Himmelhunde und Hügelzwerge

(Zweite Erzählung aus der Reihe „Die Kinder des Schusarvogels“)

1.577
Planet Enun.

Auf der Terrasse seiner Gartenlaube streckte General Tyr T´ien die Glieder und genoss die spätnachmittägliche Sonne. Durch das geöffnete Fenster konnte er Fenris pfeifen hören, der mit einem Stabilbaukasten das Maschineninventar einer Großbaustelle zusammenschraubte. Das Kind, welches sonst so gern mit dem Erwachsenen spielte, wünschte an diesem Tag, seinen Erzieher zu beeindrucken und hatte sich jegliche Hilfe verbeten. Folgsam war Tyr also auf die Terrasse ausgewichen. Stolz war er auf den Jungen und damit auch auf seine eigene Arbeit, denn nichts anderes stellte der Knabe in der Gartenlaube dar.
Fenris – ein Nachname stand dem kleinen Annunaki nicht zu – konnte wohl als einziger Vorschüler des Dreisternsystems mit einem Bart aufwarten. Zugegeben, er beschränkte sich auf einige wenige Stoppeln am Kinn, doch die Ansätze waren nicht zu übersehen, ebenso wenig, wie es sich leugnen ließ, dass dieser Junge im Erwachsenenalter besser nicht zum Rasierapparat griff – seine Barthaare würden nämlich selbst aus einem prächtigen Vollbart herausragen. Denn Fenris war kein normaler Junge mehr. War seine Zeugung noch auf normale Art und Weise zustande gekommen, so hatten die Wissenschaftler aus Tyrs Arbeitsgruppe von da an keine Zeit verschwendet, sich des werdenden Lebens anzunehmen und es ein wenig zu verbessern.
Sein eigenes Wappenbild und nicht zuletzt seine eigene Identität als Nefilim-Annunakimischling hatte den General des Hundeclans zu seiner Idee der „Wolfsritter“ inspiriert. Wölfisches Erbgut, eingeschleust ins Erbgut eines Annunaki, sollte diesem zu dem unbedingten Instinkt der Revierverteidigung und des Gehorsams verhelfen. Für seine auf diese Weise herangezüchtete Eliteeinheit stellte sich Tyr die verschiedensten Einsatzgebiete vor. Einige handverlesene Exemplare, unter denen sich ohne Zweifel auch Fenris befinden würde, sah er bereits in den Diensten als persönliche Garde der Fürstenfamilie.
Dass derartige Zukunftspläne sich unter Umständen nicht mit den Wünschen des Knaben decken mochten, spielte keine Rolle in den Überlegungen des Adligen. Diesbezüglich ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, entsprach einerseits nicht der Prägung des unter seinen Nefilimverwandten aufgewachsenen Mannes und wurde andererseits dadurch in den Hintergrund geschoben, dass Fenris´ hauptsächliche Motivation im Leben altersbedingt noch aus „Ganz doll den Großen gefallen!“ bestand.

Als Doktor Tyr einen Blick durch das Fenster warf, um sich zu vergewissern, ob mit seinem Schützling alles in Ordnung sei, wurde er mit einem überzeugten „Nicht spionieren!“ abgeschmettert.
Einmal mehr nahm der Militärarzt zu seiner Befriedigung zur Kenntnis, dass sein Wolfsjunge mehr als ein hochgezüchteter Kampfhund war. Die meiste Zeit über funktionierte Fenris wie ein ganz normales Kind, in dem allerdings die von seinen Erschaffern gewünschten Eigenschaften bereits auf gehirnphysiologischer Grundlage verstärkt worden waren, ohne langwieriger Erziehungsbemühungen zu bedürfen. In einer Krisensituation würde Fenris Tyrs Einschätzung nach einmal absolut instinktsicher reagieren und in der Kasernenkantine kaum schwerwiegenderen Nachteilen unterliegen als ab und an einen Witz nicht zu verstehen.
Aufgrund des über ihn verhängten Verbots, zu spionieren, blieb dem Adligen nichts anderes übrig, als sich um Erwachsenendinge zu kümmern.
Tyr öffnete daher vermittels seines in ein Armband eingebauten Messengers eine Frequenz ins Labor und teilte den Untergebenen in vier kurzen Worten mit: „Wir gehen in Serie.“
Der T´ien – General plante, für weitere Exemplare ausschließlich von den besten Soldaten des Hauses gezeugte Kinder zu benutzen, die Annunakimänner aber darüber im Unklaren zu lassen, dass sie Vater geworden waren. Das letzte, das Tyr T´ien gebrauchen konnte, war eine gefühlsmäßige Bindung der biologischen Väter an seine Wolfskinder. Entsprechende Pläne geeignete Kandidaten und in das Projekt einzubeziehende Häuser käuflicher Liebe betreffend lagen seinen Mitarbeitern längst vor.
Ein einziger Prototyp mochte noch als Ausnahmecharakter durchgehen, stellte er ihn dem Patriarchen vor. Konnte der Militärarzt hingegen mit einer ganzen Einheit seiner Wolfsritter aufwarten, würden ihn Hof und Haus sicher mit Ehren überhäufen!
<Größere Ehren, als dem Sohn einer unehelichen Patriarchentochter und eines gleichgestellten Mediziners von Rechts wegen zukämen>, malte Tyr sich die unausgesprochenen, allein im Äther stehenden Worte der Angehörigen größerer Clans aus. Er würde sie ertragen und dann den Neid dieser Fürsten ach so mächtiger Häuser genießen!
Tyr schnaubte abfällig. Hinter den Kleingärten erstreckte sich bereits wieder der Großstadtdschungel, doch die Häuser gehörten zu einer anderen Domäne. Haus T´ien besaß drei kleine Domänen auf Anur, teilte sich eine Handvoll Asteroiden mit anderen Clans in den Leuchtenden und verwaltete einige Lehen des Hofes in der Dritten Welt. Das Stammland des Hundeclans auf Enun aber war nichts weiter als ein unwichtiger Stadtstaat von lediglich historischem Wert. Klein, erbärmlich und überaus angreifbar. Nicht mehr, wenn erst die Himmelswölfe in unseren Diensten stehen! schwor sich der Mediziner, der immerhin auch General und Adliger seines Hauses war. Dann nicht mehr!
Die Himmelswölfe sollten erst der Anfang sein. Wenn die Arbeit entweder zu schwer wurde oder zur Routine erstarrte, pflegte Tyr eine Auszeit zu nehmen und seinen Gedanken freien Flug zu erlauben. An solchen Tagen versetzte er sich in eine Zeit, in der alles bereits hinter ihm lag und neue, noch ambitioniertere Projekte seiner harrten. Sicher, viele seiner Ideen schienen mit den Mitteln selbst fortgeschrittenerer Häuser in der Gegenwart nicht realisierbar, aber schritt die Zeit nicht voran? Erst gestern schien Klein-Fenris den Wissenschaftler mit seinem ersten Zähnchen gebissen zu haben und nun wollten die ersten Milchzähne bereits wieder raus.
Du wirst so stolz auf mich sein, wie wir alle auf unseren kleinen Wolf, schwor sich Tyr. Derzeit benutzte er die Schreibfolie mit seinen Notizen zum Nachfolgeprojekt der Himmelswölfe noch als Lesezeichen, ein Lesezeichen, dessen Inhalt utopischer erschien als der Roman selbst, begann Tyrs Text doch mit folgender Prämisse: „Nach unserer Gebietserweiterung wird T´ien versierte Spione benötigen, die sich der Geheimnisse und Forschungsergebnisse der anderen Clans bemächtigen. Auf diese Weise wird der Aufstieg zum Hochadel beschleunigt…“
In diesem Stil setzte sich der Text fort, wobei Tyr den Hochadel lediglich ins Spiel gebracht hatte, um seinen Verwandten wirklich großzügige Forschungsgelder zu entlocken. Lediglich die Tinte für die Wolfstätowierungen der neuen Welpen würde sich der Clan sparen können. Fenris hatten die Wissenschaftler auf die Weise eines Verbannten markiert, um das Material von richtigen Personen zu unterscheiden, doch die Nachfolgeserie der Himmelswölfe sollte nicht aus Soldaten, sondern Agenten bestehen. Niemand, der sich im Vollbesitz des eigenen Verstandes befand, würde auf die Idee kommen, seine Spione durch noch so diskrete Tattoos oder auch nur veterinärmedizinische Chips zu erkennen zu geben. Auch die geheimen Trainingseinrichtungen hinter Stacheldrahtzäunen, komplett mit rassistischen Wachsoldaten und skrupellosen Medizintechnikern mochten auf den ersten Blick als ein reizvolles Klischee erscheinen, entlarvten sich selbst auf den zweiten aber als eben das: ein Klischee und nicht realitätstauglich. Popkultur stellte sich als äußerst veränderlich dar und T´ien durfte es sich nicht leisten, seine Agenten der Entlarvung preiszugeben, nur weil diese von der Welt und Gleichaltrigen isoliert aufgewachsen waren und daher weder wussten, wer die Singenden Sirrushs waren, noch jemals online ein Level von „Turm der Schattenlosen“ durchgespielt hatten. Anstatt sie auswendig zu lernen, mussten sich die zukünftigen sprechenden Schwerter T´iens die universellen und die veränderlichen Regeln der Etikette von Kindheit an verinnerlichen. Dazu erschienen dem Nefilim Eltern noch immer am geeignetsten.
„Zu diesem Zweck“, hatte Tyr geschrieben, „werden die Welpen bis zum hundertzwanzigsten Lebensjahr in geeigneten Familien jeglicher sozialer Schicht untergebracht. Anschließend erfolgt die Einschulung in eine noch zu gründende Internatsschule, welche die erste Ausbildung in der zugedachten Karriere übernimmt.“ Informationsbeschaffung, Techniken des Verkleidens und Agierens in Coveridentitäten sowie kriminalwissenschaftliche Schulung in Kombination mit Fahrzeugbeherrschung und grundlegenden Feuerwaffenfertigkeiten sollten den Löwenanteil des Lehrplans ausmachen. Dennoch sah Tyr seine jungen Agenten, die im Gegensatz zu Fenris diesmal felider Abstammung sein sollten, in jeden großen Ferien in die jeweiligen Elternhäuser zurückkehren.
„Sie müssen uns vertrauen, dann verraten sie uns auch nicht“, endeten seine Ausführungen.
Über ein eventuelles Hausrecht der Mischlingskinder war in Tyrs Akte kein Wort gefallen. Fenris wusste es in der Gegenwart nicht mehr, aber der Weg des Wolfsjungen zu einem Hauswappen wäre beinahe sein letzter geworden…

1.612 Anu

Tyr T´ien stürmte durch den Laborkomplex wie ein wütender Wüstengeist – oder einer, der sich auf der Flucht vor dem Geisterbanner befand. Er erreichte einen Saal, der als Turnhalle gedient hatte, bevor sich sein kleines Team in der alten Schule eingerichtet hatte. Fenris spielte dort mit seinen jüngeren Geschwistern. Tyr versetzte der Anblick einen Stich ins Herz, doch er musste das jetzt über die Bühne bringen, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zu zweit würde es ihnen vielleicht gelingen…
Wenig später bog Tyrs Wagen aus der Garage in die Straße ein, fädelte sich durch das Labyrinth des Stadtverkehrs und erreichte schließlich die Fernstraße Richtung Grenze. Die ganze Zeit über spielte Radio die aktuellen Hits. Tyr deaktivierte das Gerät, als es begann, die Meldung zu senden, vor der man den Herrn des Himmelswolf – Projekts bereits gewarnt hatte:
„Innerhalb unserer Domänengrenzen kam es zu einem brizzl brizzl…“
Offensichtlich versuchte das Militär, die Übertragung im letzten Moment noch zu stören, doch die Sendestation hatte Vorsorge für einen solchen Fall getroffen und so hörten die Haushalte des Hundeclans nun doch, was es über Tyrs Arbeit zu sagen gab:
„Ein Adliger des Hauses experimentierte insgeheim an der Kombination von Annunakierbgut mit tierischem Erbmaterial. Dr. med. Tyr, Sohn und General des Hauses T´ien, hat sich mit seinen illegalen Experimenten schuldig und strafbar gemacht. Noch in dieser Nacht stürmen Soldaten des Hauses sein geheimes Labor, um dem schandbaren Treiben ein Ende zu bereiten. Alle Mitarbeiter werden verhaftet, die widernatürlichen Produkte Tyrs Wahnsinns abgetötet.“
Bis zur allerletzten, unmodifizierten Annunakieizelle, wusste der Nefilim.
Fenris warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Wir sind aufgeflogen“, bestätigte Tyr.

Der Junge schaute aus dem Fenster, ohne seine Gedanken zu teilen. Wiesen, Felder und kleinere Ortschaften verschwammen zu einem grün – schwarzen Streifenbrei. Das Gebirgsland, in dem sich T´iens Hauptstadt befand, hatte die den Planeten Enun in weiten Teilen unbewohnbar machenden Kriege und Umweltkatastrophen weitgehend unbeschadet überstanden. Von den längst vollständig ausgebeuteten mittelalterlichen Bergwerken war nichts mehr zu erahnen, dafür erstreckten sich nun beschauliche Almen und oft in Anpassung an die Neigung des Landes wunderlich geschnittene Felder im Umland der Stadt. Sie ermöglichten der T´ien Domäne eine von Nahrungsmittelimporten aus dem Ausland oder den hauseigenen Domänen in den äußeren Umlaufbahnen unabhängige Existenz.
Schon bald würde die Fahrbahn in Serpentinen übergehen, für Tyrs Geschmack viel zu langen Umwegen, die er jedoch in Kauf nehmen musste. Es handelte sich um die sogenannte Straße des Blutes, welche noch vor wenigen Generationen Annunaki- und Nefilimfrauen genommen hatten, um sich in der benachbarten Domäne von unerwünschtem Nachwuchs befreien zu lassen, einer innerhalb von T´iens Grenzen stets illegal gebliebene Prozedur, die mit der weltweiten Abschaffung des Todesurteils nun in keiner Domäne nicht mehr möglich war. Der Militärarzt war sich der Irnonie durachaus bewusst: denn er wollte ja niemanden loswerden, sondern behalten!
Tyr vermochte nicht einzuschätzen, wie ernst die Empörung über seine Experimente gemeint war, ob man sein Labor dem Erdboden gleichmachen oder die Unterlagen heimlich verwahren würde. Er trug keine einzige Kopie davon am Körper. Was er aus dem Labor hatte holen wollen, was den Haussoldaten nicht in die Hände fallen sollte, hatte er bei sich.
Nicht Fenris! kreiste es durch Tyrs Kopf.

*

„Nicht Fenris!“ flehte Tyr, hinter sich im Acker das brennende Wrack seines Sportwagens und vor sich die Soldaten seiner eigenen Armee. Tyr und Fenris hatten Schutz hinter einem großen Feldstein gesucht, eine trügerische Sicherheit, die nur von kurzer Dauer sein würde, zumal Tyr auf der Flucht aus dem Auto bereits eine Schusswunde im Oberarm einfangen hatte müssen.
Die Grenze verlief nur wenige Meilen weiter südlich im Tal, die Schrankenhäuschen waren von der Straße aus bereits erkennbar. Im nächtlichen Kunstlicht der Scheinwerfer konnte Tyr die unten dort aufgefahrenen Panzerwagen und Haussoldaten der Tau´eret erkennen. Dieser Weg wäre dem Flüchtigen also in jedem Fall versperrt geblieben.
Der General gab seine ohnehin sinnlose Deckung auf. Sie vermochte ihn nicht vor der Entdeckung zu schützen – wohl aber ermöglichte der Akt des Aufstehens das Hinwegducken unter dem Kugelhagel in ein offizielles Ergeben zu verwandeln. Dieser Schritt war von immenser Bedeutung, denn nicht nur Wölfe, sondern auch Annunaki unterlagen ihren naturgegebenen Instinkten: Aufgrund ihrer empathischen Veranlagung spürte Tyrs Volk das Verschwinden jeder einzelnen Präsenz aus dem Äther, so dass nach dem Ende einer Schlacht die Überlebenden beider Seiten gleichermaßen empfangen wurden. Der Zauber des Moments änderte natürlich nichts daran, dass sich die Offiziere der Gegenseite eine Stunde später in den Verhörräumen wiederfanden, dennoch, für den Moment wirkte er.
<Tut mit mir, was ihr wollt, aber lasst den Jungen gehen!> Tyr strahlte weniger die Worte, als vielmehr sein Ansinnen in den Äther, bevor er zusammenbrach.
Fenris richtete sich aus seiner hockenden Haltung auf und stand nun über dem Verwundeten. Der Junge blickte auf Tyr herab. Er wich einen Schritt zurück, als dieser die Hand nach ihm ausstreckte.
„Fenn…“
Tyrs Zunge erlahmte, da ihm sein Äthersinn und das Mienenspiel des Jungen verrieten, was dieser nun von ihm hielt: Tyr T´ien, scheinbar ein Freund und guter Mann, so verstand Fenris, war ein Verbrecher. Der Nefilim hatte sein Haus hintergangen und verbotene Dinge getan, Dinge, die falsch waren. Ihn erschaffen zu haben, Fenris’ bloße Existenz, war ein Verbrechen!
Das Kind wollte nichts mehr mit diesem Mann zu tun haben. Es warf Tyr einen letzten, hasserfüllten Blick entgegen, bevor er auf die Bewaffneten an der Serpentinenstraße zuschritt. Zwei Soldaten kamen Fenris entgegen, doch sie ignorierten ihn und zerrten zuerst Tyr auf die Füße.
Fenris verschwand auf der Rückbank eines Polizeitransporters, ohne eine Aufforderung zu benötigen.
„Bitte tut ihm nichts!“
„Noch nicht“, bestätigte ein Schildoffizier des Hauses. „Die Kreatur ist alt genug, vorher auszusagen.“

Tyr zuckte beinahe zusammen, als sein Fuß wieder die asphaltierte Straße berührte. Nun hatte er also doch ein Kind in den Tod gefahren. Nur, dass sich Fenris offenbar nicht mehr als Kind verstand, sondern als… ja, was? Beweisstück? Tatwaffe? Jedenfalls nicht als eine Person. Seiner Erziehung als Stolz des Hundeclans konnte das nicht geschuldet sein, die Ursache musste in den eingeschleusten Wolfsgenen liegen.
„Ich habe ja so einen Fehler begangen“, begriff Tyr.
Sekundenlang öffnete der Adlige seinen Äthersinn gegenüber den Soldaten. Wie in allen anderen Häusern auch, war Polizeiarbeit eine Angelegenheit des Militärs, demzufolge befand sich Tyr gerade im Gewahrsam seiner Untergebenen. Er fühlte sich in der Pflicht stehend, die Erkenntnis seiner Schuld mit ihnen zu teilen. Die Schuld, ein Kind derartig verändert zu haben, dass es sich nicht mehr als Person wahrnahm.
Von den Annunaki empfing Tyr zuerst Überraschung, dann Zustimmung. Tyr war schuldig und dass der Edelmann das auch einsah, zeichnete ihn als echten Angehörigen seines Standes aus. Vom Himmelswolf-Projekt waren die Männer ebenso abgestoßen wie Tyr seit etwa einer Minute, jedoch aus einem anderen Grund. Nicht Hauspolitik, sondern echte moralische Abgestoßenheit hatte die Zerstörung des Labors motiviert. Das bedeutete, Fenris’ Geschwister befanden sich schon in diesem Moment nicht mehr am Leben und in Fenris sahen die Annunaki dasselbe wie dieser in sich: ein Tier.
Tyr fand sich unversehens allein, obwohl er doch mit einem guten Dutzend Artgenossen in mentalem Kontakt stand…

*

Zwei Tage nach Tyr T’ien’s missglücktem Fluchtversuch stand bereits der Gerichtsprozess gegen den Sohn des Hauses an. Lange, so glaubten die Zuschauer, würde Tyr diesen Titel nicht mehr führen dürfen.
Eine Annunakifrau nach der anderen wurde in den Zeugenstand gerufen, ihre Version der Geschichte zu erzählen. Weitaus ausführlicher als bei einem einfachen Verbrechen üblich, wurden die Berichte der Zeuginnen der Öffentlichkeit vorgeführt. In der Regel fand die Schuldfindung hinter verschlossenen Türen statt und Gemeine erfuhren anschließend ein anhand von wenig Spielraum offen lassenden Tabellen bestimmtes Urteil. Im Gegensatz diente ein Gerichtsprozess dazu, einem bereits schuldig befundenen Adligen die Möglichkeit einzuräumen, seine Motive darzulegen und damit dem Richter die Festlegung des Strafmaßes zu erleichtern. Oder, im Falle eines Unschuldigen, dessen Unschuld noch einmal öffentlichkeitswirksam zu beschwören und seine Ehre wieder herzustellen.
„Sie entnahmen uns Eizellen und bereiteten sie irgendwie vor. Oder auf“, stotterte ein stark geschminktes Mädchen der Kategorie „Straße“. „Auch noch während der Schwangerschaft. Also, was ich meine, ist, da machten sie noch Sachen mit dem Kind.“
Eine Schreiberin in Armeeuniform: „Nein, wissenschaftlich erklärt hat uns das niemand. Dienst ist Dienst, nicht?“
Eine Hausfrau, deren eigener reinblütiger Nachwuchs im Zuschauersaal saß: „Es gab Geld dafür. Ich habe mich nie gewundert, woher das kam. Herr Tyr war ein Adliger, hätte ich ihn da etwa hinterfragen sollen?!“
Wieder eine Straßendame: „Die arme Mutter des kleinen Fenris ist bei der Geburt gestorben. Aber vielleicht… vielleicht haben sie das ja arrangiert?“
Ein Schulanfänger mit Barthaaren: „Wusste nicht, dass Projekt illegal. Ging anderen auch so. Hat so getan als sei Dienst am Haus. Schande!“
Fenris gab nichts auswendig Gelerntes wieder, das wurde auch dem letzten Zuschauer klar. Er glaubte, was er da sagte.
Schließlich sprach der Richter „Vielen Dank“ und lies auch diesen letzten Zeugen fortführen.
Im ganzen Saal verteilte Bildschirme vergrößerten das Geschehen für die Zuschauer in den äußeren Bänken. Plötzlich aber wechselte das Bild. Daran, dass die Wachsoldaten, einschließlich jenen, die den Wolfsjungen festhielten, in Alarmbereitschaft übergingen, erkannten die Damen und Herren im Publikum, dass dies ganz und gar nicht zum geplanten Ablauf des Gerichtsprozesses gehörte.

Übertragen wurden nun eine Wohnzimmerszene und das im Bild erscheinende Gesicht gehörte zu einem ebenfalls Uniformierten, der allerdings an einen Rollstuhl gefesselt war. Gefesselt im Wortsinn, wie zu sehen war. Während sich der Soldat dem Kamerasensor zuwandte, zuckten sein rechter Arm, die Schulterpartie und das rechte Auge aus eigenem Willen, ohne dass der Angeschnallte die Bewegungen beherrschen konnte. Ein Blick in das geöffnete Auge verriet, dass sich der Annunaki bei klarem Bewusstsein befand.
„Ich kann die Quelle nicht lokalisieren!“ zischte der Saaltechniker, da blendete der Sender bereits aus freien Stücken Name und Aufenthaltsort des Mannes ein.
„Wir befinden uns in einer Betreuungsanstalt für geistig Behinderte“, erklärte ein unsichtbarer Moderator zusätzlich. „Ischum T´ien erholt sich hier derzeit von einem Nervengasangriff bei einem Grenzscharmützel mit Nunammirs Truppen, wo er für seinen herausragenden Einsatz zum Schildfähnrich befördert wurde.“
Offiziersakademien und Schildoffiziersschulen existierten im gesamten Dreisternsystem, doch auch in Zeiten weniger bewaffneter Konflikte erwarben immer wieder Militärangehörige ihre Beförderungen im Feld. Oft geschah es allerdings nicht, dass ein Gemeiner zum Offizier aufstieg und selbst für einen Schildfähnrich erschien der Annunaki im Bild noch viel zu jung. Dass Ischum es dennoch bereits in jungen Jahren so weit nach oben geschafft hatte, lies auf überragende Kühnheit und Loyalität schließen. Den Preis für seinen Erfolg zahlte Ischum auch noch nach der Schlacht ab, doch die Raten wurden allmählich erschwinglicher. Nur noch selten machten sich die Gliedmaßen des Mannes selbstständig und die Ärzte waren zuversichtlich, dass der Annunaki einer vollständigen Genesung entgegensah.
„Ihr habt soeben alle den Jungen gesehen“, sprach Ischum ruhig. „Und wenn es nach dem Hohen Gericht ginge, wären es die letzten Aufnahmen von Fenris T´ien.“
Ein Raunen ging durch die Zuschauer, als der Schildfähnrich das Wolfskind mit einem Nachnamen belegte. Ischum wartete auf ein Zeichen des Journalisten an seiner Seite, bevor er weitersprach: „Fenris ist ein Annunaki, an dessen Gehirn Veränderungen vorgenommen wurden. Nun, das kann auch auf natürliche Weise geschehen: Mutation, Sauerstoffmangel während der Geburt, Unfälle… ich habe hier die verschiedensten Fälle erlebt. Ihr könnt Herrn Tyrs Prototypen jetzt beseitigen, aber dann müsst Ihr es auch mit jedem einzelnen eurer Verwandten hier in diesem Haus tun. Ich kann…“
„Hab´ ihn schon!“ knurrte der Saaltechniker, als er die Verbindung kappte, dann schüttelte er den Kopf. „Als ob das vergleichbar wäre!“
Ernsten Gesichts erhob sich der Richter aus seinem Sitz.
„Die Entscheidung wird vertagt!“ brüllte der Adlige.

Jedes Gefühl von Schuld wich in diesem Moment aus Tyr T’ien. Das Gesicht des jungen Ischum in dessen verkrümmten Körper stand ihm noch immer vor Augen. Die ruhige Würde des Schildoffiziers bildete einen scharfen Kontrast zu den sich wie Schwarm aufgeschreckter Zwergpurada gebärdenden Anwesenden im Gerichtssaal. Die Wolfssgene mochten tatsächlich für Fenris’ unreflektierten Gehorsam verantwortlich sein, doch, so fand Tyr, hatte er damit nichts Schlimmeres an dem Kind angerichtet, als über Generation hinweg betriebene Auslesezucht auch an seinen Standesgenossen und Untertanen.
Was nun die Entscheidung des Richters anging, so war sie längst gefallen. Der Edelmann benötigte allerdings eine bessere Rechtfertigung als die, das Argument des halbwüchsigen Schildoffiziers einzusehen.
*

1.613

Das Kinderheim auf einem der Hügel am Stadtrand trug den Namen „Hügelzwerge“ und ebenso niedlich ging es auf dem großen Wiesengelände zu, auf dem kleine Mädchen in der karierten Einheitsuniform aus Rock und Jacke Ringelreihen tanzten. Tiefer in den Büschen spielten etwas größere Jungen Verstecken. Ihre Kleidung bestand ebenfalls aus der Hügelzwerguniform (die Röcke allerdings der Herrenmode gemäß nur bis zum Knie reichend) und darunter, was immer an Spenden eintraf oder von den Tanten in ihrer Freizeit gestrickt wurde.
Neunzehn Mädchen und sechs Jungen bewohnten derzeit das Gelände. Die jüngsten von ihnen nutzten es weidlich aus, den Park an diesem Morgen für sich allein zu haben, während ihre älteren Mitbewohner noch in ihren jeweiligen Schule festsaßen.

Der heimliche Beobachter des Treibens hätte derartige Versteckspiele eigentlich nicht nötig gehabt. Tyr T´ien war ja selbst der Eigentümer der wohltätigen Einrichtung. Nach dem Tod seiner Gemahlin war Tyrs Vater die Villa zu groß für ihn allein erschienen. Er hatte sie daher seinem Sohn übereignet und dieser Haus und Gelände für seine Zwecke umbauen lassen. Und nun tobte Klein-Fenris über diese Wiesen und schlief unter demselben Dach, unter dem bereits sein Erschaffer die eigene Kindheit verlebt hatte.
Tyr erkannte seine Zielperson sofort. Fenris T´ien steckte um diese Jahreszeit bereits wie alle anderen Kinder in den von den Tanten gestrickten Rollkragenpullovern. Er hatte sich ein tiefes schwarz ausgebeten, aber ein helles wolfsgrau mit lediglich schwarzen Absätzen an Ärmel und Kragen, erhalten. Ansonsten waren die Tanten in Ordnung, fand der Junge und so sah es auch der Beobachter. „In Ordnung“ aber genügte Tyr nicht für Fenris und er fühlte erneut den Phantomschmerz, als er seine nicht mehr vorhandene Hand um den in die Prothese geklemmten Feldstecher krallen wollte. Eine Hand lies sich schwer ersetzen, selbst, wenn man einer der führenden Biotechnologen Ajaer-Scharuturs war. Der Körper mochte sich noch überlisten lassen, fremdes oder künstliches Gewebe zu akzeptieren, doch dergleichen dem Äthersinn unterzujubeln, erwies sich ungleich schwerer. Aber niemand hätte Tur daran gehindert, es zu versuchen. Eine Kontaktaufnahme mit Fenris hingegen galt als „unerwünscht“, also ein Verbot, bei dessen Bruch die Strafe inoffiziell und subtil erfolgen würde.

Hinter dem Zaun hatte Fenris gerade seinen besten Freund Ubi in dessen Versteck ausfindig gemacht, woraufhin dieser, das gehörte nun einmal zu dem Spiel, vor dem Häscher davon lief.
„Fang´ mich!“ lachte der Junge, wozu sich Fenris nicht lange bitten lies – er spurtete los!
Ubi schlug Haken durch das Unterholz.
„Du kriegst mich nicht!“
Fenris sah das ein wenig anders und beschleunigte seinen Lauf. Von dem Verfolger in Bedrängnis gebracht, schoss Ubi wieder ins Freie und über die Wiese, huschte zwischen den Mädchen hindurch und sprang über eine Bank, hinter der sich der sichere Bereich in diesem Spiel befand. Er blieb stehen, wandte sich Fenris zu – und erstarrte vor Schreck!
Die Augen zusammengekniffen und die stark ausgebildeten Zähne gefletscht, stürzte sich der Freund auf ihn! Der dazu notwendige Sprung über die Bank stattete Fenris gleich mit dem nötigen Schwing aus, das andere Kind umzustoßen. Ubi fiel rücklings ins Gras. Er ruderte mit den Armen, die Fenris allerdings mühelos zur Seite schlug um nach Ubis Kinn zu greifen und dessen Kehle zu entblößen.
„Nicht, Fenn!“ Ubi strampelte mit den Füßen. „Wir sind doch Freunde!“

Der heimliche Beobachter stieß den angehaltenen Atem aus, als sich Fenris abrupt aufsetzte und den Annunakijungen freigab. Fenris keuchte ebenso heftig wie Ubi. Er zwinkerte mit den Augen.
„Rudel“, murmelte er dann.
Tyr begriff, was sich hier vor seinen Augen abgespielt hatte: der Verfolgerreflex gegenüber einem Beutetier hatte für einen kurzen Moment das Rudelgefühl überschrieben.

Ubi hätte es beinahe das Leben gekostet, aber Ubi verpfiff den Freund nicht für etwas, von dem er bereits verstand, dass sein Spielkamerad es nicht mit Absicht falsch gemacht hatte.
Statdessen zischte er: „Ja, verdammt, Rudel!“, während er sich aufrichtete.
„Merk dir das, wenn du noch jemanden haben willst, der mit dir zur Schule läuft!“
Fenris setzte eine betretene Miene auf, woraufhin Ubi einen bereits mitgenommenen Kaugummistreifen aus der Hosentasche zog, einen zwar noch eingewickelten Streifen, wie ihn allerdings nur ein Junge seines Alters in den Mund stecken würde.
„Den werfe ich jetzt besser nicht, sonst hüpfst du noch danach. Hier, nimm!“

Gerührt beobachtete Tyr, dass Ubi tatsächlich ein guter Freund und nicht nur ein Spielkamerad seines ehemaligen Schützlings sein musste: die Kinder besaßen bereits ihre eigenen Rituale. Bevor sie die Kaugummis verspeisten, schlugen sie die Streifen zuerst in einem eingeübten Rhythmus wie Schwerter gegeneinander, um dann damit anzustoßen.
„Auf ex!“ befahl Ubi.
Kaugummikauend wanderten die beiden ein Stück weiter und in die Sichtweite der Erzieher hinein, damit jeder sehen konnte, dass alles in Ordnung war.

Auf einer weiteren, nicht in das Versteckspiel eingebundenen, Bank saß, die Beine übereinandergeschlagen und einen kleinen Zweig Stück für Stück von den Nadeln befreiend, Xolotl T’ien, der Neue. Er verzog das Gesicht und warf den entnadelten Ast fort, als Fenris und Ubi sich links und rechts von ihm niederließen. Tyr konnte ebenso wie die beiden Kinder sehen, dass Xolotl trotz des kalten Wetters seine Uniformjacke ausgezogen und um die Hüfte geschlungen hatte, als schäme er sich ihrer.
„Lasst mich in Ruhe!“ forderte Xolotl.
„Nö“, sprach Fenris und Ubi erinnerte den Annunakijungen: „Wir sind jetzt alle in einem Rudel!“
Xolotl zeigte ihm einen Vogel.
„Ich bin keiner von euch, kapiert ihr das bald mal?“
„Dann machst du hier also nur Urlaub.“
„Ja, mache ich wirklich. Ich habe nicht vor, lange zu bleiben.“
„Wenn du fortläufst…“ begann Ubi, doch Xolotl lies das Heimkind nicht ausreden.
„Ich muss gar nicht fortlaufen“, behaputete er. „Mein Vater holt mich ab, wenn er aus dem Weltraum zurückkommt. Er ist nämlich Astronaut!“
„Sag´ das noch mal!“ forderte Ubi und Fenris ergänzte: „Und bleib´ ernst dabei!“
„Er ist Astronaut und als einer der dreizehn Besatzungsmitglieder mit der ‚Schwarzspürer’ unterwegs, das Schwarze Loch zu untersuchen, das die Hofakademie entdeckt hat!“
„Das schwarze Loch, das die Leuchtenden auffressen wird? Das glaube ich nämlich noch eher, als was du uns hier vorlügst!“ Fenris war so empört, dass er entgegen seiner Gewohnheit vollständige Sätze verwenden musste, um sich zu beruhigen.
„Ist sicher im Knast!“ behauptete der Junge dann, stolz auf seine Verwendung eines in diesem Fall so doppeldeutigen Wortes wie „sicher“.
„Shujannas Vater ist das auch“, ergänzte Ubi. „Wenn die Tante mit ihr zu Besuch hingeht, behauptet der Mistkerl jedes Mal, sich zu sehr zu schämen, um sie zu empfangen. Aber Shujanna geht immer wieder hin, auch wenn die Leute in der Stadt sie angucken, als hätte sie die Bank selber ausgeraubt.“
Xolotl schenkte Ubi und Fenris einen ähnlichen Blick wie ihn die braven Bürger für die Heimkinder reservierten.
„Ich werde mal Buchhalter!“ erklärte er dann, ganz so, als bedürfe es keines weiteren Beweises seiner Vertrauenswürdigkeit.
„Weiß nicht“, überlegte Fenris laut. „Bücher sterben aus. Und elektronische kannst an Gürtel klicken.“
„Die musst du nicht festhalten!“ prustete Ubi los.

Der verborgene Beobachter begriff, im Gegensatz zu Xolotl und Ubi, dass Fenris sein „Missverständnis“ durchaus als Scherz geplant hatte. Obwohl es den meisten Erwachsenen genau andersherum erschien, war die Sprache doch das liebste Spielzeug des Kindes.

„Beweis uns, was du behauptest!“ verlangte Ubi nun. „Wenn dein Vater Mitglied der Hofakademie ist, wird es für dich ein Leichtes sein, uns nach dem Mittagessen in die Fruchtbar einzuladen!“
„Pah! Da gehe ich doch sowieso schon immer hin!“
„Nicht nach. Für´s Mittagessen!“ erhöhte Fenris den Einsatz.
Xolotl erhob sich, um zum Haupttor zu schlendern.
„Na, meinetwegen. Geh uns abmelden, Junge.“
„Ich heiße Anubis“, stieß Ubi hervor.
Xolotl zuckte die Schultern. „Was immer du sagst.“ <Kein Name, den man sich merken muss, Heimkind.>
Anubis ballte die Hände zu Fäusten, doch statt sie dem Gleichaltrigen ins Gesicht zu stoßen, drehte er sich abrupt auf dem Absatz um und rannte auf die Tanten zu.

Tyr verstand gut, was in Fenris´ Freund vorgehen musste. Im Waisenhaus lebte, wer keine Eltern mehr hatte, ein Heimkind hingegen konnte aus den unterschiedlichsten Gründen dort gelandet sein. Schwierige Eltern, schwierige Kinder… Der ständige unterschwellige Makel des <Wenn du hier leben musst, wirst du wohl selbst dran schuld sein> schwang im Äther mit, wenn das Wort ausgesprochen wurde. Hauslose Waisen, den Eltern aufgrund von Vernachlässigung oder Missbrauch entzogene Sprösslinge und jene, die während eines Gefängnisaufenthaltes der Eltern hier aufbewahrt wurden, also Kinder, die nichts für ihr Schicksal konnten, trugen dasselbe Stigma wie die selbst bereits kriminell gewordenen in der Runde. Das älteste der neunzehn Mädchen, so wusste Tyr als der gesetzliche Vormund der „Hügelzwerge“, war mit dem Handicap aufgewachsen, Produkt einer legitimen, wenngleich ungewöhnlichen Mischehe zweier Gemeiner zu sein. Von den Spielkameraden stets daran erinnert zu werden, mütterlicherseits eine halbe Tichupak zu sein, hatte, so schätzte Tyr, überhaupt erst dazu geführt, dass dieses Kind aufgrund von Gewaltdelikten gegen Mitschüler und Lehrer zuerst für kurze Zeit im Gefängnis und dann hier gelandet war.
Manche Eltern meldeten ihre Kinder stunden- oder tageweise im Heim an, weil sie zu arm waren, Wappen- und Schulsteuer sowie Unterhalt für ihre Familie aufzubringen. Kinderarbeit galt im Haus T´ien als illegal. Wer dieses Gesetz umging, musste darauf gefasst sein, sein Kind zuerst vom Arbeitgeber ausgebeutet und anschließend als Gesetzesbrecher verurteilt zu sehen. Den Betroffenen erschien es daher zumeist als bessere Lösung, ihre Kinder dem Heim anzuvertrauen. Manche übertrugen sogar das Sorgerecht auf den adligen Militärarzt und nahmen ihre eigenen Kinder nur noch in den Ferien zu sich. Zu Gesicht bekamen sie Tyr T´ien allenfalls an hohen Feiertagen, ihr tägliches Leben wurde nach Vorgaben des Adligen vom Heimleiter und den Tanten bestimmt.
Irgendeine Annunakifrau, deren Namen sich Tyr nicht gemerkt hatte, wollte oder durfte ihren Sohn Anubis nicht behalten, weil er das Ergebnis eines Seitensprunges war. So stand es in den Akten zu lesen. Tyr konnte sich noch kein eindeutiges Bild von diesem Jungen, der Fenris´ Freundschaft erlangt oder gesucht hatte, zeichnen. Er wusste nicht, dass Ubi von seinen Lehrern als ungewöhnlich ernsthaft und strebsam bezeichnet wurde und nur im Kreis der anderen Heimkinder, seinem Familienersatz, auflebte und kindlichere Ausgelassenheit zeigte. Um Anerkennung der erwachsenen Erzieher musste Ubi T´ien stets mit mehr Kindern konkurrieren als ein in einer intakten Familie aufwachsender Junge. Daher strengte er sich doppelt so sehr an wie normale Kinder.
Tyrs hatte sein Verhältnis zu den Wolfskindern erst als familiär erkannt, als es unwiederbringlich vorbei war. Der Clan erlaubte ihm, in seiner Eigenschaft als Vormund Entscheidungen für das Kind zu treffen, hatte aber eine Kontaktsperre über „Vater“ und „Sohn“ verhängt, die den Nefilimadligen mehr schmerzte als der Verlust seiner Hand. Seine Trennung von Tyr, so erklärte der Heimleiter vor seinem Arbeitgeber immer wieder aufs Neue, täte Fenris gut. Wenn Tyr den Annunaki zu sich bestellte, fiel dessen Antwort stets gleich aus: „Nein, Fenris fragt nicht nach Euch, Herr.“ Gefolgt von einem stummen: <Seht es endlich ein, er hat Euch nicht vergessen. Er ist froh darüber.“

*

Wie eine Krone saß ein gusseiserner Zaun auf der Hügelkuppe und grenzte das Wiesengelände mit dem Kinderheim vom Rest der Welt ab. Bisweilen hatte sich der kleine Anubis vorgestellt, ein König aus alten Tagen zu sein, der hier fernab von seinen Untertanen hauste. Seit Xolotls Ankunft bei den Hügelzwergen wollte die Phantasie dem Jungen keine rechte Freude mehr bereiten. Denn so, wie der andere sich wie ein Prinz im Exil gab, wirkte er zwar einerseits lächerlich, führte Anubis allerdings auch nur allzu deutlich den eigenen Status vor Augen.
So stiefelte Ubi augenscheinlich forsch durch das Tor, in Wirklichkeit aber ging er nur deswegen voran, um den doofen Xolotl nicht sehen zu müssen. Aus den Augenwinkeln bemerkte der Junge, wie sich jemand aus dem Buschwerk auf dieser Seite des Zauns zurückzog. Genaueres vermochte das Kind nicht zu erkennen, doch es dachte sich, was sein musste, das musste eben sein und für die Büsche würde es sicher ebensogut sein wie für die Straße, die dadurch sauber blieb.

An einem Zaunspfosten lehnte angekettet ein Schwebegleiter für Kinder. Seine grelle rote und gelbe Bemalung deutete Flammen und Blitze an, so dass es aussehen würde, als seien die Elemente selbst in Aufruhr, wenn die Maschine sich in voller Fahrt befände. Der Sitz war als Motoradsattel gestaltet, nicht in dem üblichen Automobildesign, in das sich auch Mädchen gemütlich hineinsetzen konnten.
„Das ist eine Vulkan Null sieben!“ rief Ubi bewundernd aus, seinen Ärger über Xolotl kurzzeitig vergessend.
Fenris´ Finger strichen heimlich über das geparkte Gefährt, das für seine Altersgruppe die richtige Größe hatte. Besitz, das hatte der Junge mittlerweile gelernt, war gar nicht so unwichtig, wenn er mit Statusgewinn einherging!
„Wie viel wird die machen?“ überlegte Ubi laut.
Xolotl legte die Maschine in die Waagerechte, trat auf den Starter, woraufhin sie sich in Hüfthöhe erhob. Anschließend zog er einen Schlüssel unter seinem Pullover hervor, mit dem er ganz selbstverständlich das Schloss öffnete und die Kette der Vulkan löste.
„Kannst du dir ausrechnen“, meinte er im Aufsteigen. „Die Strecke von hier bis runter in die Stadt geteilt durch die Zeit, die ich brauche, um hinzukommen.“
Aus dem Gepäckfach holte Xolotl einen weißen Umhang hervor, befestigte diesen über seiner Heimuniform, beschleunigte und verschwand vor den Augen der anderen beiden Jungen die Straße hinunter. Fenris heulte auf, als Xolotl auf dem eindeutigen Beweis seiner Zugehörigkeit zu einer besseren Einkommensklasse abdampfte, obwohl durchaus drei Kinder auf den langgezogenen Sattel gepasst hätten. Er lief im Kreis, bis der in diesem Falle sinnlose Verfolgertrieb verebbte.

Ubi ballte die Fäuste hinter dem Fahrer, bis dieser außer Sicht verschwand, dann lief er mit zu Boden gerichtetem Blick zurück zum Tor.
„Wohin?“
<Wohin ich gehe?> „Doch noch mit den anderen Mittagessen. Ich laufe dem stolzen Kerl nicht in die Stadt nach, um mich von ihm auslachen zu lassen!“
„Hörst schwer?“
„Hä?“
Fenris hielt den Freund fest und wiederholte seine Frage in seiner unkindlich tiefen Stimme: „Könnte es sein, mein lieber Anubis T´ien, dass du ein wenig schwer hörst oder zollst du meiner Stimmlage einfach nicht genug Aufmerksamkeit?“
Ubi lächelte. „Jetzt klingst du wie der Heimleiter.“
„Will!“
Fenris zerrte den Freund zu einer nahegelegenen öffentlichen Telefonzelle. Entschlossen führte er seine Taschengeldkarte in den Apparat ein, wählte den Anschluss der städtischen Wache und begann zu sprechen: „Kinderheim ‚Hügelzwerge’ hier. Ich habe eine un – er – freuliche Meldung zu machen, Herr Hauptmann. Uns ist ein kleiner Junge abhanden gekommen und treibt sich ver – mut – lich in der Innenstadt herum. Der Ausreißer tarnt seine Uniform durch einen weißen Mantel und hat außerdem einen teuren Schwebegleiter gestohlen! … Ja, ich bitte darum. … Aber vielen Dank auch! … Angenehm, Euch auch!“
Ubi schmunzelte angesichts des Tricks, doch die Traurigkeit wollte nicht weichen.
„So!“ knurrte Fenris. „Erinnert Xolotl, zu welchem Rudel gehört!“
„Nicht zu unserem“, murmelte Ubi.
„Falsch!“ Fenris zupfte am Aufnäher auf Ubis Jacke. „Alle T´ien!“

*

1.615

Nach und nach trafen die „Hügelzwerge“-Kinder wieder im Heim ein. Abhängig von Alter und Leistungsstand besuchten sie eine der drei öffentlichen oder zwei Spezialschulen der Stadt. Wer Vertrauenswürdigkeit bewiesen hatte, besaß ein Armbandtelefon und durfte sich nach vorheriger Abmeldung nach Schulschluss in der Stadt herumtreiben. Grundsätzlich gehörten Anubis, Fenris und Xolotl zu dieser Gruppe, doch bereits die ganze vergangene Woche über wurde ihre Anwesenheit auf dem Heimgelände sofort nach Schulschluss verlangt.
„Und das in der letzten Woche vor den Ferien!“ beschwerte sich Ubi bei seinem Spielkameraden. <Wo rein gar nichts mehr läuft!>
„Na dann sei doch froh, dass du wenigstens in deiner Schule ausruhen kannst!“ schimpfte Xolotl zurück. Er entnahm einer Schachtel mehrere Nägel, drückte sie in die auf seinen Knien liegende Holzlatte und passte diese dann in die Gesamtkonstruktion ein. <Halt mal fest!>
Ubi presste die Stützstrebe gegen das, was sich einmal zu einer Kinderwippe formen sollte. Xolotl zielte mit dem Hammer auf die Nagelreihe und schlug zu. In Ubis Geist formte sich die Botschaft des anderen Jungen indessen von geteilter schlechter Laune zu einer Ahnung der Ursache dafür.
„Willst du damit sagen, dass ihr noch richtigen Unterricht macht?“ hakte er nach.
„Und wie! Wir müssen morgen eine Leistungskontrolle schreiben! Weil der Computer die Endnote ja ganz schnell berechnen kann. Schön für den Computer…“
Xolotl besuchte eine der beiden Privatschulen, deren Unterhaltung nicht von der Schulsteuer abgedeckt wurde und den Eltern Zuzahlungen abverlangte. Sie orientierte sich an den in größeren Häusern für die Söhne niederrangigerer Clansangehöriger eingerichteten Bildungsanstalten und bot sogar ein eigenes Internat an. Xolotls Vater aber hatte seinen Sohn auf eine diesem unbekannte Zeitspanne bei den „Hügelzwergen“ angemeldet. Der Junge sollte, so lautete der dahinterstehende Gedanke, lernen, dass es nicht alle Kinder so gut hatten wie er. Persönlichen Kontakt mit diesen Kindern allerdings scheute der kühne Weltraumfahrer. Er hatte Xolotl nicht persönlich in dessen vorrübergehender neuer Heimat abgegeben…
Eine zweite Motivation spielte in Xolotl-schara T’iens Entscheidung hinein: Sein Sohn sollte seine Geschichte nicht unbedingt tagtäglich vor den respektablen Kindern oder gar deren Eltern kundtun.
Clan T´ien hütete sich, den Annunaki bereits vor dessen Rückkehr aus dem Weltraum als Helden im Volk aufzubauen. Hin- und Rückflug zu dem vermeintlichen schwarzen Loch allein nahmen mindestens vierzig Jahre in Anspruch, die Forschungen vor Ort streckten diese Zeit ohne Zweifel auf einen kompletten Enunumlauf. So vieles konnte schief gehen und sollte sich herausstellen, dass Enlils „E-Schara“ genannte Entdeckung sich tatsächlich noch in dieser Generation durch den Ring der Leuchtenden fressen und sich in der nächsten bereits an Anur gütlich tun würde, so stellte das erst recht keinen Grund dar, einem der Männer zuzujubeln, welche diese Nachricht auch noch bestätigten.
Unter diesen Umständen war es Xolotl nicht leicht gefallen, seine neuen Bekannten von der Wahrheit seiner Aussage zu überzeugen. Doch nachdem es einmal geschehen war, wollten die Altersgenossen nur noch Weltraumfahrer spielen. Raketenstarts ließen sich ja so prima mit der Wippe simulieren! Das Verhältnis der drei allerdings als Freundschaft zu bezeichnen, hätte eine zu starke Beugung der Realitätswahrnehmung dargestellt.
Wie dem auch sei, das geplagte Spielgerät war unter der Beanspruchung zerbrochen, weswegen Xolotl, Anubis und Fenris in dieser letzten Woche vor den Ferien täglich an einer neue Wippe bastelten. Bis zu Ferienbeginn hatte die Wippe repariert zu sein, doch davon wollten die drei nichts wissen. Wenn schon, dann musste eine neue her, eine überdies grellbunt und mit Fabelwesen bemalte, über die sich die Mädchen freuen würden. Wenn sich das Kinderheim in den anstehenden Ferien um die Hälfte leeren würde, hätten die Erbauer der Wippe auch selbst etwas von ihrer Arbeit. Eine Heimregel, die besonders Xolotl übel aufstieß, besagte nämlich, dass die sogenannten Tageskinder, die nicht permanent hier lebten, bei der Benutzung des Spielplatzes, der Computeranschlüsse „und überhaupt in allem“ vorgingen.
„Au!“ Xolotl schüttelte mitten in der Arbeit seine Hand aus. „Voll mit dem Hammer drauf! Xolotl, du Rindvieh!“ rief er.
Eine tiefe Stimme wies den Jungen zurecht: „Nicht! Keiner hat uns richtig lieb, da musst du dich nicht selbst beschimpfen!“
Nach einem so umständlichen Satz, wie er nötig war, Xolotl zurechtweisend zu trösten, musste sich der Wolfsjunge erst einmal auf eine Bank setzen und ausruhen. Der Herbst war bereits zu kühl, um sich noch ins Gras zu legen. Der Umlaufzeit des Planeten Enun geschuldet, handelte es sich noch immer um denselben Herbst, wie jenen vor achthundert Tagen, als sich die drei kennengelernt hatten. Ihren ersten vollständigen Kreis der Jahreszeiten erlebten Annunakikinder im Alter von fünfundfünfzig Jahren – einem Enunzyklus.

„Willst du eigentlich immer noch Buchhalter werden?“ erkundigte sich Ubi während der Bastelarbeit bei Xolotl.
„Klar! Und du? Hast du dir das schon mal überlegt?“
Ubi legte sein Werkzeug beiseite.
„Schreiner schon mal nicht“, antwortete er ausweichend, um dann „Weltraumsoldat“ zu flüstern.
Fenris fuhr aus seinem Nickerchen hoch. „Glaubst an Aliens?“ lachte er laut.
„Du, Ubi, ich finde das aber auch ziemlich komisch“, gestand Xolotl. „Wenn man nicht gerade auf einem anderen Planeten landet – und die Weltraumforschung besteht zu 99% aus anderen Aufgaben – braucht doch keiner Soldaten auf einem Raumschiff! Du müsstest schon Kampfpilot oder ziviler Transportflieger werden und dann Raumpilot.“
„Einer von uns ist jetzt da draußen, zusammen mit den Alulimoffizieren, dem Bordschützen des Katzenclans und den beiden Idioten von Haus Mon“, widersprach Ubi. „Was meinst du, wie rasch da mal die Fetzen fliegen können?“
„Hm. Da ist was dran.“
„Komme mit“, grinste Fenris. Er ahnte bereits, dass er nicht den Stand für einen Richter und nicht ganz das richtige Verhältnis zur Sprache aufwies, um Literaturkritiker zu werden. Mit Ubi zusammenzubleiben, was immer der tun würde, erschien als ganz ordentliche Alternative. In den Weltraum fliegen wollte Anubis also? Beim zweiten Nachdenken klang das ganz spannend. Vor allem, da Xolotl ja daheim bleiben würde.
Kinderheim „Hügelzwerge“.
Während der Ferien.

„Nun guck dir das an!“ stieß Xolotl begeistert hervor. Sein Spielkamerad, Fenris T’ien, konnte die Begeisterung nicht uneingeschränkt teilen, äußerte sie sich doch in einem freundschaftlichen Klapps aus der Hand des zukünftigen Buchhalters.
„Au!“
„Nein, nicht Bau. Zisi! Ein echter Diplomat mit dem Siegel des Hofes auf dem Umhang!“ jubelte Xolotl, um sich gleich darauf zu fragen: „Was der wohl in der Stadt will?“
Die beiden Jungen folgten dem Fremden innerhalb des Hügelzwerge-Heimgeländes, während dieser der am Zaun entlang führenden Straße folgte.
„Kommt Stadt!“ stellte Fenris fest, was, wie Xolotl längst zu entschlüsseln gelernt hatte, „Der kommt aus Richtung der Stadt“ bedeutete. Doch aus dieser Beobachtung lies sich nur eine einzige Schlussfolgerung ziehen: dass der Zisiangehörige gezielt das Kinderheim, welches ja das letzte Gebäude an der Straße war, aufsuchte. Mit den ersten an die Kinder gerichteten Worten bestätigte der Annunaki diese Einschätzung: „Sagt mal, Jungs, wo ist hier der Eingang?“
„Immer weiter in diese Richtung“, antwortete Xolotl. „Das könnt Ihr gar nicht verfehlen.“
Der Erwachsene klopfte auf sein Hauswappen. „Ist nur ein helles. Sag ruhig ‚du’, Junge!“

„Guuuuuuuuuuuckt maaaaaaaaaaal!“ rief ein kleines Mädchen, als der Fremde wenig später das kunstvoll gestaltete schmiedeeiserne Tor durchquerte. Unter Anleitungen des Kochs bepflanzten an diesem Ferientag einige der Mädchen den hauseigenen Schulgarten mit winterharten Kräuter.
„Jemand vom Hof“, erkannte der Mann.
Wenige Sekunden später fand sich der Besucher von den verbliebenen Hügelzwergen umringt, die das Gelände auch in den Ferien nicht verließen. Deutlich zurückhaltender gaben sich die Erwachsenen. <Herr Doktor Tyr ist nicht hier>, vermittelte die tonangebende unter den Tanten. <Das Kinderheim gehört ihm zwar, wird aber nicht von dem hohen Herrn selbst geleitet.>
„Tyrs Kinderheim. Dann bin ich hier also richtig“, seufzte der Zisiangehörige erleichtert. „Puh! War gar nicht mal so einfach, eure Domäne auf der Landkarte zu finden…“
Der Fremde lies seinen Blick über die kleine Kinderschar schweifen. Er zwinkerte den Tanten zu und tauschte etwas mit ihnen vermittels des Äthersinns aus, während er zu den minderjährigen Heimbewohnern sprach: „Es scheint mir so, als hätte sich alles versammelt, was Rang und Namen hat. Da kann ich ja meine Ankündigung machen.“
Erwartungsvoll richteten sich die Augen und Äthersinne der Jungen und Mädchen auf den Besucher.
„Ich komme von der Hofakademie, um einem gewissen Xolotl T´ien – wer ist das? – mitzuteilen…“
Xolotl trat zögerlich einen halben Schritt vor. <Ich…>
„…dass er den Ajaer Scharutur – weiten Mathematik- und Logikmarathon seiner Altersklasse eindrucksvoll und mit großem Abstand für sich entschieden hat!“
Xolotl blieb zuerst der Mund offen stehen. Dann sprang an seiner Seite Fenris in die Luft und rief: „Ja!“
„Ja!“ stimmte Xolotl ein.
<Siehst du, mein Kumpel, mehr als so ein kurzes Wort braucht kein Mann!> konnte sich Fenris nicht verkneifen zu denken.
„Xo – looo – tel hat ge – wooo – nen! Xo – looo – tel hat ge – wooo – nen!“ intonierten die jüngeren Kinder.
Der Mathematikschüler spürte eines der kleinsten Mädchen an seinem Rock zupfen.
„Dann musst du jetzt kein solches Arschloch mehr sein, oder?“ fragte das Kind unschuldig.
„Ich… nein… was hat denn das damit zu tun? Und überhaupt bin ich schon mal kein Arschloch!“
„Bist du DOCH!“
Der Zisibote schüttelte ungläubig den Kopf angesichts der kleinen Szene. „Was man so über den Doktor hört, ist nicht gerade schmeichelhaft“, teilte er den Erziehern und Angestellten mit. „Aber die Kinder hier erscheinen mir normal und glücklich. Sogar in viel größerem Maße, als man unter den gegebenen Umständen eigentlich erwarten sollte.“
„Der Hundeclan ist klein, T´iens Nefilimpopulation verschwindend gering“, erklärte der Koch im Kreis der kleinen Gärtnerinnen. „Zu gering, um sämtliche höheren Verwaltungsposten mit Adligen zu besetzen. Daher genießen in unseren Domänen Mütter und Kinder größere Wertschätzung als anderswo. Jedes unserer Schulkinder könnte sich einmal zu einem Hochgelehrten mausern, jeder Kindersoldat zu einem zukünftigen General.“
Xolotl fühlte sich wie Hochgelehrter, General und höhere Gattin in einem. Er hatte es nicht nur ins Finale geschafft, sondern die Hofakademie sandte ihm auch noch einen echten Zisidiplomaten, wenngleich einen von gemeinem Blut. Dieser Mann überreichte dem Jungen nun die Siegesurkunde sowie zwei zusammengerollte Schreibfolien. Xolotl entnahm dem Geist des Erwachsenen die Erlaubnis, beide unverzüglich vor Ort zu entrollen und ihren Inhalt zu studieren. Beide Folien stellten sich als Gutscheine heraus. Der erste bezog sich auf einen duelltauglichen Schwebegleiter für Jungen in Xolotls Alter, bei dem anderen handelte es sich um eine Eintrittskarte für das diesjährige Finale der Ritterspiele in Styrmgard.
Der Junge sah auf, doch er kam nicht über ein verlegenes Drucksen hinaus. Der Zisiangehörige hingegen meinte, Xolotl T´ien genau zu verstehen: „Ist es, weil du ein Gemeiner bist, Xolotl T’ien? Mach dir keine Sorgen. Innerhalb deines kleinen Hauses sollte dein Vater das Ansehen eines Gleichgestellten genießen. Niemand darf dir verwehren, mit einem Turniergleiter herumzufahren.“
„Nein, das ist es nicht“, widersprach der Annunakijunge leise. „Aber ich habe schon einen verdammt guten Gleiter. Er steht gleich hier am Zaun angekettet. Ginge es nicht, dass ich die neue Maschine gleich wieder eintausche? Gegen drei Eintrittskarten?“
<Gleich drei?!>
Xolotl legte den Kopf schief. „Ich bin ein Arschloch mit Freunden, Herr Zisi“, erklärte er frech.

*

Wenige Tage später rasten zwei Vulkan Null – Sieben über einen Feldweg, auf eines der zahlreichen Dörfchen im Umland der T´ien-Metropole zu. Ein-, zweihundert Meter vor dem befestigten Wall hielt Xolotl T´ien seine Maschine abrupt an. Fenris folgte seinem Beispiel.
„Was ist?“ fragte er allein mit seinen Augen.
„Himmelsgötter!“
Xolotl versuchte sich seiner Gefühle angesichts der Ortschaft klar zu werden. Der die Siedlung umgebende Wall aus dem experimentellen Werkstoff Ceramiplex hatte an mehreren Stellen durch mit Stahlstreben verstärkten Beton ausgebessert werden müssen. Viele Behausungen für Person und Tier lagen noch immer in Schutt und Asche und während sie sich den Anschein eines normalen Lebens gaben, waren Dorfbewohner, Soldaten und freiwillige Helfer aus der Stadt dabei, ihre Heimat Stück für Stück wieder aufzubauen. Xolotl sah weder zwangsverpflichtete Schuldner noch Sträflinge oder gar Kriegsgefangene unter den Arbeitern. Den Wiederaufbau einer Grenzsiedlung nach einem der zahlreichen Scharmützel mit den Nachbarn Meslam und Airavata überlies man besser vertrauenswürdigen Charakteren.
„Das ist … anders“, versuchte sich Xolotl an einer Aussage. „Ich meine, im Fernsehen, mit den Großaufnahmen und der Musik und dem Lauftext darunter, da weiß man sofort, dass das alles ganz schrecklich ist. Aber hier, hier ist das nicht so. Da spielen Kinder in unserem Alter Ball und ich spüre mit dem Äthersinn, wie sie mit vollem Eifer dabei sind. Aber gleichzeitig sehe ich all die Zerstörungen. Das passt nicht zusammen und alles ist völlig verdreht im Äther… ich glaube, mir wird schlecht…“
Fenris wartete ab, bis die Übelkeit zusammen mit den letzten beiden Mahlzeiten den Gefährten verlassen hatten, dann fuhren die beiden in langsamerem Tempo auf den Dorfeingang zu.
Die Ankunft der Kinder war nicht unbemerkt geblieben, so dass der fehlende im Bunde, Anubis T´ien, längst informiert war und seine Freunde aus der Stadt erwartete, als diese die ersten Häuser erreichten.

„Na, machst du Pause?“ begrüßte Xolotl den Jungen, der sich hier als Trümmerjunge etwas Geld verdiente, Geld, das nicht auf seine Taschengeldkarte, sondern direkt auf Ubis Konto gebucht wurde. Auf dieses Geld würde der Junge erst mit Erreichen der Volljährigkeit Zugriff erhalten.
„Äh, ja, und dann wieder nein“, antwortete Ubi. „Heute kam ein Anruf vom Heim, ich soll aufhören und auf jemand warten, der mich nach Styrmgard mitnimmt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich da soll! Ich weiß ja noch nicht mal, welchem Haus diese Stadt gehört!“
„Wer lädt denn in diesem Zyklus zum Finale der Ritterspiele?“ fragte Xolotl grinsend.
Das war leicht! Jedes Kind wusste das. Jedes Kind hätte das selbst dann gewusst, wenn kein T´ien-Angehöriger es bis ins Finale geschafft hätte. Die Ritterspiele in den klassischen Disziplinen Lanzenreiten und Stockfechten mit ihren jeweiligen Variationen sowie dem holographisch simulierten Drachenkampf gehörten zu jenen sportlichen Veranstaltungen, die so ziemlich niemanden kalt ließen. Die Adligen Ajaer Scharuturs traten in sechs Gruppen an, wobei jeder hochadlige Clan in jeder Gruppe einmal vertreten war, jedes kleinere Haus aber je nach Rang nur zwischen ein und fünf Kandidaten auf die sechs Gruppen aufteilen durfte. Als Pendant zu den Ritterspielen existierte auch eine Knappenliga, in der sich Gleichgestellte, erfolglosere Adlige oder sehr angesehene Bürger maßen. Anstelle einzelner Kandidaten wurden hier Gruppen von drei bis fünf Teilnehmern gebildet. Allein auf dem Siegerpodest zu stehen stand eben nur echtem Adel zu, das gemeine Volk musste stets daran erinnert werden, dass es seinen Herren in dieser Hinsicht nie gleichwertig sein konnte. Doch ob nun Einzelheld oder Mannschaft, einmal in jedem Zyklus trafen sich die vier Bestplatzierten aus jeder Gruppe, um einen Gesamtsieger unter sich auszumachen: einen Ritter und eine Handvoll Knappen.
„Damkina ist Gastgeberhaus und einer unserer Generale hat es bis ins Finale gebracht!“ erklärte Ubi mit leuchtenden Augen.
„Styrmgard ist Damkinarevier“, steuerte nun Fenris bei, bevor er und Xolotl Ubi darüber aufklärten, dass sie bereits am nächsten Morgen genau dorthin fliegen würden. Weil Xolotl einen Mathematikwettbewerb gewonnen hatte und ihm ein Mann vom Hof einen Schwebegleiter vorbeigebracht hatte, den der Spielkamerad – wie typisch! – nicht gewollt hatte. Und weil er sich, das war nun wieder ganz und gar untypisch für Xolotl, anstatt des Gleiters Eintrittskarten für seine Freunde erbeten hatte.
„Aber weil man für die Eintrittskarten lediglich gute Beziehungen benötigt, sie aber an sich nicht mal so teuer sind, wie die für die normalen Spiele“, schloss Xolotl, „hat die Hofakademie noch eine Vulkan Null – sieben draufgelegt. Die lasse ich euch natürlich da, wenn sie mich entlassen.“
„Entlassen?“ Ubi runzelte die Stirn.
„Na, Vati wird mich ja wohl kaum für einen vollen Enunzyklus bei den Hügelzwergen angemeldet haben!“ protestierte der Sohn des Weltraumfahrers. „Nur mal so kurz zum Gucken und abschrecken lassen, damit ich ihm besser folge, wenn er wieder daheim ist. Der Heimleiter war jedenfalls nicht darauf vorbereitet, dass ich Wintersachen brauchte, als ihm der Zisimann sagte, dass wir nach Styrmgard fliegen, wo es um diese Jahreszeit schon stürmt und schneit.“
„Entlassen!“ wiederholte Ubi lachend, weniger amüsiert über die Tatsache als solche, als viel eher angesichts der Wortwahl des Freundes.

An diesem Nachmittag schossen die beiden Schwebegleiter immer wieder an der Innenseite des Dorfwalls entlang, abwechselnd von jedem Dorfkind gesteuert. Selbst die strengsten Eltern sahen ein, dass es heute keinen Sinn hatte, ihre Sprösslinge daran zu erinnern, dass die schulfreien Tage nicht zum Spielen gedacht waren.
Haus T´ien gehörte zu jenen, die ihren Bürgern unabhängig von Vorhandensein und Anzahl von Nachwuchs eine Schulsteuer entrichten ließen. Jedes einzelne Kind war schulpflichtig, nicht unbedingt für die gesamten drei Enunzyklen, welche eine vollständige schulische Unterweisung umfasste, aber sehr wohl für die ersten vier der sechs Bildungsstufen, da diese für den Antritt einer Lehre vorausgesetzt wurden. Damit sich auch jede Familie diese Ausbildung leisten konnte, existierte die Schulsteuer. Dass dieses Gesetz weniger einem hochherrschaftlichen Idealismus als vielmehr pragmatischen Überlegungen entsprang, erkannte man an der Festlegung der Ferientermine: Gerade zu Beginn des Herbstes fiel auf den der T´ien-Metropole zugeordneten Landgütern viel Arbeit an, so dass es nahe lag, den Dorfkindern schulfrei zu geben, damit sie zuhause mit anpacken konnten.
Für die Militärangehörigen galten anderen Regelungen. Anubis hatte sich mit einigen der Armeekinder angefreundet und von ihnen erfahren, dass ihre gesetzlich vorgeschriebenen Schulstunden nur selten tatsächlich abgehalten wurden und von schwankender Qualität waren.
„Daher“, erklärte Ubi den Freunden, als sie sich am Abend ins Stroh einer noch intakten Scheune wühlten, „bin ich ganz froh, im Kinderheim zu wohnen. Außerdem hat der Leutnant mir gesagt, dass es absolut keine Nachteile hat, sich erst als Erwachsener zu verpflichten.“
„Äh… ja“, murmelte Xolotl.
Doch während Anubis und Fenris rasch ins Traumland hinüberdämmerten, blieb er noch lange hellwach sitzen, die Arme um seine angezogenen Knie geschlungen und den Blick in die Tiefen der Webstruktur seines Nachthemdes gerichtet. Xolotl hatte seinen Holzroller gegen immer besser Fahrräder eingetauscht, bis er endlich eine Vulkan fliegen durfte. Andere Kinder waren stattdessen auf einen Natter – 3 Spähpanzer umgestiegen und wieder andere wie Ubi hielten das auch noch für ihnen offenstehende völlig normale Karriereoptionen. Der Junge versuchte, zusammenzurechnen, wie oft er in Brettspielen mit den Nachbarskindern Nattermannschaften in den Tod geschickt hatte, um einen taktischen Vorteil zu erlangen. Er dachte an all seine virtuellen Tode, die er in seiner Altersklasse eigentlich gar nicht zugänglichen Computersimulationen gestorben war. Aber in der Realität klebten keine „Ab 2,7*“ an den Kriegsmaschinen. Xolotl hätte nicht gewusst, wie man eine Natter in Bewegung setzte oder auch nur drei Meter weit auf den Feind zusteuerte. War es verantwortungslos von ihm, stattdessen den Farbkreis und die Tonleiter auswendig hersagen zu können?
* Zweikommasieben Enunzyklen entsprechen 150 Erdenjahren. Annunakikinder dieses Alters befinden sich auf dem körperlichen und geistigen Entwicklungsstand zwölfjähriger Menschen. Obwohl bis zur Volljährigkeit noch siebzig oder mehr Jahre vergehen müssen, genießen diese Heranwachsenden bereits einen großen Teil unserer „Ab 18“ Privilegien.

*

Xolotl erinnerte sich nicht daran, eingeschlafen zu sein. Als ihn das Dröhnen einer großen Transportmaschine aus dem Schlaf riss, standen Ubi und Fenris bereits angekleidet neben ihm und drängten zum Aufbruch. Die Erkenntnis, dadurch um das morgendliche Waschen herumgekommen zu sein, stimmte den Jungen aus der Stadt überaus froh.
Das typische nur aus einem Getränk – in diesem Fall frische Walmilch – bestehende Annunakifrühstück erwartete die Kinder. Erst, nachdem sie den Becher vollständig geleert hatten, erlaubte die Bäuerin ihnen, sich zu der gerade gelandeten Schem zu begeben. Ein livrierter Dienstmann des Eigners war bereits damit beschäftigt, die beiden Schwebegleiter und die Rucksäcke der drei Jungen an Bord zu bringen.
„Die Schem gehört unserem Champion“, erinnerte Xolotl die anderen beiden unnötigerweise. „Dem einzigen T´ien-Clansangehörigen, der es ins Finale geschafft hat. Und wir werden mit ihm gemeinsam nach Styrmgard fliegen!“
„Sehe, deine Logik unfehlbar“, zog Fenris den Wettbewerbssieger auf.
Dann setzten sich die drei gleichzeitig in Bewegung.

Auf dem Weg zur Schem, einem kastenförmigen, behäbigen Transportflugzeug, das sich bevorzugt vom Leitstrahl eines Towers navigieren lies, stockte Ubi kurz. Dann beschleunigte er seinen Schritt, um wenigstens Fenris zu überholen. Anschließend stieß er den verdutzten Xolotl zur Seite und stand dann als erster am Einstieg.
Was der Knabe aus der Ferne erahnt hatte, erwies sich nun als Gewissheit: Eine kleine Beule in der Chassis konnte nur von einem Asteroideneinschlag stammen! Anubis vermochte die Stelle nicht mit seinen Fingern zu erreichen, doch er lächelte ihr zu, wie einem lieben Freund. Natürlich! Wenngleich eine Schem nicht für den Übergang zwischen Atmosphärenflug und Weltraumeinsatz ausgelegt war, vermochte sie sich doch in beiden Medien zu bewegen, sofern ihr jemand dabei half. Genau, wie es der zukünftige Weltraumsoldat später einmal würde!
Der Annunakijunge warf einen Blick ins mittlere der drei Kompartimente. Hinter der zum Bock gehörigen Pilotenkanzel waren zwei Frachtmodule auf den Träger montiert, von denen der hintere der Fracht und der mittlere dem Personentransport vorbehalten war. Bei diesem Aufbau handelte es sich um die typische Ausgestaltung einer Schem, die daher auch oft bereits fertig zusammengebaut verkauft wurde.
„Hallo…?“
Zwei Hände griffen nach Anubis, um ihn ins Innere der Maschine zu heben. Der Junge spürte allerdings nur den festen Griff von sechs Fingern, die zweite Hand fühlte sich schwächlich und unflexibel an. Sie umschloss seinen Arm, half aber nicht sonderlich dabei, ihn zu stützen. Noch bevor Ubi das Gesicht des zu den Händen gehörigen Mannes erkennen konnte, wusste er daher, mit wem er es zu tun hatte: General Tyr vom Hause und Geschlechte T´ien, der als zwielichtig bezeichnete Militärarzt mit der Handprothese und gesetzliche Vormund der meisten Hügelzwerge-Kinder.
„Gleichfalls Hallo! Bist du unser Mathematikgenie“, erkundigte sich Tyr bei dem ihm anvertrauten Knaben, „oder derjenige Junge, ohne den niemand auch nur daran denken könnte, an so einem Wettbewerb teilzunehmen, weil ohne ihn das gesamte Kinderheim im Chaos versinkt?“
Den auf seine Worte folgenden seltenen Moment, in dem ein Lächeln Anubis´ Gesicht zierte, erlebte niemand außer dem Doktor mit, denn kaum hatten Ubis Freunde die Einstiegsluke erreicht, runzelte der Junge die Stirn. Er ahnte, dass das, was nun folgen würde, mindestens unangenehm, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar peinlich, enden musste.

Xolotl wollte schon zu Ubi und dem Champion in die Schem klettern, da fiel ihm auf, wie der dritte im Bunde erstarrte.
Der General ging in der Einstiegsluke in die Hocke. Obwohl er die unter ihm stehenden Jungen auf diese Weise noch immer überragte, versetzte der Nefilim sie doch in die Lage, nun seine Gesichtszüge zu lesen.
<Fenris…>
Der Wolfsjunge blieb eine Antwort schuldig. Xolotl musterte ihn, dann stahl sich ein Ausdruck blanken Entsetzens auf sein Gesicht. Was dem Spielgefährten in diesem Moment durch den Kopf ging, waren nicht nur die Erinnerungen an Tyrs „böses“ Verhalten, seinen Betrug gegenüber dem Clan, sondern in erster Linie die Frage <Ist er das nun oder nicht?!> Die neunzig Wochen seiner Trennung von Tyr hatten das Bild des Nefilim in Fenris´ Erinnerung bereits soweit verschwimmen lassen, dass er Mühe hatte, den Duellierchampion in der Schem und den Militärarzt als dieselbe Person wahrzunehmen.
Xolotl gruselte bei der Vorstellung, seine Familie zu vergessen, selbst, wenn sein Vater ihn genau wie Fenris’ Erzeuger in diesem besseren Gefängnis auf dem Hügel abgelegt hatte.
Tyr hingegen fragte sich, ob es auf diese Weise nicht das Beste für den Wolfsjungen wäre. Womöglich würde es ihm gelingen, völlig neu anzufangen, wenn er sich Fenris einfach nur als ein erfolgreicher Lanzenfahrer vorstellte?
„Jungs… steigt erst mal ein!“ befahl der Adlige. „Anubis – die Schalttafel hinter dir enthält auch das Steuerprogramm für eine holographische Tapete für den Passagierraum.“
Während Ubi die verfügbaren Optionen durchging, um sich schließlich für eine Abbildung des Dreisternsystems zu entscheiden, musste der General im Äther einem seiner Untergebenen befohlen haben, an seiner Stelle den Pilotensitz einzunehmen, denn wenig später hob die Schem ohne Zutun des Adligen vom Boden ab.

„Xolotl, Anubis“, begann Tyr, ohne sich direkt an den Wolfsjungen zu wenden, „Fenris hier und ich, wir kennen uns schon eine ganze Weile…“
Nach und nach wurde das auch Fenris wieder klar. Das Erinnerungsvermögen des Jungen funktionierte in gewisser Hinsicht wie das eines Wolfes. Obgleich das Kind keine Probleme hatte, sich den Schulstoff oder anderes Faktenwissen einzuprägen, ließ ihn sein episodisches, individuelles Gedächtnis oft im Stich. Erlebnisse wurden gespeichert, ohne aus eigenem Willen wieder abgerufen werden zu können. Erst, wenn sich der Junge in einer ähnlichen Situation wiederfand – oder eben einem Beteiligten begegnete, wurden die entsprechenden Erinnerungen reaktiviert. Fenris hatte Tyr also weder vergessen, noch war er glücklich über die Trennung. Bis zu diesem Moment hatten der General und mit diesem Fenris gesamte Vergangenheit im Labor nicht existiert.
Welche Gefühle damit einhergingen vermochte Tyr mühelos in dem Kindergeist zu lesen:
<Er ist es wirklich! Läuft frei herum und zum Finale fliegt er auch noch! Der Hof lässt einen Verbrecher in den Ritterspielen antreten!!!>
„Fenn, hör mir kurz zu! Nicht, weil ich dein Clansherr bin, sondern aufmerksam, also, ich will, dass du jetzt nicht nur nickst, sondern dabei denkst!“
Tyr schrie diese Worte beinahe, so dass Ubi und Xolotl sich unwillkürlich tiefer in ihre Sitze pressten. Gesitteter fuhr der Nefilimmischling fort:
„Als Mediziner bin ich bereits vor langer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass du die Lebenserwartung eines ganz normalen Annunaki aufweist, und deine Lehrer bestätigen mir immer wieder, dass sich dein Alterungsprozess nicht von dem deiner Mitschüler unterscheidet. ABER wie du bereits selbst gemerkt haben wirst, neigst du aufgrund deiner Abstammung dazu, Dinge schneller wieder zu vergessen als Xolotl oder Anubis. Ich denke aber, dass es Hoffnung für dich gibt, wenn du deinen Äthersinn trainierst, denn der speichert unabhängig von den Sacherinnerungen Gefühle ab. Fenris, ich möchte, dass du mich ausschließlich mit dem Äthersinn betrachtest! Wenn du mich dann immer noch verachtest, gut, aber vorher akzeptiere ich kein ‚Urteil’ aus deinem Mund.“
Selbst wenn Fenris T´ien die Wahl gehabt hätte, der Ätherpräsenz eines Adligen konnte er sich nicht entziehen. Der Kontakt kam in Sekundenschnelle zustande. Über die Einwegverbindung fluteten Erinnerungen aus Tyrs jüngerer Vergangenheit den Geist des Jungen. Er sah sich durch die Augen des Mannes mit Ubi über die Wiese toben. Er hörte seine so unkindliche Stimme durch den Gerichtssaal hallen. Er hörte sich husten, als die Reifen von Tyrs Fluchtfahrzeug unter ihnen zu schmelzen begannen. Immer jünger wurde das Wolfskind in Tyrs Rückschau, immer stärker traten die Gedanken des Mannes an die seinen, als Erinnerungen übertragen wurden, die Fenris verdrängt oder nie besessen hatte: Der Metallbaukasten… die Windeln… er hatte nach der Pflegerin gebissen! Ohne Zähne!
<Du hast die Ärmste auch im Badezimmer eingesperrt, als sie das Wort „Seife“ ins Spiel brachte>, stellte Tyr klar. Fenris´ Gedanken wurden mit einem Mal von einer Badewanne dominiert, nein, von einem ganzen Badebecken. Er erlebte seinen ersten Kopfsprung in einer öffentlichen Schwimmhalle noch einmal – durch Tyrs Augen. Beinahe väterlicher Stolz beherrschte den Mediziner in diesem Augenblick. Stolz auf den Welpen, Stolz, dem Clan zu dienen und nicht zuletzt eine gehörige Portion Erleichterung darüber, sein störrisches Kind endlich ins Wasser gelockt zu haben!
Fenris´ Lippen begannen unwillkürlich zu zittern. Wenn die Weltraummonster in seinen Comicheften ihre Mutanten züchteten und auf die Annunaki losließen, machten sie sich nicht die Mühe, mit dem Labormaterial ein Hallenbad aufzusuchen. Aber Doktor Tyr, so begriff er, hatte nicht nur mit dem besten Interesse des Clans im Hinterkopf gearbeitet, sondern den herangezogenen Wolfskriegern den einem bevorzugten Diener zustehenden Respekt entgegengebracht.
<Aber das hätte doch gemäß dem Adelsrecht Freispruch bedeutet!> wusste der kleine Junge bereits beizusteuern.
<Sie haben es kein Urteil, sondern eine Warnung genannt>, erläuterte Tyr.
In der Anwendung geistiger Schilde ungeübt, konnte er nicht verhindern, Erinnerungen an seine Verstümmelung in Fenris´ Kopf zu übertragen. Als der Nefilim sich dessen bewusst wurde, kappte er die Verbindung unverzüglich. Bevor Tyr es sich versah, ersetzte Fenris den verschwundenen gedanklichen Kontakt durch einen Klassiker der körpersprachlichen Kommunikation: er schlang seine Arme um den Nefilim wie jeder kleine Junge, dessen Vater spät von der Arbeit heimkam.

Zwischen Eifersucht und der Überheblichkeit heranwachsender Knaben gegenüber derartigen Liebesbekundungen hin und her gerissen, rutschten Xolotl und Anubis unruhig auf ihren Plätzen herum.
General Tyr schon Fenris auf den Sitz neben sich. Leise erklärte er auf eine Frage des Jungen, dass es ihm verboten war, das Wolfskind zu sich zu nehmen.
„Sie haben mich auch für die nächste Saison auf die Knappenliga zurückgestuft, weil mein Ruf in den restlichen Häusern ins Bodenlose gesunken ist“, erklärte der General. „Aber ich werde ohnehin nicht mehr antreten können. Mit nur einer Hand…“
„Mit nur einer Hand habt Ihr es ins Finale geschafft!“ zischte Xolotl. Die Anklage darin war offensichtlich, doch galt sie nicht Dr. Tyr. Offenbar hatten die geteilten Erinnerungen auch Fenris Freunde gestreift.
Fenris und Anubis nickten heftig zu Xolotls Ausbruch.
„Glauben Euch!“ steuerte Fenris in seiner sehr persönlichen Grammatik ein. Nachdem ihm aufging, dass seine Einsparungen an den kleinen Wörtchen in diesem Fall den Sinn völlig entstellten, konzentrierte er sich auf einen vollständigen Satz: „Wir glauben an Euch, Herr Tyr!“

*

Zuweilen wünschte sich General Tyr, dass jedes Problem mit einem Kinderlachen zu lösen sei. An wieder anderen Tagen glaubte er daran. Nur selten machte sich der Nefilim bewusst, dass seine munteren Problemlöser lediglich die leicht zu analysierenden Sorgen eines Erwachsenen in Wohlgefallen auflösen konnten. Ihr eigener Kummer, ihre Ängste und Probleme bauten sich vor den Jungen in ebensolcher Höhe auf, wie jene des Militärarztes vor diesem selbst. Und obgleich die Nöte eines Kindes weder schwerer noch leichter als die eines Mannes wogen, entsprangen sie oft irrationalen Quellen, wodurch sie bisweilen ungleich schwieriger zu besiegen waren.
Seine Versöhnung mit Fenris hatte in Tyr T´ien eine komplizierte Gedankenkette in Gang gesetzt, die darauf hinauszulaufen schien, dass es sich bei Kindern und Erwachsenen um hochkomplexe Lebensformen handelte, die des jeweiligen Gegenstücks bedurften, um ihre Schwierigkeiten ins rechte Licht zu rücken und zu beseitigen. Kurz und gut: sein Ausflug mit den drei Heimkindern verstärkte das gegen Ende von „Projekt Himmelswolf“ in Tyr aufgekeimte Bedürfnis, eine Familie zu gründen.
Während der Adlige daher mit Teilen seiner Anatomie, die gerade nicht mit Denken beschäftigt waren, die Reize der weiblichen Bevölkerung Styrmgards taxierte, nahmen Fenris, Anubis und Xolotl ihre ersten Eindrücke einer modernen Enun´schen Turmstadt auf.
Die Schem war auf einem Flugplatz weit über Wolkenniveau niedergegangen und ihre Ladung wurde zu dieser Stunde über ein automatisches Leitsystem ins Stadion überführt, wo sich kundige Hände um Tyrs Waffen und Fahrzeuge kümmern würden. Die Passagiere hingegen brachte ein Lift etwa auf halbe Höhe des Turms, wo er sie in einer großen Halle ausspuckte. Eine Unzahl von dieser ausgehender Gänge, riesige Portale, weitere Fahrstuhlfronten und nicht zuletzt die sich auf Schienen bewegenden Kabinen des städtischen Nahverkehrs erschlugen die Besucher beinahe mit Optionen, wohin sie sich als nächstes wenden konnten. Hinzu kamen die über die gesamte Halle verteilten Kioske, sowie von nur halbhohen Mauern eingezäunte Restaurants.
Den Hügelzwerge-Kindern war die Turmarchitektur nicht fremd. In der T´ien-Metropole beherbergte das Innere solcher Türme Apartments und Geschäfte, während auf den Plattformen kleinere Buden, Freisitze oder das eine oder andere Freizeitzentrum verteilt lagen. Doch diesen Stadtkern bekamen sie nur selten einmal zu sehen. Er war das Ziel von Schulausflügen, darüberhinaus nur in Fernsehspielen präsent. Neunzig Prozent der Bevölkerung lebten in den über die Hügel verteilten Stadtvierteln sowie all den Dörfern und Gehöften des Umlandes.
Tyrs Diener staunten nicht weniger als die Kinder, während sich die kleine Reisegesellschaft zu Fuß zu einem der Ausgänge begab. In einem Turm dieses Ausmaßes, so eröffnete der Pilot der Schem seinen Gefährten, wohnte er daheim. „Apartments, die Kaufhalle, unser Nachbarschaftsschwimmbad… alles in einer Halle dieser Größe. Die hier hingegen ist nur auf Durchgangsverkehr ausgelegt… sie scheint das Damkina’sche Äquivalent einer Bushaltestelle mit einer kleinen Ziegenfischbulettenbude zu sein.“
Die ganze Zeit über zählte Xolotl seine Schritte mit. „Fünfzig… siebzig… einhundert…“ Am Ausgang angekommen rechnete der Junge seine Schrittweite rasch in die eigentliche Entfernung um und rief aus: „Das waren jetzt einhundertfünundsiebzig Meter! Das ist der Radius der zentralen Röhre.“
Tyrs Zofe legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Sie drehte ihn so, dass Xolotls Blick direkt auf die den Turm umgebende Plattform gelenkt wurde. <Willst du nochmal zählen?>
Xolotl gab keine Antwort.
Denn die Plattform, auf der sich in der Heimatstadt der T’iens Parks und Sportplätze unter freiem Himmel befunden hätten, diente als Träger für weitere mehrstöckige Gebäude mit weitläufigen Innenhöfen. Dazwischen verliefen die Röhren des Stadtverkehrs. In regelmäßigen Abständen blinkten Hinweise, welche Stadtviertel die jeweilige Linie verband, an den Stadtbahnröhren.
Am Ende der Plattform, dort, wo Tunnel die Plattformen verschiedener Türme verbanden, prangten gar Schilder mit bis zu vierundzwanzig Einträgen. Zusätzlich zu den Namen der jeweiligen Nachbarschaft wurden die Siegel der örtlichen Adelsfamilien angezeigt. Von diesen schien es eine Unzahl zu geben und das eigentliche Wappenbild Haus Damkinas, ein geschliffener Diamant, trat vor all den Siegeln beinahe in den Hintergrund.
„Das ist… diese Plattform ist wie eine Stadt für sich allein!“ entfuhr es dem neben Xolotl stehenden Ubi.

Tyr führte die Gruppe zur ersten Stadtbahnhaltestelle außerhalb der Bahnhofshalle.
„Ihr steigt vor mir ein“, wies er die Kinder und den Piloten an. „Und dann setzt ihr euch exakt an den Übergang zur ersten Klasse, damit ich euch im Blick behalten kann. Wenn da alles besetzt ist, stellt ihr euch eben hin!“ <Verstanden? Ich will niemanden hier im Gewühl verlieren.>
Nachdem die vier zusätzlich zu einer Bestätigung im Äther auch noch brav genickt hatten, strebte Tyr auf den Einstieg des ersten Wagens der zweiten Klasse zu. Zusammen mit der Zofe und den beiden Dienern wechselte er anschließend in den vordersten Waggon, der Personen von Stand vorbehalten war.
Die Kinder hatten gerade eine Sitzbank in Beschlag genommen, als jemand an ihrer Seite „rutscht mal“ sprach. Es handelte sich um Tyrs Zofe und die beiden Diener.
„Alle Sitze besetzt da vorn“, erklärte die Frau. „Die sind alle schon innerhalb der Halle eingestiegen.“
„Wer sind denn „die alle“?“ wunderte sich Ubi.
Dass ein Edelmann in einer Nahverkehrskabine mitfuhr, erschien dem Knaben merkwürdig. Der dreisternsystemweit als „Verrückter Wissenschaftler“ verschrieene Tyr hatte natürlich seine Gründe dafür, in Anonymität zu reisen, anstatt durch eine öffentliche Anreise gleich jede Fernsehkamera Styrmgards auf sich zu ziehen. Aber wieviele solcher Ausnahmen würde es noch in Styrmgard geben? Sicher nicht genug Adlige mit deren Dienerschaft, um einen kompletten Erste-Klasse-Waggon zu besetzen! Noch dazu, wenn an diesem deutlich sichtbar die Rune für „Ausschließlich Adlige (mit Gefolge)“ prangte? Ein noch so reicher Gemeiner würde hochkant hinausgeworfen, bevorzugt bei voller Fahrt, damit die Lektion auch saß.
„Naja, Adlige eben!“ meinte Tyrs Pilot leichthin auf Ubis Frage.
Bei diesen Worten deutete der Mann durch die Fensterscheibe auf an der Haltestelle auf eine andere Linie wartende Bewohner Styrmgards. Ubis dem Fingerzeig folgender Blick fiel direkt auf einen Jungen in seinem Alter, dessen Wappenbild in der ausschließlich einem Adligen zustehenden dunkleren Farbgebung ausgeführt war. Der junge Herr wartete auf seine Kabine – und er befand sich dabei in standesgemäßer Gesellschaft.
Ubi stellte fest, dass beinahe ein Drittel der Wartenden der Nefilimart angehörten. Jeder Nefilim war von Geburt an ein Adliger, was sich bei Bevölkerungszahlen wie der Damkinas zu einer stattlichen Summe addierte. Nicht jeder Edelmann des Hauses Damkina bewohnte eine Villa mit ausgedehnter Dienerschaft, ganz im Gegenteil gab es eine ganze Menge solcher wie ein den importierten Kinderbüchern, deren Schicksale Ubi bisher für ausgedacht gehalten hatte: Landlose Profisportler, Ladenbesitzer, die sich die von ihnen selbst verkauften nicht leisten konnten und Handelsherren, die ihr Raumschiff selbst zwischen Anur und Enun hin und her steuern mussten. Sie alle schlitterten in den Geschichten in allerlei Abenteuer, aus denen sie als reiche und anerkannte Personen wieder herauskamen. Manche hatten Pech und fanden eine Freundin, die sie am Ende heiraten mussten, doch im Großen und Ganzen gingen die Geschichten gut aus. In der Realität hingegen musste es als Sieg gelten, angesichts des Konkurrenzdrucks innerhalb des arbeitenden Adels seinen Lebensstil halten zu können und nicht noch tiefer in die Bedeutungslosgkeit abzurutschen.
Zum ersten Mal im Leben bekamen die Hügelzwerge das Feudalsystem in seiner tatsächlichen Komplexität vorgeführt. Nicht nur die Herren da und das Volk dort, durch eine dünne Schicht aus Beamten, die im Haus T’ien eher dem Adel zuzurechnen war, verbunden. Adlige konkurrierten nicht nur direkt untereinander, sondern dienten höhergestellten Adligen, deren Gunst sie sich versichern mussten. Ihre Kinder besuchten Schulen und Hauslehrer bei einer echten Person von Stand stand ganz oben auf der Liste ihrer Berufswünsche. „Xilobs Fresstempel“ verkündete eine Tafel über dem Eingang eines Restaurants, das die Stadtbahn passierte. Ubi zählte drei davon allein zwischen zwei Haltestellen, doch jedes davon präsentierte ein anderes Siegel. Offenbar gehörte Xilob Damkina, ja, was eigentlich? Jeder einzelne der „Fresstempel“ hatte einen eigenen Besitzer, die alle irgendwie Herrn Xilob unterstanden, ohne jedoch dessen Angestellte zu sein. Ubi fand das sehr verwirrend. Diese Ausländer, so schlussfolgerte das Kind für sich, waren wirklich alle komisch, genau, wie es die Tanten stets behaupteteten. In Haus T’ien hingegen waren die Dinge wohlgeordnet!

Endlich erreichten die Reisenden ihr Ziel. Kurz vor dem Ausstieg gesellte sich Tyr seinen Begleitern wieder hinzu. „Wir sind da“, meinte er, um überhaupt etwas sagen zu können. „Der gesamte Turm ist ein einziges Hotel. Achtet auf die Farbe der Schlüsselkarte, die ihr nachher erhaltet – nur mit derselben Markierung versehene Freizeiteinrichtungen auf den Plattformen sind kostenlos für euch. Im übrigen habe ich vor unserem Aufbruch daheim eure Taschengeldkarten auf ein niedrigeres Limit programmiert. Wir befinden uns hier im Ausland und ich weiß selbst, wie verlockend der eine oder andere Laden Jungs in eurem Alter wirken kann.“
<Xolotl, ich habe deine Gedanken zu diesem Thema jetzt NICHT gehört. Wenn ich so etwas allerdings ein zweites Mal “nicht höre“ – wir verstehen uns? – gibt das Tischdienst bis zum Tag deiner Volljährigkeit!>
„Ja, Herr“, murmelte der Angesprochene.
Tyr nickte. Er schritt voran und betrat die für diese Ebene des Hotelturms zuständige Empfangshalle, gefolgt von den Kindern.
„Ich hatte drei Zimmer reserviert“, teilte der Edelmann dem Hotelier mit. „Eins für meine Diener, ein Einzelzimmer für mich und einen Raum, der auf alles vorbereitet ist, was sich drei Jungs in diesem Alter zusammen so einfallen lassen mögen. Wäre es möglich, die letzteren beiden gegen drei Zweibettzimmer einzutauschen?“
„Aufgrund der erhöhten Nachfrage während des Turniers wird das nicht ganz einfach werden, aber ich sehe mal, was sich da einrichten lässt, Herr“, erwiderte der Damkina-Angehörige hinter dem Tresen. „Auf welchen Namen läuft die Buchung?“
Der Nefilimadlige nannte seinen Namen und Titel. War es Tyr T’ien bisher möglich gewesen, sich ungehindert durch die Stadt zu bewegen, brachte die Eröffnung seiner Identität wieder sämtliche Vorurteile an die Oberfläche, mit denen ein „verrückter Wissenschaftler“ von Rang und Namen leben musste. Die gefühlte Temperatur des Äthers im Raum sank um mindestens fünfzehn Grad.
Zu Tyrs Erstaunen lies sich der von ihm gewünschte Zimmertausch leicht arrangieren. Wieso dem so war, das begriff der Nefilim, als er einen Blick auf die Nummern der Unterkünfte warf.
„Das ist drei Ebenen tiefer, Jungs“, knurrte er.
Tiefer, das verstanden die Kinder, bedeutete in einer Turmstadt ein schlechteres Viertel.

Xolotl und Ubi suchten ihr gemeinsames Zimmer auf, während Tyr die Bediensteten über den Tausch informierte und anschließend mit seinem wiedergefundenen Sohn eine Runde über die Plattformen drehte.
Noch nie zuvor hatte der kleine Anubis den ihm zur Verfügung stehenden Raum mit nur einem einzigen weiteren Jungen teilen müssen. Es fühlte sich wie eine Beförderung an, brachte aber zu Ubis Überraschung auch ein unerwartetes Maß an Einsamkeit mit sich.
Der Junge strich gerade bewundernd über die schmutzabweisenden Bettbezüge, als er plötzlich Xolotls Stimme aus dem Badezimmer vernahm: „Hilf mir mal! Hier ist was kaputt!“
Ubi gesellte sich dem Zimmergenossen zu. Er kletterte auf die Toilettenschüssel und beobachtete, wie Xolotl das Waschbecken auf der vergeblichen Suche nach einem Heißwasserhahn abtastete. Lediglich ein einziger Wasserhahn saß auf dem Becken, ein Zustand, der den Kindern zwar aus den Bauerndörfern und ärmlichen Unterkünften in der T´ien-Metropole bekannt war, ihnen aber in einem teuren Hotel des noch dazu hochadligen Diamantclans fehl am Platz vorkam.
„Unter keinen Umständen wasche ich mich kalt!“ protestierte der Sohn des Weltraumfahrers.
„Mhm“, überlegte Ubi. „Auf diesem Hahn sind schwarze und weiße Markierungen angebracht. Siehst du?“
„Dann ist das Ding nicht kaputt, sondern es ist ein Konstruktionsfehler“, behauptete Xolotl. „Der Sinn von zwei Wasserhähnen besteht ja darin, dass ich kalt und heiß gleichzeitig aufdrehen kann!“
„Vielleicht können die Damkina das noch nicht“, mutmaßte Ubi. „Du drehst in die eine Richtung für kalt, in die andere für warm und mischst die Temperatur, die du haben möchtest, erst im Waschbecken zusammen.“
„Primitiv!“ schnaubte der andere. „Das kann ja ein Gematsche werden…“
Doch von der Damkina’schen Ferkelei wollte sich der Junge nicht diesen Ausflug verderben lassen. Entschlossen drehte er an dem einsamen Wasserhahn. Doch kein Tropfen entrann dem merkwürdigen Ding.
„Doch kaputt. Konstruktionsfehler UND kaputt! Das hat Herr Tyr nun von seinem blöden Tausch! Drei Etagen weiter oben wäre das nicht passiert.“
„Hier, guck mal!“ forderte Ubi den vor sich hin wetternden Xolotl auf. „Da unten, an der Basis von dem Hahn, da stehen Zahlen. Vielleicht ist das ja die Rufnummer vom Hausmeister?“
Xolotl bückte sich, um die Zahlenfolge zu lesen. Dabei schimpfte er weiter:
„Der wird etwas von mir zu hören be…kom…men… Gefiederpest!“
„Was hast du plötzlich?“
Xolotl schwieg. Nur seine Gefühle breiteten sich im Äther aus. Waren Xolotls Ätherpräsenz bisher von Überheblichkeit getragen worden, so sackte sie nun nach unten, um vor Scham unter dem Badewannenvorleger zu verschwinden. Zumindest entstand dieses Bild in Ubis Kopf.
„Das ist eine Temperaturanzeige“, eröffnete Xolotl Ubi in weinerlichem Tonfall. „Damit stellst du exakt die von dir gewünschte Wassertemperatur ein. Bei jeder verdammten Benutzung des Wasserhahns!“
Anubis überprüfte diese Theorie sofort. Er musste feststellen, dass Xolotl die Situation genau richtig beschrieben hatte: zuerst wählte man durch Drehen seine Wunschtemperatur, dann drückte man auf einen oben im Hahn eingelassenen Knopf.
„Mann! Das ist hier ja wie in einem Science fiction Fernsehspiel!“
Xolotl schüttelte den Kopf.
„Nein, Ubi“, erklärte er mit belegter Stimme. „Das hier ist die Normalität. Wir zuhause, wir sind der Geschichtskanal…“

*

Am nächsten Morgen war die Entdeckung des vergangenen Tages zwar nicht vergessen, aber in den Hintergrund gedrängt. Fenris, Anubis und Xolotl T´ien saßen manierlich auf ihren Plätzen im Stadion und ließen ihre Blicke neugierig über Installation und Publikum gleichermaßen schweifen. Das Stadion war um einiges größer als so manches Dorf, in dem Anubis sich in den Schulferien etwas dazuverdient hatte. Wie aus dem Zirkustheater und der heimatlichen Arena bekannt, saßen Gäste höheren Standes in den höchsten Rängen, während die tiefergelegenen, als gefährlich geltenen Plätze dem gemeinen Volk zustanden. Im gesamten Gebiet verteilte Fernsehschirme glichen allerdings die Unterschiede in Nähe zum Geschehen und Blickwinkel für jeden einzelnen Zuschauer aus. Auf den ersten Blick waren die Bildschirme nicht von glatt polierten Kristallen zu unterscheiden. Die Damkina-Architekten verstanden es, das eigene Wappenbild überall im Stadion präsent zu halten. Gläserne Schmuckelemente wechselten sich dabei mit bis zu nefilimmannshohen Bergkristallen ab. Erst nach einer Weile bemerkten die drei Jungen, dass jeder dieser Kristalle ein wenig anders geschliffen war. Manche sollten lediglich dekorativ aussehen, andere dienten als Verstärker für die Stadionbeleuchtung und wieder andere spiegelten das Geschehen in der Arena und gaben es vergrößert wieder. In den Adelslogen sorgten echte Diamanten, die aus sich selbst heraus strahlten, für zusätzliches Licht.
„Machen die ganzen Dinger eigentlich etwas mit unserem Äthersinn?“ erkundigte sich Xolotl misstrauisch. Ubis Interesse an Edelsteinkunde begann und endete bei deren Verwendung in Laserwaffen. Der Junge schloss die Augen und versuchte, sich die entsprechende Seite in seinem Schulbuch ins Gedächtnis zu rufen.
„Äther wie immer“, erklärte Fenris indessen. Auf den Äthersinn schien der Stein schon einmal keine Wirkung auszuüben.
„Ein Diamant ist ein die Heilung von Herz- und Libidoschwäche unterstützender Katalysator, der auch in ausdauerfördernden Mixturen Verwendung findet“, fiel Ubi wieder ein.
„Was ist Libido?“ hakte Xolotl nach.
„Was Mixtur?“ fragte sich Fenris.
Als die beiden begriffen, dass der jeweils andere etwas wusste, von dem man selbst ausgeschlossen blieb, starrten sie einander an wie zwei Duellanten.
„Spielt doch keine Rolle“, warf Ubi ein. „Allenfalls machen die Dinger, dass die Athleten fitter sind.“
Xolotl und Fenris starrten noch ein wenig länger, möglicherweise in der Hoffnung, die gewünschte Information aus dem Äther ziehen zu können, wenn der andere nur verzweifelt genug versuchte, eben das zu verhindern.
Anubis beobachtete unterdessen fasziniert den Fall der Schneeflocken, wie er sich in den Lupenkristallen darstellte. In Styrmgard herrschte ganzjährig die fünfte Jahreszeit: urbanes Matschwetter. Auf dem Weg zum Stadion hingegen hatten die Kinder ihre Schwebegleiter über Schneefelder gelenkt. Hier am Stadtrand und erst recht in den dahinter beginnenden unbebauten Brachen regierte der Winter mit unerbittlicher Macht.
Die sachte über dem Stadion niedergehenden Schneeflocken türmten sich allmählich zu kleinen Hügeln auf, was die Zuschauer in ihren geschützten Sitzen nicht weiter störte, den Lanzenfahrern und Stabfechtern aber sehr wohl ihre Begegnungen erschwerte. Hatten die mittelalterlichen Ritter noch mit bockigen Pegasusponys zu kämpfen gehabt, so stellte sich in der Gegenwart die Frage, ob auch wirklich jeder Motor für den Betrieb unter den aktuellen Temperaturen geeignet war. Ein Winterturnier verlangte Mann und Material gleichermaßen Höchstleistungen ab. Aus diesem Grund war die Erwartungshaltung in Adel und Bevölkerung in diesem Zyklus besonders hoch, seit Damkina den Austragungsort für das Finale bekannt gegeben hatte.

„Gib Programm!“ unterbrach Fenris Ubis Träumereien. „Will sehen wer antritt!“
Anubis schaltete das jedem Hotelgast ausgehändigte elektronische Täfelchen ein, in unter anderem dem alle wichtigen Informationen für Turnierbesucher gespeichert waren. Es enthielt desweiteren einen Stadtplan Styrmgards, eine Übersicht über Restaurants und Gemahnungen an die wichtigsten Gesetze des Diamantenclans, an die sich hausfremde Touristen zu halten hatten. Den meisten Speicherplatz allerdings nahmen die Videoprofile der vierundzwanzig Finalteilnehmer ein. Von den Athleten der Knappenliga, die als Beiprogramm betrachtet wurden, existierten lediglich digitalisierte Photographien.
„Hier ist ein Kulla Apis“, begann Anubis zu lesen.
Xolotl pfiff durch die Zähne, als Ubi eine ältere Aufnahme des Athleten zum Leben erweckte, die diesen in vollem Einsatz mit seinem Kampfstab zeigte. Der Apisadlige war ein Jugendlicher und würde das auch noch für weitere Enunzyklen bleiben. Jugendlich, das bedeutete im langlebigen Zwillingsvolk aus Annunaki und Nefilim, anders zu fühlen und zu denken als alle anderen. Unter Umständen wusste man mehr als zehnmal so alte Erwachsene, stand einem während der Jugend ja mehr als genug Lebenszeit zur Verfügung, sowohl Wissen als auch praktische Erfahrung zu sammeln. Doch die Reaktionen auf Erlebnisse und das, was man aus seinem Wissensschatz machte, waren völlig andere.
Kullas Gehirnchemie mochte ihm also den einen oder anderen Streich spielen, wenn es um Entscheidungsfindung und Prioritätensetzung ging, aber er hatte lange genug gelebt, um es auf seiner selbstgewählten Spezielstrecke zur Brillanz zu bringen. Der Kampfstil des Jugendlichen war von Kraft und Berechnung geprägt, kein rotierender Wirbelwind, sondern eher eine Ziegelmauer.
Fenris, Ubi und Xolotl waren sich einig: sollte es notwendig werden, einen weiteren Favouriten neben Herrn Tyr zu wählen, dann diesen Jungen, der mit seinem Kampfstab weitaus ältere Edelmänner das Fürchten lehrte!
„Kulla ist harmlos“, behauptete Anubis zur großen Überraschung seiner Freunde. „Er ist ein Duellierprofi, der von Pfalz zu Pfalz zieht. Da fordert er seinesgleichen gegen ein Pfand heraus und verdient sich auf diese Weise unabhängig von seinem Clan Kapital.“
„Was für Täler?“ hakte Fenris nach.
„Na, Kapitelle! Das sind die Dinger, die oben auf Säulen drauf sind. Vielleicht hat Herr Kulla ja eine Architekturfirma?“
„Kapital ist Geld“, stellte Xolotl richtig.
Ubi nickte diese neue Information ab und erklärte weiter: „Jedenfalls, sobald in einem Turnier Disziplinen auf dem Plan stehen, die nichts mit Stabfechten zu tun haben, ist Herr Kulla immer unter den letzten. Ich meine, klar, er ist noch jung, aber er scheint einfach kein Interesse daran zu haben, sich zu verbessern oder auch nur richtig reiten zu lernen.“
„Ich weiß nicht“, überlegte Xolotl. „Das macht Kulla gerade irgendwie cool, wenn ihn das alles nicht juckt. Findet ihr nicht?“
Ubi und Fenris zuckten beinahe synchron die Schultern. Von klein auf hatten sie gelernt, Erwartungen zu erfüllen. An Kullas Stelle hätten sie sich angestrengt…

„Dann haben wir hier Prinz Xia Thoth“, fuhr Anubis fort. „Wer kennt den nicht! Aber es sind auch ein paar völlig Unbekannte dabei. Hier – Zeus. Wer soll das sein?“
<Lies doch nach!> forderte Fenris´ Geist ungeduldig.
„Hm. Aha. Also: Zeus Alalu scheint nur für den Sport zu leben. Er hat dem Herrscherhaus immer die Treue gehalten, auch während Anzus Thronraub, deswegen lebt er jetzt im Exil und trainiert mit den Alulim zusammen.“
Xolotl runzelte die Stirn.
„Wie kann jemand den Thron des Großen An rauben?“ wunderte sich der Junge. „Ich dachte, dass immer der reichste Clan Herrscher wird.“
Ubi zwickte die Nase des anderen und wackelte dessen Kopf hin und her, als wolle er Xolotls Denkprozesse anregen. „Deswegen war es ja ein Raub!“ erklärte er. „Weil die Alalu eben nicht die Reichsten waren!“
„Ah. Hm.“
<Was hmst du hier rum? Spucks aus!>
„Vater hat Anzu mal gesehen. An der Hofakademie.“
„Was macht er da, wenn er ein Verbrecher ist?“
„Nichts macht!“ mischte sich Fenris ein. „Wird gemacht! Experimente!“
„Du meinst, die machen Experimente an Anzu? Hm, ja, das wäre natürlich eine angemessene Strafe“, überlegte Xolotl laut.
„Anzu nicht qualifiziert, oder?!“ verlangte Fenris von Ubi zu wissen, das Gespräch fort von Politik wieder auf das Turnier lenkend.
„Nein, der ist nicht dabei. Aber wir haben Kirttikah Alulim und Loki Kylin… he, guckt euch das an!“
Xolotl und Fenris beugten sich über das Tablet, dann lachten alle drei laut auf! Der Kylinfürst startete laut dem Eintrag mit einer stattlichen Anzahl Minuspunkte ins Rennen, die er nur sehr schwer wieder aufholen konnte.
„Schlauberger!“ höhnte Xolotl. „Hat versucht, eine manipulierte Lanze einzuschmuggeln!“

Es dauerte nicht lange, da konnten die drei Kinder jeden einzelnen Turnierteilnehmer in natura betrachten. Enlil Alulim führte die Liste der Favoriten mit großem Abstand an. Der zweitjüngste Sohn des herrschenden Hauses war nicht nur ein begabter Athlet, sondern erfreute sich trotz seiner seinem älteren Bruder in nichts nachstehenden Eskapaden größter Beliebtheit in Volk und Adel.
Doch selbst der schlechteste der vierundzwanzig Turnierkämpfer, der Psychologe und Gehirnforscher Madi Enqatl Qat, wurde frenetisch bejubelt. Immerhin gehörte auch er zur unbestrittenen Elite der Rittersportler aller fünfzig Clans.
Xolotl, Anubis und Fenris bewegten sich während der ersten Begegnungen nicht von ihren Plätzen. So viele Eindrücke stürmten auf die Kinder ein, dass sie beinahe dankbar waren, als die große Mittagspause die Spiele unterbrach. Offensichtlich konnte man auch von Ritterturnieren genug bekommen.
„Ich glaube, es war keine so gute Idee, jeden einzelnen Kampf mitzunehmen“, gestand Ubi als erster der drei seinen Freunden. „Esseen wir einen Eisbecher und überlegen uns, welche wir unbedingt sehen wollen und wann wir stattdessen ins Hotel fahren?“
Fenris stimmte sofort zu. Im Hotel gab es genügend Möglichkeiten, sich selbst sportlich zu ertüchtigen. Seine vom Sitzen steifen Glieder hielten das für eine gute Idee. So reagierte der Junge auch nicht sofort, als ihn auf dem Weg zur Eisbar jemand am Rücken berührte. Er zuckte erst zusammen, als sich sechs kleine Finger um sein Haar schlossen.
„Roar!“ brüllte Fenris, was zwar nach Meinung seiner wölfischen Instinkte eine durchaus angemessene Reaktion darstellte, durch die Kapazität seiner Annunakistimmbänder allerdings ins Lächerliche gezogen wurde. Dennoch genügte sein Ausbruch, um ein kleines Mädchen und ihre beste Freundin zu erschrecken und zum Rückzug zu bewegen. In sicherem Abstand von dem Wolfsjungen kicherten die beiden.
<Ich habe es gemacht! Ich habe ihn richtig angefasst!> brüstete sich die eine.
Anubis, Fenris und Xolotl standen zuerst wie versteinert, dann schlug Xolotl die flache Hand vor die Stirn, Fenris verdrehte die Augen und Ubi stöhnte laut.
Das zweite kleine Mädchen trat einige Schritte auf die Jungen zu.
„Du bist der Fenris“, teilte es dem Wolfsjungen mit.
„Weiß“, knurrte dieser.
„Kann ich ein Autogramm haben?“
Bevor Fenris den Mund zu einer Antwort öffnen konnte, hatte sich bereits Xolotl zwischen ihn und das Kind geschoben. „Das kostet was!“ erklärte er. „Ein Kên!“
Obgleich das Kên, der vierte Teil einer Sonnenmünze, die kleinste Münze der Nefilimwährung darstellte, handelte es sich längst nicht um die kleinste vorstellbare Währungseinheit. Im Zeitalter digitaler Transaktionen spielte es nun einmal keine Rolle mehr, wie klein man eine Münze zerhacken konnte.
„Ein Kên ist zu viel“, schmollte das Mädchen.
„Ja, ja“, lenkte Xolotl ein. „Für eine Unterschrift vielleicht. Aber wie wäre es mit einem Photo von dir mit dem allereinzigsten Wolfsjungen von ganz Ajaer Scharutur? Von Fenris eigenhändig unterschrieben?“
Das Kind strahlte! „Das schon eher“, gab es zu.

Wenig später hatte Xolotl seine Arbeitsgenehmigung von Herrn Tyr eingeholt, Anubis einen kleinen Stand in einer wenig genutzten Lounge des Stadions errichtet und Fenris seinen Arm um Dutzende Kinder sowie den einen oder anderen Erwachsenen legen müssen.
Immer wieder lief Ubi mit Xolotl Kamera zu einem öffentlichen Terminal, druckte den aktuellen Stapel Photos aus und legte sie Fenris zur Unterschrift vor.
„Schreibe alles“, erklärte Fenris. „Widmung, Datum… alles.“
„Ohne Mehrkosten!“ fügte Xolotl hinzu und überreichte dem nächsten Kunden, einem Damkinajungen, dessen Eltern amüsiert in der Nähe warteten, sein signiertes Photo.
<Wieso so großzügig?> erkundigte sich Anubis.
<Wenn ich ständig nur meinen Namen hintereinander schreibe, werde ich noch wahnsinnig>, teilte ihm Fenris stumm mit. <Jedes andere Wort ist eine willkommene Ablenkung, selbst, wenn es ‚Aja’ lautet!>
Ubi schmunzelte. Aja war der mit Abstand häufigste Mädchenname der Gegenwart – Fenris hatte ihn heute beinahe so oft wie seinen eigenen schreiben müssen.
„Bitte sehr, Herr!“ Mit diesen Worten händigte Xolotl einem Annunaki, der das Wappen eines Gleichgestellten trug, seine Photographie aus.
„Maaaaaaaaann!“ entfuhr es dem eifrigen Verkäufer dann, als er gar einen echten Sohn des Hauses Damkina schnurstracks auf den Stand zueilen sah. Es handelte sich um einen der Turnierteilnehmer!
Die Kinder wandten sich erwartungsvoll dem neuen Kunden zu, doch dieser machte keine Anstalten, seinen Schritt zu verlangsamen. Er stiefelte geradewegs durch die Lounge und erst, als Ubi dem Nefilim ausweichen musste, begriffen die drei, dass dieser Mann kein Interesse an ihren Diensten verspürte.
<Macht gefälligst Platz, ich muss hier durch!> befahl der Adlige, sich allein seiner geistigen Stimme bedienend. Dann erkannte er Fenris T´ien. Mit beiden Armen um sich schlagend, bahnte sich der Erwachsene weiter seinen Weg, wobei er den Tisch um und den Wolfsjungen zur Seite stieß.
„Igitt! Ich bin allergisch auf Tierhaare!“ hörten ihn die Kinder noch zetern. „Dass so etwas überhaupt frei herumlaufen darf…“
Xolotl sammelte die Photos auf, nachdem das veritable Erdbeben die Lounge passiert hatte.
Nach diesem Zwischenfall erlahmte das Interesse an Fenris-Autogrammkarten zusehends, um schließlich gänzlich zu verlöschen. Was ein Sohn des Hauses und Geschlechtes Damkina, ein Finalist der Ritterspiele überdies, nicht gut hieß, musste man, so schlussfolgerte die Kundschaft, nicht besitzen.

Xolotl, Fenris und Anubis war der Appetit auf Milcheis vergangen. Sie ignorierten ihre knurrenden Mägen ebenso wie den Aufruf zum nächsten Duell. Nebeneinander hockten sie auf einem der Sofas und schmollten jeder für sich allein.
„Dieser Kerl“, meinte Ubi schließlich, „tritt heute Abend gegen Herrn Tyr an. Im letzten Kampf des heutigen Tages. Und er ist stark…“
„Kopf hoch, Jungs“, ertönte da eine Stimme hinter den Freunden. „Was immer euch bedrückt, schluckt es hinter! Weil euch sonst nämlich die Stadionaufsicht rauswirft, wenn eure schlechte Laune in den Äther sickert und ihr allen anderen den Spaß verderbt.“
„Das kann passieren?“ entfuhr es Ubi.
Der Sprecher, seiner Uniform nach ein Hauptmann eben dieser Stadionaufsicht, nickte ernst. „Frau Ninki hat uns gerade vorhin einen unserer Edelknaben vom Gelände entfernen lassen. Sein Favorit wurde im Lanzengang besiegt…“
„Frau Ninki!“ wiederholte Ubi ehrfürchtig. Über all die Aufregung hatten die Kinder völlig versäumt, zur Loge der Herrscherfamilie hinüberzuspähen um zu schauen, was diese wohl nach Prinz Enkis Eröffnungsrede so veranstalteten. Sicher würde der Blick des Erbprinzen Ajaer Scharuturs nicht nur auf seinen beiden am Turnier teilnehmenden Brüdern, sondern auch den Edeldamen des Reiches ruhen. Und das, obwohl er doch zwischen seiner Gemahlin und Halbschwester Ninhursag und der Nebenfrau Ninki, seiner wahren Liebe, saß. Den erwachsenen Töchtern Nanshe und Ninkurra bot der Prinz damit nicht gerade das beste Vorbild… die kleine Ninnisig hingegen würde sich freuen, einfach, weil es ihr Papa tat. Und das sollte das Mädchen auch, fand Ubi, hatte es doch erst vor kurzem eine Entzündung an für die Entwicklung des Äthersinns verantwortlichen Nervensträngen überstanden. Blind für den Äther zu sein oder bei jeder, selbst passiven, Nutzung des sechsten Sinns Schmerzen zu erleiden… Anubis verfügte nur noch über vage Erinnerungen an seine eigenen Kinderkrankheiten, außer, dass er mehr unter der Vereinsamung als den Schmerzen gelitten hatte. Um wieviel mehr musste das erst für ein Kleinkind aus dem Nefilimvolk gelten, die ihren Äthersinn viel selbstverständlicher verwendeten als Ubis Artgenosen!
Anubis seufzte sehnsuchstvoll. Er wusste mehr über die Herrscherfamilie und deren Wehwehchen als über so manchen Nachbarn. Prinz Enkis kleine, aus nur zwei Generationen bestehende Familie erschien dem Heimkind als ein Idyll, in dem nie böse Worte fielen und jeder Kummer durch Zuspruch der mitleidenden Untertanen aufgelöst werden konnte.
Bei all dem, tagtäglich im Rahmen ihrer Herrscherpflichten auf diese Familie einstürmte, so meinte Ubi, war es selbstsüchtig von ihm, sich seinem eigenen Kummer hinzugeben. Doch was sollte er tun? Die Enttäuschung wollte nicht sich nicht so einfach verflüchtigen, nur, weil Anubis T’ien sie als nicht zielführend definiert hatte.
„Frau Ninki sitzt doch viel zu weit weg von uns!“
Ein vollständiger Satz aus Fenris Mund! Ubi lächelte. Der Freund wollte seine Befürchtungen zerstreuen, doch das funktionierte nur unzureichend, denn Xolotl widersprach sofort: „Aber solche Idioten wie der von vorhin sitzen überall um uns herum.“
<Ihr hattet Ärger mit Kurra?> hakte der Hauptmann nach.
Die T’ien-Kinder verstanden den gesendeten Namen nicht, wohl aber erkannten sie die dahinterstehende Präsenz. Sie sahen auch, dass der Damkina-Adlige mit sich rang, ob er seiner Frage einige erklärende Worte hinzufügen sollte. Letztlich entschied sich der Mann dagegen. Es genügte, den Kindern vermittelt zu haben, dass Kurras Verhalten niemand in den eigenen Kreisen überraschte, sehr wohl aber übel aufstieß.
<Das müssen die hohen Herrschaften unter sich ausmachen.>
Ubi zuckte zusammen. Ein Tag genügte bei weitem nicht, sich daran zu gewöhnen, dass die Herren in diesem Haus über anderen Herren als den „hohen Herrschaften“ sprachen!

Sekunden später schoss ein gelblichbraunes Fellknäuel auf Ubis Knöchel zu. Ohne Vorwarnung verbiss es sich in die Thermostiefel des Jungen, wobei es auch die Schnürsenkel aus den Augen ließ. Ubi vermutete stark, dass das Tier nicht oft in seinem Leben echte Schnürsenkel zu sehen bekommen würde. Vielleicht sicherte man in einem derartig reichen Haus wie Damkina das eigene Schuhwerk ja über eine Kraft-Äther-Kopplung oder sonstige Verrücktheiten…
„Da bist du ja wieder, Prinzessin!“ rief der bei den Kindern stehende Edelmann erfreut aus.
Xolotl grinste. „Sie ist eine Prinzessin?“ Er beugte sich vor, um dem Tier über das Fell zu streicheln. Die Berührung genügte, um die Prinzessin von Ubis Stiefeln abzulenken und völlig auf den anderen Knaben zu fixieren.
„Ein Löwenhund“, erkannte Fenris. „Ganz jung!“
„Na, ich weiß nicht“, murrte Ubi. „Zähne hat sie schon wie eine Große.“
Der Junge strich prüfend über sein Schuhwerk und bewegte seine Fußgelenke. Keines von beiden hatte Schaden davongetragen.
„Sie spielt gern“, erklärte der Hauptmann den Kindern. „Aber wenn sie einmal zubeißt, weil sie über etwas sauer ist, dann richtig!“
„Und was wäre das, Herr?“ erkundigte sich Xolotl vorsichtig.
„Oh, nicht viel. Prinzessin ist eigentlich sehr pflegeleicht. Nur der Duft von Lahmusmoos macht sie ganz nervös.“
Der Erwachsene plauderte noch eine ganze Weile mit den hausfremden Kindern, doch von allem, was sie an diesem Tag erfuhren, würden sich die drei nur diese eine Information auch noch viele Jahre später gemerkt haben. Denn kaum, dass Mann von der Stadionaufsicht weitergezogen war, liefen die drei T´ien-Angehörigen seinem Fürsten erneut über den Weg, dem Mann, der ihren Verkaufsstand und ihre gute Laune ruiniert hatte.

Der Wettkämpfer befand sich inmitten einer Traube von Fans, wohlmeinenden Verwandten und gestressten Bediensteten. Auf der Suche nach ein wenig Privatsphäre zog sich Kurra in eben jenes Cafe zurück, in dem Xolotl, Fenris und Anubis beschlossen hatten, nun doch noch etwas zu sich zu nehmen. Hier errichtete er einen Ätherschild um seinen Geist und zog sich so weit wie möglich aus diesem Medium zurück. Sekundenlang schloss der Nefilim auch seine Augen, doch da jene der Weltöffentlichkeit auf ihn gerichtet waren, durfte er sich nicht lange auf diese Weise gehen lassen. Daher blieb es bei dem Ätherschild.
Über ihre mit Pilzlimonade gefüllten Gläser hinweg und durch die Blätter eines Stubenfarns hindurch konnten die Hügelzwerge den Adligen gut beobachten, ohne selbst von diesem bemerkt zu werden.
Ubi biss herzhaft in einen Krapfen. Nachdenklich leckte er die Joghurtcremefüllung von den Zähnen, dann fragte er in die Runde: „Die Prinzessin, Leute! Was meint ihr? Ob sie wohl auf Brautschau ist?“
Was einem eventuellen Mithörer entging, war das Bild, welches der Annunakijunge dabei mit seinen in klebrigen Zuckerguss getränkten Fingern auf den Cafetisch skizzierte. Es handelte sich um einen jungen Löwenhund.
„Kann nicht sagen“, erwiderte Fenris. „Ist jung.“
„Und sie ist steht nicht gerade besonders weit oben in der Rangordnung“, ergänzte Xolotl.
Kurra Damkina horchte auf. Kannte er diese raue, tiefe, sich dabei aber so kindlich ausdrückende Stimme nicht irgendwoher? Natürlich! Das konnte nur die Kreatur dieses verrückten Wissenschaftlers sein! Worüber sprach das T´ien-Maskottchen? Über die Prinzessin seines Clans? Der Adlige hatte Prinz Bodo T’ien nicht unter den Gästen gesehen und ging daher auch nicht von der Anwesenheit seiner Zwillingsschwester aus. Aber es mochte durchaus sein, dass der kleine Hundeclan noch über eine jüngere Tochter verfügte. So genau kannte sich der Hochadlige nicht in den Familienangelegenheiten der Clans am unteren Ende der Börsentabelle aus. Eine Prinzessin also… die Tochter eines Patriarchen… Zugegeben, eines minderen Patriarchen, doch es konnte nie schaden, sich eines der kleinen Häuser durch Heirat zum Vasallen zu machen!
„Aber umso begehrenswerter, bedenkt man, dass noch kein Begatter bei ihr landen konnte“, fuhr Xolotl gerade fort.
„Xolotl! Pass auf deine Worte auf!“ rügte Anubis den Freund.
Sein Freund ist ebenso respektlos wie der Freak, schoss es dem Damkina-Athleten durch den Kopf. Von einem Hundewelpen hätte ich zumindest eine gewisse Einsicht in seine Erziehung erwartet. Aber nein, die Blagen haben sich auf dem Territorium meines Hauses breitgemacht wie Straßenräuber. Ich werde Tyr nachher auf seine Rabauken „ansprechen“ müssen.
„Wieso keinen will?“ hakte Fenris ein.
„Wieso die Prinzessin noch niemand an sich rangelassen hat?“ vergewisserte sich Ubi. „Weil sie eine Dame ist! Man muss sie erst umwerben.“
„Viele haben ihrem Herrn teure Geschenke gebracht“, warf Xolotl ein. „Darunter ihre Lieblingsblumen!“
Bisher hatten die Kinder sich streng an die Wahrheit gehalten. Auch diese letzte Information war keine Lüge. Prinzessins Besitzer lies es sich gut bezahlen, seiner Kleinen den eigenen Deckrüden eingedenk späterer gemeinsamer Aktivitäten vorzustellen.
Ubi winkte ab. „Ja, schon. Aber die Blumensträuße zerfetzt sie doch eh bloß.“
Na, holla, was für ein Biest von einer Frau! durchzuckte es Kurra. Als er dann auch noch hörte, dass die Prinzessin beim Duft von Lahmusmoos „so richtig abging“, fuhr er sich mit der Zunge über die Zahnreihen. Natürlich konnte man einer Edelfrau kein Moosbüschel schenken, ein mit Lahmusmoos gebundener Blumenstrauß hingegen, das befand sich sehr wohl im Rahmen des möglichen.
Kurra Damkina tippte etwas in sein Armbandtelefon ein. Wenig später erschien sein Knappe mit dem gewünschten Strauß.
Als der Erwachsene sich anschließend neben ihrem Tisch aufbaute, blieben die Kinder beherrscht.
Den mit dem Lieblingsruhebett des Kriegsgottes gebundenen Strauß für die Verführung der Unerreichbaren im Arm, verlangte der Damkina-Fürst, der Prinzessin vorgestellt zu werden.
„Ich weiß nicht, ob wir das dürfen“, meinte Xolotl. „Wir kennen sie doch kaum!“
<Keine Widerrede! Ihr tut, was ich sage, oder euer General wird von mir hören!> „Und haltet euch ran, ich habe heute noch einen wichtigen Kampf vor mir!“
„Na… na gut, Herr“, wand sich Xolotl unter dem Druck des Hochadligen. „Wir zeigen euch, wo sie wohnt…“
„Aber wir kommen nicht mit rein!“ erklärte Ubi trotzig.
<Das möchte ich Euch auch nicht geraten haben!>

*

Am späten Abend desselben Tages stand einer von drei Nachtkämpfen des Eröffnungstages an. Wieder war das Stadion bis auf den letzten Platz besetzt und auch die drei T´ien-Jungen saßen in ihren reservierten Sitzen.
„Meine Herren und Damen, Männer, Frauen und Kinder!“ ertönte die Stimme eines Zeremonienmeisters. „Ich darf Euch alle herzlich begrüßen zu…“
„Nein, nein und nochmals nein!“ mischte sich die Stimme eines anderen Mannes ein, dann fügte der Sprecher erklärend hinzu: „Oh, entschuldige, Mann, aber mir steht es bis hier mit dem Gewimmer meines Patienten!“
Geistesgegenwärtig schalteten die Stadiontechniker sämtliche Fernsehschirme auf jene Kamera um, welche den Athleteneinlauf im Auge behielt. Hier diskutierten ein genervter Chirurg und sein Patient heftig gestikulierend miteinander. Letzterer bediente sich dabei nur einer Hand, während die andere in einem dicken Wundverband steckte. Es handelte sich um Kurra Damkina, den Ritterkämpfer, der unter einer Tierhaarallergie litt.
„Du weißt genau“, beschwerte sich der Verwundete, „dass ich in diesem Zustand nicht antreten kann, Vetter! Ich wurde…“
„Vom bösen, bösen Löwenhund gebissen, ja, ich weiß“, grinste der Vetter, welcher die Funktion des für die Athleten zuständigen Chefmediziners inne hatte. „Pass mal auf! Ich werde nicht ins Detail gehen, weil unsere Journalisten ebenso wie die Hofreporter in diesem Moment jede einzelne Kameralinse auf uns beide gerichtet haben werden. Deswegen sage ich nur so viel: deine Wunde hast du <Tierquäler> dir unehrenhaft <und nicht zu vergessen durch zu den Himmeln schreiende Blödheit> zugezogen. Dafür gibt es keine Entschuldigung und erst recht keinen Ausgleich. Du wirst daher so, wie du bist, gegen den General antreten. Tyr T´ien wurde bereits mitgeteilt, dass er unter keinerlei Verpflichtung zur Rücksichtnahme dir gegenüber steht. Wenn dir das nicht schmeckt, bitte, dann gib einfach auf und zieh dich für heute zurück! Es war, bei den Himmelsgöttern unserer Ahnen, ein anstrengender Eröffnungstag für uns alle!“
Der Damkina-Athlet murmelte etwas, fügte deutlichere „Worte“ im Äther hinzu, doch dann nickte er grimmig.
„Ich trete an.“
Erneut erklang die Stimme des Zeremonienmeisters: „Da das nun geklärt wäre, darf ich dem hochverehrten Publikum voller Stolz ankündigen: Das Duell der Einhändigen!“
Xolotl, Anubis und Fenris jauchzten vor Vergnügen! Dem auf diese Weise vorgeführten Kurra fehlte die Übung, mit nur einer Hand erfolgreich zu kämpfen. General Tyr hingegen bot einen alles andere als lächerlichen Anblick, als er mit seinem Duellstab die Arena betrat. Er blickte kurz in die ungefähre Richtung, in der die Kinder saßen, dann konzentrierte er sich auf die vor ihm liegende Begegnung.
„Es ist völlig egal, ob Herr Tyr es in diesem Turnier zum Sieg bringt, oder nicht“, fasste Ubi die Meinung der drei Knaben zusammen. „Er muss lediglich diesen Kerl da unten fertig machen, dann bin ich zufrieden.“
Und das tat der T´ien-Adlige dann auch.
Fenris nickte zufrieden, als Tyr sein Siegeszeichen überreicht wurde.
„Manchmal kleine Siege Schönste“, bestätigte er Ubis Einschätzung.

*

2.492. Zurück in der Gegenwart.
Ehemaliges Militärgefängnis des Löwenadler-Clans.
Sammellager für die nach Ki zu verschiffenden Sträflinge.

„Bin sicher, Wölfe keinen Winterschlaf halten“, scherzte Fenris am Frühstückstisch des Wachpersonals. Die Aufseher saßen zwar um ihre eigenen Tische, jedoch im selben Saal wir die für den Flug in die Kolonien ausgewählten Strafgefangenen.
„Und ich bin mir sicher, dass ich im Leben nie zuvor die Reste des Sträflingsessens verputzt habe – oder falls doch, und ich habe es bloß vergessen, dann habe ich mir auf gar keinen Fall so wie heute die Finger danach geleckt!“ erwiderte ein Mann namens Lugal-irra Meslam. Lugir hatte das Höchstalter für den Flug nach Ki beinahe erreicht, galt jedoch aufgrund seiner immensen Erfahrung als zu wertvoll, um ihn im Dreisternsystem zurückzulassen.
Anubis nickte. „Qat und Sedit haben sich nicht lumpen lassen mit ihrer Spende. Aber was ich eigentlich sagen wollte, nochmal wegen der Winterschlafsache: Fenn und ich haben uns den Auswahltests für ‚Schusar’ freiwillig und in dem Bewusstsein unterzogen, dass der Kälteschlaf Teil dieses Abenteuer würde. Viele der Gefangenen hingegen…“
Unvermittelt stellten sich Fenris´ Nackenhaare auf. Mit einem Satz war der Wachsoldat von seinem Stuhl aufgesprungen, um sich auf einen der Sträflinge zu stürzen. Im nächsten Moment traf ihn ein Tablett am Hinterkopf.
„Nun ist es aber mal gut!“ beschwerte sich eine weibliche Stimme. „Wir haben den Verschiffungsvertrag doch bereits unterschrieben. Kein Grund, ihn weiter zusammenzuschlagen!“
Im nächsten Moment knallte Kisin Alulims Peitsche. Sie traf das Tablett mit solcher Wucht, dass es der Gefangenen aus der Hand geschleudert wurde. Überrascht stellte die Annunaki fest, unverletzt geblieben zu sein. Lediglich ihre Hände zitterten etwas.
Anubis erhob sich. Er trat auf seinen Jugendfreund zu, der sein Opfer nun einfach nur festhielt, unfähig, sich zwischen seiner Wärterpflicht und dem Jagdtrieb zu entscheiden.
„Es ist besser, ich bitte darum, dir bis zum Start einen langweiligen Schreibtischjob zuzuteilen“, meinte Anubis.
„Ja.“ Der Wolfsmann blinzelte. Seine Ätherpräsenz verriet, dass er diese Arbeit als angemessene Strafe für seinen Kontrollverlust empfand. Die so manchen der Sträflinge angesichts der jahrelangen Lahmlegung ihrer Lebensfunktion beherrschende Todesangst hatte wieder einmal in Fenris hervorgebracht, was selbst eiserne Disziplin nicht vollständig im Zaum halten konnte.
„Über eins bin ich mir jetzt sicher“, murmelte der von Fenris Überfallene, nachdem er sich aufgerappelt hatte. „Der Kühlschrank ist es nicht mehr, der mir die meiste Angst einjagt!“
Kisin sah sich gezwungen, dem Verbrecher zuzustimmen: „Das kann ja etwas werden auf Ki! Na, zumindest ist Fenris der einzige seiner Art. Etwas ähnliches wird es nie wieder geben.“

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