Real Life

Oder: „Wenn Aktivitäten am Computer kein echtes Leben sein sollen, könnte dann bitte jemand meinem Stromanbieter erklären, dass er sich den Verbrauch nur einbildet?“

Real Life! Das bedeutet bewaffnete Raubüberfälle, Lebensmittelvergiftungen, Mobbing, Schwangerschaftsstreifen und dergleichen mehr.
Im Gegensatz zum soeben charakterisierten Real Life, das als gut für uns gilt, gibt es noch das virtuelle Leben.
Computersspiele oder gar internetbasierte Sozialkontakte, so wird behauptet, seien kein wahres Leben und schaden uns genaugenommen nur. Echt ist, was man anfassen, sehen, schmecken, hören und riechen kann, im Idealfall alles gleichzeitig, was der freundlichen Bäckersfrau im Lädle gegenüber möglicherweise nicht so recht sein könnte.
Wir sprechen hier also von der grundsätzlichen Möglichkeit der Wahrnehmung durch alle fünf Sinne und gestehen einer Person die Freiheit zu, auf die Verifizierung der realen Existenz besagter Bäckersfrau durch den Tastsinn zu verzichten.
Sie wird es uns danken.
Selbige Toleranz wird dem User beim Umgang mit einer Datei auf dem nächstbesten Browsergame-Server nicht zugestanden. Nicht anfassbar = nicht real.
Dabei wäre es wiederum grundsätzlich durchaus möglich, nach China zu reisen, dort den Server 25 eines bekannten Farmspiels ausfindig zu machen, das Gehäuse zu öffnen und die Festplatte… Äh, nein, bis zur Festplatte würden wir gar nicht erst kommen. Oder vielleicht doch, weil die Techniker uns dermaßen ungläubig anstarren würden, dass wir mit unserem Zerstörungswerk ungehemmt fortfahren könnten. Einige tausend Spieler würden höchst reale Gefühle angesichts des Verlust ihrer Accounts empfinden, die sich anschließend im Forum des Spiels entladen würden. Aber, hey, keine Bange, liebe Mods, ist doch alles nicht echt…

„Unechte“ Objekte können also höchst wirkliche Empfindungen hervorrufen. Freude während des Spiels mit dem Bauernhof aufgerechnet gegen den Genuss beim Verzehr einer Torte – was hält länger an? Schlägt sich nicht beides in Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit nieder?
Ziehen wir einmal zum Vergleich die Kalorien hinzu, weil wir schon mal die Torte ins Spiel gebracht haben. Wäre doch schade, die verkommen zu lassen!
Kalorien kann man im Regelfall nicht sehen, was sie mit elektronischen Informationen gemeinsam haben. Beide können wir nur indirekt betrachten, die Information in Form von bunten Bildchen auf dem Bildschirm, die Kalorien beispielsweise als unser leckeres (wenn auch derzeit nur eingebildetes) Aprikosentörtchen.
Das echte, wahre, reale Aprikosentörtchen können wir mit unseren Händen begrabschen! (Netter Werbespruch by the way…)
Nachdem wir von Muttern eine auf die Finger bekommen haben für diese Ferkelei, gesellt sich noch Schmerz dazu und wir greifen artig nach der Kuchengabel, aber das mal nur so am Rande. Jedenfalls macht sich die Tortenmasse nun auf den Weg durch, äh, uns. Das können wir nicht mehr beobachten, zumindest nicht mit den uns im Alltag zur Verfügung stehenden Mitteln. Ab und zu spüren wir es wohl noch, gerade, wenn sich viel Pudding auf dem Törtchen befand, und wir unter einer Lactoseunverträglichkeit leiden sollten. Das beschleunigt die Angelegenheit ein wenig, was uns zum Zwecke dieses Artikels nur recht sein kann. Also schnell wieder raus mit der Torte!
Diese großartige Erfahrung ist ohne Zweifel echt, aber was bleibt von ihr? Etwas, das wir sehr schnell im Tiefspül-WC mit waagerechtem Abgang verschwinden lassen sowie das Hüftgold, das unsere Existent etwas länger begleitet, wobei es von vielen als ebenso anstößig betrachtet wird wie… naja, das andere eklige Zeug eben.

Ich habe mich also ernährt. Möchte ich darüber einen Facebook-Eintrag verfassen? Geht ein Bildungseffekt damit einher, der mir im Berufsleben weiterhilft? Hat mich die Verstoffwechselung des Törtchens zu einem besseren Menschen gemacht? Ich behaupte, dass nichts von alldem zutrifft. Oder falls doch, dann wird der Blog-Eintrag nicht niveauvoller sein als einer über mein virtuelles Weizenfeld. Beide Themen bringen die Menschheit ungefähr gleich weit auf ihrem Weg zur spirituellen Vervollkommnung: Null Zentimeter.
Dennoch sprechen wir über beides, beim Törtchen eher über den Akt des Verspeisens, beim Online-Farmspiel meist mehr über die Ergebnisse des Klickens. Der primäre Informationsgehalt ist hier irrelevant, da nichtig. Wichtig ist hingegen:
Es findet Kommunikation statt. Menschen tauschen sich über ihre Erfahrungen aus, stärken ihre Gruppenbande und erleben verschiedenste Gefühle. Ich teile ja lieber meine Freude über das nächste Level auf der Farm, als Mitmenschen mit detaillierten Beschreibungen meiner Toilettenerlebnisse zu verstören, aber, bitte, jedem das seine. Dem einen sein „real life“, dem anderen seine Freude.

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