Krutz in der Unterwelt

Heute gibt es ein kurzes Stück Fanfiction und zwar diesmal zum Browsergame „Simkea“ . Meine zweite Inspirationsquelle war ein Märchen und falls Ihr Euch schon immer gefragt habt, was denn passiert, wenn ein ganz normales Kind in den Brunnen der Frau Holle fällt, dann findet Ihr hier eine mögliche Antwort.

Die hier nur angerissene Vorgeschichte um die Goldsucher, Krutz und Isi den „Windgeist“ findet Ihr hier

Aus Isimud Urkharts Tagebuchaufzeichnungen:

„Okay, ich gebe es zu, ich habe ein bißchen prahlen wollen. In den Bergen hatte ich genaugenommen nichts zu suchen, war ich ja seit einiger Zeit Glaserlehrling in Trent. Doch während der Milizkampfübungen hatte ich den Umgang mit einem schweren Schild erlernt und mir auch einen entsprechenden geleistet. So einen buntschilldernden aus Firnisonerz, dessen ineinanderfließende Farben die Pumas im Gebirge völlig verwirrte.
Und meine Erzfeinde, die Bösen Schnebälle, prallten einfach nur daran ab. Puff! Ein kurzer Rummser gefolgt von einer Stunde betäubten am Boden Liegens. Das würde die kleinen Biester lehren, nicht noch einmal Reisende zu belästigen!

Also vor meinen Freunden angeben mit dem neuen Rüstzeug hatte ich wollen und war daher ins Lager der Bergleute im Adoragebirge aufgebrochen.
Hier verdingten sich wie in beinahe jedem Winter die beiden Goldsucher Patt und Ham. Eigentlich hatten sie das Bergmannshandwerk ja aufgegeben, um frei (übersetzt: faul) zu leben. Doch um Weihnachten herum arbeiteten sie zähneknirschend in ihrem alten Beruf, damit genügend Geld für Geschenke an ihre kleine Tochter zusammenkäme.
In diesem Jahr aber hatte das Töchterlein darauf bestanden, selbst mit in den Stollen einzufahren. Nicht, um Geld zu verdienen, sondern um zu beweisen, wie zäh und fähig sie schon war. Nun, der Obersteiger hatte sich nicht beschwert. Goblins waren geschickt und wendig, zudem verfügten sie über eine ausgeprägte Dunkelsicht. Krutz, so meinte jedermann, würde sich schon unter Tage behaupten.

Doch nun war es weg, das kleine Goblinmädchen. Nicht etwa fortgelaufen, sondern wortwörtlich von der Erde verschlungen. Ein Erdbeben, so schwach, dass man es schon am Gebirgsbach nicht mehr wahrgenommen hätte, hatte eine Spalte geöffnet und in diese war das völlig überraschte Kind hineingerutscht. Einer der Eimer, die Krutz geschleppt hatte, baumelte noch an einem Vorsprung…
Patt kauerte am Abrund, Ham lag auf dem Bauch und lies den Arm hinunterhängen, als erwarte er wider besseres Wissen, dass das Töchterlein seine Hand greifen würde.
Ich aber stand so dicht an der Kante, dass meine Zehen darüberhinaus ragten. Wäre ich nur ein klein wenig früher eingetroffen! Hätte ich nur diesen einen Schwarm Schneebälle ignoriert und wäre stattdessen zügig ausgeschritten! Dann hätte ich das Unglück womöglich verhindern können. Krutz wäre wohl dennoch in die Erdspalte gefallen, doch mir wären Flügel gewachsen und ich wäre hinterher geschossen. Doch jetzt, mehrere Stunden später, wollten die blöden Schwingen einfach nicht erscheinen. Wie sehr ich mich auch konzentrierte, was ich auch für waghalsige Turnereien am Abgrund veranstaltete, ich spürte nicht eimal ein leichtes Kribbeln zwischen den Schulterblättern.

„Wenn deine Flügel nicht rauskommen, Isi“, meinte Ham, „heißt das wohl, Krutz befindet sich nicht Lebensgefahr.“
„Ja“, knurrte Patt, „weil sie womöglich schon tot ist!“

„So oder so“, ließ sich eine Stimme in unseren Rücken vernehmen, „wir müssen zumindest versuchen sie zu bergen.“
Im Nun fanden wir uns von einer Gruppe Bergleute zur Seite geschoben, die sich mit Öllampen, Seilen und einem Flaschenzug an der Erdspalte zu schaffen machten. Die ganze Rettungsaktion, so erklärte der Steiger, hielt den regulären Arbeitsbetrieb auf. Sie würde daher weitaus mehr Heller verschlingen als die beiden Goldsucher bisher im Bergwerk verdient hatten. Weihnachtsgeschenke konnten sie sich abschminken.
„Wenn wir Krutz nur zurückbekommen, soll mir das für alle kommenden Weihnachten als Geschenk genügen“, erwiderte Patt.

*

„Au! Aua! Ihr dämlichen Erdgeister, das hat doch weh getan!“
Das kleine Mädchen namens Krutz ballte ihre Fäuste. Sie reckte dieselben in Richtung Höhlendecke und erging sich in eine Schimpfkanonade, wobei sie auch nicht vergaß, die Fäuste schön bedrohlich zu schütteln. Dass ihr noch immer sämtliche Glieder schmerzten und das Zusammenpressen der geprellten Finger noch viel fürchterlicher weh tat, musste das Kind ignorieren. Immerhin wandte es sich ja gerade an die Geister. Mit denen war nicht zu spaßen, daher musste man ihnen stark und dreist entgegentreten. Dann taten die Jenseitigen vielleicht sogar den Willen des solcherart ausgezeichneten Sterblichen – vorausgesetzt, dieser kannte die nötigen Rituale.
Also kein Jammern, Weinen oder auch nur Zähneknirschen. Alles streng verboten!
Dabei standen Krutz doch die Tränen in die Augen, so dass sie rein gar nichts sehen konnte und Angst verspürte sie ebenfalls nicht zu knapp! Doch sie durfte sich nichts anmerken lassen. Die Erdgeister waren ja ihre einzige Hoffnung auf Rettung aus dem Loch, in das sie gefallen war.
Daher tapfer die Tränen weggeblinzelt und…

…. …. … und… nanu?!

Erneut blinzelte das Kind, doch diesmal nicht, um Tränen zu verscheuchen, sondern, weil es kaum fassen konnte, was es da zu sehen bekam. Über Krutz’s Kopf spannte sich mitnichten eine dicke Schicht aus Gestein, nein, sie blickte in den weiten Himmel! So grell wirkte selbst der weißgraue Dezemberhimmel im Vergleich zum Bergwerk, dass Krutz gleich noch einmal so richtig die Tränen in die Augen schossen. Zuerst, weil die Augen schmerzten, dann vor Erleichterung. Was die Geister davon hielten, konnte dem Mädchen schnurz und piepe sein. Denn es war ja gerettet und benötigte sie nicht mehr.

Wie lange sie so gesessen hatte, wusste Krutz nicht zu sagen. Nur eines war klar: Die Erwachsenen würden sich mit Sicherheit Sorgen um sie machen. Dazu reichte bei Papas in der Regel eine einzige Minute unentschuldigter Abwesenheit.

Das Kind richtete sich auf und nahm seine Umgebung nun zum ersten Mal richtig wahr.
Es saß auf einer Wiese inmitten dürren, kraftlosen Spätherbstgrases. Schnee war hier noch keiner gefallen, woraus Krutz schloss, sich im Tiefland zu befinden. Vielleicht ersteckte sich die Wiese ja sogar ganz nah bei Trent? Die große Stadt mit ihren vielen Bewohnern und all den von holz- und kohlefeuern betriebenen Werkstätten, strahlte eine riesige Wärmeglocke in die Umgebung aus. Besonders bei nur sanftem Niederschlag hatte der Schnee da keine Chance, liegen zu bleiben.
Trent also, wie immer sie dorthin gelangt sein sollte.

Merkwürdig war nur, dass außer der Wiese kein einziges anderes Landschaftsmerkmal zu erkennen war. Lediglich eine Reihe Bäume zeichnete sich am Horizont ab. Wie Krutz so auf die Bäume zuschritt, fiel ihr auf, dass diese in mehreren schnurgerade verlaufenden Reihen wuchsen. Desweiteren schien es sich um Apfelbäume zu handeln, die sogar noch die letzten Früchte des Jahres trugen. Doch mit dem Obsthain aus dem Trenter Umland hatten diese kriegerisch aufgereihten Bäume so gar nichts gemein. Es gab nur eine einzige sinnvolle Erklärung für das sich Krutz bietende Schauspiel: Jemand hatte Setzlinge gezielt in dieser Weise gepflanzt.
„Eieiei, das muss ein Schrebergarten sein“, sagte sich das Kind. „Ich bin wohl auf dem Gutshof gelandet.“
Je näher Krutz den Baumreihen kam, umso deutlicher hörte sie Stimmen. Diesen Stimme fehlte das Flüsternde, gleichzeitig Lockende und Abgestoßene, mit dem die meisten Geister den Körperlichen entgegentraten. Ganz und gar weltlich klangen die Stimmen, ganz so, als riefe jemand aus den Baumkronen heraus nach dem Kinde. In Wirklichkeit allerdings waren es die Bäume selbst, die da flehten:

„Ach rüttle mich und schüttle mich, meine Äpfel sind allesamt reif!“

Krutz schüttelte den Kopf.
„Also das eine muss ich mal loswerden!“ teilte sie den Bäumen, dem Himmel und der Welt im Allgemeinen mit. „Bevor ihr Leute aus Noröm kamt, war das hier eine ganz normale Welt. Mit Wölfen und Goblins und Kameleiern und so anderem Zeug. Aber was ihr da so mitgebracht habt… also nee! Sprechende Bäume!“

„Ach rüttle mich und schüttle mich,…“

„Jaja, deine Äpfel sind allesamt reif, das habe ich schon verstanden“, fuhr Krutz den nächstbesten Baum an. „Aber du stellst dir das etwas zu einfach vor, Gevatter Baum! Schau mal, ich bin nur ein kleines Mädchen. Ich kann nicht kräftig genug rütteln, damit der ganze Segen herabfällt. Am Ende noch auf meinen Kopf? Bewahre!“

„Ach rüttle…“

Nun schrie Krutz: „Nichts da! Und ihr seid jetzt alle still, sonst rufe ich meinen Windgeist und der hat ein Messer! Wisst ihr, was man mit einem Messer und Apfelbäumen tut? – Ja, offensichtlich wisst ihrs, denn ihr seid still. Fein.“

Das Goblinkind stand nun inmitten der Obstplantage. Den Kopf erhoben teilte es den Bäumen mit, dass es ihnen wohl gerne helfen wolle. Nur müsse es dazu auf jeden einzelnen Baum raufklettern und die Äpfel vom Ast drehen.
„Deshalb müsst ihr sagen, dass ich das nur auf eueren Wunsch hin tue, wenn der Besitzer des Schrebergartens kommt, verstanden? Nicht, dass ich hier Ärger bekomme wegen Diebstahl oder so!“

Den Bäumen schien es recht zu sein, jedenfalls neigten sie ihre Kronen wie zustimmend.
Krutz erklomm einen nach dem anderen, schüttelte die Äste, pflückte Äpfel und schichtete die Früchte dann ordentlich auf einen Haufen. Soviele, wie sie tragen konnte, aber steckte sie in ihr Schürzchen, bevor sie weiterzog.
Als nächstes fand Krutz einen Backofen. Der stand da einfach so auf der Wiese, als habe ihn jemand dort aufgestellt und vergessen, nach Gebrauch mitzunehmen. Bevor sich das Kind so richtig wundern konnte, wie dies zustandegekommen sein mochte, hörte es auch schon ein jämmerliches Flehen aus dem Inneren des Ofens:

„Zieh uns raus, zieh uns raus, wir verbrennen sonst!“

Einen schrillen Schrei ausstoßend setzte sich Krutz in Bewegung, dem armen Opfer zu Hilfe zu kommen. Ihr Herz klopfte bis in den Hals hinein. Zum einen, weil sie rannte, so schnell sie es vermochte, zum anderen aber vor Empörung über soviel Bosheit. Jemand einfach in den Backofen zu schieben wie einen Laib Brot!

So dicht am Ofen war es schon bedenklich heiß, doch Krutz riss sich zusammen und streifte die Handschuhe über, die sie noch aus dem Bergwerk mit sich führte. Solcherart geschützt, entriegelte sie den Backofen und zog mit voller Kraft an der Tür. Doch als das Mädchen ins Innere schaute, erblickte sie darin nur lauter Brotlaibe. Diese aber riefen:

„Zieh uns raus, zieh uns raus, wir verbrennen sonst!“

„Ja, da soll mich doch…“ entfuhr es Krutz. „Aber ihr seid ja Brote!“

„Ja, und, ist das vielleicht ein Grund, uns verbrennen zu lassen?“
„Nein, natürlich nicht… Entschuldige bitte, Gevatter Schwarzbrot.“

Mit dem bereitstehenden Brotschieber befreite Krutz die Brote aus dem Backofen. Doch die ungewohnte Arbeit strengte das Kind an, zudem fühlte es sich noch immer wie zerschlagen nach seinem Absturz und seine Umgebung verunsicherte es zusehends.
So kam es, dass Krutz sich nach getaner Arbeit ersteinmal auf einen Feldstein setzte, eines der Brote auf ihren Schoß zog und den Kanten abbrach.
Völlig verwirrt fragte das Brot, was das denn werden sollte?!
„Na, Brotzeit!“ antwortete Krutz. „Ich habe für euch gearbeitet, da steht mir auch ein Lohn zu!“
Das Brot schien allerdings anderer Meinung zu sein:
„Ja, aber, so geht das nicht!“
Krutz zuckte einfach nur die Achseln. Bis eben hatte das Brot noch gejammert, es sei ausgebacken. Nun, da es seinen Wunsch, verspeist zu werden, erfüllt bekam, war es ihm auch wieder nicht Recht? Das sollte jemand verstehen!

Nachdem sie gesättigt war, steckte Krutz das angebrochene Brot zusammen zu den restlichen Äpfeln in ihre geräumige Schürzentasche. Sie würde Proviant benötigen, auf dem langen Weg vom Gutshof nach Trent. Die Kleine war guten Mutes. In der Stadt würde ihr sicher jemand helfen, eine Taube an die Väter zu senden. Sobald das getan wäre, wollte sie auf den Weihnachtsmarkt gehen. Wie toll würde das werden!
„Weißt du was, Brot?“ wandte sich das Kind an einen Reisebegleiter. „Auf dem Weihnachtsmarkt lege ich eine Bratwurst auf dich drauf und kippe Senf drüber. Das wird dir gefallen, denn das ist, als wäre man Speise und Teller in einem.“

Doch anstatt sich ihrer Vorfreude anzuschließen, hatte das Brot wieder etwas zu meckern: „Du bringst alles durcheinander, Kind, und das wird nicht gut enden. Du wirst es schon sehen, wenn du IHR begegnest. Aber ich kann nichts dafür, das werde ich IHR auch sagen.“
Krutz grinste. „Du gehst ganz schön auf in deiner Tirade, was, Brot?“
Dann lachte sie die nächsten hundert Meter über ihr Wortspiel. Brot und aufgehen!
Doch das Lachen verging dem Kind bald, als sich nichts, aber auch gar nichts, an seiner Umgebung änderte. Meile um Meile überquerte Krutz eine nicht enden wollende Wiese. War das denn überhaupt noch das Gutshofgelände? Es erschien so riesig…
Endlich, endlich wurde in der Ferne ein Häuschen sichtbar. Es war aus gutem Fachwerk erbaut, wirkte jedoch viel zu klein, als dass es sich um ein Wirtschaftsgebäude handeln konnte.
Krutz rannte die letzten Meter, bis sie keuchend an der Tür des Hauses stand.
Vor diesem aber stand eine Frau, die einem Goblin aller Ehre gemacht hätte: Grimmiger Blick und riesige Zähne! Obwohl es sich um eine alte Frau handelte, stand sie überhaupt nicht wacklig auf ihren Beinen, soviel erkannte Krutz sofort. Der Stock, auf den sich die Alte stützte, diente wohl eher ihrer Verteidigung denn als Gehhilfe.
Während Krutz versuchte, zu Atem zu kommen, musterte die Alte sie streng. Sie schien ihr Gegenüber nicht richtig einschätzen zu können. Woher hätte Krutz auch wissen sollen, dass sie der Frau Holle gegenüberstand, welche die Faulen bestrafte und die Fleißigen belohnte? Das Goblinmädchen passte in keine der beiden Kategorien. Krutz war einfach nur ein normales Kind, das bereit war, anderen zu helfen, dabei aber auch an sich selbst dachte.

„Sehr angenehm, Eure Begegnung zu machen. Ich bin Krutz“, erklärte dieses Kind höflich. „Die Tochter der Bergleute Patt und Ham.“

„Ja, ich kenne dich“ erwiderte die Alte. „Ich kenne alle und ich bin die Frau Holle. Bleib hier und tu die tägliche Arbeit für mich, so soll es dir gut gehen.“
Geduldig hörte sich das Goblinkind an, was alles zu seinen Pflichten im Haushalt gehören sollte: Tauben füttern, Kochen, Putzen, Betten machen…
Nach einer Weile schüttelte Krutz den Kopf.
„Du, gute Frau, mit deinen ganzen Anliegen gehst du mal besser nach Trent an die Auftragswand. Da findet sich immer jemand, der dir helfen wird.“
Das Kind besann sich kurz. „Ach so, und solltest du neu in Simkea sein, so sprich die Leute auf dem Markt an, die greifen Neuankömmlingen gern unter die Arme. Nur so einfach die Magd wird keiner für dich machen, das schlag dir mal aus dem Kopf! Wir sind hier in Simkea, da gibt es keine Adelsherrschaft. Ich habe einen guten Freund, der war eines Ritters Kind und wurde sein Lebtag nur bedient, aber nun lernt er lauter ehrliche Handwerke…“

Krutz’s Redeschwall brach plötzlich ab. Wie oft schon hatte sie diese Worte gehört, die sie gerade wiederholte. Doch mittlerweile war sie ja selbst kein Anfänger mehr. Also langte Krutz in ihre Schürzentasche und holte zwei Äpfel heraus. Die gab sie der Frau Holle.
„Bitteschön! Lass sie dir schmecken!“
Während die Frau Holle noch völlig fassungslos auf einen Apfel in jeder ihrer Hände starrte, meldete sich das Brot zu Wort: „Ich bin unschuldig“, wimmerte es.

„Je nu, du halt mal schön deine Schnittkante!“ fuhr Krutz das Ärmste an. „Ihr müsst mein Brot entschuldigen, liebe Frau Holle. Es hatte einen ganz miesen Vormittag, wäre fast verkohlt und so. Ja, aber nun muss ich weiter nach Trent, die Meinigen machen sich sicher schon Sorgen. Also gehabt Euch wohl!“

Krutz knickste artig und dann schritt sie von dannen.

Krutz war nicht weit gelaufen, als sie auf einen Zaun stieß. Der war aus Gußeisen gefertigt und mit verstörenden Motiven geschmückt: Skelette standen sich zum Linedance gegenüber, ein Kerl im Kapuzenumhang spielte auf und ein anderer in einem Boot brachte bereits neue Gäste auf die Feier. Keiner davon wirkte besonders gesund… Doch durch denselben Fluss huschten kleine Fischchen in die andere Richtung, fort von dem morbiden Tanz zurück in die Welt, aus welcher der Fährmann die Kranken holte. Obwohl der Künstler den Flossenträgern keine Gesichter verpasst hatte, machten sie einen verspielten Eindruck auf Krutz.
Dieser Zaun nun verlief in beide Richtungen, bis er sich im Nebel verlor. Davor und dahinter aber gab es nichts als die Wiese.

„Schrebergärten sind irgendwie doof“, flüsterte Krutz. „Ich möchte heim…“

„Es gibt keinen Weg als den durch das Tor in diesem Zaun“, ertönte da eine Stimme im Rücken des Kindes. „Den Schlüssel dazu darf ich nur geben, wer mir gedient hat. Es tut mir leid, meine Kleine. Das sind die Regeln dieser Welt und auch wenn es sich für sich wie die grausamste Willkür darstellt, so sind es doch gute Regeln.“
Krutz klammerte ihre Finger um das Zaunsgitter wie eine Gefangene.
„Komm, mein Kind“, sprach die Frau Holle. „Jetzt schläfst du dich ersteinmal aus und morgen holen wir die Äpfel und Brote rein.“
„Ja, lass uns reingehen“, stimmte auch das Brot zu. „Ich hoffe, es gibt Butter und Marmelade!“
Da musste Krutz schmunzeln. „Ach, du wieder!“

Das Kind ließ sich von Frau Holle an die Hand nehmen uns ins Haus führen.
„Wir sind nicht mehr in Simkea, richtig?“ wisperte es und die Alte nickte.
So ein Pech aber auch! Hatte die Frau Holle vorhin nicht Tauben erwähnt, die sie in ihrem Häuschen hielt? In Simkea hätte man eine davon an MasterX oder dessen Helfer schicken können, damit die einen aus einer misslichen Lage wie jene, in die das Mädchen da hineingeraten war, befreite. So ein Pfusch, Schrebergärten ohne Ausgang zu bauen!

Man müsste so ein Fischlein sein, dachte das Kind, als es an diesem Abend in einem herrlichen weichen Federbett einschlief. Dann könnte man einfach vor allem Kummer davonschwimmen.

Als Krutz am nächsten Morgen erwachte, schlüpfte sie aus den Federn, wie sie und die Väter es daheim auch nicht anderes taten: Indem sie nämlich die Laken, das Kissen und die Decke einfach liegen ließ.
„Auf zum Frühstück!“ sagte sich Krutz und eilte zur Leiter, die vom Dachboden zu den Wohnräumen führte.
Wie das Mädchen allerdings an der benachbarten Schlafkammer vorbeikam, da erblickte es die Frau Holle. Diese strich ihre Bettstatt glatt, ganz so, als wohne sie gar nicht hier, sondern habe ein Museum zu hüten. Krutz erinnerte sich, dass es ihr Windgeist in Trent ebenso gehalten hatte. Offensichtlich handelte es sich um etwas, das den Jenseitigen große Freude bereitete. Nun, wenn dem so war, wollte Krutz sich nicht lumpen lassen und ebenfalls ihr Bett richten, als müsse sie eine Ackerfurche in Linie trimmen! Sie kehrte also um, schleuderte ersteinmal alles Bewegliche (Kissen, Bettdecke und Krabbeltierchen) aus dem Bett heraus, hieb auf die Matratze ein (um sie zu lockern) und zupfte dann das Bettlaken zurecht.

Mitten in der Arbeit spürte Krutz, wie sich jemand über sie beugte. Es handelte sich natürlich um die Frau Holle und die war sehr zufrieden mit dem Kind. Sie half Krutz, das schwere Federbett aufs Fensterbrett zu hiefen. „Das musst du kräftig schütteln!“ sprach sie dabei. Dann fügte die Alte beinahe andächtig hinzu: „Dann schneit’s in der Welt!“

Krutz zuckte zurück. Vor Schreck ließ sie das Federbett los, fasste es jedoch sogleich wieder an den Zipfeln und zerrte es auf den Boden, weit weg vom Fenster.

„Aber Frau Holle!“ entfuhr es Krutz. „Sowas mache ich nicht!“

Seufzend griff die Frau Holle nun ihrerseits nach den Bettzipfeln.
„Nun gut, dann muss ich alte Frau diese schwere Arbeit eben selbst tun…“
Krutz jedoch war schneller. Hast du nicht gesehen, saß sie auch schon im Schneidersitz auf dem Federbett. Da half auch kein Ziehen und Zerren, dieses Bett würde sich keinen Zentimeter weit bewegen.
„Na, so ein faules Kind ist mir noch nicht untergekommen!“ ächzte die Frau Holle. „Legt sich nach dem Aufstehen gleich wieder aufs Bett!“

Doch nichts lag dem Mädchen ferner, als ruhig zu dösen. Ganz im Gegenteil musste es ja diese wirre Alte davon abhalten, den Leuten in der Welt noch härter zuzusetzen, als es die Jahreszeiten ohnehin schon taten.
Vorwurfsvoll wedelte Krutz mit dem Zeigefinger vor der Nase der viel größeren Menschenfrau herum, die da vor ihr stand. „Im Winter, da frieren die Leute und man kommt nicht an die Kohle ran!“ rief sie voller Empörung aus. „Und überhaupt! Winter muss ja schon sein, aber doch nicht so dolle! Also lass du mal die Finger von dem Bett!“

Endlich dämmerte es der Frau, weshalb Krutz das Federbett in Beschlag genommen hatte. „Hm, naja, ganz so Unrecht hast du ja gar nicht, was den Schnee anbelangt“, meinte sie schmunzelnd. „Aber wenn ein kleines Mädchen das Bett schüttelt, wird sich das Gestöber schon in Grenzen halten.“
Krutz musste zugeben, dass das stimmte. Sie war zwar weitaus jünger als Frau Holle, hatte aber längst nicht so kräftige Arme wie diese. Ja, es wäre wohl das Beste, wenn sie selbst das Bett ausschüttelte. Am besten sämtliche Betten im Haus, damit die Alte gar nicht erst auf blöde Ideen käme!
Das erklärte Krutz auch ihrer Gastgeberin, während sie das Federbett erneut aus dem Fenster wuchteten. Natürlich nicht die Sache mit den dummen Ideen, nur eben, dass sie sich schon um alle Betten kümmern wolle.

Als das es erste Federbette schon über dem Fensterbrett hing, lugte Krutz neugierig aus dem Fenster. Sie hätte schwören können, dass sich gestern noch eine Wiese darunter erstreckt hatte. Doch nun zogen dort Wolken umher, als besäßen sie jedes Recht der Welt dazu.
So ein Schrebergarten war schon komisch, fand Krutz, kein Wunder, dass manche gar keinen wollten. Es musste sich bei diesen Gärten wohl um eine dieser Sachen handeln, die nur Erwachsene gut fanden, aber furchteinflößend auf kleine Mädchen wirkten.

„In welcher Richtung liegt eigentlich Trent?“ erkundigte sich das Kind unvermittelt. Ihr war nämlich etwas eingefallen.
„Denk einfach an den Ort, dann wird er vor deinen Augen erscheinen“, riet ihr die Frau Holle.
„Na gut.“
Krutz konzentrierte sich. Schon bald meinte sie, die Dächer der Stadt zwischen den Wolken erkennen zu können und den Rauch der Kohlefeuer in der Luft zu schmecken. Doch mischten sich auch angenehme Düfte darunter: Bratäpfel, Lebkuchen und Glühwein. Das musste der Weihnachtsmarkt sein!
„In Trent haben die nämlich das Winter-Wunterland, wo sie im Schnee herumtollen“, plapperte Krutz eifrig. „Ja, und dort kann es gar nicht genug schneien! Weil, man braucht dreißig Schneebälle allein für einen einzigen Schneemann, denk nur! Und dann werfen sie sich noch voll rein in den Schnee und strampeln mit Armen und Beinen, als hätten sie vorher nicht gewusst, wie nass das sei! Spaß macht es ihnen aber trotzdem. Manche binden sich auch so Kufen unter die Füße und sehen, wie lange sie damit auf dem Eis stehen können, bevor sie einbrechen und von den Enten gebissen werden. Dafür gibt es dann Kärtchen, so wie Fleißkärtchen, aber eher für Übermut. Naja, Städter halt. Ich werde mein Lebtag keine! Habs mal vesucht, ein paar Tage lang, als ich noch viel kleiner war, aber da hatte ein Mann einen Unfall wegen mir, das war nicht schön…“

Eine uralte Wesenheit wie die Frau Holle, so mochte man meinen, habe eigentlich schon alles gesehen und erlebt. Das lustig plappernde Goblinkind war allerdings auch für die Ärmste neu, so dass sie sich lieber zurückzog um den Frühstückstisch zu decken.
Darauf wartete das Brot bereits sehnsüchtig, wobei das Backwerk, das muss hier einmal in aller Form gesagt werden, im Allgemeinen nicht weniger schwatzhaft als Krutz war!

Am Frühstückstisch fand Krutz das Brot in gelöster Stimmung. Die dick mit Schmalz bestrichenen Schnitten schienen sie geradezu anzulächeln. Es gab auch Dunkelbohnentrank, den das Kind aus der kleinen Bergarbeitersiedlung im Gebirge kannte. Das Zeug schmeckte widerlich, machte aber zuverlässig munter und hielt warm. In Frau Holles Haus wurde der Trank mit Zucker und Sahne serviert, was allerdings auch nicht viel half. So wandte sich Krutz nach den ersten Schlucken einfach nur gezuckerter Milch ohne Dunkelbohnentrank zu.

„Lebst du schon sehr lange hier?“ erkundigte sie sich. „Und ganz alleine? Dann wird’s mal Zeit, dass ich dir erzähle, wie man die Dinge heutzutage anpackt!“
Frau Holle musterte das Kind skeptisch. Worauf wollte dieses merkwürdige Mädchen schon wieder hinaus?
Forsch erklärte die Kleine, dass sie die frisch gebackenen Brote und die Äpfel ins Haus holen wolle. „Du machst inzwischen den Abwasch und fegst die Stube aus. Wenn ich wieder da bin, machen wir Apfelsaft! Ich weiß nämlich, wie das geht! Mein Windgeist weiß es nicht, dafür kann der kochen und Apfeleis herst…“
Krutz brach mitten im Wort ab. Die Erinnerung an ihre Freunde in Simkea war zu schmerzlich. Wie konnte etwas derartig Gutes wie die eigene Familie Schmerz im Herzen verursachen? Egal, es was einfach so.

Im Schuppen fand Krutz einen Karren, mit dem zog sie los.
Die Brote lagen noch genauso frisch vor dem Backofen, wie am gestrigen Tag. Auch an den Äpfeln hatte sich kein wildes Tier gütlich getan. Krutz lud alles auf den Wagen und begab sich auf den Rückweg. Ach, wenn es doch stattdessen der HEIMweg sein durfte!
Immer wieder schaute sich das Kind verstohlen um, ob es wohl doch noch einen Weg aus dem Schrebergarten heraus fände. Doch da war nur die endlose Wiese unter der sich, wie Krutz nun wusste, Wolken erstreckten.

Im Haus der Frau Holle erwartete Krutz eine weitere Enttäuschung: Das dreckige Geschirr stand noch immer auf dem Frühstückstisch. Nicht einmal Krutz Tasse, die sie vor ihrem Aufbruch in die Küche getragen hatte, war abgespült.
Von der Hausbewohnerin war nirgendwo etwas zu sehen. Krutz musste erst sehr tief in die Stube hineinlaufen, bevor sie Holle fand.
„Wieso hast du denn nicht abgewaschen, wie wir es ausgemacht hatten?!“ rief die Kleine aus.
So ging das doch nicht! Die beiden Frauen waren hier draußen ganz auf sich allein gestellt, da mussten sie einander vertrauen können! Doch nun hatte die Alte einfach ihren Teil der Arbeit nicht getan…

Anstatt eine Antwort zu geben, meinte Frau Holle: „Du hast noch genug Zeit, dich darum zu kümmern, bevor du das Mittagessen kochst.“
„Ja, aber dann bleibt keine Zeit mehr für den Apfelsaft…“
Beinahe weinerlich brachte Krutz diese Worte heraus.

Der Frau Holle fiel wohl auf, wie niedergeschlagen das Kind war, daher sprach sie: „Geh kochen, kleine Krutz. Heute gibt es Gebratenes! Ach, was sage ich da heute! Alle Tages gibt es Gebratenes und Gesottenes!“
Krutz presste die Lippen aufeinander. Dann öffnete sie ihren Mund, in dem Goblinhauer wuchsen, die das Gebiss der Frau Holle noch übertrafen!
„Nein! Gibt es nicht!“ zischte das Mädchen.
Diese Frau Holle war ja noch viel fauler als ihre Vatis!
„Ich stell mich doch hier nicht hin und unterstütze dein Drückebergertum! Pellkartoffeln gibt’s und jeder schält selbst!“
Einige Stunden später saßen Krutz und Frau Holle am Esstisch, eine große Schüssel voll mit dampfenden Pellkartoffeln zwischen sich. Zum Würzen standen Butter und Salz bereit und frisches Brunnenwasser glitzerte in einer großen Karaffe zum Stillen des Durstes.
Krutz beeilte sich, die Butter auf ihre noch heißen Kartoffeln zu streichen, damit diese schön schmölze. Mhm, das war ein Genuss! Solche feinen Kartoffeln gab es daheim nur selten, da die Vatis ihre Erdäpfel in Form von Schnaps bevorzugten. Kamen doch einmal Kartoffeln auf den Tisch, dann meist nur als Suppe.
Wieso hatte Krutz daheim eigentlich nie auf gekochten Kartoffeln bestanden, sondern den Misstand einfach so hingenommen? Vermutlich, weil sie dachte, noch so viel Zeit mit ihrer Familie vor sich zu haben. Ein kartoffelloser Monat fiel da nicht ins Gewicht.
Doch nun…

Da sie merkte, schon wieder in Heimweh zu verfallen, hob Krutz rasch den Kopf. Sie wollte ihre Tischgenossin in ein Gespräch verwickeln, um sich abzulenken. Dabei musste das Kind feststellen, dass die Frau Holle ihre Kartoffeln noch nicht angerührt hatte. Sie schien wirklich und wahrhaftig darauf zu warten, diese von Krutz mundfertig abgepellt zu bekommen!

Das Mädchen war drauf und dran, ihrer Dienstherrin erneut die Meinung zu sagen. Doch die Frau Holle seufzte so ausdrucksstark, dass Krutz die Worte in der Kehle stecken blieben. Denn während des Seufzers waren dem Kind erneut die ausgeprägten Zähne der Alten aufgefallen. Aus der Sicht eines Menschen hätten diese, wie schon oft erwähnt, furchteinflößend gewirkt. Bis gerade eben hatte Krutz diese Tatsache einfach so abgehakt, doch nun meinte sie zu verstehen:
„Herrje, du bist wohl ein Werwolf, Frau Holle? Ja, sag das doch gleich!“
Natürlich, das erklärte, weshalb die Alte ihre Kartoffeln verschmähte und sich auch nichts aus Apfelsaft machte. In ihrem Haus gäbe es Braten alle Tage, hatte sie gesagt?
„Du brauchst natürlich Fleisch!“ rief Krutz aus.
Sie sprang vom Tisch auf, rannte in die Küche und holte die große Bratpfanne hervor. Aus der Vorratskammer wählte sie zwei große Brocken gut abgehangenen Schinken aus, die sie in eine Mischung aus Mehl, Eigelb und Honig wälzte, während in der Pfanne bereits Butter zerlief.

Als die Schnitzel gar waren, trug Krutz sie noch in der Pfanne zum Esstisch.
Mit den Worten „Und du bist wohl recht müde jeden Morgen, vom Herumstreunen in der Nacht?“ nahm das Kind das Gespräch wieder auf. „Ach, hätte ich das doch vorher gewusst!“
Holles Verhalten war ja so typisch für alte Leute, fand Krutz. Viel zu stolz, um etwas zu sagen oder erbitten waren die. Litten lieber stumm vor sich an, als einmal um Hilfe zu bitten. Und auf Erklärungen zu warten, war ohnehin sinnlos. Die Alten erwarteten, dass man alles von selbst erriete.
Oder täuschte sich Krutz womöglich? Am Ende stammte die Frau Holle aus einer Gegend, in der Werwölfe verfolgt wurden und hatte sich deswegen nicht getraut, ihren Zustand allzu deutlich zu zeigen.
Einige Tage lebten das Goblinmädchen und die vermeintliche Werwolfdame auf diese Weise zusammen. Des Nachts schlief Krutz, morgens bescherte sie dem Winter-Wunterland reichlich Schneegestöber und tagsüber kümmerte sie sich um Frau Holle. Dabei achtete Krutz allerddings stets darauf, sich nicht schikanieren oder herumscheuchen zu lassen. Die Frau Holle schien in ihrem Rudel die Alphawölfin gewesen zu sein, die das Kommandieren nur schwer lassen konnte. Da musste man aufpassen, sich nicht ausnutzen zu lassen.

Krutz meinte, den Haushalt und das Nicht ausnutzen lassen schon gut im Griff zu haben. Dennoch sprach sie eines Tages bestimmt:
„Du, ich habe mir das überlegt. Das tut dir nicht gut, hier so allein zu leben. Komm doch mit nach Trent! Dort bist du unter Leuten und vielleicht kann ja sogar jemand etwas gegen dein Wolfsproblem tun?“
„Nein“, erwiderte die Alte. „Ich muss hier bleiben.“
Altersstarrsinnig auch noch? Na, da sollten sich die Erwachsenen drum kümmern, fand Krutz. Zur Frau Holle sagte sie: „Ich jedenfalls möchte jetzt wieder nach Hause!“

Frau Holle versprach, ihrer Gehilfin diesen Wunsch zu gewähren. Krutz solle ihre Schürze, die Handschuhe und was sie noch in ihrer Kammer liegen hatte, zusammenpacken, während sie selbst den Schlüssel zum endlosen Zaun holen wollte.

Während das Kind seine Reisekleidung richtete, lief die Frau Holle an dem Zaun auf und ab.
Dabei sprach sie zu sich selbst: „Ich weiß nicht, ich weiß nicht…. Was soll ich mit so einem Fall von Mädchen nur tun? Sie war von Beginn and frech und ungehorsam. Gearbeitet hat sie nur, wenn sie etwas dafür bekam oder glaubte, ich sein in arger Not. Herrje, ich mag kein Pech über diese Kind schütten, das auf gar keinen Fall! Aber ich kann ihr auch kein Gold schenken. Nur irgendetwas muss ich ihr mitgeben.“
Etwas, das weniger wert war als Gold, aber mehr als Pech. Was sollte sie nur wählen?

*

„Sie atmet!“

Krutz frohlockte! Das war doch ihr Windgeist, der da gesprochen hatte? Aber was erzählte der denn da schon wieder für dummes Zeug? „Sie atmet“, ha! Als ob Krutz das nicht ständig täte! Die Vatis fanden nichts zu Preisen an dieser Tätigkeit, wie sie auch selbst kein Lob dafür erwarteten. Aber einem Windgeist mochte das gleichmäßige Ein- und Ausatmen der Luft viel mehr bedeuten als einem Menschen. Ach, herrje, weshalb sollte er sich auch nicht freuen! Es war doch ein schöner Tag, denn sie war wieder daheim!

Krutz fühlte sich angehoben und auf eine Trage gelegt. Um sie herum war es dunkel, nur hier und da flackerte eine Fackel und warf bizarre Schatten an die Felswand. Offenbar war Krutz exakt an der Stelle wieder aufgetaucht, an der sie Simkea verlassen hatte: in der Erdspalte im Bergwerk.
In Manneshöhe über ihrem Kopf tauschten sich die Bergleute aus. Krutz vermochte zuerst nur Wortfetzen zu verstehen, da das geruhsame Leben im Haus der Frau Holle sie der hektischen Menschenwelt entwöhnt hatte.
„Geborgen“ hörte Krutz, sowie: „Nur einige Prellungen und blaue Flecken“ und „Der Göttin sei Dank!“ Diese letzte Bemerkung stammte natürlich von Papa Patt.

„Menschenskinder!“ Und das war Papa Ham, erkannte Krutz.
„Seht doch mal hier, was das Erdbeben freigelegt hat!“
Obgleich ihre Glieder wieder so schmerzten wie am Tag des Erdbebens, sprang Krutz von der Trage. Patt versuchte noch, sie zu greifen, doch das Kind entschlüpfte ihm, geradewegs in Hams Umarmung hinein. Nach einigen von Krutz lange entbehrten Knuddlern richtete der Bergmann seine Laterne erneut auf die Stelle, an der ihm sein „Menschenskinder“ entfahren war.
„Schau mal! Siehst du diese Stränge, die sich wie Adern durch den Stein ziehen? Das ist ein Erzvorkommen!“
„Ist das Golderz?“
„Nein, mein Kind, das ist Eisen. Zugegeben, das Zeug ist weniger edel als Gold, doch für das tägliche Leben in Trent ist es tausendmal wichtiger. Das gibt eine saftige Prämie für den Entdecker – und der bist ja du!“
„Nein, Paps, das wäre schön blöd!“ widersprach das Mädchen. „Da müsste ich mir ja meine Weihnachstgeschenke selbst kaufen, wenn ich reich wäre und ihr arme Schlucker. Es soll unsere Prämie sein, als Familie, meine ich.“
„Haha, na gut, dann soll es so sein!“

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