Tungs Platz

(Fünfte Erzählung aus der Reihe „Die Kinder des Schusarvogels“)

„Dein Photo im historischen Kostüm, nur eine Mondmünze!“, „Töpferware! Handgemachte Töpferware!“, „Der Stadtherr empfängt fünfzig Bürger und beantwortet Fragen – jetzt bewerben!“, „Bemale deine eigene Kruke und nimm sie mit nach Hause! Farben kostenlos!“, „Stadtführer gefällig?“ –
In einer Touristenstadt wie dem trotz seiner Größe recht beschaulichen Ekar-Komitl gehörten derartige Ausrufe zu den alltäglichen Straßengeräuschen, die von den Einheimischen schon gar nicht mehr wahrgenommen wurden. Auch erfahrene Reisende besaßen genügend Abgeklärtheit, um die Stimmen ins allgemeine Hintergrundrauschen zu verschieben, das ohne Umweg über das Wachbewusstsein direkt ins Gefühlsleben einging und auf diese Weise zum Charme einer Ortschaft wie Ekar-Komitl beitrug. Kalkal Alulim, ein im Ring der Leuchtenden beheimateter Adliger des Hauses, gehörte zu jenen erfahrenen Reisenden. Wann immer seine persönliche Anwesenheit auf dem dritten Anurmond erforderlich wurde, nahm sich der Mann Zeit, eine ausgedehnte Tour über den Planeten anzuschließen. Was er allerdings an diesem Tag erblicken musste, konnte selbst der Weltenbummler Kalkal nicht verarbeiten, ohne dabei stehen zu bleiben.
„Stadtführer gefällig? <!>“ wiederholte er, dem Angebot des vor ihm stehenden Halbwüchsigen ein Ausrufezeichen hinzufügend, das sich im Äther deutlich abzeichnete.
Ein kühler Herbstwind fuhr durch das halblange, lavendlefarbene Haar des Jugendlichen. Er trug eine Kunstlederjacke mit Kupferbeschlägen über einer ehemals tiefviolett gefärbten dünnen Robe, die abgetragen und ausgegraut um seinen mageren Körper wehte. Nachdem Kalkal die Erscheinung bis hinunter zu den geflickten Sandalen gemustert hatte, ohne ein Hauswappen an ihr erkennen zu können, investierte Kalkal ein weiteres Ausrufezeichen, wo die Grammatik keines von ihm verlangte:
„Eine Stadtführung? Doch nicht etwa von dir?!“
„Alulim ist nicht mein Haus, aber Ekar-Komitl meine Heimatstadt, Herr!“ verteidigte sich der Bursche. Das Funkeln in seinen Augen rührte ebenso von seinem Protest wie seinem einem Hauslosen überhaupt nicht zustehenden Patriotismus her.
Kalkal stieß den unverschämten Hauslosen mit der flachen Hand von sich. Die Wucht des unerwarteten Angriffs warf sein Gegenüber zu Boden.
Kalkal wandte sich ohne ein weiteres Wort oder auch nur Satzzeichen ab.
„Passt auf, dass Euch die Hand nicht abfault, wenn Ihr mich berührt!“ rief der Straßenjunge dem Touristen nach.
Auf ein Fingerschnippen des Adligen lösten sich zwei Männer aus seiner Begleitung, um dem frechen Jungen sein Mundwerk zu stopfen. Doch Tung [x] war Situationen wie diese gewohnt. Seine Beine waren flinker als seine Zunge. Sie waren sogar schnell genug, um in ernsthafte Konkurrenz mit Tungs Gedanken zu treten.
Der Straßenjunge musste einige Haken schlagen, Gassen, Stellplätze für Abfallcontainer sowie eine Verkehrsunterführung nutzen, um seinen Häschern zu entkommen.
„Man sollte… nicht denken… dass…“, keuchte er am Ende der Hatz, „… ich denen… so… viel Mühe… wert sein… sollte!“

„Jetzt klingst du wieder normal, na ja, vom Geschnaufe mal abgesehen“, kommentierte Aja. „Aber dein Auftritt vorhin? Du sagst schon manchmal komische Dinge, Tung!“
„Und du sagst ständig nur komische Sachen!“ verteidigte sich der Annunakijugendliche.
Auch die Gleichaltrige an seiner Seite gehörte der älteren, „gemeinen“ Unterart an, aber sie verhielt sich oft, als lebe sie auf einem völlig fremden Stern und habe die Antennen, die sie als Außerirdische kennzeichneten, lediglich unsichtbar gemacht.
Seit sie denken konnten, lebten Tung und Aja auf der Straße. In Tungs Fall bezeichnete dies die Zeitspanne zwischen seiner Geburt und dem heutigen Tag. Ajas Gedächtnis reichte nur wenige Monate zurück. Welche traumatische Erfahrung auch immer die Erinnerungen des Mädchens blockierte, sie hatte gnädigerweise auch sich selbst aus Ajas Gedächtnis getilgt.
„Ich wünschte, ich hätte die Krätze!“ kam Tung auf sein Erlebnis zurück. „Dann hätte ich den Kerl damit anstecken können!“
„Das wäre mehr Nähe, als du mir zukommen lässt“, zickte Aja.
Tung stöhnte vernehmlich.
„Bitte nicht schon wieder diesen Mist!“ bat er sich aus. „Ich habe dir doch erklärt, dass es nicht geht! Du bist ein Mädchen, Aja, und Vater sagt, eine Tochter ist viel wertvoller als ein Sohn, wenn man hauslos ist.“
„Ich habe es nicht vergessen“, erwiderte Aja. „Ich muss meine Unschuld bewahren und so weiter, damit ich eines Tages einen Bürger heiraten kann. Weil ich dann sein Wappen erhalte. Es ist nur seltsam, dass es trotz dieses Gesetzes noch immer Hauslose gibt, was?“
„Ach!“
Aja hakte sich bei ihrem guten Freund ein.
„Komm, lass uns etwas verdienen“, bat sie ihn.
„Aber das habe ich doch gerade eben versucht…“
„Deine Versuche zu arbeiten sind immer äußerst unterhaltsam“, kicherte Aja. „Als du in der vergangenen Woche Amurels Stand bewacht hast, wurdest du von der Marktaufsicht verhaftet!“
„Weil jeder immer gleich ein Verbrechen dahinter wittert, wenn ein Hausloser irgendwo unbeaufsichtigt steht. Und dann noch in der Nähe von Waren!“
„Und? Wie schmeckt die Gefangenenkost?“
„Keine Ahnung. Die haben mich doch voll mit Absicht zwölf Minuten vor dem Abendessen wieder rausgelassen!“
„Mann, sei froh! Fünfundzwanzig Stunden am Stück und du giltst als vorbestraft!“
„Aja! Wir sind hauslos! Wo soll da eine Verschlechterung sein?“
Das Mädchen biss sich auf die Lippen.
„Du hast Recht. Ich vergesse das immer wieder.“
Aja blickte Tung fest in dessen metallisch glänzende Augen, die das Zwillingsvolk von den meisten Tieren ihrer Welt unterschied. Sie waren, wie von der Natur vorgesehen, von derselben Farbe wie das Haar des Jungen, wenngleich etwas dunkler.
„Aber ich will nicht noch einmal vergessen!“ erklärte Aja. „Niemals wieder! Ich… ich kann nichts dagegen tun, es trotzdem zu müssen, aber wenn es ginge, ich würde mir ALLES merken! Wie viele Wolken zu jeder Stunde am Himmel stehen und jedes Muster, das die Kräuter im Rührei bilden!“
<Um es deinen außerirdischen Invasionskommandanten weiterzumelden?> dachte der Straßenjunge spöttisch.
„Pfui, Tung! Ich hielt dich für anders!“
„Ich… Verdammnis! Ich bin ein Riesenarsch, was? Hätte es verdient, auch eine über die Rübe zu bekommen.“
Aja schüttelte den Kopf. „Nein, Tung, das wünsche ich keinem. Am Ende verlieren sie ebenfalls ihr Gedächtnis und müssen dann ‚Aja’ heißen, weil keiner sie wiedererkennt?“
„Ich würde schon mal nicht ‚Aja’ heißen!“ beschwerte sich Tung.
Aja lachte und ihr Kamerad fiel in das Lachen ein.

*

Kalkal Alulim vertrieb sich die Zeit in Ekar-Komitl und buchte dann eine Zugfahrt in die Hauptstadt. Die Route würde ihn durch ein landschaftlich reizvolles, aber ausschließlich zu Fuß oder über eben diese Bahnverbindung zu durchquerendes Gebiet führen.
Die letzte zu überwindende Hürde bestand nicht in der Reservierung eines Abteils, sondern dem Slalomlauf durch die an jedem Bahnhof herumlungernden Bettler.
„Schlimmer sind nur noch die Schwarzhändler mit ihren Bauchläden!“ schimpfte Kalkals Leibwächter.
Sein Herr nickte. In seiner Welt war es einem Gemeinen nicht erlaubt, auch nur eine Ziegenfischbulette zu verkaufen, wenn er keinen adligen Patron vorweisen konnte, dem das Geschäft offiziell gehörte und an den er seine Anteile abführte. Im Gegensatz zu den von der Mildtätigkeit freiwilliger Gönner lebenden Bettler unterminierten die Schwarzverkäufer das Gesellschaftssystem Ajaer Scharuturs.
„Verhaftet jeden Händler, der kein Hauswappen trägt“, befahl Kalkal seinen Begleitern. „Ich habe weder Zeit noch Muße, dem Stadtherren seine Arbeit abzunehmen, indem ich die Lizenzen der Alulimangehörigen persönlich überprüfe.“
Kalkal drückte einem amethystäugigen, in eine fadenscheinige Sommerrobe gewandeten Jugendlichen eine Mondmünze im Wert von einem halben Nê in die Hand. War dieser Junge schon viel zu dünn gekleidet, sollte er wenigstens etwas Warmes in den Bauch bekommen.

<Das Gute an denen ist, sie erinnern sich nicht an einen. Niemals!> grinste sein ebenfalls mit einer Silbermünze bedachter Kumpel Tung [x] zu. <Das war doch deiner von heute Morgen, oder?>
<Er war es und nichts ist daran gut! Ein Nefilim sollte seine Ehre nicht verkaufen! Aber die Adligen, die haben so viel zu verkaufen, dass sie ihre Ehre als kostenlose Beigabe mit weggeben.>
„Na, holla? Wär´s dir lieber, der Edle hätte auf dich gezeigt, und dich verdreschen lassen?“
„Ja, wär’s! Von Fürst Enlil heißt es, er kennt jeden seiner Untertanen beim Namen!“
Tung fuhr herum, Während sein Kumpan sich eine professionelle Leidensmiene aufsetzend dem nächsten Reisenden zuwandte, fuhr Tung zu Kalkal herum.
„Heda!“ schrie er den Touristen an. „Ich bin…!“
Gefesselt von einem Anblick, auf den ihn seine Gefolgschaft aufmerksam gemacht hatte, hörte Kalkal Alulim nicht darauf, was der Junge ihm wohl mitzuteilen hätte. Sein hochadliger Äthersinn flutete Tungs Geist: <Ist ja schon gut, Bursche. Du brauchst dich nicht zu bedanken.>
Durch die geistige Macht des Nefilim zum Schweigen gebracht, blieb Tung nichts anderes übrig als sich abzuwenden. Doch der Straßenjunge konzentrierte seine gesamte Willensstärke darauf, zumindest in dieselbe Richtung zu schauen, wie Kalkal.
<Die Bettlerin dort, die von den anderen immer wieder abgedrängt wird>, lies sich einer der Alulim, selbst ein Nefilimadliger, aber bedeutend niedriger im Rang stehend als sein Herr, vernehmen. <Siehst du, wie artig sie sich bei dem Bahnbeamten für dessen Spende bedankt hat?>
Kalkal nickte. Das Mädchen bewegte sich anders als ihre Bettlerkollegen. Sie wusste zwar einerseits ihre Bewegungen auf den besten Effekt abzumessen, führte sich andererseits aber so geziert auf, als hätte sie sich dieses Verhalten in einer viel höheren Gesellschaftsschicht angeeignet.
<Ich weiß, woran du denkst>, sendete Kalkal seinem Begleiter. <Aber für eine Spionin ist ihr Verhalten zu unprofessionell. Zu auffällig.>
Mit Unterstützung seiner Dienerschaft bahnte sich der Adlige einen Weg durch die Menge auf das Mädchen zu. Das allein lies Tungs Freund aufmerksam werden. Als er den Touristen dann zu der Bettlerin sprechen hörte, platzte es aus ihm heraus: „Du, der will was von der Alien-Aja! Dein Alter hatte Recht! Der hat das schon immer gesagt!“ Dann bog sich der junge Alulim vor Lachen: „Aber an ein dunkles Adelswappen hat wohl nicht mal das alte Fossil gedacht!“
Tung verzichtete darauf, den Kameraden für dessen Worte zu verprügeln. Zum einen hätte ihm ein Gewaltausbruch gegen Hausangehörige vor den Augen derer Herren eine längere Gefängnisstrafe eingebracht und zum anderen sah er sich ohnehin nicht in der Lage, sich vom Fleck zu bewegen.

Kalkal sprach indessen die Bettlerin an: „Ich möchte dich kennen lernen, Mädchen. Wie lautet dein Name?“
„Ich werde Aja genannt, Herr“, antwortete Aja. „Und es ist mir eine Ehre, aber…“
Kalkal winkte ab. „Rjesch“, meinte er. Ein einziges altsprachliches Wort genügte, die „Meine Motive lass meine Sorge sein, du musst dich damit nicht befassen, Bürger“ – Phrase auszudrücken.
Aja kniff ihre Augen wütend zusammen und schob die schmalen Lippen in einem Schmollmund nach vorn. „Kalakku!“ erwiderte sie.
Tung stand zwar noch immer wie angewurzelt an seinem Platz, doch angesichts dieser Erwiderung zuckte er unwillkürlich zusammen. Ajas Schimpfwort musste mit „für ein Grab ausgehobene Erde“ übersetzt werden, eine Anspielung auf altertümliche Bestattungsriten.
Nicht nur Tung, auch Kalkal wurde immer blasser, als das Bettlermädchen ihn in wohlgesetzten altsprachlichen Worten darüber informierte, seinen Namen in Fibelschrift auf einen Grabstein setzen zu wollen, damit jedes Kind wisse, vor wem es ausspucken müsse.
Kalkals Begleiter griffen nach Aja, doch diese war so in Fahrt, dass sie die Männerhände einfach von sich schleuderte. Sie wechselte zurück in die Gegenwartssprache, damit auch jeder der Umstehenden ihre Worte verstünde: „Ein ‚Rjesch’ zu mir, als wäre ich eine Gemeine! Das muss ich mir von einem Mann, dessen Großmutter Teller in der Palastküche abgewaschen hat, nicht bieten lassen!“
„Himmelsgötter, was ist das?“ hauchte Tungs Kumpel. „Ist die etwa von ´nem Ahnengeist besessen?!“
„Viel besser“, behauptete Tung.
Aus seinem Schockzustand befreit trat er auf Aja zu, um die herum sich der Platz während ihres Ausbruchs zunehmend geleert hatte.
„Aja! Du hast dein Gedächtnis wiedergefunden!“
Der Straßenjunge legte seinen Arm um das Mädchen, dann blickte er Kalkal Alulim fest in die Augen: „Ich kann das erklären, Herr!“
<Und ich werde misstrauisch, wenn einer von euch das sagt>, antwortete der Adlige. <Aus diesem Grund werdet ihr mich beide zur Wache begleiten! Dort wird man schon aus euch herauskitzeln, was für ein Spiel ihr treibt.>
Tung [x] verstand von diesen Worten, dass er dem hohen Herrn folgen sollte. Er tat es beschwingten Schritts.

*

Zuerst prüfte ein Offizier der Stadtwache Ajas Kenntnisse der Alten Sprache.
Als nächstes nahm ihr ein Arzt ernsten Blicks ein wenig Blut ab.
Dann erhielten die an der Untersuchung Beteiligten eine dicke Pilzsuppe, die selbst Kalkal Alulim nicht verschmähte, vom Lieferanten der Wache.
Nach dem Essen sank Aja in einen geistigen Dämmerzustand. Tung wurde erlaubt, sich um sie zu kümmern, weil man sich aus den Worten, die er an das Mädchen richten würde neue Anhaltspunkte zur Klärung des Falls versprach.
Als das Ergebnis der Blutuntersuchung feststand, wurden die beiden Jugendlichen voneinander getrennt.
Danach erinnerte sich Kalkal, wen er da eigentlich die ganze Zeit vor sich hatte. Er wies die Gardisten an, dem Straßenjungen eine Lektion zu verpassen und ihn exakt vierundzwanzig Stunden und achtundfünfzig Minuten nach seiner Verhaftung wieder auf freien Fuß zu setzen.
Erleichtert rannte Tung [x] nach Hause, nur, um am nächsten Morgen wieder auf dem Vorplatz des Wachhauses zu erscheinen und zu warten.
Aja sah er an diesem Tag nicht wieder. Doch als sich der Hauslose erneut auf den Heimweg begab, verkündeten es bereits die öffentlichen Nachrichtenmonitore: Zu Ehren der Abreise Kerat Kheperas sollte am nächsten Tag ein großes Volksfest im Bahnhofsviertel und entlang der vom Palasthotel dorthin führenden Allee stattfinden. Und Kerat Khepera, das war keine andere als seine Aja. Kein Alien aus dem Weltraum, wohl aber eine Fremde auf Alulim-Territorium und ganz besonders in Tungs Schicht.
„Als wir anhand einer Blutprobe feststellten, dass wir einen Nefilimmischling vor uns hatten, erklärte das so einiges“, gab ein in Ekar-Komitl niedergelassener Arzt während der Übertragung an. „Die Garde hat es sich beim ersten Mal zu einfach gemacht. Da tauchte ein junges Mädchen ohne Wappen auf und weil keine Alulimbürgersfrau oder -adlige im entsprechenden Alter vermisst wurde, haben die Offiziere diese Frau als verwirrte Streunerin abgetan. Verwirrt – ja. Streuner? Notgedrungen auch das. Glücklicherweise war Kalkal Alulim zur Stelle und hat mit seinem wachen Verstand und aufmerksamen Blick erkannt, was sich da vor seinen Augen abspielte.“
„Offensichtlich handelt es sich hier um einen mit Kerats Abstammung und Familie in Zusammenhang stehenden Fall, bei dessen Aufklärung die Häuser Alulim und Khepera natürlich zusammenarbeiten werden“, wurde der Gardehauptmann zitiert.
„Jemand wollte sie aus dem Weg haben“, sagte Kalkal über das Mädchen. „Vorerst möchte sie mich in die Hauptstadt begleiten. Sie sagt, sie fühle sich sicherer bei den Alulim.“
Schließlich kam Kerat selbst zu Wort: „Natürlich habe ich Angst. Aber unter der Amnesie leide ich weniger, als sich alle ausmalen.“
Tungs Herz vollführte einen kleinen Sprung. Doch als er dem überlangen Beitrag weiter folgte, rutschte es ihm nicht nur bis in den Rock, sondern in seine luftigen Sandalen hinein.
„Zu vergessen ist weniger schlimm, als alle meinen“, erklärte Kerat. „Ich wünschte, ich könnte schnell alles vergessen, was ich als ‚Aja’ erlebt habe!“

*

Eine zehn Erdenjahren entsprechende Zeitspanne verstrich, bevor die dunkle Jahreszeit Ekar-Komitl in ihrem Griff hielt. Der Planet Anur machte seinem Beinamen „Grünes Juwel“ auch im Winter noch alle Ehre. Immergrüne Bäume säumten die Alleen Ekar-Komitls. Im schneidenden Morgenwind verloren sie dicke Packungen ihrer Ladung. Tung [x] schritt forsch in Richtung Bahnhof aus. Es existieren nur zwei Möglichkeiten, sich der Kälte zu erwehren: Immer in Bewegung zu bleiben oder sich möglichst wenig zu bewegen. Der Winter war eine Jahreszeit der Extreme – und er hatte gerade erst eingesetzt.
Tung hinterlies Sandalenspuren im Schnee. Unter den Riemchen trug er dicke Socken und über diesen an jedem Fuß eine durchsichtige Frühstückstüte gegen die Nässe. Niemand nahm Anstoß daran. Niemand bemerkte es überhaupt. Die Arbeiter befanden sich um diese Uhrzeit längst an ihren Einsatzorten und wer keine dringenden Geschäfte zu erledigen hatte, blieb bei diesem Wetter daheim.
„Du kommst zu spät“, begrüßte ein Angestellter der Bahnlinie den Straßenjungen, als dieser die innerstädtische Station erreichte.
„Für einen Schaffner sicher kein ungewohnter Satz.“
„Für einen Arzt auch nicht. Da siehst du, dass das Gewohnte nicht immer Trost bietet.“
Wahre Worte angesichts des Toten zu den Füßen der beiden Annunaki.
Tung stieß seinen in Frühstückssockensandalen steckenden Fuß voller Frust in den Schnee und wirbelte ihn auf.
„Warum ist er nicht rechtzeitig nach Hause gekommen?“ klagte der Hauslose. „Er wusste doch, dass er bei uns immer willkommen war, auch wenn er nicht unser richtiger Großvater war!“
„Ich denke, das hat er schon gewusst. Und vielleicht wollte er auch kommen. Aber er war bereits zu schwach.“
Tung beugte sich über die Frostleiche. Er würde den Mantel des Großvaters mit nach Hause bringen müssen. Trauer hin oder her, es handelte sich um einen Gegenstand von Wert.
Unaufgefordert beugte sich der Bahnangestellte ebenfalls über den Großvater.
„Warte, ich helfe dir.“
„Danke.“
„Soll ich einen Handwagen holen?“ bot der Mann Tung an. „Du wirst es doch nicht dem Abdecker überlassen, zu…“
„Er hatte ein Wappen!“
„Oh, das wusste ich nicht. Na dann, umso besser.“
Der verstorbene Obdachlose würde sein Ende auf einem ordentlichen Aschestreufeld außerhalb der Stadt finden, was ihn nach seinem Lebensende von den Hauslosen abhob. Diesen stand nur die Möglichkeit offen, ihre Toten irgendwo zu verscharren, was nicht selten sogar mit Duldung des Landesherren geschah, oder eben auf den Abdecker zu warten.

Tung [x] zückte sein Messer. Die Klinge blitzte im matten Schein der Sonne. Als der Jugendliche auch noch ein Feuerzeug aus seiner Rocktasche hervorbrachte und begann, die Klinge systematisch zu erwärmen, wagte der Bahnangestellte die Frage, was sein junger Freund denn bei den Himmelsgöttern der Ahnen plane?
„Ich überlege, was ich abschneide!“
<Wie bitte?!>
„Um es Kerat zu schicken“, erläuterte Tung in aller Seelenruhe.
„Du wirst nicht… ich rufe sofort an… wegen deinem Großvater… aber du lässt die Finger… das Messer von dem Toten!“
Tung blickte auf. „Und wenn ich ein Stück hätte essen wollen? Hindertest du mich auch noch an meinem Vorhaben, wenn dadurch keine adlige Dame vor den Kopf gestoßen würde?“
„Dann hätte ich dir meine Stulle mit Salami geschenkt“, erwiderte der Alulimangehörige ausweichend.
„Und wo warst du mit deiner verfluchten Salamistulle, als mein Großvater hier starb, weil er vor Hunger keinen Fuß mehr vor den anderen zu setzen vermochte? Als ihn außen und innen nichts mehr aufwärmen konnte? Wo warst du, als wir meine Schwester verkaufen mussten? Pass bloß auf, dass ich dir die Geschichte nicht erzähle, weil dir sonst nämlich der Appetit auf dein Mittagessen gehörig vergeht!“
Der Erwachsene packte Tung an dessen Jacke. Sofort versteifte sich der Jugendliche und stellte jegliche Gegenwehr ein. Wenn er es einrichten konnte, hielt sich der Hauslose aus jeglichem Handgemenge heraus. In einer Prügelei konnte man sich Wunden zuziehen, das war nicht so schlimm. Haut, Fleisch und Sehnen verheilten wieder. Aber ein abgerissener Ärmel oder eine tückische Laufmasche im Kittel, das wog schwerer.
Als Tungs Anklage verstummte, erwachte stattdessen ein Lautsprecher zum Leben, der den Bürgern Ekar-Komitls davon abriet, an diesem Tag ihrer Häuser zu verlassen. Ätherturbulenzen setzten besonders dem Adel zu, senkten Aufmerksamkeit und Konzentrationsstärke, wodurch es, insbesondere in Kombination mit dem Winterwetter, zu schweren Unfällen kommen konnte.
“Wir sollten drinnen warten, bis sich das gelegt hat“, meinte der Bahnangestellte. „Vielleicht willst du ja einen Tee?“
„Ich will vor allem Antworten“, beharrte Tung. „Wieso wurde Kerat gerettet? Warum war sie es wert und wir nicht? Schwächelnde, scheue Bettler gibt es zuhauf, aber keiner zeigt auf diese Leute und nimmt sie mit in seine Villa in der Hauptstadt. Für uns ist es wohl in Ordnung, dieses Leben bis zum unvermeidlichen Ende weiterzuführen, weil wir hierher gehören?“
Der Alulimangehörige gab vor, Tungs Worte nicht zu hören, während er ein Bestattungshaus anrief. Der Jugendliche erhielt im Äther das vage Gefühl, seinen heißen Tee mit Milch gerade fahrlässigst aufs Spiel zu setzen, also schwieg er.
„Hör zu, Tung“, sprach der Ältere nach dem Telefongespräch, während die beiden in der Bahnhofshalle warteten, dampfende Becher in den Händen. „Ich weiß ja nicht, was du erwartest, aber du bist der hauslose geborene Sohn von Verbannten. Ein wenig Einsehen wäre ein Fortschritt.“
<Einsehen darin, dass es sich für mich im Leben nur darum dreht, einen weiteren Tag zu überleben, ohne die Bürger mit meiner fortgesetzten Existenz großartig zu stören?> „Und welches Verbrechen hat der Großvater begangen?“
Noch während der junge Tung diese Frage stellte, kannte er die Antwort, wie sie sich aus Sicht eines Hausangehörigen darstellte: Der Gesellschaft nicht dienlich gewesen zu sein. Der Großvater hatte es nicht (oder nicht mehr) geschafft, seine Nützlichkeit unter Beweis zu stellen. Diejenigen, die er anstelle eigener Kinder seine Familien nannte, waren unklug gewählt. Sie konnten ihm im Alter keine Sicherheit bieten.

Noch lange, nachdem die Bestatter erschienen waren und sein Bekannter in seinem Büro verschwunden war, hockte Tung auf einer der Bänke in der Bahnhofshalle, den Mantel des Großvaters über den Knien und in einem Netz widersprüchlicher Gefühle gefangen.
Sich empört in der Halle erhebende Männerstimmen rissen den Hauslosen aus seinen Gedanken:
„Keine Starterlaubnis! Können es nicht riskieren! Was bilden die sich eigentlich ein, Nuska?“
„Auch nicht mehr als Ihr, Herr, als Ihr Adads verhexten Prototypen, der jetzt den Äther in Ekar-Komitl krümmt, in Euer Flugzeug einbautet“, antwortete der Angesprochene belustigt.
Tung wandte seinen Kopf den Ankömmlingen zu. Sie trugen die Masken des Sonnenwagenclans, der Nuska Genannte in den Farben eines Gemeinen, der Edelmann intensiver gefärbt. Aus der Tatsache, dass es sich zudem um eine individuelle Maske handelte, schloss Tung [x], dass es sich bei diesem Mann um einen Clansfürsten handeln musste. Wer allerdings an einem ganz normalen Arbeitstag in einer schlichten Bahnhofshalle eine zeremonielle Hausmaske würde tragen wollen, erschloss sich dem Jugendlichen nicht. Widersprach es sich nicht, einerseits inkognito zu reisen und andererseits dermaßen deutlich darauf hinzuweisen?
Nuska Alulim schien seinem Kommentar etwas hinzufügen zu wollen, jedoch unschlüssig zu sein, ob er es auch tun sollte. Sein Herr hatte indessen den hauslosen Jugendlichen entdeckt. Zielstrebig schritt er auf Tung zu.
<Heda, Junge! Du solltest deine Maske anstellen. Aus irgendeinem Grund mildert das den Effekt der Ätherturbulenzen.>
Tung schluckte, dann erhob er sich, denn mit einem Fürsten sprach man nicht, während man sitzen blieb.
<Hab keine>, antwortete er ebenso stumm wie der Edelmann.
„Bist du ein Straßenkind?“
Tung wohnte mit seiner Familie überall dort, wo man sie nicht fortjagte. Über eine offizielle Aufenthaltsgenehmigung in ihrer Heimatstadt Ekar-Komitl verfügten sie nicht. Aus diesem Grund antwortete er wahrheitsgemäß: „Ja, Herr.“
„Wonach sieht´s denn aus, Li?“ konnte sich Nuska nicht verkneifen zu fragen.
„Das weiß man nicht bei jedem Streuner“, antwortete der Adlige und deaktivierte seine holographische Maske.
„Der Erbprinz!“ entfuhr es Tung.
Nuska schüttelte den Kopf. „Hätte ich ein Kên für jedes Mal, dass jemand diesen Satz sagt…“
„Mein Name ist Enlil Alulim“, klärte Enlil den Hauslosen auf. „Und in meinen Kreisen erkennt man mich sicherer an meiner Maske als am Gesicht. Wie dem auch sei, ich fürchte, ich bin an der Ätherturbulenz Schuld, aufgrund derer man Nuska und mir beharrlich ‚zu unserem eigenen Schutz’ die Starterlaubnis verweigert. Daher müssen wir uns nach einer anderen Reisemöglichkeit umsehen.“
Die Beiläufigkeit, mit der Prinz Enkis Bruder seine Schuld erwähnte, ließ rechtschaffene Wut in Tung aufsteigen. Wer war dieser Mann, der einem fremden Jungen einen Ratschlag zu gab, wie dieser mit etwas umgehen sollte, das er selbst ausgelöst hatte?! Der jüngere Bruder des Erbprinzen? Der seine sechzig Enunzyklen alt sein musste? Und von allen Eigenschaften des Prinzen musste der Jüngere ausgerechnet Enkis kurzsichtige Verspieltheit nachahmen? So etwas schlecht erzogenes wie diesen Enlil hätte Tungaran [x] der Wohnstatt verwiesen und „vergessen“, beim Wechsel des Unterschlupfs mitzunehmen!
„Und fühlt ihr Euch jetzt cool nach Eurer Extratour?“ herrschte Tung Enlil daher an.
Nuska und Enlil richteten ihre Äthersinne gleichzeitig auf den dreisten Jugendlichen. Wellen schmerzhafter geistiger Rohenergie durchfluteten sein Hirn.
„Mir wurde gerade gesagt“, rechtfertigte sich Tung, wobei er sich keuchend mit den Händen auf seine Oberschenkel abstützte, „dass jeder seinen Platz kennen und respektieren muss. Wenn das schon für mich gilt, um wie viel mehr dann für einen Fürsten, auf dem Verantwortung für sein Haus ruht?“
Der Hauslose richtete sich auf, machte aber keine Anstalten, seinen Worten eine rasche Flucht folgen zu lassen. Stattdessen erklärte er: „Na, und es ist besser, jemand ohne Konsequenzen sagt Euch das mal ins Gesicht, als dass Ihr wegen solcher Worte Euren Diener bestrafen müsst.“
Enlil musterte Tung.
„Zieh deinen Mantel über!“ befahl er ihm dann. „Nuska – reservier uns ein Abteil! Wir nehmen den Jungen mit.“
<Wozu soll das gut sein?>
„Das wird ein Geschenk für Anzu. Der Handschuh, mit dem er und ich Fara ins Gesicht schlagen.“
Nuska stieß Tung [x] vor sich her, wobei er dem unfreiwilligen Reisegefährten sein Herz ausschüttete: „Weißt du, Bursche, als er noch lediglich Frösche und Schnecken ins Haus geschleppt hat, war alles leichter…“

*

Weder in Worten noch durch vorsichtiges Spüren in den Äther wagte Tung, zu ergründen, wie es nun mit ihm weitergehen sollte. Zwei Dinge waren jedoch deutlich zu spüren: Zum einen verließ der Straßenjunge nicht nur Ekar-Komitl, sondern sein altes Leben. Enlil hatte Tung mehr oder weniger seinem Besitz einverleibt, doch wie es sich als solcher lebte, vermochte der Jugendliche sich nicht vorzustellen. Zum anderen machte der Fürst keinen Hehl daraus, Tung tatsächlich als eben das wahrzunehmen: einen nützlichen Fund, den er am Wegesrand gemacht hatte und der nun seinen Plänen dienen sollte.
Doch eines musste man Enlil lassen, mit seinen Werkzeugen ging er pfleglich um. So machten sich im Abteil nicht nur der Fürst und sein Diener, sondern auch Tung jeweils über eine Riesenportion des typischen Adelsfrühstücks her.
Der Straßenjunge hörte dabei unfreiwillig mit, was Nuska über den offenen Äther aussendete: <Ohne Euren Ätherschild wäre ich in dem Flugzeug gestorben, Li…>
<Und ich ohne deine Intervention in meinem Liebesleben schon zweimal verbannt>, erwiderte der Hochadlige. Enlil hörte sich anders als sonst im Äther an, klarer und sicherer, beinahe als spräche Anzu Alalu, fand Nuska.
<Eine Nachwirkung des von mir um uns beide errichteten Gedankenschildes, denke ich>, erklärte der Nefilim. <Die Nebenwirkungen von Adads Erfindung verlangten mir eine Menge ab. Ich durfte daran wachsen, verstehst du?>
Tung [x] nahm die Ausläufer des Gesprächs wahr: Enlils Freude darüber, seine Fähigkeiten erweitert zu haben und seine Akzeptanz, ja, Freundschaft, Nuska gegenüber. Es war dem Annunaki unmöglich, sich nicht davon anstecken zu lassen und so trat vorerst alles, was ihn belastete in den Hintergrund. So genoss Tung die Reise in die Hauptstadt in vollen Zügen, im übertragenen wie im Wortsinn.

Doch kaum geriet das anurische Ekur, das Pendant zum gleichnamigen Stammsitz der Alulim auf Enun, in Sicht, da drängte hieß Enlil seine Begleiter bereits aufzustehen.
Die drei verließen die Bahn an einem Haltepunkt mitten im Wald. Hinter ihnen stiegen Ausflügler auf dem Heimweg in die Stadt ein, dann fuhr der Zug bereits wieder an.
Enlil schlug einen der Pfade im gut ausgeschilderten Forst ein. Aus den Augenwinkeln erkannte Tung, dass es sich um den Weg zu einem der Stadt vorgelagerten Raumflughafen für Kurzsstrecken handelte. Offenbar ließ sich von hier aus jeder Ort im Orbit sowie auf den drei Monden erreichen.
In einiger Entfernung erhob sich ein Bunker am Rande einer Lichtung und darunter hatten die Alulim im Einklang mit den strengen Umweltschutzgesetzen ihren Flugplatz unterirdisch angelegt.
„Keine Angst“, meinte Enlil zu Tung. „Der Transit in den Orbit ist Routine für den Piloten.“
„Der was?!“
„Der Flug“, meinte Nuska erklären zu müssen.
Doch Tung hatte schon begriffen. Was er nicht geahnt hatte, war das eigentliche Ziel dieser Fahrt. In weniger als einer Stunde sollte er also seinen ersten Weltraumflug antreten und davor war dem Jungen trotz sämtlicher Versicherungen der Alulim bange. Aber da half alles nichts, der Regierungssitz Ajaer Scharuturs befand sich nun einmal auf einem der drei Monde Anurs.

Die Eincheckprozedur verlief entsprechend streng und weitaus umfangreicher als bei einem normalen Verkehrsflug üblich gewesen wäre. Selbst ein Sohn des Großen An bekam das zu spüren. Tung bekam von dem Ganzen hauptsächlich die Angespanntheit der ihn umgebenden Alulim mit, die beinahe seine fünf herkömmlichen Sinne überlagerten. Erst, als ihm Nuska eine Postkarte in die Hand drückte, die dieser im Eingangsbereich aus einem Ständer gezogen hatte, erwachten zumindest Tastsinn und Sehnerv wieder.
Die Karte stellte eine Raumstationen, bestehend aus einem Cluster aus vier Kugeln und mehreren diese umgebenden Ringen dar. Durch Berührung an bestimmten Punkten wurden Ausschnitte des Bildes vergrößert und zeigten simple Animationen.
Auf der Rückseite der Karte war schlicht und einfach „Schusar-Weltraumstation im Orbit um Anur“ aufgedruckt. Nur ein extrem kleiner Personenkreis würde jemals in der Lage sein, ein „Grüße von der“ hinzuzufügen, so dass der Hersteller sich diesen Zusatz gespart hatte.
Der Äther vermittelte Tung, dass er die Karte behalten durfte.
Wie beiläufig Nuska eine seiner vielen Geldkarten, die mit Finanzkonton für verschiedenste Anlässe verbunden waren, durch den Bezahlschlitz gezogen hatte! Selbst, wenn das Verkaufsregal einen Einwurfschacht für Bargeld aufgewiesen hätte, Tungs Familie hätte ihm die Ohren langgezogen, Geld für etwas Überflüssiges wie ein buntes Bildchen zu verschwenden. Für derartige Luxusbedürfnisse musste man schon ein fortgeworfenes gedrucktes Magazin ausfindig machen und aufheben, während die Stadtreinigung nicht hinsah.
„Mein Großvater war Kampfpilot“, flüsterte der Jugendliche. „Er hat vielleicht auch auf einer Raumstation gedient. Natürlich nicht auf so einer modernen.“
<Bist du darauf stolz?>
<Nein. Ich habe seine Heldentaten ja nicht begangen. Obwohl… doch, manchmal schon. Obwohl es Quatsch ist.>
„Jedenfalls hast du jetzt schon mal einen ersten Eindruck von unserem Ziel erhalten“, kommentierte Nuska sein Geschenk. <Wird ja nun deine neue Heimat.>
Da begriff Tung, dass er mitnichten als Diener am Hof des Hof des Großen An vorgesehen war, einer Position, aus der heraus er seine Familie hätte bestens unterstützen können. Seine Reise sollte zur Schusar-Station führen.
<Heimat?> Tungs Überraschung floss ungefiltert in den Äther. <Und was soll das heißen: nicht für lange, weil ihr ja nun demnächst startet?!>
Der Hauslose erhielt keine Antwort. Von den beiden Alulim gleich einem Gepäckstück vor sich her geschoben fühlte er sich, als wären Außerirdische über Ekar-Komitl erschienen, die ihn nun auf ihr Mutterschiff entführten…

*

Auf der Schusar-Weltraumstation hatte Xolotl T´ien seinen Stubenkamerade Anubis gerade zum wiederholten Male in einem Brettspiel geschlagen. Nun räumte er das Spielbrett in den Spind, denn in wenigen Minuten wurden die beiden gemeinsam mit den restlichen Rekruten jeder Sparte zum Kampftraining erwartet.
„Beim letzten Mal waren keine Waffen beteiligt“, murmelte der T´ien-Angehörige vor sich hin.
Anubis nickte mitfühlend. Bereits in ihrer Kindheit hatte sich Xolotl nicht sonderlich für die Weltraumfahrt, aber noch weniger für das Kriegshandwerk begeistern können.
Xolotl wusste genau, dass er seinen Platz auf der „Schusar“ sicher in der Tasche hatte, wohingegen der Hundeclan noch immer zu der Ansicht gelangen mochte, neben Fähnrich Ischum keinen weiteren eigenen Soldaten an Bord des Schiffes zu benötigen. Dabei war es doch Anubis, der so gern nach Ki fliegen wollte! Xolotl hatte sich nur notgedrungen auf Weisung der Clansobersten für das Schusar-Programm beworben. Als sei er ein Bauernjunge hatte der Annunaki keine andere Wahl, als in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, eines Astronauten, der das Wurmloch untersucht hatte, als Xolotl und Anubis noch Fangen gespielt und sich vor der nächsten Klassenarbeit gefürchtet hatten.

„Nicht schon wieder Schießstand!“ murrte auch Wadjet Alulim, die gerade ihre Einzelkabine verlies. Gleich Xolotl hatte sich auch Enkis Lieblingsmalerin für das Schusarprogramm bewerben müssen – der Erbprinz wünschte handangefertigte Zeichnungen der Neuen Welt und mit ihrem Hintergrund als Höfling konnte Wadjet auch gleich das unumgängliche Amt des Zeremonienmeisters ausfüllen. Im Gegensatz zu Xolotl aber hegte die Malerin zwar kein besonderes Interesse an dieser Reise, stand ihr aber auch nicht ablehnend gegenüber. Nur die Übung an der Waffe, die drückte gehörig auf Wadjets Laune: <Da ist es immer so laut und zugig!>
Churan, welcher gemeinsam mit Dumuzi den gegenüberliegenden Raum bewohnte, hörte die Beschwerte in Wort und Äther.
„Wir müssen vorbereitet sein“, rügte er die Hofkünstlerin. „Ich habe bereits an der Erschließung mehrerer neuer Rohstoffvorkommen im Ring der Leuchtenden mitgearbeitet und Dumuzi bei der Einrichtung einer landwirtschaftlich genutzten Kolonie dort draußen. Aber Ki ist anders als unser Asteroidenring. Ki besitzt unseren Sonden zufolge ein intaktes Ökosystem und dazu gehören nun einmal auch Raubtiere.“
„Dann schleppen wir die Bordsoldaten wohl nur mit, weil sie in ihren Uniformen so dekorativ aussehen?“ giftete Wadjet zurück.
Der Äther um die Frau herum fühlte sich an wie aus einem Topf mit siedendem Wasser aufsteigender Dampf, weshalb die restlichen Alulimangehörigen es vorerst unterließen, weitere Worte mit ihr zu wechseln. Leidensgenossinnen fand Wadjet in Ninlor, Simurel und Nimur, obwohl diese Frauen zu anderen Häusern gehörten, wie überhaupt das Zusammenwachsen zu einer Mannschaft den weiblichen Rekruten leichter fiel als den Männern.
Effiziente Zusammenarbeit, nicht Freundschaft, lautete das Erziehungsziel der Schura-Rekruten, was sich unter anderem darin ausdrückte, dass jedes Haus ein anderes Uniformdesign verwendete. Gemein war ihnen allein das Symbol der Rakete mit dem Schriftzug „Schusar 1“.
Wenn die Rekruten sich also darin übten, gemeinschaftlich einen Feind abzuwehren, traten sie dabei ganz selbstverständlich in einen Wettbewerb zueinander ein – schon allein als Vorbereitung auf die Zeit nach der Vertreibung des Feindes von außen, wenn wieder ihre Bordkameraden diese Rolle einnehmen würden.

An diesem Tag gesellten sich die Adligen und Offiziere zu ihren Untertanen.
Kethri Qat, Kulla Apis, Oannes Suhurmasch, Ah Ceh Tigâra und Ischum T´ien trugen keine besonders glücklichen Gesichter zur Schau. Zum einen fehlten die Adligen und Gemeinen des Hauses Fara schon seit geraumer Zeit in ihrer Mitte. Zum anderen hatte sich eine Traube Hofreporter eingefunden, das Training zu beobachten.
Als sie aufgerufen wurde, trat Wadjet Alulim, noch immer vor sich hin grummelnd vor, gab zwölf Schüsse ab – und traf zwölfmal ins Schwarze.
„Was war das gerade eben?“ entfuhr es Kethri Qat. <Ich dachte, Wadjet sei mies im Schießen! Bis eben hat sie doch noch Unmut ausgestrahlt?>
Wie konnte man etwas, in dem man gut war, nicht mögen, fragte sich der Jüngling? Andersherum fand er Gefallen an manchen Dingen, in denen er sich noch ungeschickt anstellte, allen voran die klassischen Ritterspieldisziplinen. Unter Kullas Trainerschaft hatte er zumindest seine Duellierfähigkeit gehörig verbessert. Seine Geheimnisse auf anderen Gebieten teilte der Ältere zu Kethris Leidwesen nicht so bereitwillig…

„Wisst ihr, was ich verlauten gehört habe?“ warf Ah Ceh in Die Runde. „Enlil hat in Ekar-Komitl einen neuen Steuermann für uns aufgetrieben!“
„Was passt ihm nicht an Malah Kylin?“ schnaubte Oannes. „Der Mann ist gut genug den Posten selbst auszufüllen!“
Kulla nickte zustimmend. „Selbst sein Vorgänger war nur von gemeiner Geburt. Was macht den Professor glauben, dass sein adliger Kandidat besser sei?“
„Der Neue ist kein Nefilim“ musste Ah Ceh korrigieren. „Er ist noch nicht einmal ein Gemeiner.“
„Warte mal, Ah Ceh! Willst du damit sagen, dass Anzu seinen Ausspruch wahr gemacht hat? Dass er die Fara durch das erstbesten Straßenkind ersetzen wolle, das ihm über den Weg läuft? Ein Straßenjunge soll uns zweieinhalbtausend Lichtjahre durch den Weltraum steuern?!“
„Ein hausloser Straßenjunge, Kethri.“
„Himmelsgötter! Lahamu stehe uns bei!“
Auch Ischum konnte kaum glauben, was er da hörte.
„Enlil hat einfach jemanden aus der Menge gewunken?“ ächzte er.
„Enlil wird sich eine Gruppe Säufer gesucht haben, dann hat er mit der Hand gewunken und denjenigen genommen, der einen ganzen Satz sprechen konnte, ohne einen Kraftausdruck zu verwenden“, spottete Kethri und begann, die Begegnung ausführlichst auszuschmücken: „Heda, Bursche! Nenn er mir den Namen dieser Stadt!“
„Eh, das ist das verfickte Ekar-Komitl“, ging Ah Ceh auf den Scherz ein.
Kethri schüttelte ablehnend den Kopf.
„Nächster!“ rief er, an Oannes gewandt. „Du da, wie heißt dein Vater?“
„Verdammich noch mal, das war der alte Oannes!“
„Wieder nichts, nächster Versuch. Und so weiter, den ganzen Tag lang! Dann fand Enlil einen und fragte, ‚Wie heißt denn deine Mutter?’ – ‚Aja.’ – Da hat er ‚Oh, ja!’ gerufen.“
„Nein, Herr, nicht ‚Oja’“, korrigierte Kulla. „Aja!“
Die Offiziere schütteten sich aus vor Lachen. Nicht, dass es viel zu Lachen für sie gegeben hätte. Das Schusar-Programm kränkelte. Nicht in einem Maße, in dem sich ein Abbruch als vernünftigste Option aufdrängte. Technisch gab es nichts zu bemängeln: Für sämtliche Hardwareprobleme war eine programmiertechnische Lösung gefunden geworden, die Rekruteten leisteten, was von ihnen erwartet wurde und die Sonden auf beiden Seiten des Wurmloches hielten zuverlässig Kontakt mit der Basistation, in regelmäßigen Abständen ihre Daten sendend, von denen keine Information in irgendeiner Weise besorgniserregend oder auch nur abweichend gewesen wäre.
Doch gerade weil das Programm geruhsam vor sich hinlief, weltbewegende Ereignisse sowie technologische Durchbrüche also ausblieben, zeigten sich die beteiligten Häuser weniger investitionsfreudig als ehedem.
Auch innerhalb der am Projekt Beteiligten herrschte bei weitem keine Einigkeit. Details, die zu Beginn noch als nicht von unmittelbarer Wichtigkeit in den Hintergrund geschoben worden waren, kamen nun, da sich das Werk der Vollendung nahte, auf den Tisch. Darunter Enlils und Enkis Weigerung, einen unbemannten Testflug durch das E-Schara zu starten, bevor die „Schusar“ dieses Unterfangen in Angriff nahm. „Unbemannt“, das bedeutete in diesem Fall: mit Versuchtstieren bestückt. Und unter „Versuchstieren“ verstand man Hauslose, Sträflinge und Frauenhausbewohnerinnen. Über Unstimmigkeiten dieser Art war es zum Bruch mit Fara gekommen.

„Schön, dass es hier noch so heiter zugeht“, lies sich da einer der bisher im Hintergrund verbliebenen Reporter vernehmen. „Wie fühlt sich das an, so auf verlorenem Posten zu stehen? Eure Besatzungsliste schrumpft zusammen…“
„Das würde sie ohnehin tun“, knurrte Kulla.
Mehrere Posten waren derzeit noch doppelt belegt, so füllten beispielsweise Enbilulu und Zin Kibaru Varascha dieselbe Position aus, doch nur einer sollte letztendlich den Flug antreten.
Doch diesen Fakt vernünftig auseinandergesetzt zu bekommen, schien sich nicht mit den an die Journalisten ergangenen Anweisungen vereinbaren zu lassen. Jedenfalls wechselten sie sehr schnell das Thema.
„Zwei Kinder und ein Weltraumpirat als Offiziere“, kommentierte ein minderer Adliger des Hauses Alulim die Führungsoffiziere der „Schusar“, Kulla, Kethri und Ah Ceh. „Was habt ihr euren Clans angetan, dass sie euch in den Tod schicken?“
Ischum und Oannes wurden dabei geflissentlich ignoriert, als seien sie Luft. Die Biographien dieser Männer gaben wenig bis gar keinen Stoff für Provikationen ab.
„Ein Wort mehr und du wirst froh sein, überhaupt noch irgendein Wappen, geschweige denn das Clansrecht, zu besitzen!“ fuhr Ah Ceh auf.
„Oder funktionsfähige Kniescheiben!“ ergänzte Kulla.
Im nächsten Moment weigerte sich seine Zunge, dem Nefilim zu gehorchen. Kulla begriff, dass sein Freund ihn mit einem Ätherknebel belegt hatte.
<Was tust du Laus?> beschwerte er sich.
<Deinen Arsch und andere ausgewählte Teile in derselben Körperregion retten>, erwiderte Kethri. <Oder willst du es dir mit dem Hof verderben?>
Der niedere Adlige versuchte, seine während des Studiums erworbenen Erfahrungen in den Äther zu senden. Als Außenseiter unter Alulim an der Hofakademie hatte er ein Gespür dafür entwickelt, in welcher Situation man besser nichts sagte und wann wiederum selbst eine hochgradig persönliche Beleidigung ungeahndet bleiben würde. Doch da er gleichzeitig den Ätherknebel aufrechterhalten musste, kam bei den Umstehenden lediglich Kethris verbissene Konzentration an.

In das beredte Schweigen platzte Enlil Alulim. Der junge Mann an seiner Seite stand im selben Alter wie Kethri und Zahrim. An seiner Jacke war ein selbstklebendes vorläufiges Wappen befestigt, in dessen grauer Farbe sich nur wenige Farbsprenkel ausmachen ließen. Sein Hausrecht war offensichtlich noch nicht vom Hof zu Anur bestätigt worden.
„Tung Alulim, im Ausbildungsgang zum Steuermann“, stellte Professor Enlil den Jugendlichen vor.
Der an der Waffenausgabe stehende Soldat warf dem Ankömmling eine Pistole zu.
<Zeig, was du kannst, Schatten!>
Unsicher schloss sich Tungs Hand um die Pistole. Asaluhi Alulim musste ihm ein Paar Lärmschutzohrenschützer über den Kopf streifen, da der Neuling von selbst nicht daran dachte. Sekunden später knallten zwölf Schüsse, doch Tung drückte noch zweimal ab, wie er es im Fernsehen gesehen hatte. Die erwarteten letzten beiden Explosionen blieben aus.
Von den zwölf Patronen steckten sieben in der Zielscheibe, fünf davon im äußersten Ring.
„Wir sollten dankbar sein, dass er uns nicht die verbliebenen Rekruten erschossen hat“, bemerkte Ischum zu seinen Offizierskollegen. Dann erhob er sich von seinem Stuhl und trat auf den Neuen zu.
„Nicht jeder Straßentyp ist automatisch mit `ner Waffe gut“, murmelte Tung zu seiner Verteidigung.
„Nicht jeder Straßentyp ist ein Verbrecher“, stimmte Ischum zu. „Wenn der Herr Hofastronom und der Professor das Projekt wirklich weiterführen wollen, dann bringe ich dich soweit, dass du triffst“, versprach er. „Einen Soldaten werden wir wohl nicht aus dir machen, aber das war ja auch nicht verlangt.“
Der als Geschützmeister und eventuell auch Kommandierender der Bordsoldaten vorgesehene Offizier warf Enlil einen fragenden Blick zu. Wollte der Adlige das Schusarprogramm denn überhaupt weiterführen? Oder war Tungs Ankunft nur als ein schlechter Scherz gedacht, der dem unvermeidlichen Ende vorausging?

Enlil blieb der stumme Vorwurf nicht unbemerkt. Ebenso spürte er, dass sich Tung [x]/Alulim zunehmend unwohler fühlte.
„Dürfte ich vielleicht telefonieren?“ bat der Jugendliche. „Meine Leute daheim werden sich Sorgen machen…“
Enlil schüttelte den Kopf. „Du fliegst morgen mit den anderen Landurlaubern zurück. Die Shutlepiloten sind angewiesen, euch einen Haustürservice zu bieten, dich also direkt in Ekar-Komitl abzusetzen. Für den Linienflug zum Palastmond wird dir später ein Ticket zugestellt.“
<Ein einziges Telefongespräch würde wirklich bereits genügen! Ich kenne jemanden, der ein Gerät besitzt und meiner Familie Bescheid geben kann. Ehrlich, ich muss nicht ständig durch den Weltraum fliegen!>
Enlil schüttelte amüsiert den Kopf. <Der Sinn meiner Anweisung liegt darin, dass du dich dran gewöhnst>, erklärte er.
Später einmal würde sich Tung fragen, ob der Fürst damals bereits gespürt hatte, wie sehr ihm das Fliegen in Fleisch und Blut übergehen würde. Er würde den Kopf darüber schütteln, wie er jemals einen – und sei er noch so unnötig – Weltraumflug hatte zurückweisen können.
„Wir benötigen Fara nicht“, teilte Enlil Alulim den Reportern mit. „Sendet das! Der hochedle Wurmclan soll erfahren, dass seine gesamte Adelsriege weniger wert ist, als ein hausloses Straßenkind!“
Enlil rauschte wehenden Mantels davon und lies die Astronauten allein.

*

Zurück in Ekar-Komitl:

Es kostete ihn ein wenig Herumfragen, aber schließlich brachte Tung [x]/Alulim in Erfahrung, wo seine Familie derzeit Unterschlupf fand. Ekar-Komitl war nicht nur für seine Töpferware berühmt, sondern verfügte auch über ein Motorsportzentrum, das dafür ausgestattet war, Pokalturniere der Knappenliga auszurichten. Neben den regelmäßigen Wettkämpfen im Lanzenfahren wurden außerdem alle möglichen Spiele abgehalten, die in irgendeinen Zusammenhang mit Zweirädern zu bringen waren. Lediglich die Benutzung der modernen Schwebgleiter war verpönt.
Da Gestechduelle traditionell bei jedem Wetter ausgetragen wurden, hatten sich auch an diesem Tag wieder ärmere Adlige sowie Gleichgestellte aus der Gegend zu Übungsrunden versammelt. Jeder hinzukommende Knappe stach einen Stab oder eine Lanze in den Boden, an deren Spitze eine hölzerne Maske befestigt wurde. Gleich den Hausmasken wiesen diese den jeweiligen Teilnehmer als Mitglied einer bestimmten Mannschaft aus. In die Rückseite waren Name und eventuelle Siegel des Besitzers eingebrannt.
Nachdem das getan war, galt es, die Bereifung des Fahrzeugs zu prüfen, die Waffen einem Schiedsrichter zur Kontrolle vorzulegen und die Regeln auszuhandeln, die an diesem Tag gelten sollten.
Tung beobachtete die Vorbereitungen eine Zeit lang. Er dachte dabei an Kapitän Oannes und Fähnrich Ischum, an Dr. Ah Ceh, den die Reporter als Weltraumpiraten bezeichnet hatten und an die beiden jungen Nefilim, die als Fürsten ihrer Häuser natürlich nichts in der Knappenliga zu suchen hatten. Unter den Gemeinen der „Schusar“ waren Tung einige aufgefallen, die den Freizeitrittern in Ekar-Komitl durchaus das Wasser hätten reichen können, denen aber der dazu nötige Titel fehlte.
Tung schmunzelte in sich hinein, während er die Zuschauerränge durchwanderte und auf die Garagen zuhielt. Was für ein Abenteuer! Er hatte die Astronauten von der „Schusar“ kennen gelernt!
Die Erinnerung daran würde ihn stets begleiten, selbst wenn der Rest des Gesagten, Tungs Hausrecht und der Weltraumflug, sich als Witz auf Kosten Faras herausstellen sollte.
Beschwingten Schritts eilte Tung auf einen Adligen zu, der Probleme damit zu haben schien, seine Maske auf der Spitze einer Lanze anzubringen.
„Darf ich Euch zur Hand gehen, Herr?“ bot er an.
„Nein! Ich habe kein Bargeld bei mir. Hau ab!“
Tung entlarvte diese Worte als Lüge, was allerdings seine gute Laune nicht vertreiben konnte. Zudem musste die Begegnung mit einem Adligen stets als gut gelaufen gewertet werden, wenn ein hausloser Bettler diesem ein „Nein“ oder gar „Nein danke“ wert war, anstatt ignoriert zu werden.

Eine der ungenutzten Garagen des Stadions diente Tungs Verwandten, der Mutter, dem Vater und der Tante sowie dem ebenfalls hauslosen neue Partner der Tante, als Behausung.
Ein kleiner Junge buk Restekuchen auf einem Gaskocher, als Tung eintrat. Dazu bestrich er ein Pilzfladenbrot mit der würzigen Soße, für die beinahe jede Annunakifamilie ein eigenes „Geheimrezept“ kannte, belegte diesen Untergrund mit allem, was in der Küche an Überbleibseln angefallen war und streute eine dicke Schicht Käse darüber, bevor er das Ganze in den Ofen schob.
„Wieder da, Tung? Hast du alles durchgebracht, was der Großvater bei sich hatte?“ warf der Junge dem Ankömmling vorwurfsvoll entgegen.
Tung hängte von dem Jungen unbeobachtet seine Jacke mit dem provisorischen Hauswappen auf einen Haken und des Großvaters Mantel darüber.
„Rusch… das erfährst du, wenn alle daheim sind. Die Geschichte ist zu verrückt, um sie mehrmals hintereinander zu erzählen.“
Rusch beachtete den Jugendlichen nicht weiter. Konzentriert widmete er sich der für jene bestimmten Mahlzeit, die sich nicht in aller Heimlichkeit davonstahlen. Dass er selbst ein Ausreißer war, verdrängte der Annunakijunge dabei aus seinem Bewusstsein.
Rusch Alulims Verbindung zu Tungs Familie ließ sich großzügig als „angeheiratete Verwandtschaft“ beschreiben. Vor einigen Zyklen hatte die Zwillingsschwester von Tungs Vater eine bürgerliche Ehe geführt. Als ihr Gatte die Ehe aufgelöst und sich der Frau, die später Ruschs Mutter werden sollte, zugewandt hatte, sprach Clan Alulim Tungs Tante das Hausrecht wieder ab. Doch von ihren Hauswappen und der damit einhergehenden Notwendigkeit, Wappen- und Gefangenschaftssteuer aufzubringen, unterschied sich der Lebensstil von Ruschs Familie nicht sonderlich von jener, die Tung hervorgebracht hatte. Sie alle waren Angehörige jener breiten Unterschicht, die eine reiche Gesellschaft unweigerlich hervorbrachte und der diese bedurfte, vor allem, wenn sich der Adel in seinem ewigen Wettbewerb weniger himmelsgöttergefälliger Mittel bediente.

Als gegen Abend die Erwachsenen einkehrten, schloss Tungs Mutter ihren Jungen wortlos in die Arme. In ihrem Rücken stand, unschlüssig, was er sagen sollte, der Vater. Nach einer ganzen Weile räusperte sich der Mann und fragte:
„Hast du wenigstens etwas mitgebracht?“
„Äh… nein. Verflixt! Daran habe ich bei all der Aufregung überhaupt nicht gedacht.“
Tung löste sich aus der Umarmung der Mutter. Er trat auf seinen Vater zu.
„Dafür kann ich etwas bekommen und dann wird alles besser: das volle Alulim – Hausrecht! Aber ich muss dafür mit der ‚Schusar’ in den Weltraum fliegen!“
Das Mienenspiel seiner Verwandten stand dem der Hofreporter in nichts nach, als Enlil diesen seine Entscheidung betreffs des neuen Piloten verkündet hatte.
„Nein, ich bin wirklich nicht betrunken!“ verteidigte sich Tung gegen im Äther auftauchende Anschuldigungen.
„Dann sag´ mir doch, mein Sohn“, verlangte Tungaran [x] zu wissen, „was sollst du auf diesem Raumschiff tun?“
Tung zögerte. Wenn er jetzt auch noch verkündete, ganz und gar nicht für eine Schiffsjungenkarriere vorgesehen zu sein, würde er seine Glaubwürdigkeit in den Augen der Älteren gänzlich verspielen.
„Chefpilot,“ sagte er kleinlaut.
Tungaran gab ein zwischen Glucksen und Quieken angesiedeltes Geräusch von sich.
„Da hast du´s, Frau!“ stieß er dann hervor. „Dein Junge ist total durchgeknallt!“
Tungs neuer Onkel schob sich an dem Elternpaar vorbei. Er fixierte den Straßenjungen und fragte mit ernster Miene: „Nimmst du Drogen, Tung? Warst du deswegen so lange fort?“
Tung schüttelte den Kopf. Unfähig, sich zu erheben und seine mit dem Übergangswappen gezierte Jacke als Beweis vorzuweisen, flüsterte er: „Enlil hat es mir persönlich versprochen…“
„E…nlil? Du behauptest, Enlil Alulim begegnet zu sein?“
„Ich hab’s ja nicht darauf angelegt“, verteidigte sich der zukünftige Pilot. „Aber plötzlich kam eins zum anderen und ich wurde mitgerissen und ehe ich mich’s versah, hat der Herr mich in sein Haus… nein, nicht eingeladen. Vereinnahmt, trifft’s am besten.“
„Gerade Enlil würde so etwas niemals tun!“ rief der Vater aus.
Von dem kleinen Rusch abgesehen strömten die restlichen Anwesenden ungeteilte Zustimmung aus.
Tungs Augen weiteten sich ungläubig „<Jedenfalls nicht für uns>? Was soll das heißen?“

„Mein Vater war ein kühner Mann, Tung… tollkühn bisweilen.“
„Und ein Patriot, wie er im Buche steht“, erinnerte sich der Jugendliche an die Erzählungen über den Verwandten, den er nie kennen gelernt hatte. Auf der Zunge lag ihm „Er war Kampfpilot“, doch angesichts der Färbung des Äthers kamen Tung andere Worte über die Lippen: „Ihr habt mir gesagt, er sei Kampfpilot gewesen!“
„Ja, das haben wir“, erwiderte die Mutter traurig. „Aber was wir vor dir geheim halten konnten, wird der Fürstenfamilie nicht verborgen geblieben sein.“
„Sie treiben die Rechnung ein“, bestätigte Tungaran.
„Weil du damals vor meiner Geburt die Finanzdaten der Firma manipuliert hast, in der du angestellt warst? Das ist doch schon viel zu lange her! Das bisschen Geld hat Alulim längst wieder reingeholt.“
Außerdem, war sein Vater denn nicht bereits mitsamt seiner der Komplizenschaft angeklagten Verwandtschaft für dieses Verbrechen rechtskräftig verurteilt und verbannt worden? All das wollte Tung den Eltern wieder ins Gedächtnis rufen, doch die Mutter schüttelte den Kopf und bedeutete ihrem Jungen zu schweigen.
„Dein Vater, Tung, hat nie Gelder veruntreut. Das haben wir euch Kindern nur erzählt.“
„Wieso wurdet ihr dann verbannt?“
Tausende Gedanken schwirrten dem Jugendlichen durch den Kopf. Welches Verbrechen mochte schwerer wiegen als Diebstahl in Verbindung mit Untreue gegenüber den Clanherren? Doch sicher nur, ein Leben genommen zu haben!
„Vater? Bin ich der Sohn eines Mörders?“ fragte Tung mit heiserer Stimme.
„Nein. Aber der Enkel eines lebenden Toten.“
Und dann erfuhr Tung [x] /Alulim, dass er mitnichten der Sprössling eines Verbannten war. Tungaran war kein Verbrecher. Die Erleichterung hielt nur kurz vor, denn der Vater begann stockend, die wahre Familiengeschichte vor seinem Sohn auszubreiten.
„Aus diesem Grund fliegst du in den sicheren Tod, wenn du vor den Großen An trittst, um das dir versprochene Hausrecht bestätigen zu lassen“, endete der Mann seine Erzählung.
„NEIN!“
Tung sprang auf. Er stieß den Vater zur Seite, trat dem Onkel auf die Zehen und rammte der Mutter versehentlich den Ellenbogen in den Magen, während er den Mantel seines anderen Großvaters vom Kleiderhaken riss.

Der Hauslose stürzte ins Freie. Er rannte durch den Schnee, bis seine Lungen schmerzten und blieb schließlich keuchend in der Mitte des Rasens stehen, auf dem noch immer die aufgerichteten Lanzen der Ligafahrer in den Himmel ragten. Die daran angebrachten Stier- und Sonnenmasken blickten anklagend auf ihn herab.
Tungs Kopf glühte. Wie er vor Nuska gestanden hatte, bisweilen stolz auf seinen Großvater zu sein, schämte er sich nun an Irgals Stelle, obwohl beides irrational war. Hinzu gesellten sich Wut, vor allem aber Enttäuschung. Tung bückte sich, um ein wenig Schnee aufzuheben und sein Gesicht damit zu kühlen. Er schüttelte sich, zitterte und lies sich rücklings in den Schnee fallen.
<Irgal… Enlil… Ich habe wirklich an euch geglaubt!>
An seinen leiblichen Großvater, den Helden. An Enlils Versprechen. Und daran, in ein Märchen geraten zu sein. Eines von der Sorte, wo ein Windwächter erscheint und der armen Hauptheldin eröffnet, eine verstoßene Prinzessin zu sein. Doch stattdessen hatte er bis zu diesem Tag in einem Märchen gelebt und der Windwächter hatte ihn in die Realität zurückgestoßen. Die andere Sorte Geschichte blieb Personen wie Kerat Khepera vorbehalten, weil diese dafür geboren waren.
„Irgal Alulim…“ flüsterte Tung.
Zum Tode veurteilt und buchstäblich im letzten Moment begnadigt. Tiruru, Anus Vorgänger auf dem Thron des Großen An, hatte das getan und dabei verkündet, dass Mord tatsächlich ein Verbrechen war und nicht etwa ein Privileg, welches allein dem Staat zustand. Ein Leben zu nehmen war verwerflich, ohne Wenn und Aber.
Doch wie so vieles, was sein Vater in den Gesetzen Ajaer Scharuturs verankert hatte, passte die Abschaffung des Todesurteils Anu ganz und gar nicht. Während seiner Regierungszeit hatte er seinerseits Ergänzungen verfasst und völlig neue Gesetze verabschiedet, welche die des Weisen Tiruru unterminierten, ohne sie offiziell abzuschaffen. Mit Irgals Nachkommenschaft aber schienen Tirurus Erben persönlich abrechnen zu wollen.
Dennoch… Tung starrte in die hölzernen Sonnen, die weder Licht noch Wärme spendeten. Ein Teil von ihm wollte weiter glauben. Vielleicht nicht gerade an Enlil, aber seinen Großvater. Bevor er sein Verbrechen begangen hatte, musste Irgal Alulim ja irgendetwas getan haben, ein Leben geführt. Wieso sollte er kein Pilot oder Soldat gewesen sein?
Wind kam auf. Die Stiere schienen kampfeslustig ihre Köpfe zu schütteln.
„Ich geh ja schon…“ murmelte Tung.
Es war ohnehin nicht gesund, noch lange so zu liegen.
In einigen Schritten Abstand standen zwei Motorräder aufrecht unter einer Plane. Der Wind hatte die Befestigung an einer Stelle gelöst, so dass die Plane zu flattern begann. Die Zweiräder wiesen mehrere Beulen und Schrammen auf, schienen aber fahrtüchtig.
Tung schwang sich auf eine der Maschinen und startete den Motor. Welche Rolle spielte es noch, dass er das Zündschloss dafür kurzschließen musste? Welche Rolle spielte jetzt noch der Diebstahl eines Sportgerätes?
Der Hauslose brauste in die Nacht davon…

*

Am nächsten Morgen fand sich Vater Tung der Ältere einem aufgebrachten jungen Lanzenfahrer gegenüberstehend.
„Immer mit der Ruhe, Herr! Euer Motorrad wird mein Sohn im Laufe des Vormittags in einer Werkstatt abgeben, um es auf Vordermann bringen lassen. Aber so einen Totalschaden zu reparieren dauert nun einmal seine Zeit.“
„Totalschaden? Davon war gestern noch nichts zu sehen!“
„Glaubt mir, wenn der Junge in seinem Zustand mit Eurer Maschine fertig ist, wird das einer.“
„Du… du…! Bleib sofort stehen, du!“
Unter dem brüllenden Lachen der Kameraden des vorgeführten Sportsmannes wandte sich Tungaran ab.
Seine Partnerin nahm die Hände des Verbanntensohnes in die ihren.
„Wo mag der Junge stecken, Liebling? Er wird sich doch nichts angetan haben?“
„Das hat er nicht. Ich kenne ihn doch!“
Tungs Vater ergriff nun seinerseits die Hände seiner Frau, dann nahm er sie bei den Schultern, berührte ihre Wange und lies die Hände hilflos wieder sinken.
<Wir müssen weg, nicht wahr?>
<Wohin? Wir haben all die Zyklen gelebt wie ein Staubkorn unter Millionen, dennoch haben sie uns aufgespürt.>
Tungaran nickte zu den stummen Worten seiner Frau. Offenbar hatte ihm sein Vater Irgal doch etwas vererbt und gleich noch vervielfältigt, damit der Sohn es mit der gesamten Familie teilen konnte: sein nie vollstrecktes Todesurteil.

*

Ein weiterer Tag verging. Tungs Jacke mit den Beschlägen verschwand aus der Wohngarage, ohne dass das Motorrad wieder aufgetaucht wäre. Stattdessen hinterlies der heimliche Besucher einen für seine Eltern bestimmten Zettel und einen mit „Tung Alulim“ unterschriebenen Schuldschein für den Besitzer des Zweirades.

*

Der dritte Anurmond.
Regierungssitz des Reichs unter den drei Sonnen.

„Privatfahrzeuge sind auf diesem Mond schon nicht gern gesehen, wenn sie sich in vorzeigbarem Zustand befinden“, teilte ein am Höfling dem Hausangehörigen auf Probe mit. „In den Palastgärten aber sind sie strikt verboten!“
Tung [x] /Alulim nahm eine Pfandmarke für sein beschlagnahmtes Motorrad entgegen.
„Bringt es auf Vordermann, während ich meine Geschäfte auf dem Mond erledige!“ bat er leichthin. „Die Rechnung geht an den Schatzmeister des Schusar-Weltraumprogramms!“
Wortlos richtete der Höfling seine Hand, den Rücken nach unten, auf Tung und winkte mit dem Zeigefinger.
Seufzend löste Tung sein neues Wappen von der Jacke, eines der Einheitswappen, die auf der Schusar-Weltraumstation verwendet wurden. Zusammen mit dem versprochenen Linienflugticket zum Mond hatte Tung die Anstecknadel bei der Kurverwaltung in Ekar-Komitl abgeholt, die für Touristen und Hauslose als Poststelle fungierte.
Zufrieden buchte der Höfling die Kosten für die erbetene Dienstleistung auf das Wappen, dann reichte er es dem Besitzer zurück. Sollten doch die Herren und Damen auf der Station klären, wer denn nun wirklich für eine solche Ausgabe zuständig war! Hauptsache, hier auf dem Mond hatte alles seine Ordnung.
Tung stellte fest, dass sein Guthaben soeben in den negativen Bereich gefallen war, sich die Fehlsumme aber noch immer unter dem bewegte, was er als Heuer zu erwarten hätte, wäre die ganze Geschichte, in die er da hineingeraten war, kein ausgeklügelter Streich der Herrscherfamilie.
Andererseits war da sein Schusar-Wappen. Seit es in Tungs Händen lag, hatte der Hauslose wieder begonnen Hoffnung zu schöpfen. Ein solches Wappen extra für ihn bereitzustellen, so etwas tat man doch nicht für einen Streich! Oder sollte das Wappen die Falle, in die Irgals Enkel laufen sollte, glaubhafter machen? Aber es war sogar wie die restlichen Schusarwappen auf die Gewährung kleinerer Kredite programmiert, was normalerweise ein allein dem Adel vorbehaltenes Privileg darstellte! Und beim Geld hörten die Scherze auf, oder?
Je öfter der Jugendliche sich die Details vor Augen hielt, umso unwahrscheinlicher erschien es ihm, dass sich Enlil derartigen Mühen unterziehen sollte, wenn er ebenso eines seiner Sprechenden Schwerter mit der Beseitigung von Irgals Nachkommen betrauen konnte.
Doch konnte Tung sich eben nicht sicher sein und das ständige Pendeln zwischen Furcht, Hoffen und Glauben zermürbte den Geist des Jungen zunehmend.

*

Der von einer Kuppel überspannte Palastgarten beherbergte besonders jene Zier“pflanzen“, die im Weltraum bestens gediehen: Steine. Sie boten einer Vielfalt von Flechten und Moosen Lebensraum.
Tung hatte noch nie zuvor einen Steingarten betreten, geschweige denn auch nur von einem gehört.
Hunderte kleine Sonnen beleuchteten das Areal. Der Besucher fragte sich, was die Lichter am Schweben hielt. Was immer ihn selbst am Funktionieren und Sprücheklopfen gegenüber dem Höfling gehalten hatte, verflüchtigte sich in der unmittelbaren Nähe des Regierungszentrums Ajaer Scharuturs, des „Neuen Reiches unter den drei Sonnen“. Der dem für die Öffentlichkeit zugänglichen Teil der Palaststadt vorausgehende Garten führte dem jungen Mann wieder vor Augen, dass er ein Diamant unter Steinen war: Hübsch anzusehen, als Werkzeug vielfältig einsetzbar, aber letzten Endes durch ein Streichholz zu vernichten. Jedenfalls genügte den Helden in den Fernsehspielen jedesmal ein solches, wenn sie Gedankenbomben zündeten, mit psychischer Energie geladene Kristalle. Diamanten für den Einsatz als Granaten in einer sehr physischen Version der psychologischen Kriegsführung zu programmieren gehörte nicht zur Tätigkeitsbeschreibung eines Kristallomanten, sondern wurde als eine der schwereren Strafen in den Gesetzeskatalogen geführt. In seinem derzeitigen Zustand hätte Tung leicht einen ausgewachsenen taktischen Sprengkopf aufladen können…
Psychisch ausgelaugt von abwechselnden Hochstimmungen und Anfällen von Verzweiflung lies er sich auf einer Bank nieder. Tung fröstelte als hätte die Weltraumkälte das Kuppeldach durchdrungen. Aus einer Ecke seines Bewusstseins drängte sich das Wissen in den Vordergrund, dass Kälte nirgendw eindringen, sondern lediglich Wärme verschwinden, konnte. Als ob das noch eine Rolle spielte… dennoch war der Gedanke aufgekommen.

<Hallo!>
Tung hob den Kopf und blickte sich um. Auf einem großen Felsen, der einer Kolonie Duftmoos Heimat bot, hockte ein zwei bis drei Zyklen altes Kind weiblichen Geschlechts. Ein diesem ähnlich, (wenngleich nicht ähnlich genug, um als ihr Zwillingsbruder durchzugehen) sehender Knabe näherte sich gemessenen Schritts. Beide Kinder wiesen vollfarbige Adelswappen auf und waren in Fürstensprösslingen angemessene Gewänder gehüllt.
„Wer bist du?“ erkundigte sich das Mädchen.
Tung erkannte nun, dass sie deutlich älter als der Knabe war.
„Tung“, antwortete er, um im nächsten Moment zu präzisieren: „Tung Alulim. Also, das ist noch nicht ganz raus.“
„Ooch…“ meinte der Knabe enttäuscht. „Und ich habe gedacht, du wärst ein Verbrecher!“
In der Tat ähnelte Tungs provisorisches Wappen auch noch in der Ausführung der Schusar-Station dem eines verurteilten Kriminellen. Doch wo Sträflingswappen vollständig monochrom waren, wies Tungs mehrere Pixel in den Clansfarben Alulims, Rot, Gelb und Weiß, auf.
„Amar Utu! Das hättest du aber selbst sehen müssen!“ lies sich eine Mädchenstimme vernehmen.
Aus Richtung des Palasttores kamen zwei weitere Kinder, zwei Schwestern nicht geringeren Standes, geschlendert. Es waren die seltsamsten kleinen Mädchen, die Tung jemals gesehen hatte, denn die Sprecherin trug nicht nur kurze Hosen, sondern zusätzlich ihr Haar so kurz, wie es die Zofen verantworten konnten. Ihre züchtig gekleidete Schwester hielt ein Holzschwert in der Hand, mit dem sie recht geschickt gegen Steine Krieg zu führen vermochte.
„Hallo, Nurti…“ murmelte der Amar Utu Genannte errötend. „Und Nannaya.“
Seine ältere Schwester richtete ihre Aufmerksamkeit sowie den Äthersinn auf den kleinen Amar Utu: <Ich sehe, dass der fremde Mann sich fragt, was es mit den Sonnen auf sich hat! Führ´ es ihm vor!>
Amar Utu Alulim grinste Tung an.
„Du willst also ein Alulim werden?“
„Professor Enlil wünscht sich das.“
„Dann musst du dich aber auch mit unserem Wappen“tier“ auskennen, wenn der Onkel dich bei uns aufnehmen will!“ behauptete Amar Utu. „Hier, guck mal!“
Bei diesen Worten holte der Knabe eine Fernbedienung hervor, die er geradewegs in den künstlichen Himmel unter der Kuppel richtete. Auf ein Klicken hin wurden dünne Kabel sichtbar, an denen die vermeintlichen Sonnen befestigt waren. Sie entpuppten sich als ganz normale Lampen.
„Die Kabel werden holographisch getarnt, gut was? Da die Lampen stationär bleiben, fällt es nicht auf, dass ein Illusionsfeld drum herum aufgebaut ist.“
<Ist hier überhaupt irgendetwas, wie es scheint?>
Amar Utu fing Tungs Gedanken auf.
„Nö“, behauptete er. „In Wirklichkeit sind wir auf Ki und ich bin der Generalgouverneur!“
„Quatsch!“ beschwerte sich die Schwester. „Das träumst du nur. Weil ich dich in eine Kälteschlaftruhe gesperrt habe, und oben drauf sitze. Denn ich bin die Generalgouverneur von Ki!“
„Uttu!“ mischte sich nun das merkwürdige Junge-Mädchen ein. „Du kannst dich nicht einfach auf Amar Utu draufsetzen, vor allem nicht, wo ein Gast da ist. Sei respektvoll, spring von der Truhe runter und stell etwas majestätisches auf den Deckel!“
Während Tung noch die Lampen bestaunte, die sich als Sonnen ausgaben, verstrickten sich die drei Mädchen in eine heftige Diskussion, was denn ein angemessen majestätischer Türstopper für Amar Utu sei. Der Schädel eines Stieres wurde ins Feld geführt, wobei sich allerdings das Gewicht eines lebendigen Stieres als Mittel der Wahl herauskristallisierte, den Knaben auch zuverlässig in seiner Box eingesperrt zu halten.

Als Tung seinen Blick wieder zu Boden richtete, um das Spiel der Kinder zu verfolgen, stand da ein blonder Junge, der vorher nicht zu sehen gewesen war.
„Bei den Himmelsgöttern! Wie viele gibt´s denn von Euch?!“ entfuhr es dem Hauslosen.
„Immer einen mehr, als man glaubt“, erwiderte der Blondschopf trocken.
Ein sechstes Kind, ebenfalls ein Knabe, schlich sich von hinten an Amar Utu an und verwickelte diesen in eine Balgerei um die Fernbedienung. Beide Knaben wiesen dunkelblaues Haar auf, das in ähnlich gestaltete Gesichtszüge fiel. Der Neuankömmling war ein wenig untersetzter als Amar Utu und da dieser Fürst Enlil als seinen Onkel bezeichnet hatte, schlussfolgerte Tung, dass es sich bei seinem Kontrahenten um den Sohn des Professors, also Amar Utus Vetter, handelte.
„Gib her!“ forderte der dickliche Junge. „Ich will auch mal!“
„Kriegst du aber nicht! Enlils Sippe ist nur zu Gast bei Hofe!“
Die tiefblauen Augen des Enlilssohns füllten sich mit Tränenflüssigkeit. Er hielt inne, was Amar Utu nutzte, ihm einen Tritt zu versetzen.
„Pfui!“ spuckte die Schwertträgerin vor Amar Utu aus. „Du bist ein schlechter Gastgeber!“
„Nannaya! Ich brauche keine Leibwächterin!“ beschwerte sich der untersetzte Junge.
Das kurzhaarige Mädchen, Nurti, erinnerte sich Tung an ihren Namen, schüttelte den Kopf.
„Du brauchst derer eine ganze Hundertschaft, Ashtar!“ stellte sie richtig.
Tung konnte nicht anders, er musste einfach lachen! Und wenn es das letzte Mal sein sollte, dann musste man umso ausgelassener lachen!

In die Begegnung platzte Nuska, Enlils Diener, den Tung mittlerweile im Verdacht hatte, weitaus mehr als ein Lakai zu sein.
„Junger Herr Nanna“, begrüßte er den strohblonden Jungen.
Tung erkannte den Namen als den des jüngsten der vier Söhne des Großen Ans. Seine älteren Geschwister sowie deren eigene Söhne standen zwischen Nanna und dem Thron. Der Junge existierte als Rückversicherung und natürlich, um einmal durch geschickte Heirat ein anderes hochadliges Haus enger an die Alulim zu binden. Genau wie der junge Hauslose war auch der Anusohn nichts weiter als ein Spielstein für die Hohen Herren.
Nacheinander begrüßte Nuska auch die restlichen Kinder, Enlils und Enkis jüngste Nachkommenschaft: Die Zwillinge Nannaya und Ashtar, ihre Schwester Ninurta sowie den Vetter Amar Utu mit seiner Schwester Uttu.
Siedenheiß durchzuckte es Tung, dass von einem Bürger des Hauses möglicherweise erwartet wurde, diese und viele weitere Namen zu kennen, sie dem richtigen Platz im Beziehungsgeflecht des Clans zuordnen zu können. Er aber hatte sich im Vorfeld dieser Audienz rein gar nichts über seine neuen Herren angelesen.
„Der Große An empfängt den Anwärter jetzt“, erklärte Nuska.
Tung zuckte zusammen. In dem verzweifelten Bemühen, zumindest die Namen der Kinder korrekt zuordnen zu können, wiederholte er sie in seinem Kopf:
Nannaya… Amar Uttu… Utu… nein, andersherum… Nanna und Nannaya… oder doch nicht? Das bringt nichts… konzentrier dich auf Fakten, die du kennst! Ekar-Komitl… Töpferware… Unser Bürgermeister heißt… nein, der ist unwichtig. Schattenlosenpein, wem gehört die Stadt gleich nochmal? Schusar… Weltraumprogramm… Ki befindet sich in 2351 Lichtjahren Entfernung, nicht zweieinhalbtausend, wie alle runden… und Kälte gibt es physikalisch nicht… das sollte genügend Eindruck machen… für einen Raumpiloten… unter dem Fallbeil…
„Oh!“ rief Nannaya aus. „Oh, Nuska! Können wir mit?“
„Ihr könnt mit zu einer Audienz gehen, wenn Anzu nochmals nach dem Thron greift“, entgegnete Nuska barsch. <Der Thonräuber hat es nicht anders verdient, aber unbescholtene Bürger und Regenten sollten nicht den sechs Hofplagen gegenübertreten müssen.>
„Oh, er soll nur bald kommen, der Anzu!“ rief Nurti im vollsten Brustton der Überzeugung aus. „Dem werde ich´s schon zeigen!“
Nuska führte Tung in Richtung Palasttor. Der Hauslose schauderte, als ihm einfiel, dass seine Blutlinie sich dem Alulim-Clan gegenüber nicht anderes als der Usurpator verhalten hatte.
Vielleicht nehmen sie mich ja wirklich auf, schoss es Tung durch den Kopf.
War nicht Anzu Alalu mittlerweile zum Hofastronomen aufgestiegen? Möglicherweise wollte Professor Enlil seine Feinde einfach nur in der Nähe haben, um sie besser beobachten zu können!
„Ich würde dir gern sagen, ‚Hab’ keine Angst’“, meinte Nuska noch, bevor er Tung nach einer kurzen Wanderung durch Gänge und Kammern in der Audienzhalle allein lies. „Aber ein wenig gesunde Furcht vor dem Herrn über Ajaer Scharutur ist wohl angemessen.“

*

Den Gesetzen Ajaer Scharuturs nach besaß jeder Patriarch das Recht, innerhalb des eigenen Hauses über Zu- und Aberkennung des Adelstitels zu entscheiden und das Gleichsstellungsgesetz in den Kanon seiner Lokalgesetze aufzunehmen oder nicht. Auch eine Verbannung, ob nun zeitweilig, vollständig oder gar mit Entzug der Personenrechte einhergehend, musste nicht zusätzlich von einem höheren Gremium bekräftigt werden. Der gegenteilige Fall jedoch, die Aufnahme einer Person von außerhalb des Systems in dasselbe, unterlag den strengsten Vorgaben.
Es oblag dem Hof die Rechtsgültigkeit von Clansfürsten ausgegebener vorläufiger Wappen zu bestätigen oder sie Kraft seiner Regierungsgewalt zu annulieren. Ein Adliger, der eine Ehe zwischen einem Bürger und einer Hauslosen schloss, halste sich damit oft mehr Verwaltungsarbeit auf, als der bürgerliche Teil des Duos zu bezahlen willens oder in der Lage war.
Die Verleihung des Bürgerrechts an einen männlichen Hauslosen wurde noch seltener vorgenommen, daher war es für Anu Alulim durchaus angemessen, sich persönlich damit zu befassen. In Tungs Fall war es überdies das eigene Haus, das Zuwachs erhalten sollte und aus diesem Grund widmete sich der Große An dem Jüngling nicht nur persönlich vermittels Schriftverkehr, sondern auch in Person.

Zu Tungs Überraschung verlief die Begutachtung seiner Person nicht anders als sein Bewerbungsgespräch beim Direktor der Schule, in welcher er als Junge als Putzkraft gearbeitet hatte. Anu zeigte sich unter anderem an Tungs nicht vorhandenem Vorstrafenregister interessiert.
<Bedeutet das, dass du ein gesetzestreuer junger Mann bist, oder hast du dich bloß nie erwischen lassen>
„Nun, kürzlich habe ich in Untersuchungshaft gesessen, ohne dass auch nur im Äther der kleinste Verdacht auftauchte!“
Anu nickte. Die Berichte der Ordnungshüter aus Ekar-Komitl hatte er bereits im Vorfeld studiert.
„Vierundzwanzig Stunden und achtundfünfzig Minuten? Ich wusste nicht, dass der Humor meines Enlil selbst auf seine Stadtwächter abfärbt.“
Tungs Gedanken überschlugen sich. So gehörte seine Heimatstadt als Enlil Alulim… er war also schon immer ein, wenn auch inoffizieller, Untertan des Professors gewesen! Gleichzeitig stieg alles wieder in ihm auf, was sich im Zusammenhang mit der kurzen Untersuchungshaft ereignet hatte.
Der Regent lauschte auf den Äther.
„Dass sich die kleine Kerat nicht für die von deiner Familie erfahrene Unterstützung bedankt hat, ist dem Durchlebten geschuldet“, kommentierte der Nefilim, was er in Tungs Gedanken fand. „Aber dass es ihre Familie unterlassen hat, sich dankbar zu erweisen, stellt einen grober Verstoß gegen die Normen unseres edlen Standes dar. Daran sieht man, dass Khepera mit Recht nicht zum Hochadel zählt.“
<Nein.>
<NEIN? Du wagst es, zu widersprechen?>
Anus Ausbruch war nicht auf den Mann gezielt, sondern breitete sich ungehemmt aus. Zusätzlich zu dem Bürger auf Probe zog er auch die vor dem Audienzsaal postierten Wachsoldaten in Mitleidenschaft, zwei Nefilim, von denen einer den anderen nun angrinste.
„Gewöhn´ dir an, vor jedem Empfang da drin einen geistigen Schild zu errichten“, riet er dem sich keuchend auf seine Schocklanze stützenden Neuling. „Wenn die Herren nett zu jemand sein wollen, schicken sie demjenigen nen Zisi-Diplomaten. Persönliche Audienzen hier drin verheißen selten was Gutes. Oder selbst wenn sie’s tun, dann erst, nachdem die Fetzen ordentlich geflogen sind.“
Bereits etwas leiser fügte er hinzu, dass dies besonders für Fälle gelte, in denen der Name „Enlil“ an irgendeiner Stelle der Dokumentation erwähnt wurde.
<Nicht Prinz Enki?>
<Nein, glaub’s mir nur. Zwischen Enki und dem Hof kracht es öfter, aber wenn Enlil beteiligt ist, dann so richtig. Wobei, man kann sie ohnehin nicht unterscheiden…>

Tung [x] /Alulim erholte sich langsamer als der Edle auf der anderen Seite der Wand.
„Über Haus und Clan Khepera maße ich kein Urteil an“, stellte der Annunaki richtig, nachdem das unkontrollierte Zittern seines Körpers aufhörte. „Ich meinte nur, dass ein Dank nicht nötig ist.“
Ein spöttisches Lächeln umspielte Anus Mundwinkel.
„So edelmütig, junger Mann?“
„So unwürdig.“
Tung öffnete seinen Geist. Er konzentrierte sich auf die Erzählung seiner Eltern, auf jenen Teil der Familiengeschichte, den er nicht heimlich nach Schulschluss aus ihm als Hauslosen eigentlich gar nicht zugänglichen Lehrbüchern gezogen hatte, sondern der in jeder Alulimdomäne in die Alltagskultur eingegangen war.
<Die Geschichte des letzten, des nicht vollstreckten, Todesurteils Ajaer Scharuturs kannte ich seit meiner Kindheit, Herr. Aber erst vor wenigen Tagen erfuhr ich, daran Anteil zu haben. Ich bin Irgal Alulims Enkelsohn. Des Mannes, der Eure ältere Schwester entführte, als sie noch ein kleines Kind war, um ein Lösegeld vom Hof zu erpressen.>
In einer raschen, nichtsdestotrotz eleganten Bewegung zog Anu seinen Säbel! Die gekrümmte Klinge war ein Statussymbol, jedoch keine Zierwaffe. Von hinten legte der Nefilimregent sie Tung [x] an die Kehle. Die Schneide ritzte die Haut des Jugendlichen, doch dieser zuckte mit keiner Faser seines Körpers.
<Du wehrst dich nicht? Ich bin beeindruckt!>
Tung nahm den Rest der ihm gebliebenen Stärke zusammen. Dies war der Moment, in dem er erfahren würde, ob sein ihn die zurückliegenden Tage über immer wieder in Hochstimmung versetzendes Gedankenkonstrukt der Wirklichkeit standhalten konnte.
„Mord bleibt Mord, auch wenn er an einem Hauslosen verübt wird, und wird gerichtlich geahndet. Euren Thron würdet Ihr nicht wegwerfen, nicht wegen so was wie mir. Mich zu töten wäre ebenso unangemessen, wie ein Dank aus Frau Kerats Mund.“
Anu lies seine Waffe sinken.
„Jeder andere hätte dennoch Furcht gezeigt“, meinte er. „Selbst Irgal hat das.“
Tung wischte über seinen Hals laufende Blutstropfen mit dem Finger fort. Er betrachtete die zähe Flüssigkeit kurz, reinigte dann seine Hand, hielt das Papiertaschentuch so, dass es der Regent gut sehen konnte und lief auf einen bereitstehenden Papierkorb zu, um es zu entsorgen.
„Ich bin nicht Irgal“, sagte er.

*

„Du hast WAS getan?!“
Tungs Onkel konnte es kaum fassen, aber Tungaran lachte herzlich über die Wiedergabe des Gesprächs seines Sohnes mit dem Herrn der Drei Welten.
„Du hast genug von ihm geerbt!“ stellte er fest.
„Ja, das hat der Große An ebenfalls geantwortet“, gab der frischgebackene Alulimangehörige zu. „Und dass es an mir läge, was ich daraus mache. Also das letzte jetzt, das hat Professor Enlil gesagt. Schattenlosenpein, Pa! Ich scheine mich allmählich daran zu gewöhnen, in solchen Kreisen zu verkehren…“
Solange ein Kasten Bier für die Familie dabei abfiel, wollte sich Tungaran [x] darüber nicht beschweren. Mahlzeit und Rauschgetränk in einem, doch leider in den meisten Sorten unerschwinglich für die ärmeren Volksschichten und in den billigen Varianten hochgradig zellzerstörerisch, galt Bier als ein Getränk der Wohlhabenden, wenngleich nicht mehr ausschließlich des Adels.
Das Bier war ein Geschenk Nuskas, doch Tung hatte zusätzlich seinen Kreditrahmen bis zur Grenze ausgeschöpft, um der Familie Winterkleidung und jedem ein persönliches Geschenk zu kaufen. Seine eigene Füße steckten noch immer in der Frühstückstüten-und-socken-Kombi, denn bald würde er zur Schusar-Station aufbrechen, wo er die meiste Zeit über Uniform tragen würde.
„Aber den Weltraumflug, den schlägst du dir doch besser aus dem Kopf“, warnte Tungaran seinen Sohn. „Erstens schaffst du das sowieso nicht und zweitens…“
„Die Leute sagen, es könnte jetzt jeden Tag bekannt gebeben werden, dass sie das Programm abbrechen“, überholte der Onkel Tungaran. „Eig´ne dir alles an Bildung an, was du auf der Raumstation bekommen kannst, und du wirst es einmal weit bringen, Neffe. Wer weiß, vielleicht entscheidest du dich in vier, fünf Zyklen wirklich für eine Karriere als Weltraummatrose? Denn nun hast du ja die Wahl!“
„Für´s Militär bin ich schon mal nicht tauglich, sagt Herr Ischum“, erwiderte Tung.
In die Unterhaltung der Großen rief Rusch: „Mach noch mal die Maske!“
Tung kam der Bitte nur zu gern nach. Als sein Haussymbol die Gesichtszüge des Jugendlichen verdeckte, zog das Kind eine halb anerkennende und halb neidische Schnute. Rusch durfte nicht mit seiner Hausmaske spielen, aktivierte sie nur auf elterliche Anweisung. Aber Tung, der war jetzt nicht nur ein Hauskamerad, der war auch noch volljährig! Rusch wusste noch nicht, wie er zu dieser offensichtlichen Ungerechtigkeit stehen sollte.

*

Tungs nächste Begegnung mit dem Träger einer Alulim-Hausmaske fand wieder im Orbit statt.
In die Uniform eines Schusar-Anwärters des Hauses Alulim gewandet und eine frabrikneue Reisetasche über Schulter war er bereit, sein Quartier zu beziehen. Gleichzeitig mit Tung schritt ein Adliger den Gang entlang. Er hielt auf die gegenüberliegende Einzelkabine zu. Tung seinerseits stand nur das dritte, bisher von Schen und Asaluhi als Ablage genutzte Bett in einer Dreimann-Unterkunft zu und die Halbbrüder erwarteten überdies, dass er es vor der ersten Benutzung selbst aufräumte.
Tung Alulim blieb stehen, um dem Edlen die notwendigen Respektsbezeugungen zu erweisen. Auf den ersten Blick erkannte er ihn als Fürsten des Herrscherhauses – und nicht nur das.
Tung seufzte leise.
<Was ist?>
<Nichts. Es ist nur so, dass dies alles hier noch neu für mich ist. Besonders die ganzen Adligen. Muss man da unbedingt gleich dem Erbprinzen begegnen?>
Prinz Enki, denn um niemand anderen handelte es sich bei dem Fürsten, legte die Stirn in Falten. Hinter den amethystfarbenen Augen des Rekruten schien eine Menge vorzugehen, von dem er ausgeschlossen blieb. So viele Andeutungen und Erinnerungsfragmente… Es wäre Enki ein Leichtes gewesen, in den Äther zu greifen und den Annunakigeist von dort aus ein wenig anzustubbsen, um ein klareres Bild von ihm zu erhalten. Doch er fühlte, dass eine Einmischung dem Jugendlichen nicht helfen würde und dieser ohnehin bereits erfolgreich dabei war, das Wirrwarr in seinem Kopf zu ordnen, daher unterlies er es.
Stattdessen meinte Enki salopp: „Ich bin ebenfalls ein Neuer“ und anschließend auf Tungs unausgesprochene Frage: „Ich bin der Kommandant der ‚Schusar’.“
„Dann fliegen wir wirklich?“ platzte es aus dem zukünftigen Piloten heraus. „Und ich glaubte schon… also, ich dachte…“
„Für den Glauben und das Denken ist mein Bruder zuständig“, erwiderte Enki. „Ich sehe, du bist bereits in Uniform. Stell dein Gepäck ab, pack nichts aus, sondern hilf mir rasch in meine, denn ich habe es eilig!“

*

Wenig später betrat Tung hinter seinem Fürsten jenen Saal, den die Bewohner der Raumstation abfällig als „die Schulaula“ bezeichneten. Sämtliche verbliebenen Rekruten, aber auch die wichtigsten Ausbilder, Raumschiffskonstrukteure und Verwaltungskräfte, die im Schusarprogramm beschäftigt waren, warteten bereits dort. Die restlichen Plätze wurden vom Personal der Raumstation besetzt. Auch diese Männer und Frauen wiesen natürlich ein gesteigertes Interesse daran auf, zu erfahren, wie es mit dem Schusarprojekt und ihren Arbeitsplätzen weitergehen würde.
Professor Enlil, der Hofastronom und weitere Größen des Hofes, die Tung nicht kannte, saßen über die Bühne der „Aula“ verteilt. Mehr als einer der Edelmänner zuckte sichtlich zusammen, als er des Erbprinzen in einer den Schusar I – Schriftzug zeigenden Uniform ansichtig wurde. Wie jede Gruppe überraschter und verwirrter Personen begannen sie, untereinander zu raunen, beschränkten ihre Äußerungen aber auf den Äther.
Auf einen geistigen Impuls seines Herren hin überholte Tung den Nefilim, nahm die drei Stufen auf die Bühne und verkündete, was sonst den Zeremonienmeistern vorbehalten war: „Seine Hoheit Prinz Enki Alulim, Kommandant der ‚Schusar’!“
Dumuzi, Xolotl und Wadjet machten keine Anstalten, den Jüngling für seine Anmaßung ihrer Posten zur Rechenschaft zu ziehen. Sie wechselten lediglich erfreute Blicke miteinander.
<Wir wollten die Zukunft des Schusarprogrammes mit den Beteiligten diskutieren>, begann Proteus Alulim, ein Finanzexperte des Hofes.
Anzu schob die geistige Präsenz des Alulimadligen brüsk beiseite.
„Nein. Ihr wollt uns solange vollseiern, bis wir zustimmen, dass es für uns das Beste ist, von unserem Vorhaben zurückzutreten.“
„Proteus?“ flüsterte Enki. „Mein Freund? Haben sie dich jetzt auch umgestimmt, dich gegen den Flug auszusprechen?“
Der Angesprochene, selbst Angehöriger einer Familie von nicht geringem Einfluss im Herrscherclan, senkte den Kopf. „Wiegt man die Vor- und Nachteile der Expedition gegeneinander ab, zieht die nicht zu unterschätzenden Risiken einmal in Betracht, anstatt sie wegzureden, dann drängt sich dieser Entschluss gerade zu auf“, erklärte er. „Schusar hat sämtliche Gewinne, die das Programm eingefahren hat, beinahe vollständig wieder verbraucht. Dies wäre der Moment, einen Schlusstrich zu ziehen und uns guten Gewissens auf die Schulter klopfen zu können.“
„Verstehe“, erwiderte Enki. „Ninnisig bekommt einen neuen Säbel, Uttu ein fesches Ballkleid, und mein Sohn ein ferngesteuertes Modell des Raumschiffs, das in Zukunft in einem Technikmuseum jedermann die Zukunft vor Augen halten wird, die nicht stattgefunden hat. Vielleicht unternehmen wir ja mit dem Onkel der Kinder einen Familienausflug dorthin wie eine glückliche Bürgersfamilie.“
<Ein WENIG mehr fällt schon ab… genug, um sich dreimal zu überlegen, ob man es wirklich aus dem Fenster werfen möchte.>
<Aha. Daher weht der Wind also.>
„Nun, wir haben immer noch die ‚Ekur’ in der Hinterhand“, meinte Proteus. „Teilen wir die Gewinne jetzt auf und lassen jene Häuser ziehen, die sich damit zufrieden geben! Lassen wir ein verkleinertes Projekt auf Sparflamme laufen, hindert uns nichts daran, den Flug in einigen Zyklen doch noch zu riskieren.“ <Das wäre die vernünftigste Handlungsweise.>

Die surrenden Kameras der Hofreporter und Wissenschaftsjournalisten schnitten jedes Wort der Begegnung mit, seit der jugendliche Rekrut auf die Bühne getreten war. Enki war das nicht entgangen.
„Ich glaube an ‚Schusar’!“ rief er. „Und damit das auch der letzte begreift, werde ich mich selbst in die Rakete setzen! Ich selbst, der Erbprinz der Vier Welten, nicht irgendwelcher Straßendreck und jüngere Söhne, die in der Erbfolge soweit unten stehen, dass sie ihrem Clan noch Geld schulden, wenn sie einmal ihr Erbe antreten!“
Tung und Kethri zuckten zusammen. Kulla Apis hingegen hörte die verletzenden Worte kaum. Sein hochadliger Äthersinn lies ihn die dahinterstehenden Gefühle als seinen eigenen zu verwandt erkennen, um sich von einer Beleidigung getroffen zu fühlen, die nicht so gemeint war. Der erste Offizier der „Schusar“ öffnete seinen Geist, um die Bordkameraden an allem Teil haben zu lassen, was im Äther zwischen den Nefilim ablief.
„Wir fliegen!“ teilte Enki Alulim den Versammelten unumstößlich mit. Er wandte sich den unter ihm sitzenden Männern und Frauen zu. „Wer kommt mit mir?“
Achtundvierzig Hände flogen in die Luft. Die neunundvierzigste gehörte zu dem hinter Enki stehenden Tung.
<Fünfzig, hm?> Enlil lächelte. <Eine glückverheißende Zahl.>
Unter denen, die sich gemeldet hatten, befanden sich auch solche wie Ishkur T´ien und Hanishullat Ubaid, die noch um einen einzigen verfügbaren Platz auf der Besatzungsliste wetteiferten. Zusätzlich hatten sich der An’ti und Amkur Tigâra spontan erhoben, ein noch minderjähriger Schiffsjunge sowie eine am Bau der ‚Schusar’ beteiligte Konstrukteurin, also Personen für die eine Teilnahme am Flug nie zur Debatte gestanden hatte. Doch gerade Amkurs vermochte mittlerweile mit weit über ihren Arbeitsvertrag als Gehilfin hinausgehende Qualifikation zu überzeugen. Es schien, als seien ihre Fähigkeiten mit jeder an der „Schusar“ angebrachten Kachel und Schraubenmutter expotentiell angewachsen.
<Ich sehe Mehrausgaben für zusätzliche Anabioseeinheiten auf dich zukommen>, teilte Enlil Proteus mit.
„Ich habe ein Schiff, ich habe eine Mannschaft“, wandte sich Enki Alulim an den Bruder, die restlichen anwesenden Adligen kühl ignorierend. „Jetzt zeig´ mir, wo wir hinmüssen!“
„Mit Vergnügen, Bruder!“
Enki befahl Tung, sich den anderen hinzuzugesellen und winkte stattdessen Amkur Tigâra nach vorn. Als die Annunakifrau an den Bühnenrand herantrat, fragte der Erbprinz: „Wann können wir zum Jungfernflug starten? Ich verlange eine ehrliche Antwort!“
Amkur drehte sich nicht zu ihren Vorgesetzten um. Die Ätherpräsenzen der restlichen Besatzungsmitglieder, insbesondere Kullas, genügten ihr, sich für eine von mehreren möglichen Antworten zu entscheiden. Außerdem beschlich Amkur der Verdacht, dass die Richtigkeit ihrer Aussage letzten Endes darüber entscheiden würde, ob sie Ki das erste Mal von einem auf Anur stehenden Fernsehschirm aus oder durch das Bullauge der „Schusar“ zu sehen bekäme.
„Vorgestern“, antwortete die Frau wahrheitsgemäß.

*

Mit Enki und Tung Alulim sowie Amkur Tigâra wies die „Schusar“ symbolträchtige fünfzig Besatzungsmitglieder auf, eine Zahl, die später als geniale Idee Anzus und der Prinzenbrüder hervorgehoben wurde, in Wahrheit aber lediglich der Legitimierung einiger unerwarteter Expeditionsteilnehmer diente.
Tung wusste nun, wo er hingehörte. Es war nicht der Platz, den ihm die Gesellschaft hatte einreden wollen und auch nicht der, in den ihn die Prinzenbrüder erhoben hatten. Nein, es war diese Mannschaft, die Männer und Frauen von der „Schusar“.
Aus tausenden von hauslosen Bettlern war nun also auch Tung märchenhaft gerettet worden.
Wieso – auf diese Frage würde es wohl nie eine Antwort geben. Doch das „wozu“ stand dem jungen Mann klar vor Augen: Im Gegensatz zu Kerat würde er nicht vergessen.
Natürlich gab es vorher noch die Kleinigkeit, in ein zweieinhalbtausend Lichtjahre entferntes Sternsystem zu fliegen, zu erledigen…

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