Stand by your wife

Eine Anekdote aus der „Hund und Adler“ Saga,
einige Monate nach „Prolog auf Tortuga“

Sometimes it’s hard to be a husband
Giving all your love to just one gal
You’ll have bad times, and she’ll have good times
Doin‘ things that you don’t understand
But if you love her, you’ll forgive her
Even though she’s hard to understand
And if you love her, oh be proud of her
‚Cause after all she’s just a girl.
Stand by your wife, give her two arms to cling to
And something warm to come to
When nights are cold and lonely.
Stand by your wife, and show the world you love her
Keep giving all the love you have.
Stand by your wife!
(repeat)

(nach: Stand by your man)

1644.
Englisches Kaperschiff „Errant Eagle“,
auf dem Weg von Tortuga zu den Bahamas.
Kajüte des Kapitäns.

„Im Nachhinein gesehen hätte ich misstrauisch werden müssen. Doch waren wir alle zu siegestrunken, um Erschöpfung oder unsere Wunden zu spüren, wie hätte es da etwas dermaßen Banales wie häusliche Routine schaffen können, in unser Bewusstsein vorzudringen? Bestenfalls demonstrierte das doch, dass alles in Ordnung war, wir überlebt hatten und es weiterging!
Ich stand also tatenlos dabei, als sich Captain Martin aus der Takelage direkt in die Arme meiner Schwester schwang. Die beiden kippten natürlich um, doch sie blieben gleich liegen, um sich einander hinzugeben. Ich schaute weg… was hätte ich mir dabei schon denken sollen? Spermien sind keine Präzisionsgeschosse, in der Regel treffen imaginäre Kugeln aus Holzkanonen zielsicherer als so ein kleiner Strahl. Doch in Jennys und Martins Fall genügte diese eine ungeschützte Vereinigung. Ich werde also O…“

Bis zu diesem Moment war Major Clark auf und ab gelaufen, während er dem zunehmend röter anlaufenden Signalfähnrich Goodrick seine Erinnerungen diktierte. Doch bei dem Wort „Onkel“ stockte er. Denn der für zukünftige Generation gedachte Text verschleierte ja die Tatsache, was sich wirklich nach dem Sieg über die Schatzflotte ereignet hatte. Clark von Brackenridge wurde Onkel und Jenny de Monet wurde Mutter – doch Jenny war ja Clark.
Sie sprach es aus: „Mutter.“
Das Ausbleiben der Monatsblutung sowie die einsetzende Morgenübelkeit ließen keinen Zweifel daran. Hund und Adler waren zu zweit ausgefahren, doch einfahren in Eleuthera würden sie zu dritt. Da sollte gleich noch etwas anderes dreinfahren, ein Blitz nämlich, und Jenny/Clark wusste auch schon, in wen.
„Verdammt, ich werde Mutter!“ schrie der Kapermajor durch die Kajüte. „Und behaupte nicht, du hättest das nicht geplant, Schwarzer Hund!“

Auf Deck hielt sich Viviane Riet reflexartig die rechte Hand vor ihren Bauch, der die ersten auch nach außen hin sichtbaren Anzeichen sich darin entwickelnden Lebens zeigte.
„Ich habe es dir anders gesagt…“ erinnerte sie sich, dabei nach der Hand ihres Mannes greifend.
„Hm, ja, bei uns ist das aber auch anders als bei den beiden“, erwiderte dieser. „Müsste ICH als Kerl unseren kleinen Piraten in mir herumtragen, würde ich auch so brüllen wie Clark.“ Der Leutnant der „Errant Eagle“ wandte sich Captain Martin zu: „Und, Chien? Hast du es geplant?“ forschte er. „In jedem Fall solltest du dir eine gute Rechtfertigung einfallen lassen, wenn Captain Jarundo mit der „Nebula“ zu uns aufschließt.“
Captain Clarks Blutsbruder hatte den Überfall auf die Schatzflotte aus einer ungewöhnlichen Perspektive miterlebt: Als Kommandant eines kleinen Geschwaders, welches den Spaniern gefolgt war und jegliche Piraten davon abgehalten hatte, sich an den Schatzschiffen zu vergreifen. Denn das Silber der Spanier gehörte Clark und seinen Haien, niemand durfte es ihnen abspenstig machen. Und zwar wirklich niemand, die Spanier eingeschlossen…
Der Chien, „Hund“, genannte Kapitän zuckte die Achseln. „Bis Clark richtig rund wird, dauerts schon noch seine Zeit. Das bißchen Restschwangerschaft und Stillzeit, das ist doch insgesamt höchstens ein Jahr. Danach….“
„Danach?“ wiederholte Leutnant Riet. „Was glaubst du, was danach geschieht? Clark hatte vor, mit diesem Coup einen Schlussstrich zu ziehen. Er wollte von all dem hier weg!“
„Das kann er doch!“
Werner schüttelte den Kopf.
„Sicher nicht auf eine Expedition zum Südkontinent. Nicht mehr als Elternteil. Das ist völlig undenkbar.“
Für seine Rede erhielt der Mann ein Küßchen von Viviane. Die werdende Mutter – und mit ihr ihr Ungeborenes – schmiegten sich an den Leutnant an.
„Du bist süß!“ flüsterte Viviane.
Zu Werners großer Erleichterung tat Chien so, als hätte er das Wispern nicht gehört und nahm die Zweisamkeit der beiden Offizier zum Anlass, sich zurückzuziehen. Es war wohl auch besser, denn das Grinsen, das sich ins Gesicht des Schwarzen Hundes stahl, öffentlich zur Schau zu tragen, wäre ihm nicht gut bekommen. Martin wusste selbst nicht zu sagen, ob er nun grinste, weil er Clark erfolgreich überrumpelt hatte, oder weil die Auftritte Werners als werdender Vaters so gar nicht zum Bild dieses Mannes passen wollten.

Etwas später standen Clark und Martin an der Reling der „Errant Eagle“, vordergründig das Treiben auf den kleineren Schiffen ihres Konvois beobachtend, in Wahrheit jedoch damit beschäftigt, sich nicht gegenseitig ins Gesicht zu schauen.
Martins Finger suchten Clarks. Zu seiner großen Erleichterung drückte der andere seine Hand fest.
„Also gut“, erklärte Clark nach einem tiefen Seufzer. „Ich füttere die Brut, du kümmerst dich um das, was auf der anderen Seite rauskommt.“
Martin, der soeben noch wie ein Ertrinkender nach einem Rettungsanker gegriffen hatte, lies los. Wie von dem von Clark gewünschten Blitz getroffen, wich er von seinem Partner zurück.
„Das meinst du nicht ernst!“
„So?“
„Um… okay, du meinst es ernst. Was, wenn ich mich weigere?“
„Dann bist du auf Eleuthera nicht mehr willkommen.“
„Du kannst mich nicht rauswerfen. Ich bin der bessere Kämpfer!“
„Mir gehorcht die Stadtwache.“
„Nah, das wäre unehrenhaft!“
„Ach, und was du getan hast, war dann wohl ein ehrenhafter Akt? Du bist ein Pirat, Chien del’Onyx, immer gewesen und wirst es immer sein. Also solltest du vorsichtig damit sein, was du dir in meinem Hoheitsgebiet leistest.“
Chien blickte zu Boden. Er seufzte, hob seinen Kopf wieder und fragte leise: „Und wo bin ich sonst noch unwillkommen? In deinem Leben? Deinem Bett?“
„Ehrliche Antwort, Schwarzer Hund? Ich weiß es nicht. Nicht in diesem Zustand. Lass ein wenig Wasser den Amazonas runterfließen, bevor du erneut fragst.“
Verdammte Scheiße! Chien fluchte in sich hinein. Hieß es nicht, dass Hunde entweder bissen oder bellten? Und hatte Clark nicht sogar den Meuterern von der „Aquila“ verziehen? Nur, um jetzt seinen eigenen Partner zu verstoßen? Weil dieser sich gewagt hatte, die natürlichste Sache auf der Welt auszuleben?
„Verdammt, Adler, du verstehst das nicht“, hub Martin an. „Das mit der Nachfolge ist uns Kerlen ganz einfach angeboren. Wir wollen weitergeben, was wir haben. Da können wir nicht anders!“
Chien del’Onyx war tatsächlich der bessere Fechter des Paares. Doch selbst ein meisterlicher Kämpfer fand sich hilflos, wenn der Schlag überraschend, ohne Ankündigung kam. Aus heiterem Himmel fühlte der Mann den Boden unter seinen Füßen weggerissen. Bei dem Versuch, sein Gleichgewicht zu wahren, erhielt er noch einen Schlag in den Nacken und anschließend fand er sich zu Füßen des Kapermajors liegend wieder.
„Ich habe etwas Falsches gesagt“, schoss es Martin durch den Kopf. „Wenn ich nur wüsste, was…!“
Besonders viel Muße blieb dem Schwarzen Hund nicht, denn nur Sekunden später flog er durch die Luft über die Reling und dann ging es abwärts mit ihm.
Nun gut, zumindest das hatte er verdient, fand Martin. Es war die Revanche für einen ähnlichen Befehl, den er Raoul hatte ausführen lassen. Doch schien sein Adler gerade nicht an jenen Tag zu denken. Etwas in Chiens Worten gerade eben war Clark übel aufgestoßen. Aber was? Was?
Hilflos und verwirrt blickte der Piratenkapitän nach oben, wo Clark, flankiert von den Riets, stand. Die beiden schienen ebenfalls nichts zu verstehen, doch waren sie auch soeben erst hinzugetreten. Martin sah, wie Viviane nach einem Seil griff, um es Martin zuzuwerfen, doch Clark hielt sie im Arm fest und schüttelte den Kopf.
Die „Errant Eagle“ bahnte sich weiter ihren Weg durch die karibische See, einen ihrer beiden Kommandanten gnadenlos zurücklassend.

Clark hatte sich längst abgewandt, als Martin eine Stimme von weit über seinem Kopf hörte:
„Ehekrach, Captain Martin?“
Wie im Traum fasste der Mann nach dem Seil, das ihm von der „Hermes“ aus zugeworfen wurde. Zusammen mit zwei Piratenschiffen begleitete das kleine Kriegsschiff von Eleuthera die „Errant Eagle“ zurück in ihren Heimathafen. Kommandiert wurde die Brigantine von Chatham Creed, einem weiteren Veteranen der „Aquila“, der ebenso wie Jarundo bestens in der Lage war, ein eigenes Kommando zu führen und es daher für die Dauer der Operation Schatzflotte auch erhalten hatte.
„Ja, Creed“ antwortete Martin, als er wieder Fuß auf Schiffsplanken setzte. „Oder, nein, ich weiß nicht. Das letzte Mal, als er es so ernst meinte, standen wir beide unter dem Einfluss Escobedos…“
Chat strich sich über den Bart.
„Weißt du was, Schwarzer Hund?“ erklärte er. „Ich möchte besser keine Details wissen. Sonst schmeisse ich dich am Ende womöglich wieder rein. Geh dich trocknen und dann sprechen wir alle miteinander auf Eleuthera. Dass da drüben auf der „Adler“ derzeit jedermanns Nerven blank liegen, wer kann es den Leuten verübeln? Ich für meinen Teil kann mich auch erst vollständig entspannen, wenn wir mit der Beute daheim sind.“
Chien murmelte etwas Unverständliches, das der andere als Zustimmung interpretierte. Aber Chat, so dachte der Mann verstimmt, konnte sich wenigstens sicher sein, dass ihn seine Frau daheim nicht aus dem Haus werfen, sondern stattdessen mit Sehnsucht in Auge und Vagina empfangen würde!

Captain Clark hockte auf einem Stapel Holz, das für Reparaturarbeiten bereitgehalten wurde. Der Schiffszimmermann ging seiner Arbeit nach, die darin bestand, die Balken zu passend geformten Teilen zuzuschneiden. Hatte sich Clark stets eingebildet, aufgrund seiner Erfahrungen im Elternhaus etwas von diesem Handwerk zu verstehen, so musste er sich nun eingestehen, nichts von dem zu begreifen, was Chips da veranstaltete.
„Jenny ist in anderen Umständen, Chips“, wiederholte Clark gerade. „Und es macht mir Angst. Beim meinem ersten Kind war ich ja nicht dabei, aber diesmal…“
„Ach, Captain!“ lachte Chips vierzehnjähriger Sohn Max, der bei seinem Vater das Handwerk erlernte. „Versucht doch nicht ständig, so ein Ehrenmann zu sein! Wer wird es Euch danken? Keiner! Was immer Ihr Eurer Schwester versprochen habt, schleicht Euch einfach davon, sobald es losgeht. So eine Geburt ist keine Angelegenheit, die unsereins mit ansehen sehen sollte!“
Clark schnaufte. Der andere hatte gut reden! Er wusste ja nicht, dass Clark und die werdende Mutter ein- und dieselbe Person waren. Für den Jungen musste es sich so darstellen, als habe Captain Martin seinem Freund gestanden, dessen Schwester vor dem Aufbruch aus Eleuthera geschwängert zu haben und sei deswegen im Wasser gelandet.
Chips sägte in Ruhe die Rohform eines Keils zuende und griff nun nach einer Feile, um das Werkstück zu vollenden.
„Weißt du, an wen ich gerade wieder denken musste?“ fragte er seinen Kapitän. „An Captain Perry und seinen Geschäftssinn.“
„Ja, der würde sich totlachen, wüsste er von meiner Lage“, knurrte Clark. „Wir sollten’s ihm schreiben, damit er in der Hölle landet, wo er hingehört.“
Chips schmunzelte, während er das Holz weiter bearbeitete.
„Martin gilt in Frankreich als gesuchter Verbrecher, aber soweit wir wissen, wurde er nie enterbt oder seines Titels beraubt. Dein kleiner Neffe oder Nichte, alter Freund, ist damit der legitime Erbe des de Monet-Vermögens. Na, wie klingt das für dich?“
Angesichts der Beute von der Schatzflotte, Puerto Bellos und Gibraltars nicht sonderlich verlockend, fand Captain Clark.
„Die Franzosen können das Blag gerne haben!“ erklärte er. „Und Captain Martin gleich mit!“
Max sah zu seinem Vater auf. „Lieber Himmel!“ entfuhr es dem Jungen. „Wie hat er damals die Verlobung der beiden aufgenommen?“
„Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, hat Clark Martin in einem Sumpfloch zu ertränken versucht“, erwiderte der Zimmermann.
Clark seufzte. „Ich will Martin nicht tot sehen! Genaugenommen mag ich ihn für die nächste Zeit überhaupt nicht sehen, weder tot, noch lebendig.“

„Hm“, machte Chips Junge, nachdem Captain Clark sich entfernt hatte, um die mittägliche Positionsbestimmung durchzuführen. „Ich meine, da könnte was dran sein, Vater.“
Der Zimmermann horchte auf!
„Wodran?“ fragte er lauernd.
„Naja, an diesen Gerüchten um Clark.“
Max entging nicht, dass sein Vater sein Werkzeug plötzlich fester umklammerte, als sei er erschrocken. Er sah sich dadurch in seiner Vermutung bestätigt und sprach weiter: „Viele Brüder sind beschützerisch gegenüber ihren Schwesten, nehme mich da ja selbst gar nicht aus.
Aber andererseits ist das Baby auch noch ein Beweis dafür, dass Captain Martin und Lady Jenny miteinander geschlafen haben. Das ist es es, was Captain Clark zu schaffen macht! Weil er nämlich SELBER in Martin verliebt ist!“
„Junge?“
„Ja?“
Chips holte einen Nagel hervor, den er dem Lehrling zeigte, bevor er ihn auf einem Holzbrett ansetzte. Mit seinem Zimmermannshammer schlug er das Eisen mit einem einzigen Schlag ins Holz. „Schau, das hast du gerade getan!“ erklärte Chips und Max verstand: Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.
Es stimmte also! In diesem Fall nahm es den Matrosen nicht mehr wunder, dass die beiden Schiffsführer so oft miteinander herumzuickten. Schrecklich musste es sein, mit einem Geheimnis wie dem ihren zu leben!
„Stört dich das? Zwei Kerle und so?“ nahm Chips, selbst Patriarch einer Großfamilie, den Faden wieder auf. Seine unmittelbaren Verwandten, die Ehefrau und die Kinder, befanden sich samt und sonders auf der „Errant Eagle“. Sie hatten Tortuga Lebewohl gesagt und wollten sich auf Eleuthera als wohlhabende Familie zur Ruhe setzen.
„Ich weiß nicht“, überlegte Max laut. „Ja, kann sein, irgendwie schon. Aber ich bin ja jetzt reich und fahre nicht wieder mit den beiden, oder irgendeinem anderen Kapitän. Schon gar keinem, der in drei von vier Nationen als Pirat gilt!“ Der Bursche strahlte seinem Meister ins Gesicht. „Jetzt wird sich alles ändern, Vater! Eleuthera wird reich von unseren Steuern, über kurz oder lang werden auch anständige Siedler aus England eintreffen und wer oder was wir alle früher mal waren, danach kräht kein Hahn mehr. Du, das werden goldene Zeiten!“

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