Prolog auf Tortuga

1643 war die Welt aus der Sicht eines Bewohners der Insel Tortuga noch in Ordnung. Die in Westindien vertretenen europäischen Großmächte schlossen und brachen Friedensverträge, ohne sich an die Zustände östlich der päpstlichen Linie gebunden fühlen zu müssen und es konnte passieren, dass ein Bukanierkapitän sich unversehens zu einem Ball eingeladen wiederfand, weil er sich an den Schiffen des jeweiligen Kriegsgegners schadlos getan hatte. Wenn sich dieser Bukanierkapitän dann unvorsichtigerweise auch noch in der Villa seines Gastgebers bedient hatte und rasch fliehen musste, so fand er in den entlang der südlichen Küste Tortugas gelegenen befestigten Häfen wie Cayonne oder Basse Terre Unterschlupf sowie genügend Möglichkeiten, seine doppelte Beute zu verjubeln.
Dann gab es noch solche Männer wie Captain Clark, die sich gezielt von den Nationen in Dienst nehmen ließen und auf ihren Besuchen auf der Insel gleich nach dem Hafenmeister dem Gouverneur Le Vasseur höchstpersönlich ihre Aufwartung machten. Clark the Shark, Küken L`Oiseaux, Chien del´Onyx und wie sie alle hießen, stellten die Haie unter den Beutegreifern Haitis dar, Raubfische, die intelligent genug waren, sämtliche bisherigen Katastrophen der Erdgeschichte zu überstehen und dazu auszunutzen, in eine höhere evolutionäre Form aufzusteigen. Oder, um es mit den Worten der einfachen Bukanier auszudrücken: Gottverdammte Snobs.
Eines aber musste man den raubeinigen Gesellen zugestehen: Sie äußerten ihre Vorbehalte gegen jene ambitionierteren Kapitäne klugerweise leise, wenn sich deren Leutnants oder auch nur die bezahlten Informanten in Hörweite befanden. Denn mehr als die Hälfte der örtlichen Sippenoberhäupter „fuhr für Clark“ und wer es nicht tat, achtete zumindest darauf, dem Engländer nicht in die Quere zu geraten. Ihr Hass auf die Spanier einte die Bukanier und den Kapermajor, was nicht ausschloss, dass sich die Säbelklinge des einen oder anderen Sippenoberhauptes bisweilen mit der des Engländers kreuzte. Der geschlossene Pakt änderte auch nichts daran, dass sich Clarks in Bukanieraugen weniger gesellschaftsfähige Mannschaftsmitglieder wie Pepe Gonzales oder Badluck Bobby genau überlegen mussten, welche als „Straßen“ bezeichnete Lücke zwischen zwei Häuser sie in Cayonne benutzen konnten. Lediglich in der unmittelbaren Gesellschaft ihres Herren durften sie sich uneingeschränkt sicher fühlen.

Doch so farbenfroh die Legenden mittlerweile waren, die sich um den Kapermajor rankten, tief drinnen blieb auch Major Clark von Brackenridge ein Mann mit gewissen Bedürfnissen, zu deren Befriedigung eine ganz normale, sterbliche sowie – in diesem Punkt zeigte sich der Engländer ein wenig eigen – willige Frau zu genügen schien…

Momentan war Captain Clark dabei, das Trinkgeld für die Mädchen zu verdienen, wie er sich ausdrückte. An einem der Würfeltische in Cayonnes „Haus der Spiele aller Art“ saß er dem Bukanierkapitän Greg gegenüber. An der Seite des Kapermajors saßen sein Leutnant Jarundo, ein hochaufgeschossener Karibe, sowie ein Doc Harris genannter Mann, ein junger Bursche mit schmalem Gesicht und verschlagenen Gesichtszügen. Harris bezeichnete sich als Bordarzt der „Errant Eagle“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte der Chirurg seine Karriere als Schiffszimmermann in irgendeiner Hafenstadt begonnen, bevor ihn Clark bei einem Enterkommando seiner eigenen Crew einverleibt hatte.
Diesen drei Männern gegenüber lauerte Greg auf den ersten Blick allein. Seine Männer befanden sich verteilt im Spielhaus und auf den Straßen. Auf einen Pfiff ihres Anführers würden sich sich um diesen versammeln, je nach Allgemeinzustand als streitbare Front oder einer Horde Zombies ähnelnd. So genau ließ sich das im Voraus nie sagen. In jedem Fall aber bedeutete ein solcher Pfiff Ärger für die drei Männer von der „Errant Eagle“. Denn auch eine Übermacht an Alkoholleichen blieb eben das: eine Übermacht. Es lag also im besten Interesse des Kapermajors, an diesem Abend fair zu spielen.

Clark und Greg starrten sich nieder wie zwei Ratten in Abwesenheit der Schlange, die sie beide im selben Haps hätte verschlingen können. Das Spiel, in das sie vertieft waren, war simpel genug, um sich großer Beliebtheit in Cayonne zu erfreuen. Neben dem Zusammenzählen kleiner Summen musste man auch ein gerüttelt Maß Selbstkontrolle ins Feld werfen können, was auf den ersten Blick einen Widerspruch zum freien Piratenleben darstellte. Auf den zweiten klärte sich der vermeintliche Widerspruch auf, denn letztendlich ging es darum, zu Lügen, dass sich die Balken bogen, ohne dabei ertappt zu werden.
Captain Clark war an der Reihe. Er stopfte vier Würfel in einen Becher, hob das Ganze an und legte die Hand auf die Öffnung. Kurz bevor er zu schütteln begann, besann sich der Mann. Denn vor ihm auf dem Tisch standen noch immer beide der für die Würfel gedachten Lederbecher – allerdings nur noch drei der ursprünglich vier tönernen, aus denen die Männer ihren Rum tranken.
„Ups!“ kommentierte Clark sein Versehen.
Er führte den Becher zum Mund, trank aus und spukte anschließend die irrtümlich darin gelandeten Würfel zurück auf den Tisch. Jarundo und Doc Harris johlten, auch der Bukanier vermochte sich ein Grinsen nicht verkneifen, doch mehr als eines der Mädchen blickte angewidert drein. Immerhin war das Spielhaus die beste Lokalität am Platze.
Greg warf einen raschen Blick auf die Würfel, doch bevor er die zustandegekommene Summe zusammenzählen konnte, hatte sein Gegenspieler bereits den Lederbecher darüber gestülpt.
„Also gut!“ forderte Greg. „Mach deine Ansage, Hai!“
„Vier…“ begann Clark gedehnt.
Gregs lachte lauthals! Mit nur vier Würfeln diese Summe zu erreichen, war zwar nicht ausgeschlossen, jedoch hochgradig unwahrscheinlich. Zudem hatte der Bukanier mindestens eine höhere Augenzahl gesehen, bevor der Lederbecher die Würfel vor seiner Sicht verborgen hatte. Ganz offensichtlich log sein Gegner – und das noch dazu ziemlich offensichtlich.
„…Würfel“, sprach der Kapermajor weiter und dann ohne Pause: „Nenn mich einen Lügner oder biete mehr!“
„Wü…wü…würfel?“ entfuhr es Greg. „Ja, natürlich… da liegen vier Würfel.“
„Damit gewinnt Clark“, kommentierte Jarundo.
„Ja, aber… wie?!“
„Du hast weder selbst gewürfelt um Clark zu überbieten, noch ihn der Lüge bezichtigt, sondern zugestimmt“, erklärte der Leutnant.

Greg schäumte vor Wut! In seinem Zorn darüber, in die simple Falle getappt zu sein, leerte er den Inhalt der drei restlichen Becher einen nach dem anderen in seine Kehle. Während Doc Harris eine neue Runde bestellte, richtete der Bukanier seine Finger auf Clark.
„Noch eine Runde! Aber diesmal machst du es nach den Regeln!“
Clark hob beschwichtigend die Hände, doch er grinste dabei.
„Sicher doch, Greg! Hättest du nur zu sagen brauchen!“
„Du sagst laut und deutlich „Unter meinem Becher ist…“!“
Clark beugte sich vor. „Das soll ich tun?“ vergewisserte er sich.
„Genau das!“ Greg lehnte sich zurück. „Kein Betrug mehr von wegen die Würfel statt der Augen zählen.“
Voller Ernst wiederholte Clark für alle hörbar die Anweisungen. Jarundo stand der Mund offen und Harris musste sich am Stuhl festhalten. Sie ahnten nicht nur, was nun folgen würde, nein, sie wussten es ganz genau, kannten sie doch die Denkweise ihres Schiffsführers. Dummerweise vermochten die beiden Männer sich auch eine gute Vorstellung davon zu machen, was die Folge der Folge sein konnte, nämlich Ärger. Verständlicherweise rutschten sie zunehmend nervöser auf ihren Sitzen herum.
„Jaaa, jetzt ist eurer Kapitän geliefert!“ grinste Greg. Gönnerhaft wedelte er mit der Hand. „Du fängst an, Hai!“
Clark the shark, der Hai von Haiti, griff nach dem Lederbecher. Er warf die Würfel hinein, schüttelte kurz, dann schlug er den Becher auf den Tisch. Die Umstehenden beugten sich vor, denn sie erwarteten, dass der Spieler den Becher nun einen kleinen Spalt weit anheben würde, um die Augen der Würfel zu zählen. Doch nichts dergleichen geschah.
Stattdessen erklärte Clark: „Unter meinem Becher ist ein Tisch.“
„Ein…?!“
„Ein Tisch. Ich bin mir dessen recht sicher, denn er fühlt sich solide an und war zudem einfach zu zählen. Oder siehst du zwei, Greg? Falls ja, hattest du wohl zu viel Rum.“
„Das reicht!“ Der Bukanier schlug mit der Faust auf den Tisch. Becher und Würfel erzitterten, was auch auf einen Großteil der Anwesenden zutraf.
Der Bukanier kroch nun beinahe über das Möbel.
„Du machst dich über mich lustig!“
Clark nickte. „Ich bestreite es nicht.“
„Hier, inmitten von Cayonne.“
Erneutes Nicken.
„In Anwesenheit meiner Crew…. Und ohne mit der Wimper zu zucken.“
Diesmal nickte Clark nicht. Kopf und Augen blieben so unbeweglich wie die zitierte Wimper auf den anderen gerichtet, eine Maske der Beherrschung.
Greg seufzte tief, dann hieb er erneut auf den Tisch ein.
„In Ordnung. Da hast bewiesen, dass du die Frechheit hast, das Ganze durchzuziehen. Die Fähigkeiten, ja, daran hat nie einer gezweifelt. Aber ich habe schon bessere Kerle die Nerven verlieren sehen, wenn sie in die Kanonen der Spanier starrten… Alright, ich bin bei deiner Flotte dabei.“
Auf diese Worte hin kam wieder Leben in den Engländer.
„Splendid!“ rief er aus.
Über den Tisch hinweg besiegelten die beiden Piraten ihren Pakt per Handschlag.
„Aber nur dieses eine Mal!“ stellte Captain Crack klar. „Gegen die Sschatzflotte!“
„Einverstanden.“
Über die Schulter hinweg warf Clark der Bedienung das Lederbeutelchen mit seinen sämtlichen Gewinnen des Abends zu.
„Heute Nacht geht alles auf mich, bis das hier aufgebraucht ist.“
Unter dröhnendem Lachen verlangte Greg nach einer Scheibe Braten und, wie sollte es anders sein, mehr Rum.
„Du hast Cojones, Clark“, erklärte er.
„Ja, ist angeboren“, erwiderte der Hai.

„Cojones…“ Captain Clark musste unwillkürlich schmunzeln. „Wenn du alles willst, und damit anfängst, es dir zu nehmen, dann vergewissere dich vorher, ob du einen Schwanz hast!“ meinte er dann grinsend in Richtung der Freudenmädchen, deren Existenz er nun wieder wahrnahm. Denn der geschäftliche Teil seines Hierseins war ja erledigt und der Spaß konnte beginnen.
„Und wenn nicht?“ wagte eine der hauseigenen Dirnen einzuwerfen.
„Dann besorg´ dir einen!“
Charlotte zog einen Schmollmund, doch die anderen Mädchen – diese Beschreibung traf unabhängig von ihrem tatsächlichen Alter auf alle weiblichen Personen in diesem Haus zu – lachten vergnügt. Die Art des noch gar nicht einmal so alten Mannes, in schnoddrigem Tonfall die banalsten Dinge auszusprechen, als stecke dahinter alle Weisheit der Welt, verlieh Captain Clark etwas ungeheuer Anziehendes. Es gab ja nur zwei Möglichkeiten, was sich unter seinem schmutzig blonden, schulterlangen Haarschopf verbarg: Entweder ein Trottel, aber dann handelte es sich noch immer um einen gut aussehenden und zahlungskräftigen Trottel, oder aber ein über seine Jahre hinaus reifer Mann, der es verstand, seine Erfahrung in verträglichen Dosen an den Rest der Menschheit weiterzugeben. In diesem Fall bliebe er aber immer noch gutaussehend und zahlungskräftig, so dass man seine philosophischen Anwandlungen getrost tolerieren durfte.

„Besorg´ dir einen!“ schnaubte Charlotte.
Als ob das die angemessene Antwort auf ihre Klage darstellte!
Doch der Captain zwinkerte ihr nur zu.
„Ich zum Beispiel habe schon einen…“
„Und der möchte es auch gut besorgt haben“, kreischte eines der anderen Mädchen vor Vergnügen über das ihrer Meinung nach gelungene und geistreiche Wortspiel.
Ihr Namen war irrelevant. Die Größe ihrer Brüste und die Farbe ihrer Haut waren irrelevant. Der Kaperkapitän hatte nur Augen für Charlotte. Das konnten die anderen Mädchen nicht von der Hand weisen. Jede von ihnen hätte den Mann gern persönlich bedient, doch da alle Schwestern dieses Hauses einen kleinen Anteil der Einnahmen jeder anderen abbekamen, trösteten sie sich mit diesem Wissen darüber hinweg, in den Augen des Kunden nicht mehr als vergleichsweise hübsche Elemente der Raumdekoration darzustellen.
Doch wenn Charlotte jetzt zu zicken begann, den Kunden womöglich vor den Kopf stieß… nein, das durften sie nicht zulassen! Kurzerhand packte die Jüngste der Schwestern Charlotte von hinten beid en Schultern, um sie in Clarks Richtung zu drücken. Dieser hatte sich inzwischen erhoben. Er wartete, geduldig noch, in der Haltung eines Mannes, der sich Geduld erlauben konnte, weil er ohnehin stets bekommen würde, was er wollte.
„Nein!“ rief Charlotte. „Nein!“ wiederholte die Frau. „Captain Clark, Ihr erhaltet von mir die beste Dienstleistung, die nur unser Haus zu bieten hat. Aber tut nicht so, als ob es funktioniere, dass Beischlaf mit dem richtigen Partner zu persönlichem Einfluss führte! Ich werde morgen gewiss nicht an Deck der „Errant Eagle“ stehen und dem Geschützmeister Befehle erteilen.“
„Das möchte ich um deinetwillen auch sehr hoffen. Mein Geschützmeister reagiert nämlich ziemlich heftig auf die kleinste Bedrohung seiner Position.“
Nur die aufmerksamsten Gäste bemerkten das kurze Zögern vor dem ‚seiner’, hörten das angedeutete, im Keim erstickte Räuspern und sahen das kurze Zucken um die Mundwinkel des Mannes. Doch bei jenen wachsameren Personen handelte es sich um beiden Männer von der „Errant Eagle“, Captain Clarks Schneller Galeone französischer Bauart, die ihm, wie der Captain behauptete, der Gouverneur von Martinique im vergangenen Jahr geschenkt hatte. Charlotte wusste, dass die Macht auf der Karibikinsel in Wahrheit von einem königlichen Intendanten ausging und die französischen „Gouverneure“ nicht mehr als Geschäftsmänner, die sich mit einem gewissen Glamour umgaben, waren. „Ein bisschen wie die Tempelritter“, pflegte Captain Clark zu kommentieren. Auch das Verhältnis des Kaperers zu den Templern bot Stoff für zahlreiche Gerüchte, Gerüchte, über deren Wahrheitsgehalt sich der Mann ganz sicher nicht mit einem Freudenhausmädchen austauschen würde – zumindest nicht ernsthaft.
„Keine Lügen, keine falschen Hoffnungen. Nur Geschäft. Das ist meine Bedingung!“ erklärte Charlotte.
„Wie ungeheuer romantisch“, knurrte der, den seine Schiffskameraden Doc Harris nannten. Charlotte warf dem „Doktor“ einen halb vorwurfsvollen und halb überlegenen Blick zu.
„Das Geschäftsleben mit seinen aufs und abs kann überaus erotisch sein.“
„Ich lasse mich gern davon überzeugen“, schmunzelte Clark. Unter dem lauten Johlen der anderen streckte er Charlotte seinen Arm entgegen. „Komm“, flüsterte der Mann einladend.

Noch bevor das Paar sich zurückziehen konnte, erhob sich Leutnant Jarundo. Ein langer Matrosenzopf hing in seinem Nacken bis tief in den Rücken. Von einem Lendenschurz und einer kurzen Weste aus Haifischleder abgesehen bedeckte nicht ein einziges Kleidungsstück den Körper dieses Mannes. Dafür baumelte ein vergoldetes Kreuz, an dem eine filigran ausgeführte Figur des Erlösers hing, an einer Lederschleife um seinen Hals. Durchtrainiert wirkte der Mann und seine dunklen Augen strahlten eine Intelligenz aus, die man selbst bei gebildeten Menschen selten fand, aber ihm fehlte die unerklärliche Ausstrahlungskraft, die von Captain Clark ausging.
„Mein Bruder ist noch immer ein wenig betrübt wegen der Entwicklungen in England“, raunte der Leutnant Charlotte zu. „Du nimmst die Wolken von seinem Geist oder du bekommst es mit mir zu tun, verstanden? Und das wird dann kein Geschäft mehr sein!“
Da „ich weiß mich zu wehren“ nur lächerlich ins Gesicht dieses Mannes gewirkt hätte, schluckte Charlotte lediglich nervös und nickte.
Jarundo blieb zurück, als sein Kapitän und das Mädchen verschwanden. Seiner Haltung war zu entnehmen, dass er es ablehnte, sich an einem solchen Ort aufzuhalten, dasselbe aber auch auf die Hölle zutraf und er seinem Schiffsführer selbst dorthin gefolgt wäre.

„Ich verdanke Jarundo viel“, eröffnete Clark seiner Begleiterin, während er den Vorhang zu einer der Lustnischen aufhielt, damit sie beide hineinschlüpfen konnten. „Aber als wir uns kennenlernten, hatte ich bereits mit noch viel mehr selbst fertig werden müssen. Heute wundere ich mich selbst darüber, wie ich das geschafft haben will.“
Dem Kapitän entging Charlottes leises Seufzen angesichts seiner Rede nicht.
„Doch“, grinste er, „ich bin einer von denen, die viel reden. Genaugenommen…“
Der Mann nahm auf dem durchaus luxuriösen Bett Platz und zog seine Gefährtin hinterher. Er rückte ein wenig mehr in die Mitte, verschränkte seine Beine im Schneidersitz und meinte: „Genaugenommen will ich dir eine kleine Geschichte erzählen.“
Charlotte senkte unwillkürlich den Blick in den Schritt des Mannes. Clark schien es, als taxiere sie die Gefechtsstärke eines Gegners. Das Mädchen hob ihren Kopf wieder. Sie sah Clark fest in die Augen und erklärte: „Man erkennt es nicht beim normalen Laufen, aber… aber da fehlt etwas!“
„Ein Eunuch bin ich sicher nicht“, lachte Clark.
Charlotte schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Weil auch das andere fehlt, das die Dreieinigkeit in der Hose komplett macht.“
Die Miene des Kapitäns verfinsterte sich. „Es hat mir nicht in Gibraltar gefehlt, nicht als wir die „Midnight Blue“ mit Mann und Maus versenkten und noch nicht einmal in Puerto Bello, als ich Don Escobedo gegenüberstand. Du kannst mir glauben, dass es nicht notwendig war, um Hornbaskets komplette Jahresausbeute einzukassieren und dass mir die Silberkarawane auf Kuba nicht deswegen entgangen ist, weil es bei mir eher oben als unten baumelt, sondern aus einem anderen Grund.“
„Das glaube ich Euch, Frau Kapitän. Und ich denke, ich weiß auch, wie Eure Lebensgeschichte in etwa abgelaufen ist. Allerdings fällt es mir schwer, sie zu glauben, obwohl ich ja den Beweis sehen kann.“
„Wieso das?“
„Weil…“ Charlotte druckste ein wenig herum, bevor es aus ihr heraus platzte: „Weil Ihr Euch, wie´s aussieht, seit Monaten nicht mehr das Haar gewaschen habt!“
Captain Clark lachte lauthals! „Das macht ja auch die Seeluft für mich!“
Clark beugte sich vor.
„Sie könnte es auch für dich tun…“ flüsterte er. „Falls du wirklich mehr vom Leben verlangst. Natürlich nicht sofort. Bei der Sache mit der Schatzflotte kann ich keine Anfänger gebrauchen. Aber hinterher werden Verluste zu ersetzen sein. Egal, wie glatt eine Operation abläuft, einige werden immer auf der Strecke bleiben. Das nur, damit du siehst, worauf du dich einlässt.“
„Ich…“
„Lass es dir durch Kopf und Herz gehen, Charlotte. Als meine Alibi-Lieblingshure lebt es sich ebenfalls nicht schlecht.“

Clark hinterließ Carlotte mit glänzenden Augen.
„Er hat gesagt, er kommt wieder!“ antwortete sie auf Nachfragen.
Skeptisch legten die restlichen Mädchen die Stirn in Falten. Ihre Kameradin war doch nicht etwa verliebt?!
„Und dann nimmt er mich mit in die weite Welt!“
„Oh, Charlotte…!“ Eine der Dirnen schlug die Hand vor den Mund. Dass ausgerechnet Charlotte auf derartige Worte hereinfiel! Der Pirat würde sie benutzen, wieder und wieder vertrösten, sein Spiel mit Charlotte treiben und eines Tages wegbleiben. Doch all das durfte das Mädchen ihrer „Schwester“ natürlich nicht ins Gesicht sagen. Denn so wenig sie von dem Mann als Person hielt, so deutlich war ihr bewusst, dass das Spielhaus Captain Clarks Geld – und damit einer willige Charlotte – bedurfte.

Unterdessen ging Captain Martin an Deck der „Errant Eagle“ auf und ab. Seinen Rang verdankte der Mann der Tatsache, dass Clark stattdessen zum Major befördert worden war und ohnehin derzeit mehr mit dem Aufbau seiner Kaperflotte beschäftigt war. Über dieses Ziel vernachlässigte Captain Clark selbst seine wahre Liebe, die sich stattdessen mit Martin amüsierte. Die „Errant Eagle“ war nun also Captain Martins Schiff, daran gab es keinen Zweifel (zumindest nicht, wenn man Martin hieß). Er hatte ihre Konstruktion von der ersten Planke an miterlebt, sie auf ihrer Jungfernfahrt überfallen und wenig später von ihrem schlecht bewachten Ankerplatz gestohlen. Also in etwa so ähnlich, wie er auch an seine Frau gekommen war.
Doch obwohl das Leben des Piraten so geordnet war, vermochte Martin eine gewisse Unruhe nicht zu leugnen. Denn besagte Ehegattin befand sich gerade in Cayonne, wo sie im Haus der Spiele aller Welt vorgaukelte, ein Mann zu sein. Sie selbst glaubte das ohnehin schon, von daher würde es ihr leicht fallen, in diese Rolle zu schlüpfen.
Captain Martin wusste natürlich, dass nichts „geschehen“ würde, dass der Freudenhausbesuch eine Scharade war und seine Eifersuchtsanfälle ungerechtfertigt… dennoch, ein schaler Beigeschmack dieses „Abenteuers“ blieb bestehen.
Clark war anders. So richtig verstand ihn keiner, nicht einmal Martin. Allerhöchstens Jarundo, aber der war ja auch Priester. Der einzige Priester, den die wilde Mischung aus Konfessionen an Bord der „Errant Eagle“ akzeptierte, ein Piratenpriester, der sich nicht um die Legitimierung seiner Position durch eine der Splittergruppen seiner Religion bemühte. Jarundos Priesteramt war einzig und allein eine Angelegenheit zwischen ihm und seinem Erlöser.
Wenn also ein Priester nichts an Clarks Verhalten auszusetzen hatte, so würde es schon in Ordnung gehen. Soweit es die Veteranen der „Errant Eagle“ betraf, war Clark also ein Mann. Alles andere war zu kompliziert und führte ohnehin zu nichts. Dummerweise führte das zu Situationen wie der aktuellen, in der sich Captain Martin eben nicht mehr sicher sein konnte, ob sein Partner nicht doch auf zwei Hochzeiten tanzte. Der Himmel wusste, dass Martin das Leben als treuer Ehegatte einer einzigen Frau… eines einzigen Mannes… eines einzigen Piraten! nicht leicht fiel, wieso sollte es Clark da anders gehen?
„Stimmt was nicht, Captain?“ erkundigte sich Chat Creed, einer von drei Leutnants der „Errant Eagle“. „Befürchtest du, Clark könne sich während deiner Abwesenheit mit jemand anderem duellieren?“
„Arschloch…“ knurrte Martin.
Creed nickte zu dieser zutreffenden Einschätzung seiner Selbst und entfernte sich lachend.

 

Hund und Adler

Teil 2

in Vorb.

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