Weg versprach denn Erfolg?
‚Offenbar nur der erstere und das allzu leicht’, dachte Achim mit einem Seufzer, als sein Blick auf die allgegenwärtigen Lehrbücher fiel, deren Inhalt er nach und nach in sich aufnahm, ohne Befriedigung aus seinem wachsenden Wissensschatz als staatlich geprüfter Handlanger zu ziehen. Achim ging zur Arbeit und würde nach den Ferien auch in der Berufsschule zuhören. Er passte sich an, tat, was von ihm verlangt wurde. Ja, er riss noch viel zu oft sein Maul auf, aber auch das wurde ja irgendwie von Personen seines Alters erwartet. Wieso sollte er, Jakob Joachim Bentele, unter diesen Voraussetzungen nicht auch ein guter Ehemann für so ein Frauchen werden? Man musste sich nur bemühen.
„Ich suche mir einfach eine, die nicht so toll aussieht“, notierte der Junge. „Dann finden es alle normal, wenn ich sie nicht so oft ficke. Und das Mädel ist froh, überhaupt einen abbekommen zu haben.“
Schwungvoll setzte Achim seinen vollen Namen unter das Geschriebene, als unterzeichne er einen Vertrag.

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