Lesekind (Teil 2 von 2)

(Kapitel 3 von 3 der vierten Erzählung aus der Reihe „Die Kinder des Schusarvogels“ )

Kapitel III

Nefilim und Annunaki mochten mehrere Jahrzehntausende Lebenszeit vor sich haben. In ihrem langen Leben kam es nicht selten vor, dass sie dasselbe Handwerk immer wieder aufs Neue lernen mussten oder durch ihre Lebensumstände zu anderen Persönlichkeiten geformt wurden, ohne zwischendurch die Körper wechseln zu müssen. Eine Spanne von mehreren Tagen bezeichneten sie zuweilen als „gleich nachher“. Doch dann gab es wieder Situationen, in denen auch einem Angehörigen des Zwillingsvolkes fünf Minuten wie ein Jahr vorkamen.
Kethri und Kulla befanden sich gerade in einem solchen Zustand. Neunzig Wochen waren seit der Erweiterung des Teilnehmerkreises am Schusar-Weltraumprogramm verstrichen, eine gemessen an ihrer Lebenserwartung vernachlässigbare Zeitspanne, in der doch jede einzelne Sekunde mit Lektionen und Erlebnissen angefüllt gewesen war. Nun wurde den neuen Rekruten der erste Landurlaub gewährt. Gleichzeitig verließen die ersten als ungeeignet eingeschätzten Kandidaten die Raumstation für immer.
Die Schusar-Station schien wie ausgestorben, allein die beiden Nefilimjugendlichen saßen sich in der Offiziersmesse gegenüber. Sie erlebten nun das genaue Gegenteil der rasanten ersten Zeit auf der Station.
„Mir ist langweilig“, murrte Kethri.
Kulla unterdrückte ein Gähnen. „Mir auch… Wir hätten deinen Professor nicht die Liste der geilsten Mädels im Schusarprojekt finden lassen dürfen. Dann säßen wir jetzt nicht hier, während alle anderen sich auf Anur amüsieren.“
„Du klingst ja selbst schon wie Enlil!“
Kethri stützte seine Ellbogen auf die Tischplatte und das Kinn auf die Hände.
„Was hältst du von einer Betrachtung der unerotischsten Mädels?“ schlug Kulla vor.
„Kulla! Der Professor erschlägt uns, wenn wir das tun!“
„Na, das ist doch schon mal eine Verbesserung gegenüber seiner Reaktion auf die erste Liste. Da wollte er uns noch die Haut abziehen.“
„Im Ernst… ich könnte meinen Abschluss vergessen – dabei habe ich bereits die Rede geschrieben.“
Kethris Worte weckten zumindest vages Interesse in seinem Gegenüber.
„Hält die nicht immer der Jahrgangsbeste?“ wunderte sich Kulla.
„Bei uns der Beliebteste“, behauptete der Student.
„Klar…“ Kulla gab eine Mischung aus Lachen und Schnauben von sich. „Also was schlägst du dann vor?“
Als Kethri lediglich die Achseln zuckte, warf Kulla selbst etwas in den Raum: „Der Ausbilder.“
„Davon habe wir viele. Ich war selber mal so ein Schleifer für unsere Wehrpflichtigen.“
Kulla präzisierte seine Aussage: „Imdugud Ubaid. Irgendwie komisch der Kerl.“
„Weil er den Leuten aus den Weg geht? Allerdings nun auch wieder nicht allen.“
„Das ist ja das Komische daran! Meinst du, da gibt es ein Muster?“
Kethri schob seinen Stuhl zurück und streckte die Glieder. In dem Maße, in dem seine Seele sich wieder dazu entschloss, den Nefilimkörper zu bewohnen, sein Geist also wieder erwachte, kehrte auch Kethris Sinn für den Äther zurück: <Schieb mir mal´n Fetzen Schreibfolie rüber! Und die Karaffe mit dem Schwammerlwein auch gleich!> „Komm schon, den Wein auch! Tu nicht so, als hättest du das überhört!“
Kulla grinste ertappt, dann trennte er sich zwar nicht von der Karaffe, schenkte seinem Freund jedoch immerhin ein Glas daraus ein.
<Was hast du vor? Nach Hause schreiben?>
„Eine neue Liste.“

Eine Zeitlang schrieb Kethri stumm, löschte die Folie an Stellen wieder und verband weitere Abschnitte mit Pfeilen und Rahmen. Kulla beobachtete das Ganze neugierig. Er sah, wie sich Kethris Wortgruppen nach und nach auf die Namen der vierzehn am Projekt beteiligten Häuser einengten.
<Die Häuser sind der Schlüssel?>
Kethri nickte. Mit Schwung zeichnete er eine letzte Linie, bis endlich alle vierzehn Häuser in drei Gruppen aufgeteilt waren.
Kethri klopfte mit seinem Schreibstift auf die Folie.
„Imdugud meidet die Alulim, die Vayu, die Tichupak, die T´ien sowie dein Haus wie der Schattenlose den Weihrauch. Er kann mit den Alalu, Kylin, Varascha und Fara und ist unentschlossen gegen Tigâra, Suhurmasch sowie Mon und uns Qat.“
„Haben die was gemeinsam?“
„Gehören alle zu Ajaer Scharutur.“
Kethris vorlaute Antwort brachte ihm eine Kopfnuss seitens seines Vorgesetzten ein. Sich den Hinterkopf reibend studierte der Jugendliche seine Auflistung neuerlich.
<Obwohl, ich glaub´ schon… Du, das ist verrückt!> „Mag sein, dass mir das jetzt so ins Auge fällt, weil ich selber gerade studiere, aber die ganzen Clans, deren Untertanen Imdugud ausweicht, erleichtern ihren Gemeinen den Zugang zu höherer Bildung. Beziehungsweise erlauben es überhaupt erst mal. Die, mit denen er sich abgibt, sind strikter, was die Herkunft ihrer zukünftigen Hochgelehrtenschaft angeht.“
Verwundert wiegte Kulla sein Haupt. „Und das findet der jetzt gut?“
„Nein… ich glaube, andersherum wird ein Stiefel draus. Imdugud hat Angst. Er will keinem Studenten begegnen.“
„Dann werden wir beiden mal dafür sorgen, dass du ihm unter die Augen trittst!“
Kulla erhob sich, als befände sich Imdugud in just diesem Moment an Bord der Station. Kethri blickte ihm von unten ins Gesicht.
<Was versprichst du dir davon?>
„Das Allerbeste überhaupt im Leben: Spaß.“
„Ja, klar, nur, Spaß woran genau? Den Kerl vorzuführen oder ihm bei seinem Problem zu helfen?“
„Ich sagte, beim Allerbesten überhaupt im Leben.“
„Also einer Mischung aus beidem.“
„Na, also! Bist ja doch würdig, diese Rede zu verfassen, mein Freund.“
„Naja, schreiben durfte ich sie schon. Aber halten wird sie vermutlich doch eher Skanda Alulim.“ <Ich weiß doch, wie das läuft.>

*

Kethri und Kulla mussten nicht lange Trübsal blasen. Da sie gerade nichts zu tun hatten, erschienen sie dem Stationskommandanten, einem Alalu-General, als geeignete Kandidaten, eine vertrauliche Botschaft nach Anur zu überbringen, die nur persönlich übergeben werden durfte. Wenn die zwei sich dabei Zeit ließen, in etwa so viel Zeit, wie ihr gestrichener Landurlaub gedauert hätte, würde das sicher auch niemanden stören…
Die Freude der beiden jungen Leute ließ der Adlige an einem Ätherschild abprallen. Viel wichtiger als die Dankbarkeit der Kinder war ihm seine eigene Genugtuung, Enlils Order untergraben zu haben. Manchmal musste man dem Alulim-Pack eben vorführen, dass es im Territorium von Angehörigen des rechtmäßigen herrschenden Hauses nicht zu wildern hatte!

*

Acht Wochen später:

„Komm, nicht so scheu!“ rief Faramardutu Fara dem zukünftigen Navigator der „Schusar“ entgegen, als dieser zögerlich die Offizierssalons betrat. Ausschließlich Angehörige des hohen Adels hielten sich derzeit in den Räumlichkeiten auf.
„Komm rein!“ forderte der Mediziner und Kommandant des Fernraumschiffes Kethri erneut auf.
„Oder darfst du nicht, weil man dir während deines Aufenthaltes auf dem Planeten endlich das graue Wappen angesteckt hat, das du verdient hast?“ ergänzte Kulla.
„Selbst dann wäre es ein dunkelgraues für Adlige und er hätte hier Zutritt“, meinte Faramardutu. Der Kommandant der „Schusar“ reichte seinem ersten und dem zweiten Offizier jeweils einen kleinen Teller mit Häppchen.
„Hier! Das sind Kleinstmengen, die nicht im Ernährungsplan erscheinen müssen.“
„Und das von unserem Bordarzt“, lachte Kulla, das Naschwerk entgegennehmend.
Kethri knabberte vorsichtig an seiner Portion, ganz so, als fürchte er, seine Zähne müssten beim ersten Kontakt mit den weichen Pilz- und Käsehappen zerspringen.
<Äthermigräne, Kez?> erkundigte sich Faramardutu.
„Au! Ja, Verdammnis!“
Der Nefilim atmete mehrfach tief durch. Er massierte seine Stirn und den kurzen Nasenrücken, bevor er Auskunft gab: „Vor drei Wochen… Wollte kurz in der Akademie vorbeischauen. Hatte dort einen Zusammenstoß mit dem Hofastronomen. Im Äther. Gestern wieder aufgewacht.“ Kethri stöhnte noch ein letztes Mal kläglich, dann riss er sich zusammen und erklärte: „Alles, was man über den Äthersinn der Alalu sagt, stimmt wirklich!“
<Anzu behandelt alle Alalu-Adligen, die nicht zu seiner Familie gehören, wie niedere Adlige, den Niederadel wie Gemeine und die Gemeinen wie Vieh>, steuerte Kulla bei.
Auch Kapitän Faramardutu war insgeheim der Meinung, dass Kethri Qat ab und zu eine Tracht Prügel gut tun würde und sparte nicht mit anderweitigen Disziplinierungsmaßnahmen an dem jungen Offizier, doch Anzus Angriff auf Kethri versetzte ihn in Wut. Denn hier ging es nicht um die charakterlichen Defizite des Studenten, sondern um dessen durch das Lugalbanda verbrieften Status als Edelmann, den Anzu mit Füßen trat.
„Wir sind der neue Hochadel!“ fuhr Faramardutu auf. „Die vierzehn Häuser von ‚Schusar’! Wart´s ab, Kez, eines Tages muss Anzu einsehen, dass er dir mit Respekt zu begegnen hat!“
„Das habe ich ihm auch gesagt, als er mich verbal anging“, verriet Kethri. „Und dass ich ihn zu einem Ehrenduell fordere. Da erst hat er mit dem Äthersinn losgelegt.“
„Du hast den Patriarchen des zweiten Hauses in der Rangfolge zu einem Duell gefordert?!“ entfuhr es Kulla.
„Ja, ich war halt angepisst von seiner Großkotzigkeit!“
„Himmelsgötter… Schulpa muss stolz auf dich gewesen sein.“
Kulla Apis rief nur selten, eigentlich nie, denjenigen der Igigi an, der alles repräsentierte, was einen Nefilimjüngling ausmachte, der seine Grenzen austestete. Wenn überhaupt, so wandte er sich an Schulpas braven Gegenpart Tishu, den Musterknaben unter den Himmelsgöttern. Genau aus diesem Grund fand Faramardutu, dass Enlil nichts weiseres hätte einfallen können, als gerade diese beiden jungen Männer, Kulla und Kez, zum gemeinsamen Wachbleiben auf einem langen Weltraumflug einzuteilen. Am Ende der Reise hätte jeder etwas vom anderen gelernt. Trotz all seines Idealismuses konnte auch der Schusar-Kommandant seine Augen nicht vor der Realität verschließen, daher ergänzte er im Stillen: Kulla hätte viel von Kethri und Kethri ein wenig von Kulla übernommen.
Doch der Sohn des Stierclans musste dem Enthusiasmus seines Kommandanten über die Neuverteilung der Macht in Ajaer Scharutur einen Dämpfer verpassen:
„Du täuschst dich, wenn du glaubst, der wirtschaftliche Vorsprung durch die Beteiligung am Aufbau einer neuen Kolonie würde ausreichen, um die bisherigen hochadligen Häuser zu überrunden. Wir haben jeder für sich sehr viel mehr Macht als der gesamte niedere Adel zusammen. Selbst Tigâra herauszudrängen ist heutzutage fast unmöglich. Qat und die anderen kleinen Häuser haben nicht die geringste Chance, so hoch aufzusteigen.“
<Ach?>
Faramardutus Interesse an Politik näherte sich dem Nullpunkt – von unten, wie manche behaupteten. Kulla hingegen sprach mit Feuereifer weiter:
„Stell dir mal vor, die Söhne des Großen An teilten Alulim unter sich auf! Dann stünden diese vier Häuser jedes einzeln immer noch über Alalu. So geht das die ganzen fünfzehn oberen Ränge über weiter. Da ändert sich rein gar nichts mehr!“
„Ist ja auch egal“, murrte Faramardutu. „Eines Tages werde ich Generalgouverneur von Ki sein. Dann ist es völlig angemessen für mich, vor Anzu zu treten und ihn dafür zu fordern, wie er meinen Navigator einst behandelt hat.“
„Ja“, musste Kulla zugeben. „Das stimmt nun auch wieder.“
„Ich jauchze“, knurrte Kethri.

*

Ohne sich lange mit dem Kauen mit seinen schmerzenden Zähnen aufzuhalten, schlang Kethri seinen Snack hinunter und suchte dann die Freizeitsporthalle der Weltraumstation auf. Er konnte nicht ahnen, dass seine Suche nach Entspannung am heutigen Tag zum Scheitern verurteilt sein würde.
Zuerst sah auch alles sehr vielversprechend aus: Die meisten Anwesenden hatten eine Pause eingelegt, um sich ein Balltreiberspiel zwischen zwei Mannschaften anzusehen, von denen die eine von Xolotl T´ien angeführt wurde.
Das Ziel des Spiels bestand darin, den Ball möglichst lange in der eigenen Mannschaft zu halten, wobei Limits existierten, wie lange und wie oft hintereinander ein Spieler das Leder in seinem Besitz halten durfte. Die Balltreiber bedienten sich dabei breiter Schläger, die Kethri sofort an altmodische Signalkellen aus dem historischen Eisenbahnbetrieb erinnerten. Sie sorgten für die nötige Wucht, den kleinen Ball hin und her zu treiben.
Der Nefilim suchte sich einen Platz unter den Zuschauern, lehnte sich zurück und öffnete seinen Äthersinn für die Gefühle der Spieler. Eine Viertelstunde später wünschte er sich, nie auf diese Idee verfallen zu sein…

Schon Xolotl T´iens Vater war Astronaut gewesen. Nicht nur ein einfacher Weltraummatrose, der zwischen Enun und dem Ring der Leuchtenden pendelte, sondern ein echter Sternfahrer. An Bord der „Schwarzspürer“ war er im Auftrag der Hofakademie maßgeblich an der Erforschung des E-Schara beteiligt gewesen, während Xolotl in einem Kinderheim auf die Rückkehr seines Vaters des Helden hatte warten müssen. Es zahlte sich absolut nicht aus, einen Helden zum Vater zu haben. Zum einen musste Xolotl ständig allen Mitschülern erklären, dass er gar kein richtiges Heimkind sei und zum anderen erwartete jedermann, dass er, der er doch eigentlich Buchhalter werden wollte, in die Fußstapfen seines Vaters träte.
Xolotl war tatsächlich Buchhalter geworden, hatte dann eine Karriere im Profiballsport eingeschlagen, aus der man ihn herausgerissen und dem Schusar-Weltraumprogramm zugeteilt hatte. Körperliche Tauglichkeit sei ja offensichtlich gegeben und mit seinem beruflichen Hintergrund gäbe der Mann sicher einen passablen Zahlmeister ab.
Aber Xolotl wollte weder in den Weltraum, noch auf einen fremden Planeten fliegen. Wäre es nur um ihn gegangen, er hätte sich dem Clan widersetzt, koste es, was es wolle. Doch damit hätte er seinem Vater Schande bereitet, was der junge Mann nun auch wieder nicht wollte. Also trainierte Xolotl gemeinsam mit den anderen Rekruten, wobei er einen nach dem anderen entweder auf die Teilnehmerliste für die Expedition wandern oder die Raumstation zugunsten der besseren Kandidaten verlassen sah. Bisher hatte er es geschafft, sich weder der einen noch der anderen Gruppe zuzuordnen, was wesentlich schwieriger war, als sich schlicht und einfach zu qualifizieren.

Das heutige Ballspiel in der Freizeitsporthalle der Raumstation hatte Xolotls Laune emporschnellen lassen. Der gegnerische Mannschaftskapitän, Imdugud Ubaid, hatte sich als exzellenter Gegner herausgestellt. Was dem Techniker an Erfahrung und Fitness noch fehlte, machte er durch ein beinahe intuitives Gespür für Spieltaktik wieder wett. Xolotl musste sich tatsächlich anstrengen, Imduguds Mannschaft zu schlagen und so konnte er nicht anders, als nach dem Spiel auf den anderen zutreten. Obgleich sich die Rekruten der unterschiedlichen Häuser normalerweise nicht viel und schon gar nichts Gutes zu sagen hatten, erklärte Xolotl: „Gut gemacht!“
Imdugud wehrte ab: <Hör auf!>
<Aber das WAR gut.>
„Für einen Amateur, meinst du. Ja, ich kann gut spielen, aber ich erreiche nicht deine Klasse. Ein Lob aus deinem Mund an mich ist blanker Hohn. Beeindruckt es Herrn Kulla vielleicht, wie schön Amkur Tigâra an der ‚Schusar’ herumschraubt?“
„Die wenigsten Ingenieure stellen sich bei der eigentlichen Arbeit geschickt an…“
„Wozu sollten sie?“ fauchte Imdugud. „Die haben bewiesen, den Grips zu besitzen, um nicht selbst arbeiten zu müssen! Sie erfinden die Dinger, der Pöbel bastelt sie zusammen. Nur haben die Igigi den meisten von uns die Gnade erwiesen, diesen Fakt im Alltag verdrängen zu können.“
Xolotls Antwort kam über ein „Äh…“ nicht hinaus.
„Die Himmelsgötter sehen doch, wem sie was zutrauen und wer lediglich zum Statisten in dieser Welt taugt! Mir haben sie den Erbprinzen nicht zugetraut. Dir im übrigen auch nicht, Ballgott.“
Allgemeines Entsetzen strahlte in den Äther. Imdugud begriff, ein wenig zu laut gesprochen zu haben…
Der einzige anwesende Adlige, der junge Kethri aus dem Katzenclan, runzelte die Stirn. Er war sich nicht sicher, ob er das Gesagte richtig verstanden hatte.
Schen Alulim deutete das Schweigen und den Gesichtsausdruck des Edelmannes als Missbilligung. Er trat zwischen Xolotl und Imdugud.
„Nefilim haben Nefilimseelen und Annunaki Annunakiseelen. Imdugud! Du hast gerade behauptet, es gäbe nur eine Sorte, die schon vor unserer Geburt da sei und frei auswählt, was ihr besser gefällt!“
„Nein, Schen, eben nicht frei oder was ihr gefällt“, widersprach Imdugud. „Oder siehst du hier irgendwo ein Diplom auf meinen Namen an die Wand projiziert?“
Schens Halbbruder Asaluhi sprang für den Weltraumsoldaten in die Bresche: „Er meinte das andere, was du gesagt hast.“ <Dass es keinen Unterschied zwischen den Arten gäbe.> „Und das weißt du selbst!“
Doch Imdugud meinte, überhaupt nichts mehr zu wissen. Er schloss die Augen.

„Mein Name ist Imdugud Ubaid“, dachte der Annunaki, wie schon so oft zuvor. „Meine Vorfahren waren Adlige, vielleicht sogar Fürsten, unseres Clans. Meine Welt beinhaltet Gewinner und Verlierer, solche, an die man sich erinnert, und die Herde. Seit dem Anschluss Ubaids an den Bund der 50 Namen ist von Geburt an festgelegt, wer zu den Verlieren gehört.
Ich bin Funktechniker. Zu mehr hat es nicht gereicht. Schlimm genug, jeden Morgen mit diesem Wissen aufwachen und abends damit einschlafen zu müssen. Aber Doktor Ah Ceh musste unter die Piraten gehen, um seine Studiengebühren zusammenzutragen und sich als eine Art Kriegsheld Tigâras die Empfehlung für die Zulassung als Promotionskandidat zu erarbeiten. Nicht jeder kluge Kopf wäre bereit – und rücksichtslos genug – dafür gewesen. Kulla sicher nicht, wäre er als Gemeiner auf die Welt gekommen. Er wäre auf der Strecke geblieben, all seine Klugheit hätte ihm nichts genützt.“
Imdugud riss die Augen wieder auf. Lag der Fehler etwa nicht im an die Spezies gebundenen Stand, sondern am Ständesystem an sich?
Der Annunaki sah den grünäugigen Sohn des Katzenclans forsch auf sich zuschreiten. Offenbar hatte Kethri Qat ihn die ganze Zeit über im Äther gelesen.
Was nun folgen musste, war eigentlich völlig klar. Erst seine ketzerische Aussage über die Seelen und dann noch der Zweifel an den Grundpfeilern der Gesellschaft? Imdugud war sich sicher, die Raumstation noch in dieser Stunde ohne sein Hauswappen verlassen zu müssen.

„He, Imdugud!“ fuhr Kethri den Gemeinen an. <Ich bin ein Nefilim und von Adel. Ich bin dümmer als du. Es macht mir nicht mal was aus. Ich bin alles, was du verachtest.> „Du spielst jetzt gegen mich! Damit du dich abreagierst und mir nicht weiter die Turnhalle mit deinem Frust volldampfst!“ <Ich wollte meine Kopfschmerzen hier loswerden, nicht neu entfachen, Verdammnis noch mal!!!>
Enjelis Qat betrat das Spielfeld, der letzte von ursprünglich drei Ehrengardisten, von denen nur einem einzigen das Privileg zukommen sollte, seinen Fürsten nach Ki zu begleiten. Für Enjelis war völlig klar, dass er quasi als eine natürliche Erweiterung des Körpers seines Herren mit diesem zusammen antrat.
<Du muss einen Sekundanten bestimmen>, forderte Kethri seinen Gegner stumm auf.
Der dicht neben ihm stehende Enjelis konnte nicht umhin, den nicht ganz präzise auf Imdugud ausgerichteten Gedanken ebenfalls aufzufangen. Er war der einzige in der Turnhalle, der etwas davon mitbekam und er biss fest seine Zähne aufeinander, um nichts zu sagen. Denn Sekundanten wurden nicht bei einem Ballspiel, wohl aber in einem Ehrenduell zwischen Edelleuten benötigt!
<Danke, Enjelis>, kommentierte Kethri. < Erspart dir den Ätherknebel.>
<Ja, mein Fürst, danke, mein Fürst. Aber…>
<Schluck´s runter und konzentrier dich drauf, den da platt zu machen!>
„Tarrotarro“, bat Imdugud zögerlich. „Hast du Lust, mit mir im Zweierteam zu spielen?“
Unter den verringerten Gravitationsbedingungen in der Turnhalle genügte dem anderen Ubaid ein einziger Sprung, um neben seinem Hauskameraden zu erscheinen.
„Ich bin dabei“, erklärte er.
„Ihr anderen haut ab“, rief Kethri in die Runde. „Eigenbedarf des Ajaer Scharutur´schen Adels geht vor. Schen – du sorgst für Ordnung während des Abgangs und in den Umkleiden!“
Widerspruchslos und ohne zu Murren gehorchten die Rekruten.

*

Kethri hielt den Ball über seinen Kopf. Dann ließ er los. Langsam, unendlich langsam, senkte sich die Kugel nach unten, während der Nefilim sich rückwärts von ihr fortbewegte.
Die Kontrahenten starrten weniger auf den Ball als vielmehr aufeinander. Noch immer sank der Ball in Richtung Boden und noch hatte sich niemand gerührt. Enjelis war sich nicht sicher, ob es ihm erlaubt war und Tarrotarro sicherte sich eine günstige Position, in der er auf Imduguds Zuspiel wartete.
Ohne Vorwarnung schoss Imdugud nach vorn, holte dabei aus und schlug zu! Doch noch bevor sein Schläger den Ball berühren konnte, hatte Kethri die Bewegung mit der eigenen Kelle pariert.
Der Ball kam auf dem Boden auf. Noch immer seinen Schläger als Fechtwaffe zweckentfremdend stieß Kethri den Ball mit der Hacke an und beförderte ihn erneut in die Luft, diesmal in Richtung seines Mitspielers.
Imdugud tat einen Satz nach hinten.
<Tarrotarro!>
<Bin schon dran!>
Nachdem Enjelis den ihm von Kethri zugespielten Ball mühelos angenommen hatte, durfte er ihn nicht einfach so zurück passen. In einem Treibball-Zweierteam genügte es nicht, den Ball immer hin und her zu schießen. Wie beim Gassenballspiel mussten die Spieler ihre Umgebung clever miteinbeziehen, um sich das Leder nicht abnehmen zu lassen.
Imdugud war der einzige auf dem Spielfeld, der Auf- und Abprallwinkel in kürzester Zeit korrekt abzuschätzen vermochte. Seinem Gegner Kethri entging zwar nichts, doch oft zog der Nefilimjüngling die richtige Schlussfolgerung Sekundenbruchteile zu spät. Seine körperliche Überlegenheit nützt ihm dadurch weniger, als er möglicherweise gehofft hatte.
Imdugud schien es nicht zufriedenzustellen, einen Gleichstand mit dem Kapitänleutnant zu halten. Es lag durchaus im Rahmen des Möglichen für den Annunaki, als Sieger aus diesem Wettkampf hervorzugehen. Doch selbst das würde ihm nicht genügen…
Ich könnte gewinnen. Am Ende bin ich also doch noch ein Ballkind geworden, dachte Imdugud.

Mitten im Spiel schleuderte Kethri Qat seinen Ballschläger zu Boden.
„Schattenlosenpein, was ist eigentlich los mit dir?!“ brüllte er Imdugud an.
„Nichts, Herr. Was sollte los sein?“
Kethri trat gegen seinen Schläger. Die Kelle schlitterte durch die Turnhalle und wäre in einer breiten Ritze unter den Zuschauerbänken verschwunden, hätte Tarrotarro nicht vorher rechtzeitig zugegriffen. Der Ubaidangehörige tauschte einen verständnislosen Blick mit Enjelis Qat aus, der angesichts der kleinen Szene lediglich die Schultern zucken konnte.
Unterdessen trat Kethri mit verschränkten Armen auf seinen Gegner zu.
„Imdugud, pass auf, ich weiß, was du bist.“ <Nicht, was du denkst, Enjelis.>
Kethri musste unfreiwillig schmunzeln. Sein Ehrengardist konnte die besten Zeugnisse vorweisen, doch wie alle Qat´schen Untertanen hatte Enjelis nur lernen können, was ihm seine Schule auch anbot. Die alte Geschichte vor der Besiedelung Anurs spielte keine Rolle in der Ausbildung eines Gemeinen und die Historie eines fremden Hauses noch weniger. Enjelis würde noch nie in seinem Leben von der Umschichtung im Hause Ubaid gehört haben. Sein junger Fürst hingegen verfügte über möglicherweise tiefergehende Kenntnisse jener Epoche als Imdugud selbst.
„Und deswegen dachte ich“, fuhr Kethri fort, „dich zu dem herauszufordern, was einem Ehrenduell am nächsten kommt, wenn einer der beiden Kämpfer nicht mehr offiziell von Adel sein darf.“
<Wieso das?>
<Meine Art, Danke zu sagen, Ausbilder.> „Ich habe bei dir viel verstanden, was auf der Uni über meinen Kopf hinwegging. Professor Enlil mischt so viel Philosophie in seine Vorlesungen, dass man den Lehrstoff manchmal nur schwer findet, geschweige denn kapiert. Und Kirttikah nimmt sich nicht mehr die Zeit, mir was zu erklären, seit sein Lieblingsschüler mich verdroschen hat.“ <Als sei ich daran schuld gewesen oder so. Idiot.>
Kethri spürte in den Äther. Er begriff: Seine Rede war auf taube Ohren gestoßen.
Der Nefilim warf seine Arme so heftig in die Luft, als wolle er auch die von sich schleudern.
„Ist ja gut, Imdugud, es war eine Farce! Mein kleines Schauspiel bringt dir dein dämliches Adelswappen nicht wieder. Was würde dich glücklich machen? Du bist Ausbilder hier, willst du Kulla und mich vielleicht ´n bisschen schikanieren? Ist es das, was du brauchst? Das kannst du aber gleich wieder vergessen!“
Imdugud schüttelte den Kopf.
„Es geht nicht um Eure Herausforderung, Kethri. Was Ihr damit erreichen wolltet, habe ich schon verstanden. Ich fühle mich auch geschmeichelt, aber Ihr müsst nun wirklich nicht soweit gehen, mich auch noch anzulügen. Ihr seid Student an der Hofakademie, sehr bald werdet Ihr Eure Bachelor-Zeugnis in der Hand halten. Alles, was ich jemals in einer Universität zu tun hatte, war, den richtigen Gelehrten die Zuarbeiten auf den Tisch zu legen. Messwerte anfertigen, die nur sie verstanden, die Rosenquarzabschirmung ihrer Rechner zu läutern und Kabel zusammenstecken. Es ist völlig an den Haaren herbeigezogen, dass ich Euch etwas beibringen könnte!“
Kethri wünschte sich ebenfalls ein paar dieser Kabelverbindungen, um die Rechenleistung seines eigenen Hirns zu erhöhen. Drahtlos erhielt er einfach keinen Zugang zu dem Annunakigeist. Imdugud hielt sich also für dumm, weil er einen komplexen Sachverhalt einfach erklären konnte? Oder nicht? Übersah er etwas, das dem Annunaki völlig logisch erschien? Und wenn ja, wer war dann der Idiot? Er, Kez Qat, oder vielleicht doch eher der Ubaidangehörige?
„Enjelis, Tarrotarro – ebenfalls raus! Imdugud – können wir das mal bitte ganz von vorn aufrollen?“

Kethri wartete, bis die beiden Gemeinen sich entfernt hatten. Dabei spielte er nachdenklich mit dem an seinem Trainingsanzug befestigten Stationswappen. Dieses kleine Ding fungierte ja auch als Geldkarte.
„Adlige haben nicht viele Pflichten, aber eine davon bezieht sich darauf, für ihre Untertanen zu sorgen“, meinte Kethri. „Du hast vorhin durchblicken lassen, dir ein Diplom zu wünschen. Soweit ich weiß, macht der Eidechsenclan das Studium eines Gemeinen nur von einem Eignungstest und der regelmäßigen Zahlung der Studiengebühren abhängig. Komm, sag, was verlangt dein Clan? Wie viel Geld brauchst du?“
„Keine einzige braune Kên-Münze“, flüsterte Imdugud. „Nicht noch mal. Ich habe das oft genug versucht und dabei nur das hart verdiente Geld anderer Leute verschwendet.“
<Oh.>
Kethri zog den Annunaki mit sich zurück zu den Zuschauerbänken. Er wartete, bis der andere sich gesetzt hatte, blieb aber selbst stehen. Und dann wartete er noch etwas länger. Dem Nefilim genügten ein paar Anstöße über den Äther, bis Imdugud zu erzählen begann. Er hörte sich die Geschichte des Annunaki an. Als dieser am Ende seiner Erzählung angelangt war, nickte Kethri so weise, wie er glaubte, dass außer ihm nur der Erbprinz dazu in der Lage sei.
„Du hast dir nichts vorzuwerfen, Imdugud. Zuersteinmal bist du mit bestimmten genetischen Voraussetzungen auf die Welt gekommen. Die setzen schon mal die Obergrenze dafür, wie schlau du werden konntest. Dann hing es davon ab, was deine Mutter mit dir angestellt hat als du noch ein Kleinkind warst. Wir wurden zuhause aufs Lesen gedrillt, aber falls du nur in deiner Wiege rumgelegen haben solltest, ohne dass sich jemand mit dir beschäftigt hat, dann ist es doch klar, dass sich da nichts entwickeln konnte.“
„Ich hatte viel Spielzeug“, murmelte Imdugud. „Und mein Vater vier Frauen, die alle meine Mütter waren.“
Kethri nickte. „Alles klar, dann liegt´s am Gehirn“, stellte er in einem Tonfall fest, der einerseits keinen Zweifel an seiner Sachkenntnis ließ und andererseits von einer Färbung des Äthers unterlegt wurde, die verriet, dass sich der Jüngling verzweifelt fragte, was er hier eigentlich tat und wo denn nun das Problem dieses fremden Annunaki lag. Der Qatadlige wagte einen letzten Vorstoß indem er erklärte: „Als es für dich soweit war, selbst zu entscheiden, ob du deine Hausaufgaben machen willst oder nicht, da war es bereits zu spät. Da war in deinem Kopf alles schon gelaufen.“
Imdugud schien diese Erkenntnis nicht zufriedenzustellen. Er hob seine Hände, ballte sie zu Fäusten und machte seinem Ärger lautstark Luft: „Na und? Trage ich ein Schild an meiner Uniform, auf dem steht ‚Imdugud Ubaid kann nichts dafür, dass er so blöd ist!’?“
„Nein!“ schrie Kethri zurück. „Aber vielleicht sollte ich mir eins zulegen, auf dem steht ‚Ich kann nichts dafür, dass ich von Adel bin!’!“
<Seid Ihr davon angepisst?>
<Ja, manchmal schon. Wenn mir ein Mädchen gefällt, das vom falschen Stand ist.>
„Aber Ihr könntet Euer Wappen ablegen und als Hausloser leben“, entgegnete Imdugud leise. „Natürlich wird das niemand tun und es sollte auch keiner, aber theoretisch wäre es möglich. Ich hingegen kann mich nicht klüger machen. Ich kann meinen Geist trainieren, um ein kluger Techniker zu bleiben, doch ich werde nie auf Akademikerniveau gelangen.“
<Ich doch auch nicht>, erwiderte Kethri.
Als Imduguds Verwunderung ihn traf und der Anteil Neugierde in dessen Annunakigeist rapide anstieg, zuckte Kethri Qat zusammen.
„Es ist nie was gesagt worden!“ zischte er. „Der Äther ist unzuverlässig! Das ist nur mein Lampenfieber vor der letzten Prüfung, was du da abbekommst, verstanden?!“
Imdugud nickte. Gleichzeitig verstand er, dass der junge Navigator sich um seinen Abschluss nicht die geringste Sorge machen musste. Genaugenommen würde es genügen, zum festgesetzten Termin zu erscheinen und seinen Namen auf den Prüfungsbogen zu schreiben. Der Nefilimstudent würde schon das komplette Rechnernetzwerk der Hofakademie und vielleicht auch noch die Schusar-Station zum Absturz bringen müssen, um sein Zertifikat ernsthaft zu gefährden.
Imdugud sah den Ablauf dieser „Prüfung“ vor seinem inneren Auge: Kethri Qat würde alle Fragen, die mit seiner Aufgabe an Bord der „Schusar“ zu tun hatten, vollständig und fehlerfrei beantworten, dann auf die Uhr sehen, überschlagen, wie viel Zeit ihm bis zu seiner Verabredung mit ein bis vier Mädchen sowie eventuell auch ihren Brüdern verbliebe, und dann solange er Lust hatte irgendetwas zu den restlichen Fragen niederpinseln. Kamen dabei Punkte heraus, umso besser, waren die Antworten falsch, würde sein Gönner Enlil ein paar Punkte aus seinem unendlichen Vorrat als Rektor der Hofakademie beisteuern.
Imdugud wusste nicht, ob er Wut oder Enttäuschung fühlen sollte. Das Gemisch aus beidem, das die folgenden Stunden über aus seinem Geist in den Äther drang, ließ alle anderen Bewohner der Raumstation einen großen Bogen um den Mann machen.

*

Kethri suchte seinen besten Freund Kulla in dessen Suite auf. Auf den ersten Blick erkannte der Ingenieur, dass die Begegnung mit Imdugud den Jüngeren ähnlich mitgenommen hatte wie der Ätherangriff durch Anzu. Da half es auch nicht, es mit saloppen Bemerkungen wie „Wenn der mit nach Ki käme, bliebe ich aber hier!“ zu überspielen.
„Was hast du rausgefunden?“ forschte Kulla.
Kethri lieferte einen vollständigen Bericht ab.
„Ich verstehe ihn nicht“, schloss der Jugendliche. „Weiß nicht, was da eigentlich in ihm vorgeht. Weißt du, Kulla, ich will eigentlich nur mein Leben genießen. Freundinnen haben, sicher eines Tages auch mal heiraten und wenn ich dann altersdebil werde, wünsche ich mir bestimmt noch Kinder dazu. Mir geht es immer nur darum, etwas zu besitzen, nicht, etwas sein zu wollen, was ich gar nicht bin.“
<Und was sagt dir der Äthersinn?>
„Dass Imduguds Lebenstraum geplatzt ist. Aber das hilft mir nicht weiter. Er würde sich ebenso anfühlen, wenn er seine große Liebe verloren hätte, sein Haus abgebrannt oder sein Kind gestorben wäre. Lebensträume nehmen viele Formen an…“
„…und wenn einer kaputt geht, ist er nicht durch einen anderen zu ersetzen.“
„Also was machen wir?“
Nicht um eine Antwort verlegen erwiderte Kulla wie aus der Pistole geschossen:
„Wir nehmen Imdugud mit nach Ki! Lassen ihn seine Arbeit machen. Der Erbprinz hat jedem von uns pachtfreies Land in der Neuen Welt versprochen. Wenn Imduguds Vertrag ausgelaufen ist, kann er sich dorthin zurückziehen. Sein Hof wird ihn ernähren. Sobald er sich nicht mehr für seine niedrigqualifizierte Arbeit schämen muss, findet er vielleicht ganz von selbst aus dem Jammertal heraus.“
„Kulla, du spinnst! Der Mann ist hochgradig depressiv, es ist bloß klug genug, das nicht in jedem Gespräch durchblicken zu lassen! Auf einem Raumschiff wäre er eine wandelnde Zeitbombe! Und selbst, wenn er durch sein eigenes Land nicht mehr gezwungen wäre, als Techniker zu arbeiten, ist es doch das, was Imdugud ist. Und das wird ihn weiter fertig machen.“
„Was er ist? Wie meinst du das? Imdugud ist ein Gemeiner des Hauses Ubaid…“
„Nein, eben nicht. Jedenfalls nicht nur. Annunaki sind manchmal komisch. Manche definieren sich über ihren Beruf, ihre Tätigkeit. Deswegen gibt es heute noch all diese Namen, die aus verselbständigten Berufsnamen entstanden. Nimm nur mal beispielsweise Sukkalu…“
Kulla lehnte sich zurück. Eine gute Viertelstunde lang ließ er die Rede seines Freundes über sich ergehen. Schließlich meint er: „Wenn Professor Enlil dich bestehen lassen will, muss er nur eine Frage zur Wissenschaftsgeschichte einbauen. Bist du deswegen so mies in Physik, weil in deinem Kopf die gesamte Historie unserer Zivilisation gespeichert ist? Warum hast du nicht lieber Geschichte studiert?“
Kethri zuckte die Achseln.
„Eine Geisteswissenschaft war für meine Eltern nicht akzeptabel. Vater versucht, alle Regierungsposten in der eigenen Familie zusammenzuziehen und ich werde Qats nächster Kriegsminister.“
Kulla war zwar insgeheim der Meinung, dass gerade einem solchen eine ins Detail gehende Kenntnis der Militärgeschichte überaus nützlich sein mochte, doch er hütete sich, das auszusprechen. Kethri konnte bisweilen ein Spötter sein, vor dem selbst Matrosenvögel kapitulieren mussten. Der Sohn des Hauses Apis wollte sich nicht mit seiner unqualifizierten Meinung als Zivilist vor dem niederadligen Kapitänleutnant blamieren.
Dennoch konnte Kulla nicht umhin, sich zu fragen, wie sich Kethris Wesen erst verändern würde, wenn er ein, zweimal Truppenteile in den Tod hatte schicken müssen, um an einer anderen Position einen taktischen Vorteil zu erlangen? Mit Sicherheit hatte der Jüngling seine Ränge nicht in einem Krieg vedient. Die Häuser Qat und Vayu produzierten ihr Kriegsgerät vornehmlich für den Export. Kethri würde eine Kampfpilotenausbildung durchlaufen haben, ein paar Piraten das Handwerk gelegt und anschließend mit seiner geringen Erfahrung die noch unerfahreneren Rekruten seines Hauses unterrichtet haben, wie er ja oft genug erwähnte.
„Also bleibst du gar nicht auf Ki?“ fragte Kulla, um sich auf andere Gedanken zu bringen.
„Nur die erste Zeit. Bis ich eben gebraucht werde.“ <Ich könnte es mir auch gar nicht anders vorstellen. Ohne meine Familie zu leben…>
<Meine ist mir immer irgendwie fremd geblieben.>

*

Kethri Qats Tage waren damit angefüllt zu lernen. Sein bereits vorhandenes Wissen auf die „Schusar“ und das Ki-Sternsystem zu übertragen, nahm dabei den geringsten Prozentsatz seiner Zeit in Anspruch. Hauptsächlich lernte der Jugendliche andere Dinge, die ihn nach und nach zu einem jungen Erwachsenen heranreifen ließen. Dieser Lernprozess ging vom Lernenden selbst unbemerkt vonstatten.
Schließlich kam der Tag, an dem es für den Navigatoranwärter soweit war, sein akademisches Wissen unter Beweis zu stellen. Vieles hatte sich seit seiner Ankunft auf der Station verändert. Die Alalu waren auf Anweisung des Großen An verschwunden, Haus Fara hatte sich mit den anderen überworfen und stand in den Startlöchern, ebenfalls die Koffer zu packen. Der normalerweise besonnene Enlil reagierte auffahrend und abweisend auf Doktor Faramardutus Klagen, weil er sich zusätzlich zu Schusar und seinem religionsphilosophischem Mammutwerk ein weiteres zeitaufwendiges Projekt aufgehalst hatte, über das allerdings niemand genauer Auskunft geben konnte.
Enlil befand sich auf der Raumstation, als Kethris Prüfungstermin anstand und nahm diesen zum willkommenen Anlass, vor den Problemen an Bord zu fliehen.
Auch Imdugud demonstrierte eine ganz ähnliche Fluchtreaktion. Obwohl niemand von ihm verlangte, sich auch nur ansatzweise in der Nähe der beiden Adligen aufzuhalten, hatte er sich von Faramardutu krankschreiben lassen, damit keiner auf die Idee verfiele, ihn das Shutle zur Hofakademie auf Anur steuern zu lassen.
Über Imduguds Probleme sprach Kethri Qat zu Anus Zweitgeborenem, als die beiden die Station verließen.
Enlil hörte seinem Schüler geduldig zu.
„Imdugud ist alles andere als dumm“, erklärte er dann. „Er ist nur nie darüber hinweggekommen, diese Aufnahmeprüfung nicht bestanden zu haben, als er noch ein Junge war. Die Erinnerung daran blockiert seinen Geist, sobald er erneut in eine ähnliche Situation gerät. Das bedeutet, Imdugud wird tatsächlich dümmer, sobald er zu studieren beginnt.“
„Aber er liest in seiner Freizeit kompliziertere Bücher als ich für mein Studium musste. Kann man… jemand… du als Projektleiter beispielsweise… ihm nicht die Doktorenwürde verleihen? Dann wäre Imdugud ein Gleichgestellter! In seiner Jugend gab es dieses Gesetz noch nicht, aber heute hätte er doppelt Glück, weil das gleich beide seiner Probleme lösen würde!“
Enlil hob die Hand, um Kethris Enthusiasmus zu bremsen.
„Nein, Kez, das würde gar nichts lösen. Hast du mir nicht gerade eben erzählt, wie er in der Turnhalle auf deinen Dank reagiert hat? Der Mann würde seine Ehrung nicht ernst nehmen und sich verarscht vorkommen. Er würde glauben, wir wollten uns über ihn lustig machen.“
<“Verarscht“?>
Enlil kicherte. „Du bist eben ansteckend, Junge. Weißt du eigentlich, dass mein Bruder sich wieder jung fühlt, wenn er mit euch Schusar-Rekruten zusammen ist?“
„Naja, mir wäre schon damit geholfen, wenn er unsere allererste Begegnung vergessen hätte…“
<Die da wäre?>
Enlil spürte in den Äther. Las den Jungen. Und dann lachte er herzlich!

Enlil erlebte eine außerordentliche Buchprüfung im Hause Qat durch Kethris Augen. Wie eigentlich jeder Clan in regelmäßigen Abständen hatten auch die Katzen versucht, das Kartellgesetz zu umgehen, das es Individuen verbot, sich zu hausähnlichen Strukturen zusammenzuschließen. In Enlils Kindheit hatte war sogar einmal ein Schuljunge der Lehranstalt verwiesen worden, weil er als Gemeiner in einem Computerspiel eine Gilde gründen hatte gründen wollen. Damals war dieses drastische Exempel notwendig gewesen, um den Finanzmarkt zu stabilisieren.
Im Falle des Katzenclans hatten wohl mehrere Fürsten mit den Adligen eines Hauses, mit dem sie eigentlich im Krieg lagen, weiterhin wirtschaftlich kooperiert, ein lässliches Vergehen eigentlich. Kethris Bruder Madi Enqatl hatte nicht einmal davon gewusst und dementsprechend seinen Duellstab gegen die Abordnung des Hofes gezogen, als diese nach Beweisen suchte.
Kethri hingegen, ein auf wackligen Füßen tappendes Kleinkind, starrte großäugig auf die fremden Hauswappen, die ersten eines anderen Clans, die er in seinem Leben sah. Die im Äther stehenden Anschuldigungen und Beleidigungen allerdings liesen auch das Kind nicht unbeeindruckt. Beherzt griff es nach der Hand von Madis Duellgegner, Enlils Bruder Enki. Doch nichts lag Kethri ferner, als bei seinem Erbprinzen Schutz zu suchen, ja, er erkannte diesen nicht einmal als seinen zukünftigen Herrn. Stattdessen krähte das Kind voller Überzeugung: „Die Allimu sind ja alle böse, mit denen willst du besser nichts zu tun haben! Komm ganz schnell mit, ich beschütze dich!“

„Es tut mir ja auch leid…“
<Nein! Nein, das muss es nicht! Das darf es auf gar keinen Fall!> „Kez Qat, hör mir jetzt genau zu! Was du mir gerade unfreiwillig im Äther gezeigt hast, ist deine größte Gabe. Diese Eigenschaft macht dich angreifbarer als die meisten deiner Standesgenossen, aber du darfst sie unter keinen Umständen ablegen oder vernachlässigen. Denn erst sie macht dich zu einem Adligen, der dieses Titels würdig ist.“
Kethri schluckte hart. Was er fragen musste, mochte als Respektlosigkeit gegenüber dem Adelsrecht ausgelegt werden. Dennoch konnte er nicht anders.
„Besitzt Imdugud Ubaid diese Fähigkeit ebenfalls, Professor?“
„Ja.“
„Dann möchte ich ihn als unseren Chefingenieur mit nach Ki nehmen. Dazu braucht er keinen Titel und er würde unseren gesamten Ruhm miternten!“
Enlil Alulim schüttelte den Kopf.
„Das wird schwer werden. Er müsste Kulla ausstechen…“
<Sooo schwer sollte das nicht sein. Kulla ist mein Freund, aber ich glaube, Imdugud ist deutlich erfahrener als er.>
„Deswegen dürfen wir es auf keinen direkten Wettbewerb zwischen den beiden ankommen lassen. Wenn Kulla wegfällt, hat der Stierclan nur noch ein einziges Mannschaftsmitglied auf der ‚Schusar’, das noch dazu eine Frau gemeiner Geburt ist. Genaugenommen müsste schon ein Wunder geschehen…“
„Aber wir sind die Abkömmlinge der Himmelsgötter!“ rief Kethri. „Mein Bruder Madi Enqatl glaubt fest daran! Du tust es ebenfalls! Und ich finde, dass nichts Schlimmes dabei ist, unsere Wunder selbst zu machen, falls doch nichts an der Igigi-Geschichte dran sein sollte!“
Die Fähre setzte auf dem Boden auf. Enlil war längst dort angelangt, Kethri würde es vielleicht nie.
Enlil Alulim verließ das Shutle ohne sich noch einmal zu der Angelegenheit zu äußern. Er verschwand im Akademiekomplex mit seinem labyrinthartigen Gewirr aus Gebäuden und Gängen.
„Enlil, warte!“ rief Kethri, doch der Hochadlige drehte noch nicht einmal mehr den Kopf nach ihm.
„Eeeeeeen – liiiiiiiiiiil!“

Die Drohung, bei weiterem Geschrei Prüfungspunkte abgezogen zu bekommen, kam deutlich in Kethris Kopf an. Der Student sah sich um und erblickte einen Höfling des Herrscherhauses.
„Du hast dich lange nicht mehr an der Universität blicken lassen“, rügte der Mann ihn. „Der Prüfungszeitraum ist dazu da, Lücken zu schließen und Projekte zu beginnen, die du später eigenständig weiterverfolgst!“
Kethri spielte mit seinem Einheitshauswappen von der Weltraumstation.
„Ich habe nicht gefaulenzt“, verwehrte er sich gegen Vorwurf. „Ich gehöre zum Schusar-Programm.“
<Du?>! “Dann sind die Gerüchte also wahr? Dass dieses Projekt von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und auf der Station mitnichten die Elite Ajaer Scharuturs, sondern die Entbehrlichen trainieren?“ <Jammerschade! Ich hatte mir soviel davon versprochen.>
Kethri Qat hatte sich nicht ohne Grund während seiner Militärzeit für die Kampfpilotenlaufbahn entschieden. Auch er ließ sich wie der Höfling von jeder Neuerung in der Weltraumfahrt und jeder astronomischen Entdeckung begeistert mitreißen. Doch zum ersten Mal in seinem Leben meinte er: „Es gibt Wichtigeres.“
„Ach so, ja, dein Abschluss“, erwiderte der Höfling. „Euch werden elf Aufgaben gestellt. Jede vollständig und fehlerfrei beantwortete Frage bringt einen Punkt ein.“
„Woher kommt der zwölfte?“
„Von deinem Benehmen, dem stilsicheren Auftreten, der Kleidung… all diesen Kleinigkeiten.“
<Schusar ist trotz aller Unkereien noch immer ein prestigeträchtiges Projekt… Sollte den einen Punkt wert sein.>
Der Höfling gab keine Antwort, doch er widersprach auch nicht, weder in Worten, noch durch Gesten, Mimik oder dem Äther.
Kethri beeilte sich, zu seinen Kommilitonen aufzuschließen, die bereits auf dem Vorplatz des Instituts warteten. Er dachte dabei an Imdugud, an die hübschen Wissenschaftlerinnen auf der Station, an seine Familie und ein klein wenig an Astrophysik.

*

Die restlichen Prüflinge befanden sich in heller Aufregung. Da es sich bei den jungen Leuten bis auf wenige Ausnahmen um Nefilim des Hauses Alulim handelte, vermochten sie, ihre Gefühle hinter geistigen Schilden zu verbergen. Manchen gelang das besser als anderen und wieder andere versuchten es gar nicht erst, selbst, wenn sie es vermocht hätten.
„Was ist, Leute?“ fragte Kethri in die Runde. „Termin vorverlegt, keiner hat was erfahren und deshalb haben sie uns alle bestehen lassen?“
„Nein, es geht um die Vortests. Sämtliche Anmeldebögen sind zurückgekommen. Hier ist übrigens deiner.“
Böses ahnend nahm Kethri eine versiegelte Schriftrolle aus der Hand seines Kommilitonen entgegen. Er stellte fest, dass sich noch niemand daran gemacht hatte, die Schriftstücke zu öffnen.
<Naja… Könnte doch auch was Gutes bedeuten, oder nicht?>
„Prüfung und gut passt nicht zusammen in denselben Satz, wenn er aus deinem Mund – oder Hirn – kommt, Fremder“, mischte sich ein weiterer später Ankömmling ein.
Kethri fuhr herum. Hinter ihm stand der etwas rundliche Klassenbeste, ein Sohn des Clans der Lenker des Sonnenwagens. Beziehungsweise der Sohn eines Verbannten – die korrekte Titulierung hing davon ab, ob man gewillt war, eine blutige Nase zu riskieren oder nicht.
Der hinzugekommene Alulimadlige trat auf die einzige Frau unter den Studierenden zu.
„Ich würde mich gern verneigen, aber aufgrund unseres Rangunterschiedes müsste ich den Kopf zu weit in den Nacken recken, Tichupak.“
Die Studentin führte einen Hofknicks vor dem Hochadligen aus. An ihrer Seite verbeugte sich auch Kethri Qat ohne dass eine Aufforderung nötig gewesen wäre.
<Oh. Du hast doch nicht etwa Benehmen gelernt auf deiner Weltraumstation?>
<Nö. Auf diese Weise ist mein Mund einfach dem Boden näher, wenn ich mich wegen deinem Getue übergeben muss.>
Der andere Jüngling überging diese Bemerkung. Beleidigungen im Äther hatte ein junger Adliger in derselben Weise zu kontern zu lernen. Nur in den extremsten Fällen durften sie als Grund für ein Ehrenduell herangezogen werden.
„Also dann“ sprach der der Alulimadlige, „willkommen zu unserer letzten Runde hier, Tichupak – ich habe mir deinen Vornamen nie gemerkt. Und Kethri.“ Der Student verzog sein Gesicht. „Deinen würde ich gern vergessen.“
Kethri Qat lächelte. Die Übergänge zum Zähneblecken waren fließend…
„Komisch“, erwiderte er. „Dasselbe hat Isis kürzlich über dich gesagt, Sethos.“
Mit ernstem Gesicht überreichte einer der Studenten nun auch Sethos Alulim seinen zurückgekommenen Anmeldebogen.
„Seth, Kez, einer von euch beiden muss die Dinger aufrollen und reingucken.“
<Weil wir als einzige den Schneid dazu haben?> mutmaßte Sethos.
<Nö. Weil sie uns dann als Überbringer der schlechten Nachrichten teeren und federn können>, konterte Kethri.
Die beiden standen sich gegenüber. Erhoben gleichzeitig ihre Briefe, als handle es sich um Schwerter. Schwangen ihre „Waffen“ in Angriffsmanövern. Und lachten dabei.
Wären die Standesunterschiede nicht gewesen, hätten der Junge aus dem Katzenclan und sein Altersgefährte aus dem Herrscherhaus Freunde werden können. Immerhin hatte Isis Alulim am Ende allen beiden den Laufpass gegeben…
„Jungs!“ murrte die Tochter des Hauses Tichupak. <Immer müssen sie spielen!>
Die junge Frau brach das Siegel und entrollte ihr Exemplar des abgelehnten Anmeldebogens. In das Dokument war ein Notizblatt eingerollt, das die Nefilimdame als erstes studierte.
Sekunden später stieß sie einen kleinen Freudenschrei aus:
„Professor Enlil rechnet jedem von uns einen Vortest als bestanden an, weil wir an seinem neusten Werk mitgearbeitet haben!“
„Du meinst, er hat an uns getestet, ob ein Abschnitt seiner Religionsphysik nicht etwa doch für Sterbliche verständlich ist, um ihn dann sofort zu ändern?“ neckte einer der Alulimstudenten seine Mitschülerin.
„So könnte man es auch ausdrücken.“
Kethri entrollte nun seinerseits seinen Brief. Er hatte dieselbe Nachricht erhalten und stellte fest, dass er darüberhinaus mit einem weiteren Bonus bedacht worden war. Seine Mitarbeit im Schusarprogramm war es den Prüfern wert gewesen, ihm einen weiteren Vortest zu erlassen.
Das Formular las sich nun so:

Anmeldebogen
Kandiat für den Abschluss Bachelor in Astrophysik

Name: Kethri  Alulim Qat

Aufgrund deiner über das erwartete Maß hinausgehende Leistungen während deines Studiums…

O Artikel „Gravitationsverhältnisse im Ring der Leuchtenden und ihre Auswirkungen auf die Sicherheit der Handelsrouten unter Berücksichtigung der Ausstattung moderner Piratenschiffe“ im Handelsblatt
O NEU: Mitarbeit an der Veröffentlichung „Religionsphysik“ von Prof. Enlil Alulim
O NEU: Mitarbeit im Schusar-Weltraum-Programm

…werden dir insgesamt 3 der vorgeschriebenen Vortests zur Abschlussprüfung erlassen.

Tag des Endes: Lehrprobe Astronomie (Stufe 2 oder 3)
Tag des Anfangs: Lehrprobe Physik (Stufe 2 oder 3)
Tag des Stieres: Praxisaufgabe Informatik
Tag der Ziegelsteine: Mathematikklausur (Algebra)
Tag der Hand: Praxisaufgabe Mechanik
Tag des Feuers: Praxisaufgabe Elektrophysik
Tag des Gipfels: Praktische Übung zur Planetenbeobachtung
Tag der Dämme: Letzer Termin zur Zahlung der Bearbeitungsgebühr (3000 Nê)
Tag der Gründung: Experiment/Auswertung Klassische Physik
Tag der Wolken: Besuch des Gastvortrages „Wechselwirkungen zwischen Äthersinn und elektro-magnetischen Feldern“ (Chal Perun)
Tag des Regens: Mathematikklausur (Geometrie)
Tag der Vermessung: frei
Tag des Endes: Lehrprobe Alulim´sche Hausbürgerkunde (Stufe 1, 2 oder 3)
Tag des Stieres: Schriftl. Abschlussprüfung (nicht streichbar)

Auf dem Notizzettel stand einfach nur zu lesen:
„Verwaltung hat geschlafen. 2 weitere anrechenbare Vorleistungen wurden ergänzt. Bitte noch 2 wegfallende Vortests durchstreichen.“

„Klasse!“ entfuhr es Kethri. Sämtliche sogenannten Tests stellten in Wirklichkeit nichts anderes dar als allerletzte Rettungsanker für Studenten, die größere Lücken im Lernstoff aufwiesen. Wer sich monatelang aufgrund anderer Projekte nicht mit einem Thema beschäftig hatte, kam durch die entsprechende Klausur oder Übung wieder in in den Stoff hinein.
Geometrie beherrschte der angehende Navigator wie es sich gehörte und wenn er einfach auch noch das darüber Stehende strich, verschaffte er sich damit vier zusammenhängende freie Tage.
„Tja“, grinste Sethos Alulim. „Mit meinen bisherigen elf Scheinen fällt jetzt auch noch die Bearbeitungsgebühr weg. Ich gedenke, diese Woche in meinem Anwesen am Strand zu verbringen. Da ihr ja nun alle mindestens einen freien Tag habt, kann ich euch ebenfalls dorthin einladen. Ihr könnt kommen und gehen, wie es euch gefällt!“
<Das hattest du ohnehin vor>, erwiderte Skanda, Sethos´ bester Freund.
„Ja, schon. Aber was hältst du davon, auch die Hausfremden mitzunehmen? Kez, Tichupak-nin, betrachtet euch als eingeladen! Es stört euch doch nicht, ein bißchen Hausarbeit für uns zu übernehmen?“
Die Tichupakangehörige strahlte ihre Zustimmung sofort in den Äther. Als sie Kethris Zögern spürte, zog sie ihn beiseite.
„Kez, reiß dich doch mal zusammen! Natürlich werden die ihre Scherzchen mit uns treiben, aber hinterher gehören wir dazu! Das ist es, worauf ich den ganzen Zyklus gewartet habe! Dein und mein Haus müssen jede Chance ergreifen, die uns die Alulim bieten. Gerade du als Fürst müsstest dich vor deinen Eltern schämen, sie auszuschlagen!“
„Tut mir leid“, erwiderte Kethri. „Ich habe keinen Zyklus.“
<Du mieser Hund! Wie kannst du…?!>
„Und als Kapitän der ‚Schusar’ habe ich Besseres zu tun, als diesen arroganten Schnöseln bei Tisch aufzuwarten.“
Die letzten Worte sprach der Nefilimfürst laut genug für alle Umstehenden.
„Moment mal!“
„Kapitän?!“
„Wie denn jetzt?“
Kethri fand sich von seinen Kommilitonen umringt.
„Ganz einfach“, erklärte er. „Der Wurmclan zieht sich aus dem Projekt zurück. Damit verlieren wir unseren Kommandanten. Der erste Offizier ist nicht interessiert an dem Posten, damit rücke ich nach. Navigation und Schiffsführung gehören ja traditionell ohnehin zusammen.“
„Aber wird nicht der Schusar-Kommandant auch Generalgouverneur der neuen Kolonie?“ warf jemand ein. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Anu einen niederen Adligen für diesen Posten auswählt!“
„Ich ja auch nicht“, entgegnete Kethri scheinbar bescheiden. „Aber wer wäre ich, den Willen des Großen An infrage zu stellen?“
„Das grenzte jetzt haarscharf an Majestätsbeleidigung, Fremder!“ zischte Sethos.
„Ja, ich hörte, deine Familie kennt sich mit so etwas aus.“
Skanda legte dem Klassenbesten die Hand auf die Schulter.
<Wenn er wirklich der Schusarkommandant ist, sollten wir vielleicht auf Schikanen verzichten…>
<Aber das ist er nicht. Ich glaube es nicht! Und mit etwas Glück schießt mein Vater ihn aus dem Weltraum, bevor er das E-Schara durchqueren kann. Dann hätte er endlich mal ein gutes Werk getan.>

*

Kethri blieb als letzter auf dem Platz zurück, nachdem sich alle anderen zerstreuten. Er war sich darüber im Klaren, Ärger mit seinen Eltern heraufbeschworen zu haben, indem er die Alulimjugendlichen gleich mehrfach vor den Kopf gestoßen hatte, anstatt sich ihnen als treuer Vasall anzubieten. Noch größere Vorhaltungen als von Fel und Miakez erwartete er allerdings von ihrem Erben Silves, dem ältesten der Qat-Brüder.
Vor nicht allzu langer Zeit hätte Kethri das, was andere als seinen Stolz bezeichneten, er selbst allerdings noch unter dem Begriff Würde einsortierte, heruntergeschluckt und sich bei seinen hochadligen Kommilitonen während des Strandurlaubs lieb Kind gemacht. Doch etwas hatte sich verändert oder zumindest begonnen, sich in dem Jugendlichen zu verändern. Viele Faktoren hatten dazu beigetragen und den letztendlichen Anlass vermochte der Schusar-Navigator nicht zu benennen.
Sein Anmelde- oder viel eher Abmeldeformular in der Hand schlenderte Kethri in Richtung des Studentensekratariates. Obwohl Fürst seines Hauses besaß der Nefilim weder Diener noch Leibwächter im Akademieviertel. Seine Besorgungen hier pflegte er selbst zu erledigen.
Nachdem der Student sein Formular abgegeben hatte, studierte er noch einmal an einem Informationsterminal die Adresse der Schule, an der er am morgigen und übermorgigen Tag Alulimschüler unterrichten sollte. Sie schien sich nicht in der Stadt, sondern im Umland zu befinden.
Kethri meinte, Professor Enlils Ätherpräsenz zu spüren und hob den Kopf. Nur Sekunden später senkte er ihn wieder, weil das nun einmal zu einer Verbeugung dazugehörte, vor allem, wenn man dem Erbprinzen Ajaer Scharuturs gegenüberstand.
Enki Alulim sandte dem Jüngling wohlwollende Gefühle.
„Kethri Qat, nicht wahr? Kapitänleutnant und zweiter Offizier der ‚Schusar’. Komm, setz´ mich als erster über die Katastrophen in Kenntnis, die schon wieder auf mein Projekt einstürmen!“
„Es wird mir eine Ehre sein – und eine Freude, berichten zu können, dass sich zumindest keine neuen Probleme ergeben haben.“
<Aber die Lösung der alten stagniert? Das befürchtete ich.>
Kethri nickte. Er dachte an ein anderes Problem, das die Projektverantwortlichen noch nicht einmal als solches wahrnahmen, weil es nur den Annunaki Imdugud betraf. Wenn sich der Professor weigerte, sich des Mannes anzunehmen, würde es sein älterer Bruder ebenfalls so halten? Was schadete es, das einfach einmal auszuprobieren?
Kethri Qat informierte seinen Erbprinzen über alles, was sich auf der Station bis zu seiner Abreise ereignet hatte. Er hofierte den Mann. Erduldete dessen Ätherpräsenz, die zu zügeln Enki Alulim nicht in den Sinn kam. Er verhielt sich so, wie es eigentlich Sethos von ihm erwartet hätte und schaffte es, sich für seine vier freien Tage eine Einladung in eine von Enki geladene Jagdgesellschaft zu verdienen.
Diesmal hatte der Jüngling triftige Gründe dafür. Sollte doch Silves, das Geschäftsgenie, die Beziehungen zum hohen Adel pflegen oder Khemer mit seinem Ärztekittelbonus deren Frauen für sich gewinnen! Mochte Madi Enqatl ruhig ihre Ahnen im Himmelreich preisen und Sîn ihnen modische Kreationen schaffen, die er selbst nie würde tragen dürfen. Er, aber, Kethri Qat, hatte ein anderes Ziel im Auge.

Nach vier Tagen im Wald sprach Kethri den Erbprinzen darauf an, Imdugud Ubaid mit an Bord nehmen zu wollen.
Enki lachte!
„Ich dachte, du hättest eine bestimmte Frau im Sinn, die du auf der Brücke haben möchtest. Ja, guck nicht so, eine braucht ihr mindestens, die mit euch wach bleibt, das ist ein Fakt des Lebens. Als Mediziner kann ich da nicht drumherum reden.“
„Mir würden schon mehrere einfallen“, gab Kethri zu. „Aber Imduguds Fall ist wichtiger… wichtig. Auch wichtig, meine ich. Bitte, Enki!“
Enki seufzte. Er richtete seinen Blick in den Himmel oder besser: dem Teil des Lichts entgegen, das durch die mächtigen Kronen der anurischen Nadelbäume bis zu den beiden Nefilimadligen herunter drang.
<Ich würde selbst gern mitfliegen>, gestand Enki dem Jüngeren. <Aber wie es Dinge gibt, die deinem Stand verwehrt bleiben, so unterliege auch ich bestimmten Verboten und Vorsichtsmaßnahmen.>
„Ja, mein Prinz…“
„So zerknirscht, Kez Qat? Das wäre ich auch, hätte ich meinen Erbprinzen schamlos für meine eigenen Zwecke einzuspannen versucht! Glaubst du, ich merkte nicht, wie du seit unserer Begegnung an der Hofakademie Schönwetter zu machen versuchst?! Wie du lustlos an allem Wild vorbeischießt, damit ich mich wie ein großer Jäger fühlen darf? Solche Spielchen der Höflinge zu durchschauen, habe ich bereits in deinem Alter perfekt beherrscht!“ <Und ich dachte, du wärst anders. Du hast mich immer an mich selbst erinnert, an den wilden, unberechenbaren, sogar rebellsichen Jungen, der ich einst war. Aber du bist wie alle anderen.>
„Ich bitte dich doch nicht für mich, mein Prinz! Ich weiß nicht, ob ich ‚anders’ bin, ehrlich gesagt ist mir das scheißegal! Aber ich bin irgendwie am Ende meiner Weisheit angelangt, wie ich Imdugud noch helfen könnte! Bin ich vielleicht Tiruru Alulim?“
Erneut lachte Enki, doch diesmal herzlich! Kethri begriff noch nicht, dass es Ausbrüche wie sein eigener eben waren, aufgrund derer es der Erbprinz liebte, sich mit jüngeren Adligen zu umgeben. Sie brachten ihm zurück, was Enki in seinem Wesen schmerzlichst vermisste, was er festzuhalten versuchte, bevor es ihm endgültig entrinnen würde. Enki konnte beobachten und analysieren, wie ihn seine Jugend verlies, aber er wollte verdammt sein, wenn er sich nicht bis zum letzten Moment dagegen sträubte!
„Dann wärst du mein Großvater“, erwiderte der Prinz. „Aber ich denke schon, dass du einige seiner Qualitäten teilst. Egal, darum geht es jetzt nicht. Du hegst einen Wunsch, den ich dir erfüllen soll. Nun, ich bin dem Fall nicht gänzlich unaufgeschlossen. Hier sind die Regeln: Ein Jagdmesser und eine Flinte mit zwei Schuss für jeden. Damit kannst du umgehen, das habe ich gesehen. Wir gehen gemeinsam auf die Pirsch. Schaffen wir es, einen Königsreiläufer zu erlegen, werde ich deiner Bitte entsprechen und einen Platz für den Ubaid auf der ‚Schusar’ freihalten.“
<Das ist alles? Ich muss nur so ein Vieh abschießen? Dafür habe ich mich die ganze Zeit über mit Diplomatie und Etikette abgemüht?!>
<Und im Anschluss sollte mein Bruder mal etwas für die Entwicklung deiner Ätherschilde tun. Denn bei den Manieren, fürchte ich, steht er bei dir auf verlorenem Posten.>

Enki Alulim und Kethri Qat, zwei Fürsten ihrer Clans, schlugen sich in den Wald. Es handelte sich um einen zahmeren Wald und eine lächerlichere Jagd als jene, die sie dereinst auf Ki als Freunde zusammen unternehmen würden. Doch es war bereits der erste Schritt in diese Richtung.
Dass auf diesem Ausflug kein Königsreiläufer erlegt wurde, wurmte Enki möglicherweise ebensosehr wie seinen jungen Begleiter.
Aber noch hatte das Schicksal nicht das letzte Wort in Bezug auf die Besetzung der Brücke der „Schusar“ gesprochen…

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