Das Silber der Oro del Mare

(Kapitel 5 von „Brüder oder so“)

Normalerweise begrüßte Dr. Fechner es, einen neuen Patienten in seiner Praxis empfangen zu können. So manche Krankheit, die er hier behandelte, erlaubte den Betroffenen nicht mehr – oder erschwerte es ihnen zumindest – professionelle Hilfe zu suchen. Eine Erkältung war eine Erkältung, die konnte man klein reden, aber nicht leugnen. Geistige Störungen hingegen ließen sich von Erkranktem und Umfeld nur zu leicht als etwas anderes hinstellen: Schlechte Laune, Burnout-Syndrom, Enttäuschung, durch das Wetter ausgelöste Lustlosigkeit – und schon war sie „weg“, die Depression. Doch im Gegensatz zu einer Erkältung verschwanden solche Beeinträchtigungen nicht nach spätestens sechs Wochen wieder von allein.
Dass also Silvio Lehmann einen Freund mitbrachte, der seine Hilfe suchte, hätte den Therapeuten zu jedem anderen Zeitpunkt gefreut. Nicht so heute, nicht, wo er doch so kurz davor stand, die Koordinaten zu erfahren, an denen seit dreihundertfünfzig Jahren ein Piratenschatz auf ihn wartete!

„Hallo“, begrüßte Silvio den Doktor.
„Guten Tag“, sagte sein Begleiter.
Dr. Fechner sagte nichts.
„Das ist Achim Bentele, mein geschiedener Stiefbruder“, stellte Silvio den zweiten Jungen vor. „Er ist… na ja, er ist halt mit seinem Leben unzufrieden und so.“
„Um Termine und Neuanmeldungen kümmert sich meine Sprechstundehilfe. Schön, dich kennen gelernt zu haben, Achim, aber ich muss mich jetzt wirklich um meinen Patienten kümmern. Und das ist um diese Uhrzeit dein Bruder.“
Achim Bentele schüttelte den Kopf.
„Ich weiß schon, welche Therapie ich benötige, Doktor. Aber ich wollte sie mir erst einmal in Aktion ansehen, bevor ich mir einen offiziellen Termin geben lasse. Ich bin mir noch unsicher…“
„Unsicher?“
Dr. Fechner musterte den Teenager. Dieser kleine Blondschopf strahlte alles andere als Unsicherheit aus. Sicher trug er wie jeder Junge seines Alters die eine oder andere Versagensangst mit sich herum, doch das zählte nicht. Das Charaktermerkmal „Unsicher“ würde dieser Bursche nicht einmal mit einer Lupe, ach was, mit einem Elektronenmikroskop, im Duden finden!
„Ich wüsste nicht, dass wir heute Tag der offenen Tür hätten“, erwiderte der Therapeut. „Silvio, was hast du dir dabei gedacht? Deine Therapie ist eine ernste Sache! Dazu kannst du nicht einfach Zaungäste einladen!“
„Auch nicht, wenn seine Mutter hier stünde?“ fragte Achim.
„Das wäre etwas anderes. Frau Lehmann ist immerhin Silvios Erziehungsberechtigte.“
„Hm. Aber sie war mal für eine Weile meine Mom. Wenn sie Silvio erlaubt, herzukommen, dann hätte sie es mir ebenfalls erlaubt. Von daher ist doch alles in Ordnung.“
Der Teenager streifte durch den Raum, warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, grinste dann Silvio an und schwang sich in den Sessel, in dem dieser sonst seine Zeitreisen zu unternehmen pflegte.
„Achim Bentele!“ schnaubte Dr. Fechner. „Raus da! Egal, wie cool du das alles findest, was Silvio dir erzählt haben mag, ich kann dich nicht einfach so hypnotisieren!“
Obwohl der Junge sofort gehorchte und aufstand, lag ihm ein Widerspruch auf der Zunge. Dr. Fechner ließ es nicht dazu kommen, ihn ausgesprochen zu hören.
„Die Welt dreht sich nicht nur um dich!“ schnauzte er den Teenager an.
„Stimmt. Wäre wirklich nett, sie würde mal damit anfangen, sich nicht nur um alle anderen zu drehen.“
Fechner ignorierte diesen Einwand. Den dahinterstehenden Hilferuf ignorierte er nicht – den nahm er schlichtweg gar nicht wahr. Wer immer dieser Achim Bentele war, mit welchem Kummer auch immer er sich herumschlug, im Moment stellte er nichts anderes als ein störendes Element dar.
„Und du kannst auch nicht einfach hier hereinplatzen und zusehen! Das ist keine Volksbelustigung, sondern eine Therapiesitzung!“ rief Ludwig Fechner.
Achims nächste Worte verrieten dem Mediziner, dass Silvio seinem Kumpan mehr offengelegt haben musste, als, dass er wegen einer Spinnenphobie behandelt und im Rahmen dieser Behandlung hypnotisiert wurde: „Schon lange nicht mehr, Herr Fechner.“
Diesen Einwand überging der Erwachsene einfach. Energisch forderte er sein Gegenüber auf, die Praxis zu verlassen.
Achim widersprach nicht.
Aber er ging auch nicht.
Locker stand er gegen das Fensterbrett gelehnt und wartete einfach ab, was als nächstes geschehen würde.

Dr. Fechner sah sich genötigt, hinter seinem Schreibtisch hervorzukommen. Er trat einen Schritt auf den Teenager zu, überlegte es sich dann aber anders. Viel zu klein kam er sich neben diesem halben Kind vor.
‚Weil ich ein schlechtes Gewissen habe’, begriff der Mann. ‚Dieser Lümmel hier ist dreist, aber unschuldig. Ich hingegen quäle seinen Stiefbruder, den vaterlosen Jungen, der in mir einen Vertrauten sieht… und ich will es noch nicht einmal anders.’
Achim machte keine Anstalten, Dr. Fechners Sprechzimmer irgendwann in diesem Leben zu verlassen oder diese Aktion auch nur in Betracht zu ziehen.
So genau Lutz zu verstehen glaubte, was dahinter steckte, so wenig konnte er es tolerieren:
„Junge, das sind doch Machtphantasien! Einfach so stehen zu bleiben, bis der andere nachgibt. Das geht nicht in echt.“
Achim reckte sein Kinn herausfordernd in die Luft.
„Befinden wir uns denn noch in der Realität oder im Doktor-Fechner-Candyland mit der Silberglasur?“ fragte er.
„Davon weißt du?“ ächzte der Erwachsene.
Für einen kurzen Augenblick sah es so aus, als wolle Dr. Fechner vor Wurt explodieren. Doch dann winkte er lediglich Silvio in den Sessel, wies Achim mit einem Schlenker das Handgelenks an, sich den Reisebürostuhl zu nehmen und kehrte auf seinen eigenen Platz zurück.
So huldvoll, als sei er ein Inselherrscher, der Kaperbriefe an zwielichtige Existenzen verteilte und gleich noch ein Schiff obendrauf legte, begann Dr. Fechner mit der Therapiesitzung, die eher Züge einer militärischen Einsatzbesprechung annahm.
Dann wusste der andere Junge eben auch davon. Geschehen war geschehen.
Achim musste sich mitteilen lassen, dass sein Anteil am Silber von Silvios abginge. Sollte das dem Mediziner jetzt wirklich das Wichtigste sein?!

*

In einer Mischung aus Besorgnis darüber und Neugier beobachtete Achim, was der Therapeut nun mit seinem Bruder anstellte.
Als erstes holte Dr. Fechner seinen Computer aus dem Bildschirmschonermodus heraus. Er rief eine Videodatei auf, die auf den ersten Blick auch nicht viel interessanter aussah: Auf schwarzem Untergrund drehte sich eine weiße Spirale. Mehrfach musste Achim blinzeln, als das Weiß für seine Augen zu Gelb umsprang. Doch der Doktor ließ ihn nicht lange auf den Monitor starren, sondern drehte ihn so, dass nur Silvio das Bild zu sehen bekam.
Dann setzte der Hypnosetext ein.
„Deine Augenlider werden schwer… sehr schwer…“ suggerierte Dr. Fechner seinem Patienten.
Das mochte noch angehen, doch die nun folgende Aufzählung sämtlicher Körperteile, die schwer zu werden hatten, ließ Achim Bentele ganz kribblig werden. Er fragte sich, ob auch der Penis und der Blinddarm mit eigenen Anweisungen bedacht werden würden und hielt für sich selbst fest, dass er wohl nicht hypnotisierbar wäre. Jedenfalls konnte er sich nicht vorstellen, dem ganzen Sermon länger als eine Minute zu lauschen, ohne laut loszuprusten oder aggressiv zu werden. Nur für Silvio Lehmann vermochte er es, sich zusammenzureißen und dem Ganzen schweigend zu folgen.
Endlich waren Silvios Einzelteile vollständig inventarisch erfasst und sein Geist konnte in einen anderen Leib versetzt werden, zuversichtlich, bei seiner Rückkehr einen vollständigen Körper vorzufinden.

*

„Wir befinden uns in einer Halle“, berichtete Silvio darüber, wohin es ihn diesmal in der Vergangenheit verschlagen hatte. „In einem Castello in… Havannah, glaube ich. Wir… wir wollen nicht wirklich hiersein, aber wir folgen Clark. Der hat sich in den Kopf gesetzt, sich mit dem Don zu verbünden.“
Silvio Lehmanns Verständnis der Kolonialgeschichte Mittelamerikas begann und endete mit seinem Piratenspiel am PC. Dort wurden die Bündnisse und Kriegszustände der Kolonialmächte nicht den historischen Gegebenheiten folgend simuliert, sondern willkürlich zugewiesen. So fand der Junge nichts daran zu beanstanden, was in seinem Geist ablief. Englische Kaperfahrer und ein spanischer Edelmann? Das Unerhörte an dem Zusammentreffen dieser beiden Parteien vermittelte Silvio jedoch seine Verbindung zum Schwarzen Hund.
Dr. Fechner setzte indessen die Puzzleteile zusammen, wie sie aus seiner Perspektive heraus Sinn ergaben: In Vorbereitung seines Überfalls auf die Silberflotte hatte sich Clark also bei den Spaniern angebiedert. Auf diese Weise würde es ihm gelungen sein, die Route der Schatzschiffe in Erfahrung zu bringen. Möglicherweise hatte sich die Sharkeye gar als Teil der regulären Bedeckung im Konvoi befunden.
Silvio seinerseits konzentrierte sich weiter auf die Vorgänge in der Vergangenheit.
„Ich schätze, für die damaligen Verhältnisse handelt es sich um eine luxuriös ausgestattet Halle“, teilte der Junge den beiden Zuhörern mit. „Es ist hell, es gibt Kronleuchter und so. Wir sind alle anwesend. Ich… Moment, bitte!“
Silvio stockte in seinem Bericht. Der Hypnotisierte drehte den Kopf etwas zur Seite, als müsse er einem unsichtbaren Vierten lauschen. Als er sich wieder den beiden Gegenwärtigen zuwandte, erklärte der Junge, er habe seinem Captain etwas bestätigen müssen.
„Soll ich das bisher Gesagte also so verstehen, dass Ihr die spanische Nation einladet, sich Eurem Feldzug gegen England anzuschließen, hat der Don gesagt und ich antwortete: Sag ja, das war keine Frage.“ Silvio lächelte entschuldigend, da die anderen beiden keine Reaktion zeigten. „Ich weiß nicht… hier vor Ort ist das irgendwie lustiger. Jedenfalls nennt der Don uns gerade Madame, ach nein, Madmen.“
Insgeheim musste Dr. Fechner zum einen dem Don zustimmen, zum anderen konnte er nicht umhin, Clarks Schachzug Anerkennung zu zollen. Doch an jenen dem Überfall vorangegangenen Nachforschungen, Listen und Gegenlisten des Captain Clark in ihrer Gesamtheit zeigte er nun wirklich kein Interesse. Allein der Ort dessen feuchten Seemannsgrabes war von Belang für Ludwigs Suche.

„Weiter!“ forderte der Doktor.
„Der Don gebietet scheinbar über Vincente Montoyas Dienste“, murmelte Silvio. „Jedenfalls fläzt der Kerl in einem Sessel wie der Hauskater.“
Irritiert zuckten Fechners Augenbrauen.
„Bitte wer?“
„Na, Vincente! Ein Agent der spanischen Krone, aber nur von gemeiner Geburt. Ich glaube, sein Vater war Schließer in einem Kerker, in dem auch Clark mal eingesessen hat. Zwischen den beiden herrscht jedenfalls alles andere als Freundschaft. Außerdem ist Vincente… ist er…“
Silvio hatte Mühe, diese Information, die ihm aus den Erinnerung des toten Piraten zuflog, zu artikulieren. Sie passte überhaupt nicht zu dem, was der Junge über den Schwarzen Hund zu wissen glaubte:
„Er ist mein Schwager…! Ich bin mit dem seiner älteren Schwester verheiratet!“
Silvio konzentrierte sich. Auch im 17. Jahrhundert fühlte sich das Schwager-Verhältnis der beiden Männer nicht richtig an. Etwas war anders, als es die Öffentlichkeit erfahren durfte, etwas mit Captain Clark in Verbindung Stehendes, das sich Vincente offenbar ohne viel Mühe zusammengereimt hatte. Die ganze Angelegenheit war kompliziert und so geheim, dass Silvios Alter Ego Francois nicht bereit war, sie vollständig vor einem halbwüchsigen Burschen aus der Alten Welt auszubreiten, der noch nicht einmal geboren war.
‚Der schwarze Hund hat also eine Alibi-Hetero-Ehefrau’, überlegte Silvio. ‚Immens praktisch!’
Ob er sich ebenfalls eine Freundin zulegen sollte? Aber, nein, das war bescheuert! Er, Silvio Lehmann alias Capitano Ferrando, der größte Frauenheld der Karibik, würde keine Alibi-Freundin benötigen! Er würde sich natürlich eine richtige nehmen! Denn noch heute würde ja Clark vor seinen Augen sterben und dann wäre er endlich diese seltsamen Gefühle los, die ein Mann einfach nicht haben durfte!

Dr. Fechner war unzufrieden. Genervt von Silvios Beschreibung der Szene trommelte er mit den Fingerknöcheln auf seine Schreibunterlage. Ungerührt nahm ein mitlaufendes Diktiergerät auch dieses Geräusch auf.
Die vor Silvios innerem Auge ablaufende Szene passte frappierend zu der Situation im Sprechzimmer, die ja ebenfalls im gemeinsamen Pläneschmieden zweier zweckverbündeter Parteien bestand. In Bezug auf den Piratenschatz brachte sie die drei jedoch keinen Deut weiter. Dass Achim zudem ständig mit Zwischenfragen wie „Was haben die Damen an?“, „Tragt ihr Waffen?“ und „Gibt´s auch etwas zu essen dort?“ nervte, ließ Lutzs Ungeduld in Wut umschlagen. Diesmal jedoch legte er nicht Hand an seinen Patienten, nicht vor Zeugen und nicht an den einzigen, der ihm zu dem Schatz verhelfen konnte.
Fechner rieb sich den Schweiß von der Stirn, funkelte Achim an und malträtierte weiter den Schreibtisch, doch ohne Erfolg. Silvio beschrieb indessen bis ins kleinste Detail die Kunststückchen eines dressierten Papageien, der den Engländern vorgeführt wurde.
„Smutje wird kiiiieeeeelgeholllt!“ klagte das gelehrige Tierchen gerade. „Kiiiieeeeelgeholllt!“
„Mein Silber!“ jaulte Dr. Fechner in vergleichbarer Stimmlage. „Wo ist mein Silber?!“
„I have no idea, Captain Flint“, grinste Achim. „Why don´t you ask Jimmy over here?”
Silvio blinzelte. Was genau stellte diese Hypnose mit ihm an, dass er meinte, seinen Bruder englisch sprechen zu hören? Der Junge konzentrierte sich darauf, die Gegenwart so wahrzunehmen, wie sie war und sie auch sprachlich von der Vergangenheit zu trennen.
„Wo ist der Silber der Haifischauge?!“ brüllte der Doktor.
Silvio entspannte sich, soweit das in seinem durch die Hypnose hervorgerufenen Entspannungszustand überhaupt noch weiter möglich war.
„Ach so“, meinte er. „Das wollen Sie wissen. Sagen Sie das doch gleich!“

*

Tortuga. 1643.

Dass die Errant Eagle im Hafen von Basse Terre zum Auslaufen bereit läge, war Stadtgespräch, wenngleich eine schamlose Beschönigung der Tatsachen. Das englische Kaperschiff schickte sich zwar wirklich an, demnächst wieder das Dreieck zwischen den Bahamas, Kuba und Hispaniola nach Beute abzugrasen, doch das Verhältnis von Stadt und Hafen beschrieben die Einwohner völlig falsch. Genaugenommen besaß nicht Basse Terre einen Hafen, sondern der Hafen hatte eine Ansiedlung. Zumindest sahen das die erfolgreicheren Beutegreifer der Karibik so, die Männer der Errant Eagle, Sharkeye, Maiden Braid, Soaring Seagull und wie die Piratenschiffe Tortugas alle hießen. Manche ihrer Kapitäne hatten bereits die gesamte Neue Welt bereist, Edeldamen ihre Aufwartung gemacht und auf der Flucht vor deren Ehemännern richtige Städte kennengelernt – oder zumindest die Gassen und Hinterhöfe derselben, Stadtviertel, die teilweise immer noch größer und sauberer waren als ganz Basse Terre.
Clark the Shark saß am landeinwärtigen Ortseingang auf einem Stein. An einer Tabakspfeife ziehend erwartete er die Rückkehr seines Kumpans Francois.
Der Schwarze Hund hatte sich ein in Clarks Augen exotisches, um nicht zu sagen völlig überflüssiges, Transportmittel für seine Reisen zwischen den Ortschaften Tortugas ausgesucht: Ein Pferd.
Als Clark the shark Hufgetrappel hörte und eine näherkommende Staubwolke erblickte, stahl sich ein Lächeln auf das Gesicht des Mannes. Francois fand, dass es sich dabei um eine willkommene Abwechslung zu Clarks sonst zwischen der Ernsthaftigkeit eines Mathematikers und überheblichem Spott wechselndem Gesichtsausdruck handelte. Er trieb sein Reittier zur Eile an.
„Ahoi, Clark! Man erhebt sich, wenn man seine Gäste begrüßt“, warf er dem Engländer aus dem Sattel heraus entgegen.
„Und man steigt vom Pferd, wenn man irgendwo zu Gast geladen ist“, konterte der Kapitän. „Mir ist das ja egal, aber in der Kirche achtest du besser darauf.“
Clark löschte seine Pfeife, schüttelte sie aus und steckte sie weg, während er weiter plauderte: „Nicht, dass es mir was ausmachen würde, zuzusehen, wie in die ganzen katholischen Betkasernen, mit denen die Leute hier ihre Insel zupflastern, ein wenig Leben käme.“
Mit vagem Interesse musterte der Kapitän den zweiten Reiter, der gemeinsam mit dem Schwarzen Hund angekommen war. Dieser Mann schien Mühe zu haben, den verschachtelten Satz des Kaperkapitäns aufzuschlüsseln. Schließlich gab er es auf.

Clark wartete den Moment, an dem seine Denkprozesse den Fremden nicht mehr am Zuhören, Antworten oder gleichmäßigen Atmen hinderten, ab. Er sah ihn absteigen und sein Pferd am Zügel greifen.
„Und du bist…?“
„Zack Croft. Ich will mich auf der Errant Eagle bewerben.“
Silvio Lehmann hielt es im 21. Jahrhundert nicht für die beste Idee, dieses Ansinnen ausgerechnet dem Captain der Sharkeye mitzuteilen. Von seinem erhöhten Platz auf dem Rücken des Pferdes aus beobachtete er, wie Clark den Ankömmling musterte.
Zacharias Croft war mittelgroß, schlank, aber muskulös und dabei auch noch sehr hübsch. Sein dunkles, lockiges Haar stand zwar durch den Windzug nach dem Ritt über die Insel in alle Richtungen ab und seine Kleidung hatte gewiss schon mindestens einem Vorbesitzer gute Dienste geleistet, doch tat das Crofts Erscheinung keinen Abbruch.
Doch das fand allein Silvio. Der Schwarze Hund schien vollständig immun gegen die Reize des jungen Mannes zu sein. Nun gut, Francois war ja auch fast zehn Jahre älter als Silvio, vielleicht war ihm Zack Croft zu jung. Möglicherweise war der Matrose einfach nicht Francois Typ.

„Was ist?“ mischte sich Achim ein. „Du sagst ja plötzlich gar nichts mehr?“
„Mit dem Patienten spreche nur ich!“ fuhr Dr. Fechner den Jungen an. „Du könntest mit deinen unqualifizierten Zwischenrufen wer weiß welchen Schaden anrichten!“
„Ich sage nichts, weil nichts passiert“, antwortete Silvio ausweichend. „Die starren sich einfach nur an. Gucken, wer der Stärkere ist, nehme ich an.“
„Seit wann nimmst du etwas an?“ knurrte Fechner. „Du hast einen direkten Draht zu Francois’ Gefühlen und Erinnerungen! Nutze ihn!“
„…gefälligst“, sprach Achim das Wort aus, welches der Erwachsene erfolgreich unterdrückt hatte.
Der Therapeut funkelte den Teenager so wütend an, wie er es nur selten gegen dessen Altersgefährten für nötig hielt. Die waren nun einmal Flegel, das hatte die Natur so eingerichtet. Aber dieser hier… dieser Achim Bentele… Den sah Ludwig Fechner mit völlig anderen Augen.
„Du machst das mit Absicht, oder? Mich zu provozieren?!“
„Doooooktoooooor!“ maulte Achim. „Ihr Patient! Denken Sie an die Schäden und all das!”
Dr. Fechner verbiss sich eine scharfe Erwiderung. Joachim Bentele war einfach nur unverschämt. Leider Gottes durfte sich der Bursche als geistig normal weiter in seinen schlechten Manieren ergehen, während ordentliche Jungs wie Silvio Lehmann von ihren Mitschülern schief angesehen wurden, weil „mit ihnen ja was nicht stimmen konnte“, wenn sie zum „Irrenarzt“ mussten.

„So nötig scheinst du mir eine Heuer nicht zu haben, wenn du auf einem Zossen wie dem da hier einreitest“, meinte Clark in der Vergangenheit zu Zack Croft.
„Was habe ich von einem Pferd?“ murrte der Mann. „Wenn ich es schlachte, verdirbt das meiste Fleisch, bevor ich aus essen kann, und versuchte ich, das Tier hier auf der Insel zu verkaufen, erhielte ich nicht mal annähernd den wirklichen Wert.“
„Na, Hauptsache, du entscheidest dich für eines von beidem, bevor du an Bord kommst“, lachte Clark. „Hast du Referenzen? Ich meine: Was kannst du, das mir auf meiner Adlerin von Nutzen sein könnte?“
„Mein Vater war Seiler“, gab Zack Auskunft. „Bei ihm habe ich den Beruf gelernt. Als ich es leid war, Galgenstricke zu flechten, bin ich zur See gefahren. Zuletzt war ich Assistent des Segelmeisters auf der Sharkeye.“
Der Schwarze Hund pfiff anerkennend durch die Zähne.
Auch Captain Clark nickte durchaus wohlwollend. „Die hat ´nen guten Namen. Englisches Kaperschiff, genau wie wir. Kleiner natürlich… Warum bist du gegangen, Matrose Croft?“
„Bin ich nicht. Wir sind nördlich von Tortuga gesunken. Nur ganz wenige konnten sich retten. Die Sharkeye gibt´s nicht mehr.“
Silvio konnte die Betroffenheit spüren, die sein Alter Ego Francois angesichts dieser Nachricht empfand. Captain Clark, der gerade noch über die Katholiken gelästert hatte, schlug sogar ein Kreuz für die Seelen der Ertrunkenen.
„Wie kam es dazu?“ erkundigte sich der Kapitän bei Matrose Croft.

Zacharias spann sein Garn und Silvio Lehmann wiederholte die Geschichte für die beiden anderen im Raum. Dr. Fechner fand alles, was er bereits durch seine Recherche über das Schicksal des Silbers und der Sharkeye erfahren hatte, bestätigt – aber nichts von dem, was er sich zusammengereimt hatte.

„Wo ist das geschehen?“ hakte Captain Clark noch einmal nach, als Zacharias seinen Bericht vollständig abgeliefert hatte.
„Nördlich von Tortuga, hab´ ich doch gesagt.“
Nur unwesentlich weniger ruppig und ungeduldig als Dr. Fechner verlangte Clark die exakten Koordinaten zu wissen.
„Auf der Karte meine ich!“ fuhr er den Matrosen an.
Zack lachte trocken. „Was erwartet Ihr jetzt, Clark? Dass ich Euch so Zahlen nenne? Ich bin Leichtmatrose! Ich habe keine Ahnung von dem Zeug mit all den Ringen um die Welt herum. Hab´ ja noch nicht mal jemals den Äquator gesehen!“
An manchen Tagen erschien es dem Kaperkapitän als der einfachste Weg, den durchschnittlichen Bildungsgrad der Menschheit anzuheben, indem er Männer wie Zack Croft einfach kielholen ließ. Schon schien Captain Clark bereit, sich auf den Matrosen zu stürzen, um die gewünschten Informationen aus ihm heraus zu prügeln, doch der Schwarze Hund lenkte rechtzeitig sein Pferd zwischen die beiden. Er schien ein überaus geübter Reiter zu sein.
„Komm von deinem hohen Ross runter, dann reden wir zwei mal wie Männer!“ zischte Clark.
„Tut mir leid, aber ich brauche das Tier, um mit deinem unsichtbaren mitzuhalten, auf dem du ständig sitzt“, erwiderte der andere.
Zacharias blickte von einem zum anderen, unschlüssig, wie er sich verhalten sollte. Eine Konfrontation schien unausweichlich, oder? Der arme Mann konnte ja nicht wissen, dass ihr Wortwechsel nach den Maßstäben der beiden Piraten bereits überaus liebenswürdig zu nennen war. Nur Silvio verstand, was im Schwarzen Hund und demnach auch Captain Clark vorgehen musste, fühlte er sich doch selbst in unnatürlicher Weise zu einem anderen Jungen hingezogen. Wer derartige Anwandlungen durchlebte und dann noch befürchten musste, von den Zeitgenossen auf den Scheiterhaufen gebunden zu werden, konnte wohl gar nicht anders, als sich schroff zu verhalten!
„Lass bitte los, mein Freund“, sprach Francois auf den Kapitän ein. „Das Silber ist für alle verloren.“
Clark presste seine Zahnreihen fest aufeinander. Loslassen sagte sich leicht, war aber gar nicht so einfach. Gerade wenn Spanien beteiligt war, ließ Clark the Shark eben nie los, sondern verbiss sich, bis ihm die Zähne ausfielen. Er wollte diese Nation für den unersetzlichen Verlust, den sie ihm zugefügt hatte, ausbluten lassen, wollte das gesamte Imperium in Trümmern liegen sehen. Im Unterschied zu Ludwig Fechner verspürte Captain Clark an dem Schatz selbst nur ein zweitrangiges Interesse. Gold, Silber und Rum waren nicht Selbstzweck, wohl aber nützlich, stellen sie doch die Mannschaft ruhig.

All das wusste der Schwarze Hund über seinen Schiffsführer. Er teilte seine Erkenntnisse mit Achim und dem Doktor. Doch Ludwig Fechner zeigte sich nicht im Mindesten interessiert an Einblicken in die Psyche des verblichenen Kaperkapitäns. Schon gar nicht, da er allmählich begriff, die ganze Zeit über einem Phantom nachgerannt zu sein.
Das Kaperschiff Sharkeye hatte den Silbertransport um einen Teil der Ladung erleichtert. Aber die Sharkeye war nicht Captain Clarks Schiff gewesen! Francois konnte daher gar nicht wissen, wo sie einst gesunken war.

*

Mühsam beherrscht befreite Dr. Fechner Silvio aus seiner Hypnose. Jede Sekunde erschien ihm zu lang. Ludwigs Gefühle wollten überkochen, doch hatte er eine Pflicht gegenüber seinem Patienten zu erfüllen. Je länger sich die Aufweckprozedur hinzog, umso mehr staute sich der Frust in dem Mann auf.
Silvio zog seine Beine an. Im Schneidersitz blieb der Junge in seinem Sessel hocken.
Achim winkte dem „Zurückgekehrten“.
„Welcome back, Alter! War das ein verrückter Trip!“
„Weißt du was? Das geht mir runter wie Öl!“ lachte Silvio. „Die Spanier haben das Silber, das uns auf Kuba entgangen ist, selber nicht behalten können!“
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Teenager das weder amüsant noch befriedigend gefunden. Es war ihm schlicht und einfach egal gewesen. Doch diesmal war alles anders. Heute saß ja auch Achim Bentele auf dem Reisebürostuhl in Dr. Fechners Sprechzimmer. In dem Maße, in dem der Blondschopf und Captain Clark in Silvios Phantasie miteinander verschmolzen, wurden auch er selbst und Schwarze Hund eins. Francois aber freute sich über die kleine Schlappe, welche die Spanier auf Kuba hatten hinnehmen müssen, nachdem sie ihn an einen Baum gebunden hatten und seiner Freiheit berauben wollten.
Dr. Fechner hingegen konnte nichts Lustiges an der gerade erfolgten Eröffnung finden. Der Ärger über das Silber, das ihm entgangen war, nahm Dimensionen an, die längst dem gesunden Menschenverstand zuwiderliefen. Als hätten ihn die Offiziere der Errant Eagle in seiner persönlichen Ehre verletzt und als bedeute diese Ehre sein Leben, fuhr der Doktor auf!
„Er tickt ja richtig aus…“ flüsterte Achim erschrocken.
In der Tat tobte Dr. Fechner, vorerst glücklicherweise nur verbal:
„Caramba! Damned! Merde!“
Es dauerte nicht lange, da stellte Fechner seine unartikulierten Schrei ein. Er starrte nun ins Leere, genauer gesagt auf seinen Arbeitstisch und den Computermonitor. Dort lief noch immer in einer Endlosschleife die schwarz-weiße Spirale, mit der Dr. Fechner den Hypnoseprozess seines Patienten unterstützt hatte. Geistesgegenwärtig eilte Silvio um den Schreibtisch herum. Über Fechners Hände hinweg griff er nach der Computermaus und rüttelte daran. Als das nicht half, drückte er die Windows-Taste. Das Startmenü des alten Windows XP verdeckte die Hypnosespirale nicht einmal zur Hälfte. Erst ein weiterer Klick auf den eingebauten Mediaplayer schaffte Abhilfe.
Der Erwachsene bemerkte nicht, was um ihn herum vor sich ging.

„Ich hab´ ihn doch nicht etwa angesteckt?“ fragte Silvio entgeistert. „Geht das?!“
Achim lachte abfällig: „Nein, das glaube ich nicht. Aber der Mann steigert sich da königlich in etwas hinein.“
Silvio konnte dieser Aussage nur von Herzen zustimmen. Da es sonst nichts zu sagen gab und er auch nicht wusste, was er jetzt tun sollte, schwieg er. Dieses Mal gestaltete sich das Zusammensein mit Achim nicht nur unbehaglich, sondern mehr als schräg!
„Nicht du schleppst ein Trauma aus einem vergangenen Leben mit dir herum“, sagte Achim seinem Ex-Bruder auf den Kopf zu.
‚Richtig’, dachte Silvio. ‚Mein Problem liegt in diesem hier.’
„…sondern er!“ fuhr der andere fort. „Dein Doc! Und weil er scheinbar doch nicht richtig an Seelenwanderung glaubt – außer natürlich, es springt Silber für ihn dabei heraus – kommt er nicht klar mit dem, was er sieht und dabei empfindet.“
Silvio sah auch gerade etwas, dem gegenüber er Gefühle hegte, mit denen er sich klar kam. Das Objekt seiner Sehnsucht und Abscheu nannte sich Joachim Bentele. Doch dieser war voll und ganz auf den halluzinierenden Dr. Fechner fixiert.
Hatte der Erwachsene bis jetzt nur vor sich hin gestarrt, auch ein wenig auf sein Hemd gesabbert, so begann er nun, leise zu flüstern. Aus dem Flüstern wurde ein Zischen, dann ein Brabbeln.
„Verstehst du, was er sagt?“ wisperte Achim.
Silvio warf seine Arme in die Luft. „Keine Ahnung! Diese altmodische Ausdrucksweise verstehe ich nur, wenn ich der Schwarze Hund bin. Ich bin schon bei You tube überfordert, wenn die Amis loslegen und keine Untertitel zum Mitlesen dabei sind.“
Skeptisch legte Achim den Kopf zur Seite. „Na, wenigstens erkennst du das schon mal als Englisch. Woran eigentlich?“
„Ist weder deutsch noch französisch“, gab Silvio zu. „Du hast ja Recht, es könnte jede Sprache sein. Aber es fühlt sich irgendwie englisch an.“
Achim schüttelte den Kopf.
„Das bringt uns nicht weiter. Und irgendwas müssen wir tun, denn die Sitzung ist irgendwann mal offiziell zu Ende und dann können wir uns nicht einfach so davonstehlen und den Mann in diesem Zustand zurücklassen.“
„Wieso nicht?“ kam es von Silvio, der mit vor dem Körper verschränkten Armen neben dem Doktor stand. „Kann uns keiner nachweisen, dass wir etwas damit zu tun hätten.“
Achim erhob sich nun ebenfalls.
„Nein, Silvio!“ sagte er. „Hilf mir, ihn zurückzuholen!“
„Wieso sollte ich? Er hat uns benutzt… gequält…“
Achim richtete die stärksten seiner Waffen gegen seinen Ex-Bruder. Die beiden tiefblauen Ozeane, durch die er die Welt sah, drohten, Silvio in ihre Tiefen zu ziehen und nie wieder freizugeben. Einmal im Bann dieser Wasserflächen war der Junge gefangen. Hilflos musste er sich die nun folgende kurze Rede Achims anhören:
„Weil du ein Pirat warst. Ich vermutlich ebenfalls, an deiner Seite. Wir haben gemordet, geplündert, gebrandschatzt, vergewaltigt und gefoltert. Deswegen sollten wir das Leben allmählich einmal respektieren. Jedes Leben.“
„Dann verzeihst du ihm etwa?“
„Keine Ahnung! Darüber denke ich nach, sobald ich ihn gerettet habe, okay?“
Schweigen.
Keine Zustimmung…
Aber auch kein Widerspruch!
„Bitte denk dir etwas aus!“
„Ich fürchte, du musst ihm doch einen Nasenstüber versetzen“, meinte Silvio. „Nicht im Zorn, sondern therapeutisch.“
„Das geht nicht. Dann nippelt er uns womöglich ab.“
Achim lief zwei Schritte hin, zwei zurück, legte den Kopf in den Nacken, richtete den Blick auf den Boden und gestikulierte wild mit seinen Händen.
„So´n Mist! Mist, Mist, Mist! Was machen wir denn jetzt?“

Die ganze Zeit über hatte sich Silvio nicht von seinem Platz fortbewegt. Er hatte alles mitangehört, was der Doktor dreisprachig gestammelt hatte und was Achim in seiner Unruhe entgangen war. Mehr und mehr der englischen Worte und schließlich ganze Wortgruppen erschlossen sich dem Jungen. Zu Anfang wollten sie nicht so recht Sinn ergeben, doch als sich ein vertrauter Name in das Kauderwelsch einschlich, fügten sich die Puzzelteile plötzlich zusammen. Lutz hatte andere Gründe dafür, doch offenbar repräsentierte auch für ihn Achim Bentele etwas, das er verabscheute.
„Nun…“ begann Silvio.
„Ja?“
„Hör dem Doktor einfach mal zu! Was er da vor sich hinbrabbelt deutet darauf hin, dass er sauer auf dich ist. Er, oder die Person, die er sich gerade einbildet, zu sein. Ob seine Feindseligkeit gerechtfertigt ist oder nicht, kann ich dir nicht sagen. Aber genaugenommen gibt´s nur eine Möglichkeit, was du jetzt tun kannst. Du müsstest dich bei ihm entschuldigen.“
„Wofür?“ fuhr Achim auf. „Dafür, dass er dich seelisch ruinieren wollte?“
„Das hatte der Doktor nie vor.“
„Aber er hat es hingenommen! Am Ende wäre er wirklich mit dir nach Haiti geflogen und ihr wärt im Knast gelandet? Raubgräberei wird hart bestraft, Silvio! Das ist nicht nur einfach etwas, das ein Bürger einem anderen antut, da fühlt sich der Staat um ihm zustehende Finanzen betrogen. Und der sitzt meistens am längeren Hebel.“
„Piraterie also.“
„Ja, kann man in etwa vergleichen. Denke ich. Jetzt hilf mir denken, wie wir Fechner retten!“
„Ich habe dir meine Antwort gegeben. Wenn sie dir nicht passt, bitte, dafür kann ich nichts.“
„Das meinst du nicht ernst!“
„Todernst.“
Achim seufzte.
„Und du bist schon gestorben, verstehe. Dann habe ich wohl keine andere Wahl.“
Ein knappes Nicken des ehemaligen Schwarzen Hundes bestätigte diese Erkenntnis.
Achim stellte sich wieder dem Doktor gegenüber.
„Dr. Fechner…“ begann der Junge. „Ich kann Sie nicht ab. Jedenfalls nicht heute. Ich kenne Sie kein Stück, aber für das, was sie in den letzten Wochen bei dieser Schatzgeschichte mit meinem Bruder angestellt haben, verachte und hasse ich Sie.“
„Das sind nicht ganz die Worte, an die ich gedacht hatte“, murmelte Silvio.
„Ich erwarte, dass Sie das wieder gut machen, sobald wir Sie zurückgeholt haben“, sprach Achim weiter. „Aber der andere, der, der Sie in der Vergangenheit festhält, der weiß, wovon ich spreche. Denn dem habe ich etwas angetan, an das ich mich nicht mehr erinnere. Ich möchte, dass dieser Mann oder diese Frau mir jetzt bitte zuhören. Was immer es war, es ist vorbei.“
„Sag endlich dass es dir leid tut!“ fuhr Silvio den anderen an. Achim jedoch schlug lediglich unwirsch mit der Hand nach ihm aus.
„Ich habe vergessen, was vor so langer Zeit geschehen ist. Ich bin nicht der, der Sie verletzt hat. Dieser Kerl ist tot! Außer natürlich, er wäre ein Vampir oder so.“

Dr. Fechner stellte seinen Monolog ein. Die Mundwinkel des Mannes verzogen sich nach oben. Ja, Ludwig Fechner fand es lustig, was er zu hören bekam. Lustig und rührend zugleich. Rührend im Sinne von be-rührend, eine Brücke schaffend. Die Vampirphase Jugendlicher, obwohl doch eher für Mädchen interessant, stellte etwas dar, das nur Lutz verstand, nicht sein Alter Ego in der Vergangenheit, mit dem er sich herumplagte. Dieselbe Kultur, die Lutz geprägt und zu Dr. Fechner geformt hatte, diente auch Achim Bentele als Bezugsrahmen. Sie gehörten unterschiedlichen Generationen an, doch das änderte nichts am Grundprinzip.
Die wiederentdeckte Gemeinsamkeit mit dem Teeanger ließ Lutz Fechner in dem von zwei Geistern geteilten Körper erstarken. Klarer als zuvor blickte er in die Welt, als er den Junge fragte:
„Worauf willst du hinaus?“
Achim schmunzelte. Der Tonfall seiner Antwort ließ keinen Zweifel daran, wessen Leib seiner Meinung nach den überlegeneren Intellekt beherbergte:
„Darauf, dass ich mir im Unterschied zu Ihnen ein bisschen was über Karma angelesen habe, seit ich erfahren habe, was Sie mit meinem Bruder veranstalten! Alles, was in meinem Leben nicht zu meiner Zufriedenheit läuft, ist der Ausgleich dafür, was ich früher einmal falsch gemacht habe. Also, wenn der andere, wer immer er ist, Dr. Fechner gehen ließe, zu uns zurückkehren ließe, dann könnte der dabei zusehen, wie ich leide. Das ist das Beste, was ich anzubieten habe.“
Doch das war es nicht, was Achims Gegenüber wollte. Er zog keine Genugtuung aus dem Leid eines spillrigen Bürschchens aus der Zukunft, das in der richtigen, also seiner, Welt, niemals auch nur sechzehn Jahre alt geworden wäre. Daran lag dem Toten nichts. Captain Clark hingegen… aber Clark war tot, er hingegen lebte noch… wieder… irgendetwas dazwischen, unfähig, diesem Zustand zu enkommen.
Achim hatte leicht zu zittern begonnen. Er schaffte es nicht, Fechner von seinem Standpunkt zu überzeugen. Er brachte es nicht fertig, den Mann ins Leben zurückzulotsen. Jedenfalls nicht, solange er nicht Silvios Lösungsvorschlag umsetzte.
Doch das lief Achim Bentele ganz und gar zuwider! Wieso durfte er nicht einmal der Held sein und sich dabei auch so fühlen? Warum lief in seinem Leben immer wieder alles aus dem Ruder und zwang ihn in die Verlierrolle?
Beinahe kläglich erklärte der Junge:
„Also gut. Es tut mir leid. Besser?“
Als hätte Achim eine Zauberformel ausgesprochen, kehrte Dr. Fechner in seinen Körper zurück. Der andere, der ihn vielleicht mit ihm geteilt hatte, zog sich freiwillig zurück. Er hatte bekommen, was er gewollt hatte.
„Ja, besser“, erwiderte Ludwig. „Nicht, dass ich dir das jetzt glauben würde, aber du hast die Entschuldigung wenigstens ausgesprochen. Das zeigt mir, dass du doch zu einem gewissen Entgegenkommen an andere fähig bist.“
Achim wandte sich an Silvio:
„Ist das der Richtige? Klingt dein Doc normalerweise so?“
Silvio nickte stumm.
„Alles klar.“
Achim streckte dem Erwachsenen seine Hand entgegen. „Schön, Sie kennen zu lernen, Dr. Fechner. Silvio hat mir bereits viel Gutes über Sie berichtet. Und wie’s scheint, haben wir mindestens einen gemeinsamen Bekannten im Piratenzeitalter.“
Ludwig lächelte in einer Mischung aus Trauer und Dankbarkeit. Achim hatte weniger schmeichelhafte Bezeichnungen für diesen Gesichtsausdruck parat, unter denen „grenzdebil“ noch die harmloseste darstellte. Der Junge war bei weitem kein Engel: es amüsierte ihn wie die meisten Menschen, wenn jemand aus Ungeschick stolperte, doch er hätte nie laut darüber gelacht, sondern wäre dem „Tapps“ zu Hilfe geeilt. Innen- und Außenwelt waren fein säuberlich getrennt. Was immer für Achims geheimste Gedanken und Gefühle verantwortlich war, der Prozess erzeugte genug Abwärme, in der sich seine Mitmenschen geborgen fühlen konnten.
„Wenn ich euch nun sagte, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich denn nun in Wirklichkeit bin?“
Achim hielt die Männerhand weiterhin fest. Seine tiefblauen Augen bohrten sich in Fechners.
Manchmal wusste man genau, wer und was man war, sagte dieser Blick, und wollte es sich bloß nicht eingestehen. Aber wie sollte ausgerechnet er, Achim Bentele, dem Erwachsenen helfen, wenn er nicht einmal sich selbst helfen konnte? Die Probleme Erwachsener waren im Allgemeinen einfacher zu lösen, da ihre Sorgen, Nöte und Ängste rationaler waren als die Achims und seiner Altersgenossen. Dennoch fürchtete der Junge, in diesem Fall nichts anzubieten zu haben.
Achim zog seine Hand zurück.
„Dann würde ich Ihnen das glauben“, antwortete er.

„Da ja nun nichts bei dem ganzen Mist rausgekommen ist…“, erklärte Silvio, ohne seinen Gedankengang allerdings abzuschließen. Der Junge nahm seinen Rucksack vom Boden auf, hängte ihn sich um und verließ die Praxis nach einem letzten Gruß an die anderen beiden.
„So.“
Achim verschränkte die Arme.
„Er ist raus.“
Dr. Fechners Unteram lag noch immer ausgestreckt auf dem Tisch, über dem ihm Achim die Hand geschüttelt hatte. Als erinnere er sich jetzt erst seines Körpers, zog der Mann den Arm an seinen Körper. Besiegt, jeden Haltes beraubt, sackte er in seinem Stuhl zusammen.
Der junge Achim hingegen ragte kerzengerade über ihm in die Höhe.
„Ich muss ebenfalls los“, erklärte der Teenager. „Muss noch lernen. Ich denke, ich nehme mir das Kapitel über körperliche und seelische Kindesmisshandlung vor.“

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