Die merkwürdigen Familienverhältnisse des Captain Clark

(Kapitel 6 von „Brüder oder so“ sowie Epilog)

Am nächsten Tag standen die beiden Jungen unangemeldet wieder in Dr. Fechners Praxis. Wie so oft zuvor begrüßte Silvio die Sprechstundenhilfe, die gleichzeitig sämtliche Aufgaben einer Annahmekraft und Sekretärin übernehmen musste, freundlich.
„Ich verstehe das nicht“, erwiderte die Frau. „Der Doktor hat alle Termine, die heute anstanden, kurzfristig verlegt. Einen einzigen Patienten hat er nicht mehr rechtzeitig erreichen können, der sitzt gerade drinnen. Aber euch soll ich jederzeit vorlassen, hat er gesagt. Wen denn nun eigentlich genau?“
„Uns beide zusammen“, antwortete Silvio. „Nur noch mal heute.“
„Stimmt. Das ist dein letzter Termin.“
„Ja, und dafür brauchen wir Achim. Sozusagen für den finalen Härtetest.“
„Oha!“ Die junge Frau grinste wie jemand, der mehr zu wissen glaubte. Silvio war sich sicher, dass sie von der befellten Spielzeugspinne im Schreibtisch ihres Arbeitgebers wusste und an nichts weiter als an eine Konfrontation mit dieser oder einem lebendigen Exemplar dachte.
Schweigend warteten die beiden Jungen darauf, hereingerufen zu werden. Sie konnten sich noch nicht einmal durch Blicke darüber verständigen, was in ihnen vorging, zu persönlich war das Geheimnis, das sie mit dem Doktor teilten, zu riskant die kleinste Andeutung, dass es da überhaupt ein Geheimnis geben könnte.
Endlich verließ der andere Patient die Praxis, dann vergingen noch einmal fünf Minuten und erst dann durften die Besucher das Sprechzimmer betreten.

„Kommt ihr mit dem Anwalt?“ fragte Dr. Fechner anstelle einer Begrüßung.
Achim schüttelte den Kopf.
„Nein. Das ist nicht nötig.“
„Und deine Recherche?“
„Ach, die. Die hat nie stattgefunden. Ich habe kein Interesse an diesem Fach, wissen Sie?“
„Aber du wolltest mich schmoren lassen? Na ja, habe ich ja auch verdient.“
„Ja“, stimmte Silvio zu. „Aber Sie haben diesen Patienten behandelt, dem Sie nicht mehr absagen konnten und sich Zeit für die übliche Nachbearbeitung genommen. Ich habe daher Hoffnung, dass Sie wieder der Alte sind.“
Der Junge war sich absolut sicher, dass Achim dasselbe dachte und gesagt hätte.
„Das bis gestern war ein anderer Mann“, ergänzte dieser, nur, um von den beiden Ex-Brüdern das letzte Wort an sich reißen zu können. „Der, der so wild auf das Silber war.“
„Danke, Jungs. Aber was führt euch dann her?“
„Freundschaft“, seufzte Silvio. „Gemeinsam Durchlittenes. Das würde ich jedenfalls gern sagen. In Wahrheit aber hat sich Achim da etwas in den Kopf gesetzt…“
„Ich verlange ebenfalls so eine Vergangenheitsreise!“ erklärte Achim Bentele. „Sie und Silvio sind irgendwie verbunden. Das kann doch nur daran liegen, dass Sie zusammen mit ihm in der Epoche gelebt haben, in die Sie ihn versetzt haben! Und Sie waren nach Silvios letzten Trip irrational wütend auf mich, daher liegt es nahe, anzunehmen, dass ich auch ein Bekannter von euch beiden bin. Das möchte ich jetzt genauer wissen! Welche Rolle ich bei dem Ganzen gespielt habe!“
„Ich habe ihm schon zu erklären versucht, dass das Quatsch ist“, warf Silvio ein. „Hat nichts geholfen. Wenn´s ihm einer ausreden kann, dann Sie als Experte!“
Dr. Fechner war trotz allem nicht so leicht zu überreden, Achims Wunsch zu erfüllen. Das sagte er ihm deutlich: „Am Ende stellst du dich als der Captain der Oro del Mare heraus, der seine Ladung vermisst? Dann geht das alles wieder von vorn los? Nein, mein Lieber, das lassen wir mal schön. Ich mache erst wieder einen Finger krumm, wenn es um Gold geht.“ Der Doktor zögerte kurz, dann ergänzte er testweise: „Oder um Frauen.“
Silvio schluckte trocken. Er suchte verzweifelt nach einer coolen Erwiderung, fand aber keine. So blieb er mit halb geöffnetem Mund stehen.
Achim wandte seinen Blick von dem Erwachsenen ab. Seine Finger spielten miteinander, ohne, dass er es merkte.
Die Reaktion seiner Gäste war bemerkenswert, fand der Mann. Sie bestätigte, was er bereits seit einer Weile vermutete, aber nicht kurieren konnte, da es nichts daran zu „heilen“ gab.
„Oh? So lange Gesichter? Habt ihr Liebeskummer, Jungs? Ihr seid doch nicht etwa in dieselbe verliebt?“
„Verliebt, ich? So´n Käse!“ presste Achim hervor. „Die am geilsten aussehen, sind am oberflächlichsten. Ich werde mich nie in eine verlieben. Sex genügt mir.“
„Ja, mir auch!“ beeilte sich Silvio zu versichern.
Achim blitzte den anderen spitzbübisch an. „Mit derselben?“
„Und mit allen ihren Freundinnen!“ erwiderte Silvio.
Seine Hand zuckte nach oben, wie, um seinem Ex-Bruder das High Five anzubieten, doch dann überlegte er es sich im letzten Moment anders.
Erleichtert, nicht in Silvios Hand einschlagen zu müssen, stieß Achim seinen angehaltenen Atem aus.

„Jedenfalls“, wandte er sich wieder an Dr. Fechner, „bringen Sie mich heute zurück und dann legen wir das Ganze ad acta!“
Der Doktor schüttelte den Kopf.
„Es geht wirklich nicht. Du bist kein Patient, du leidest an keiner geistigen Erkrankung und sollte einem von euch beiden auch nur ein Wort zum unpassenden Zeitpunkt entschlüpfen, bekomme ich Ärger. Ich kann es nicht riskieren, meine Zulassung zu verlieren. Mehr als jemals zuvor muss ich in diesem Beruf arbeiten. Ich habe Mist gebaut, Jungs, auf meinem ureigensten Gebiet. Das kann ich nur wieder gut machen, indem ich besonders gewissenhaft weitermache. Menschen helfe…“
„Ja, mir!“ entfuhr es Silvio. „Ich bin der Patient! Mich können Sie hypnotisieren!“
Der Junge suchte Achims Blick. „Du, Achim, ich gehe für dich!“
Ohne die Antwort des anderen abzuwarten, lies sich Silvio ein letztes Mal in dem Sessel nieder, der für ihn Zeitmaschine, Fluchttunnel und Folterbank in einem gewesen war.
„Wenn wir alle drei dort waren, dann werde ich Achim in der Vergangenheit wiedererkennen!“
„Na, hoi?“ wunderte sich dieser. „Ich denke, du glaubst gar nicht an Wiedergeburt?“
„Nicht so richtig…“
Dr. Fechner aktivierte unwillig den Computer. Unendlich langsam drehte er den Monitor in Silvios Richtung.
„Ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue“, gestand er. „Aber als ich das Falsche getan habe, war ich mir sicher, es gäbe keinen anderen Weg, so dass ein wenig Unsicherheit vielleicht ein gutes Zeichen ist.“
„Therapieren Sie ihn, nicht sich!“ schnarrte Achim. Der Junge fühlte sich schmählichst um seine Zeitreise betrogen. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn er die gewünschte Information erhielte. Doch bereits während Dr. Fechner den Hypnosetext sprach, ersetzte Neugier Achims Enttäuschung.
„Bitte suche für uns eine Episode in der Vergangenheit“, forderte Fechner Silvio auf, „die den Schwarzen Hund mit Achim Bentele in Verbindung bringt.“

*

Als sie den Toten fanden, trug er einen überraschten Gesichtsausdruck zur Schau. Clark hatte bis zum Ende nicht daran geglaubt, wirklich sterben zu müssen. Die Erkenntnis seiner eigenen Sterblichkeit hatte ihn vollständig unerwartet getroffen, das war deutlich zu sehen. Doch es handelte sich nicht um die Panik und den Schock eines Mannes, der realisiert, in Bälde ein gewalttätiges Ende zu finden, sondern viel mehr um Faszination. Als begänne ein völlig neues Abenteuer…
Männer kamen, deckten den Leichnam zu und trugen ihn fort, nicht zum Beginn einer weiteren Entdeckungsreise, sondern als ein unbrauchbar gewordenes Ausrüstungsstück. Clarks fleischlicher Körper war nicht geeignet für das, was vor ihm lag.
Zurück blieb der Schwarze Hund, gebannt in eine merkwürdige Starre, die sich erst löste, als er sich längst wieder an Land befand und durch Fluren der herrschaftlichen Villa streifte.
Francois betrachtete die Regale im Salon, die Bücher, die Waffen und die Kunstgegenstände, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten. Die meisten davon zeugten von der gemeinsamen Geschichte des Piraten und des englischen Kaperfahrers, andere hatte Clark bereits vor seiner Bekanntschaft mit Francois zusammengetragen. In diesem Fall bestand die geteilte Erinnerung nicht in einem Wiederaufleben des ursprünglichen Ereignisses, sondern der Umstände unter denen Clark seinem Freund die Bergungsgeschichte erzählt hatte.
Francois’ Blick wanderte über all dies hinweg durch ein Fenster hinaus aufs Meer.
An der Seite des gealterten Piraten stand Jacques.
Clarks Bruder trug der aktuellen Herrenmode entsprechende Kleidung, verspieltere Gewänder, als sie der militärisch geprägte Stil in seinen Jugendtagen hervorgebracht hatte. Seine Gesichtszüge waren die eines Mannes, über den das Leben bereits in jungen Jahren nur Kummer gebracht hatte. Mancher wäre daran zerbrochen, die meisten abgestumpft. Jacques hingegen hatte Weisheit erlangt. Die Sorgenfalten auf seiner rotbraunen Stirn waren die anderer Personen, von Menschen, um die er sich kümmerte. Denn obgleich Jacques seit langem in Wohlstand lebte, hatte er nie vergessen, damit eine Ausnahme darzustellen.
„Ich grüble nicht über seinen Tod nach“, antwortete der Schwarze Hund auf eine unausgesprochene Frage des Kariben.

Im einundzwanzigsten Jahrhundert löste dieses kleine Detail Verwunderung aus.
Jacques war also ein Eingeborener gewesen? Kein Franzose? Ja, wie denn nun? Silvio beschloss, sich nicht länger mit den verwirrenden Familienverhältnissen des Captain Clark auseinander zusetzen. Ohne Zweifel wären selbst dessen Zeitgenossen mit diesem Unterfangen überfordert gewesen.

Francois war alt, wenngleich nicht unnatürlich alt für die Verhältnisse seiner Zeit. Clark war noch älter gewesen, aber auf Jacques waren Begriffe von Raum und Zeit schon nicht mehr anwendbar. Dabei war der Karibe körperlich weitaus fitter als der Schwarze Hund. Er würde wohl die vollen hundertzwanzig Lebensjahre ausschöpfen, die dem Menschen seit Noahs Zeiten nur noch gegeben waren. Was würde dann passieren, fragte sich Francois? Ob Jacques wohl von einem Moment auf den anderen umkippen würde, wo er gerade stand? Doch das würde der Pirat aus einer anderen Perspektive als seiner Jetzigen beobachten müssen…
„…sondern über meinen“, beendete er seinen Satz.
„Francois!“
„Nein, lass mich ausreden! Du bist sein Blutsbruder, ich war sein Partner. Ich habe ihn geliebt – liebe ihn noch immer! Ich wünschte, ich wüsste, wo er sich jetzt befindet. Die Ewigkeit im Himmel lockt mich nicht, wenn mein Adler nicht auch dort sein kann. Ich würde lieber die Hölle riskieren, als von ihm getrennt existieren zu müssen.“
„Da magst du Recht haben“, gab Jacques zu. „Das, was uns erwartet, ist größer als unser nichtiges Erdenleben. Und es wird nie enden.“
„Und deswegen muss ich herausfinden, wie ich mein Leben von nun an ausrichten soll!“ rief Francois. „Mit Ziel Himmel oder Hölle!“
Jacques trat auf eines der Regale der stattlichen Trophäensammlung zweier Freibeuter zu. Eine nicht geringe Anzahl der Exponate zeugte von jenen Momenten, in denen sie die Grenze zum Piraten überschritten hatten…
„Zufällig weiß ich von einer – einer einzigen! – Person, wo diese nach ihrem Tod gelandet ist“, eröffnete Clarks Bruder dessen trauernden Partner. „Wir müssen ihn lediglich dazu bringen, uns Auskunft zu geben, ob Clark bei ihm ist.“

Für Silvios Geschmack nahm dieses Gespräch Züge an, die ihn verunsicherten. Er sprang ganz ohne Dr. Fechners Zutun ein Stück in die Zukunft.

„Meinst du nicht, wir sollten langsam damit aufhören?“ fragte jemand, den Silvio nicht kannte. Selbst kein junger Mann mehr, war diese zweite Person doch deutlich jünger als der Schwarze Hund.
„Aufhören womit?“ versetzte Francois unwirsch.
„Sie ‚Clark’ und ‚Er’ zu nennen“, erwiderte der andere.
Die beiden standen in einer Kapelle, in welcher der Leichnam des Kaperfahrers in seinem Sarg aufgebahrt lag.
Francois funkelte den Jüngeren zornig an.
„Ich habe sie ‚Jenny’ genannt, wenn ich sie aufziehen wollte, aber eine Beerdigung ist kein Anlass für derartig unwürdige Späße! Und ich nannte sie so, in Situationen, die dich nicht das Geringste angehen!“
„Und die nur ganz nebenbei zu meiner Zeugung geführt haben“, grinste der zweite Mann.
„Dem sei, wie es sei! Clark wird die Trauerfeier erhalten, die ihm zusteht! Keiner seiner Feinde hat es vermocht, ihm zu Lebzeiten das Messer in den Rücken zu rammen und ich werde nicht zulassen, dass es sein eigener Sohn nach seinem Tod versucht!“
Zähneknirschend erwiderte der andere: „Ich verstehe, Vater. Dann tragen wir heute den ehrenwerten Offizier der Krone zu Grabe, wie du es wünschst. Um meine Mutter werde ich dann wohl im Stillen trauern müssen.“

Silvio folgte dem Gespräch mit zunehmender Nervosität. Als sich der Sohn des Schwarzen Hundes entfernte, richtete dieser seinen Blick auf die aufgebahrte Person. Zum ersten Mal durfte Silvio Clarks Gesicht in aller Ruhe studieren. Er nahm Details wahr, die bisher vor ihm verborgen geblieben waren. Die letzte Gewissheit erhielt der Junge aus Francois Geist, den der emotional aufgeühlte Pirat diesmal nicht mehr vor ihm zu schließen vermochte.
Im Sarg lag der Piratenkapitän von Kuba und von Tortuga, ohne Zweifel. Doch handelte es sich bei der in eine Männeruniform gewandeten Person in Wirklichkeit um eine Frau. Francois Gemahlin war eine verkleidete Frau!
Und damit hätte alles wieder ins Lot kommen können. Der Schwarze Hund, der ja Silvio war, war gar nicht schwul gewesen. Er war ein ganz normaler Hetero-Mann, der seine karriereorientierte Partnerin dabei unterstützt hatte, der Welt eine Komödie vorzuspielen. Vincente hatte es gewusst, mindestens ein Sohn Clarks ebenfalls und vermutlich auch Jacques. Nur Silvio Lehmann war bisher von dieser Erkenntnis ausgeschlossen geblieben.

„Ich werde dich wiederfinden!“ versprach der alte Mann seiner Gefährtin.
Unfähig, den Sargdeckel zu schließen, starrte er weiterhin auf Gesicht und Körper der Person, die seine ganze Welt ausgemacht hatte. Die Welt aber war untergegangen…
„Ich werde bei dir sein!“ wiederholte Francois.

Silvio konnte dieses Verlangen nicht nachvollziehen. Jenny war uninteressant für ihn geworden. Der Junge wollte weiterhin den Mann in Clark sehen, doch das fiel ihm zunehmend schwerer, nun, da er die Wahrheit kannte.
Aber glücklicherweise musste Silvio dieses sinnlose Unterfangen gar nicht länger fortführen. Der Deckel des Erdmöbels wurde geschlossen, Dr. Fechner holte ihn aus der Trance zurück und der neue Clark stand ja nur eine Unterarmeslänge von Silvio entfernt.
Der Junge streckte seine Hand nach Achim aus. Der andere ergriff sie, ohne nachzudenken und drückte sie fest.

*

Silvio war sich seiner Gefühle nun vollkommen sicher. Als die Hypnose ihm Captain Clark entzogen hatte, war das weniger durch den Tod des Kapitäns, als vielmehr durch dessen Verwandlung in einer Frau geschehen. Silvio war nicht an einer Frau interessiert. Er wollte das Verlorene wiederhaben
Und Clark würde das doch sicher auch wollen?
Doch Achim schwieg. Die ganze Zeit über.
Als Silvio endgültig aus der Hypnose erwacht war, lies der andere seine Hand los. Er schwieg weiter.
„Clark…“ flüsterte Silvio. Er lächelte. „Ich habe von Anfang an gewusst, dass du Clark warst! Irgendwie habe ich es immer gewusst!“
„Schön für dich.“
„Ja! Nicht nur schön, sondern wunderbar!“
Es tat Silvio leid, dass es so lange gedauert hatte, das zu realisieren doch fiel es einem Jungen selbst seiner sich als fortschrittlich bezeichnenden Zeit und Kultur nicht unbedingt leicht, zuzugeben, wohin es ihn in Liebesdingen zog. Nicht vor der Gesellschaft, nicht vor sich und nicht vor dem Wunschpartner.
Noch einmal wiederholte der Junge, was er den anderen beiden bereits während der Hypnose mitgeteilt hatte: Clarks Identität, seine Partnerschaft mit dem Schwarzen Hund und Silvios daraus gewonnene Erkenntnis.
„Dann wäre ja alles geklärt“, meinte Achim.
Mit einem kurzen Gruß auf den Lippen verließ er das Sprechzimmer.
Zurück blieben Silvio und der Doktor.
„Ab hier kann ich dir nicht mehr helfen“, sagte Dr. Fechner leise.
„Vie…“
Ein Hickser entschlüpfte Silvios Kehle. Schlimmer war die Feuchtigkeit, die sich in seinen Augen sammelte. Gerade eben hatte er den anderen in einem Sarg liegen sehen, ihn verloren geglaubt und sich an das letzte Fünkchen Hoffnung geklammert, in der Hölle mit seinem Partner wiedervereint zu werden. Und dann hatte diese wirre Hoffnung nicht einmal getrogen! Sie hatten ihre Jugend zurück, sich wiedergefunden und da rannte Clark einfach so davon? Obwohl er wusste, in welchem Zustand sich sein Freund befinden musste?
Silvio verstand das nicht. Wenn man für tot gehalten worden war und dann wieder aufstand, dann stürzte man sich doch nicht vor den Augen derer, die einen vermisst hatte, von der nächsten Klippe!
„Vielleicht können Sie das echt nicht, Doc“, brachte der Junge hervor. „Aber könnten Sie´s nicht wenigstens versuchen?“
Dr. Fechner nickte. Ohne ein weiteres Wort zu verschwenden, lief er Achim nach.

Weit war der Junge nicht gekommen. Er saß im Wartezimmer auf dem mittleren der an die Längswand gerückten Stühle. Mit dem Rücken lehnte er sich an die Wand an, seine Beine waren übereinander geschlagen, die Hände um die Knie verkrampft und die Augen halb geschlossen.
Achim Bentele zuckte zusammen, als sich die Tür zu seiner Rechten öffnete.
Mit den Worten „Können Sie uns bitte kurz allein lassen?“ schickte der Doktor seine Assistentin aus dem Raum.

„Und?“ Ludwig Fechner setzte sich auf den einzelnen Stuhl Achim gegenüber. „Wie fühlt es sich an?“
„Wie fühlt sich was an?!“
„Erwachsen zu werden. Jeder will es, aber keiner rechnet ernsthaft damit, dass der Prozess schmerzhaft ist. Man denkt sich so, man müsse nur die Zeit absitzen und Fragen für die Führerscheinprüfung auswendig lernen.“
Achim lies seine Knie los. Er beugte sich zu seinem Gegenüber vor.
„Was woll´n sie?“
„Was jeder möchte“, entgegnete Dr. Fechner, als habe er das mitgedachte „…von mir“ nicht erkannt. „Sicherheit. Einen vollen Bauch. Jemand, mit dem ich mein Leben teilen kann.“
Lutz starrte Achim eindringlich in die Augen.
„Ich habe das Silber verloren. Aber das war es auch nicht wert, es festzuhalten. Vielleicht trägst du ja ebenfalls so eine Illusion mit dir herum, Achim Bentele. Und wenn du sie ablegst, findest du einen wertvolleren Schatz als Edelmetalle.“
‚Das ist keine Illusion, das ist furchtbarer Ernst!’ dachte Achim. ‚Ich habe es schon in der Vergangenheit nicht geschafft, ein richtiger Mann zu sein und jetzt schon wieder nicht! Ich kann das nicht zulassen! Mein Vater würde mich erschlagen…’
„Unsere Kultur ist nur nach außen hin homogen, wenn man sie durch die Augen der anderen betrachtet“, sprach Dr. Fechner unbeirrt weiter. „Wir Deutschen zerfallen wie jedes Volk in kleine und kleinste Grüppchen, jede mit ihren eigenen Wertemaßstäben. Was wir gemeinsam haben, ist unser gesetztes Recht. Du hast den Schwarzen Hund vor dreihundertfünfzig Jahren in eine schwierige Lage gebracht, Clark. Wäre an die Öffentlichkeit gedrungen, dass er und der Mann, für den dich alle hielten, mehr als nur Freunde waren, man hätte euch… was weiß ich! Verbrannt, gesteinigt, kastriert – irgendeine drakonische Maßnahme, die es heute nicht mehr gibt.“
„Nicht mehr offiziell erlaubt“, korrigierte Achim. „Aber sehr wohl noch hinter vorgehaltener Hand gebilligt!“
„Das vermag ich jetzt nicht abzustreiten, dafür habe ich die Menschen zu intensiv studiert. Dann tut es eben heimlich, wenn ihr nicht anders könnt. Aber wenn die gesamte Welt gegen euch ist, dann erklärt euch nicht noch gegenseitig eine unnötige Feindschaft!“
„Wer soll das sein, ‚wir’ und was, bitte, sollten wir ‚tun’?“
Fechner schüttelte betrübt den Kopf.
„Das eine sage ich dir: Wären die Frauen an der Macht, du würdest alles daran setzen, eine zu werden. Damit auch ja nicht der kleinste Zweifel an deiner Überlegenheit aufkäme! Aber wenn es darum geht, wahre Überlegenheit zu beweisen, es allen zu zeigen, dass ihre kleinlichen Ansichten nicht der Weisheit letzter Schluss sind, da kneifst du plötzlich? Das ist nicht der Captain Clark, den ich kannte. Ansonsten hätte ich ihn nämlich nicht richtig gekannt.“
„Sie kennen mich kein bißchen!“ schrie Achim.
Der Junge sprang auf. Er riss die Tür zum Treppenhaus auf und rannte hinaus.
Nur Sekunden später stürmte auch Silvio an Dr. Fechner vorbei. Offenbar hatte er die Tür schlagen hören.
„Silvio!“ rief Ludwig ihm noch nach und dann: „Achim!“
Doch die beiden Jungen reagierten nicht.

„Stimmt etwas nicht?“ erkundigte sich Dr. Fechners Sprechstundenhilfe bei ihrem Chef.
„Liebeskummer“, gab dieser nuschelnd Auskunft.
Die Frau nickte wissend. „Schlimm, so was. Aber andererseits gehört das doch auch irgendwie zum Aufwachsen dazu. Da können wir nichts machen. Und da sollten wir uns auch nicht einmischen.“
„Aber…“
„Ach, Doktor! Welchen Rat würden Sie der Mutter eines Jungen geben, der nicht ins Bett gehen will?“
„Wachlassen und am nächsten Morgen müde in die Schule schicken, damit er aus eigener Erfahrung lernt.“
„Na, sehen Sie.“

*

Silvio lief die Treppe hinab. Auf dem letzten Absatz vor der Haustür hielt er inne. Hier standen keine Zierkakteen mehr auf dem Brett des Flurfensters und auch die bunten Plakate der psychologischen Praxis fehlten.
Unter dem Anschlagbrett der Hausverwaltung, einem mausgrauen Monstrum aus Metall, hockte ein Junge auf den Steinfliesen. Vielleicht wartete er, dass aus den Briefkästen an der gegenüberliegenden Wand sein Todesurteil zu Boden fiele.
„Hallo…“
Achim würdigte den anderen keines Blickes.
Silvio räusperte sich.
„Ich habe mir Zeit gelassen mit dem Gehen, trotzdem bist du noch hier. Hast du etwa auf mich gewartet?“
Als Achim ihm lediglich einen kurzen Blick zuwarf, der alles oder auch nichts bedeuten konnte, hockte sich Silvio ihm gegenüber auf den Boden. Der Junge bemerkte, dass sich eine Spinne die Unterseite der Anschlagtafel als Basis für ihr Netz ausgesucht hatte.
Achims bösartiges Grinsen, als er Silvios Blick folgte, mochte echt oder aufgesetzt sein. Silvio ließ es darauf ankommen. Er riss sich zum ersten Mal in seinem Leben beim Anblick einer Spinne zusammen, tolerierte die Anwesenheit des Tieres und deutete, ohne natürlich allzu intensiv hinzuschauen, auf den Achtbeiner.
„Schau“, sagte er. „Die baut sich ein Haus.“
„Eine grausame Falle“, widersprach Achim.
„Ja, kann sein. Aber Spinnen sind so geschaffen. Und auch mit den vielen Beinen und dem ganzen Drumherum. Es ist nicht ihre Schuld, wenn andere sie deswegen eklig finden. Vielleicht ist gerade dieses Mistvieh da unter der Tafel ganz besonders attraktiv in den Augen seiner Artgenossen.“
Achim hob seine rechte Hand.
Silvio wagte kaum zu atmen. Ein besonderer Zauber umgab den Moment. Der Jugendliche hatte soeben die Schwelle überschritten, die in einen Raum führte, in dem das, was er bisher als „Süßholz raspeln“ bezeichnet hätte, gar nichts Lächerliches mehr war. Aber würde Achim ihm dorthin folgen wollen? Beinahe sah es danach aus, denn seine Finger näherten sich immer mehr Silvios Gesicht.
Bevor Achims Hand die Wange des anderen erreichen konnte, ballte der Junge sie zur Faust. Er kniff die Augen zusammen, um zu verbergen, was ihn ihm vorging, erreichte damit aber nichts weiter, als dass die heiße Flüssigkeit, die sich darinnen angesammelt hatte, sich nun ihren Weg über sein Gesicht bahnte.
„Natürlich habe ich gewartet… Du hast mich ja auch gefunden, wie du es dir vorgenommen hast“, schluchzte der junge Captain Clark. „Und? War´s das vielleicht wert?“
Silvio antwortete nicht.
„Alles klar.“
Achim schob Silvio von sich. Er richtete sich auf und begann zu rennen. Der Junge stürzte den letzten Treppenabsatz hinab, riss die Haustür auf und war Sekunden später nicht mehr zu sehen.
Jetzt erst erwachte Silvio aus seiner Starre.
„Wie? Was jetzt? Achim! Warte! Du hast das völlig falsch verstanden!“

Erneut hallten die Schritte eines Jungen durchs Treppenhaus, wieder ging die Tür, doch wie sie zurück ins Schloss fiel, hörte Silvio schon gar nicht mehr. Er verfolgte den Blondschopf, der vielleicht einmal ein englischer Kaperkapitän gewesen sein mochte.
‚Verdammter Mist!’ dachte Silvio im Laufen. ‚Ich bin sechzehn und ein Junge! Ich habe keine Ahnung, wie man romantisch ist!’
Was hätte er denn auf Achims Frage antworten sollen? „Ja“ erschien zu plump, aber jede andere Formulierung musste erst einmal gefunden werden. Wie hätte ihm innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde etwas Passendes einfallen sollen?
In dem gedachten Raum, in dem der Teller mit dem geraspelten Süßholz auf einem Tisch stand, befand sich auch ein Sofa zum Rummachen und im Allgemeinen war der Weg vom Tisch zum Sofa kürzer für einen Jungen als für ein Mädchen. Daran änderte sich nichts, ob dieser Junge nun ein Mädchen oder einen anderen Jungen zu verführen versuchte, fand Silvio.
Doch der einzigartige Moment, in dem Achim bereit gewesen wäre, sich auf diese Zweisamkeit einzulassen, war vergangen. Vielleicht würde er nie wiederkehren.

Als Joachim die Schritte des anderen in seinem Rücken vernahm, beschleunigte er noch einmal. Als sei der Teufel hinter ihm her, preschte er durch die Straßen, ignorierte rote Verkehrsampeln, drängte sich zwischen Pärchen gemeinsam alt gewordener Rentner hindurch und stieß einmal sogar einen Rollstuhlfahrer zur Seite, so dass dieser sich um die eigene Achse drehte. Freude und Leiden anderer Menschen hatte jegliche Bedeutung für den Jungen verloren.
Aber Silvio holte auf, denn im Gegensatz zu dem in blinder Flucht begriffenen Joachim bewegte er sich zielstrebig und umsichtig.
Als die Hand des Bruders seine Schulter berührte, fuhr Achim herum.
„Was soll´n das?“ fuhr er seinen Verfolger an. „Fass mich nicht an! Hau ab! Verschwinde! Ich hab´ das nie gewollt!“
Silvio keuchte von der zurückliegenden Verfolgungsjagd. Offenbar hatte Clark ihm in diesem Leben die körperliche Fitness voraus. Oder herumzuschreien gehörte so sehr zum Wesen des Kapermajors, dass er seine Lungen gar nicht mehr dazu benötigte.
„Fühlst du dich jetzt stolz, so edelmütig und heldenhaft?“ schrie Achim den anderen an. „Mir in die Hölle folgen zu wollen! Auf so eine bescheuerte Idee kannst ja auch wieder nur du kommen!“
„Ich habe keine Angst vor meinen Gefühlen“, flüsterte Silvio.
Achim zuckte zusammen. Das hatte gesessen!
„Nein, wirklich nicht“, bekräftigte der andere. „Und wenn mein Unterbewusstsein auch eine verwegene Piratengeschichte darum spinnen musste, es hat es geschafft, endlich zum Rest von mir vorzudringen. Du bedeutest mir so viel, endlich kann ich das aussprechen und, ja, vielleicht ist es am Ende wirklich Liebe. Wie sollte ich das aber rausfinden können, wenn du mich nicht an dich ranlässt?“
„He, pass auf, was du sagst, ja!“
„Gefühlsmäßig, meinte ich.“
Achim nickte gönnerhaft.
„Immer noch grenzwertig, aber schon besser“, erklärte er.

Silvio lächelte.
„Für den Anfang wäre ich gern dein Freund, ohne diese ständigen Reibereien und das Unbehaglichsein und Seltsam-werden.“
„Weil du keine Angst vor deinen Gefühlen hast.“
„Ja.“
Achim trat auf Silvio zu. Ein Vulkan loderte in seinem Inneren, nein, da brannte ein ganzer Stern aus. Bevor die Kernschmelzungsprozesse jedoch bei den schweren Elementen ankamen, musste die Glut heraus, musste ins Weltall abgestrahlt werden und zum Klabautermann mit sämtlichen Lebewesen, die die inneren Planeten ihre Heimat nannten!
„Damit hast du gesagt, ich hätte Angst vor meinen Gefühlen!“ zischte Achim. „Aber das habe ich nicht!“ schrie er.
„Weil du sie gar nicht kennst“, nickte Silvio. „Und es gibt nur einen Weg, das zu ändern: Du musst mich küssen!“
„Nicht in diesem Leben und nicht im nächsten!“
Achims Herz raste. ‚Er hat Recht… Ich muss es versuchen’, dachte der Junge. ‚Wenn ich es wider Erwarten nicht fertig bringe, dann ist doch alles in Ordnung mit mir und ich bin frei. Dann kann ich den Burschen windelweich prügeln.’
Wenn er es aber doch konnte, überlegte der ehemalige Kaperkapitän, dann hätte er etwas gewonnen, das die Freiheit daneben schal schmecken ließ. Die Vorteile eines Freundes und einer Lebensgefährtin in ein und demselben Körper vereint.
Achim öffnete den Mund. Das waren nicht die Gedanken eines normalen sechzehnjährigen Jungen, begriff er. Aber es waren auch nicht die eines vor dreihundert Jahren verstorbenen Kapermajors. Es waren seine ureigensten Gedanken, die sich in kein Schema pressen ließen. Und genaugenommen waren sie bloß im Weg.
„Ich habe übrigens keine Ahnung, wie das geht“, meinte Achim. „Daher muss ich dich bitten, dir vorzustellen, unter einem Fallbeil zu liegen…“
„Wie bitte?“
„Du bist verdammt noch mal größer als ich, hast du´s jetzt kapiert?“
„Oh, äh, klar“, erwiderte Silvio und dann beugte er sich vor, geradewegs hinab in die Hölle. Sie war wie stets sinnlich und verführerisch, aber überraschenderweise gar nicht schmerzhaft. Eine astronomische Einheit von der Erde entfernt, blieb von der Glut der Sonne nur noch das wärmende Herdfeuer.

„Weißt du, was mich jetzt brennend interessiert?“ fragte Achim, als die beiden sich nach ihrem Kuss entschlossen, wieder zu atmen.
„Nein, was denn?“
„Wo wir eigentlich sind“, eröffnete der andere seinem Freund. „Wir sind gerannt und dann stehen geblieben, haben uns angebrüllt…“
„Du hast gebrüllt. Also ganz wie früher.“
„…haben uns angebrüllt und das muss doch irgendwo stattgefunden haben! Aber ich habe nicht darauf geachtet.“
„Ist das wichtig?“
„Nö. Eigentlich nicht.“
„Doch, das ist es“, mischte sich eine Stimme ein. Fremd. Männlich. Erwachsen. Eine befehlsgewohnte Stimme, also eine, die es gewohnt war, Befehle zu befolgen.
Silvio und Joachim starrten einem Verkehrspolizisten in die Augen. Dann stellten sie fest, dass sie innerhalb eines mit weißer Tünche gezogenen Kreises auf einer Straßenkreuzung standen. Die Ampelanlage zeigte auf allen Schaltflächen nur schwarz und der Mann war eingesprungen, um den altmodischen Dienst als weiße Maus mit Kelle und gestreiftem Stock zu versehen.
„Ich glaube“, grinste Achim, „wir haben Verkehr.“
Drohend hob der Erwachsene seinen Stab.
Achim trat zwei Schritt zurück. Er streckte seine Hand aus und half Silvio galant aus dem Kreis heraus, als geleite er ihn eine Treppe herab.
„Ist dir schon mal aufgefallen“, erkundigte sich dieser, „dass mein Leben immer irgendwie aus der Bahn gerät, sobald du hineinplatzt?“
„Sicher“, antwortete Achim. „Doch ich denke, wir haben diese Konstellation absichtlich herbeigeführt, du und ich. Damit ich erfahre, wie du dich vor vierhundert Jahren gefühlt hast. Ich habe jetzt beispielsweise deinen ganzen Reichtum… naja, genaugenommen lebst auch du in größerem Luxus als ein niederer Adliger des 17. Jahrhunderts. Aber weil es noch wohlhabendere Säcke gibt, empfindest du dich als arm.“
„Und was habe ich davon?“
„Die Chance, dich deiner größten Angst zu stellen? Denn dass dein Clark in Wirklichkeit eine verkleidete Frau war, scheinst du ja zumindest auf Kuba noch nicht gewusst zu haben.“
„Du glaubst ernsthaft an den ganzen Zauber, richtig?“
„Ja, das tue ich. Aber vor allem glaube ich jetzt wieder an uns beide!“

*

Am Nachmittag dieses durchgeknallten Samstages saßen Silvio und Achim im Wohnzimmer der Lehmanns auf dem Sofa. Vor ihnen auf dem Couchtisch lag eine Tüte Lakritz, aus der sie sich abwechselnd bedienten.
„Was meinst du“, fragte Silvio zwischen zwei Lakritzfledermäusen, von denen er eine sich selbst und die andere dem neuen Freund in den Mund steckte, „wie wird es für… diese beiden gewesen sein? Den Schritt von Freunden zu einem Liebespaar zu gehen, meine ich. Ebenso chaotisch?“
Achim winkte ab. „Clark war eine Frau, also war sie romantisch“, erklärte er. „Du hast sie daher mit Romantik rumgekriegt.“
Silvio blieb skeptisch: „Und wie sieht sowas deiner Meinung nach aus? Romantik auf nem Piratenschiff?“
Achim legte den Kopf in den Nacken, als wolle er durch die Zimmerdecke hinweg einen Blick in den Himmel werfen, wo seine Erinnerungen von vor dreihundert Jahren zu einer büroschrankförmigen Wolke kondensiert waren.
„Pass auf!“ meinte er schließlich und begann unter Gestikulieren eine Szene heraufzubeschwören:
„Ich stehe an Deck, ins Gespräch mit irgendwem vertieft. Du kommst aus deiner Kajüte. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie du in die Wanten hochsteigst, aber das ist nichts Befremdliches, daher schenke ich dem Vorgang keine Beachtung weiter. Du aber kletterst hoch, immer höher… weil du im Krähennest ein Bouquet versteckt hast. Rosen, Orchideen oder sonstwas, was in der Gegend eben so wächst.“
„Seetang.“
Achim kicherte. „In Ordnung, zu einem Strauß gebundener Seetang! Was anderes hat so eine Hure, die meinem Freund schöne Augen macht, auch nicht verdient. Dann ziehst du dein Entermesser und löst ein Seil…“
„Hey! Du machst mein Schiff kaputt!“
„Doch nur ein unwichtiges. So eines, an dem Meuterer aufgeknüpft werden oder so. Und keine Sorge, gerade in dem Moment hängt keine Leiche dran. Du willst ja romantisch sein.“
„Alles klar, romantisch… mit nem Henkerseil. Warum nicht gleich Handschellen?“
„Na, weil die damals noch nicht romantisch waren! Erotisch vielleicht schon, aber nie und nimmer romantisch!“
Silvio grinste. Der Junge lehnte sich zurück und lies den anderen sein Garn weiterspinnen. Über den Schwarzen Hund und seine Braut würde er nicht viel aus Achims improvisiertem Blick in die Geschichte erfahren, wohl aber darüber, was sein Freund in der Gegenwart als anregende Werbung um seine Gunst empfand.
„…und wie du dich dann nach unten schwingst, den Seetangstrauß mit der roten Schleife in der Hand, da sehe ich dich endlich. Du fliegst in meine Umarmung…“
„…aber du trittst einen Schritt zur Seite und ich krache der Länge nach aufs Deck. Auf Rosen, ach nein, Seetang, gebettet.“
Silvio fürchtete schon, den Bogen überspannt zu haben – aber was konnte er dafür, er war eben nicht romantisch! Doch anstatt ihn mit den Fledermäusen zu bewerfen, schlang Achim spontan seine Arme um den Freund und küsste ihn. „Hm, unerwartet, aber perfekt.“
Denn Silvios Alternativszenario bedeutete ja, dass Achim den Gestürzten in der Kajüte gesund pflegen durfte.

Laura betrat das Wohnzimmer. Sie suchte eine mit Silvios Namen markierte Videokassette, schob sie in den Rekorder und begann, das Gerät auf Aufnahme zu programmieren. Wieder einmal kollidierten die abendlichen Fernsehwünsche von Mutter und Sohn und wenn Silvio schon um seinen Abend gebracht wurde, dann sollte er seinen Wunschfilm wenigstens zu einem späteren Termin vom Band ansehen können.
„Wir wollen übrigens öfters was als Brüder unternehmen“, kommentierte Silvio Achims Anwesenheit.
„Ist gut“, erwiderte Laura. Sie klickte sich durch das Aufnahmemenü, führte den Vorgang zuende und meinte dann: „Aber denkt daran, trotzdem ihr beide Jungs seid, Kondome zu benutzen.“
„Wie bitte?!“ entfuhr es Silvio.
„Was?!“ fuhr Achim auf.
Laura blinzelte.
„Na, wegen Aids und Geschlechtskrankheiten“, erwiderte sie. „Man kann damit gar nicht vorsichtig genug sein.“
Silvio winkte ab. „Deswegen sind wir nicht erschrocken. Sondern, weil… Du hast es gewusst?“
Laura warf ihre Haare in den Nacken. Sie hockte sich auf die Sofakante neben Silvio und es hätte nicht viel gefehlt, da hätte sie ihm einen Kuss auf die Wangen geschmatzt wie einem kleinen Knaben.
„Denkst du denn, ich kenne dich gar nicht? Mein eigenes Kind? Natürlich wusste ich es. Schon seit Beginn der Sommerferien. Jedenfalls war ich mir ab da endgültig sicher.“
Die beiden Teenager schwiegen. Sie merkten, dass die Frau ihnen mehr anvertrauen wollte, doch wagte es keiner, sie zu drängen.

Laura setzte mehrfach zu sprechen an.
„Dein Vater, Silvio“, erklärte sie schließlich, „ist tot – dafür konnte ich nichts. Meine Beziehung mich Achims Dad ist gescheitert. Das hat mir Schuldgefühle beschert. Dazu kam der Stress auf der Arbeit, die ich anzunehmen gezwungen war, na, und mein Leben hatte ich mir eben ganz anders vorgestellt. Ich gebe zu, aus allen diesen Gründen zu wenig darauf eingegangen zu sein, dass du erwachsen wirst. Erst jetzt, wo du deine erste Beziehung hast, realisiere ich das richtig.“
„Danke, Mom“, flüsterte Silvio.
„Danke mir nicht zu früh! Ich werde noch viele Fehler machen und du auch. Aber wir werden beide davon überzeugt sein, keine zu haben.“
„Solange Achim nicht seine Schwiegermutter vergiften will, soll´s mir recht sein!“
„Schwiegermutter?“ wiederholte Laura lachend. „Was meint ihr denn, wie lange das mit euch hielte? In eurem Alter?!“
„Zunächst einmal ein paar hundert Jahre“, nuschelte Achim.
Für seinen als kess empfundenen Einwand wurde „Jojo“ mütterlich der Kopf gewuschelt.
Silvios Ärger über die neuerliche – unveränderte – Überheblichkeit der Mutter wurde allein dadurch abgemildert, dass er sich anstatt auf die Erwachsene von nun an auch auf seinen Partner konzentrieren konnte.
„Es waren ganz schön verrückte Wochen, die hinter uns liegen“, meinte Silvio zu Achim. „Aber du hast dich länger damit rumgequält, was du bist, richtig?“
„Ich weiß es seit vier Jahren.“
„Ja“, warf Laura ein. „Ich glaube, ich habe deswegen Silvio genauer beobachtet. Weil ich begriffen hatte, wie sehr ihr eigentlich aneinander hängt. Ich wollte nicht, dass du meinen Sohn verletzt, Jojo, solltest du dich ihm eines Tages mit Ansprüchen nähern, die Silvio nicht erfüllen könnte.“
„Eigentlich haben wir riesiges Glück“, fand Silvio. „Andere Kerle in unserem Alter verlieben sich, bekommen einen Korb, oder sie hat schon jemand anderen oder zieht weg… Alles mögliche kann passieren. Nicht jeder hat schon mit sechzehn eine feste Beziehung. Nur die wenigsten eigentlich.“
„Ich weiß schon, weshalb das so ist“, grinste Achim.
Auch Laura nickte. Doch Silvios Mutter dachte mitnichten an die wiederaufgenommene Beziehung zweiter verstorbener Kaperoffiziere. Sie erklärte den beiden Liebenden, dass ihre Nähe schlichtweg das Ergebnis der Enge war, in der sie miteinander lebten:
„Das ist ein Gewöhnungseffekt, könnte euch Dr. Fechner erklären. Wenn Junge und Mädchen sich jeden Tag sehen, oder auch, wenn es zwei Arbeitskollegen betrifft, dann ist es nur natürlich, dass sie eines Tages als ein Pärchen zusammenfinden. Und jeder von euch stellt ja für den anderen das Mädchen dar. Das einzige Mädchen in der Clique.“
„Ja, so wird es sein“, meinte Silvio.
Achim futterte eine weitere Handvoll Lakritze – der volle Mund verschaffte ihm eine Ausrede, nichts erwidern zu müssen.
Man konnte über Laura Lehmann sagen, was man wollte. Besonders Silvio wäre eine Menge eingefallen. Doch selbst seine Mutter merkte, wann ihre Vernunft unerwünscht war. So zog sie sich zurück, die beiden Heranwachsenden ihren romantischen Phantasien überlassend, wie immer diese aussehen mochten.

*

Achim blieb über Nacht bei den Lehmanns, doch er schlief nicht mit Silvio. Genaugenommen taten die beiden Jungs nichts anderes, als das, was Jungen meistens taten. Weder Autos, noch Fußball oder Computerspiele waren durch die Entdeckung ihrer Sexualität uninteressant geworden und ein großer Teil ihrer Gedanken drehte sich unverändert darum, wie sie an Bier gelangen konnten. Aber die beiden fanden es nun einfacher, ihren unmännlichen Facetten Raum zur Entfaltung zuzugestehen. „Ich bin ja schwul“ war eine wunderbare Legitimation für Achim, Tagebuch führen zu können oder, in Silvios Fall, beim Verlassen des Hauses Deo, Kamm und Spiegel mitzuführen. Man durfte weinen, schnulzige Filme sehen und die Farbe pink mögen. Silvio und Achim ließen ihrer männlichen Seite freien Lauf, weil sie ja mit diesem Geschlecht geboren waren, und ihrer weiblichen Seite, weil sie ja schwul waren. Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sie fühlten sich dabei allen anderen Jungen grenzenlos überlegen. Besonders Achim schien völlig vergessen zu haben, dass er selbst noch bis vor wenigen Stunden zu denjenigen Menschen gehört hatte, auf die er nun als engstirnige Geister herabsah.
Kurz und gut, Achim und Silvio fühlten sich unendlich frei. Und weil sie frei waren, alles auszuprobieren, mussten sie es sich nicht sofort tun.

Die Nacht verging, der Sonntagmorgen kam und mit dem Schlaf, den sich die Jugendlichen aus den Augen rieben, verschwand auch der Rausch des „Wir-sind-ja-so-etwas-Besonderes“. Sie fühlten sich nun wieder so, wie es ihnen anstand, also wie junge Männer, die eine schwere Prüfung gemeistert hatten. Nicht schlechter, aber auch nicht besser.
Am wichtigsten war, dass der Partner noch immer da war, dass man nur die Hand nach ihm ausstrecken musste und er diesmal nicht zurückzucken würde. Verliebt zu sein war ebenso geil, wie sich überlegen zu fühlen.

Hand in Hand liefen die beiden Jungen ins Bad. Der Raum war viel enger als Achim es von zuhause gewohnt war. Man fiel praktisch direkt ins Waschbecken, wenn man schlaftrunken durch die Tür gewankt kam. Nicht einmal eine separate Duschkabine gab es, lediglich ein über der Badewanne in die Wand geschraubtes Gestell, in das man die Brause einhängen konnte. Wer eine Dusche nehmen wollte, musste vorher in die Badewanne klettern.
Doch ein weiträumiges Badezimmer oder eine große Wanne wären ohnehin nur von Nachteil gewesen, wenn man auf Kuscheln aus war. Und das waren die beiden Liebenden an diesem Morgen.
Silvio ließ warmes Wasser einlaufen und Achim kippte gut ein Viertel des Inhalts einer Badeshampooflasche in den Strahl. Silvio stieg als erster in die Badewanne, dann folgte Achim. Als der kleinere der beiden lehnte er sich gegen seinen Freund.
Der Seifenschaum hüllte die Jungen ein wie eine wärmende Decke. Achim nahm eine Handvoll davon auf. Fasziniert beobachtete er das Spiel des Lichts, das von der Deckenlampe auf den Schaum fiel und darin in sämtliche Farben des Regenbogens aufgetrennt wurde.
„Pfft!“
Silvio pustete. Die Schaumkugel zerbarst in Dutzende kleine Kügelchen, die über der Wasseroberfläche tanzten.
„Nicht schon wieder so´n Hypnosekram!“ bat er sich aus.
Achim widersprach nicht. Es gab genügend andere Dinge, die er tun wollte. Da er sich noch bis gestern massiv eingeredet hatte, sich überhaupt nichts aus Silvios körperlicher Nähe zu machen, ja, sie sogar widerlich finden zu müssen, verlangte es ihn heute umso mehr nach der Berührung des anderen. Dieser musste nicht erst lange überredet werden. Selbst, wenn man sich schon dreihundert Jahre und länger kannte, so waren doch die Körper neu und es gab viel zu erkunden. Rumzumachen war noch viel geiler als sich überlegen zu fühlen und verliebt zu sein zusammengenommen – doch diese Erkenntnis behielt jeder der beiden wohlweisslich für sich.
Silvio stellte fest, dass ihn die Hypnosesitzungen nicht einmal ansatzweise darauf vorbereiten hatten können, wie es sich anfühlte, einen Liebespartner zu haben. Selbst, wenn er in eine Szene gerutscht wäre, in welcher er den Schwarzen Hund beim Bettspiel mit den leichten Mädchen Puerto Principes erlebt hätte, es hätte die Liebe gefehlt. Francois’ Liebe zu Jenny wiederum hätte er nachvollziehen können, nicht jedoch das Gefühl der Lust, die bei ihm einfach nicht aufkam, wenn er einen Frauenkörper betrachtete. Nur mit Achim waren beide Elemente, die Lust und die Liebe, eins.

„Ich habe das übrigens ernst gemeint, als ich sagte, ich hätte gern Kinder“, gestand Achim dem Partner später, während er wohlig in dessen Umarmung in der Wanne ruhte. „Auch, wenn ich mir jetzt noch weniger vorstellen kann, es mit einer Frau zu treiben als vorher.“
„Soweit plane ich nicht voraus!“ entgegnete Silvio. „Mach du das mal lieber für uns!“
„Später… mach erst mal weiter…“
Bereits seit einer Weile streichelte Silvio Achims Haar.
„Könnte eigentlich mal eine Wäsche vertragen“, meinte er.
„Mhm, mach du mal.“
Achim griff nach dem Duschkopf. Er reichte ihn Silvio nach hinten. „Hier hast du die Brau…“
Der Junge stockte mitten im Wort.
„…seeeeeeeeeeeeeee!!!“ brüllte Achim wie am Spieß, als ihn ein Schwall kaltes Wasser traf. Denn Silvio hatte inzwischen bereits den Hahn aufgedreht.
„Wollte nur sicherstellen, dass es beim Rummachen bleibt“, erklärte Silvio. „So, und jetzt mach alles zu, was nicht feucht werden darf! Ohren, Nase und Gedanken!“
Was Achim betraf, so schloss das seine Haare ein. War er vielleicht Clark, die sich sicher vor jedem Landgang gepudert und herausgeputzt haben würde?! Ihm, Achim, hingegen hätte die Seeluft ausgereicht! Wobei so eine Badewanne schon ihre Vorzüge aufwies – wenngleich nicht unbedingt zur Körperpflege.
„Wer ist eigentlich jemals auf die Idee gekommen, dass man Sex im Bett haben sollte?“ kam es belustigt von Achim, als er nach der Haarwaschprozedur wieder sprechen konnte, ohne befürchten zu müssen, bei der geringsten Öffnung der Lippen unter Silvios Wasserfall ertrinken zu müssen.
„Irgend so ein reicher Schnösel“, erwiderte Silvio. „der vor seiner Braut damit angeben wollte, sich eins leisten zu können. Danach haben es alle nachgemacht.“
„Dummköpfe!“
„Na ja, vielleicht wollten sie sich auch bloß nicht erkälten…“
Achim lachte. Er griff nach einem Badetuch und legte es seinem Partner um den Körper.
„Besser?“
„Mhm.“
„Gut. Lass uns Frühstück machen, deine Mutter wird sicher auch bald aufwachen. Zu dumm, dass wir heute nicht einkaufen können!“
„Was denn einkaufen? Unser Kühlschrank ist voll und Mom hat uns noch nie verboten, rauszunehmen, was wir wollen!“
Achim grinste.
„Schwimmkerzen. Sekt. Dazu noch ein paar Kleinigkeiten. Du hast ja gar keine Ahnung, was mir alles durch den Kopf geht, jetzt, wo ich unser Bad daheim mit anderen Augen sehe!“
*

Epilog

„Silvio und Achim streiten sich, wie jede Woche einmal. Manchmal habe ich den Eindruck, sie brauchen das, um sich hinterher umso inniger ihrer Liebe zu versichern. Ich würde es allerdings begrüßen, täten die zwei das nicht immer in meiner Praxis – sowohl das Streiten als auch die Versöhnungen.
Silvio kommt nicht mehr wegen der Spinnen zu mir, aber seinen Partner sehe ich jetzt täglich.
Um der Welt einen im Rechtswesen beschäftigten Captain Clark zu ersparen, habe ich Joachim Bentele als Mädchen für alles in meiner Praxis angestellt. Achims Vater hat ohne zu Zögern zugestimmt, immerhin wandert durch diesen Nebenjob willkommenes Geld von außerhalb seiner eigenen Familie in die Kasse. Mit diesem Hintergedanken im Kopf hat sich der Mann auch nicht mehr gesträubt, seinen Sohn ab September eine Berufsfachschule besuchen zu lassen, in unserem Fall im Lehrgang Ergotherapie. Achim gibt an, bereits einmal mit einem durch Reinkarnationstherapie geschädigten Menschen gearbeitet zu haben, der ihn und seinen Bruder bedroht hat. Naja, diese unschmeichelhafte Umschreibung unseres Abenteuers habe ich ich leider verdient. Hätte ich die Methode ernster genommen, mich besser eingelesen und sie von der Pike auf studiert, anstatt sie als mögliche Nebenwirkung meiner schulmedizinisch anerkannten Fühl-dich-gut-und-halt-die-Klappe-Hypnose abzutun, das Leid der Jungs hätte vermieden werden können. Ich könnte das Versäumte nachholen, doch aufgrund meiner persönlichen Vorbelastung aus dem 17. Jahrhundert werde ich vorerst (und vielleicht für dieses ganze Leben) die Finger davon lassen.

Achim Bentele tut natürlich mehr, als bei mir das Sprechzimmer zu fegen. In Wirklichkeit ist er mein Lehrling. Der Junge lernt schnell, was eine reine Freude zu beobachten ist. Wenn sein missgünstiger Vater nicht mehr über ihn bestimmt, wird er das Abitur nachholen, das ist beschlossene Sache. ‚Einer von uns muss doch studieren, damit wir zwei Seiten einer Münze bleiben, und Silvio will ja nicht’, scherzt Achim, wie überhaupt kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht über seine Zukunftspläne spräche. Es scheint, als sei der Junge erst seit Silvios Vision von Clarks Tod richtig in diesem Leben angekommen. Es ist nicht so, dass ihn nichts mehr erschütterte oder traurig machte, doch er hat eine innere Kraft erlangt, mit allen Problemen vielleicht nicht immer fertig zu werden, aber es jedes Mal zu wollen – nicht selbstverständlich in seinem Alter und unserer Zeit.
An anderen Tagen blickt er mich an, als befände ich mich auf Bewährung, nicht wegen der Sache mit der Schatzsuche, sondern aufgrund einer länger zurückliegenden Verfehlung. Könnte sein, er nimmt es mir übel, dass ich 1644 die Silberflotte gegen Captain Clark zu verteidigen gewagt habe. Aber eben diese naheliegendste Erklärung für mein Trauma erscheint uns allen dreien… irgendwie falsch.
Sei es drum, es scheint mein Schicksal gewesen zu sein, diese beiden zusammenzuführen. Was daraus einmal erwächst, wer kann das sagen? Sicher erwartet niemand, dass Jugendlieben für immer halten oder eine Eheschließung in einem Leben auch für alle folgenden zu gelten habe. Denn so romantisch das Wiederfinden auch klingt, halte ich ein ständiges Verharren in denselben Rollen ganz im Gegenteil für der Entwicklung der Seele eher hinderlich. Zumindest aber hat ihre wiederaufgenommene Beziehung Silvio und Achim dabei geholfen, sich ihre Präferenzen einzugestehen und diese zu akzeptieren.“
– Dr. Fechner

„We must be like the waves, parting and returning.“
„I understand.
The way we have chosen, coming and going,
is to drink the same wine, but from different cups.“

– Sunstream and Brill in „Discovery“ (by W. & R. Pini)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s