Der Schildoffizier

(Dritte Erzählung aus der Reihe „Die Kinder des Schusarvogels“)

Kapitel I

Ajaer Schrutur, das neue Reich unter drei Sonnen.
Im 1774. Regierungsjahr des Großen An (also 1864 Anu).

Es herrschte Krieg zwischen zwei Clans, dessen Domänen der normale Bürger eines hochadligen Hauses, ja selbst eines der besser gestellten niederadligen, nur mit Mühe auf der Landkarte fand. Mittelstreckenraketen waren da intelligenter, doch die gab es in den Häusern T´ien und Airavata nicht in ausreichender Menge, denn sie waren nun einmal arm. Was sie aber besaßen, das war typisch für arme Regionen, war eine Menge Kinder. Es wurden andauernd mehr, obwohl doch so viele Leute starben. Und weil so viele starben, stieg auch die Anzahl an Waisen im Land. Doch der Annunaki ist ja ein pfiffiges Kerlchen und so kam man auf die Idee, einfach die Kinder an die Front zu schicken. Damit war man gleich zwei Probleme los, nämlich, sich um sie kümmern zu müssen und, wer denn als nächster stürbe.
Auf Anur, im Ring der Leuchtenden und in zivilisierten Teilen Enuns aber verkündeten die Zeitungen empört, welcher Rennreiter sich von seiner Frau Hörner aufsetzen lies und ähnlich wichtige Dinge. Kinder weinten nach Schulschluss, weil ihre gebraucht gekauften Kittel das Muster vom vergangenen Enunzyklus aufwiesen. Andere Kinder lachten – aus demselben Grund und zwar über die jene unmodischen Kittel tragenden Altersgenossen.
Aja-kur T´ien hingegen trug anstatt eines Freizeitkittels ein langes Krankenhaushemd und hatte bereits zum dritten Mal an diesem Tag keine Tränen mehr.
Das Annunakimädchen biss die Zähne zusammen, bis sich ihr Mund und das ganze Gesicht ebenso verkrampft anfühlten wie ihr Unterleib. Was hier geschah, war so völlig gegen jeden ihrer Instinkte, dass sie nur schwer damit fertig wurde. Wenn einer verwundet war, dann durfte er sich normalerweise nur möglichst wenig bewegen, damit nicht noch mehr Blut verloren ging. Doch im Falle der Einhundertfünfzigjährigen musste das ganze Blut raus. Sie litt ja an keiner Wunde, sondern durchlebte einen Vorgang, der sich von nun an regelmäßig wiederholen würde.
Aja-kur lag im Lazarett, weil sie gesund war.
Der Schildfähnrich hatte sie gedeckt und für ein Krankenbett gesorgt, aber das konnte er nicht jedes Mal tun. Das Kind zitterte wie von einem echten Blutverlust. Wie sollte nun mit ihr weitergehen? Was, wenn ES mitten im Einsatz wieder passierte? Kämpfen konnte sie so nicht mehr. Für nichtkämpfende Frauen aber gab es in einem Militärlager keine besonders angenehmen Jobs.
Die Augen des Kindes/der jungen Frau füllten sich mit Tränen. Es stimmt nicht, was der Schildfähnrich ihnen einredete, dass Mädchen nämlich genauso gut wären wie Jungen. Es half auch nicht, dass ein Gesetzestext dasselbe behauptete. Es war eine Lüge und die alten Männer hatten recht. Allein schon ihre Biologie machte Mädchen zur minderwärtigeren Hälfte der Annunakiheit.
Als die rote Sonne versank, wusste Aja-kur nicht, ob sie den Stern wiederzusehen wünschte.

*

Am nächsten Morgen:

Das Militärlager T´iens, in dem Aja-kur lebte, befand sich in einer in den Atlanten als Niemandsland eingetragenen Region zwischen T´ien- und Airavataterritorium.
Mit dem Versiegen einer warmen Meeresströmung während des jüngsten Durchgangs Omens durch das Dreisternsystem hatte sich das Klima in dieser Region verändert und sie letzten Endes als unfruchtbares Ödland zurückgelassen. Die wenigen Oasen in der so entstandenen Wüste waren zum Zankapfel zwischen den Häusern T´ien und Airavata geworden. Einer der beiden Clans war zuviel in der Gegend und der Streit darum, um welchen von beiden es sich dabei wohl handelte, war damals rasch in eine heiße Phase eingetreten.
Seit Ischum und Schoramael T´ien denken konnten, befand sich das umstrittene Gebiet fest in der Hand des Zahnclans, doch vor kurzem hatte sich das geändert. Jemand – die Spekulationen reichten von einem Verbannten über einen in Ungnade gefallen Höfling bis zum Erbprinzen selbst – hatte dem Hundeclan Geheiminformationen zugespielt, mittels derer es General Tyr ein Leichtes gewesen war, die eigenen Besitzansprüche an dieser Region vor dem Hof glaubhaft zu untermauern. Airavata hingegen dachte nicht daran nachzugeben. Aus diesem Grund wurde erneut gekämpft und für die beteiligten Annunaki wurde ein Vergnügen für die ganze Familie daraus…
Leutnant Schoramael T´ien klappte seine Atemmaske hoch und sog die ihn umgebende Luft des neuen Morgens ein. Ein heißer Wüstenwind drang in seine Lungen, doch der Annunaki hieß selbst die feinen Staubpartikel willkommen, die er mit sich trug.
<Echte, sauerstoffhaltige Luft! Das einmal als Luxusgut zu empfinden, hätte ich mir nie träumen lassen.>
Aufgrund des massiven Einsatzes von Aerosolbomben war die Luft im umkämpften Gebiet dünn geworden, die Winde unberechenbar. Erst nachdem zwei der von den kriegführenden Parteien so bitter benötigten, ans Niemandsland angrenzenden Siedlungen unbewohnbar geworden waren, hatten die Offiziere einen Pakt geschlossen, der die weitere Anwendung solcher Waffen ausschloss. Zuwiderhandlungen würden durch das Hofgericht geahndet werden und jeder wusste, dass Haus Alulim nicht nur diese Region, sondern die Häuser T´ien und Airavata gleich mit einsacken konnte, indem der Clan lediglich ein paar seiner Nefilimrekruten in ausgemusterten Kampfjets aussandte.

„Wie viele Verwundete?“ erkundigte sich Schoramael auf seinem Gang durch das Zeltlager. Ischum, ein junger Schildkapitän, der sich auf dem besten Wege zum ordentlichen Offiziersrang befand, bediente sich des Äthersinns für seine Gegenfrage: <Wollt Ihr die Zahl wirklich hören?>
<Nein, will ich nicht. Gib´ mir nur eine Einschätzung der Lage.>
Schoramael trainierte Ischums Kriegskunst mit Fragen wie diesen, bildete ihn für jenen Tag aus, an dem sich der Jüngere die für den Besuch der Offiziersakademie notwendigen Finanzmittel und Fürsprecher in den höheren Offizierskreisen erarbeitet haben würde.
„Nicht genug, um nicht noch einen letzten Schuss Hoffnung zurückzubehalten, unsere jüngste Neueroberung halten zu können“, sagte Ischum. „Ich wünschte beinahe, die Verluste wären höher gewesen und wir könnten uns zurückziehen. Airavata treibt uns in Richtung Flugfeld zurück. Aber ohne die Siedlungen hier bleibt uns nur noch die Hauptstadt auf diesem Planeten, von daher ist ein Rückzug völlig indiskutabel. Ich war mir noch nie zuvor so uneins mit mir selbst, Leutnant!“
„Mit Haus Vayus Hilfe werden wir es schon schaffen“, mutmaßte Schoramael mehr, als dass es seiner fundierten Analyse der Lage entsprungen wäre.
„Und wenn der Affenclan nun nicht nur uns unterstützt, sondern Airavata ebenso?“ warf Ischum ein. „Es ist zum Ratzenabschuppen! Wir verfügen über Baupläne für Schaltkreise und Gehäuse, die denen Vayus weit voraus wären, besäße T´ien die Mittel, diese Modelle auch tatsächlich zu bauen! Aber selbst dann fehlte es uns an den Männern, all diese Fahrzeuge auch zu bemannen.“
„Geholfen wäre uns, rückte der Hof von seinem Bann unbemannter automatisierter Kriegsmaschinen ab“, meinte Schoramael. „Offiziell heißt es, sie nähmen dem Krieg die Ehre und verschleierten seine Schrecken. In Wahrheit fürchtet der hohe Adel doch nur, dass mit dem Wegfall dieser Schrecken die Hemmschwelle für neue Kriege sinkt, in denen die bisherige Rangfolge der ersten fünfzehn Häuser durcheinandergewirbelt werden könnte.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen. Und solange sich diese fünfzehn Clans einig sind, geht der niedere Adel bei jeder Abstimmung vor dem Hoftag unter.“
Schoramael zupfte Ischum am Ärmel. Er deutete auf den Horizont und die sich dort abzeichnende Fahrzeigkolonne.
<Vayu>.
„Verdammnis!“ zischte Ischum. „Verbündete hin oder her, wenn sie so auf einen zugefahren kommen, fühlt man sich wie auf dem Präsentierteller sitzend…“

*

Schildfähnrich Zahrim hatte an diesem Morgen dem Militärlager den Rücken gekehrt, um im nahegelegenen Dorf seinen dienstfreien Tag zu genießen. So zumindest lautete seine Order. „Genießen“ und „dienstfrei“ passten eigentlich nicht zusammen, wenn diese Worte auf Zahrim T’ien bezogen werden sollten. Dem Schildoffizier lag seine Kindertruppe am Herzen, was seinem Weltbild nach darauf hinauslief, sie so schnell wie möglich zu Untertanen des Hauses heranzuziehen, die zwar noch wie Kinder aussahen, aber keine mehr waren. Im Prinzip also dasselbe, was das Ziel jeder Erziehung war. Die Zivilisten wussten den Sachverhalt lediglich besser zu umschreiben.
Momentan hetzte der selbst noch junge Schildoffizier einer Katze nach. Das Tier hatte sich Zahrim, ohne dass er unter dessen Schwanz hatte schauen müssen, als Kater verraten: Es hatte freundlich getan, seinen Körper präsentiert und sich streicheln lassen, doch als Zahrim dezent vorgeschlagen hatte, die gemeinsame Beziehung zu intensivieren und zusammen zu ziehen, hatte es in einem Anfall von Panik das Weite gesucht. Oder in diesem speziellen Fall eher das Hohe, denn der Kater hatte seine Schwingen entfaltet, Zahrim angefaucht und sich hernach in die Lüfte erhoben.
Katze voran und Zweibeiner hinterher entfaltete sich eine wilde Verfolgungsjagd am Dorfrand.
Die Natur hatte so ziemlich alles, was in Enuns Tierreich Rang und Namen hatte, mit Flügeln ausgestattet. Lediglich beim Annunaki und dessen Vettern, den Nefilim, hatte sie es versäumt. Wie zum Ausgleich dafür hatte sie die Primaten mit Cleverness sowie Einsicht in seine Lage ausgestattet. Zahrim gab daher sein sinnloses Gerenne recht bald auf. Weder keuchte der Schildoffizier, noch schmerzten seine Glieder. Bei einem harmlosen Streich, wenn nichts auf dem Spiel stand, an die Grenzen des Leistungsvermögens zu gehen, erschien ihm nicht nur dumm, sondern war dem Schildoffizier schlicht und einfach nicht mehr möglich, seit er etwas Erfahrung im Feld gesammelt hatte.
„Doofes Vieh!“ murrte Zahrim. „Du wirst noch an mich zurückdenken, wenn wir aus der Gegend verschwunden sind und die Dorfleute sich wieder dreimal überlegen müssen, was auf den Grill kommt! Aber dann wird es zu spät sein!“
Zahrim kickte einen kleinen Stein vor sich her.
„Ehrlich mal, bei uns wäre es dir gut ergangen…“
Man müsste mit den Tieren sprechen können, so vernünftig wie mit Leuten, überlegte Zahrim. Oder auch nur über den Äther, ohne Sprache und Vernunft, nur die Gefühle austauschend.
In den Geschichten aus alter Zeit verfügten die Helden über noch phantastischere Fähigkeiten. Leutnant Schoramael behauptete sogar, dass all diese Zaubertricks Funktionen des Äthersinns darstellten, die in der Gegenwart nicht mehr bekannt waren. Entweder, die Hexer hatten ihr Wissen mit ins Grab genommen – denn damals verscharrte man Personen in der Erde wie den Hausmüll – oder der Äthersinn wurde aus irgendeinem Grund beständig schwächer.
Natürlich halfen derartige Überlegungen weder Zahrim, noch seiner Kindertruppe oder dem Kater, der sich auf einem knorrigen Baum sitzend das Fell putzte. Zahrim und das Tier warfen sich einen letzten Blick voller gegenseitiger Abscheu entgegen, dann machte der Annunaki auf dem Absatz kehrt und begab sich zurück ins Dorf. Dabei überlegte der Schildoffizier angestrengt, ob es erfolgversprechender sei, auf seinen Rang zu pochen, oder lieber sein Alter in Kombination mit einem Hundeblick ins Feld zu werfen, um ein kostenloses zweites Frühstück abzustauben. Die auf dem Weg zum Camp befindlichen Militärtransporter nahm Zahrim nur aus den Augenwinkeln wahr.

*

Aja-kur musste doch geschlafen haben, denn auf einmal war draußen vor dem Fenster der Morgen heraufgedämmert. Automotoren waren zu hören, laute Rufe, Fußgetrappel und einmal sogar ein Schuss aus einer Pistole, aber wohl nur, weil sich jemand Gehör zu verschaffen suchte.
Das Mädchen glaubte trotz des Chaos nicht an einen Angriff. Es wollte die Augen schon wieder schließen, doch plötzlich drangen fremde Männer in die Lazarettbaracke ein. Sie blickten sich wie suchend um und dann sah Aja-kur, wie ein verwundeter kleiner Junge aus seinem Bett gehoben wurde. Bei einem blieb es nicht: Die Eindringlinge nahmen sich gezielt jüngere Soldaten vor, ließen sich nicht auf eine Auseinandersetzung selbst mit den kampfunfähigsten Erwachsenen ein.
<Solche Feiglinge!> dachte das Mädchen.
Fremde Hände griffen auch nach Aja-kur, aber sie wehrte sich. Sie war ja nicht wirklich krank, kein leichtes Opfer!
„Alles wird gut!“ hörte sie eine Frauenstimme über sich, was erst recht die Alarmglocken in Aja-kurs Geist schrillen lies. „Alles wird gut“ sagte man nicht, und wenn doch, dann meinte man es als tröstende Lüge.
„Zahrim!“ brüllte sie aus ganzer Kraft. „Zaaaaah-rieeeeeem!“
Über die Mischung aus Unsicherheit, Furcht und – seitens der Fremden – Entschlossenheit hinweg erhob sich mit einem Mal die geistige Stimme eines T´ien-Soldaten:
<Dein Äthersinn, Kind! Hör auf den Äther! Die wollen euch nichts tun!>
„Du hast ja Fieber!“ schrie ein Junge zurück, der sich unter seinem Krankenhausbett versteckte. Von dort aus stieß er eine Bettpfanne in Aja-kurs Richtung. Das Mädchen fing sie ab, umschloss den Griff fest und zögerte nicht lange, die improvisierte Waffe zum Einsatz zu bringen. In der selben Sekunde floss das erste Blut in dieser Schlacht: Aja-kurs eigenes und zwar aus einer Wunde, die erst mit der Menopause heilen sollte.

*

„Zahrim“, sinnierte Schildoffizier Kidu Vayu, nahm seinen weißen, das Wappen des Affenclans zeigenden Helm ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine weißuniformierte Truppe war es weder gewöhnt, noch hatte sie damit gerechnet, zu kämpfen. Schon gar nicht in einem Lazarett und gegen jene, die zu retten sie sich in die Wüste aufgemacht hatten!
„Dieser Schildfähnrich Zahrim scheint so eine Art Schutzengel der Kinder zu sein. Sie vergöttern ihn.“
Der Vayu-Leutnant schüttelte den Kopf. „Wenn er den Kindersoldaten das Leben erleichtert, unterstützt er nur das System. Nein, Kidu, gegen derartige Verbrechen hilft nur gezieltes Vorgehen auf höchster Ebene, am besten endlich einmal durch den Hof zu Anur! Dennoch würde ich mir den Mann gern einmal ansehen, mit ihm sprechen.“
Kidu erklärte, er komme hier auch allein klar, nun, da den Kindern allmählich klar wurde, in ihrem mutmaßlichen Gegner in Wirklichkeit Verbündete zu besitzen.
<Vayu und T’ien sind jetzt Verbündete>, erklärte ein Jugendlicher aus seinem Bett heraus. „Die Vayu bringen euch nach Hause“, „In neue Zuhause. Alle, die noch keine drei Enunzyklen alt sind.“
Kidu trat auf den Jungen zu, der zwar kein Kindersoldat im Wortsinn mehr war, seiner Meinung nach allerdings überall anders hingehörte als ins Feld. <Wie alt bist du?>
„Drei Komma acht, Herr.“
Kidus Vorgesetzter schüttelte den Kopf. „Du hast vergessen zu fragen, Kidu!“ wies er den Annunaki an. <Und wenn es dir wieder einfällt, sind wir schon zu weit weg von hier, als dass eine Rücksendung des Jungen noch wirtschaftlich vertretbar wäre.>
Während Schildleutnant Kidu fortfuhr, jeden einzusammeln, der vage den Eindruck erweckte, seinen dritten Enunzyklus noch nicht vollendet zu haben, schritt sein Vorgesetzter auf die Kommandobaracke der T’ien zu.

Mit dem hiesigen Leutnant gab keine Probleme. Nachdem Schoramael T’ien der schriftliche und gesiegelte Beweis dafür vorlag, dass seine Regierung zugestimmt hatte, eine bestimmte Anzahl Kindersoldaten zu entlassen und Pflegefamilien in den Domänen Vayus zuzuführen, kooperierte der Mann anstandslos.
„Ich bin kein hausloser Söldner, Leutnant Vayu“, erklärte Schoramael. „Wenn mein Clan etwas von mir verlangt, dann tue ich das und feilsche nicht lange.“
Der Vayu-Adlige berichtete kurz vom Fortgang der Operation und der verrückten Schlacht im Lazarett, während der Bettpfannen samt Inhalt zum Einsatz gekommen waren. Pflichtschuldig kicherte der Annunaki.
Auf die Frage nach Schildfähnrich Zahrims Aufenthaltsort wusste Schoramael T´ien allerdings auch keine Antwort zu geben.
„Ich suche ihn selber, um ihm das hier sofort zu überreichen“, erklärte er dem Nefilimleutnant, auf eine auf seinem Klapptisch bereitliegende Belobigungsurkunde samt dazugehöriger Medaille weisend. „Aber nach Dienstplan braucht Zahrim erst morgen wieder im Camp zu sein. Nicht, dass man in der Siedlung viel mit seiner Freizeit anstellen köntte – da unten ist der Hund nämlich gleich doppelt verreckt.“
„Erst morgen? So lange können wir leider nicht warten. Schade.“
<Herr?> signalisierte Kidu von draußen. <Wir wären dann hier soweit, Herr Leutnant.>
Der Vayu-Adlige nickte Schoramael zu und verlies das Zelt.
Der Annunakileutnant blieb allein zurück. Nicht ohne Stolz strich er über das Schreiben vom Oberkommando. Immerhin war neben Ischum auch Zahrim sein direkter Untergebener, Schüler und, so hoffte Schoramael zumindest, Freund. Es war manchmal schwer, zu wissen, was in dem Jüngeren vorging, ob ihm außer seinem Spähpanzer überhaupt irgendjemand etwas bedeutete. Schildfähnrich Zahrim hatte keine Familie außer den Armeekindern. Dass er überhaupt Zeit im Dorf verbrachte, war schon ungewöhnlich. Das Dorf verfügte über keinen Netzwerkanschluss und in die Bar lies man … ihn … nicht. Dem Leutnant schwante Schreckliches! Zahrim wurde nicht in die Bar gelassen, weil er zu jung war!
„Heiliger Hundesohn in Lahmus Kriegshalle!“ entfuhr dem Annunaki ein besonders hässlicher Fluch. „Sie werden doch nicht..!“
Er stürmte vor die Tür, das Schlimmste befürchtend…

*

Wenige Minuten später passierte der Konvoi des Hauses Vayu das Dorf, wo der Lastwagen mit den Kindern noch einmal anhielt. Ein dienstfreier T’ien-Soldat führte einen etwa neunzigjährigen* Knaben zum Dorfrand und dem dort wartenden Fahrzeug. Der Junge blickte sich verwundert um, doch er stellte weder Fragen noch sträubte er sich.
Das Kind kletterte in den Transporter, wo es seine Kameraden vorfand. Soweit, so normal.
Es war nicht das erste Mal, dass man die Armeekinder ohne Vorwarnung zu diesem oder jenen Einsatz abkommandierte, aber Zahrim T’ien hatte immer zumindest erfahren, worum es denn nun eigentlich ging. Diesmal war alles falsch: Der Fahrer in seiner weißen Uniform schien ein Wappen in fremder Farbgebung, glücklicherweise aber nicht Airavata, zu tragen. Nur die Hälfte der Kinder trug Uniform und die Zusammenstellung der Truppe folgte keiner für Zahrim nachvollziehbaren Logik.
Doch bevor er seine nagenden Zweifel äußern konnte, saß der Annunakijunge schon zwischen seinen Leuten. Einige der Kinder steckten noch in Wundverbänden, anderen fehlten Stiefel, und Ausrüstung jeglicher Art war noch nicht verteilt worden. Dafür erkannte Zahrim nun das fremde Wappen als das des Affenclans.
Zahrims dunkelbraune Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, was natürlich die Sehfähigkeit im Halbdunkel nicht gerade erhöhte. Aber er tat es instinktiv, denn er war wütend.
Die angekündigten Vayu-Truppen waren also eingetroffen. Aber was waren das für Männer? Sie schickten Verwundete mit in die Schlacht! Was für eine Art Einsatz sollte das werden? Ein Himmelfahrtskommando, fürchtete Zahrim.
Wo steckte Ischum? Wo war der Leutnant? Irgendjemand!
Zahrim sprang auf. Er riss die Plane des fahrenden Lasters zur Seite, was ihn beinahe zu Fall brachte. Der Junge hielt sich fest und scannte die Umgebung mit den Augen. Die Fahrzeugkolonne passierte gerade wieder das Militärlager, doch die Erwachsenen dort erweckten nicht den Eindruck, sich gleich den Soldaten Vayus anzuschließen. Einige standen nur herum, andere waren damit beschäftigt, von den Vayu zurückgelassene Komponenten zu schlagkräftigen Kampfhubschraubern zusammenzubauen und wieder andere setzten Fokuskristalle in moderne Lasergewehre, die einem Weltraumfernsehspiel entsprungen zu sein schienen, ein.
Offensichtlich sollten zuerst die hausfremden Verbündeten und die Verwundeten in der anstehenden Schlacht verheizt werden. Zahrim hatte bis zu diesem Moment nicht begriffen, wie verfahren die Lage sein musste, wenn seine Vorgesetzten zu derartigen Maßnahmen zu greifen gezwungen waren. Er starrte wie gebannt auf die immer kleiner werdenden Zelte und Baracken.
Jetzt kam Leutnant Schoramael mit der Macht und Anmut eines Bergrutsches aus einer Tür gestürmt, starrte auf den sich entfernenden Wagen und konnte es ebenso wenig fassen wie Zahrim.
„Leutnant“, flüsterte der Junge. „Das geschieht doch nicht wirklich… Wir sind doch nicht… nicht so…“

Der Transporter fuhr eine Kurve, Zahrim riss es von den Beinen und er fiel mitten zwischen die aufgeregt plappernden Kinder. Mit einem Mal waren sie über ihm, fielen ihm in die Arme und redeten noch immer durcheinander. Der Jungen beschlich das Gefühl, dass er es nicht überleben würde, wagte er es, ihnen Ruhe zu befehlen.
Der Wagen schlängelte sich über die Straße. Es gab nur eine Straße in der Umgebung, nämlich die zu einem uralten Flugfeld führende. Niemand benutzte sie, alle fuhren querfeldein, selbst die hohen Offiziere. Den Vayu-Angehörigen allerdings war es nicht erlaubt, nach Gutdünken durch T´ien- (bzw. Airavata) Territorium zu fahren.
„Diese Weißuniformierten, was sind das genau für Leute?“ fragte der Junge. „Was geschieht mit uns?“
Die meisten Kinder wussten es schon und fröhliches Lachen antwortete Zahrim. Sie berichteten ihm, was passiert war: Dass die Vayu sie mitnehmen, ihnen gar ihr Wappen geben würden. Es keine Kämpfe mehr für sie geben würde, keine Furcht und keinen frühen Tod. Diejenigen, die noch Familie hatten, würden sie aus ihrer neuen Heimat heraus viel besser unterstützen können als bisher.
„Ich werde in die Schule gehen!“ rief das Mädchen Aja-kur, das eine Frau geworden war und mittlerweile begriffen hatte, nie wieder kämpfen zu müssen. Sie boxte Zahrim übermütig in die Seite. „Aber in eine andere als die Offiziersschule, von der Ischum gesprochen hat!“
Ex – Schildfähnrich Zahrim stellte sich wieder an den Ausstieg, aber er sprang nicht, wie einige Jungen insgeheim befürchteten. Wozu sollte er auch in das Militärlager zurückkehren? Etwa zu Leutnant Schoramael, der ihn nicht vor den Entführern beschützt hatte? Gerade eben hatte Zahrim noch befürchtet, in eine aussichtslose Schlacht geschickt zu werden, in dem sein Tod den eigentlichen Truppen einen Vorteil verschaffen sollte. Er hatte Wut und Enttäuschung gespürt. Für seine Gefühle angesichts dieser neuerlichen Eröffnung kannte Zahrim keinen Begriff, denn das, worin er sich gekränkt fühlte, wurde im allgemeinen nicht mit dem gemeinen Volk in Verbindung gebracht: Würde.
<Weggeworfen.> Nein, das stimmt so nicht, nur zu den Kindern verfrachtet. Die Erwachsenen hatten Zahrim mit seinen eigenen Schützlingen in einen Topf geworfen. Ihm das letzte, was er noch besaß, auch noch genommen, die Grundpfeiler seiner Existanz als Bürger, ja Schildoffizier, des Hauses, weggerissen.
Ich war bereit, für Euch zu sterben, so bereit, wie für unser Haus, vielleicht sogar noch mehr! dachte der Junge. Und so dankt Ihr es mir?
„Schoramael, Ihr verdammter Sohn einer Hündin! Fahrt zur Hölle!“ brüllte er in die Staubwolke, die der Laster hinter sich aufwirbelte.
Der Fahrer fand Zahrims Gefühlsausbruch völlig verständlich.
Was muss das Kind durchgemacht haben, dachte er bei sich.

* Neunzig Erdenjahre = 1,63 Enunzyklen = entspricht dem körperlichen und geistigen Entwicklungsstand eines zehnjährigen Menschen

Kapitel II

Planet Enun.
Ein Waisenhaus in einer Domäne des Hauses Vayu.

In manchen Regionen gelang es dem Planeten Enun, den Eindruck zu erwecken, man befände sich auf Anur, dem Grünen Juwel des Dreisternsystems. Die Domäne des Hauses Vayu, in die man die befreiten Kinder verfrachtet hatte, gehörte zu jenen Gebieten.
Die Parklandschaft vor dem Fenster erinnerte Zahrim daran, dass er sich vorgenommen hatte, seinen ersten Urlaub als Erwachsener auf Anur zu verbringen. Vor seiner Beförderung zum Schildoffizier hatte der Junge sich mit dem Gelände des Kinderheims in der Hauptstadt abfinden müssen. Danach galt der kleine Zahrim zwar als Kuriosität unter den anderen Schildoffizieren, wurde aber in seinen dienstfreien Monaten nicht mehr in Tyrs überfüllte Kinderaufbewahrungsstätte gesperrt. Stattdessen wohnte er wie seine Kollegen entweder in den Schildoffizieren vorbehaltenen Einzelzimmern in der innerstädtischen Kaserne oder wurde auf Weisung des Oberkommandos in diesem oder jenen Dorf im Umland einquartiert, was auch nicht das Schlechteste war. In einem solche Grenzdorf war Zahrim aufgewachsen, bis es in einem Kleinkrieg mit dem aggressiven Nachbarn Meslam dem Erdboden gleich gemacht worden war. Abgeschnitten von der Hauptstadt hatten sich die Überlebenden nicht auch noch mit den zwischen den Ruinen spielenden Waisen abgeben wollen und so waren Zahrim und eine Handvoll Altersgenossen in die Obhut des Militärs gegeben worden. Als Vormund der Kinder fungierte der in ganz Ajaer Scharutur als zwielichtig bekannte Militärarzt Tyr.
Zwielichtig – diese Sichtweise auf seinen General machte Zahrim T´ien /Vayu die Angehörigen des Affenclans nicht unbedingt sympathischer.
Eine Sozialarbeiterin und Schildleutnant Kidu saßen dem Jungen gegenüber in diesem klimatisierten Büro, das wie ein Wohnzimmer aussehen sollte. Zahrim hatte demolierte Wohnstuben gesehen, die glaubwürdiger gewirkt hatten. Bisher hatte sich in seinem Leben stets eines aus dem anderen entwickelt, oftmals zum Schlechteren, aber jedesmal nachvollziehbar. Sich hinzustellen und zu sagen, wir machen das jetzt anders, oder etwas den Anschein von etwas anderem geben zu wollen, verunsicherte den Jungen. Das demolierte Wohnzimmer hätte Zahrim vermittelt, dass etwas Schreckliches hinter ihm lag und man versuchte, von nun an nach vorn zu blicken. Im Gegensatz dazu strengte sich der Raum, in dem er sich befand, an, jegliches Geschäftsmäßige von den Personen darin fortzuschieben und ihnen die Heile Welt, auf die selbst der pragmatischste Bauernjunge insgeheim hoffte, als bereits erreicht vorzugaukeln. Am Ende machte man sich gar strafbar, in einem Zimmer wie diesem die Existanz einer weniger gemütlichen Außenwelt zu erwähnen…
Von allen aus dem Militärlager geretteten Kindern hatte sich allein Zahrim an diesem Nachmittag hier einfinden müssen. Dem Kind war nicht bewusst, etwas falsch gemacht zu haben, krank war er auch nicht, doch er hatte gehört, dass gefangengenommene Offiziere nicht den für Gemeine geltenden Schutzrechten unterlagen. Und tatsächlich strahlten die beiden Erwachsenen eine ungedämpfte Neugierde in den Äther, die sofort an an Verhör denken ließen.

Kidu richtete das Wort an den Jungen: „Zahrim T´ien? Geboren 1.773 in Asvantrutz?“
Zahrim nickte.
„Der Sohn oder Erziehungsbefohlene von Schildfähnrich Zahrim?“
Der Angesprochene schüttelte den Kopf.
„Anderweitig verwandt?“
„Nein.“
„Dann ist es nur eine zufällige Namensgleichheit“, meinte das Kidu zur Seite sitzende Fräulein.
„Meine Eltern sind tot, von weiteren Zahrims weiß ich nichts“, erklärte der Junge. Es handelte sich nicht um militärisch geschützten Informationen. Obwohl der Äther ihm vermittelte, dass dies doch kein Verhör war, nannte Zahrim nur, wie er es gelernt hatte, Name, Rang und Dienstnummer. Weiterführende Information hatte der Affenclan ohnehin bereits ohne Zahrims Zutun im Militärlager von Ischum und Schoramael erhalten.
Kidu zog die Stirn kraus. „Du behauptest also, höchstpersönlich Schildfähnrich Zahrim zu sein? Ein legitimer Befehlshaber der T’ien Streitkräfte?“
Zahrim nickte. Er verfluchte den Fakt, nicht in Uniform gewesen zu sein, als man ihn aufgegriffen hatte. Niemand nähte einer Jacke in seiner Größe aus reiner Gaudi die Rangabzeichen eines Schildoffiziers auf.
Das Fräulein wandte sich an Kidu und sprach: „Eine verständliche Abwehrreaktion. Das Träumen in eine übermächtige Rolle, wenn man von einer Situation überfordert ist.“ Sie sah den Jungen an. „Bald wirst du vor nichts mehr Angst haben müssen.“
Der ehemalige Schildfähnrich hoffte, die Annunakifrau möge Unrecht behalten. Denn genau diese Worte hatte er selbst während der Operation „Fliegenfänger“ einem Sterbenden gesagt!

*

Planet Enun. Domäne Vayu.
Vier Monate später.

Zahrim T´ien /Vayu verlies als letzter der Heimkinder den Waschraum. Fließendes warmes Wasser, Innentoiletten, Federbetten und regelmäßige Mahlzeiten empfanden die Kinder des Affenhauses als völlig normal. Für Zahrim und die anderen ehemaligen T’ien hingegen stellte all dies Luxus dar. Von der Hauptstädtern abgesehen bewegte sich der Lebensstandart eines T´ien- oder Meslamangehörigen auf dem Niveau einer früheren geschichtlichen Epoche. Von modernen Weltraumraketen träumten ihre Sprösslinge dennoch wie jedes andere Kind.
Zahrim schüttelte Wasser aus dem Ohr. Kinder schrieen durcheinander, aber nicht vor Angst, sondern aus Übermut. Zahrim schloss die Augen, noch bevor die schrille Stimme der Erzieherin zur Ruhe gemahnte. Manche seiner ehemaligen Soldaten konnte Zahrim an ihrem Verhalten schon gar nicht mehr von den anderen Heimkindern unterscheiden. Dennoch kamen die Schrecken des Krieges immer wieder hoch. Der ehemalige Schildoffizier erlebte das des Nachts mit, wenn er nicht einschlafen konnte und sich stattdessen ausmalte, Wachdienst zu halten. Er hörte seine Kameraden im Schlaf sprechen, weinen und aus Albträumen aufschrecken, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. In ihrem alten Umfeld war es ihnen unmöglich gewesen, die Psyche vom Zügel zu lassen. Im Militär hatte jedermann, ob nun Erwachsener oder Kind, seine Gefühle zu beherrschen. Wie jedes gefangene Wildtier neigten diese Gefühle nach ihrer Befreiung nicht unbedingt zur Dankbarkeit.

Zahrim nahm am Frühstückstisch sitzend seinen Milchbecher von einem Tischdienst schiebenden älteren Kind entgegen. Er sah sich dabei um, wie er es in einem Gefangenlager getan hätte: diszipliniert, unauffällig und stets bereit zur Sabotage. Doch die Schrecken des Friedens bestanden darin, dass man ihn nun zu seinem eigenen Besten bewachte. Niemand glaubte im Ernst, der Einundneunzigjährige sei tatsächlich in der Lage, die Anlage in die Luft zu sprengen oder hätte auch nur Gründe dazu, das zu tun.
Zum zweiten Mal an diesem Morgen schloss Zahrim die Augen, obwohl er doch gar nicht mehr müde war. Die schreckliche Wahrheit war, der Luxus genügte ihm nicht. Zahrim vermisste den Respekt, den er früher erfahren hatte.
Schattenlosenpein, dachte er, im Moment würde ich mich schon damit zufrieden geben, wenn sie Angst vor mir hätten.
Der kleine Schildoffizier hegte wenig Hoffnung auf einen Gefangenenaustausch, denn die Vayu-Angehörigen betrachteten ihn nicht als Gefangenen, sondern als gerettet.
Zahrim wollte die Tasse gerade zum Mund führen, als ein Nachzügler in den Speisesaal gehumpelt kam. Amzisir [x] ging an Krücken, aber zumindest bewegte er sich überhaupt wieder aus eigener Kraft vorwärts. Der hauslose Junge war nur wenig älter als Zahrim und gehörte eigentlich nicht zu den Heimkindern. Der Heimleiter hatte das Straßenkind nur für die Zeit aufgenommen, welche die Igigi benötigten, Amzisirs gebrochenes Bein zusammenwachsen und heilen zu lassen.
„Heute Nachmittag kommen wieder Eltern“, wusste Amzisir seinem Freund Zahrim zu berichten. Dieser kam nicht umhin, zu bewundern, wie der andere seine Ohren überall hatte.
„Ich hatte gehofft, die Gründung einer Familie noch drei oder vier Zyklen Enuns vor mir herschieben zu können“, knurrte Zahrim. Doch auch er befand sich unter den Kandidaten, aus denen die Besucher auswählen durften. Nach und nach sollten alle ehemaligen Kindersoldaten auf verständnisvolle Familien aufgeteilt werden. Es gab Zuschüsse dafür vom Haus…
Zahrim aber wollte keine neuen Eltern. Die seinen waren doch tot! Am ersten Elterntag, den der Junge nach seiner Ankunft hier miterlebt hatte, hatte er still im Garten gesessen, war schließlich aufgestanden und in den Schlafsaal geschlichen. Amzisir erinnerte sich noch gut der Worte, mit denen Zahrim seinen Rückzug vor den Tanten zu rechtfertigen versucht hatte: „Tut mir leid, aber ich bin traumatisiert.“
Aja-kur war nach diesem ersten Elterntag verschwunden. Man hatte ihr süße Milch zum Frühstück und einen Schulranzen mit Feenschafen darauf versprochen.
Kurz nach dem Frühstück heftete eine der Tanten eine Photographie an die Wand, welche bewies, dass zumindest der Schulranzen tatsächlich in Aja-kurs Besitz übergegangen war.
„Und die süße Milch ist schon wieder auf dem Weg nach draußen“, kommentierte Zahrim das Bild. Sein Äthersinn verriet ihm, dass er trotz seines Statuses als traumatisiertes Kind gerade sehr, sehr scharf an einer handfesten Ohrfeige vorbeigeschrammt war.

*

Im Gegensatz zu süßer Milch und Ohrfeigen galt Pilzlimonade nicht als dem Heranwachsen gesunder Vayu-Bürger förderlich. Sie mussten ihre diesbezüglichen Bedürfnisse daher von dem ihnen zugeteilten Taschengeld decken. Auch Amzisir besaß während der Dauer seines Aufenthaltes eine Taschengeldkarte, die er nach dem Mittagessen in den im Erdgeschoss aufgestellten Getränkeautomaten einführte.
„Kriegst du den Sprudel überhaupt runter?“ erkundigte sich Zahrim, wobei seine Stimme vor Zynismus troff. „Als einziger Fang für die Schattenlosen unter all den braven Kindern um dich rum?“
Amzisir schüttelte nur unwirsch den Kopf. Dass die ersten Eltern bereits eingetroffen waren, konnte er selbst sehen. Die damit einhergehende Veränderung im Verhalten der Mitbewohner störte ihn nicht weiter. Jeder Heimbewohner tat sein Bestes, um sich von der allerbesten Seite zu zeigen, damit auch ja kein Zweifel an seinem Marktwert als adoptionsgeeignetes Kind aufkommen konnte.
<Geh doch wieder hoch>, riet der Hauslose dem ehemaligen Kindersoldaten. <Ich komme nach, wenn die Maschine ausgesponnen und mir endlich meine Limo gegeben hat. Irgendwas klemmt hier…>
Angewidert von den Bemühungen der Altersgenossen, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, folgte Zahrim dem Rat des Freundes. Der Hauslose rüttelte indessen weiter an dem Getränkeautomaten.
„Komm schon!“
„Diesen Satz hören solche Geräte öfters und er hilft nie“, lies sich eine Männerstimme hinter Amzisir [x] vernehmen. Dort stand ein Annunaki, der eine Sonnenbrille über den Augen und die Uniformjacke eines Milizangehörigen lässig an einem Finger über der Schulter trug. Dem Alter eines jungen Erwachsenen noch nicht entwachsen musste seine Figur nicht als schlank, sondern als schlaksig bezeichnet werden. Hinter dem Annunaki wartete seine Frau darauf, dass die von Amzisir blockierte Engstelle vor der Treppe zum Hof passierbar würde.
<Wir würden ganz gern hier vorbeigehen…> verriet der Äthersinn des Fremden dem Jungen.
Amzisir [x] befand sich nicht unter den zu vermittelnden Kindern. Er sah daher keine Notwendigkeit dafür, jemanden zu gefallen und dachte nicht einmal daran, den Weg freizugeben, bevor er seine Limonade in der Hand hielt.
„Von der Straße aus gibt´s einen zweiten Zugang zum Hof“, erklärte Amzisir den Erwachsenen. „Den könnt ihr nehmen.“
Von der anschließenden Kommunikation der Eheleute im Äther bekam er nichts mit, doch schmeichelhaft konnte sie nicht ausfallen.

*

Zahrim war unterdessen von den Tanten aus dem Schlafsaal herausgeworfen worden.
So stand der Junge nun im Garten, scheinbar lässig an die Hauswand gelehnt, die Augen halb geschlossen, aber jedes Detail aufnehmend. Die tapfere Wache hatte lediglich vergessen, dass man nicht zu heftig im Äther denken sollte, wenn der Feind, in diesem Falle die Eltern, in der Nähe mithörten.
„Was hast du um Himmelswillen gegen Laublämmer?“ erkundigte sich eine junge Frau belustigt. Sie schob eine perfekt angepasste Sonnenbrille von ihren Augen auf die Stirn. Zahrims Augen glitten an ihr herauf, musterten ein weißes Top unter einer kurzärmeligen Bluse, die von der Annunakifrau offen zu urbaner Tarnhose und Turnschuhen getragen wurde. Mit einem Blick erkannte der ehemalige Soldat, wo das Messer versteckt war.
„Das ist´n Scherz, oder?“ entfuhr es Zahrim.
Sollte das ein Anbiederungsversucht sein? Hielt die Frau ihren Aufzug vielleicht für cool?
Die Fremde hielt seinem Blick stand und ihren Äthersinn weiter auf das Kind gerichtet.
„Kann ich nicht sagen“, meinte sie schließlich. „Du hast mir übrigens noch nicht gesagt, was an Laublämmern so blöd sein soll.“
Zahrim gab sich einen Ruck. „Bei uns heißen sie Feenschafe. Ich habe Aja-kur eins auf ihre Maschine gemacht, mit der Spraydose. Sie hat das geliebt! Das letzte, was der Feind sah, war ihr komisches Vieh – wenn er´s noch sah.“
„Welche Art Maschine?“ erkundigte sich die Frau.
Zahrim antwortete ihr.
Die Fremde zog die Stirn in Falten.
„Das ist doch ein Spähpanzer“, meinte sie verwirrt. „Ihr seid damit ins Gefecht gefahren?“
Zahrim zuckte die Achseln.
„Wir mussten meistens mit einem kleinen Budget auskommen. Um das Beste daraus zu machen, musstest du wie ein Meuchelmörder denken. Mädchen kriegen das am besten hin, denn sie mögen keine direkte Konfrontation. Aja-kur war die Beste – aber jetzt steht sie auf Sagaga der Weltraumfahrer. Jeden Tag der Vermessung im Kinderfernsehen.“
„Es gibt einen Haufen gute Kinderbuchverfilmungen“, erwiderte die Frau. „Und gerade Major Sagaga wird so gedreht, dass auch mitschauende Eltern ihren Spaß daran haben.“
Zahrim konnte das nicht beurteilen.
„Normalerweise reden die Leute mit uns, als seien wir Bomben, die jeden Moment hochgehen könnten“, sagte er.
Noch immer wusste Zahrim nicht, was er von der Fremden halten sollte. Gehörte sie zum Vayu’schen Militär? War sie ein Sprechendes Schwert, das Nachwuchs für den Geheimdienst suchte? Mit Sicherheit galten die T’ien abgenommenen Kinder nicht gerade als die unentbehrlichsten Untertanen… Doch die in Zahrim aufkeimende wilde Hoffnung, in seinem früheren Rang anerkannt zu werden, biss sich mit seiner Loyalität. Es fühlte sich falsch an, für ein fremdes Haus zu spionieren.

Bevor weitere Worte fallen konnten, näherten sich der Heimleiter und ein Mann in ähnlicher Aufmachung wie Zahrims Gesprächspartnerin.
„Nimm endlich Vernunft an, Saru! Unter gar keinen Umständen kann ich dir erlauben, eines der Kinder aufzunehmen!“ ereiferte sich der Nefilim.
„Ich bin ein angesehener Bürger!“ protestierte Saru. „Ich einen Arbeitsvertrag für eine Stelle auf Anur in der Tasche und habe selbst bis vor kurzem gedient! Nur, weil meine Frau und ich uns um Nachwuchs bemühen, habe ich mich nicht neu verpflichtet. Gefiederpest, ein Waisenkind hätten wir uns auch auf Anur aussuchen können. Aber weil Nineli von eurem Integrationsprojekt gelesen hatte, haben wir unseren Aufbruch dorthin verschoben. Nineli und ich wollen etwas Gutes tun. Wir können gut für ein oder zwei der Jungen sorgen und sie beschützen. Meine Frau und ich waren beide Milizmitglieder und es gibt keinen Grund, weshalb wir das in unserem neuen Wohnort nicht auch wieder schaffen sollten!“
Bis zu diesen Worten hatte der Adlige Saru reden lassen, ohne ihn zu unterbrechen. Nun hakte er ein:
„Eben deswegen kann ich euch keines der Kinder überlassen! Das ist ein Milieu, von dem wir die sie fernhalten wollen.“
Zahrim trat, gefolgt von Nineli Vayu, neben die Männer.
„Dem seine Frau ist die Erste in diesem Haus, die sich mit unseren Panzern auskennt!“ rief er dem Heimleiter zu. „Bei denen würde ich einziehen, sogar, wenn ich Major Sagaga gucken müsste!“
Der Adlige sah ihn scharf an. „Du wirst noch begreifen, dass das, was du dir wünschst, nicht immer für dich das Beste ist!“ tadelte er.
Der Annunakimann lachte: „Herr, das wird er schon seit Jahren immer wieder zu hören bekommen!“
Unbeirrt schüttelte der Heimleiter den Kopf.
„Heute Abend um ein Uhr werden du und deine Frau von diesem Gelände verschwunden sein, Saru Vayu. Wenn sie sich bis dahin für ein normales Kind entschieden hat, ist es gut, wenn nicht, bitte schön, dann geht ihr eben ohne Pflegevertrag. Das ist mein letztes Wort!“
„Aber ich will dieses Kind, Herr!“ rief Nineli.
„Kommt nicht in Frage!“
Zahrim fluchte im T´ien´schen Militärdialekt.
„Si Kappi“, stimmte Saru im selben Jargon zu.

*

Andere Eltern-Kind-Paare hatten das Gelände verlassen, den Tierpark oder die Badeanstalt besuchen dürfen. Zahrim, Nineli und Saru mussten mit dem Vorlieb nehmen, was ihnen der heimeigene Spielplatz bot. Während die drei um die Wette turnten, erfuhr Zahrim einiges über sein neues Haus, das ihm bisher unbekannt gewesen war: „Kinderarbeit, Annunaki in den Streitkräften, verheiratete Frauen in Vollbeschäftigung und die leidige Schulpflicht“, erklärte Nineli, „das sind die Hassthemen, bei denen Vayu immer wieder mit dem Hof in Konflikt gerät. Nicht, weil wir hier besonders strenge Gesetze besäßen, sondern weil Clan Vayu nur selten eine einheitliche politische Linie verfolgt. Wenn du als T´ien-Bürger eine T´ien-Domäne auf Anur besuchst, musst du dich an den regionalen Dialekt gewöhnen, aber die Kultur ist dir nicht fremd. Für uns gilt das nur eingeschränkt. Vayu ist zersplittert, jede Familie herrscht nach festen Regeln, aber eben weitgehend unabhängig von den anderen, über ihr Land und die Untertanen. Der Patriarch ist für einen niederen Adligen sehr reich. Er lächelt zu dem Chaos, neigt sein Haupt entschuldigend vor dem Hof und zahlt die regelmäßig anfallenden Strafen aus der Teekasse.“
Da sich Nineli und Saru anschickten, ihren Wohnsitz zu wechseln, konnten sie sehr gut nachvollziehen, wie sich ein seinem Haus entrissener und einem anderen zugeordneter Junge fühlen musste. Gut möglich, dass die beiden Annunaki am neuen Wohnort keine Waffe mehr führen durften und Nineli zudem keine Anstellung fände, sich also beide ebenso herabgesetzt fühlen würden, wie sie es von Zahrim im Äther vorgeführt bekamen. Doch Anur war groß und Haus Vayu billigte seinen Untertanen größte Freizügigkeit der Wohnortwahl zu. Die beiden würden weiterziehen können, bis sie einen Ort zum Bleiben gefunden hatten. Zahrim vermochte das nicht.
Der Junge verstand das, verstand, dass sein eigener Kummer die weitaus geringeren Sorgen des Ehepaares nicht auslöschte, also jeder von ihnen dasselbe Recht auf seine schlechte Laune hatte. Darüberhinaus schmetterte er allerdings jegliche Diskussion der Altagskultur ab. Es gab allerdings ein Thema, welches Zahrim brennend interessierte. Er gab den beiden Vayu-Angehörigen eine kurze Beschreibung der neuen Helikopter, die er im Militärlager gesehen hatte und fragte: „Was bringen die so?“
„Ihr bekommt Ärger“, erklärte Amzisir [x] den Besuchern, als er ihnen und Zahrim eine halbe Stunde später wieder über den Weg lief. „Es ist streng verboten, mit den T´iens über ihre Erlebnisse zu sprechen!“
„Außer, sie beginnen dieses Thema selbst“, korrigierte Saru.
„Hm. Also, ich möchte davon nicht mal was hören, geschweige denn über diese Mordinstrumente sprechen. Krieg ist schlimmer als hauslos. Krieg ist Scheiße.“
Zahrim lachte herzlich! Der Freund näherte sich dem Thema in etwa mit der gedanklichen Tiefe einer der Heimerzieherinnen, was jedoch nichts daran änderte, dass Amzisir die Wahrheit sprach. Für einen auf Enun wohnhaften T’ien-Angehörigen gehörte der Krieg zum Leben, ein grausamer, ungeliebter Aspekt, den Zahrim nach besten Kräften von den Zivilisten fernzuhalten beigetragen hatte. Weitaus mehr als über ihr Haus und den Stand definierten sich viele Annunaki über die von ihnen ausgeübte Tätigkeit und Zahrims war die eines Soldaten.
Wieso konnte, wieso wollte das niemand sehen? Wieso erlaubte man ihm nicht wenigstens, als Schildoffizier A.D. seinen Abschied aus dem aktiven Dienst zu nehmen? Wieso quälten die Vayu einen derer, die sie doch angaben, retten zu wollen?
„Zum Krieg gehört die <Gefangenschaft>“, flüsterte Zahrim. „Und obwohl ich daheim gefangenschaftssteuerpflichtig war, habe ich gehofft, das nie durchleben zu müssen. Aber nun… Ich weiß, dass ich keiner bin, aber ich <fühle> mich wie ein Gefangener!“
Saru bückte sich zu dem für sein Alter klein gewachsenen T´ien-Jungen hinunter und sprach ernst: „Das ist eine Erfahrung, die du mir voraus hast. Das scheint für viele andere ebenfalls zu gelten… Vergiss das nie! Und dann vergiss bitte nicht, dass ich über andere Erfahrungen verfüge, die wiederum dir fehlen. Du musst sie nachholen, wenn du nicht ähnlich geistig beschränkt wie der Heimleiter enden möchtest. Bitte versprich mir, dass du das tun wirst, auch, wenn du es nicht bei Nineli und mir darfst!“
„Ich…“
<Nein, Zahrim, kein Verhandeln!> „Diese Bedingung stelle ich, oder, bei Lahmus gleißender Lanze, ich werde nie dein Vater sein!“
„Ich verspreche es!“ presste Zahrim hervor. <Aber es ist ungerecht, dass ich alle meine Väter verliere! Der erste dient schon in Lahmus Kriegshallen und der andere baut bald auf Anur Wurzelgemüse an!>
Nineli umarmte erst den Jungen und schloss dann auch ihren neben diesem hockenden Partner mit ein. Wie versprochen begann Zahrim damit, sich wie ein Kind zu fühlen. Aber es fühlte sich ähnlich an, wie Amzisir den Krieg umschrieben hatte.

*

„Wir schreiben uns!“ forderte Zahrim, als er seine „Eltern für einen Tag“ am Abend wieder abgeben musste.
„Wir schreiben uns“, bestätigte Saru, doch im Äther wurde eine an den Heimleiter gerichtete Frage daraus.
„Nun, ich sehe keinen Grund, weshalb ich das verbieten sollte“, erwiderte der Nefilim. „Ein harmloser Briefwechsel, möglicherweise auch eine Patenschaft. Ja, warum eigentlich nicht?“
Zahrim, die drei Erwachsenen sowie Amzisir [x] standen unter dem Klettergerüst wie Unterhändler feindlicher Mächte, die in einer Ruine die Bedingungen für einen Frieden aushandelten, der ihren Untertanen mehr Leid bescheren würde als eine Fortführung der Kampfhandlungen. Doch da der stärkste unter ihnen von dem Arrangement profitierte, mussten sich die anderen damit arrangieren.
„Das hängt davon ab, ob unser neuer Sohn sich damit einverstanden erklärt“, schränkte Saru trotzig ein.
Zahrim schrak auf! <Sohn?!>
„Dann habt ihr euch doch noch für ein anderes Kind entschieden?“ fragte der Heimleiter. Erleichterung und Freude schwangen in seiner Ätherpräsenz mit, denn obgleich der Mann Saru und Nineli als unpassende Eltern für einen befreiten Kindersoldaten einstufte, gestand er den beiden doch zu, sich grundsätzlich der Elternschaft gewachsen zu erweisen.
„Saru blufft“, flüsterte Amzisir Zahrim zu. „Er war den ganzen Nachmittag nur mit uns beiden zusammen.“
Der ehemalige Armeeangehörige, derzeitige Milizmann und zukünftige Wurzelgemüsepflanzer Saru ergriff Amzisir [x] bei der Hand.
„Bist du einverstanden, Zi?“
„Damit, dass ihr Zahrim schreibt oder dass ihr euch ein Kind aussucht? Natürlich habe ich nichts dagegen! Und ich hätte auch gern eure Nummer. Ich meine, Anur ist weit weg und ein Anruf teuer, aber man weiß ja nie…“
„Saru und ich möchten ein Kind aus Eurer Anstalt mit nach Anur und in unseren Haushalt aufnehmen, Herr“, wandte sich Nineli förmlich an den Heimleiter. „Und zwar Amzisir [x] /Vayu.“
„Den?!“ rief der Nefilimadlige.
<Mich?!> konnte es Amzisir kaum fassen.
„Ja!“ jauchzte Zahrim.
„Obwohl ich an der Treppe so eklig zu euch war?“ vergewisserte sich Amzisir.
„Das ist äußerst ungewöhnlich“, gab der Heimleiter zu bedenken. „Und ich halte es für unwahrscheinlich, dass du ein Hauswappen für den Jungen zugestanden bekommst, Nineli. Es werden eine Menge Unannehmlichkeiten auf dich und deinen Mann zukommen, Mehrausgaben und Behördengänge, die den Eltern eines legitimen Hausangehörigen erspart bleiben. Aber wenn es denn deinem Wunsch entspricht… Ein Kind mehr weg von der Straße, wie könnte ich dazu ‚nein’ sagen?“
„Aber wieso?“ beharrten Amzisir und Zahrim gemeinschaftlich.
„Zwei Gründe“, erläuterte Nineli. „Mein Mann und ich sind keine sonderlich begabten Anwender unserer Äthersinne. Wir mussten uns darauf verlassen, den Charakter von euch Kindern aus eurem Verhalten abzulesen. Du warst der einzige, den wir richtig einschätzen konnten. Weil du glaubtest, nicht zur Vermittlung zu stehen, hast du dich nicht verstellt.“
„Und zweitens?“
„Zweitens warst du nicht nur ehrlich mit uns, sondern haben uns deine guten und schlechten Seiten gefallen. Allerhöchstens könnte jemand Saru und mir vorwerfen, unsere Macken unterdrückt zu haben, um als perfektes Elternpaar dazustehen.“
Zahrim legte die Hände auf Amzisirs Schultern. Er hüpfte vor dem Freund auf und ab.
„Du fliegst in den Weltraum, hörst du? Bis nach Anur! Da bist du vierhundert Tage unterwegs!“
Schockiert über seinen kindlichen Ausbruch trat der Schildfähnrich zwei Schritte zurück. Er räusperte sich, reichte dem anderen die Hand und sagte manierlich: „Einen guten Flug wünsche ich dir.“

*

Am nächsten Tag fand Zahrim beim Frühstück eine Zuckerstange außer der Reihe an seinem Platz liegen.
„Die kommt von der Köchin“, wusste ein Vayu – Mädchen zu sagen. „Zum Dank dafür, dass du den nutzlosen Esser, den Hauslosen, für uns losgeworden bist.“
„So?“
Zahrim erhob sich. Die Zuckerstange lies er liegen.
„Die schenke ich dir“, rief der Junge über die Schulter, während er sich entfernte.
<Scheu… suchen… bald…>
Zahrim verharrte in der Bewegung, als er die Ausläufer eines Gesprächs seines Heimleiters mit den Tanten erfasste. Leisen Schritts näherte er sich der Tür zum Ruheraum für die ganztags vor Ort beschäftigten Erzieherinnen und presste sein Ohr gegen die Tür.
„Viele der Kinder sind wirklich sehr scheu“, bestätigte einer der wenigen männlichen Erzieher gerade die Worte seines Herren. „Das gilt nicht nur für die Kriegsgeschädigten.“
„Aus diesem Grund müssen wir damit beginnen, gezielt geeignete Familien für diese Kinder ausfindig zu machen, anstatt darauf zu warten, dass uns der gewünschte Fisch durch Zufall ins Netz geht“, beschloss der Nefilimadlige.
Zahrim wurde es abwechselnd heiß und kalt. Wieso verstand niemand, dass er lediglich zurück nach Hause wollte? Nicht nach Asvantrutz, sondern allgemein in sein altes Haus und in seinen Beruf dorthin, wo er es Schoramael zeigen wollte, wo er ihm und Ischum beweisen würde, ihre Fürsprache nicht nötig zu haben. Dorthin zurück, wo er die seinen niemals im Stich lassen würde!
Es gab Tage, da stand die Erinnerung an seine Ausbildung wieder klar vor Zahrim. Was es ihn gekostet hatte, wie gewünscht zu funktionieren, um nicht irgendwo in hochgradig versuchtem Niemandsland zurückgelassen zu werden. Wieviel von sich selbst man töten musste, bevor man das erste Mal selbst Leben nahm. Oder wie man die auf der anderen Seite, Soldaten wie Zivilisten, bereits vorher zu etwas anderem als Personen definieren musste, um diesen Schritt vorzubereiten.
Seine Beförderung hatte Zahrim geholfen, sich allmählich wieder aus diesem Geisteszustand zu befreien. Er hatte sich auf dem Weg der Gesundung befunden. Nicht zurück in seinen früheren, unschuldigen Zustand, das war unmöglich. Doch genau diese Unmöglichkeit zu leisten schienen die Vayu von ihm zu erwarten.
Der Junge lenkte seine Schritte zur Bibliothek. Er musste dringend mit Saru sprechen.

„Ich will an den Computer“, teilte Zahrim dem aufsichtführenden Waisenjungen im Jugendlichenalter mit.
„Sind grad ein paar frei“, antwortete dieser desinteressiert.
„Nicht zum Spielen. Ich muss ein Videogespräch mit jemand machen. Bitte zeig mir, wie das hier geht!“
„Du hast eine Adresse über das Heim“, begann der Halbgroße seine Ausführungen.
Zahrim folgte seinen Ausführungen und fand, dass sich die Fortschrittlichkeit der Technik der reicheren Häuser ausschließlich auf die nicht sichtbaren Komponenten ihrer Geräte bezog. Eines davon zu bedienen gestaltete sich nicht anders als er es von zuhause gewöhnt war. Doch da Halbgroße nichts lieber mochten, als mit ihrem Können zu protzen, lauschte der Junge den Erklärungen aufmerksam bis zum Ende.
Als er endlich von dem Älteren alleingelassen wurde, fiel Zahrims Blick auf die gelb umrandete Nachricht des Tages. Die Wappen der Häuser Vayu und T´ien rahmten die Überschrift links und rechts ein und der Fließtext lautete: „Der Preis des Sieges“.
Zahrim tippte auf das den geflügelten Hund zeigende Wappen. Er wunderte sich kurz, weshalb das Schriftbild der Meldung so anders aussah, als er es von den Vayu´schen Zeitungen und Urkunden her kannte, doch schon bald hatte ihn der Inhalt der Meldung stärker in seinen Bann gezogen als der Formatierungsfehler. Das Tagesgespräch im Hause Vayu drehte sich noch immer um die kürzliche Befreiung der Kindersoldaten, doch anders als sonst lobte der Verfasser des Artikels weder den Affen- noch den Hundeclan für deren Abmachung. Denn diese bestand, wie Zahrim und die Weltöffentlichkeit nun erfuhren, aus zwei Teilen:
Im Tausch für die neuen Bürger, die einmal zu steuerpflichtigen Arbeitern für Haus Vayu heranwachsen würden, war modernstes Kriegsgerät des Affenclans an T´ien geliefert worden. Das kleine Haus hatte dabei ein gutes Geschäft abgeschlossen. Ein moderner Kampfhubschrauber nutzte dem Hundeclan mehr als ein minderjähriger Schildfähnrich, dessen einziger Verdienst darin bestand, gut mit Kindern umgehen zu können, selbst mit solchen, die ein oder zwei Zyklen älter als er selbst waren. Aufgrund dieser Eigenschaft hatte man Zahrim zum Befehlshaber über die Kindertruppe und damit einhergehend zum Schildfähnrich ernannt. Wer den Jungen persönlich kannte, sah mehr als ein Maskottchen in ihm, aber selbst der kleine Hundeclan, in dem es ein gleichgestellter Annunaki weit bringen konnte, machte sich nicht die Mühe, einen neunzigjährigen Kindersoldaten kennen zulernen. Solange dieser problemlos funktionierte blieb er unsichtbar für die Offiziere und Adligen.
Die haben mich nicht nur verraten, sondern auch noch verkauft! schoss es Zahrim T´ien /Vayu siedendheiß durch den Kopf. Wenige Herzschläge genügten, seine Wahrnehmung des Hundeclans von „mein Zuhause“ zu „die“, nein, sogar zu „DIE!“ zu verändern.
Zahrim wünschte sich nun, das Hauswappen der Verräter und Kinderhändler ablegen zu dürfen. Andererseits schüttelte es ihn bei dem Gedanken, dabei an Pflegeeltern zu geraten, die dem Elternbild des Heimleiters entsprachen.
Doch ein Soldat der Gegenwart war kein mittelalterlicher Landsknecht mehr. Er überlebte nicht aufgrund seiner Muskeln, sondern dank seines wachen Verstandes. Zahrims Synapsen glühten heftig und schließlich fanden sie eine Lösung für das Dilemma des Jungen.
Wenn ein Adliger Geld hat, dachte das Kind, kann er sich Freunde kaufen. Man müsste sich eine neue Familie kaufen!
Aber Zahrim hatte doch Geld! Besser gesagt, nicht er besaß das Geld, sondern der Affenclan. Er schüttete es lediglich zu Zahrims Wohl an seine Bürger aus, indem er in der ersten Zeit ein Erziehungsgeld an die Pflegeeltern der ehemaligen Kindersoldaten auszahlte. So betrachtet, fand Zahrim, hatte er potentiellen Verbündeten durchaus etwas anzubieten!
Zahrims angestrengte Gedanken verdichteten den Äther um ihn herum.
„Was bedrückt dich?“ wunderte sich ein Nefilimmädchen aus der Riege der Halbgroßen.
Ihre Eltern nutzten das Waisenhaus offensichtlich als eine Art Jugendgefängnis. Für welche Verfehlung auch immer sie der Heranwachsenden zeitweilig ihre Privilegien als Tochter des Hauses verwehrten, an diesem Tag überwog ihre Loyalität zu Vayu dem Ärger darüber, abgeschoben und gedemütigt worden zu sein. Denn kaum war ihr Blick auf den Artikel gefallen, fuhr sie wutentbrannt auf: „Das Layout gehört zu keiner unserer Nachrichtenstationen! Da hat sich ein Fremder eingeschlichen und den Artikel in die Nachrichten geschleust, um Vayu vor den Geschäftspartnern schlecht dastehen zu lassen!“
Das Nefilimfräulein beugte sich über den Bildschirm. Es sah genauer hin und zischte: „Verdammnis! Das stammt von den Zisi. Das ist hoher Adel. Da können wir überhaupt nichts machen.“

*

Einen vollen Mondwechsel nach Zahrims Begegnung mit Saru und Nineli fand erneut ein Elternnachmittag statt. Diesmal streifte der Junge aktiv durch die „Verkaufsveranstaltung“ wie er es nannte. Er hielt nach einem ganz bestimmten Personenschlag Ausschau.
„Schaschka, haben wir uns nicht zuviel vorgenommen?“ hörte das Kind eine Ehegattin ängstlich fragen. Zahrim grinste in sich hinein. Er hatte seine Opfer gefunden!
Beinahe war auch Schaschka Vayu davon überzeugt, dass die Pflege eines der Kriegskinder zuviel Arbeit bedeutete, den Zuschuss seitens des Hauses nicht wert war.
Mit einem Mal stand Zahrim vor ihm.
„Hättest du an einem lukrativen Handel Interesse?“ fragte er.
„Schaschka!“ quiekte die Annunakifrau. „Hier wird mit Drogen gehandelt!“
Doch der Mann sprach nur: „Schieß los.“
„Die Sache ist doch die“, begann Zahrim. „Ihr beiden habt Interesse an einem kleinen Nebenverdienst, am besten ohne großen Aufwand. Ich will hier raus, ebenfalls ohne großen Aufwand. Ich benötige ein Zimmer, einen ans Hausnetz angeschlossenen Computer und was hierzulande an Taschengeld üblich ist. Dafür wache ich auch nicht nachts schreiend auf oder entwickle eine unerklärliche Ersatzphobie gegen Pilzbutter. Kein ‚Mama ich hab dich so lieb’ oder ‚Papa, hilf mir bei den Hausaufgaben’, keine Aquarienzierfische und wenn doch, dann putze ich sie selber. Ich kann Autofahren und spiele eher selten mit dem Gashahn herum, die Kunstgegenstände knabbere ich auch nicht an. Kurz, es wäre, als hättet ihr einen richtigen Untermieter.“
„Du schaffst nicht den Müll raus, trocknest nach dem Essen nicht ab…“
„Aber dafür räume ich mein Zimmer auf.“
„Du klingst wie ein Jugendlicher, nicht wie ein Neunzigjähriger. Aber das ist mir, ehrlich gesagt, egal. Ich will nur eines wissen: Hole ich mir damit einen Spion einer feindlichen Macht ins Haus?“
„Wenn du eine Lupe benutzt, findest du mein Haus im Atlas. Vermutlich hat die hiesige Bürgerwehr besseres Gerät als meine alte Einheit.“
„Also gut. Ich bin Schaschka, das ist meine Frau Aja. Unsere erwachsene Tochter ist bereits außer Haus, ihr Zimmer steht leer und wartet nur auf dich. Dafür haben wir öfters die Zwillinge im Haus, Vetter und eine Base für dich, etwas jünger als du. Geht das in Ordnung?“
„Kein Problem, Schaschka. Ich kann gut mit Kindern umgehen.“
Die beiden Männer schlugen ein, Aja kamen Tränen der Rührung und das Geschäft war geschlossen.

Kapitel III

Schaschkas Neffe und Nichte waren vollauf zufrieden mit dem Gang der Dinge. Der neue Vetter hatte ihnen Mobiles gebastelt, Laublämmer und Drachen, außerdem Schnitzen beigebracht, auch wenn das kindersichere Schnitzmesser der Zwillinge mit seiner abgerundeten Klinge Zahrim lächerlich vorkam. Das hatte dazu geführt, dass die Kinder einige Worte aus dem Hausdialekt des Hundeclans aufgeschnappt hatten, die Onkel Schaschka ihnen bei Fernsehentzug verbot, zu benutzen. „Ich weiß nicht, was sie bedeuten, aber der Tonfall war deutlich“, erklärte der Onkel Zahrim. Mit einem Wort: In der Augen der Zwillinge war der Neue ziemlich cool.
Zahrim war noch nie zuvor cool gewesen. Er war es gewiss nicht in der Schule. In der Schule war er der Beste in Sport, Informatik und ähnlichen berufsbezogenen Fächern, aber in den schöngeistigen und den Wissenschaftsbereichen, die nichts mit seiner früheren Tätigkeit zu tun hatten, hinkte er hinterher.
An einem wie jeder andere beginnenden Schultag gab eine Annunkifrau in der ersten Stunde Heimatkunde. Zahrim hatte nichts gegen das Fach, wenn die Lehrer mit der Klasse in die Natur gingen, aber wenn sie einfach nur über dieses und jenes schwatzten, wünschte er sich zurück ins Bett. Der ehemalige Schildoffizier hatte allerdings noch nie den Unterricht geschwänzt. Dienst war Dienst!
Die Lehrerin verzichtete bei Kindern in Zahrims Alter auf die Benutzung von Videomaterial, wie sie es bei den Jüngeren benutzt hätte. Diese hier waren alt genug, sich zum Lernstoff in Beziehung zu setzen oder sich Teile davon selbst zu erschließen.
Die Frau hatte daher verschiedene Zeitungsausschnitte an die Wandtafel geheftet und nun standen die Kinder im Halbkreis darum herum und lasen. Zahrim entnahm den Artikeln, dass sie sich mit einem kürzlich ausgebrochenen Krieg zwischen zwei Häusern befassten, für die er im Atlas nicht bloß eine Lupe, sondern gleich ein Mikroskop benötigt hätte: Bau und Shu, der Gänse- und der Straußenclan. Die Hauswappen kannte Zahrim, nicht aber die Siegel der erwähnten Offiziere.
Bau und Shu… das hatten wir doch erst kürzlich? Hat da nicht die Fürstenversammlung den Patriarchen wegen erwiesener Unfähigkeit entmachtet? Oder war das Suhurmasch?
Verflixt noch mal, es gibt einfach zu viele von diesen Häusern!
T´ien, Meslam und Airavata, deutlich zu unterscheiden aus der Richtung, aus der die Granaten geflogen kamen, hatten bisher Zahrims Leben bestimmt.
Aber mit einem von beiden war was. Mindestens.
Nun beschränkten sich die beiden kleinen Häuser also nicht mehr nur auf innere Unruhen, sondern hatten sich gegenseitig an ihren Grenzen entdeckt. Das Volk drinnen war herrlich einig, der Feind stand draußen. Und er wollte rein!
Zahrim überflog das Material weiter.
Das wird ein kurzer Krieg… dachte er bei sich.
Die intensiv auf das Unterrichtsthema ausgerichteten Gedanken des Jungen blieben der Lehrerin nicht verborgen. Sie rief ihn auf, als erster seine Meinung kund zu tun.
Das war einfach! Zahrim sprang von dem Tisch herunter, auf dem er gesessen hatte. Wenn man in der Schule eine Antwort gab, dann sollte man gerade stehen, aber die meisten taten es nicht, sondern lümmelten während des Antwortens in einem halbsitzenden und halbstehenden Zustand herum.
Der Schildoffizier gab seine Einschätzung der Chancen auf dem Schlachtfeld bekannt.
„… außerdem haben sie bei Shu nur die Natter-3, was keine wirkliche Offensiveinheit ist. Es braucht schon ein taktisches Genie, um mit einer Einheit Nattern was zu reißen!“ schloss er.
Die Kinder warfen ihm erstaunte, teils ungläubige Blicke zu.
Die Lehrerin blickte den Jungen entsetzt an.
„Zahrim!“ ächzte sie.
Zahrim zuckte bedauernd die Schultern.
„Ich bin jahrelang in sowas Aufklärung gefahren, ich weiß, wie man ihre Stärken ausnutzt und die Schwächen kaschiert. Ich weiß ja selbst, dass die Shu nichts Besseres haben, aber Bau hat, den Bildern nach, und das wird kein Krieg, das wird ein Gemetzel!“
Die Frau atmete schwer, da hob ein Mädchen die Hand.
„Ja, Ninkil?“
Ninkil tat nun ihre Meinung kund, die darauf hinauslief, das Krieg böse war. Das wusste Zahrim selbst, aber er hätte sich nicht getraut, es jemanden mitzuteilen, der eine Armee hinter sich stehen hatte, selbst wenn es sich nur um Natter-3-Aufklärungspanzer handelte.
„Genau!“ rief die Frau aus. „Personen sterben und das ist nicht lustig, Zahrim! Du wirst heute nachsitzen!“
„Meinetwegen kann der kleine Zahrim Vayu nachsitzen, aber ich werde das auf gar keinen Fall tun!“ gab Zahrim zurück. „ICH bin Schildfähnrich Zahrim und DU bist ein Zivilist!“
Er hatte sich den A**** aufgerissen, damit Leute wie diese Frau und ihre Ninkil daheim sitzen konnten und sagen, dass Krieg böse war. Er hatte zwischen ihnen und dem bösen Krieg gestanden, doch dann hatte man ihn durch Vayu´sches Kriegsgerät ersetzt. Maschinen hatten Zahrims Arbeitsplatz und sein Leben zerstört. Aber Maschinen wurden von Annunaki gebaut und gesteuert. Personen setzten sie ein. Es waren Personen, die damit Leben nahmen und selbst dort, wo sie niemanden töteten, Perspektiven zerstörten.
„Ich hasse euch!“ rief Zahrim.
Nicht mehr kämpfen zu dürfen schien nicht mehr so schlimm wie noch bis vor kurzem. Der Annunakijunge wusste beim besten Willen niemanden mehr zu benennen, für den er zu kämpfen bereit gewesen wäre. Abgesehen von Sarus Familie natürlich, aber der konnte gut genug selbst auf seine Lieben aufpassen.
„Lasst euch doch einfach alle erschießen!“
„Zahrim – zum Direktor! Sofort!“ befahl die Lehrerin.
Zahrim war nichts lieber als das, Hauptsache, er kam von dieser Person, kam von jeglichem Erwachsenen fort!

*

Im Endeffekt musste Zahrim dann doch nicht nachsitzen. Der Schuldirektor hielt ein kurzes Gespräch mit dem Jungen und ein langes mit seiner Lehrerin. Er sprach zu ihr über das Trauma des Durchlebten und wie es in dem Kind wieder aufgestiegen sei. Im Zuge seiner Beschäftigung mit Zahrims Fall erklärte der Schuldirektor zudem Schaschka Vayu für unfähig, die Erziehung des Jungen weiterhin in die Hand zu nehmen.
In einer neuen Stadt und einer anderen Familie existierte ein fester Zeitplan, an den sich das Kind zu halten hatte sowie ein generationenaltes, im Strafvollzug bewährtes Belohnungssystem. Innerhalb der ersten vier Tage testete Zahrim seine Grenzen sechsmal aus. Jeder seiner Verstöße gegen die geltende Ordnung wurde weder bestraft noch ignoriert, sondern wortreich vergeben. Zahrim wurde schlecht von all dem Mitleid, fing sich am fünften Tag in seinem neuen Heim eine Ohrfeige ein und wurde kurz darauf um Vergebung gebeten, die er unter gespielten Tränen gewährte.
Der Junge vergrub sein Gesicht in einem seiner zahlreichen neuen Stofftiere. Was hatte er sich ein neues Stofftier gewünscht, damals, nach der Zerstörung seines Heimatdorfes! Aber nicht so, nicht unter diesen Umständen. Zahrim Vayu fühlte sich gerettet und beschützt, nicht wie ein einundneunzigjähriger Junge auf dem Weg ins Leben, sondern wie ein Kleinkind, dem man kuschelweiche Fäustlinge überzieht, damit es seine Finger nicht nach gefährlichen (oder, dem Wesen eines Kindes in diesem Alter geschuldet, gefährdeten) Gegenständen ausstrecke.

*

Ein Gleichungssystem mit ganzen zwei Unbekannten stellte den größten Schrecken für Zahrims neue Mitschüler in der Knabenschule dar. Glücklicherweise hatten ihn seine vorherigen Lehrer während der bei Schaschka Vayu verbrachten Zeit gründlichst auf die Konfrontation mit diesem Gegner vorbereitet. Zahrim kam als ein im Großen und Ganzen durchschnittlicher Schüler in seine neue Schule. Die Mathematik galt als Grundlage für viele andere Fächer und bereitete Zahrim, obgleich sie ihm nicht immer leicht fiel, großen Spaß. An diesem Tag ging ihm das Rechnen flott von der Hand. Während um ihn herum die anderen Kinder noch immer bemüht waren, die An-Rune zu isolieren (und es eine Handvoll unverdrossen mit der ungleich schwerer zu befreienden Scha-Rune versuchte), lehnte sich Zahrim zurück und löschte die in eine Sackgase führenden Rechenoperationen von seiner Schreibfolie, so dass nur noch der korrekte Rechenweg und das Ergebnis dort zu lesen standen. Doch weil der Neue sich in der vergangenen Stunde ein wenig begriffsstutzig angestellt hatte, stufte ihn sein Lehrer als schwachen Rechner ein und interpretierte Zahrims zufriedene Haltung als Kapitulation vor der Aufgabe.
„Zahrim – nach vorn! Wir rechnen das jetzt Schritt für Schritt für die ganze Klasse!“ befahl der Nefilim-Annunaki-Mischling.
Zahrim warf einen Blick auf seine Folie, überlegte, ob er sie zurücklassen sollte und schüttelte dann den Kopf. Von seinem Stolz sollte der Erfolg einer Mission nicht abhängen, das hatte ihn nicht erst Schoramael gelehrt. Daher nahm der Junge seine Lösung mit nach vorn, anstatt zu versuchen, sie aus dem Kopf an die Tafel zu bringen.
Unter die beiden bereits an der Tafel stehenden Formeln zog Zahrim eine Linie, dann fügte er jeder Zeile einen großen Kreis hinzu, in den er seine Hilfsrechenoperationen eintrug.
„Ich habe oben mit 3*Scha multipliziert, unten mit -1 und dann addiert“, erläuterte er. „Daraus ergibt sich, dass Scha nur 1 sein kann. Und An…“ Hastig kopierte Zahrim seine Rechenweg an die Tafel, weil er spürte, dass sich Heiterkeit im Klassenraum aufbaute. „…ist dann sechzehn.“
Als der Neue von der Tafel zurück trat entlud sich in seinem Rücken schallendes Gelächter.
„Mal minus!“ johlten die anderen Knaben. „Hahahha!“
<Der ist ja dumm!> lautete die einhellige Meinung der Schüler. <Nimmt zwei Rechenzeichen hintereinander!>
Zahrim hatte bereits die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass Kinder über ihren Verstand hinausgehende Sachverhalte zuerst einmal als falsch betrachteten, wenn sie aus dem Mund eines Altersgenossen kamen. Anstatt in Betracht zu ziehen, dass es der eigene Horizont sei, der einer Erweiterung bedurfte, anstatt gründlich zu prüfen, was ihnen da vorgelegt wurde, verlachten sie das Fremde. Auf diese Weise eventuell den eigenen Untergang herbeizuführen, kam ihnen nicht in den Sinn. Kurzum: In ihrer Überheblichkeit und Beschränktheit unterschieden sich Kinder nicht wesentlich von den meisten Offizieren, die der Junge kennen gelernt hatte.
Einen wundervollen Moment lang schien es, als stünde der Lehrer auf Zahrims Seite, denn er erinnerte die Kinder daran, dass sie das Additionsverfahren doch bereits kennen gelernt hatten. Dann schlich sich ein tadelnder Unterton in seine Ätherpräsenz, als er erklärte, mit negativen Zahlen würde in dieser Klassenstufe noch nicht gerechnet.
„In meiner alten Schule…“ begann Zahrim.
„Was du bei den Hunden gelernt hat, ist hier nicht von Belang!“
Zahrims Gesicht färbte sich vor Wut und Beschämung rot.
„Nein, wo ich vorher war!“ protestierte er. „Bei meiner vorherigen Familie. Das war schon in ´ner Vayu-Domäne!“
„Aha. Offensichtlich halten es unsere Bürger nicht lange mit dir aus. Dann muss ich mir deine Lügen sicher nicht mehr lange anhören.“
<Das war keine Lüge…> „Das war wirklich in einer Vayu-Schule!“
„Schweig! Wir rechnen noch einmal von vorn. Fang an, nach Scha umzustellen!“

*

„Sag mal…“, wandte sich ein Mitschüler nach der Stunde an Zahrim.
Er stockte, lauschte auf den Äther, schob sein Ansinnen dann zurück und grinste den Neuen an.
„Mach dir nichts draus. Ich habe gar nicht zugehört, wie er dich ausgemeckert hat. Weißt du, ich habe schon abgeschaltet, als du die Lösung nach deiner Formel raushattest. Eins und Sechzehn, aber warum das so ist, muss ich mir echt nicht antun.“
„Hätte falsch sein können.“
„Na und? Immer noch besser als mein Ergebnis, nämlich gar keins. Vergiss den Schrott. Ich wollte dich fragen, ob du ein ganz bestimmtes Mädchen kennst. Ein bisschen älter als wir, geht auf die Schule über der Straße und kommt auch von T´ien. Unser Mathemann hat sich darüber beschwert, dass sie in die Schule zu den braven Mädchen geht, weil sie wie du aus dem Feld kommt und was die Weiber im Feldlager machen, wisse man ja.“
„Wie heißt sie denn?“
„Aja. Aja – irgendwas, Kuri, oder Kunn, glaub´ ich.“
„Aja-kur?“
„Ja, das war der Name!“
<Eine mittelmäßige Schülerin>, klinkte sich ein Erwachsener in das Pausengespräch der Jungen ein. Er lächelte, während er ihnen leise anvertraute: „Aber das habe ich dem Kollegen natürlich nicht gesagt. Vor eurem Mathelehrer habe ich Aja-kurs schulische Leistungen in den höchsten Tönen gelobt.“
Zahrim blickte den fremden Mann fragend an.
„Das ist Lorimir, unser Lehrer für Geschichte“, stellte sein Mitschüler den Erwachsenen vor.
„Ganz genau. Ich bin einer der wenigen, der Alte Geschichte gibt, also pendle ich in dieser Eigenschaft zwischen allen Schulen in der Stadt hin und her. Dabei habe ich auch deine alte Bekannte kennen gelernt.“
Der Mann blickte Zahrim fest in die Augen. Beinahe meinte der Junge, in der grundsätzlich warmherzigen Ätherpräsenz des Annunaki eine eiskalte Ader ausmachen zu können.
„Sie ist doch eine Bekannte, oder?“ fragte Loromir lauernd.
„Ja“, erklärte der ehemalige Schildoffizier und lachte dabei erleichtert. „Ja, das ist sie. Wirklich bloß eine alte Freundin, nichts weiter, weder für mich, noch für die Großen. Du darfst nichts auf diese dumme Verleumdung geben!“
Zahrims Antwort stellte Lorimir zufrieden.
„Komm mal zu meinem Pult“, forderte er Zahrim auf.
Aus seinem transportablen Privatarchiv lud der Geschichtslehrer eine Artikelserie, die lange vor Zahrims Geburt entstanden war. Dass es sich dennoch nicht um Alte Geschichte handelte, verrieten die nächsten Worte des Mannes:
„Als diese Berichte erschienen, befand ich mich so etwa in eurem Alter. Aber die meisten Kollegen sind älter. Sie hatten damals bereits eigene Familien…“
Zahrim warf einen gelinde interessierten Blick auf den Bildschirm. Dort stand zu lesen:

Gefangene Kindersoldaten dürfen bleiben

„Wir wurden aber doch gar nicht gefangengenommen!“ protestierte der Junge.
<Lies den Artikel bis zum Ende!>
Zahrim gehorchte. Er erfuhr, dass sich die Überschrift auf einen Krieg bezog, der auf Enun ausgefochten wurde, als sein neuer Geschichtslehrer noch ein kleiner Junge gewesen war. Das Besondere daran war, dass aus mehreren Häusern bestehende Bündnisse gegeneinander angetreten waren, so, wie sich heutzutage die kleineren Häuser im Kaperkrieg gegen das hochadlige Haus Tigâra zusammentaten. Suhurmasch, Kylin und das damals noch mächtigere T´ien hatten auf der einen Seite gestanden, die Gegenseite wurde von Vayu angeführt. Der Einhornclan, so erfuhr Zahrim weiter, hatte sich geweigert, nach Vayus Sieg die volle Freikaufsumme für einige Dutzend seiner gefangengenommenen Kindersoldaten zu löhnen. Vayu aber feilschte nicht, schon gar nicht mit Besiegten. Nach kurzen Verhandlungen untereinander verkündeten die Clansherren, die Gefangenen als Bürger des eigenen Hauses aufzunehmen und auch gleich noch eine weitaus größere Anzahl Erwachsener als Leibeigene zu behalten – zur Abschreckung Kylins.
„Ja, wir haben das schon einmal gemacht“, meinte der Geschichtslehrer lächelnd. „Aber im Gegensatz zu dem Scharmützel, aus dem du gerettet wurdest, hat dieser alte Krieg Wunden geschlagen, deren Narben noch sichtbar sind. Gerade euer Mathelehrer mit seiner Nefilimverwandtschaft wird beim Anblick eines T´ien-Wappens nicht gerade in Jubelschreie ausbrechen. Als Adlige befanden sie sich definitiv in diesem Krieg im Einsatz, kamen möglicherweise nicht zurück… Dennoch ist das kein Grund, Schüler zu schikanieren.“
Zahrim nickte verstehend. Dann hob er den Kopf.
„Hast du das auch Aja-kur gezeigt?“
„…nein.“
„Warum nicht?“
„Ich kam nicht dazu. Bitte, reg dich jetzt nicht auf, ja? Du hast deine Freundin noch nicht in der Stadt gesehen, richtig? Aja-kur ist seit Tagen nicht mehr beim Unterricht erschienen. Es wird vermutet, sie sei von zuhause ausgerissen.“
„Aja-kur? Akur und weglaufen? Nein, das glaube ich nicht! Das kann ich mir nicht vorstellen!”

*

Zahrim folgte dem Unterricht diszipliniert, doch mit Stundenende stürmte er wie der Blitz aus dem Schulgebäude. Lorimir Vayu zückte das Telefon und wählte die Nummer der Pflegeeltern Zahrims.
„Ich fürchte, ich habe einen Riesenfehler gemacht“, teilte er ihnen mit, dann berichtete er, was sich zugetragen hatte. „Ich hoffe nur, euer Junge betätigt sich jetzt nicht als Detektiv. … Ach so? … Ja, das ist eigentlich eine gute Idee. … Ich denke, das werde ich tun. … Ja, ich weiß, dass mich ein Teil der Schuld … Hallo? … Oh, aufgelegt.“

*

Am nächsten Tag lud Lorimir Vayu Zahrim zu sich nach Hause ein, wo er weitere Bücher zu dem am Vortag angeschnittenen Thema besaß.
„Du hast doch heute gar keinen Unterricht bei uns“, klagte der Junge. „Wenn du extra nach mir suchst, um mich einzuladen, dann haben dich meine Pflegeeltern auf mich angesetzt.“
„Das auch. Aber die Bücher wollte ich dir ohnehin eines Tages zeigen. Es wird Zeit, dass du beginnst, dich für etwas zu interessieren. Wenn es heute Militärgeschichte ist, soll mir das Recht sein. Vielleicht wird es über dieses Vehikel morgen das Lesen an sich sein und übermorgen die Buchbinderei. Nur komm bitte ins richtige Leben zurück, Zahrim T´ien!“
Zahrim verschloss seine Gefühle angesichts dieser Aussichten so tief es ging in sich. Unter Annunaki genügte es in der Regel, nicht in den Äther zu schauen, dann sah man auch nichts, wenn nicht gerade besonders starke Emotionen im Raum standen. Der Junge schloss also seine geistigen Augen vor was immer in seinem Lehrer vorging. Laut sagte er:
„Na gut. Ich werde da sein.“

*

Aja-kur besuchte nicht den Unterricht. Stattdessen schlief sie und zwar auf dem Steinfußboden eines Kellers. So manches Kind, das darüber spekulierte, von zuhause davonzulaufen, spann sich aus, wie es des Nachts in fremden Kellern übernachten würde und schlummerte über solche Phantasien im eigenen Bettchen ein. Für Aja-kur war der Keller real, aber er stellte nicht die Zuflucht eines Ausreißers, sondern ihr Gefängnis dar. Die geschulten Sinne der ehemaligen Soldatin verrieten ihr, wenn sich jemand an der Tür zu schaffen machte. Bisher hatte sie es dann immer noch rechtzeitig in die Kiste geschafft, wo sie eigentlich ihre Zeit verbringen sollte. Eines Tages würde das Mädchen zu langsam sein, aber dieser Tag war noch nicht gekommen!
„Guten Morgen“, lächelte der Eintretende. „Oder ist es schon Abend? Wie ich sehe, bist du müde. Vielleicht willst du ja gar nicht aufstehen?“
Aja-kur kniff die Lippen zusammen. Ob sie die Kiste verlassen durfte oder nicht, lag ganz im Ermessen des Annunaki, den sie zuerst als ihren Geschichtslehrer kennen gelernt hatte. In Lorimir Vayus Unterricht hatte sie auch gelernt, worum es sich bei der Kiste handelte: ein Erdmöbel, einen Einrichtungsgegenstand für die Toten, wie ihn die Vorfahren verwendet hatten. Ein anderes Bett gestand der Mann seiner Gefangenen nicht zu. Eines Tages, so hatte Lorimir angekündigt, würde er den Deckel über ihrem Kopf schließen und zunageln. Aja-kur glaubte das ohne mit der Wimper zu zucken. Um nichts in der Welt wollte sie daher Kissen und Decke des Erdmöbels oder gar den Sarg selbst benutzen. Lieber schlief sie jede Nacht heimlich auf dem blanken Steinfußboden.
„Es ist Zeit für deine Medizin“, meinte Lorimir. „Zuerst die gute und dann vielleicht das Gegenmittel. Wenn du brav alles tust, was ich von dir verlange.“
Aja-kur kannte die „gute“ Medizin, nämlich die Rute, bereits zur Genüge. Der Vayu-Angehörige schlug sie und quälte sie auf vielfältige Weise, wann immer er durch die Tür trat. Es schien dem Mädchen nur eine Frage der Zeit, bevor er die Dienste einer Frau von ihr verlangen würde. Seit einiger Zeit deutete Lorimir das an und jedes Mal erwartete ihn Aja-kur mit dem furchtsamen Gedanken „Wird es heute sein?“.
Doch was blieb ihr übrig, als zu gehorchen? Bei ihrem ersten Besuch im Haus des scheinbar so freundlichen und verständnisvollen Lehrers hatte er ihr ein heimtückisches Gift serviert. Seitdem zögerte nur die tägliche Dosis eines Gegengifts den Tod des Mädchens hinaus. Eine rettende höhere Dosierung würde der Annunaki ihr nicht geben. „Eines Tages“, hatte er der Gefangenen ausgemalt, „klappe ich den Deckel über dir zu und nagle ihn fest. Dann kannst du abwarten, ob dir zuerst die Luft ausgeht oder das Gift seine Wirkung tut.“
Der Mann hasste alles, was mit Haus T´ien in Verbindung stand, das wusste Aja-kur nun. Hass war anders als Verachtung, Hass führte dazu, dass man das verhasste Objekt aufsuchte und zu vernichten trachtete. Zuerst ihre Persönlichkeit, das hatten die Ausbilder im Hause T’ien bereits vorbereitet, und anschließend, im letzten Moment vor dem Verlöschen derselben, damit sie die letzten Stunden auch noch bewusst wahrnähme, auch den Körper.
Wieder fragte sich Aja-kur <Heute?> als die Schläge abebbten.
„Nein, heute noch nicht“, meinte Lorimir „Ich bekomme nachher Besuch…“

*

Lorimir stieg die Kellertreppe hinauf, als er auch schon das Bimmeln der Türklingel vernahm. Vor der Tür stand Zahrim Vayu, auch bekannt als Schildfähnrich Zahrim aus dem Hause T´ien.
Beherrscht und anständig nahm der Junge in Lorimirs Stube Platz. Bereits nach den ersten Seiten der ihm versprochenen Bücher verschlang er jede weitere förmlich. Loromir fand sich mit Fragen bombardiert, die ganz und gar nichts mit dem aufgezeichneten Geschehen zu tun hatten. Was Zahrim in den Bann zog, waren die Photos fremder Klimazonen, ihre Pflanzen und Tiere, kurz und gut, das wenige an Natur auf dem Planeten, das den Aufstieg Ajaer Scharuturs zu einem Sternenreich überstanden hatte.
Nach einer guten Stunde erhob sich der Erwachsene streckte seine Glieder und sich über die vom Sprechen trockenen Lippen leckte.
„Weißt du was? Ich mache uns einen Tee.“
Allein die Erwähnung dieses Getränks rief Zahrim deutlich ins Bewusstsein, dass es eine ganz andere Einrichtung im Haus des Geschichtslehrers gab, die er viel nötiger brauchte als noch mehr Flüssigkeit in seinen Gedärmen.
„Darf ich mal aufs…?“ fragte er.
„Sicher. Die Tür zur Gästetoilette ist gleich neben dem Eingang.“

Während der Erwachsene sich in die Küche begab, trat sein Gast in den Flur und sah sich um. Direkt neben der Eingangstür verdeckte ein Vorhang etwas, das Zahrim beim Eintreten für eine Besenkammer gehalten hatte.
„Himmelsgötter, ist der Kerl verklemmt“, murmelte der Junge vor sich hin. „Hängt sich einen Vorhang vor die Klotür!“
Zahrim zog den Vorhang zur Seite. Doch anstatt die gesuchte Tür öffnen zu können, fand er sich in einer Nische wieder, von der aus eine Treppe in die Tiefe führte. Nach den Himmelsgöttern rief Zahrim nun auch noch die Schattenlosen an. Wem die Benutzung des Donnerbalkens dermaßen peinlich war, dass er dessen zivilisiertes Gegenteil tief im Fundament seines Hauses verstecken musste, der sollte am Besten nie wieder etwas zu sich nehmen! Schon gar keinen Tee, fand der Junge.
Unerschütterlich von der Richtigkeit seiner Theorie, sich auf dem richtigen Weg zur Toilette zu befinden, überzeugt, stieg Zahrim die Kellertreppe hinab. Am Fuße der Treppe befand sich endlich eine Tür, doch wollte sie sich nicht öffnen.
„Abgeschlossen?“ wunderte sich das Kind.
Für den Fall, dass die Tür bloß klemmte, rüttelte Zahrim kräftig daran. Er stockte, stand stocksteif und spitzte die Ohren, als er Schritte auf der anderen Seite der Tür hörte.
Wieso hat mir Lorimir denn nicht gesagt, dass seine Frau zuhause ist?
„Es tut mir leid!“ rief er durch die Tür. „Ich kann warten!“ <Aber nicht mehr sehr lange…>
Die Person im Inneren des Raumes antwortete ebenfalls nur über den Äther: <Du bist ja gar nicht er! Wer bist du? Kenne ich dich?>
„Also, ein ER bin ich schon“, stellte Zahrim klar. „Ich bin Schildfähnrich Zahrim und hier zu Gast.“
<Zahrim! Schildfähnrich! Zahrim T´ien!> jubelte die Präsenz hinter der Tür.
<Aja-kur?!>
Ajas Gefühle drangen in Zahrims Geist ein. Endlich begriff der Junge, dass er ganz und gar nicht vor der Tür des Gästebades stand. Nicht nur das – der freundliche Geschichtslehrer hielt Aja-kur in seinem Keller gefangen! Ob er mit Zahrim etwa ähnliches vorhatte?!
„Aja! Du, Aja-kur, ich hole dich hier raus, aber bitte, bitte, sag mir, wo ich das verfickte Klo finde! Sonst kann ich für nichts garantieren!“

Wenige Minuten später betrat Zahrim erneut das Lesezimmer des Hausherren – um gefühlte zwei Kilogramm Körperflüssigkeit leichter. Dafür brannte ihm der Schlüssel zum Gästebad in der Rocktasche.
„Hat länger gedauert“, erklärte er dem Erwachsenen lächelnd.
„Macht nichts. Dafür ist der Tee fer…“
Der Annunaki stockte in seiner Rede.
<Ertappt!> schoss es Zahrim durch den Kopf und in der Tat war es ihm nicht gelungen, seine Gedanken vor dem Mann zu verschließen. Seine Begegnung mit der Gefangenen war sicher vor einer Entdeckung durch Lorimir. Der ehemalige Kindersoldat hatte gelernt, wie man die Ergebnisse eines Spionageeinsatzes vor unbefugtem Zugriff schützte: Man musste etwas anderes tun, das die Gedanken beschäftigte und Lauscher ablenkte. Zahrim hatte daher an diesem Tag etwas getan, was er nie zuvor gemacht hatte und, so hoffte der Junge, niemals wieder würde tun müssen: etwas zu nehmen, das einem anderen gehörte.
„Du hast etwas gestohlen!“ sagte Lorimir seinem Gast auf den Kopf zu. „Los, sag mir, was es ist und wo du es versteckt hast, du kleiner Hund!“
Der Mann beugte sich über den Tisch. „Ist es eins meiner Bücher?“
Durch die Suche nach einem fehlenden Buch abgelenkt, bemerkte Lorimir nicht, wie Zahrim einen Briefbeschwerer aus dem Wandregal nahm. Der Junge hob den Arm über den Kopf, zielte und lies den schweren Gegenstand auf den Schädel des Erwachsenen herabsausen.
Lorimir jaulte vor Schmerz! Er taumelte zurück, nur, um zusehen zu müssen, wie Zahrim auf den Tisch sprang und von dort auf ihn zugesprungen kam. Zahrim streckte sein Schussbein aus. Festes Schuhwerk traf ganz in die Nähe empfindlicher Teile der männlichen Anatomie und Lorimir jappste vor Schreck nach Luft.
„So“, zischte Zahrim. „Damit wäre das Schlachtfeld ein wenig ausgeglichener!“
Der Junge hechtete davon, verfolgt von seinem gebeutelten Lehrer. Er rannte in Richtung Küche, warf sich herum, lies den Mann sich einmal um sich selbst drehen und versteckte sich hinter dem Vorhang im Erdgeschoss.
„Dort kriege ich dich!“ tobte Lorimir.
Er packte zu, doch Zahrim hatte sich längst tiefer die Treppe hinunter begeben und von dort einen alten Eimer heraufgeholt, den er seinem Verfolger nun über den Kopf stülpte. Hätte nicht so viel auf dem Spiel gestanden, die wilde Jagd hätte einer gewissen Komik nicht entbehrt.
Der unerwartete Angriff hatte Lorimir dermaßen aus der Bahn geworfen, dass er Zahrim ins Gästebadezimmer folgte – genau dorthin, wo der Junge ihn hinhaben wollte. Zahrim duckte sich, wich dem nach ihm geworfenen Eimer aus, zückte die Klobürste und streckte diese vor Desinfektionsmittel triefende, beißend riechende Waffe dem Hausherren entgegen. Als Lorimir wie erhofft zurückwich, sprang Zahrim auf den Toilettendeckel und von dort weiter auf einen altmodischen, für alle sichtbar an der Wand hängenden Spülkasten. Zahrim kannte diese Objekte. In Haus T’ien hingen sie, mit einer Kette versehen, über den Köpfen der Nutzer. Als kleiner Junge hatte Zahrim sich stets ein wenig vor ihnen gefürchtet, doch dieses Exemplar hier war sein Freund. Der Spülkasten ächzte bedenklich in seiner Halterung.
„Du büßt für jeden einzelnen Kratzer!“ brüllte Lorimir.
Er schoss nach vorn, um nach seinem Gegner zu greifen, doch dieser stieß sich von der Wand ab, warf sich gegen die Tür und war auch schon aus dem Badezimmer verschwunden. Krachend fiel die Tür ins Schloss. Zahrim drehte den bereits bei seinem ersten Besuch hier vorsorglich entwendeten Schlüssel mehrfach im Schloss herum. Nachdem dies geschehen war, lehnte sich der Junge schwer atmend gegen die Tür.
„Lass mich raus oder jemand, den du liebst, stirbt!“ drohte der Lehrer.
Zahrim ging nicht auf die Drohung ein. Nachdem er ein wenig zu Atem gekommen war, riss er das Telefon aus seiner Wandhalterung. Der Junge wählte die Notrufnummer der Stadtwache und rief ins Mikrofon: „Kommt bitte schnell, ich habe meinen Lehrer im Klo eingesperrt!“
Dann pflückte er jeden einzelnen Schlüssel vom Hakenbrett und nahm das Kästchen mit den Magnetkarten so wie er war von der Wand. Einer davon musste einfach zur Tür von Aja-kurs Gefängnis passen!
Zahrim probierte einen nach dem anderen, bis ihm aufging, dass Lorimir den gesuchten Schlüssel vielleicht am Körper tragen würde. Doch davor, seinem Gefangenen so nah zu kommen, fürchtete er sich.
Der ehemalige Schildoffizier hockte vor der Kellertür, wo er einen harten Kampf gegen die Tränen ausfocht. Dann fielen zwei Türen gleichzeitig aus den Angeln: Die erste gehörte zum Gästebadezimmer und hatte dem Hausherren nachgeben müssen, die zweite aber war die Haustür, die dem Ansturm der Stadtgardisten nicht standhielt.

*

„Diebe! Einbrecher! Ich habe Verbrecher im Haus!“ schrie Lorimir, kaum, dass er die Stimmen der Eindringlinge als den städtischen Ordnungshütern zugehörig erkannt hatte. „Helft mir bitte!“
<Erbärmlicher Zivilist>, dachte Zahrim.
Keine fünf Minuten später war Aja-kur aus ihrem Gefängnis befreit und ein junger Nefilimrekrut der Stadtgarde – also offiziell im Fähnrichsrang stehend – übergab sich vor Ekel in den Sarg.
„Wenn“, keuchte der Adlige, „ich jemals versehentlich Gift einnehme und es muss schnell raus, dann schaue ich in diese Zelle!“
„Warum hast du das getan?“ fragte Zahrim seinen Lehrer nicht weniger abgestoßen als der Halbgroße, aber in ruhigerem Tonfall.
„Meine Eltern starben durch die Hand von Soldaten des Hundeclans! Diese Barbaren haben ihre Jüngsten ein Zielschießen auf die vor ihren Einsatzwagen Flüchtenden veranstalten lassen! Jungs wie du haben das getan! Wir habe die Leichen später gefunden – elendiglich verblutet.“
„Jungs wie ich hätten richtig getroffen!“ brüllte der bis dahin beherrschte Zahrim. „Dafür haben die uns gedrillt! Und meine Eltern sind auch im Krieg gestorben, sonst hätte ich nie töten lernen müssen! Nicht wegen T´ien, nicht wegen Vayu, sondern wegen euch Scheiß-Erwachsenen! Könnt ihr nicht endlich damit aufhören, euch umzubringen?“
Zahrim sackte in den Armen des Vayu-Fähnrichs zusammen.
„Könnt ihr… nicht endlich… aufhören…!“ schluchzte er.

*

„Ich hätte misstrauisch werden müssen, als er mich ‚Zahrim T´ien’ nannte“, gab der Junge nach der Verhaftung seines ehemaligen Geschichtslehrers zu Protokoll. „Aber darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Ich war doch so sauer, weil ich seine Einladung für einen Einfall meiner Pflegeeltern hielt!“
„Ja, das war gut gespielt von dem Kerl“, nickte der Hauptmann. „Er wusste genau, wo er dich und deine Eltern anzupacken hatte, dass ihr ohne es zu merken nach seiner Pfeife tanztet.“
„Habt Ihr auch jemanden verloren in dem Krieg damals?“
„Ich gehe nicht davon aus, dass du denjenigen getötet hast und das ist alles, was dich in dieser Angelegenheit etwas angeht!“
„Oh… Entschuldigung, Herr! Ich wollte Euch nicht zu nahe treten!“
„Das wirst du noch oft und voller Überzeugung“, lachte der Adlige. „Eine Eigenschaft, die dich gar nicht mal so ungeeignet für eine Karriere in den Sicherheitskräften erscheinen lässt.“
„Vielen Dank“, murmelte der Junge errötend.

*

Am darauffolgenden Tag wurde Zahrim Vayu ein zweites Mal rot, als er nämlich vor der Klasse von seinem Abenteuer berichten musste. Von einer Auszeichnung war da die Rede und einem mit dieser verbundenen Geldpreis, einem Preis, von dem sich Zahrim eine Ferienreise nach Anur zu finanzieren erträumte. Danach folgte eine weitere Mathematikstunde.
„Möchtest du zwölf Punkte?“ fragte der Lehrer den Jungen kurz vor Unterrichtsbeginn.
„Nein, danke. Ich bekomme schon eine Prämie und davon fliegen wir nach Anur. Meine Pflegeeltern werde ich ja sicher mitnehmen müssen.“
„Die Punkte wären nicht geschenkt, Zahrim. Ich habe es nicht nötig, mich bei einem Schüler anzubiedern. Aber…“ Bei seinen nächsten Worten blickte der Nefilimmischling das Kind beinahe feierlich an. „Aber ich muss mich bei dir entschuldigen“, erklärte er. „Aja-kur wird aufgrund der Gift- und Gegengiftverabreichung in ihren sich entwickelnden Körper ihr Lebtag mit einer Medikamentenallergie zu kämpfen haben und über kurz oder lang hätte dieser Verbrecher euch beide getötet. Das zu erfahren, war ein Schock für mich, aber ein heilsamer. Ich habe begriffen, dass ich mich im Grundsatz nicht anders verhalten habe, als der verhaftete Lorimir. Weniger drastisch, aber nicht besser als er. Nimmst du meine Entschuldigung an?“
Zahrim nickte stumm. Dann zwang er sich, ein fröhliches Gesicht aufzusetzen. „Wie komme ich denn an die zwölf Punkte?“
Die Antwort seines Lehrers verriet dem Jungen, dass der Erwachsene tatsächlich bereit war, für alle seine erzieherischen Fehltritte gerade zustehen: „Ich wünsche mir, dass du einen Kurzvortrag über das Rechnen mit negativen Zahlen hältst, bevor ich dieses Kapitel im nächsten Monat beginne. Wir hängen ein wenig im Stoff, weißt du…?“

*

Zahrim verdiente sich seine zwölf Punkte. Bald darauf kam auch Aja-kur wieder zur Schule. Sie hatte beinahe denselben Schulweg wie Zahrim, weshalb es sich ergab, dass die beiden diesen gemeinsam liefen.
„Bist du mir eigentlich böse?“ fragte Zahrim das ältere Mädchen eines Tages.
„Nein, wieso denn?“
„Dass ich dich gerettet habe.“
„Sag mal, spinnst du jetzt komplett? Glaubst du, ich hätte lieber sterben mögen?“
„Ich weiß nicht“, gab Zahrim zu. „Ich habe mich wie im Sterben liegend gefühlt, Aja-kur, die ganze Zeit über. Weder T´ien noch Vayu maßen mir irgendeinen Wert zu. Keiner glaubte an meine Fähigkeiten. Sie dachten, mein Herz wäre nur als Blutpumpe tauglich, nicht das eines Mannes.“
„Du hast mich doch nicht nur aus dem Keller rausgeholt, um dich besser zu fühlen, Zahrim!“
„Nein, natürlich nicht. Dass das ungemein wichtig für mich war, ist mir erst klar geworden, nachdem du schon wieder frei warst. Jetzt weiß ich, dass ich nicht nur einer bin, den man retten muss, sondern jemand, der anderen helfen kann.“
„Nimm´s mir nicht übel, Zahrim, aber das alles sagt mir nur eins: dass du ein Junge bist. Genauso blö… ähem, schwer verständlich wie die alle.“
Zahrim grinste erleichtert.
„Nein, noch bin ich kein Junge“, erklärte er. „Aber wie man einer wird, lerne ich auch noch!“

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