Lesekind (Teil 1 von 2)

(Vierte Erzählung aus der Reihe „Die Kinder des Schusarvogels“,
Abschnitt 1 und 2 von 3)

Es scheint ein allgemein anerkannter Fakt zu sein, dass „ein militärischer Hintergrund in Verbindung mit einem Studium der Astrophysik“ beste Chancen eröffne, „für einen Weltraumflug ausgewählt zu werden“. Mittlerweile habe ich erleben müssen, dass ein gut gefülltes Strafregister ebenfalls ausreicht. Aber wenn man es tatsächlich darauf anlegt, dann besteht die beste Qualifikation noch immer darin, der Sohn eines reichen Vaters zu sein, der bereits an dem Projekt mitarbeitet…

– aus Kethri Qats Erinnerungen.

Kapitel I

Zeit: Heute
Ort: Mein KinderJugend!zimmer

„Hallo, Kleines. Ich bins, dein Vater, und ich will dir heute sagen, dass du wunderschön aussiehst. Woher ich das weiß, wo wir uns doch nie kennengelernt haben? Nun, von dort, wo ich bin, kann ich dich gut sehen. Tiamats Palast unter den Wellen hat viele riesengroße Fenster, die immer blitzblank poliert sind. Das macht das Wasser von ganz allein, da muss sich keiner anstrengen. Aber weil ich weiß, dass du mich nicht sehen kannst, habe ich dieses Video aufgenommen…“

Der Sprecher sah abgehärmt aus, daran vermochte auch die Festrobe eines Fürsten, die er auftrug, nichts zu ändern. Wo er sich befand, ließ sich nicht mehr ermitteln, denn jemand hatte tatsächlich das Bild großer Glasscheiben vor einem strahlend blauen Ozean in den Hintergrund kopiert.
Für damalige Verhältnisse sah das Ganze richtig gut aus, fand Imdugud Ubaid.
Damals, das bezog sich auf eine Epoche vor der Besiedelung Anurs und sogar noch vor den letzten verheerenden Kriegen zwischen den einstigen Häuserbünden. Heutzutage „kannte“ jedes Kind die Geschichte des Bundes der Fünfzig Namen: Zuerst hatten sich fünfzehn Clans zum „Haus der Fünfzehn“ zusammengetan, dann waren nach und nach mehr dazugestoßen, bis am Ende jedermann dazu gehörte. Wer allerdings die Alte Geschichte studierte, der erfuhr bald, dass es sich genau andersherum zugetragen hatte: Weitaus mehr als nur fünfzig Clans hatten die Anzahl ihrer Konkurrenten systematisch immer weiter gesenkt, wobei sie sich zwecks Erhöhung der Überlebencchancen zu Bünden zusammengeschlossen hatten, unter denen das Haus der Fünfzehn zu den Ältesten und Mächtigsten zählte.
Haus Ubaid hatte als eines der ersten begriffen, wie diese Entscheidungsschlacht zwischen den Haus der Fünfzehn und dem Rest der Welt nur ausgehen konnte und sich den künftigen Siegern… nun, darüber gingen die Meinungen der Historiker auseinander. Unterworfen, behaupteten die einen, und dass es immer noch besser gewesen sei, als unterworfen zu werden oder unterzugehen. Angeschlossen, meinten die anderen, als gleichberechtigter Partner ins Haus der Fünfzehn eingetreten und dessen Gesetze übernommen, darunter den mit der Biologie einer Person verknüpften Stand. Im Verlauf eines einzigen Tages, pünktlich zur Stunde der Igigi, war damals jeder einzelne Nefilim der Ubaid in den Adelsstand erhoben worden – und jeder adlige Annunaki seines Titels verlustig gegangen. Vergleichsweise friedlich sollte das vonstatten gegangen sein; die Entadelten behielten weiterhin ihr Eigentum, durften aber nichts weitervererben, was ihnen nach dem neuen Adelsrecht verboten war: Ländereien, Produktionsstätten, Leibeigene, motorisierte Fahrzeuge. Nur sämtliche Waffen waren sofort abzugeben gewesen…
Diejenigen, die sich zuerst gegen die Anschlusspläne und später gegen die neuen Verhältnisse auflehnten, richteten ihre Worte und Taten nicht gegen das Haus der Fünfzehn, sondern ihre eigenen Fürsten. Der Große An in Ekur blieb von den Unruhen unbehelligt. Es waren Ubaid, die andere Ubaid wie den Adligen in dem Video verhaften und aburteilen ließen.
Die Wogen glätteten sich erst, nachdem bekannt gegeben wurde, dass sämtliche Erbschaften ehemaliger Annunakiadliger nicht an die Neuadaligen gehen, sondern der Kirche Tiamats zufallen sollten. Von da an verebbten die Proteste zusehends.
Der Annunaki aus dem Video mochte einer der Entadelten gewesen sein, die diesen Kompromiss verhandelt hatten. Was immer hinter ihm lag, er schien mit seinem Schicksal im Reinen, obwohl dieses Schicksal das Fallbeil beinhaltete. In seinem Abschiedsbrief an die Tochter versäumte er nicht, das Kind mit dem neuen System zu versöhnen:

„…aber das ist Quatsch. Meine Vorfahren haben die Heldentat vollbracht, nicht ich. Es gibt keinen Grund, sich dafür selber auf die Schulter zu klopfen. Ja, und deswegen wäre es auch nicht gerecht, wenn du und ich von Adel wären, obwohl wir gar nichts Tolles getan haben.“

Jeder Junge und jedes Mädchen in Imduguds Familie bekam dieses Video vorgeführt, sobald er oder sie ihr erstes Hauswappen erhielten, das Wappen eines Gemeinen im Hause Ubaid. Niemand kannte mehr den Namen des hingerichteten Edelmannes oder seiner Tochter. Niemand würde sich später einmal an Imduguds Namen erinnern. Diese Zeiten waren für die ehemals adlige Familie vorbei, auch wenn sie im Eidechsenclan noch nachwirkten.
Imdugud Ubaid erinnerte sich aus seinem Schulunterricht noch gut an die Epoche des Umbruchs. Und dann waren da noch die Kinderbuchklassiker wie die Geschichte des kleinen Landstreichers, der von einer Bande zu einem Einbruch in ein Herrenhaus gezwungen und natürlich ertappt wird… Auf der Flucht vor den Bütteln stolpert der Nefilimknabe über die Fernbedienung und natürlich läuft im Fernsehen genau zu dieser Stunde die Ankündigung über die Umschichtung der sozialen Stellung. Na, und der alte, ergraute Gutsherr ernennt natürlich sofort den Haupthelden zu seinem Erben und lässt ihn bereits zum Sonnenaufgang in der schönen Villa leben. In einer Reihe von Abenteuern mausert sich das Kind anschließend zu einem Helden, der seiner neuen Stellen auch würdig war.
Doch noch in der Gegenwart war die Umschichtung mit derartig vielfältigen Gefühlen verbunden, dass sie nur im Fernsehen und in Romanen thematisiert wurde, nie aber auf der Bühne, wo Zuschauer und Schauspieler über ihren Äthersinn verbunden waren.

*

Mit den Worten „Was schaust du dir da an?“ unterbrach Imduguds Schwester die Gedanken des Jugendlichen. Nicht seine Zwillingsschwester, die ein Schatz für sich war, sondern die Strafe der Himmelsgötter, die man im Allgemeinen als jüngere Schwester kannte.
„Das Video von Ahn Enkig“, knurrte Imdugud.
„Ach? Hieß der so? Ich kann mich gar nicht erinnern…“
„Keiner weiß mehr, wie er hieß“, seufzte der Ältere. „Ich nenne ihn einfach nur so, weil das auf der Liste der beliebtesten Jungsnamen der Älteste ist. Es besteht daher eine hohe Chance dafür, dass er so gehießen hat. Kapiert?“
Das Mädchen erstarrte. Als säße anstelle ihres großen Bruders eine Riesenschlange vor ihr, bewegte sie nicht einen Muskel. Denn obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, lediglich brav zu nicken, konnte sie nicht verhindern, die verletzenden Worte laut zu denken:
<Was du alles weißt! Bei all dem, was du über Mathe, Sprache und Adelskunde gelernt hast, wie kann man da die Aufnahmeprüfung für die Uni versieben?>
„Den Schließmuskel unten musst du besser kontrollieren als deinen Äthersinn, sonst machst du dir noch in dein Höschen!“ knurrte Imdugud zur Antwort. „Jetzt tu nicht so, als würde ich dich gleich hauen! Mach dir keine Sorgen wegen der Akademiesache. Ich bin drüber weg.“
Wiederum stellte sich der Äther als nicht auf Seiten Imdugud Ubaids stehend heraus.
<Ich werde nie darüber hinwegkommen!> verkündete der Äthersinn ohne Zutun des Jugendlichen.

Imdugud lud eine Kopie des Familienerbstücks in sein Multifunktionsarmband, das ihm auch als Telefon, Terminplaner und Autoschlüssel diente. Mehr als diesen Reif und die auf Dokumentpapier ausgestellte Aufnahmebestätigung ins Lehrlingsinternat wollte er nicht von daheim mitschleppen. Naja, schon noch die Unterwäsche und das ganze Zeug, das seine Mütter ihm eingepackt hatten, aber das zählte nicht richtig.
Also gut. Zeit, diesem Ort Lebewohl zu sagen…
„Weißt du, was ich erst gedacht habe?“ krähte das kleine Mädchen, als Imdugud bereits in der Tür stand.
Der Jüngling musste nachhaken: „Wann: erst? Tut mir leid, aber der Äthersinn überträgt die konkrete Zeitangabe nicht. Da ist nur das biologische Äquivalent zum statischen Rauschen bei mir angekommen.“
„Als du… als dir na-du-weißt-schon-was passiert ist. Bei der Aufnahmeprüfung.“ <Als du durchgefallen bist.> „Da habe ich mir gedacht, du hast das vielleicht mit Absicht gemacht. Weil du doch immer so geschwollen daher redest.“
„Ich…“ <…rede nicht geschwollen daher!>
Das Kind lächelte entwaffnend. „Weil du so klug bist, meine ich. So klug, dass du´s allen auch gleich sagen musst. Ja, ein Studium, das kostet doch viel Geld! Und jetzt, wo du doch nicht studierst, hat dir Vati von dem gesparten Geld stattdessen ein Auto gekauft. Also ich tät ja wissen, was ich lieber haben würde, von dem Auto oder dem Studium… Und dabei bin ich nur ein Mädchen! Ich interessiere mich gar nicht für Autos!“
Die glücklichen Dinger, schoss es Imdugud durch den Kopf. Heute, an seinem letzten Tag daheim, hatte er also endlich erfahren, was nötig war, um seiner kleinen Schwester zu entkommen: Er musste sich einfach nur in ein Automobil verwandeln! Nichts leichter als das…
Auf sein eigenes Fahrzeug war der Junge immens stolz. Auf Enun, so hatte er gelernt, durfte sich jeder Bürger des Hauses Ubaid ein Auto kaufen, wenn er das Geld dafür aufbringen konnte. Auf seiner eigenen Heimatwelt, dem „Grünen Juwel“ Anur, war es in den meisten Regionen nötig, Bedarf nachzuweisen, bevor man ein Auto besitzen durfte. Kaum überraschend galt diese Regel natürlich nur für Gemeine.
Imduguds Landesherr hatte die Genehmigung klaglos gesiegelt – oder zumindest siegeln lassen. Immerhin würde sein junger Untertan das Auto über die Grenzen seines Lehens hinaus mit in eine andere Domäne das Hauses nehmen. Was der Junge dort in der Ferne mit dem Wagen anstellte, fiel nun wirklich nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich des Adligen.
Imdugud schritt, von seiner Schwester wie vom eigenen Schatten begleitet, die Treppe ins Erdgeschoss des Hauses hinunter. Ein, zweimal musste er noch die Reste von Konfetti und Luftschlangen sowie einen geplatzten Luftballon beiseite treten. Die Aufräumarbeiten für seine gestrige Abschiedsfeier schienen noch in vollem Gange zu sein.
Gestern… dachte der Jugendliche. Gestern ist irgendwie lange her.
Während Imdugud sich auf den Weg in seine Zukunft machte, stieg erneut die Vergangenheit vor seinem inneren Auge auf…

Mit gleich vierzehn Kindern war eine ungewöhnlich große Beginnerklasse in der kleinen Schule im Bergdorf zusammengekommen. Sie alle waren einander noch fremd und so saßen die jeweiligen Zwillingspaare nebeneinander, um einander Halt zu geben. Manche hielten einander unter der Bank heimlich an den Händen.
Zwei Knaben gehörten zu den seltenen Fällen, in denen ein männliches Kind ohne Schwester auf die Welt kam. Sie saßen natürlich ebenfalls nebeneinander! Auch die vier einzelnen Mädchen hatten sich zu zwei Paaren zusammengefunden.
Nur die wenigsten Schulanfänger stammten aus dem Ort selbst. Die meisten Schüler wurden jeden Morgen per Schulbus von ihren im Gebirge verstreut liegenden Gehöften abgeholt und am Nachmittag wieder zurückgebracht. Die Option, ihr Kind in der Schule übernachten zu lassen, nahmen nur die Eltern älterer Schüler in Anspruch. In der Beginnerklasse war nur ein einziges Kind im Internatsbetrieb angemeldet.
Auf den Rücken dieses Kindes starrte Imdugud Ubaid unverwandt. Er wusste schon, wie das Mädchen genannt wurde, nämlich Trine, nicht aber, dass es sich bei diesem Begriff um ein Schimpfwort handelte. Der kleine Imdugud hielt die Bezeichnung für einen aus der Tradition eines anderen Hauses übernommenen Namen. Trine faszinierte ihn. Nicht, weil sie ein Mädchen war, sondern, weil es sich um ein Waisenkind handelte. Das war gruslig und spannend zugleich und machte Trine in Imduguds Wahrnehmung zu einer exotischen Prinzessin, mit der befreundet zu sein nur die vorbildlichsten Kinder erreichen konnten.
Im Haus Ubaid kümmerten sich die Familien einer Ortschaft abwechselnd um Waisenkinder. Jede bot ihnen für gewisse Zeit Unterkunft und Heim. Auf Imdugud und seine Schwester, die ihr bisheriges Leben lang nur die eigene sowie die kinderlose Nachbarsfamilie gekannt hatten, übte die Vorstellung von Trines Nomandenleben eine starke Faszination aus. Wie musste es sein, all die fernen Orte kennenzulernen, von denen sie bisher nur gehört hatten: den namenlosen Ort auf halber Höhe zwischen Alm und Hafen, die Hafensiedlung im Fjord und die Höfe auf der anderen Seite des Fjordes?
Noch jagte den beiden der Gedanke Furcht ein, noch bewunderten sie Trine für ihren Mut, doch der Tag würde kommen, an dem sich auch Imdugud entscheiden würde, die Woche über lieber im Ort zu leben als sich jeden Tag zurück auf die heimatliche Nebelgänger-Alm mit ihren träge umherflatternden blökenden Schafen kutschieren zu lassen.

Nachdem der Lehrer die Kinder begrüßt und die Klasse auf vollständige Anwesenheit überprüft hatte, verkündete er ihnen, dass jeder Schüler am Ende des ersten Lernfeldes sein allererstes Hauswappen erhalten würde. Voraussetzung dafür war natürlich, dass sie gut lernten und die Prüfung bestanden.
Wie würde das Wappen denn aussehen, fragte der Lehrer die Kinder?
Fast alle meldeten sich. Der Nefilim ließ sich Zeit damit, jemanden aufzurufen. Zuerst analysierte er mit seinem Äthersinn die Gefühle derjenigen Kinder, die sich nicht gemeldet hatten. Er gelangte zu dem Schluss, dass jedes von ihnen ebenfalls wusste, wie das Hauswappen der Ubaid aussah und sie lediglich zu schüchtern waren, ihre Hände zu heben.
Da das „Trine“ gerufene Mädchen zuerst ihre Finger in die Höhe gereckt hatte, rief der Lehrer es auch als erstes auf. Mit sicherer Stimme beschrieb das Kind die stilisierte Darstellung der Eidechse, lediglich auf die Frage nach den Farben antwortete es schlicht und einfach: „Grau.“
Nachdem einige der anderen Schüler gelacht hatten, meinte der Lehrer, das könne ja nun nicht so stimmen.
Imdugud riss seinen linken Arm nach oben. <Ich weiß was, ich weiß was!> rief sein Geist aus. Es hätte nicht viel gefehlt und der Junge wäre auf seinem Stuhl auf und ab gehüpft.
„Ja, Imdugud?“
„Graue Wappen gibt es wirklich“, verkündete der Schulanfänger stolz. „Die sehen ansonsten ganz genauso aus wie die normalen. Wenn jemand ins Gefängnis muss, dann kriegt er sein altes Wappen weggenommen und muss ein graues tragen.“
<Das hat er sich gerade ausgedacht.>, <Ja, der ist in die Trine verschossen!> und <Das stimmt ja gar nicht…> hallte es durch das Klassenzimmer.
Doch der Lehrer verkündete, Imduguds Antwort sei korrekt und fragte gleich nach, ob der Junge denn auch schon mal jemand mit einem grauen Wappen gesehen habe.
Der Knabe schüttelte den Kopf.
„Nur im Fernsehen, Herr Lehrer.“
„Wenn es dir doch mal passieren sollte, dann halte dich fern von solchen Männern“, warnte der Erzieher den Schüler. „Manche von euch kennen doch die alte Plantage unten am Kloster. Dort arbeiten manchmal Sträflinge. Aber das sind nur ganz selten richtige Verbrecher, sondern Annunaki, die ihre Steuern nicht bezahlt haben. Manchmal sind es auch Nefilim, die besonders hohe Schulden gemacht haben und sie nicht mehr anders zurückzahlen können. Wir werden das Kloster im zweiten Lernfeld zusammen besuchen. Aber ich hoffe natürlich, dass wir dort dann keinen Verbrechern begegnen!“
Erneut meldete sich Imdugud.
„Aber wir sind doch schon einem begegnet, Herr Lehrer. Trine ist ein Verbrecher… eine Verbrecherin. Wenn sie doch ein graues Wappen bekommt!“
„Niemand hat behauptet, dass Uschumgallu-nin ein graues Wappen bekommt!“ rügte der Lehrer scharf. „Das ist Unsinn! Mädchen – wie kommst du überhaupt auf diese Idee?“
„Weil das Imdugud schon so gesagt hat. Sträflinge müssen ohne Lohn auf dem Feld arbeiten. So wie ich.“
„Ach so.“ Der Lehrer lächelte erleichtert. „Das hast du falsch verstanden. Wenn du in deinen Pflegefamilien arbeitest, tust du das ja für deinen Unterhalt.“
„Aber von den Kindern mit Familie verlangt das niemand!“ protestierte Uschumgallu-nin die Trine.
Der Nefilim musterte das Mädchen neugierig. Hielt sich das Kind wirklich für eine Kriminelle, wenn es ihm schon nichts mehr ausmachte, einen Edelmann anzuschreien? Nach und nach traten dem Lehrer bisher übersehene Details ins Auge, wie beispielsweise, dass das Kind dringend ein neues Kleid benötigte. Vorsichtig lenkte der Adlige die Gedanken des Mädchens in diese Richtung. Er entnahm Uschumgall-nins Geist, dass der Misstand bereits seit vier Familien andauerte. Jeder Hausherr hatte zwar gesehen, dass diese Anschaffung anstand, war aber zu dem Schluss gekommen, dass das alte Kleidungsstück noch eine Weile hielte und seine Ersetzung wohl erst in die Zuständigkeit der nächsten Familie fiele. Die solidarische Tiamat-Religion der Ubaid war eine Sache und klang auf dem Papier sehr gut, doch die gelebte Praxis sah dann doch etwas anders aus.
Der Pädagoge begriff, dass seine Schülerin in den Unterrichtspausen wohl zum ersten Mal seit sie laufen gelernt hatte wieder Zeit zum Spielen finden würde. Seine Züge verhärteten sich.
„Da hat wohl jemand etwas übersehen. Jeder, der für das Haus arbeitet, muss ein Wappen erhalten. Das ist Vorschrift, wegen der Steuern. Und du, Kind, hast bereits hart gearbeitet. Du musst nicht bis zur Prüfung warten, sondern wirst noch heute Nachmittag dein erstes Wappen erhalten, Uschumgallu-nin Ubaid!“
Ein besonders schickes, nicht das Standart-Schulmodell.
„Trine“ hob unendlich verwundert ihren Kopf. Zum allerersten Mal würde sie etwas besitzen, das sie allen anderen Kindern voraus hatte! Schon heute sollte das geschehen! Schule war… Schule war… war einfach etwas Feines, fand das Mädchen.
Die kleine Episode prägte sich tief in Imdugud Ubaids Gedächtnis ein. Der erste Adlige, den er persönlich kennenlernte, war wirklich genau so einer, wie sie in den Märchen und Fernsehspielen vorkamen. Bestimmt war er auch ein Ritter.
Doch das Leben blieb nicht immer so märchenhaft und schon bald überlagerte Imdugus eigener Kummer seine Empathiefähigkeit.

In den ersten Schulwochen mussten die Kinder nicht nur das eigene Hauswappen malen, sondern übten sich auch darin, allerlei Schleifen und Linien mit bunter Schreibkreide auf ihre Tafeln zu zeichnen. Diese Übung sollte sie auf das Schreibenlernen vorbereiten.
Die von Imdugud fabrizierten Linien verliefen schief und krumm, endeten spitz, wenn sie doch rund werden sollten, stießen an die Kante der Tafel und im völlig falschen Winkel wieder nach unten.
Imdugud fürchtete, der schlechteste Schüler zu werden, wenn ihm schon diese einfachen Übungen misslangen. Nacht für Nacht betete er zu Dingir, der Himmelsgott möge ihm Erleuchtung schenken. Er bat Kischar darum, seine Finger gelenkiger zu machen und Anschar um dasselbe wie Dingir, weil er die beiden nicht auseinanderhalten konnte. Als das alles nichts half, zog der Junge sogar in Betracht, vor der Schule mit den anderen Kindern zusammen zu Tiamat zu beten, obwohl seine Familie eine andere Religion pflegte.
Offenbar rechneten die Himmelsgötter es dem Knaben hoch an, letzten Endes doch auf seine häretische Handlung verzichtet zu haben, denn sie ließen ein Wunder geschehen:
Als die Unterweisung in der Fibelschrift begann, malte Imdugud die Wortbilder zwar immer noch unbeholfen, aber er merkte sich ihre Bedeutung schneller als die anderen Kinder und behielt sie auch über die Feiertage des Kalenders sicher im Gedächtnis.
Imdugud schloss jedes Lernfeld im ersten Anlauf ab und absolvierte die erste Qualifikationsstufe erfolgreich.
Mit diesem einen Enunzyklus war die Schulpflicht eines Ubaid-Kindes nicht erfüllt. Ein weiterer Zyklus war noch vor der Volljährigkeit zu absolvieren und Imdugud bat seine Eltern darum, ihn sofort im Anschluss an den ersten beginnen zu dürfen.
Seine neuen Mitschüler waren nun alle älter als er, aber das störte den Knaben nicht. Mit den Großen zusammen musste er ja nur lernen, nach der Schule sah er dann alle seine alten Freunde wieder. Außerdem besaß Imdugud jetzt ein Bergfahrrad mit breiten, stark eingekerbten Reifen, auf dem er die Kinder des Umlandes eigenständig besuchen konnte.
Imduguds geistige und körperliche Reife entsprach nun der eines Menschenjungen von neun Jahren. Am Ende der zweiten Schulstufe würde er mit einem zwölfjährigen Menschen vergleichbar sein.

Die Kindheit war eine so kurze Phase im Leben eines Annunaki, dass sie in den Augen der Eltern umso wertvoller erschien. Zum großen Leidwesen der Kinder sahen das die Bildungsminister des Hofes ebenso, nur unter anderen Vorzeichen: Die Kindheit war die beste Zeit, sich Wissen und Umgangsformen anzueignen.
Clan Ubaid bildete hier keine Ausnahme. Rechtzeitig vor der Pubertät hielten die Schüler des Eidechsenhauses ihr Zeugnis über den Abschluss der grundlegenden Schulausbildung in den Händen. Wie es danach mit ihnen weiterging, lag im Ermessen der Eltern und natürlich der Gesetzgebung des jeweiligen Hauses. Manche Pädagogen sahen es als völlig unproblematisch an, in der Zeit heftigster hormoneller Umbrüche auch gleich noch den qualifizierten Abschluss der dritten und letzten Schulstufe anzustreben, andere empfahlen, die heranwachsenden Annunaki ersteinmal ein wenig Arbeitsluft schnuppern zu lassen und in militärisch orientierten Häuser wie Kylin, Vayu und Qat flatterten den Halbwüchsigen die Einberufungsbefehle zum Wehrdienst in die Postfächer. Der Armeedrill werde am besten mit den Schrullen eines Jünglings fertig, so meinte man. Stieß der sich weit weg von zuhause auch noch die Hörner ab – umso besser für den heil bleibenden Ruf der Familie daheim!
Nicht jeder Schüler schloss die dritte Qualifikationsstufe ab oder trat sie auch nur an. Sie galt im Allgemeinen als von der Schulpflicht ausgenommen und so mancher Landesherr ließ sich den Besuch daher teuer vergüten – was nicht unter die Schulpflicht fiel, argumentierten die Adligen, wurde auch nicht von der Schulsteuer abgedeckt.
Da die dritte Schulstufe jedoch die Voraussetzung für eine qualifizierte Lehre oder gar eine akademische Ausbildung darstellte, kehrten viele Schüler, die einst an ihr gescheitert waren, im Erwachsenenalter noch einmal auf die Schulbank zurück.
Auf Empfehlung seines Landesherren trat Imdugud die dritte Schulstufe wiederum sofort im Anschluss an die zweite an. Zuerst musste er als der einzige Junge mit vier Männern und einer Frau im Klassenraum sitzen, einige Monate später wurde es ihm ermöglicht, in einer nahen Stadt zu lernen, in der es eine eigene Kinderklasse der dritten Stufe gab. Auch in dieser wurde Imdugud Klassenbester und so verwunderte es keinen, dass die Eltern ihren Sohn nach einer verdienten Pause zur Aufnahmeprüfung für die Universität anmeldeten.
„Du wirst nicht lange dort bleiben“, prophezeiten ihm seine alter Lehrer. „Leg erst mal deine ersten paar studentischen Arbeiten vor, dann werden dich deine Dozenten direkt zur Hofakademie weiterempfehlen. Meinen Segen hast du jedenfalls.“

Doch dazu war es nie gekommen…

*

Imdugud Ubaids Schulzeit lag nun endgültig hinter ihm. Der Tag war gekommen, an dem er seinem Elternhaus – zumindest zeitweilig – den Rücken kehren musste.
„Imdugud!“
Der angehende Lehrling wollte gerade die Tür seines Autos hinter sich zuschlagen, als ihn die Stimme der Nachbarin innehalten ließ. Die Frau kam auf ihn zugeeilt, wobei sie mit einem großformatigen Briefumschlag winkte.
„Da ist etwas für dich angekommen! Du wirst dich freuen!“
Der Jugendliche spürte in den Äther. Sein Gesicht hellte sich auf.
„Meine Verkaufsgenehmigung!“ frohlockte er.
„Genau!“ strahlte die Annunakifrau. „Der Landesherr hat dir eine einmonatige Gewerbelizenz ausgestellt, damit du deine ausgelesenen Bücher weiterverkaufen kannst. Sag mal, sind das wirklich so viele?“
„Tja“, grinste Imdugud.
Eine Handvoll gebrauchter Haushaltsgegenstände weiterzuveräußern war auch einem Gemeinen erlaubt. Bei siebenhundert gebundenen Romanen und Schriftrollen sowie einer stattlichen Anzahl an digitalen Werken allerdings bewegte sich ein Untertan selbst der kulantesten Clans in einer sehr dunklen rechtlichen Grauzone. Vorsichtshalber hatte der Jugendliche daher eine befristete Lizenz erworben, die durch einen Zuordnungsfehler bei seinem gleichnamigen Nachbarn gelandet war.
„Ich wäre euch sehr dankbar, wenn dein Mann den Verkauf übernehmen würde“, meinte der Jugendliche. „Kauft mir von dem Geld was Schönes zum nächsten Jubiläum und behaltet den Rest ruhig. Ich will nur Platz in meinem Zimmer schaffen, damit meine Eltern etwas damit anfangen können, solange ich weg bin.“ <Ich lese nie wieder.>
Wozu auch? fragte sich Imdugud, während er sein Fahrzeug die Serpentinenstraße hinunter lenkte. Wozu hatte er jemals mit dem Lesen angefangen?!
Wofür war all das pädagogisch wertvolle kreativitätsfördernde Spielzeug gut gewesen, wozu die Bücher, die Brettspiele und die Familienausflüge? Alle diese Ausgaben waren umsonst gewesen. Imdugud hatte seine Aufnahmeprüfung an die Akademie nicht bestanden. Er trat voller Scham eine Lehre als Systemelektroniker an.
Um einen solchen Jungen großzuziehen, so fand der Lehrling, hätten ein Bett und ein Lederball genügt. Er stand genau dort, wohin es auch die Kinder, die nie in ihrer Freizeit gelesen hatten, sondern stattdessen stundenlang nur so einem blöden Ball hinterhergewetzt waren, geschafft hatten. „Ballkinder“ nannte der junge Mann sie. Auf zehn Ballkinder, das hatte ihn das gelehrt, was er in seinem Alter als Lebenserfahrung bezeichnete, kam ein Lesekind.
Aus einem Lesekind wurde nie ein Ballkind. Doch wenn einer wie ein Lesekind fühlte, aber nicht klug genug für eine höhere Bildung war, dann wurde nicht automatisch ein Ballkind aus diesem Jungen. In so einem Fall entstand ein kranker Mischmasch.
„Wäre ich doch nur von Adel!“ seufzte Imdugud laut. „Dann wäre ich reich und müsste nicht für meinen Lebensunterhalt arbeiten. Niemand würde jemals erfahren, dass ich nicht gut genug war, um studieren zu dürfen.“
Arbeitslos zu sein war in Imduguds Augen weniger schlimm als Arbeit in einem nichtakademischen Beruf. Der Arbeitslose konnte ein Akademiker ohne Beschäftigung sein oder ein einfacher Arbeiter. Aus der Tatsache allein, gerade keine Tätigkeit auszuüben, ließ sich noch nicht ablesen, wer etwas im Kopf hatte und wer nicht. Das war gut, Imdugud gefiel dieser Zustand. Gern wäre er nach seiner Lehre sofort arbeitslos geworden. Und bei den Alalu war es sogar noch besser, da mochte hinter jedem matten Wappen eines Gemeinen ein intelligenter Mann stecken! Wer im Haus der Löwenadler keinen akademischen Titel trug, konnte das stets damit begründen, dass es in seiner Heimat für Gemeine einfach unmöglich war, einen zu erlangen und zwar unabhängig von der Eignung des Kandidaten! Immerhin konnten genügend hochintelligente Untertanen so mancher Häuser noch nicht einmal lesen und schreiben.
Imdugud hingegen vermochte das vortrefflich. Während seiner Lehrzeit, die im Hause Ubaid traditionsgemäß mit der Fortführung bestimmter Schulfächer verknüpft war, setzte er sich an die Spitze der Klasse. Sein guter Ruf bei den Lehrern ließ diese seine Ausbilder überzeugen, über gewisse Schwächen des Lehrlings in der Praxis hinwegzusehen. Es geschah im Interesse beider Parteien, dass der junge Mann recht bald nach seiner ersten Berufserfahrung von seinem Dienstherren an einer Hochschule angemeldet wurde: Imdugud erhielt sein langersehntes Studium und der Nefilimadlige konnte eine Risikoquelle für seinen Betrieb ausschalten.

Imdugud studierte einen halben Enunzyklus lang bis zum bitteren Ende. Danach schlug er sich als Tagelöhner durch, bis seine Eltern ihn aufspürten und nach Hause holten. Monatelang half der junge Mann seiner Familie auf der Alm, eine Zeit, in der viel besprochen und viel gelacht wurde.
Imdugud nahm er ein anderes Studium auf, das ihm einen ganzen Zyklus Zeit zur Verfügung stellte. Diesmal hielt der Student noch nicht einmal bis zur Abschlussprüfung durch. Imdugud war eine Zwischengröße – zu klug für einen Lehrling, aber nicht gescheit genug für einen Akademiker.
„Das ist nur deine Jugend, die dir zu schaffen macht. Weil du mehr Mädchen als Lernstoff im Kopf hast! Du wirst sehen, eines Tages schaffst du es!““
So sprachen die Mütter und Imdugud begann, es zu glauben. Aber dann kam „eines Tages“ und ging wieder vorüber, ohne dass ihr Sohn sich für einen akademischen Grad qualifiziert hätte. Nicht, dass er es nicht wieder und wieder versucht hätte, doch mit jedem Fehlversuch drängte sich die Erkenntnis immer stärker auf, dass Imdugud Ubaid einfach keinen geeigneten Studienkandidaten abgab.
Essen, Schlafen und Sex würden von nun an seinen Alltag ausmachen, Gleichförmigkeit sein Leben bestimmen. Die Wissenschaft hingegen würde ohne Imdugud Ubaid stattfinden.
Der Annunaki begann, Gassenball im Verein zu spielen. Er ging wieder zur Arbeit und wurde durch andauerndes Wiederholen seiner Tätigkeit schließlich doch gut darin. Ein Berufstalent entwickelte er nicht, dafür fehlte es ihm an Identifikation mit seiner Aufgabe. Doch Imdugud lernte rasch, sich auch in verwandten Berufen zurechtzufinden.
Er begann, wieder Rätsel zu lösen und Taktikspiele zu spielen, nur das Lesen blieb ihm weiterhin verleidet. So oft es ging, blieb der Mann länger als nötig an seinem jeweiligen Arbeitsplatz, manchmal die gesamte zweite Schicht über. Als sinnstiftend empfand er diese Zeit nicht, doch die fortgesetzte Arbeit erforderte Konzentration, lenkte ab und betäubte seinen zermarterten Geist. Imdugud erwarb sich einen Ruf der Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit.
Aus dem vergeistigen, etwas ungeschickten Jungen war ein wertvoller Aktivposten für den Clan geworden. Eines Tages im Jahre 1565 wurde er sogar an den Hof berufen, um bei einem Projekt mitzuarbeiten, an dem Haus Ubaid sich überhaupt nicht beteiligte. Doch Professor Enlil Alulim war nicht dafür bekannt, auf der Suche nach guten Mitarbeitern an der Grenze des eigenen Hauses Halt zu machen.
„Worin besteht meine Aufgabe, Herr?“ wagte Imdugud zu fragen, nachdem er während der Anreise in die Alulim-Kernlande an der Ekursee nicht den kleinsten Hinweis darauf erhalten hatte.
Ernst fasste der Zweitgeborene des Regenten den Annunaki ins Auge.
„Du hast die Gerüchte über das Schwarze Loch gehört, das so nah am Dreisternssystem steht, dass es unsere Zivilisation noch in unserer Generation auffressen wird?“
Imdugud vermochte nicht laut zu antworten. Seine Zunge gehorchte ihm einfach nicht angesichts der sehr realen Gefahr, die Enlil da heraufbeschwor. Imdugud glaubte den Weltuntergangspropheten, die sich in allen Medien tummelten. Und obwohl er sich selbst nicht respektieren konnte und sein Leben verabscheute, wollte er doch nicht sterben.
<Ja, Herr, ich kenne sie.>
„Gut! Mein Bruder und ich senden eine Expedition dorthin. Du wirst mir die Arbeitsgruppe leiten, die mit den Astronauten Kontakt hält. Und wenn sie herausfinden, dass keine Gefahr besteht, dann werden du und ich das als erste <noch vor Enki> meinem Vater vortragen!“
<Und wenn doch…?>
<Dieser Fall wird nicht eintreten.>
So selbstsicher klang Enlil, dass es Tage gab, an denen Imdugud sich ebenfalls davon überzeugen ließ. Mit dieser Zuversicht infizierte er auch die Mannschaft des Raumschiffs „Schwarzspürer“, die außerhalb des das heimatliche Sternsystem umgebenden Asteroidenrings schon genug Probleme zu bewältigen hatten. Imdugud selbst jedoch wachte morgens mit demselben Gedanken auf, mit dem er abends einschlief: Es ist gut, dass wir nicht mehr von Adel sind. Solche Versager wie mich kann man gar nicht anders als entadeln!

Kapitel II

Ort : Eine Weltraumstation im Orbit um Anur
Zeit: 2283 Anu (30 Jahre vor dem Start der „Schusar“)

„Endlich einmal ein Ort, an dem ich nicht der Jüngste bin“, bemerkte Anzu Alalu, seines Zeichens Jünglingspatriarch des zweiten Hauses in der Rangfolge der Fünfzig Namen, erfreut als er die Zubringerfähre verließ. Wie jeder andere Besucher hatten auch der Hofastronom und seine Begleiter diese Shutles zu benutzen, wenn sie die Orbitalstation zu betreten wünschten, welche das prestigeträchtigste Projekt des Hofes beherbergte. Das Schusar-Weltraumprogramm sollte den ersten bemannten Fernraumflug in ein anderes Sternsystem vorbereiten. In der mit dem aktuellen Stand der Technik erreichbaren näheren Umgebung befand sich kein zur Besiedelung geeignetes Sonnensystem. Doch das Schicksal hatte den Nefilim einen Trumpf in die Hand gespielt, auch, wenn es diesen zuerst als etwas völlig anderes verschleiert hatte: Bei dem vermeintlichen Schwarzen Loch direkt hinter ihrem Sternsystem handelte es sich um ein Wurmloch und die ersten Sonden hatten bestätigt, dass es sich sich direkt in eine Wolke kosmischen Staubes öffnete, der ein kleines Sonnensystem einhüllte. Acht Planeten sowie eine Unzahl planetoider Körper umkreisten die gelbe Sonne und einer davon schien sogar eine atembare Lufthülle aufzuweisen. Die Hofakademie hatte sofort nach dieser Erkenntnis Mittel bereitgestellt, um ein für den Durchflug durch die kosmische Abkürzung taugliches Raumschiff zu entwickeln. Im Idealfall würden die Astronauten acht Zyklen auf dem Zielplaneten verbringen und eine Kolonie erreichten, die sich vor denen im Ring der Leuchtenden nicht zu verstecken brauchte. Doch noch lagen die Daten der durch das E-Schara nach Ki gesandten Sonden nicht vor, noch war unklar, ob die kleinen Spürgeräte ihr Ziel überhaupt heil erreichen würden…
<Die sind wirklich alle jünger als ich>, freute sich Anzu in für einen Mann seines Ranges völlig unziemlicher Weise.
Die meisten hier dürften so um die Zeit meiner Machtergreifung geboren sein…
Man schrieb das Jahr 2283 Anu, also das 2193. Jahr der Herrschaft Anu Alulims, wie Spötter nicht müde wurden zu betonen. Obwohl es sich dabei um eine völlig korrekte Aussage handelte, konnte sie recht schnell zum Verlust von Freiheit, Hausrecht oder Zunge führen. Daran erinnert zu werden, dass man beinahe zwei Enunzyklen lang vom Thron ins Exil verbannt worden war, nahm nun einmal kein Herrscher wohlmeinend auf. Anu bildete dabei keine Ausnahme.
Anu Alulim stand als Patriarch dem reichsten Haus Ajaer Scharuturs vor und hatte damit die Herrscherwürde über das Sternenreich der Nefilim inne. Anzu Alalu hingegen führte die eigenen Herrschaftsansprüche darauf zurück, dass sein gemeinsamer Vorfahr mit Anu das Reich Ajaer Scharutur, damals noch als das „Haus der Fünfzehn“ bekannt, überhaupt ersteinmal gegründet hatte. In der Gegenwart spielte das jedoch keine Rolle mehr. Alulims Nachfahren hatten Alalus wirtschaftlich überrundet, daher stand ihnen nach geltendem Recht der erste Rang zu.
Anu hatte seine Regierungsgewalt in derselben Weise zurückerlangt, in der Anzu sie ihm entrissen hatte: Durch militärische Gewalt. Anschließend war statt seiner der junge Anzu in die Verbannung gegangen – verbannt aus Amt und Würden sowie seines Hausrechts verlustig gegangen, wohl aber bei jedem seiner Schritte aufs Strengste kontrolliert. Kein anderes Straßenkind hatte sich dermaßen im Fokus der Öffentlichkeit befunden wie Anzu während seiner zeitweiligen Verbannung. Bisweilen war er sich wie einer Tierdoku vorgekommen…
Doch all das lag hinter Anzu Alalu. Seit seiner Rückkehr ins gesellschaftliche Leben hielt ihn der Große An als Druckmittel gegen das zweite Haus am Hof. Gleichzeitig diente es der Befriedung des Löwenadlerclans, dass ihr Patriarch wieder in seinem alten Rang bestätigt wurde. Über Anzus öffentliche Demütigung hinaus war es zu keinerlei Schuldzuweisung oder Repressalien gegen das zweite Haus gekommen. Allein Anzu trug die Schuld, nicht die Löwenadler als Ganzes, so verbreiteten es die Medien. Denn in einen offenen Konflikt zwischen den Lenkern des Sonnenwagens und den Löwenadlern würden auch die restlichen dreizehn hochadligen Clans hineingerissen und welche Folgen das für Ajaer Scharutur nach sich ziehen würde, wagte sich niemand vorzustellen.
Dann gab es da noch die fünfunddreißig Häuser des niederen Adels. Wie kleine Haie umschwammen sie die größeren Fische in der Hoffnung, einen Happen zu schnappen, der während des Streits der Großen vom Tisch fiel. Oft genug ging diese Rechnung auf. So waren schon mehrfach kleine Clans aufgrund geschickten Taktierens aus Positionen in den Dreißigern bis knapp unter den fünfzehnten Rang hinaufgeschnellt. Haus Sedits Versuch der Industriespionage im Herrscherhaus hingegen hatte den Sonnenblumenclan dessen besten Agenten gekostet.

Hinter Anzu drängte sich ein junger Bursche aus der Fähre, in dessen Stirnband das Wappen eines der niederadligen Clans, dem Haus der Katze nämlich, eingearbeitet war.
<Sprich für dich selbst>, meinte er zu Anzu.
…oder gerade erst aus dem Ei geschlüpft, korrigierte sich der Patriarch seine Einschätzung der Besatzung angesichts des Lümmels in seinem Rücken.
Kethri Qat! Der impertinente Lieblingsschüler Enlil Alulims, des derzeitigen Rektors der Hofakademie! Hätte sich Anzu länger im Amt des Großen An halten und seine eigenen Hofgesetze etablieren können, dürfte dieser Kez Qat mit seinen gerade einmal vier Enunzyklen Lebenserfahrung* noch lange nicht die Volljährigkeit für sich in Anspruch nehmen. Normalerweise ignorierte Anzu den Burschen geflissentlich, wenn sich seine Wege und die des niederadligen Studenten der Astrophysik kreuzten.
Für den jungen Kethri war es nur schwer nachvollziehbar, wie Unfreiheit und Macht Hand in Hand gehen konnten. Anzu gebot über so weitreichende wirtschaftliche und politische Entscheidungsgewalt, dennoch lebte er wie ein Gefangener.
<Das Wort, das du suchst lautet Geisel>, klinkte sich der dritte Mann in der Fähre in Kethris Gedanken ein. Nur Enlil Alulim brachte es fertig, Begriffe dermaßen klar durch den Äther zu vermitteln. Enlil vermochte mit seinem Äthersinn zu buchstabieren, hieß es – und dass Anzu darüber hinaus sogar komplexe Gleichungen senden und empfangen könne. Fürst des Hochadels, das hieß eben nicht nur, auf eine gut gefülltes Finanzkonto zurückgreifen zu können, sondern ging auch mit einer langen Reihe ebenso wohlhabender Ahnen zurück, die durch ihren Äthersinn dank Auswahlzucht und Training auf einem Niveau beherrschten, von dem Kethri allerhöchstens träumen konnte.
Ein Deckoffizier schmetterte die Namen der drei Ankömmlinge durch die Halle: „Fürst Enlil Alulim, Patriarch Anzu Alalu und Fürst Kethri Qat!“
Welche Errungenschaften oder Verbrechen diese Männer vorzuweisen hatten, in diesem Moment blieben sie reduziert auf ihre Funktion im Gesellschaftssystem Ajaer Scharuturs, nämlich Angehörige der herrschenden Familien ihrer jeweiligen Häuser. Dem Anlass entsprechend hatten die Edelleute holographische Masken aktiviert, die je nach Wappenbild entweder nur die Gesichtszüge oder den ganzen Kopf überdeckten. Als Fürsten besaßen sie jeder ein eigenes Modell, das sich in der Einheitsmaske des Hauses orientierte, dabei jedoch ihre Individualität bewahrte: Kethri war seit Antritt seines Studiums als weiße Katze mit einem Goldschimmer im Fell in der Öffentlichkeit bekannt, Anzu unterstrich seine Harmlosigkeit durch Verwendung eines nicht weniger flauschigen Fledermauskopfes. Enlil war mit einem der am schlechtesten zu einer Maske zu verarbeitenden Wappenbild geschlagen, der Sonne beziehungsweise dem Sonnenwagen. Daher machte der Professor von seinem Recht Gebrauch, den schneeweißen Himmelsstier zu benutzen, das Wappenbild, das dem Herrscherhaus zustand, unabhängig davon, welcher Clan diesen Rang gerade inne hatte.
Das Empfangskommando dieser drei bestand aus Angehörigen der sechs Häuser, welche das Schusar-Programm initiiert hatten: Alulim, Alalu, Fara, Qat, Mon und T´ien. Mit dem heutigen Tage sollte sich die Besatzung der Station um eine ganze Reihe weiterer Namen und Wappen erweitern. Insgesamt acht weitere Häuser waren zu der Entscheidung gelangt, ihr Geld in dem Projekt gut angelegt zu sehen, obwohl die sechs anderen in letzter Zeit keine besonderen Fortschritte zu vermelden gehabt hatten. Doch angesichts des Ausbleibens größerer Rückschritte hatte besonders der Erbprinz einen derartigen Enthusiasmus an den Tag gelegt, dass es schwer war, sich dem zu entziehen. Was konnte es also schaden, ein paar Gemeine zum Training auf die Station zu schicken, wenn man sich dadurch das Wohlwollen Enki Alulims erkaufte? So zumindest hatte Patriarch Iacchos Suhurmasch argumentiert und gleich noch einen Offizier beigesteuert, der allerdings nur von Annunakiblut war.
Kapitän Oannes und die restlichen Suhurmasch-Angehörigen würden schon bald mit ihren eigenen Fährschiffen an der Station andocken, wie auch jedes weitere Haus getrennt von den anderen ankommen sollte. Das galt unabhängig davon, dass ihrem Fürsten als Schüler Enlils eine Sonderbehandlung zukam, auch für die Delegation des Hauses der geflügelten Katze.
Kethri reiste also „allein“, was bedeutete, dass ihn lediglich ein Diener, eine Zofe und drei Ehrengardisten begleiteten. Der junge Fürst hätte gern mit seinem Gefolge gescherzt. Sie alle waren älter als er selbst, aber sie respektierten den Edelmann. Es war ihnen egal, dass Kethri Qat in vielen Klausuren gerade einmal die Mindestpunktzahl erreichte. Er war ihr Fürst und ein kompetenter Leutnant… ach, nein, seit kurzem ja Kapitänleutant!
Heimlich strich Kethri über seine neuen Rangabzeichen. Die Ankunft des Hofastronomen und des Akademierektors auf der Schusar-Station wurde dreisternsystemweit übertragen und Enlils unvermeidlich mit im Bild stehender Schüler war stolz darauf, von der Weltöffentlichkeit in der Uniform eines Juniorkapitäns gesehen zu werden.

Am Ende der Begrüßungszeremonie durch den Stationskommandanten und seine Offiziere trat Enlil Alulim auf den neben dem Kommandanten stehenden Kulla Apis zu. Er umfasste die Arme des jungen Mannes vor laufender Kamera in der höfischen Friedensgeste.
„Ich freue mich, dass nun auch dein Haus offiziell zu uns gestoßen ist“, erklärte Enlil.
„Danke, Enlil“, erwiderte Kulla. „Der Stierclan macht es seinen Söhnen leicht, eigenständig Unternehmungen in Angriff zu nehmen. Doch ich muss gestehen, mich viel wohler dabei zu fühlen, nun den offiziellen Segen meiner Eltern zu meinem Vorhaben zu besitzen.“
Enlil winkte den ihn begleitenden Studenten nach vorn.
„Das ist Kethri Qat“, stellte er ihn dem Apisadligen vor. „Dein Navigator.“
„Mein… wie bitte?“
„Oh, mach dir keine Sorgen über seinen Status. Kethri mag noch ein Student sein, aber er befindet sich bereits jetzt im Prüfungszeitraum und wird vor dem angesetzten Starttermin seinen Abschluss in der Tasche haben.“
„Darum geht es doch gar nicht! Ich meine einfach, dass ich ein guter Ingenieur bin, aber doch wohl kaum als Kapitän der ‚Schusar’ fungieren kann!“
<Nicht gerade das Klügste, was man sagen kann, wenn eine Kamera auf einen gerichtet ist>, rügte Anzu den Gleichaltrigen. Im Gegensatz zu der Herablassung, die er Kethri zukommen ließ, waren diese Worte nicht abwertend, sondern hilfreich gemeint. Als einem Fürsten des dritten Hauses in der Börsenstatistik stand das Kulla Anzus Meinung nach zu.
<Wohl aber das Klügste, das man in seiner Lage denken kann>, erwiderte Enlil seinem Freund und Kollegen. <Dass Kulla seine Grenzen einsieht, wird es seinen Ausbildern erleichtern, diese gezielt zu erweitern.>
Weder Kulla noch Kethri wiesen die Qualifikationen auf, um als Expeditionsleiter zu fungieren. Ihre Clans als erster beziehungsweise zweiter Offizier zu vertreten lag durchaus innerhalb ihrer Fähigkeiten.
Die Kriterien, nach denen die restlichen Besatzungsmitglieder ausgesucht wurden, waren von schlichter Einprägsamkeit: Kompetenz und Entbehrlichkeit.

* Vier Zyklen Lebenserfahrung:
Kethris körperliches Alter entspricht 14 Jahren, Anzu ist in der Gegenwart 19 (während seiner Regierungszeit 15) und Kulla ist 18. Ihre Erziehung stattet diese Jugendlichen mit Kompetenzen und Verantwortungsgraden aus, die wir heutzutage eher mit 20-25jährigen assoziieren.

*

Kurz nach dem Empfang der Adligen glich die Eincheckhalle der Raumstation einem Tollhaus.
„So viele süße Wappentiere sieht man sonst nur auf einem Haufen, wenn wir unsere Gefangenen aus dem Kaperkrieg zurücktauschen“, bemerkte Ecatl, einer der neuen Rekruten, zynisch. „Himmelsgötter! Der Hälfte von dem Viehzeug müsste man den Gnadenschuss geben und das sage ich als Tierfreund!“
<Es reicht, Mann!> fuhr ein Gleichgestellter den Mann an, der sich als Weltraumsoldat für das Schusar-Programm bewarb. Zu Ecatls Aufgaben würde es gehören, die zu errichtende Kolonie vor Feinden von außen zu schützen, aber auch die Ordnung zwischen den Angehörigen der vierzehn Häuser zu wahren. Derzeit schien er es allerdings eher darauf anzulegen, Unfrieden zu stiften.
Ecatl Tigâra musterte den Fremden mit der dunklen Lockenfrisur. Sein Blick blieb auf dessen Ziegenfischwappen ruhen.
<Suhurmasch? Ihr habt mir gar nichts zu befehlen!>
„Ich habe dir eine ganze Menge zu sagen“, versetzte der andere. „Die erste Lektion besteht darin, dass im Rahmen dieses Projekts jeder Höhergestellte einem Gemeinen gegenüber weisungsbefugt ist, als sei er ein Höhergestellter von dessen eigenem Haus. Und damit die Lehre auch sitzt, wirst du…“
„Ich bitte dich, Kapitän!“ mischte sich ein zweiter Angehöriger des Hauses Tigâra ein. „Nicht gleich am ersten Tag!“ <Der Mann ist doch noch gar nicht im Dienst.>
Aus der Tatsache, dass der Tigâra ihn mit dem vertraulichen Du belegte und im Äther keinerlei Frechheit oder Anmaßung mitschwang, schlussfolgerte der Suhurmaschangehörige, dass er einem gleichrangigen Mann gegenüberstand. Er selbst trug seine Offiziersstreifen, der Tigâra hingegen wies keinerlei Rangabzeichen auf. Er musste daher zu den Wissenschaftlern gehören und unter diesen den Rang eines Hochgelehrten einnehmen.
„Na gut“, lenkte der Kapitän ein. „Viel schlimmer als das Häuserwirrwahr hier ist ohnehin die Tatsache, dass es fast fünfzehn Zyklen nach Verabschiedung dieses Gesetztes immer noch keine vernünftigen Gleichgestelltenwappen gibt. Selbst die Wappenläden, die welche anbieten, können einem nicht sagen, ob man sich nicht vielleicht doch strafbar damit macht, eins zu tragen.“
„Ja, das stimmt. Die neuen Designs sehen zwar gut aus, aber die meisten Wappenscanner sind noch nicht darauf programmiert, sie zu erkennen und reagieren darauf wie auf Fälschungen. Nachdem ein Kollege einmal auf diese Weise unter Verdacht geriet, haben wir am Institut beschlossen, lieber weiterhin die normalen Gemeinenwappen zu tragen.“
Ecatl Tigâra atmete auf. Die beiden hohen Herrn hatten ein Thema gefunden, das sie eine Weile beschäftigen würde und ihn für´s erste vergessen. Er hörte nur noch, wie die zwei sich einander vorstellten: Sein Landsmann hieß Ah Ceh und bei dem Suhurmaschoffizier handelte es sich um einen Kapitän Oannes.

*

Ein Stück weiter entfernt stieß ein junger Mann in der Freizeituniform eines Armeekundschafters einen Jugendlichen in die Seite. <Dort drüben!>
„Oh, nein…“ stöhnte der Jüngere.
Auch dieser junge Bursche trug die Kundschafterkleidung der Vayu´schen Pioniertruppen. Offenbar hatte ihr Haus die beiden aus dem Ring der Leuchtenden herbeordert, wo Einheiten wie die ihre den Aufbau neuer Kolonien überwachten und die Sicherheit der alten gewährleisteten.
Ecatl Tigâra folgte dem Blick der beiden Kundschafter. Er sah, wie eine Gruppe T´ienangehöriger, darunter ebenfalls mehrere Militärs, ihr Shutle verließ und in die Halle drängte. Unter diesen befand sich ein Annunaki, der sofort die Aufmerksamkeit alle Anwesenden auf sich lenkte: Fenris der Wolfsmann.
Die Reaktionen auf das Erscheinen dieses Mannes waren vielfältig.
Das ist der einzige Mann auf in allen drei Welten, der das Recht hat, Fleisch zu essen, dachte beispielsweise Ecatl bei sich. Seine Instinkte lassen sicher nichts anderes zu.
Doch nicht Fenris, sondern ein anderer T´ien hatte die Aufmerksamkeit der beiden Vayu geweckt.
„Das ist Ischum“, teilte der Jüngere dem Älteren mit, auf einen hübschen, langhaarigen Fähnrich mit ernsten Gesichtszügen weisend. „Offizier mittlerweile, wies aussieht…“
Der Jüngere schleuderte sein Gepäck zu Boden. Die Reisetasche schlitterte unter eine Wartebank, der hochaufragende Rucksack blieb an Ort und Stelle stehen. Er diente dem jungen Mann als Barrikade, als dieser sich auf der Bank niederließ.
<Komm her, Saru! Wir warten, bis die durch sind!>
Widerspruchslos gehorchte der Saru genannte Annunaki seinem Begleiter.
Ecatl, Ah Ceh, Oannes und die T´ien passierten die beiden hinter ihrem improvisierten Sichtschutz sitzenden Männer, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.
„Kann ich mich darauf verlassen, dass du niemanden hier von meinem Hintergrund erzählst?“ wandte sich der jüngere Vayu-Kundschafter an Saru.
„Du hast mein Wort, Zahrim Vayu.“
„Danke!“ <Dass wir aber auch ausgerechnet Ischum über den Weg laufen mussten! Und dann noch als Offizier!>
„T´ien ist ein kleines Haus. Da sollte es uns nicht weiter überraschen.“ <Weder die Beförderung, noch, dass er hier ist.>
„Mir kommt´s hoch“, knurrte Zahrim. „Das gestrige Abendessen, die Luft hier oben und alles, aber auch wirklich alles, was war! Ist ein Neuanfang, bei den Schattenlosen noch mal, denn zu viel verlangt?! Müssen die mir ausgerechnet T´ienleute und dann noch ´nen Kerl, der mich von früher kennt, nach Ki nachschicken?“
„Nun, so gesehen bin ich auch jemand, der dich von früher kennt…“
„Huh?“ Zahrim setzte einen verdutzten Gesichtsaudruck auf, dann lachte er erleichtert!
„Ach, du wieder! Hahaha! Danke, Saru.“

*

Im vom Ankunftsbreich wegführenden Gang hob Kulla Apis seinen Kopf.
<Irgendwas ist in der Halle los!> teilte der Hochadlige seinem neuen Bekannten mit.
Kethri Qat blinzelte.
<Wo? Ich habe nichts im Äther.>
<Warte kurz, ich seh mal nach!>
Kulla zog den Studenten zu einer Sichtscheibe. Er orientierte sich in der Ankunftshalle und wies schließlich auf Saru und Zahrim.
„Die beiden Annunaki dort! Zumindest einer von beiden dampft im Äther wie ein Schnellkochtopf.“
„Ach so.“ Kethri winkte ab. „Das hat nichts zu bedeuten. Das sind Vayu-Armeeangehörige und direkt vor ihren Augen schreitet die Delegation T´iens ein. Diese beiden Häuser haben eine Tradition militärischer Konflikte. Da wurden Wunden geschlagen, die noch lange nicht verheilt sind.“
„Meinst du…“ Kulla brach seine Frage sofort wieder ab. Nur im Äther richtete er sie hoffnungsvoll an den anderen Adligen: <Meinst du, die Neue Welt könnte mit dazu beitragen, diese Wunden zu schließen?>
<Ich weiß nicht>, erwiderte Kethri in derselben Weise. <Aber es gefällt mir, dass du du dir über solche Sachen Gedanken machst.>
Im nächsten Moment fühlte sich der Jüngere erhoben – im Wortsinn. Denn schon bei seinem nächsten Schritt trat Kethris vorderer Fuß ins Leere. Kethri starrte auf sein erhobenes Knie und das in der Luft hängende Bein. Er fühlte sich wie eine Katze, die man im Putzprozess unterbrochen hatte und deren Hinterbein nun in der Luft stand, bis sich das Tier wieder der Gliedmaße erinnerte.
„Uhm, Kulla… ist das normal, dass bei mir was steht, was biologisch gar nicht stehen kann?“
Kulla schmunzelte.
„Naja, nicht in der Weise, die du meinst. Normal sind Beine ja schon zum Stehen gedacht. Stoß dich mal kräftig mit dem anderen Fuß ab!“
Kethri tat, wie gehießen. Zu seiner großen Überraschung vollführte sein Körper einen sanften Sprung nach vorn.
Kulla hatte sofort eine Erklärung für das Phänomen parat: „Je tiefer man sich in die Station vorwagt, umso geringer wird die Schwerkraft. Nur die äußeren Ringe befinden sich in ständiger Bewegung.“
„Ach so!“ Kethri verstand: Die Ringe generierten aufgrund von Eigenrotation ihre eigene Schwerkaft. Die zentralen Segmente hingegen verdankten ihre künstliche Gravitation komplizierteren – und damit teureren – technischen Operationen. Schon allein aus witschaftlichen Gründen ließ sich der Zustand nicht dauerhaft aufrecht erhalten. An vielen Stellen der Raumstation mussten deswegen Abstriche im Komfort gemacht werden.
„Hm“, murmelte Kethri. „Sobald in der Eincheckhalle wieder Schwerelosigkeit herrscht, sollten wir ein paar weitere Offiziere zusammentrommeln und einen Gassenball mitbringen.“
Erneut musste Kulla über seinen neuen Bekannten schmunzeln.
„Diese Station verfügt auch über Sporthallen, weißt du?“
Doch diesmal war es Kethri, der mehr wusste. Mit den Worten „Du verstehst nicht viel von Gassenball, oder?“ konterte er das Ansinnen des Ingenieurs, dieses Spiel in einer Turnhalle auszutragen.
Kulla schwante Schreckliches…
<Was soll das heißen, noch besser wäre es bei laufendem Betrieb?!>

*

Währenddessen in der Halle:

„Was dauert eigentlich so lange da vorn?“
Fria Tichupak versuchte, ihren Kopf über die Menge der Wartenden zu strecken. Als das nichts half, scherte sie aus der Reihe aus, spähte nach vorn und kehrte erst zurück, als sie von einer furchtsam nach ihr tastenden Frauenhand zurückgezogen wurde.
Der flehentliche Ätherausdruck der anderen ließ Fria die Schamesröte in den Kopf steigen.
<Lauf doch nicht immer fort! Ich brauche dich zum Sehen!>
<Tut mir leid, Nechbet. Ich mach´s wieder gut.>
„Ist ja gut“, lachte Nechbet. „Du bist weder im Dienst, noch meine persönliche Krankenschwester, geschweige denn mein Blindenhund. Nur leider jemand, der noch über alle seine sechs Sinne verfügt und daher nichts von der Welt um sich herum mitbekommt.“
<Wie?>
Nechbet rückte ihre dunkle Brille zurecht, die nur unzureichend einen ihre Augen bedeckenden Verband kaschierte. Wenn sie die Binde endlich abnehmen durfte, würde sie wie jede andere Annunaki sehen können. So kurz nach ihrer Augenoperation aber sah Nechbet ironischerweise noch schlechter als zuvor, nämlich genaugenommen gar nichts.
„Mach deine Augen zu, spitz die Ohren und achte auf den Äther!“ riet Nechbet der Krankenschwester. „Dann kriegst du auch mit, was sich da vorn so hinzieht!“
Fria befolgte den Rat. Sie korrigierte die Stellung ihrer Ohren und öffnete ihren Sinn für den Äther, verzichtete aber darauf, ihre Augen zu schließen. Nach kurzer Zeit nickte die Annunakifrau: <Alles klar, ich weiß jetzt, was sie tun. Dafür geht es eigentlich ganz schön flott!>

*

Imdugud Ubaid wühlte seinem Reisegepäck, bis er all jene Kleidungsstücke gefunden hatte, die er am Eincheckschalter vorlegen musste.
„Noch mal für alle!“ rief einer der hier postierten Sicherheitsgardisten in die Halle hinein. „Alle losen sowie untrennbar in Kleidungsstücke eingearbeitete Wappen sind vorzulegen!“ <Wenn ihr nicht mehr wisst, was ihr alles dabeihabt, unsere Scanner finden alles. Aber das ist kein Freibrief dafür, hier andere unnötig aufzuhalten. Eure Sache, welchen Ersteindruck ihr hier hinterlassen wollt.>
„Imdugud Ubaid, Gemeiner. Da hätten wir einen Ring für festliche Anlässe, eine Anstecknadel, eine Alltagsjacke mit Wappenaufnäher und einen Badeanzug mit ebensolchem“, fasste der Schalterangestellte zusammen.
Jedes einzelne Stück wurde einer Prüfung unterzogen und anschließend deaktiviert.
„Wir behalten das ein“, wiederholte der Mann Imdugud gegenüber, was er auch allen anderen mitgeteilt hatte. Und wie in jeder Gruppe gab es Ärger dabei.
„Dann hoffe ich, es gibt eine Nacktbadeanstalt auf der Station“, murrte Imdugud.
„Das nicht. Aber ganz sicher Bekleidungsgeschäfte, die sich durch die Beschlagnahmung eine goldene Nase verdienen“, erwiderte ein hinter ihm stehender Ubaidangehöriger.
„Imdugud – weitergehen zum nächsten Schalter. Nächster! Name?“
„Qurn Ubaid.“
Imdugud trat zur Seite, damit auch Qurn sein Gepäck ausbreiten konnte. Am benachbarten Schalter erhielt er sein neues, für den Gebrauch auf der Schusar-Weltraumstation optimiertes Wappen.
„Jeder, egal welchen Standes, erhält einen Wappenpin“, wurde dem Annunaki mitgeteilt. „Nicht verlieren! In euren neuen Wappen sind persönliche Daten, Sicherheitsfreigaben und dergleichen mehr gespeichert. Wir sind über verschiedene Leitungen mit dem Hof und den Hausservern verbunden, die Daten können daher jederzeit aktualisiert werden. Eigentlich müsst ihr euch hier oben um nichts kümmern, Essen, Unterkunft und Freizeit werden voll übernommen und wurden bereits mit der in euren Verträgen ausgezeichneten Heuer verrechnet. Geld für Extras kann aber dennoch gegen eine kleine Bearbeitungsgebühr auf die Wappenpins geladen werden. Barzahlung ist auf der Station auch für Hauslose ohne Finanzkonto leider nicht möglich.“
Imdugud wartete, bis sein Gegenüber zuende gesprochen hatte.
„Bekomme ich meinen Badeanzug wenigstens zum Landurlaub wieder?“ fragte er.
Ein knappes Nicken in Verbindung mit einer entsprechenden Färbung des Äthers informierte Imdugud darüber, dass die konfiszierten Gegenstände beim Verlassen der Station für die Dauer des Fernbleibens abgeholt werden konnten und er sich jetzt gefälligst vom Schalter zu entfernen hatte.
Imdugud befestigte sein neues Wappen an seiner bequemen Reiserobe.
„Und gehen diese Wunderdinger auch als Klopapierersatz?“ hörte er einen der Wartenden höhnen.
Doch von solchen Bemerkungen ließ sich das Stationspersonal nicht mehr aus der Ruhe bringen.
„Wenn es dir was bringt, dort gepiekst zu werden, kannst du´s gern ausprobieren, Sukun“, erwiderte einer der Angestellten.
Imdugud fuhr herum. Der Name ‚Sukun’ und die dazugehörige Stimme waren ihm wohlvertraut. Doch im Gedränge der Abfertigungshalle wäre es nicht nur schwer möglich, sondern auch überaus rücksichtslos gewesen, sich jetzt zu dem alten Bekannten vorzuarbeiten. So ließ sich Imdugud weiter mit der Menge treiben, während Sukun Mon noch am Schalter aufgehalten wurde.
„Es spricht!“ bemerkte ein hinter Sukun stehender Rekrut zu seinem Nachbarn.
„Und es hat einen Namen!“ erwiderte dieser.
„He, du! Sukun!“ rief der erste Sprecher nach vorn. „Sag mal, du bist doch kein Schusar-Rekrut, oder? Bewirbst du dich um einen Platz auf dem Raumschiff?“
Sukun wandte sich zu dem Mann um. Der verträumte, weggetretene Ausdruck, den er bereits während des Wartens zur Schau getragen hatte, war nicht aus seinem Gesicht verschwunden.
„Nein“, antwortete er kurz angebunden, um wieder in seine Innenwelt abzutauchen.
„Das hätte mich jetzt auch schwer gewundert!“
„Er wird ein Schreiber sein. Irgendjemand von der Verwaltung.“

*

Hinter den zwei Spöttern presste ein dem Knabenalter gerade entwachsender Tichupakangehöriger seine Lippen fest aufeinander. Der Äthersinn des Jungen sprach umso beredter: <Solche Mistkerle! Können die nicht endlich aufhören, ihre Witzchen über den armen Kerl zu reißen? Ich mein´, da verliert man doch jede Lust, selber erwachsen zu werden!>
„Du würdest überzeugender klingen, hättest du nicht auf dem Herflug meinem Bruder die Wasserbombe unter den Sitz gelegt“, bemerkte Fria Tichupak in Richtung des Jungen.
Das Kind strahlte Missbilligung aus. Offenbar sah es einen Unterschied zwischen seinem Verhalten und dem der Rekruten, den es jedoch nicht in Worte fassen konnte.
„Eines Tages fliege ich auch in den Weltraum!“ wechselte der Junge daher das Thema.
„Und wo sind wir jetzt?“ lachte Fria.
Der Junge zuckte die Schultern. „Ja, schon im All. Aber ein Fernraumflug ist was anderes.“
Er streckte Fria und dann auch Nechbet seine Hand entgegen. „Ich heiße An´ti“, stellte er sich vor. „Ich bin Schiffsjunge.“
„Dann muss dein alter Kapitän sehr zufrieden mit dir gewesen sein, wenn er dir eine Empfehlung für die Station ausgeschrieben hat.“
Stolz spannte An´ti Tichupak seine Muskeln.
„Ja! Er hat gemeint, wenn ich mich anstrenge, kann ich es als Matrose auf die „Ekur“ schaffen. Das wird das erste Versorgungsschiff sein, das euch nach Ki hinterher fliegt.“
„Wir sollten überhaupt die „Ekur“ nehmen“, mischte sich jemand ein.
„Ach?“ lachte An´ti. „Vom Reißbrett runter direkt als Papierflieger oder wie?“
„Die „Ekur“ ist technisch noch nicht ausgereift“, meinte auch eine Annunakifrau, die bereits das Einheitswappen der Station trug. Amkur Tigâra war bereits seit Beginn des Projekts als Werftarbeiterin am Bau der „Schusar“ beteiligt und hatte sich den denkbar ungünstigsten Tag für ihre Rückkehr aus dem Landurlaub gesucht.
Doch selbst von Amkurs Expertenmeinung ließ sich der Zweifler nicht beirren: „Das mag sein, aber dafür weist die „Schusar“ bekannte Mängel auf, für die Workarounds geschrieben werden, wie man hört. Mit der „Ekur“ müsste das nicht mehr sein. Kommt es denn wirklich auf die zwei Zyklen an, die sie noch bis zur Fertigstellung benötigt?“
An´ti sah von einem der Erwachsenen zum anderen. Nicht mit der „Schusar“ fliegen? Auf die „Ekur“ warten? Ja, bei den Himmelsgöttern, das war doch eine phantastische Idee! In zwei Zyklen wäre er bereits Leichtmatrose und könnte dann ebenfalls beim ersten Fernraumflug der Geschichte dabei sein!
„Ich finde, du hast Recht!“ rief er aus. „Wie heißt du?“
„Nomo Alulim, Sohn des Hauses.“
Jetzt erst fiel An´ti auf, dass es sich bei dem Mann um einen Nefilim handelte, der auch standesgemäß ein Adelswappen trug.
„Mann!“ entfuhr es ihm. „Ihr müsst euch auch als Rekrut bewerben, Herr? Unter einem Gemeinen als Lehrer? Das ist fies!“
Nomo grinste.
„Du bist ein Lebewesen, Kleiner. Man sollte denken, ein Schulbuch stünde im Rang weit unter dir, aber etwas daraus gelernt hast du doch hoffentlich trotzdem?“
Nomo war sich zwar nicht sicher, ob er sein Leben tatsächlich der „Schusar“ anvertrauen wolle, doch grundsätzlich sah er seiner Teilnahme an Anzus, Enlils und Enkis Projekt mit Optimismus entgegen. Wenn er es schaffte, sich in den Augen dieser drei auszuzeichnen, wäre er vielleicht beim nächsten Mal auch Teil der offiziellen Alulim-Delegation und müsste nicht mehr im Zubringer mit den Gemeinen und Gleichgestellten zusammen fliegen…
Dass Enlil den jungen Kethri bereits als Navigator eingeführt hatte, verschlechterte Nomos Position. Einen Günstling des Zweitgeborenen des Großen An würde er nicht im Wettbewerb um einen Platz auf der „Schusar“ ausstechen können. Es auch nur zu versuchen, wäre Wahnsinn, gar Anmaßung. Während des Wartens ging Nomo seine Optionen durch. Er würde sich in verwandte Fachrichtungen orientieren müssen oder aber sich in einer Weise als Navigator etablieren, die es Kethri ermöglichte, dennoch an dem Flug teilzunehmen. Alles in allem schien es das Vernünftigste, sich mit dem Jungen anzufreunden und ihm wie einem Fürsten der Alulim gegenüberzutreten.

*

Das Chaos des ersten Tages auf der Raumstation legte sich erst im Laufe der Nacht.
„Die Station ist beweglich“, bemerkte Amkur gähnend zu ihren Kabinengenossinnen, bevor sie sich die Bettdecke über die Schultern zog. „Notfalls fliegen wir sie nach Enun und werfen das ganze Pack über einer der Brachen dort ab.“
„Liebend gern“, erwiderte Aja Tigâra. „Zuerst alle Zicken und dann jeden, der nur hier ist, um sich einen Vorteil für die Karriere zu verschaffen, aber insgeheim die Weltraumfahrt als Geldverschwendung betrachtet!“
Zwar war auch diese Frau erst heute mit einem der Zubringer angekommen, zählte aber in den Augen ihrer Mitbewohnerinnen schon nicht mehr zum „unzivilisierten Rekrutenpack“. Für die Astronomin Aja konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Falls sie sich nicht für den Flug nach Ki qualifizieren sollte, würde sie als wissenschaftliche Assistentin an der Hofakademie anfangen und dort Studenten wie Kethri Qat betreuen. Ihre direkte Konkurrentin hieß Ija, stammte aus dem Einhornhaus, verfügte aber im Gegensatz zu Aja nicht über eine Zusatzqualifikation als Weltraumpilotin.
Die beiden anderen Frauen im Zimmer gehörten zum Verwaltungsapparat der Station.
<Das tue ich>, sendete eine der beiden in Ajas Richtung.
<Was willst du tun? Die Idioten für mich rausschmeissen?>
Unter Gähnen erklärte die Schreiberin, dass sie zu jenen gehöre, welche für die Raumfahrt bereitgestellte Gelder als Luxusausgaben betrachteten.
„Rein objektiv betrachtet ist es sehr wohl Verschwendung. Aber die schönste, die ich mir vorstellen kann!“
„In Ordnung, kannst bleiben“, lenkte Aja ein. „Ich wollte ja ohnehin nur die abwerfen, die „insgeheim“ so denken, aber du warst ja offen.“
Die vier lachten.
„Schlaft gut alle miteinander“, murmelte Amkur dann.
Ajas in den Äther ausstrahlende Zufriedenheit lullte sie bereits willkommen ein.
<Ja, du auch.>
<Nachti.>
<Gute Nacht.>
Wenn zwei oder mehr Frauen des Zwillingsvolkes aus Nefilim und Annunaki glücklich waren und noch dazu auf einer Wellenlänge lagen, übte das auch einen beruhigenden Einfluss auf den Mann und die Kinder aus. Dann wurde die Ehe zu mehr als einer biologischen und wirtschaftlichen Zweckgemeinschaft. Aja Tigâras Eltern hatten ihr diese Perspektive in den buntesten Farben ausgemalt, doch ihre Tochter fühlte sich noch zu jung, um eine Partnerschaft einzugehen. Vielleicht ergab sich ja etwas auf Ki.
Andere weibliche Rekruten auf der Station dachten ebenfalls an ihre Familien: Kerdiwen Varascha sehnte sich bereits in der ersten Nacht nach ihrem Mann, den Nebenfrauen und den Kindern, die ihr Haus sie zurückzulassen gezwungen hatte, um diese Mission anzutreten.
Aja-sal Vayu hingegen freute sich auf die lange Ausbildung, während der sie von ihrem poltrigen Ehegatten getrennt leben würde. Unabhängig davon, ob man sie nun für den Flug nach Ki auswählen würde oder nicht, empfand die Frau das bereits als Gewinn.
Ardatlili Tichupak schließlich dachte an der Ehe ganz ähnliche Aktivitäten, für die einige der Männer sich sicher aufgeschlossen zeigen würden. Wäre doch nur An´ti bereits ein wenig älter oder Herr Kethri nicht von Adel! Aber Sukun war so süß und Briareos so stark und Anubis war sogar beides…

*

Sukun Mon wies nicht nur einen gewissen Niedlichkeitsfaktor auf, in Wahrheit war der Annunakimann sogar recht gutaussehend. Sein tagträumerisches Wesen schmälerte diesen Eindruck allerdings, so dass er am Ende in den Augen vieler Frauen nur noch als „süß“ gelten durfte. Dummerweise waren die effektivsten Raubtiere in der Natur stets süß, goldig und herzig, was sie nicht daran hinderte, herzhaft zuzubeißen, wenn man sie unsachkundig behandelte – oder sie einfach nur auf der falschen Pfote erwischte. Die Schusar-Rekruten sollten das an ihrem zweiten Tag auf der Station am eigenen Leib erfahren.
Die übliche Klassenstärke von nicht mehr als zwei Handvoll Personen hatte sich gleich nach dem Morgentrank zum Basisqualifikationsseminar zusammengefunden. Neben der Vermittlung von Wissen über das Zielsystem und den Planeten Ki sollte dieser Lehrgang vor allem bisher noch nie über die Atmosphäre ihrer Heimatwelten hinausgekommenen Personen die Grundlagen der Arbeit im Weltraum vermitteln. Bei einigen der Teilnehmer, so befürchtete der Ausbilder, würde er damit anfangen müssen, ihnen zu erklären, dass die „Schusar“ ein Raumschiff war…
Unter seiner holographischen Hausmaske, die ihm das Aussehen eines Annunaki mit dem Kopf einer Ratte verlieh, begann der Mann damit, die Kursziele zu erläutern:
„Ihr alle wie ihr hier sitzt werdet für den Flug innerhalb des Zielsystems ausgebildet. Der Schwerpunkt eurer Tätigkeit wird auf der Kolonisierung der Neuen Welt, Ki, liegen. Das bedeutet nicht, dass ihr keine Kompetenz als Astronauten nötig hättet. Wir verlangen ein wenig mehr als das, was einfache Weltraummatrosen können sollten, aber nicht ganz so viel, wie ich während meines ersten Fernfluges zum E-Schara leisten musste. Uns steht genügend Zeit zur Verfügung, jeden, der es bis auf diese Station geschafft hat, auch für die vor ihm liegende Mission fit zu machen. Nicht wenige von euch verfügen bereits über Weltraumerfahrung, die ihr in ganz verschiedenen Branchen gesammelt habt. Diejenigen unter euch sind gut beraten, ihre Mitschüler zu unterstützen und sich von Anfang an mit den speziellen Eigenheiten der „Schusar“ vertraut zu machen. Der Hof gibt uns mit ihr ein mächtiges Werkzeug an die Hand, das modernste Raumschiff, das jemals gebaut wurde, doch an einigen Stellen gestaltet sich die Handhabung noch etwas sperrig.“
Mitten in seiner Rede hielt der Unterweiser inne. Ein Annunaki, der unter seiner Uniform ein für seinen Stand sehr teures und elegantes Oberhemd trug, grübelte bereits die ganze Zeit über etwas nach. Immer wieder ging er den jedem Rekruten ausgehändigten Tagesablaufplan ungläubig durch.
„Dumuzi, du hast eine Frage?“
„Äh, ja, Ausbilder. Hat das seine Richtigkeit, dass heute eine praktische Übung zur Beschleunigung in der Zentrifuge angesetzt ist, oder ist das ein Druckfehler? Ich frage nur, weil die gleich im Anschluss ans Mittagessen stattfinden soll!“
„Es ist keine besonders übliche Vorgehensweise, aber der Termin hat seine Richtigkeit. Das betrifft auch nur diesen einen Kurs, Alulim Eins.“
<Und wieso? Ich meine, welchen Sinn soll das haben, wenn wir uns während der Übung alle kräftig übergeben?>
„Ja, ich weiß nicht. Welchen Sinn hat es wohl, anderen bewusst Leid zuzufügen?“
Der Ausbilder deaktivierte seine Maske.
„Was meinen denn Schen und Asaluhi Alulim dazu?“ fragte er provozierend in die Runde.
Den Angesprochenen blieben die Münder offen stehen! Unter der Projektion kam der vermeintliche Schreiber zum Vorschein, über den sie sich während der Eincheckprozedur lustig gemacht hatten.
Der Annunaki aus dem Rattenhaus hatte nicht gelogen. Er war tatsächlich weder ein Rekrut, noch bewarb er sich um einen Platz an Bord der „Schusar“. Der Astronaut Sukun Mon, Veteran der „Schwarzspürer“-Expedition, hatte seinen Platz bereits in der Tasche.
<Der Träumer soll unser Ausbilder sein?!> entfuhr es Schen.
Asaluhi konnte ein Lachen nicht unterdrücken: „Ich mein´, bei dem kann man sich den Kälteschlaf doch sparen, der ist ohnehin nie richtig da!“
Nomo Alulim wandte sich von seinem Platz in der ersten Reihe aus zu den beiden Gemeinen seines Hauses um.
„Ihr habt euch gestern über den Ausbilder lustig gemacht oder ihn beleidigt?“
<So etwa in der Art wie gerade eben>, bestätigte Sukun.
„Ha! Dann kann ich aber verstehen, dass der Mann sich rächen will!“
„Aber es ist nicht gerecht, dass wir anderen darunter leiden sollen!“ rief Dumuzi. „Ich war gestern noch nicht einmal in der Nähe, als das geschehen sein soll!“
„Es wäre schön, wenn die Welt ein Ort voller Gerechtigkeit wäre“, erwiderte Sukun. „Aber das ist sie nicht. Darüber kann man jammern – oder was dafür tun!“
Dumuzi rollte die Schreibfolie mit dem Ablaufplan zu einer festen Rolle zusammen. Er schien bereits über eine ziemlich gute Vorstellung davon zu verfügen, wie er sie dazu verwenden wollte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Schen und Asaluhi entging das natürlich nicht.
Die zwei Alulimangehörigen erhoben sich hastig. In wohlgesetzten Worten trugen sie ihre Entschuldigung vor.
Während die zwei sprachen, blickte Sukun ratsuchend zu Nomo herüber. Denn wie jeder Nefilim war auch Nomo Alulim in besonderem Maße mit dem Äther verbunden und in der Lage, zwar keine gut vorbereiteten Lügen, wohl aber grobe Widersprüche zwischen der Rede und der Ätherpräsenz eines Artgenossen zu erkennen. Seine Einschätzung übermittelte Nomo dem Ausbilder stumm, ohne etwas zu beschönigen oder seine Untertanen vor dem Hausfremden Annunaki in Schutz zu nehmen.
Bereits nach den ersten Sätzen Schens und Asaluhis winkte der Adlige ab. Die angesichts dieser Geste aufkeimende Erleichterung der beiden Weltraumsoldaten hielt nicht lange vor.
„Ihr meint keins eurer Worte ernst!“ brüllte Sukun die Rekruten nieder. „Ihr habt einfach nur Schiss! Schiss vor dem, was wir als Kinder ‚Klassenkeile’ nannten und das ist alles!“
Die Reaktionen der restlichen Rekruten verriet dem Mann, dass die Spötter diese auch reichlich beziehen würden.
„Fahren wir fort…“

Sukun verließ seinen Platz vor der großen Projektionsfläche. Er suchte sich einen unbesetzten Tisch, zog einen der beiden Stühle vor, setzte sich auf die Tischplatte und stützte seine Füße auf der Sitzfläche des Stuhls ab. In seiner ruhigen, melodischen Stimme begann der Mann den Rekruten von seinem langen Flug zum Wurmloch zu erzählen. Er beschwor die Enge und Isolation in der „Schwarzspürer“, die nicht aufzuhaltende, sondern nur zu verlangsamende körperliche Degeneration und die tägliche Nervenbelastung der Astronauten. Bereits nach kurzer Zeit war ihnen der Kontakt über den Äther zueinander kein Trost mehr gewesen. Stattdessen hatte der Kommandant täglich für eine gewisse Zeit Gedankenschilde um die Selbstsphären der Besatzungsmitglieder errichten müssen. Ohne einen Nefilim an Bord wäre die gesamte die Expedition nicht möglich gewesen.
Sukuns Strategie gegen den Wahnsinn hatte darin bestanden, sich täglich Fortsetzungen zu einer Abenteuergeschichte auszudenken, in welcher er der Hauptheld war.
„Ja, genau wie als Kind“, gab er schmunzelnd zu. „Dieser Rückzug in die Phantasie war nicht ungefährlich. Bald erschien mir meine Welt echt und die, in der ich lebte, als der Traum. Mir erging es besser als Xolotl-schara T´ien. Der hatte sich angewöhnt, wenn er nicht gerade Dienst hatte oder trainierte, allein gegen den Computer ZSK zu spielen. Als er seine Spielfigur verlor, war er völlig am Ende…“
Hatten die Astronauten ihre persönlichen Probleme im Griff, dann warf ihnen der Weltraum tödliche Herauforderungen entgegen. Auf von Vorgängern gesammelte Erfahrungen konnten sie nicht zurückgreifen. Noch nie zuvor war ein bemanntes Weltraumfahrzeug so tief ins All vorgestoßen.
„Heutzutage wäre es eine Anklage vor dem Hofgericht wert, seine Untertanen in einem Schiff vom Typ der Schwarzspürer“ über den Ring der Leuchtenden hinauszusenden“, schloss Sukun seine Rede. „Doch damals besaßen wir nichts anderes.“
Die Rekruten schwiegen. Sie begriffen: Dieser Mann hatte es nicht nötig, Soldaten wie die beiden vorlauten Alulim zu schikanieren, um sich überlegen zu fühlen.
„Sukun, es…“ hub Asaluhi zum Sprechen an.
„Es wäre uns eine Ehre, mit dir zusammen…“ fuhr Schen fort.
„…nach Ki zu fliegen?“ ergänzte Nomo lächelnd, als die beiden stockten.
Wie Brüder schüttelten die Annunaki die Köpfe.
„Nein! Mit dir zusammen auf den Fußboden zu reihern in dieser Übung heute Mittag!“ erklärte Schen. „Denn das wissen wir ganz sicher, dass das kommt, aber ob wir gut genug für den Flug nach Ki sind, muss sich erst noch herausstellen.“
Sukun lachte!
„Wird mir eine Freude sein, Männer“, erklärte er. „Auf der „Schwarzspürer“ hätte ich meinen Magen beherrschen müssen.“

*

Nicht in jedem Ausbildungsraum spielten sich derartig versöhnliche Szenen ab. Im Nachbarraum fuhr der sonst so diplomatische Ischum T´ien wutentbrannt auf, als ein Rekrut des Hauses Alalu von seinem Ausbilder – einem Sohn des Löwenadlerclans – geohrfeigt wurde, weil er eine Antwort nicht wusste. Als sei nichts aus dem Rahmen Fallendes geschehen, trottete der Annunaki zu seinem Platz zurück.
Bereit, dem Edelmann für die Verletzung seiner Adelsehre eine Duellforderung hinzuschleudern, trat Ischum aus der Bankreihe und einen Schritt nach vorn.
„Lass es!“ raunte der vor dem Fähnrich sitzende Ah Ceh Tigâra ihm zu. „Ich habe von Herrn Kulla gehört, dass Alalu demnächst das Projekt verlassen muss. Der Große An wünscht nicht, dass das zweite Haus sich weiter daran beteiligt. Es könnte unserem Ruf schaden – oder sie könnten zu große Gewinne aus der Kolonisierung ziehen.“
„Ja, aber wenn sie fort sind, geht das doch bei denen zuhause trotzdem so weiter!“ warf Anubis vom Stuhl neben Ischum aus ein.
Amüsiert blickte Ah Ceh von dem Wachsoldaten zum Fähnrich und wieder zurück.
„Was wollt ihr dagegen machen? Einmarschieren?“
„Wegfliegen!“ erklärte Anubis trotzig, als ihm keine passende Antwort einfiel.
Der kurze Austausch war über den Kopf des Ausbilders hinweg gegangen. Er raunzte Ischum lediglich an, dass es wohl mit dem Toilettengang – denn als nichts anderes interpretierte der Alalu Ischums Aufstehen außer der Reihe – nicht so dringend sein konnte, er wenn vorher noch Zeit fand, sich mit Ah Ceh zu streiten.

*

Im Anschluss an die erste Theoriestunde stand Körperertüchtigung in der Turnhalle bis zum Mittagsgong auf dem Programm. Diesmal wurden die Rekruten nicht mehr nach Geschlecht und Haus zu Gruppen zusammengestellt, sondern allein nach ihrer körperlichen Leitungsfähigkeit. Ebenfalls keine Rolle spielte die angestrebte Position im Kolonisierungsprogramm. Während der allgemeinen Sportstunden erwartete die Wissenschaftler dasselbe Programm wie die Soldaten.
Doktor Faramardutu hatte noch am gestrigen Abend sämtliche Rekruten in drei Trainingsgruppen eingeteilt.
Kulla Apis hatte es trotz seiner Nefilimgene nur in die mittlere Gruppe geschafft. Diejenigen, denen bekannt war, dass der Adlige einen großen Teil seines Privatvermögens damit verdient hatte, von Turnier zu Turnier zu ziehen, verwunderte das. Doch das Ergebnis der Belastungstests hatte eindeutig erwiesen, dass der Ingenieur zwar ein vortrefflicher Stabfechter sein mochte, in allen anderen Kriterien jedoch nur Durchschnittswerte aufwies.
Einige unerwartete Kandidaten befanden sich in der leistungsstärksten Gruppe, so zum Beispiel Bakchos Suhurmasch, ein Nefilim-Annunaki-Mischling, dem man seinen väterlichen Erbteil allerdings nicht auf den ersten Blick ansah. Gegen die meisten anderen Männer hier nahm sich der gerade einmal durchschnittlich große Rekrut regelrecht winzig aus.
Neben Bakchos stand Demeter Tichupak. Die Annunakifrau fühlte sich unwohl in ihrem neuen Trainingsanzug, der ihr im Gegensatz zu den Sportkleidern, die Frauen zu tragen pflegten, beengend und viel zu warm erschien. Sie trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, wobei sie immer wieder an ihrer Kleidung zupfte. Dass die Blicke ihrer männlichen Kollegen auf ihr ruhten, kommentierte die Chemikerin mit einem wohlwollenden Lächeln.
„Macht euch nichts vor, Leute!“ rief Kethri Qat in die Runde. „Nur, weil ihr in der ersten Gruppe sitzt, habt ihr es noch lange nicht auf die „Schusar“ geschafft! Selbst die in der dritten Gruppe sind mehr als tauglich, die Strapazen des Kälteschlafs und der ersten Ki-Umläufe nach der Landung zu überstehen!“
Die Worte des Jugendlichen – oder vielmehr die Tatsache, dass er überhaupt Worte von sich gab – stießen dem Trainer unangenehm auf:
„Kethri Qat! Sehe ich irgendwo ein Schild, auf dem ‚Ausbilder’ steht, an Eurem Trainingsanzug? Nein? Irgendjemand anders?“
Erwartungsgemäß senkte der solcherart vorgeführte Jugendliche seinen Blick zu Boden. Doch bei den den nächsten Worten des Ausbilders hob Kethri den Kopf wieder, um den Gemeinen mit zunehmender Entgeisterung anzustarren. Dieser fuhr fort:
„Denn wenn dem nicht so ist, muss ich Euch in aller Form dazu auffordern, zu schweigen, wenn Ihr nicht mit dem Ätherkn…n…nn…“
„Ich weiß, was ein Ätherknebel ist“, konterte Kethri. „Eine geistige Technik, die den Willen zur Artikulation lahm legt. Ich habe sie gerade bei dir angewendet.“
Der Trainer, ein vierschrötiger Untertan des Wurmclans Fara, wand sich gleich seinem Wappentier unter der Beherrschung seines Geistes durch den Nefilim.
Kethri schlenderte zu dem Annunaki herüber. Über seine Schulter hinweg deutete er auf die versammelten Gemeinen.
„Was meinst du, wie lange einer von denen auf Ki durchhält, wenn du ihnen vorführst, an diesem „Ja, Herr“, „Bitte, Herr“, „Tut mir nichts, Herr“ festzuhalten?“ fuhr er den Trainer  an. „Darf ich Euch untertänigst darauf aufmerksam machen, dass da ein Raubtier an eurem Bein kaut, mein Fürst? ist nicht gerade die passende Warnung an den solcherart Überfallenen, findest du nicht?“
<Ja, Herr, äh, nein, Herr. Wie Ihr es sagt.>
„Bei den Himmelsgöttern unserer Ahnen und bei den Himmelsgöttern, die unsere Ahnen sind, du bist hoffnungslos!“
„Ihr putzt mir dir Turnhalle, bis sie glänzt wie die Leuchtenden, Kethri Qat!“ schrie der Ausbilder, nachdem Kethri seinen Ätherknebel wieder gelöst hatte.
„Na also, geht doch“, grinste der Jugendliche.
Das Grinsen gefror auf seinem Gesicht, als ihm sein Äthersinn übermittelte, wofür genau er bestraft wurde: Nicht für seine vorlaute Rede zu Beginn der Übung, sondern aufgrund von Anstachelung zur Insubordination gegenüber Edelleuten.
<So etwas kann zur Meuterei führen, Herr. Und das ist dann kein Kavaliersdelikt mehr.>

*

Die Sportübung begann mit einer Runde Gassenball unter verringerten Gravitationsbedingungen. Jeder spielte gegen jeden anderen, wobei der Trainier nie mehr als zwölf Spieler gleichzeitig auf dem Feld herumtoben ließ.
Während die ersten zwölf Spieler versuchten, von einem Zufallsgenerator bestimmte Ziele mit dem Ball zu treffen, bevor es ein Mitspieler tat, plauderte der Ausbilder mit den auf der Wartebank sitzenden Rekruten.
„Diese gemeinsamen Stunden sollen euch vor allem an den täglichen Umgang mit Hausfremden gewöhnen“, vertraute er ihnen an. Er warf einen Blick auf das Spielfeld, blies schrill in seine Pfeife, winkte einen der Spieler heraus und korrigierte sich dann: „An den zivilisierten Umgang mit Hausfremden. – Was sollte das gerade, Rekrut Anubis?“
„Ich habe mir nur zu Herzen genommen, was Doktor Ah Ceh mir heute morgen gesagt hat“, gab der Weltraumsoldat Auskunft. „Dass Wegfliegen vor Konflikten keine optimale Lösung ist. Und die beiden, denen ich einen Rüffel verpasst habe, die haben einen gehörigen Konflikt!“
„Wär´ besser gewesen, ihn drin zu lassen, Trainer“, bemerkte Saru Vayu. „Weil sich Zahrim und der T´ien – Fähnrich jetzt nämlich völlig ineinander verbissen haben.“
Der Kundschafter erhob sich.
„Ich glaube, ich kann das klären. Darf ich?“
Stumm nickte der Trainer.
Saru lief auf das Spielfeld. Tatsächlich gelang es ihm, die beiden Streithähne voneinander zu trennen. Einen Arm beschützend um Zahrim gelegt, welcher der Angreifer gewesen war, stieß er den sich heftig wehrenden Ischum T’ien zu Boden.
„Mein Haus hat nur mit Wolfsgenen experimentiert!“ schrie Ischum. „Aber eure Leute haben ja alle die Tollwut gespritzt bekommen!“
„Ischum…“ Saru beugte sich zu dem auf dem Turnhallenboden hockenden Annunaki herunter, ohne Zahrims Hand loszulassen. „Mein Freund hat Gründe für sein Verhalten. Nicht die rationalsten, aber überaus verständliche. Ihr erfahrt das später mal.“
Saru erhob sich wieder. Er schlang seinen Arm so um den Jüngeren, dass seine offene Trainingsjacke ihn schützend einhüllte. Niemand musste sehen, dass Zahrim darunter zu zittern begonnen hatte.
„Der erinnert sich nicht mal an mich“, klagte Zahrim. „Weil ich jetzt ein anderes Wappen trage, bin ich ein Vayu in seinen Augen.“
Saru zog seinen Wahlsohn näher an sich heran. <Du BIST ein Vayu.>
<Ja!> „Aber ich will auch, dass er´s weiß!“

*

„Da läuft doch was zwischen den beiden!“ wisperte Caishen Ubaid angesichts des Verhaltens der beiden Vayu-Kundschafter. „So, wie die zusammenhängen.“
„Unsinn!“ lachte ein auf der Bank hinter ihm sitzender Alulimangehöriger, den Caishen bereits als Kollegen – und damit Konkurrenz um seinen Platz an Bord des Schiffes – kennen gelernt hatte: Churan Alulim.
„Das werden Vater und Sohn sein“, meinte Churan. „Nur scheint Sarus Frau davon nichts wissen zu dürfen.“
Der Mann legte seinem Kollegen die Hand auf die Schulter. Wie viele Annunaki glaubte auch Churan, auf diese Weise den Kontakt im Äther verstärken zu können. Caishen spürte, wie er vom Äthersinn des anderen sondiert wurde. Soweit hätte niemand etwas Befremdliches an der Kontaktaufnahme zweier Kollegen gefunden. Doch Churan schien die Berührung angenehm in einer Weise, die Caishen Ubaid nicht tolerieren konnte.
<Glaub mir, ich wüsste, wenn es anders wäre>, meinte Churan. <Ich weiß eine Menge über viele Dinge…>
„<Lass mich los!>“
Churan entfernte seine Hand von der Schulter des anderen Mannes. Belustigt über dessen Reaktion auf die Berührung schüttelte er den Kopf.
„Komm schon, Caishen, wie viele der Frauen im Schusar-Projekt findest du attraktiv?“
<Eine ganze Menge.>
„Und auf wie viele von denen würdest du dich jetzt sofort hemmungslos stürzen, um deine Lust zu befriedigen?“
<Wie bitte?!> „Auf gar keine natürlich! Ich bin doch kein Barbar!“
„Na, siehst du. Wieso sollte ich das mit den Männern anders handhaben? Ich bin ein unbescholtener Bürger Alulims und deinem Akzent nach stammst du von der selben Halbinsel wie ich, dort, wo unsere Häuser eine gemeinsame Grenze haben.“
Caishen begriff, wie dumm sein Verhalten gewesen war. Natürlich hatte dieselbe Zivilisation Churan und ihn selbst geprägt. Lediglich aufgrund abweichender sexueller Vorlieben würde dieser sich nicht anders verhalten als der Ubaidangehörige selbst. Churan hatte einfach nur herausfinden wollen, welchem Geschlecht oder welchen Geschlechtern der in seinen Augen offenbar begehrenswerte Caishen aufgeschlossen war.
<Wieder was dazugelernt>, ließ sich Churan selbstzufrieden vernehmen.
Das ging Caishen dann doch gehörig gegen den Strich!
<Behandle mich nicht so gönnerhaft!>
„Oh… tut mir leid, das war unabsichtlich.“
Churan ließ dem Jüngeren Zeit, mit sich ins Reine darüber zu kommen, ob er die Entschuldigung akzeptieren und sich auch noch die Erklärung anhören wollte. Erst, als sein Äthersinn ihm entsprechende Eindrücke sandte, sprach der Alulimangehörige weiter: „Weißt du, ich bin nur vier Zyklen jünger als der Erbprinz und bisher hielt ich den Herrn Enki und mich für junge Männer. Seit ich diese Station betreten habe… Himmelsgötter, fühlt man sich alt unter euch Schusar-Kindern!“
„Schusar – bitte – was?!“
„Ähm… Professor Enlil nennt euch so. Wenn kein Edelmann oder Gleichgestellter zuhört.“
„Ach. Hör mal, du hast dasselbe studiert wie ich, du müsstest daher wissen, dass man dafür keine hunderte von Zyklen benötigt.“ <Was sollte uns also unterscheiden?>
<Eine ganze Menge von Dingen, die ihr Jüngeren allesamt abstreiten würdet.> „Nun, es dürfte schwerer sein, euch satt zu bekommen und meine Generation konnte ’Turm der Schattenlosen’ noch bugfrei spielen.“
„Ha! Stimmt auffallend. Und ich wollte wirklich nicht gleich zweimal hintereinander in die Luft gehen, Churan. Das mit dem zivilisierten Umgang miteinander wird wohl noch eine Weile auf sich warten lassen.“
„Hm. Weißt du, was ich mir manchmal denke? Wenn Ki bewohnt wäre, von intelligenten Lebensformen bewohnt, meine ich, dann würde dieser Schock uns vielleicht mal vor Augen führen, was wir eigentlich alles gemeinsam haben. Nämlich viel mehr als uns unterscheidet.“
Caishen nickte zögerlich.
„Kann alles noch kommen. Noch senden die Sonden nichts…“
Eine der geäußerten Befürchtungen der Kritiker des Schusar-Projekts bezog sich auf eben dieses Gedankenspiel Churans. Was, meinten sie, wenn Ki nun tatsächlich einer anderen Zivilisation Heimat bot? Im günstigsten Fall würde es genügen, einfach nur die Bordsoldaten aufzustocken und ein paar billige Ladenhüter mitzunehmen. Im ungünstigsten jedoch würden sich diese Fremden als technologisch überlegen herausstellen und den Sonden zu ihrem Ursprungsort zurück folgen…
Doch noch war es nicht soweit. Noch setzte sich das Leben der hoffnungsvollen Fernflugpioniere fort als gehöre das All ihnen allein und als hätten sie alle Zeit der Welt, um es auch für sich an Anspruch zu nehmen.

*

Am Mittag desselben Tages:

Auf der Suche nach einem freien Platz in einem der drei Büffetrestaurants der Gemeinen balancierte Imdugud Ubaid sein reichlich beladenes Tablett zwischen den Rekruten hindurch. In diesem Moment stimmt der Mann Enlil vorbehaltlos zu, wenn dieser die Kandidaten als „Schusar-Kinder“ bezeichnete. Oder vielleicht hatte Haus T’ien ja ein neues Himmelswolf-Projekt gestartet, dessen Ergebniss nun um Imdugud herum wuselten. Die jungen Leute erinnerten Imdugud an Hunde, die ein Leckerli erbeutet hatten und es nun tunlichst vor allen anderen in Sicherheit zu bringen trachteten, so, wie sie durch den Raum schossen.
Seine Ätherpräsenz hellte sich auf, als er eine Tischgruppe entdeckte, die offenbar den Ausbildern vorbehalten war. An einem Vierertisch saß bisher nur ein einziger Annunaki, der Astronautenveteran Sukun Mon. Auf diesen strebte Imdugud zu.
„Grüß dich, Sukun.“
Der andere hob den Kopf.
„Bist du Imdugud Ubaid?“ erkundigte er sich. „Verzeih, aber wir hatten dein Photo auf der „Schwarzspürer“ nicht gerade auf der Brücke an der Wand hängen.“
„Tja, wir in der Basisstation von euch ja auch nicht.“
Imdugud stellte sein Tablett ab, setzte sich und begann, die Bestandteile seiner Mahlzeit miteinander zu vermengen.
„Aber ich gehe jede Wette darauf ein: Wenn ihr diesmal zurückkommt, wird es Sammelbilder von euch geben!“
„Dann wirst du also wieder den Kontakt zu uns halten, wie du es damals mit der „Schwarzspürer“ getan hast“, schlussfolgerte Sukun. Ob ihn diese Tatsache nachdenklich stimmte oder er nur den Eindruck erweckte, wäre über den Äther herauszufinden gewesen. Imdugud machte sich nicht die Mühe. Er widmete sich seiner Mahlzeit, als sei er selbst noch eines der in ihrer körperlichen Entwicklung noch nicht vollends ausgereiften „Schusar-Kinder“.
„Na ja“, meinte Sukun leichthin. „Ich werde es ohnehin nicht mitbekommen.“
Imdugud hob erstaunt seinen Kopf.
„Wieso das? Ich denke, du hast deinen Platz schon sicher? Fliegst du nun doch nicht mit?“
„Doch, allerdings nicht als Matrose. Ich mache die Leute fit für den Flug und die, die wach bleiben sollen, durchlaufen dann noch ein Spezialtraining bei mir, aber wenn wir starten, gehe ich mit den Wissenschaftlern in den Kälteschlaf. Ich mache das nicht noch einmal mit.“
<War es so schlimm?>
Sukun nickte heftig.
„Und wenn ich die vereinte Nervenheilkundlerschaft Saka-Tis und Zisis heranziehen müsste, um mir ein Attest zu verschaffen! Ich werde nach Ki fliegen, aber geruhsam in einer Kälteschlafbox, in der die Träume ausgeschaltet sind!“
Imdugud musterte den Untertanen des Rattenclans. Dieser Sukun verfügte offenbar über denselben Überlebensinstinkt und Kampfbereitschaft wie sein Wappentier.
„Ich weiß nicht“, dachte Imdugud laut. „Der Kälteschlaf ist nicht risikofrei.“
„Dafür hat der Lichtfunk Fortschritte gemacht seit Schusar.“
„Der Lichtfunk hat Fortschritte gemacht WEGEN Schusar“, korrigierte Imdugud. „Alle Neuerungen kamen aus dem Programm. Selbst, wenn ihr am Ende doch nicht fliegen solltet, ist etwas Sinnvolles dabei herausgekommen.“
„Nein, tut mir leid“, lachte Sukun. „Das wäre mir nicht genug! Ich bin nicht Astronaut geworden, um an einem verbessertem Telefon mitgebastelt zu haben!“
<Das überlässt du Leuten wie mir, was?!>
„Imdugud?“ <Was stimmt nicht? So, wie du dich in diese Technik reinkniest, dachte ich, das sei dein Lebenswerk!>
Imdugud knirschte mit den Zähnen. Natürlich war die Arbeit am Lichtfunk sein Leben, aber fragte auch jemand danach, ob ihm dieses Leben gefiel? Niemand und schon gar nicht einer dieser Helden, die bereits verkünden hatten dürften, dass das Ende der Welt nun doch nicht stattfinden würde! Aber das schien Sukun ja offenbar nicht zu genügen. Nein, er musste unbedingt auch noch als erster die Neue Welt betreten.
„Ich würde mitfliegen“, knurrte Imdugud, obwohl das überhaupt nicht zur Debatte stand. „Und zwar auf der Brücke!“
Das von Sukun beschriebene Szenario eines Fernraumfluges im Wachzustand schreckte Imdugud nicht. Geistig betäubt herumsitzen und vor sich hin starren, bis ein Notfall eintrat, der Handeln erforderte? Das beschrieb doch genau sein eigenes Leben oder zumindest wiederkehrende Phasen darin!
„Auf der Brücke“, lächelte Sukun traurig. „Nur, weil du es willst! Das ist genauso utopisch, wie meine Phantasie mit der Kälteschlaftruhe. In Wahrheit werden das die Herren nie zulassen. Ich bleibe wieder wach und diesmal werde ich wohl ein Buch über das Bordleben schreiben, um mich zu beschäftigen.“
„Kannst du so was?“ <Gibt´s denn überhaupt etwas, das du mal NICHT kannst?! Reicht es nicht, dass alle soviel besser sind als ich, müsst ihr mir das auch noch jeden Tag vorführen?!>
Sukun beendete seine Mahlzeit hastig. Angesichts der Verdüsterung des Äthers um Imdugud herum erschien ihm mit einem Mal die Beschleunigungsübung die angenehmere Alternative.

*

Unterdessen trat Nechbet Tichupak durch die erste Öffnung in der Wand, die sie finden konnte. Die Lücke definierte sie zu einer „Tür“, weil das am logischsten erschien. Derzeit vermochte die Annunakifrau über ihre unmittelbare Umgebung lediglich auszusagen, dass sie existierte und Präsenzen enthielt.
<Äh… hallo? Entschuldigung, aber…> „Ach, Unsinn! Ich kann ja nur nichts sehen, aber weiterhin sprechen!“
„Deine Blindheit ist uns nicht entgangen“, knurrte ein Nefilim mit dem Wappen der Löwenadler. „Sonst wärst du nicht so dummdreist in die Offizierskantine marschiert!“
Nechbet knickste in die Richtung, aus der die Stimme erklungen war.
„Ich bitte untertänigst um Vergebung. Seht, Herr, ich habe mich verlaufen und wollte nach dem Weg fragen. Dass ich hier keinen Zutritt habe, konnte ich nicht erkennen.“
Jemand reichte der Annunakifrau die Hand. Der Größe und der Kraft nach musste es sich um einen Nefilim handeln.
„Ich glaube, das fällt in meinen Zuständigkeitsbereich – Doktor Faramardutu Fara, Bordarzt der „Schusar“. Jetzt bitte ein Stück zur Seite gehen, da möchte jemand hinter dir eintreten. Hallo, Ah Ceh. Mit dir wären wir dann ja vollzählig.“
Widerspruchslos ließ sich Nechbet hinziehen, wo immer sie platziert werden sollte. Faramardutu drückte sie in einen Sessel. Für Nechbet fühlte es sich trotz der Versicherung des Arztes über den Äther so an, als werde sie auf den Fußboden gestoßen.
„So kurz nach der Augenoperation muss diese Frau sich zur Orientierung auf ihren Äthersinn verlassen“, erläuterte Faramardutu den Anwesenden. „Das Erkennen unbelebter Objekte stellt sie daher vor immense Probleme.“
„Die Küchentheke dürfte gut belebt sein“, meinte Ah Ceh.
„Das wissen wir alle, Doktor, aber selbst ich als hochadliger Nefilim kann die MBOs dort nicht im Äther spüren“, erwiderte der Alalu-Adlige.
„Worin besteht deine Aufgabe an Bord?“ erkundigte sich Faramardutu dann bei Nechbet. Gleichzeitig winkte er dem Steward, er möge eine weitere Essensportion für den unerwarteten Gast bringen.
„Raumbasenkonstruktion, Herr“, gab Nechbet Auskunft.
„Was nicht mehr funktioniert, wenn man kurzsichtig ist und die einzige Brille an Bord durch einen Unfall kaputtgeht, verstehe.“
Die anwesenden Adligen tauschten fragenden Blicke aus, die Nechbet natürlich nicht sehen konnte. Dennoch spürte auch die Annunakifrau, dass etwas im Äther vorging.
<Wieso ist der Doktor heute so leutselig? Der führt doch etwas im Schilde!>
<Die Frau ist es jedenfalls schon einmal nicht. Der Äther ist nicht ‚rosa’…>
„Dein Augenfehler wird wiederkehren“, gemahnte Doktor Faramardutu Nechbet. „Aber wenn er das tut, stehen auf Ki schon längst richtige Städte. Dann ist deine Fehlsichtigkeit kein Problem mehr.“
„Du tust ja, als flögen wir in die nuklear verseuchte Ödnis Enuns anstatt nach Ki, Herr!“ lachte Ah Ceh. „Was erwartest du? Wir haben alles dabei, um innerhalb eines Zyklusses die modernste Kolonie Ajaer Scharuturs hochzuziehen!“
Der Annunaki hielt plötzlich inne.
<Na? Und weiter?> forschte Kulla Apis.
„Obwohl ich zugeben muss, mich auf ein paar Wochen Lagerfeuerurlaub durchaus zu freuen“, endete Ah Ceh seine Rede ein wenig verschämt.
Faramardutu klopfte mit einem kleinen Löffel gegen sein Glas.
„Nechbet, ich habe dich aus einem bestimmten Grund in unsere Runde eingeladen. Die Mannschaft fragt sich, wer denn nun Kapitänsfunktion einnehmen wird…“
<Ein Fernraumschiff sollte keinem Offizier unterhalb des Ranges eines Vollkapitäns anvertraut werden>, kam es sehr zu Kethri Qats Unmut von Oannes.
„In Anbetracht der Tatsache, dass der Schiffsarzt der wichtigste Mann an Bord ist, hat der Erbprinz mich heute morgen in einer Videonachricht von Anur in diese Position berufen.“
Als erste hoben die restlichen Adligen des Wurmclans ihre Gläser zum Prosit, danach Kulla Apis und dann alle anderen Anwesenden, bis endlich auch Kethri noch vor Oannes mit den Älteren anstieß.
Nechbet strahlte in sich hinein. Aufgrund ihrer Behinderung würde sie noch eine Weile eine Außenseiterin an Bord der Raumstation bleiben, doch dieses Manko wurde dadurch wettgemacht, dass sie ihren Standesgenossen sogleich mit einer brandaktuellen Neuigkeit aus der Führungsetage gegenübertreten konnte.

*

Am späten Abend herrschte in den Gemeinschaftsräumen eine in den Anfangszeiten des Programms nie gekannte Aktivität.
Nechbet teilte ihre gerade ihre Information mit Wadjet Alulim, als die Halbbrüder Schen und Asaluhi an den beiden Frauen vorbeigingen.
<Welche gefällt dir besser, Bruder?> fragte Asaluhi heimlich.
„Kann ich jetzt so nicht sagen…“ <Will ich jetzt so nicht sagen. Heiraten ist eine ernste Angelegenheit.>
<Wer hat denn von Heiraten gesprochen?>
<Na du! Nein, halt, du nicht. Ich… Scheiße!> „Also gut, Sal. Ich denke schon seit einer ganzen Weile darüber nach. Das mit Ki und dem Kälteschlaf… wir nennen den Planeten zwar eine weitere Kolonie Ajaer Scharuturs, aber in Wirklichkeit ist das eine viel größere Sache. Eine richtige Neue Welt. Da fliegt man nicht mal so einfach hin und wieder zurück, wenn die Aufbauarbeit getan ist. Aber das stört mich auch gar nicht. Ich freue mich sogar darauf, dort zu bleiben und natürlich auch eine Familie zu gründen. Ja, und daher sehe ich die Schusar-Frauen mit anderen Augen als wir die Mädchen früher gesehen haben.“
„Ja, klingt vernünftig“, musste Asaluhi zugeben.
Schen strebte auf eines der öffentlichen Terminals zu, an denen die Rekruten sich die aktuellen Tagespläne abholen, Nachrichten von zu Hause abrufen, sich für Freizeitaktivitäten eintragen und vieles mehr erledigen konnten, was an täglichen Organisationsarbeiten anfiel. Aufgrund eines Zusammenstoßes mit ihren Klassenkameraden von Alulim I hatten die Brüder einige Stunden in ihrer Kabine zur Erholung benötigt und noch keine Zeit gefunden, sich für einen oder mehrere der nicht obligatorischen Kurse anzumelden.
„Also gut, wir müssen mindestens ein und dürfen höchstens drei Wahlfächer belegen“, wiederholte Schen, was er im Laufe des Tages von jedem einzelnen Ausbilder gesagt bekommen hatte. „Ich finde, ’Benehmen und Etikette’ ist wichtig – da können wir mal Ehrengardisten werden!“
Schens Finger flogen über die Tatstatur. Er fand den gesuchten Kurs und verzog kurz das Gesicht, als er feststellte, dass sich auch Dumuzi dafür angemeldet hatte. Was er von diesem Annunaki halten sollte, wusste der Weltraumsoldat noch nicht genau. Einerseits war der Mann sein Hauskamerad, anderseits schmerzte sein Kiefer noch immer von Dumuzis Kinnhaken…
„Hier ist nur noch ein Platz frei“, teilte Schen seinem Bruder mit. „Soll ich lieber einen Parallelkurs suchen, wo wir zusammen reinkönnen?“
„Nein, lass mal. Ich mache etwas anderes.“ <Erste Hilfe.>
„Und was?“
„Sanitätslehrgang. Hast du schon richtig gehört.“
Kopfschüttelnd rief Schen den gewünschten Lehrgang auf, nachdem er sich als letzten Teilnehmer im Etikettekurs eingeschrieben hatte.
„Da musst du dir nun wirklich keine Sorgen machen, nicht mehr reinzukommen. Extrastunden in Erste Hilfe will nie jemand machen – Außer dir nur noch ein Bakchos Suhurmasch.“
„Und trägst du zukünftiger Familienvorstand dich für noch einen zweiten und dritten Kurs ein, wo du doch plötzlich so vernünftig geworden bist?“ neckte Asaluhi den Bruder.
„Nein“, antwortete dieser, doch noch bevor die Silbe verklungen war, korrigierte er sich: „Doch! Ich möchte wieder fliegen! Wie damals, bevor wir zur Armee gegangen sind.“
Zusätzliche Flugübungsstunden zu finden, stellte den Annunaki nicht vor Probleme. An Bord der Raumstation befanden sich genug Fluglehrer, um jedem Interessierten jeglicher Vorkenntnisse seinen Wunsch zu erfüllen.
„Wenn wir es als Soldaten nicht hinbekommen, auf die „Schusar“ zu kommen, dann fliege ich als Shutlepilot mit und du als Sanitäter“, scherzte Schen. „Und wenn wir auch das nicht schaffen, dann kann ich mich immer noch als Ehrengardist bei einem Nefilimadligen bewerben oder auf eine reguläre Fahrkarte sparen. Komme, was wolle, ich werde diesen Planeten betreten!“

*

In den kommenden Tagen kam es zur üblichen Vermischung der Gleichgestellten mit entweder den Adligen oder den Gemeinen. Ungeachtet ihrer Zwischenstellung orientierten sich die einzelnen Angehörigen des „dritten Standes in der Regel stärker nach einer der beiden anderen Gruppen. So war Oannes Suhurmasch stets ein einfacher Mann geblieben, während Ah Ceh Tigâra bevorzugt adligen Damen schöne Augen machte.
Ischum T´ien bekam die Kluft, die zwischen den beiden Völkern klaffte, zum ersten Mal in seinem Leben in ihrer vollen Breite vorgeführt. Im Militär des Hundesclans, das zeitlebens seine Familie gewesen war, existierte die Barriere zwischen Nefilim und Annunaki nicht im selben Maße wie im restlichen Reich unter den drei Sonnen. Im Haus des Hundes war Offizier ein Offizier, unabhängig davon, zu welcher biologischen Unterart er gehörte. Und ein Herr war ein Herr, ob nun von Geburt an adlig oder durch das Gleichstellungsgesetz in seinen Rang erhoben.
In diese Verhältnisse waren die Schusar-Rekruten hineingewachsen, für viele Ältere hingegen stellte der dritte Stand etwas Neues, je nach Hintergrund sogar Unerhörtes, dar. Denn oft genug brachte dieser allein durch seine Existenz Adel und Volk mehr durcheinander als es die Adelung einer Reihe verdienter Doktoren und Offiziere getan hätte: Saß ein Gleichgestellter mit am Tisch, lieferte seine Anwesenheit nämlich sowohl die Gemeinen als auch die Edelleuten einen Vorwand, sich ebenfalls hinzu zu setzen.
Kethri Qat machte es sich daher schon bald zur Gewohnheit, Oannes mitzuschleifen, wenn er eine Annunakifrau näher kennen lernen wollte. Immerhin war der andere ja ein Vollkapitän, von dem Kethri viel lernen konnte, so dass es durchaus gerechtfertigt erschien, seine Nähe zu suchen. Oannes trug sein Schicksal mit der Geduld eines Windwächters. Und obgleich er und seine Frau das Abenteuer Nachwuchs bisher gescheut hatten, gewann der Annunaki den adligen Jungen schon bald lieber als dessen hochfahrender Charakter hätte vermuten lassen.
Als einer von nur zwei Nichtalulim in seiner Studiengruppe hatte Kethri Qat die vergangenen Jahre über als latent heimwehkranker Außenseiter gelebt. Sein von Natur aus fröhliches Wesen hatte spöttische bis zynische Züge angenommen und er hatte gelernt, auf vielerlei Weise zu verletzen. Auf der Schusar-Station wollte Kethri das alles hinter sich lassen, denn hier war ja,  wie Yehl Kylin einmal behauptet hatte, jeder ein Hausfremder.

Kethri Qat, Nomo Alulim, Oannes Suhurmasch, Ah Ceh Tigâra, Ecatl Tigâra, die Alulim-Halbbrüder Schen und Asaluhi hatten sich zu einer Partie Tontaubenschießen im Simulator zusammengefunden. Als einzige Frau gesellte sich Mithrasch Vayu der Gruppe zu. Die Expertin für regenerative Energien verfügte ebensowenig wie der Ökologe Ah Ceh über einen militärischen Hintergrund, was die restlichen Spieler dazu verleidete, die beiden nicht als ernsthafte Konkurrenz zu betrachten.
Vor die Wahl zwischen leichten Plastikpistolen und den in einem echten Wettkampf zum Einsatz kommenden Flinten gestellt, entschieden sich die Schusarrekruten für erstere. Ihre Ausbilder hatten sie bereits darüber informiert, dass auf Ki die deutlich leichteren Laserwaffen zum Einsatz kommen würden und die Spielzeugpistolen als geeignete Einstiegsoption empfohlen.
Als die Spieler ihre Pisolen das erste Mal in der Hand hielten, mussten die Offiziere ihre Einschätzung der jeweiligen Spielstärke revidieren: Mithrasch mochte nie im Leben auf Personen gezielt haben, in der Verwendung als Sportgerät lag ihr eine Waffe jedoch wohlvertraut in den Händen.
Ganz im Gegensatz dazu wusste Kapitänleutnant Kethri vermutlich zu taktieren und Bordgeschütze zu bedienen, doch eine Pistole hatte er nur selten in der Hand gehalten.
Ah Ceh wiederum wirkte wie jemand, der den Gebrauch des Feuers zuerst als Brandstifter kennengelernt hatte, nun den heimischen Herd anzünden sollte und nicht so recht wusste, ob er damit nicht die gesamte Nachbarschaft abfackeln würde.
<Das wird interessant>, kommentierte Nomo die Zusammenstellung der Gruppe.

„Wie rufen wir ab?“ erkundigte sich Schen, während sich die acht Wettkämpfer in Position begaben.
<Lautlos.>
<So in etwa?> Schen schwenkte seine Waffe mehrfach in der Waagerechten, was ihm einen Lacher Nomos einbrachte.
„Über den Äther!“ korrigierte der Nefilim.
<Das ist unfair!> Kethris geistige Stimme, wobei unklar blieb, ob er sich selbst gegenüber dem hochadligen Nomo benachteiligt empfand oder mit seinem Protest die Annunaki in Schutz nehmen wollte.
„Wenn du in etwa dieser Stärke deine Bereitschaft zum Schuss meldest, versteht dich der Computer schon“, meinte Oannes. „Du wirst dich wundern, wozu dein Äthersinn alles in der Lage ist, wenn du ihn gezielt trainierst. Ich bekomme keine Autotür auf, konnte aber auf meinem alten Schiff jede Funktion allein mit dem Äthersinn aufrufen.“
Die Erwähnung eines Schiffes lies Ah Ceh aufhorchen.
<Welche Route und welcher Typ?> fragte er aus einem Reflex heraus.
In Oannes Geist entstand der Eindruck eines mittelschweren Kreuzers, der zwischen den Leuchtenden patrollierte. Das mentale Bild wurde von denselben Gefühlen begleitet, die Oannes mit dem Haus seiner Kindheit verband. Offenbar hatte Ah Ceh lange Zeit im Weltraum gelebt.
„Kein Schiff von der Art, an das du denkst“, antwortete Oannes. „Ich war bei der Marine.“
Merkwürdigerweise durchflutete den anderen bei dieser Aussage Erleichterung. Gleichzeitig entschlüpfte Ah Ceh ein ehrliches „Was, das gibt’s noch?“.
Mithrasch schüttelte den Kopf. „Und du als Weltraumratte hast Ökosysteme studiert? Ist das das Äquivalent zu einem auf einem Planeten lebenden Kind, das Astronom werden möchte?“
„Ja, ich denke schon“, erwiderte Ah Ceh schmunzelnd.
Gleichzeitig wischte er im Äther Nomos Empörung über die vertrauliche Anrede des Hochgelehrten seitens der Gemeinen zur Seite. Im Hause Vayu war das Gleichstellungsgesetz nun einmal nicht in Kraft, weshalb die Frau zuersteinmal jeden Gleichgestellten auf der Station auf ihren eigenen Rang herunterkürzte. Die Qat hielten es auf Kethris Wunsch genau andersherum: Jeder Offizier oder Hochgelehrte unter ihren Kandidaten wurde von ihnen als Gleichgestellter behandelt, obwohl auch der Katzenclan das entsprechende Gesetz nicht übernommen hatte.
Früher oder später würde das Ärger geben, würden die Projektleiter eine verbindliche Aussage darüber treffen müssen, wie mit solchen Fällen umzugehen war. Unabhänging davon, wie diese ausfiele, würden dann eine Zeitlang sämtliche Häuser über den Vorherrschaftsanspruch des Hofes zetern. Vorwürfe gegen Alulim, nicht zwischen den Interessen des eigenen Hauses und des Hofes oder gar dem Reich als Ganzen, zu unterscheiden, würden erhoben werden.

„Wieso schießen wir eigentlich auf unteramlange Tampons?“ fragte Asaluhi zwischen zwei Runden.
„Weil uns langweilig ist?“
„Nein, Herr Kethri, oder, ja, schon. Was ich meinte war, das hier ist doch eine holographische Simulation – die Dinger könnten also wie alles mögliche aussehen.“
„Oder alles mögliche tun!“ fiel Schen ein. „Wie… herumzuflattern.“
„Dann möchte ich aber darum bitten, dass sie auch runterkacken“, ergänzte Ecatl.
Lediglich Nomo fiel mit seinem „Das hier ist eine Simulation eines ernsthaften Sports, kein Spielautomat“ aus dem Rahmen.
„Ich bin mir nicht sicher, wie ernst ich das noch nehmen kann“, bemerkte Mithrasch. „Nach Asaluhis anschaulichem Vergleich gerade eben…“
„Ebenso ernst wie den Drachenkampf bei den Ritterspielen“, erklärte Kethri grinsend. „Der Gipfel an historischer Korrektheit… Das Vieh ist sogar mythologisch falsch.“
„Das hat seine Richtigkeit“, wusste Ecatl beizusteuern. „Das Komitee beschäftigt einen Tiamat-Priester, der absichtlich kleine Fehler in die Darstellung einbaut, weil gläubige Ubaid sonst nicht teilnehmen könnten.“
<Klingt interessant. Erklär mir das bitte mal näher!>

Die Spieler liesen sich von An’ti Getränke zu einer Sitzgruppe bringen. Über die Diskussion des Drachenkampfsimulators kam ihr Gespräch von ganz allein auf die aktuelle Saison der Ritterspiele. Kethri prophezeite dabei den Tigerclan als Titelträger.
„Tigâra?“ lachte Mithrasch. „Aber Herr Kethri! Die sind doch mies!“
„Wir sind Reichsmeister!“ protestierte Ecatl laut.
„Ja, schon“, meinte Schen abwinkend. „In der Knappenliga, wo sich eure ganzen Freibeuterkapitäne tummeln. Aber wen interessiert die?“
In der Knappenliga traten die Gleichgestellten und unwichtigeren Adligen an. Im Gegensatz zur Ritterliga konkurrierten die Sportler allerdings nicht direkt miteinander, sondern in Mannschaften zusammengefasst. Ah Ceh wäre berechtigt gewesen, in der Knappenliga mitzuspielen, doch von seinem Untertanen Ecatl und Kethri abgesehen, hätte keiner der Anwesenden sagen können, ob der Ökologe nun zu Tigâras Auswahl gehörte oder nicht. Es spielte einfach keine Rolle.
Nomo ließ die Plastikwaffe aus dem Simulationsspiel um seinen Abzugsfinger kreisen.
„Genau aus diesem Grund spiele ich nicht dort mit“, erklärte er. „Wozu sein Bestes geben, wenn es nicht gewürdigt wird?“
„Der Sieger in den Kampfsportarten vertritt seinen Clan vor der Weltöffentlichkeit“, überlegte Kethri laut. „Wenn nur die Gewinner in der Ritterliga umjubelt werden, heißt das, Knappenligakämpfer sind von Anfang an nicht würdig, ihr Haus zu vertreten. Da läuft was schief, finde ich.“
Nomo zuckte die Schultern.
„So ist es aber nun einmal. Die Himmelsgötter haben an ihrer Tafel keinen Platz für Mittelmäßigkeit. Deswegen sollten wir das Beste aus unserer Chance hier machen, Kez. Das Allerbeste!“

*

„Hör nicht auf sie“, bat Nimur Ubaid den kleinen An´ti, der gerade ein leeres Tablett auf die große Bar im Zentrum des Freizeitsportbereichs der Raumstation stellte.
„Hallo, Nimur“, grüßte der Schiffsjunge die Biologin. „Kann ich dir was bringen?“
„Ja, ein Früchtebier – und eine Pilzbrause für dich. Komm her, setz dich eine Weile zu mir!“
An´ti ließ sich das teure Getränk über die Bar reichen und servierte es Nimur wie gewünscht. Nicht nur aus Getreide gewonnenes Bier, sondern überdies mit Früchten versetztes? Die Schusar-Rekruten ließen es sich ja wirklich gut gehen! Aber auch eine stinknormale Brause war nicht zu verachten, vor allem, wenn dem Getränk zwei Kekse beilagen.
„Du bist ein Prinz des Raupenclans!“ lachte Nimur angesichts des gierig seine Kekse knirschenden Schiffsjungen.
„Hm… krnch… mja. Du wolltest mir was sagen?“
Nimur nickte. Sie begann, dem Tichupakangehörigen von Tiamats Palast unter den Wellen zu erzählen, in dem jeder sein eigenes Zimmer bewohnte. Wer sich unbedingt wie Herr Nomo an der Tafel der Himmelsgötter brüsten wollte, so meinte die Frau, bitteschön, aber der Junge sollte wissen, dass das nicht die einzige Option war, die einer Seele nach dem Tod des Körpers offen stand.
„Die Seelen können sich natürlich auch gegenseitig besuchen“, wusste Nimur zu berichten. „Adurunna ist kein Gefängnis. Adlige haben in ihrem Leben die größere Verantwortung getragen und im Krieg ihr Leben riskiert. Sie bewohnen schönere Suiten mit Balkonen davor. Aber man sagt, du kannst dir alles herwünschen, was du möchtest.“
„Meine Eisenbahn und meinen ausgestopften Affen und alle Erweiterungen zur Eisenbahn!“ entfuhr es An´ti ungewollt.
Die elektrische Eisenbahn und den Affen hatten seine Eltern fortgegeben, als ihr Sprössling ihrer Meinung nach zu alt dafür geworden war. Für die Erweiterungen der Bahnanlage war nie Geld im Haus gewesen.
<Hast du große Angst, dass der „Schusar“ was passiert?> fragte An´ti.
<Wie kommst du denn darauf?>
Der Junge musste sich wörtlichen Rede bedienen, um seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen:
„Weil du über solche Sachen nachdenkst. Über das Jenseits und so. Ich tue das eigentlich nie. Ich weiß nur, dass in unserem Ort mal jemand übernachtet hat, der ist geadelt worden und der Priester hat gemeint, das sei Quatsch, weil an der Tafel der Himmelsgötter nur die leiblichen Kinder der Igigi sitzen. Also die Nefilimherren.“
„Auch Annunaki tragen göttliches Blut in sich“, widersprach Nimur. „Wir sind alle Tiamats Kinder, nur haben die beiden Völker jeweils einen anderen Vater.“
„Alles klar. Du hast eine Scheißangst!“
Nimur vermochte es nicht, dem Schiffsjungen auszureden, was er sich da in den Kopf gesetzt hatte. Der hohe Stellenwert, den die Religion im Haus Ubaid einnahm, war für einen im Kulturraum der Igigi-Anbeter aufgewachsenen Annunakijungen einfach nicht nachzuvollziehen. Man fluchte und schwor bei den Himmelsgöttern, doch selbst diejenigen, die noch an sie glaubten, traten aus dem Alltag heraus, wenn sie sich an ihre Idole wandten. Lebenswelt und Religion blieben meist streng getrennt.
Im Großen und Ganzen aber fügten sich die Angehörigen des Hauses Ubaid so gut oder schlecht in den Stationsbetrieb ein wie die jedes anderen Hauses auch. Lediglich durch die Verrichtung ihres täglichen Gemeinschaftsgebetes fielen sie ein wenig aus dem Rahmen.
„Ich sage dir was“, bemerkte An´ti eine Woche später zu Ninlor Apis. „Die Ubaid blockieren die Gänge, aber das ist mir tausendmal lieber, als mir vorzustellen, dass wir hier Anhänger des Ahnenkults an Bord haben. Stell dir mal vor, du musst zu jemand, ihm das Haar richten, und der hat vielleicht die Urne seiner Großmutter auf dem Schreibtisch stehen! Mit seiner Großmutter drin, meine ich!“
Die Annunakifrau schmunzelte und entschied sich dafür, den Jungen nicht darüber aufzuklären, in welcher Funktion sie sich an Bord der „Schusar“ befinden würde. Denn jede Zofe wurde auch in Nachsorgeaufgaben unterwiesen…

*

Der einzige Ubaidangehörige, den Imdugud nie beim Gebet sah, war der Pilot Agi.
„Auch kein Drachenanbeter, was?“ fragte er ihn eines Tages.
Agi blickte seinem Landsmann ernst in die Augen. Imdugud war ein Ausbilder, wenn der salopp mit ihm, dem Rekruten, zu sprechen wünschte, würde es Agi erlaubt sein, in derselben Weise zu antworten? Vermutlich nicht, entschied der Annunaki, der bis vor kurzem als einfacher Frachtpilot zwischen Anur, Himmelssprung und Enun gependelt war. Selbst die Leuchtenden hatte er bisher lediglich als Tourist auf einer Urlaubsreise gesehen.
„Ich verehre die Igigi und den Propheten“, gab Agi Auskunft, seinem Äthersinn gleichzeitig einen seriösen, ernsthaften Unterton verleihend.
Imduguds antwortete reflexartig mit düsteren Gefühlen.
„Den Avatar“, korrigierte der Ausbilder. „Nur, weil die Oper ‚Der Prophet’ heißt und so populär geworden ist, bleibt es theologisch gesehen ein Avatar des Sonnenvaters, dessen Ankunft wir erwarten!“
Die Gefühle der beiden Annunaki glichen sich einander an, bis sie kaum mehr voneinander zu unterscheiden waren. Imdugud und Agi Ubaid dachten dasselbe:
<Das wirklich Gute an der Entfernung zwischen dem Dreisternsystem und Ki ist die Tatsache, dass Idioten wie der da auf der anderen Seite bleiben!>

(wird fortgesetzt)

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