Die Ökologie der Spiele

oder: Abschied von der Jugend

Ein Browserspiel hat, wie jedes beseelte Lebewesen, ein Vorleben. Man nennt diese Leben vor dem Leben in der Regel Closed Beta und Open Beta, sollte sich aber von den Begriffen nicht verwirren lassen. Ins säkularisierte Deutsch übertragen bedeutet Closed Beta nichts anderes als Kindheit. Nach dem ersten Reset am Ende der geschlossenen Betaphase ist das Spiel dann jugendlich. Es hat ein paar Unarten abgelegt, ein paar neue erworben, steckt nun voller Tatendrang und kann es kaum erwarten, an den Start zu gehen. Die Publisher-Eltern, froh darüber, dass der Sprößling endlich aus dem Haus kommt und eigenes Geld verdient, erfüllen ihm natürlich den Wunsch. Kompetenz? Charakterliche Reife? Nix da, wir brauchen das Kinderzimmer, also raus mit dem Sprößling!
Es beginnt nun die Open Beta – Phase, die man als Erwachsenenalter eines Spiels bezeichnen könnte. Gefolgt wird sie von der Finalversion, also dem Ruhestand.

Oder ist so ein Multiplayerspiel vielleicht nicht nur ein Lebewesen, sondern ein Ökosystem?
Sehen wir uns doch einmal die Phasen an, die es durchläuft:

In ein neues Habitat geworfen, befindet sich die Population in der Anlaufphase. Zuerst geschieht einmal gar nichts. Und dann passiert immer noch nichts. Das junge Lebewesen muss eben erst noch ein bißchen Karma aus seinem CB-Vorleben ordnen.
Dann ertönt das Wort. DAS Wort, mit dem alles anfängt. Das Wort wird im Forum zum Spiel gepostet und muss zensiert werden, weil es unflätig ist. Menno, geht’s denn nicht endlich mal los? Wir warten hier seit einer geschlagenen Viertelstunde!!!
Nach dem Wort folgt das Licht, juchuh, die Server sind wieder on!
Nun kann es losgehen, die Population tritt in die Anlaufphase ein. Genaugenommen steckte sie da die ganze Zeit schon drin, aber nun weiß sie das auch.
In einer graphischen Darstellung beginnt eine Populationskurve nicht bei Null, zwei Urahnen oder sollten es schon sein. Auch das Browserspiel startet mit einer stattlichen Anzahl ehemaliger CB-Tester und Early Accesser in sein neues Leben. Dennoch wird es unweigerlich zu einem Einbruch kommen. Nicht jedem bekommt die neue Umgebung, Accounts sterben, doch es kommen mehr neue hinzu, als verschwinden. Wir befinden uns also schon nach kurzer Zeit in der Wachstumsphase. Diese verläuft zuerst expotentiell. Alles vermehrt sich mit rasender Geschwindigkeit: Spieler, Einnahmen, Bugs und Features. Wöchentlich schaffen es neue Inhalte ins Spiel, das Game ist populär, es lebt und ernährt eine vielfältige Community.

Doch das Wachstum kann nicht ewig beibehalten werden. Nach und nach verlangsamt sich das Tempo, bis es nur noch in einer linearen Formel ausgedrückt zu werden braucht. Und so sehr das vielleicht Mathematikschüler in der Schule begrüßen, so wenig erfreulich finden sie diesen Zustand in „ihrem“ Game.
Mit der Zeit folgen Updates in immer längeren Abständen, bis sie schließlich vollständig eingestellt werden.
Oh, nein, das Spiel ist tot!
Mitnichten. Was wir erleben, ist die stationäre Phase. Der Entwickler hat seine Investitionskosten mittlerweile wieder hereingeholt und den erwarteten Gewinn erwirtschaftet. Weitere riskobehaftete Veränderungen sind nicht mehr notwendig. Die turbulente Pubertät liegt hinter dem Spiel, das Erwachsenenleben beginnt. Nun möchte man sich fortpflanzen und folgerichtig steht die Closed Beta für das Nachfolgerspiel auch schon wieder vor der Tür.

Die stationäre Phase wird gern als gerade Linie dargestellt, da die Aufs und Abs in dieser Phase aus Sicht des Biologen vernachlässigbar sind. Für den Sozialwissenschaftler allerdings beginnt jetzt eine überaus interessante Zeit. Denn was im rechnerischen Mittel dargestellt so friedlich erscheint, ist es ganz und gar nicht für das Individuum, vor allem nicht, wenn es zum kurzzeitigen Abfallen der Kurve beitragen muss…
Wie reagiert die Population auf die neue Lebensweise, die ihr ihre Umgebung aufzwingt? Zuerst mit Verunsicherung. Die Evolution erlaubt als Folgereaktion entweder das Aussterben oder die Anpassung. Der Mensch kennt noch eine dritte: Ausgedehntes Beschweren. Dieses lässt sich praktischerweise mit beiden von der Natur vorgegebenen Optionen kombinieren.
Ein Drama epischer Ausmaße bahnt sich an. Jedes kleine Auf ein Hoffnungsschimmer für die unter Neuerungenentzug leidenden Spieler, jedes ebenso kleine Ab eine Fanfare, die natürlich nur das Ende des Spiels einläuten kann! Man könnte meinen, niemand hätte sich für das eigentliche Spiel angemeldet, sondern lediglich für eine lange Reihe von Updates.

Sollte man im Forum zum Spiel aktiv sein, so ist es in dieser Phase angeraten, sich wahlweise um eine Forensperre oder eine schwere Depression zu bemühen. Ansonsten könnten die Mutterinstinkte angesichts aller ans Spiel geketteter, vom Publisher gequälter, ausgebeuteter, allein gelassener Gamer überhand nehmen. So mancher 16-Stunden-Arbeitsvertrag erscheint humaner im Gegensatz zu dem Leid, das diese armen Menschen tagtäglich erdulden müssen.
Doch nach und nach entdecken sie eine größere Leidenschaft, die alles wieder ins rechte Lot rückt: Das Spiel war nur der Anfang! Das nachlassende Interesse kann kompensiert, das Glücksgefühl im Vergleich zur Spielfreude sogar verhundertfacht werden, indem man sich täglich in seinen Frust hineinsteigert. Schokolade ist nichts dagegen!

Die Lektüre des Forums während der stationären Phase ist lehrreich, aufschlussreich und traurig, sie zeigt einem, wie glücklich man eigentlich selbst ist, aber auch wie hilflos.
Gründe gibt für das Ausharren, obwohl man keinen Spaß mehr am Spiel hat, gibt es viele:
Für manche ist das Game so sehr Teil des Lebens geworden, dass sie es nicht missen möchten.
Anderen ist es schade um ihr eingezahltes Geld, das verfallen würde, wenn ihr Premiumaccount nicht bespielt wird.
Die Dritten fühlen sich ihren Mitspielern verpflichtet und wollen sie nicht im Stich lassen.
Und dann gibt es auch noch die Selbstdarsteller, die einfach nicht anders können, als sich weiterhin im Forum zu produzieren, obwohl sie das Spiel schon gar nicht mehr spielen.

Mal so ein Gedanke am Rande:

Das Schöne am Gehen ist, dass man wiederkehren kann

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s