(K)eine vollkommene Katastrophe (Teil 1 von 2)

(Sechste Erzählung aus „Die Kinder des Schusarvogels“, Teil 1 von 2)

Hinweis: Zum Ansatz einer Übersicht habe ich im vorherigen Post eine Mannschaftsliste eingefügt.

Der erste Tag

„Diese Expedition ist eine vollkommene Katastrophe!“ brüllte Ishkur T´ien.
Andere Expeditionsteilnehmer waren froh, überhaupt wieder Luft schöpfen zu können. Einer nach dem anderen tauchten sie aus dem morastigen See auf, als wären sie keine Astronauten, sondern die Gefolgsleute Tiamats, die aus den Urfluten stiegen, um die Sterblichen zu piesacken.
Mit Leid kannten sie sich aus, die fünfzehn Frauen und fünfunddreißig Männer, erlebten sie doch gerade jede Facette davon.
Schlimm genug, dass ihr teures Raumschiff hinter ihnen im Wasser versank. Wie viele Zyklen Zwangsarbeit in den Bergwerken im Asterodenring das für jeden von ihnen bedeutete, konnten sich die Schiffbrüchigen gar nicht ausmalen. So mancher von ihnen war ja noch nicht einmal dazu in der Lage, bis zwölf zu zählen, so sehr stand er angesichts des Absturzes unter Schock.
Da war der jugendliche Navigator, ein halbes Kind noch, der wie wild mit den Armen um sich schlug. Dass seine Matrosen ihn nur deswegen festhielten, um ihn aus dem Wrack und in Sicherheit zu ziehen, realisierte der Offizier überhaupt nicht. Er brüllte ebenso laut wie Ishkur, jedoch um einiges verzweifelter und war überdies längst über das Stadium konkreter Worte hinaus.
Nicht wenige Besatzungsmitglieder litten unter unkontrollierten Zuckungen ihrer Körper. So lange hatten sie diese nicht mehr – hatten sie gar nichts! – gespürt, nun waren die Weltraumreisenden ihren Leibern hilflos ausgeliefert.
Wissenschaftler, Raumbaseningenieure, Soldaten, Kundschafter und Diener waren während der jahrzehntelangen Reise aus dem heimatlichen Dreisternsystem zur Erde nicht benötigt worden und hatten die Zeit daher in den Anabioseeinheiten verbracht. Normalerweise sorgte ein mehrstufiges Aufweck-, Einschläferungs- und Wieder-Aufweckprogramm dafür, dass diese sogenannten Kälteschläfer behutsam über mehrere Tage hinweg aus dem Zustand herabgesetzter Lebensfunktionen zurückgeholt wurden. Nachdem die Körper wieder angefahren waren, benötigten sie vor allem eines: natürlichen Schlaf.
An Bord der schwer beschädigten „Schusar“ hatte man sich diesen Luxus nicht leisten können. Der Bordarzt hatte die Notöffnung der Kapseln anordnen müssen, um auch wirklich jeden rechtzeitig aus dem Wrack zu retten. Mittlerweile schienen es auch alle aus der „Schusar“ heraus geschafft zu haben, doch ob es damit getan war, musste sich erst noch herausstellen. Dem Wrack entkommen zu sein, bedeutete noch lange nicht, auch gerettet zu sein. In ihrem Zustand mochte selbst das stehende Gewässer eine Todesfalle für die Astronauten darstellen, zumal niemand sagen konnte, was alles in seinen Tiefen lauern mochte. Es gab definitiv Bewegungen dort unten. Da waren Schatten… Ein Kräuseln der Wellen…

*

Der Chemiker Zin Kibaru Varascha drosch auf die Wasseroberfläche ein, als habe er es mit einem persönlichen Feind zu tun. In dieser ersten Stunde nach der Rückkehr ins Leben schien er völlig vergessen zu haben, wie man schwamm – und war sich seines Defizits schmerzlich bewusst.
Andere, darunter der Bordsoldat Anubis T´ien, glaubten, den Abbruch des Aufweckprogramms ohne Beeinträchtigungen überstanden zu haben, wurden jedoch eines Besseren belehrt, wann immer sie ihre Muskeln gezielt einzusetzen versuchten. Denn dann taten diese mit etwas Glück gar nichts und mit etwas weniger Glück etwas völlig anderes, als der Mann geplant hatte. Schwimmen sah jedenfalls anders aus.
Oannes Suhurmasch meinte sich noch sehr gut an einen Griff zu erinnern, mit dem man Seenotopfer sichern konnte. Doch nachdem er seinem Landsmann Bakchos ersteinmal die Arme unter den Schultern durchgezogen und auf dessen Brust verschränkt hatte, wusste er plötzlich nicht mehr weiter. Mit seinem halb bewusstlosen Ballast zusammen auf dem Rücken treibend starrte Oannes einfach nur in den strahlend blauen Himmel der Neuen Welt. Das Gesicht des Mannes nahm einen verklärten Gesichtsaudruck an.
„Oh! Schön…!“
Ija Kylin, ihres Zeichens Astronomin, packte den Offizier an dessen Haarschopf. Sie begann mit den Füßen zu paddeln, stellte fest, wie leicht sie trotz ihrer Last vorankam und begriff, nur noch Oannes schütteres Haar zwischen den Fingern zu halten.
<Das ist lächerlich!> schrie ihr Geist. <Wir machen uns vollständig zum Affen!>
<Vor wem?> kam es zur Antwort von Aja-sal Vayu, einer von mehreren Krankenschwestern der „Schusar“. <Jetzt geht es nur noch ums Überleben. Vergiss alles andere.>

*

Einige Mannschaftsmitglieder hatten bereits das rettende Ufer erreicht. Den meisten von ihnen hatte der Tauchgang das kränkliche Haar eines Kälteschläfers von den Köpfen gerissen. Man konnte vor dem Einschläferungsvorgang rasieren, soviel man wollte, das Haarwachstum setzte sich dennoch noch Wochen danach fort. Nun glänzten die langgestreckten Schädel mit den hohen Stirnen und den riesigen Augen der Astronauten im Licht einer fremden Sonne. Winzig erscheinende Nasen, Ohren und Münder nahmen die ersten Eindrücke ihrer neuen Umwelt auf und leiteten sie an Sinneszentren weiter, die derartig ungeordnetem Input seit Generationen entwöhnt waren. Riechen, Hören und Schmecken waren nur noch auf die Unterscheidung von angenehm und unangenehm eingestellt. Die Astronauten vermochten eine bestimmte Feinschmeckersuppe dem jeweiligen Markeninhaber zuzuordnen, nicht aber, ein krankes Tier allein anhand seines Geruchs von einem gesunden zu unterscheiden. Ein Luftzug auf ihrer Haut verriet ihnen nicht mehr, als dass sich da eben Luft in Bewegung befand.
Was wussten diese Fremden auf der Erde noch von unberührter Natur? Von aus sich selbst heraus funktionierenden Ökosystemen? Rein gar nichts! Wer von den Astronauten nicht aus den Industriemetropolen Enuns stammte, hatte seine Kindheit in den Siedlungen in Anurs bis hinunter zum letzten Pilzgeflecht perfekt durchgeplanten Naturparks verbracht. Selbst jene, die bereits auf frühere Koloniegründungen im Weltall zurückblickten, meinten damit, dass sie geholfen hatten, eine Erzmine im Asteroidenring auszuschachten oder unter einer Klimakuppel Gemüse gezogen zu haben. Mannesgroße Fische und doppelt so lange Wasserschlangen, die sich auf desorientierte Schwimmer stürzten, kannten sie bestenfalls aus Fernsehspielen.

Anubis hatte es mittlerweile aus dem Wasser geschafft. Mit seiner leichten Laserpistole feuerte er auf die beutegierigen Raubfische, welche die Vorgänge im See aus der Tiefe hervorgelockt hatten. Unter den Nachwirkungen des Kälteschlafs leidend, traf er jedoch stattdessen beinahe seine Bordkameraden. Doch der Mann konnte nicht aufhören. Immer wieder drückte Anubis den Abzug durch, auch, als längst keine Energie im Inneren der Waffe mehr zur Verfügung stand.

„Ich will nach Hause!“ jammerte Zahrim Vayu, einer jüngsten Expeditionsteilnehmer.
Zahrim war volljährig, zwar weder ausgewachsen, noch der Pubertät entwachsen, aber doch kein kleines Kind mehr. Dennoch klagte er „Mir gefällt es hier nicht!“. Noch immer nicht wieder im Vollbesitz seiner geistigen Gesundheit wusste der neben Zahrim am Ufer hockende mehrfach promovierte Meeresbiologe Fu Xi Kylin nichts Besseres zu erwidern als „Mir auch nicht…“.

*

Ratlos betrachteten die am Ufer stehenden Männer und Frauen die Gegenstände, die jeder von ihnen aus dem versinkenden Wrack gerettet hatte. Ohne nachzudenken, hatten sie einfach nach allem gegriffen, was sich in Reichweite befunden hatte: Atemmasken, Bordkameraden und lose Objekte. Die Hälfte der Gegenstände konnten sie noch nicht wieder benennen oder einer Funktion zuordnen.
Wadjet Alulim hielt eine mit Meditationsmustern bedruckte Stoffbahn in den Händen, deren Betrachtung den Kälteschläfern die Rückkehr ins bewusste Leben hätte erleichtern sollen. Man spannte sie an die Wand oder unter die Zimmerdecke, damit der Patient sich auf dem Rücken liegend aus dem Bett heraus damit beschäftigen konnte. Doch das einzige Bett hier war das des Flusses und die Decke, die sich über ihren Köpfen spannte, nannte man den Weltraum und befand sich derzeit außerhalb der Reichweite der Astronauten.
Der Steuermann der „Schusar“ schaute verdutzt auf eine Reinigungsbürste für die Brückenarmaturen. Er fragte sich, was er sich dabei gedacht hatte, sie in seinen Gürtel zu stopfen.
Nechbet Tichupak nahm Wadjet zaghaft den Wandläufer aus der Hand. Das sehr zarte, dabei aber dabei extrem reißfeste Material wurde „Seite“ oder „Seife“ genannt, wenn die Frau ihrem Gedächtnis trauen durfte. Nechbet verdrehte den Stoff zu einem improvisierten Tau und formte eine Schlinge. Dieses warf sie der im Wasser schwimmenden Ija zu, welche die Schlinge Oannes und Bakchos um die Leiber legte. Ija und Aja-sal manövrierten die beiden durch den improvisierten Gurt gesicherten Männer aus dem Wasser.
Für die Verhältnisse der kälteschlafgeschädigten Raumfahrer handelte es sich bei dieser Aktion bereits um eine unglaubliche Denkleistung, von der Kraftanstrengung oder der komplexen Auge-Hand-Koordination gar nicht zu reden.
Dass Wadjet und Nechbet während ihrer Aktion so unbekleidet wie die Himmelsgötter sie geschaffen hatten bis zu den Knien im Wasser standen, schienen ihre männlichen Bordkameraden nicht einmal wahrzunehmen. Auch diese Triebe mussten erst wieder in ihnen erwachen.

*

Der Zoologe Schakan Tigâra hatte nie richtig Schwimmen gelernt. Im Rahmen der Astronautenausbildung, die er und die anderen Wissenschaftler hatten durchlaufen müssen, waren auch Wasserungen und Absprünge über Gewässern geprobt worden, doch hatten die Übungen den Mann eher dazu befähigt, mit der Ausrüstung umzugehen, als sich in aufgewühltem Wasser sicher fortzubewegen.
Schakan paddelte. Und hoffte. Etwas folgte ihm schon seit geraumer Zeit…
„Auhuuuuuuuuuuu!“ schrie der Mann, als sich spitze Zähne in seine Wade bohrten. Er schluckte Wasser, hustete. Welche Kreatur auch immer ihn gepackt hatte, sie zog ihre Beute zunächst von den anderen Zweibeinern fort. Ohne Zweifel würde sie gleich damit untertauchen.
Wie die meisten seiner langlebigen Artgenossen hatte auch Schakan bisweilen schwerere Zeiten erlebt. Doch noch nie zuvor hatte der Mann um sein Leben fürchten müssen! Er wand sich im Zugriff des Wasserbewohners, drehte sich auf den Rücken, konnte aber nicht mehr als einen dunklen Schatten im trüben, sumpfigen Wasser des Sees erkennen.
<LASS! MICH! LOS!>
Unsichtbar, unhörbar breiteten sich die Wellen von Schakans Geist aus. Unterschiedslos trafen ihre Ausläufer auch die Friedfische und seine Bordkameraden schmerzhaft. Zu einem gezielten geistigen Angriff auf die Sumpfkreatur hätte Schakan eigentlich gar nicht in der Lage sein dürfen, vermochte er doch selbst innerhalb seiner eigenen Art kaum, jemanden über den Äther anzusprechen oder zu lesen. Der Mann erhielt sogar eine kleine Rente aufgrund seiner Behinderung. Doch diesmal, aus schierer Verzweiflung geboren, kam Schakans geistige Macht der eines Hochadligen des herrschenden Hauses gleich! Das Hirn seines Angreifers wurde mit einer Flut von ablehnenden Gefühlen bombardiert, die in dem Kommando, sein Opfer freizulassen, kulminierten. Das Tier lies los. Es krümmte sich unter dem mentalen Kontakt zu Schakan, war es sich doch bis zu diesem Augenblick dieser Schwachstelle nicht bewusst gewesen. Es war ja noch nicht einmal seiner Selbst bewusst gewesen!
Der Zoologe zog seinen Sinn für den Äther sofort zurück, nachdem er begriff, was er angerichtet hatte. Er ließ das Tier in den seinem Wesen entsprechenden Dämmerzustand zurückgleiten. Doch es war bereits zu spät. Das Raubfischhirn konnte den entstandenen Schaden nicht mehr reparieren. Während Schakan mit letzter Kraft in Richtung Ufer strampelte, trieb das Tier tot auf der Wasseroberfläche. Sämtliche anderen Fleischfresser, die im See beheimatet waren, stürzten sich auf den Kadaver. Sie stürzten sich aufeinander, wo sie anderen das Fressen missgönnten.
Die Schiffbrüchigen aber hatten wertvolle Zeit gewonnen. Sie schwammen um ihr Leben!

*

Nach und nach gelangten sämtliche Mannschaftsmitglieder, die es aus dem Wrack geschafft hatten, ans Ufer. Der Kommandant der „Schusar“ öffnete seine Sinne für die Präsenzen der Artgenossen im Äther. Je nachdem, welcher der beiden Unterarten sie angehörten, strahlten die Selbstsphären unterschiedlich stark. Enki Alulim suchte geduldig, bis er zu seiner Erleichterung alle fünfzig Astronauten fand.
Sukun Mon, der Verantwortliche für den Fuhrpark der „Schusar“ und bereits Veteran mehrerer Raumflüge, hob sein Gesicht aus dem Uferschlamm. Er spuckte aus.
„Wer immer das vorhin gesagt hat, hatte Recht“, erklärte der Mann. „Wir bieten wirklich einen lächerlichen Anblick.“
„Ja“, lachte der Bordingenieur und Erste Offizier, ein junger Edelmann mit Namen Kulla Apis. „Und absolut unrealistisch, denn wir haben keinen verloren.“ <Oder irre ich mich etwa, Enki?>
<Alle da>, bestätigte der Angesprochene wortlos.
Vom hochadligen Kommandanten bis Tung, der das Bürgerrecht nur auf Probe besaß, von Enbilulu, der noch die Regierungszeit des weisen Tiruru miterlebt hatte, bis zum halbwüchsigen Schiffsjungen An´ti waren sie alle mit dem Leben davongekommen.
Sukun wischte sein Gesicht sauber. Am liebsten wäre er Kulla und Enki in diesem Moment in die Arme gefallen. Doch er beschränkte sich auf ein bereites Grinsen und einen Ausdruck wilder Freude im Äther.

„Wo sind wir…?“ wisperte An’ti.
„Am Ziel.“
Kethri Qats Stimme.
„Was, auf Ki?“
Der Schiffsjunge verstand nicht. Es war vorgesehen gewesen, die Besatzung im Zielsystem angekommen nach und nach aus dem Kälteschlaf zu befreien, so dass sich beim eigentlichen Landeanflug die vollständigen fünfzig Personen bei Bewusstsein befanden. Daher die Beschleunigungs- und Wiedereintrittsübungen während des Trainings.
Die Notöffnung der Anabioseeinheiten gefolgt vom kontrolierten Absturz der „Schusar“ hatte An’ti glauben machen, sich irgendwo im Weltall zu befinden, an einem Ort, dessen Koordinaten niemand kannte oder je finden würde.
„Ki?“ wiederholte der Junge.
„Ja, doch“, knurrte Kethri zurück. „Das Schiff hat mehrfach Schaden genommen. Zuerst beim Durchflug durch das E-Schara und dann hat uns so eine Art kosmischer Staubsauger, ein Monster von Planet, versucht runterzuholen.“
Umkehren war keine Option mehr gewesen. Ki befand sich näher am E-Schara als der äußerste bewohnte Planetoid im Ring der Leuchtenden. Doch wenn schon die Brückenbesatzung nicht sicher sein konnte, das Ziel lebendig zu erreichen, war an das Aufwecken der restlichen Astronauten nicht zu denken.
Schuld an den Unfällen waren Professor Enlils Navigationstabellen für dieses Sternsystem, die das Beste darstellten, das die Nefilim aus dem heimatlichen Dreisternsystem heraus hatten erstellen können. Das Beste, aber eben nicht die absolut korrekte Abbildung der Tatsachen vor Ort. Der junge Navigator warf sich vor, diesen Umstand nicht genügend beachtet zu haben. Er, Kethri Qat, hatte Enlils Formeln ureflektiert angewendet und damit die Katastrophe herbeigeführt. Seine korrigierten Tabellen aber versanken in diesem Moment in einem urtümlichen Sumpf.
„Ki!“ krähte An’ti voller Begeisterung. „Dann ist ja alles gut!“
Der Junge versuchte die nahebei sitzenden Erwachsenen zu umschlingen. Sukun lies es sich gefallen, die eigene Erleichterung in den Äther fließen lassend. Kethri hingegen wich unwillig aus und starrte nur weiter auf den Sumpf. Es war alles zu viel, viel zu viel! Die falschen Berechnungen… das bodenlose, dunkelgrüne Wasser… das Gefühl, nicht allein in seinem Kopf zu sein, ohne die Präsenz einer ihm bekannten Person zuordnen zu können… und nicht zuletzt die Frage, wie sollte es nun weitergehen?

*

„Es wäre besser gewesen, wir wären auf den Trabanten geknallt“, knurrte Ecatl Tigâra, einer der Bordsoldaten. Der Mann hielt seine Stimme bedeckt. Lediglich die Umstehenden, Männer und Frauen, die ebenfalls aus dem Haus des Tigers stammten, konnten seine Worte hören.
„Ea! Wie kannst du so was sagen?!“ entfuhr es Aja Tigâra.
In ihrer Eigenschaft als Astronomin und Hilfspilotin hätte die Frau Kethri und Tung während des jahrleangen Fluges ablösen können, wenn, ja, wenn, die beschädigte „Schusar“ noch einen Esser und Atmer mehr hätte versorgen können.
<Dann wären wir jetzt alle tot!>
„Und was anderes erwartet uns hier in dieser Wildnis? Ohne unsere Ausrüstung?!“ schoss Ecatl zurück. „Auch bloß der Tod, aber vorher noch grausamstes Leiden!“ <Glaubst du vielleicht, auch nur einer der Gebissenen überlebt seine Verletzung unter diesem Umständen?>
Dass die Wissenschaftlerin daraufhin betreten schwieg, deutete der Soldat als Einsehen in die Richtigkeit seiner Worte. Dass Aja irgendwie ins Nichts starrte und leicht zu zittern begonnen hatte, schrieb er den Umständen der Bruchlandung zu. Dass Ajas Äthersinn allerdings von einer Sekunde auf die andere blanke Panik ausstrahlte, verwirrte Ecatl allerdings. Und da war noch eine zweite Präsenz…
Wie in Zeitlupe wandte sich der Soldat um. Dann erstarrte er ebenfalls! Denn hinter ihm stand Enki Alulim, Kommandant und Bordarzt der „Schusar“, nicht zu vergessen designierter Erbe des Herrscherthrons von ganz Ajaer Scharutur!
<Solches Gerede dulde ich hier nicht!> teilte Enki dem Bordsoldaten mit.
Seine Stimme klang hart, der Äther um ihn herum fühlte sich eiskalt an, als der Edelmann erklärte, Ecatls Aussage als Fahnenflucht auslegen zu dürfen.
„Zersetzung der Moral und damit Sabotage des Kolonisierungsprojekts laufen auf Verrat an Erbet-Kibratim hinaus!“ präzisierte der Kommandant seine Anklage. <Und damit an mir.>
Aja schmunzelte, unwillkürlich gerührt. Prinz Enki nannte Ajaer Scharutur, das „Reich unter drei Sonnen“, schon lange nur noch bei seinem neuen Namen: „Erbet-Kibratim“, die vier Weltgegenden. Denn mit der neuen Kolonie Ki war ja eine vierte Sonne hinzugekommen, die über einem von Annunaki besiedelten Planeten schien. Oder zumindest über einem Planeten, auf dem sich Annunaki aufhielten, wobei über deren Zustand keine weitere Aussagen getroffen wurden.
Es fiel Aja und auch Ecatl zunehmend schwerer, ihre eigenen Gefühle im Angesicht des Optimismuses ihres Kommandanten zu bewahren. Ein Adliger Erbet-Kibratims übte diesen Einfluss auf das gemeine Volk aus. Von Geburt an mit einem stärkeren Äthersinn ausgestattet und seit frühester Kindheit im Umgang damit geschult, benötigten Nefilim im Regelfall nur ihren Geist als Waffe. Hochadlige wie Prinz Enki hatten es sich zum Prinzip gemacht, sich gut um ihr Volk zu kümmern. Glückliche Untertanen empfanden positive Gefühle, an die man ankoppeln konnte, um sich ebenfalls gut zu fühlen. Sollte es doch einmal notwendig sein, dem Volk Unbill zuzufügen, dann errichte man einfach einen Ätherschild um seinen Geist und war geschützt vor den Folgen seiner Befehle…

„Nimm deinen Schild runter, Enki!“ kam es plötzlich von Kethri Qat. „Du entwürdigst unsere Untertanen, indem du sie über den Äther sedierst!“ <Du solltest fühlen, was sie fühlen, damit du verstehst, was in uns… was in ihnen vorgeht!>
Der Erbprinz wandte sich dem dreisten Sohn des niederadligen Katzenclans um.
<Meine Schilde SIND unten> entgegnete er. <Ich sende nur aus, was ich wirklich empfinde und empfange alles, was auf mich einstürmt, ungefiltert.>
<Dann richte JETZT einen Gedankenschild auf und verschone uns mit deiner blauäugigen Zuversicht!>
<Und was hätten wir davon? Soll Ecatl vielleicht mit dem Kopf gegen den nächsten Baum rennen, um seinen Leiden ein Ende zu machen? Soll Aja auch noch heulend zusammenbrechen? Und was ist mit dir, Kez? Willst du weiterhin alle anblaffen, die dich vorhin aus dem Sumpf gezerrt haben? Oder akzeptiert ihr mein Angebot, einen Mittelweg aus eurer Verzweiflung und meiner Hoffnung zu finden?>
Wieder und wieder bombardierten Enkis Gefühle Kethris Geist, bis der junge Mann jede Facette davon aufgenommen hatte. Nicht die konkreten Worte, die es beinahe so schwer wie Zahlen hatten, sich im Äther zu halten, wohl aber eine Reihe von Eindrücken, die sich teilweise zu Bildern formten. Kethri verstand, was in Enki vorging und in dem Maße, in dem er die Gefühle des Hochadligen nachzuvollziehen vermochte, stellte er fest, sich ihnen ja eigentlich anschließen zu können. Vorausgesetzt, er schob sein Selbstmitleid beiseite.
Es lag Enki fern, Kethri oder die Mannschaftsmitglieder geistig zu kontrollieren, sofern dies überhaupt möglich gewesen wäre. Wohl aber vermochte sein Äthersinn alles wegzubrennen, das die anderen daran hinderte, sich etwas objektiver zu ihrer Lage in Beziehung zu setzen. Nein, rosig war sie nicht, wenn man sich zusammenriss mochte sich eine Chance auftun.
<Das… ist dein Ziel?>
<Ja, das. Und jetzt, wo du es weißt, könntest du mich dabei unterstützen, Navigator. Ich habe dir gesagt, wo ich hinwill, du legst den Pfad dorthin fest.>

Kethri trat auf Ecatl Tigâra zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Der Annunakimann zuckte nicht mehr zusammen, wie er es zu Beginn der Ausbildung für den Flug noch getan hatte, wenn ein Nicht-Tigâra ihn auch nur angesprochen hatte. Bisweilen hatte
Ecatl sich sogar in Spott geflüchtet, angesichts einer unvertrauten Situation, mit er als Soldat nur schwer umgehen konnte.
Vierzehn der fünfzig Häuser Erbet-Kibratims hatten sich zu diesem Unterfangen zusammengeschlossen. Ihre relative Position zueinander im Machtgefüge Erbet-Kibratims trat nun hinter dem absoluten Rang einer Person zurück. Kethri war ein Adliger, Ecatl ein Gemeiner, das war alles, was zählte. Hier in der Neuen Welt durfte es nichts Außergewöhnliches darstellen, Untertanen fremder Adelshäuser Befehle zu geben oder ihnen ein Lob auszusprechen. Niemand durfte Kethri unterstellen, Ecatl dessen adligen Herren abspenstig machen zu wollen und niemand durfte dem Soldaten Untreue vorwerfen, wenn er die Befehle des Fürsten eines völlig anderen Clans ausführte.
„Herr Enki hat Recht“, erklärte Kethri dem Gemeinen, wie es von ihm erwartet wurde. „Wir kriegen das hin und die Kolonie auf die Beine. Beim ersten Mal haben wir Erbet-Kibratim ja auch nur mit Faustkeilen aufgebaut!“

Einige Schritte entfernt rollte Enbilulu Varascha die Augen.
<Der Junge ist ein Meister der unpassenden Bemerkungen>, strahlte sein Geist ungebeten aus.
<Nein, so blöd ist der gar nicht>, widersprach Yehl Kylin, ein ehemaliger Lehrer.
Yehl sprach gezielt Enbilulus Frequenz im Äther an, um dem anderen seine Gedanken auseinander zu setzen. Als von diesem lediglich Unverständnis zurück kam, gab er es auf und bediente sich stattdessen Zunge und Kehlkopfs: „Hinter Herrn Kethris Scherzen steckt mehr Weisheit als man denken sollte. Vor allem aber darfst du nicht vergessen, dass wir beide hier zu den Ältesten zählen. Was wir als unpassend empfinden, ist in den Augen der anderen cool. Glaub mir, sie werden ihm folgen.“
<Zumindest du scheinst ja schon mal dazu bereit zu sein>, erwiderte Enbilulu. Während Yehl noch überlegte, wie er diese Aussage auslegen sollte, gesellte sich der andere bereits wieder den Angehörigen seines eigenen Hauses zu.

*

Anubis drehte indessen seine Laserpistole in den Händen.
„Leergeschossen“, meinte er. <Ischum?>
Der Waffentechniker der Expedition, ein im Fähnrichsrang stehender Landsmann des Anubis, nahm seinem Untergebenen die Waffe ab.
„Keine Sorge“, erklärte er dabei. „Wir haben doch schon daheim im Labor experimentell bewiesen, dass die gelbe Sonne Kis unsere Waffenkristalle wieder aufzuladen in der Lage ist. Solange du mir nicht die Halterung verbiegst oder die Hülle zerschmetterst, wirst du immer wieder schießen können.“
„Ischum“, flüsterte Anubis. Er wollte aber nicht, dass jemand mithörte, bediente sich jedoch nur ungern des Äthers. „Bitte vergesst nicht, ich bin einer von denen, die während der Seminare wirklich zugehört haben. Ich weiß genau, wie lange es dauert, bis die Pistole wieder einsatzbereit ist…“
Ischum presste die Lippen aufeinader, kannte er doch die Antwort selbst: Unter Umständen viel zu lange.
Laut aber sprach Anubis zu dem Offiziersanwärter: „Danke, Herr. Ihr habt Recht.“
Was immer die Zukunft für ihn bereithielt, was Mythen einmal über ihn zu berichten haben würden, in dieser Epoche war der Annunaki Anubis T´ien nichts weiter als ein einfacher Wachsoldat, ein elternloser Junge aus dem einfachen Volk, der sich zur Armee gemeldet hatte, um der Armut daheim zu entkommen. Doch Armut war relativ. Um die nächste Mahlzeit hatte Anubis nie fürchten müssen. Armut, das bedeutete, sich nur Gewänder und Computerspiele aus zweiter Hand kaufen zu können. Fleisch kam selten auf den Teller, doch man gönnte sich regelmäßig Ziegenfischbuletten, die man nicht mehr als „richtiges“ Fleisch wahrnahm, weil die Chance bestand, am Ende der Woche ein Walsteak essen zu können. Und obgleich T’ien in ständigem Konflikt mit den Nachbarn lag, hatte Anubis’ Heimatstadt während seiner Kindheit nur so wenige Fliegerangriffe und Sabotageanschläge erlebt, dass dem Mann noch jeder einzelne davon als Ausnahme im Gedächtnis stand.
Unter den Männern und Frauen der „Schusar“ gab es auch auch solche, die wussten, was es bedeutete, um sein Leben fürchten zu müssen. Anubis gehörte nicht zu diesen. Ki führte ihm vor Augen, welch beschütztes Leben ohne Not er bisher geführt hatte. Mit einem Mal musste die Hoffnung auf ein besseres Leben durch jene auf überhaupt erstmal ein Leben ersetzt werden.
Wie viel Hoffnung auf Weiterleben der Verband aus seinem eigenen, noch vom Sumpfwasser feuchten Unterhemd, den Enki Schakan mittlerweile angelegt hatte, diesem schenkte, blieb offen. Für den Moment schien die Geste allein zu genügen, um den Wissenschaftler zum Weitermachen zu motivieren.

Andere Mannschaftsmitglieder besaßen nicht einmal mehr Hemden, die man als Verbandsmaterial hätte zweckentfremden können. Kulla und Amkur hatten noch kurz vor dem Absturz im Maschinenraum gearbeitet, daher steckten sie noch in ihren Druckanzügen. Die Brückenbesatzung trug ihre Uniformen, die als erste aus dem Kälteschlaf gerissenen Matrosen zum Teil ebenfalls. Diejenigen jedoch, deren Kälteschlafkapseln sich als letzte geöffnet hatten, standen in Krankenhauskitteln oder völlig nackt auf dem Boden der Neuen Welt.
Wadjet schlang das lange Seidentuch mit den Meditationsmustern um ihren Körper.
Schen Alulim wollte Nehbet seinen Umhang umlegen, doch die Frau streckte abwehrend ihre Hände aus, wobei sie ihre Finger weit auseinander spreizte. Das Kleidungsstück des Shutlepiloten wies das Wappen des herrschenden Hauses auf, Nehbet hingegen war eine Untertanin des Schlangehahnclans. Sie konnte nicht einfach ein fremdes Wappen spazieren tragen, nicht, wenn es sich dabei um ein mit Verbannung geahndetes Verbrechen handelte! Von Kindesbeinen an antrainierte Hemmschwellen bröckelten selbst unter diesen Umständen nur schwer.
<Gib her!> forderte Wadjet Schen auf.
Sie nahm den Umhang ihres Landsmannes an sich und reichte stattdessen Nehbet ihr Tuch.
Schen ergriff die Hände beider Frauen. Er blickte zufrieden drein. Noch einmal war eine Klippe umschifft worden, ein gesellschaftlicher Fauxpas vermieden und nicht zuletzt hatte der Mann nicht den schlechtesten Eindruck bei gleich zwei weiblichen Besatzungsmitgliedern hinterlassen.
„Es wäre meine Aufgabe gewesen, euch mit den Landemodulen sicher aus dem Orbit runter auf den Planeten zu bringen“, erinnerte Schen die Frauen. „Aber da ich das nicht konnte, werde ich jetzt für eure Sicherheit hier unten sorgen. Versprochen!“
Wadjet schenkte dem Mann ein Lächeln.
„Danke, Schen.“
*

Erschöpft von ihrer Flucht aus dem Wrack und verängstigt scharten sich die Schiffbrüchigen um ihre Anführer. Aller Augen richteten sich auf Prinz Enki und die beiden anderen gebürtigen Adligen der Expedition, die Jugendlichen Kethri und Kulla. Was immer diese drei anordneten, würden die anderen befolgen. Selbst erfahrene Offiziere wie Oannes Suhurmasch hatten sich dem Willen der beiden an Enkis Seite stehenden Jünglinge zu beugen.
Fria-nin Tichupak, durchnässt, fröstelnd vor Kälte und über die zerfetzten Reste ihrer Uniformhose stolpernd, hielt dem Trio unterwürfig einen frisch getöteten Fisch hin.
„Den hat Anubis vorhin <zufällig> erlegt, Herr“, erklärte sie.
Enki hatte seit der Flucht aus dem Wrack nur einmal gesprochen, als er nämlich Ecatl zusammenstauchen musste. Doch davor und danach hatte er seine Lippen kein einziges Mal auseinander gebracht, weder zum Sprechen noch zu einem Schrei oder auch nur Ächzen. Enki fand auch jetzt keine Worte des Dankes, nicht an den Schützen und nicht an Fria. Sein Ätherpräsenz verriet jedoch Besorgnis.
<Wir sollten nichts davon essen>, erklärte der Kommandant. <Ich bin mir zwar sicher, dass es sich bei diesem spindelförmigen Ding um einen Fisch handelt, aber wir sollten doch lieber nach Säugetieren suchen. Bei Säugern ist die Gefahr geringer, giftige Teile zu erwischen.>
„Nicht essen, könnte ungesund sein“ lautete die Botschaft, die in den meisten Hirnen ankam.
Dr. Ah Ceh Tigâra erhob seine Stimme: „Wenn wir den Fisch nicht essen können, was dann, mein Prinz? Landtiere? Pflanzen? Pilze? Wie wollen wir unterscheiden, was davon wir zu uns nehmen können und was uns schadet? Meine Umweltanalyseausrüstung ist zusammen mit der „Schusar“ in dem verfluchten Sumpf untergegangen!“
„Und mit dem Schiffscomputer auch sämtliche Daten, die unsere Sonden in den vergangenen Jahrzehnten aufgefangen haben!“ ergänzte Hanishullat Ubaid. „Wir wissen ja nicht einmal, in welcher Klimazone wir heruntergegangen sind!“
„Nun, polar können wir ausschließen“, erwiderte Bakchos Suhurmasch, selbst so frostig wie ein Gletscher. „Und alles andere wird sich ebenfalls finden, vorausgesetzt, wir reißen uns zusammen.“
Hanishullat zuckte zusammen. Der Wissenschaftler fuhr zu Prinz Enki herum, kaum, dass Bakchos seine kurze Rede beendet hatte. Denn Bakchos Worte waren nicht die seinen gewesen. Sein Kommandant hatte die eigene eiskalte Wut angesichts von Hanishullats Worten auf Bakchos übertragen und diesen aussprechen lassen, was es seiner Meinung nach zu antworten gab. Wiederum nicht Wort für Wort, sondern lediglich im Grundsatz.

Enki lächelte verschmitzt in Richtung des Botanikers.
<Entschuldige, Bakchos. Aber dein Mischlingsäthersinn ist stark und weist etwas Vertrautes auf, an das sich leicht ankoppeln lässt. Es kam einfach so über mich.>
„Äh…“
<Deine Nefilimmutter war eine Alulim, richtig?>
<Mein Vater, genaugenommen. Der Ziegenfischclan verleiht das Hausrecht nicht nur nach dem Vater, sondern auch an Bastarde, die nur ihre Mutter kennen. Untertanen zahlen später mal Steuern, hauslose Kinder hingegen wachsen viel zu oft zu Verbrechern heran.>
<Uh… nicht so viel Info hintereinander! Du sagtest, dein Vater sei der Adlige gewesen? Kennst du seine Identität?>
<Ja. Und er gehört tatsächlich dem Clan der Lenker des Sonnenwagens an.>
<!!!>
<Keine Sorge, mein Prinz! Ihr seid es nicht.>
Erneut lächelte Enki, diesmal traurig.
<Seltsam, dass uns solche Gedanken selbst in dieser Lage beschäftigen, seltsam, dass mir deine Antwort Erleichterung verschafft.>
Bakchos nickte zögerlich. Sein adliger Verwandter erschien ihm so weggetreten! Enki zeigte nicht die geringsten Anstalten, in absehbarer Zeit aus dem Äther zurückkehren und mit anderen Personen sprechen zu wollen. Dabei war er doch während des gesamten Fluges wach geblieben! Unter den Nachwirkungen des Kälteschlafs konnte der Prinz also nicht leiden. Doch etwas stimmte ganz und gar nicht mit ihm. Nur, was?

„He, Bakchos!“
Kethri Qat schüttelte den Botaniker bei den Schultern. Da Bakchos Annunaikiabstammung stärker durchschlug als das Blut seines Nefilimvaters, war er Kethri bereits in dessen jugendlichem Alter körperlich unterlegen. Er musste nicht nur gesellschaftlich, sondern im Wortsinn zu ihm aufsehen.
Kethris Miene spiegelte keine Verwirrung, nur Ungeduld, wieder, als fragte: „Der Kommandant spricht durch dich, richtig? Was meint er, wie es jetzt weitergehen soll?“
Bakchos leckte sich nervös über die Lippen. Er empfing keine einzige Anweisung mehr von Enki Alulim. Dem Prinzen schien es genügt zu haben, die beiden vorlauten Geowissenschaftler zurechtgewiesen zu haben. Doch irgendwie musste es weitergehen… Auch wenn das Großstadtkind Bakchos nicht wusste, wie man am besten in einer Wildnis wie der, in die es sie verschlagen hatte, überlebte, so war ihm doch klar, dass es ihrer aller Tod bedeuten konnte, verloren die Gestrandeten das Vertrauen in ihre Anführer. Enki würde etwas anordnen müssen, nicht einmal etwas besonders Kluges, nur irgendetwas. Aber wenn es in ihrer Lage einfach nur darauf ankam, selbstbewusst irgendwelchen Mist von sich zu geben, dann konnten Kethri und er das ebenso gut übernehmen, fand Bakchos.
„Er möchte, dass wir das Seeufer verlassen“, behauptete der Gemeine daher. „Und uns tiefer in den Wald zurückziehen.“
<Wirklich?> „Na, das kann was werden!“
„Junger Herr Kethri!“ empörte sich Bakchos. „Zieht Ihr den Willen und die Weisheit des Erbprinzen in Zweifel?!“
Bakchos hatte Mühe, seinen Geist im Zaum zu halten. Es gehörte schon einiges dazu, den „Willen des Erbprinzen“ voll des gerechten Zorns zu verteidigen, wenn es sich doch nur um die eigenen Worte handelte. Hätte jemand den Mann in diesem Moment im Äther sondiert, Bakchos Bluff wäre vielleicht nicht aufrechtzuerhalten gewesen. Glücklicherweise musste man sich auf den Äthersinn wie auf jeden anderen bewusst konzentrieren, um mehr als nur diffuse Eindrücke wahrzunehmen. Wer ein gewiefter Lügner war, dem gelang es auch im Äther, sein Gegenüber aufs Glatteis zu führen.
Kethri seufzte vernehmlich, sperrte sich aber nicht länger gegen die erbprinzliche Anweisung. Zusammen mit Bakchos lief er an Enkis Seite tiefer in den Wald hinein.

*

Einer nach dem anderen folgte dem Trio. Schon bald winkte Kethri einige der Männer sowie eine Frau nach vorn. Er beschwor ihre Präsenzen im Äther: <Kiviuk! Saru! Ah Ceh! Ardatlili!>
Die Gerufenen setzten sich an die Spitze. In geringer Entfernung von der Hauptgruppe, stets in Sicht- und Rufweite bleibend, spähten sie aus, was vor den Gestrandeten lag.
Am Ende des Zuges begann Ischum, dem Beispiel des Zweiten Offiziers folgend, weitere Bordsoldaten einzuteilen, um den Wanderern den Rücken zu decken.
Meter um Meter bahnten sich die Astronauten einen Pfad durch die Wildnis, die weder Wegweiser noch Autobahnbanden kannte.
Plötzlich blieb Kulla Apis unvermittelt stehen. Die hinter dem Bordingenieur laufenden Annunaki, Ninlor Apis und An´ti Tichupak, liefen auf Kulla auf und hätten ihn beinahe umgerissen.
Der junge Edelmann richtete seinen Blick auf den Boden.
„Müssen uns bewaffnen… Oder?“ sprach er leise wie zu sich selbst. „Alles Steine… Waffenkristalle sind auch bloß Steine…“
„Heb ihm den Stein dort auf!“ zischte Ninlor dem Schiffsjungen zu.
Dieser gehorchte. Aus An´tis Hand in die Ninlors und aus dieser in die behandschuhten Finger ihres adligen Herrn wanderte der Brocken.
<Wartet, Herr!> rief An´ti Geist.
Er bückte sich erneut. Unter einem dichten Kissen aus Nadeln zerrte der Junge einen beinahe mannslangen Ast hervor. Er schüttelte ihn frei und überreichte seinen Fund höchstpersönlich Kulla.
„Hier, bitte, Herr Kulla! Beinahe so gut wie ein Kampfstab, was?“
Kullas Hand schloss sich um den Stecken. Zur Enttäuschung des Jungen benutzte er ihn lediglich als Wanderstab.
„Ich dachte, dass er uns jetzt damit beschützen würde! Wo er doch so gut im Duellieren ist…“, murte An’ti. <Er war mal Turnierprofi!>
„Gib uns Zeit, uns an die Situation zu gewöhnen“, riet Yehl dem Jungen. „Es wurden zwar vornehmlich sehr junge Expeditionsteilnehmer für diesen Flug ausgewählt, aber den meisten von uns fehlt deine kindliche Anpassungsfähigkeit.“
„I… i…“
So sehr sich An´ti auch bemühte, es wollte ihm nicht gelingen, dem ehemaligen Lehrer zu widersprechen. Erhielten die etwa in Haus Kylin eine besondere Ausbildung?
<Zetert im Äther, so viel ihr wollt, aber macht mir nicht den ganzen Planeten auf uns aufmerksam!> klinkte sich eine machtvolle Nefilimstimme in die Gedanken der beiden Annunaki ein. <Sonst erinnere ich mich daran, dass wir Yehl als Erstkontaktspezialist in der Personalliste führen und schicke IHN nach vorn!>
An´ti dämmerte es, dass er es nicht etwa mit mystischen Lehrerfähigkeiten zu tun hatte, sondern er und Yehl lediglich Opfer des Ätherknebels geworden waren, den Kethri Qat so meisterlich beherrschte. Die Technik zielte auf das Sprechzentrum einer Person und legte den Willen zur Artikulation zuverlässig lahm.

<Ich würde das freiwillig tun>, antwortete Yehl dem Adligen. <Saru scheint mir da vorn ohne seine technischen Hilfsmittel aufgeschmissen zu sein. Alles, was er uns im Äther sendet, ist sein Frust darüber. Ich wäre unter diesen Umständen kein schlechterer Kundschafter als er!>
Kethri verstand, dass der andere sich gern der Vorhut angeschlossen hätte. Yehl trug offensichtlich Vorbehalte gegen die von Kethri ausgewählten Personen im Kopf. Doch hatte Yehl als Soziologe etwa Besseres zu bieten?
<Ganz sicher, dass du das möchtest?>
<Bitte, Herr! Erlaubt mir, mich nützlich zu fühlen! Ich hatte die Scherze auf meine Kosten schon auf der Raumstation satt!>
<Also gut…> willigte Kethri ein. <Saru! Ah Ceh! Zurück!>
Der Offizier nahm die beiden unwilligen Späher wieder in die Hauptgruppe auf und schickte stattdessen Yehl und An´ti nach vorn. Möglicherweise vermochte deren Motivation ja ihre mangelnde Erfahrung ausgleichen? Der Nefilimjüngling befand sich in einem Alter, in dem er das sogar als überaus wahrscheinlich annahm. Und als er Yehls <Danke!> im Äther hörte, war sich Kethri wieder einmal sicher, bereits jetzt der beste aller Fürsten seines Hauses zu sein.
Noch mehr Selbstbestätigung heischend wandte sich der Jugendliche an seinen Kommandanten: „Enki, hast du das gerade mitbe…?“ <Enki?>
Doch der Ältere schien tief in seine eigenen Gedanken versunken. Vielleicht ruhte er auch nur im Urgrund seines eigenen Geistes wie ein Fisch, der sich des Winters in den Schlamm am Teichgrund eingrub. Der Unterschied lies sich für Kethri nicht feststellen.
Enki Alulim sprach noch immer nicht. Er hielt sich außerdem im Äther zurück und vermied es nicht nur, seine Gefolgsleute zu berühren, sondern auch, mitgeführte Gegenstände anzufassen oder herabhängenden Äste zu streifen.

Irritiert schlug Kethri den nächsten Zweig zur Seite, der ihm ins Gesicht hing. Mehrere kleine Blätter lösten sich und fielen zu Boden.
Kethri bückte sich. Er hob eines der Blätter auf, strich prüfend darüber und zerbröselte seinen Fund dann zwischen seinen Fingern – lauter Dinge, die sich nach dem langen Flug im sterilen Cockpit der „Schusar“ gut anfühlten, die man aber am ersten Tag auf einem fremden Planeten besser unterlassen hätte.
„Das ist wirklich Laub, Bakchos!“ stellte Kethri fest. „Baumlaub! Ich dachte, Blätter gäbe es nur an Büschen und Sträuchern?“
Der Botaniker schmunzelte. „Das ist alles, was Euch verwundert? Dass die Evolution der Pflanzenwelt auf diesem Planeten ein wenig weiter fortgeschritten ist, als in unserer Heimat?“
„Nicht nur“, gestand der Navigator. „Ich starre und starre nach oben, aber es scheint hier keine höheren Pilze zu geben. Ich sehe nur Baumkronen.“
„Denkt Euch die Laubbäume weg, dann erhaltet Ihr eine Vorstellung davon, wie Anur einmal ausgesehen hat, bevor wir die Hutpilze von Enun eingeschleppt haben“, forderte Bakchos den Adligen auf. „Und dann macht Euch bewusst, wie verrückt das ist! Die Pflanzen hier absorbieren dieselben Wellenlängenbereiche wie die in unserem eigenen Sonnensystem. Sie sehen grün aus, weil sie exakt wie unsere mit grünem Licht nichts anzufangen wissen.“
„An´ti isst auch nur unter Zwang Grünzeug“, erwiderte Kethri grinsend, während er weiter über den Mischwaldboden schritt. Er teilte die Faszination des Botanikers angesichts der Parallelentwicklung zweier über 2000 Lichtjahre von einander entfernter lebenstragender Welten nicht einmal ansatzweise.
<Ich wünschte, wir könnten überhaupt bald irgendetwas essen>, dachte Bakchos bei sich. Zumindest diesem Gedanken stimmte Kethri Qat unumwunden zu.

*

<Ätherknebel! Jetzt!>
Kethri zuckte zusammen. So unvermittelt stürmte der Wunsch eines Besatzungsmitgliedes auf seinen Geist ein, dass er reflexartig reagierte. Erst, nachdem das Gespinst im Kopf des Ziels verankert war, realisierte der Nefilimjüngling, dass Rufer und Ziel identisch waren. Wieso, bei den Himmelsgöttern seiner Ahnen, wünschte sich Epona Kylin, von ihm mit einem Ätherknebel belegt zu werden?!
Kethri drehte sich um. Er drängte sich durch die Wanderer hindurch, bis er die Zoologin erreichte.
Die Frau stand reglos und lies die anderen an sich vorbei trotten. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Epona schrie stumm. Sie riss ihren Mund weit auf, doch kein Laut entschlüpfte ihm, weil die Stimmbänder unter der Wirkung des Ätherknebels nicht gereizt wurden. Die Annunakifrau presste aus Gewohnheit ihre linke Hand vor die Lippen, um Geräusche zu dämpfen, die dabei doch gar nicht entstanden.
<Epona! Was ist los?>
Epona hob sehr langsam und vorsichtig ihre rechte Hand. Sie deutete tiefer in den Wald hinein.
Dem Fingerzeig folgend erblickte Kethri die Spitzen zweier Hörner, die in Richtung der Annunakikolonne wiesen. Dahinter ragte ein Knochenschild in die Höhe, den Leib der Kreatur, zu der die Hörner gehörten, verdeckend. Auch die Augen des Wesens lagen zu tief, als das Kethri sie durch das Gesträuch hindurch hätte erkennen können.
Welcher fremde Geist sich auch immer unter diesen Hörnern regte, das Wesen schien die Zweibeiner zu beobachten. Wusste es, dass es seinerseits beobachtet wurde? Und wenn ja, wie würde die Kreatur Kis die Schiffbrüchigen einschätzen? Als Beute? Ohne Zweifel. Aber auch als leichte Beute? Leicht genug, um einen Angriff auf die sich dahinschleppende „Herde“ zu wagen?
Kethri ließ seine Kontrolle über Eponas Geist fahren. Der Ätherknebel löste sich auf, doch kein Schrei ertönte. Lediglich ein leises Wimmern drang aus der Kehle der Wissenschaftlerin.
Erneut konzentrierte sich der junge Offizier auf den Äther: <Soldaten zu mir! Alle anderen weiterlaufen – Bakchos, zieh das Tempo an da vorn!>
Gefiederpest! fluchte Kethri im Stillen. Wozu schickte man eigentlich Kundschafter aus, wenn die Gefahr sich am Ende von der Flanke näherte? Hatte ihn sein behagliches Studentenleben an der Hofakademie denn allem entfremdet, was er sich während seiner Militärzeit verinnerlicht hatte? Wütend über sich selbst packte der Adlige Churan Alulim an dessen Schulter. Er hinderte den Annunakimann am Weitergehen.
„Und du kommst auch mit!“ zischte Kethri. „Epona bleibt mitten im Lauf stehen, starrt voller Entsetzen ins Unterholz und keiner von euch sogenannten Erwachsenen fragt mal nach, was sie da gesehen haben mag?“
Der Montaningenieur zuckte die Achseln.
„Was schon, Herr? Krabbelviehzeug eben…“ <Ich mag das auch nicht sehen.>
„Krabbelviehzeug soll in deiner Hose raufkriechen!“ versetzte Kethri. „Und du, Epona, sei gesegnet für deine Aufmerksamkeit.“
<Seid wann seid Ihr so fromm, Herr?> wunderte sich die Angesprochene, doch sie wagte es nicht, dem Fürsten ihre Frage laut zu stellen.
<Immer mal, wenn es eindrucksvoll klingt, die Namen der Igigi in ein Lob einzuflechten.>
Kethri schenkte der Frau ein lausbübisches Grinsen. Genaugenommen hatte er überhaupt keine Meinung zu der Frage, ob er nun himmelsgöttliche Macht in sich trug und Segen austeilen konnte oder ob an der ganzen Jenseitsgeschichte nichts dran war. Aber selbst, wenn es jetzt noch keine Hölle gab, so wollte Kethri dem Biest, das es wagte, seine Mannschaft auf Essbarkeit zu taxieren, eine ganz persönliche schaffen!

„Danke, Epona“, schloss sich auch der zu den beiden herantretende Dumuzi Alulim dem Lob an. „Das Vieh hätte uns glatt in aller Ruhe vorbeiziehen lassen, um dann einen Nachzügler zu reißen.“
Kethri fuhr herum.
„Dumuzi?!“ <Was willst DU hier?> „Ich habe ausdrücklich nach Soldaten verlangt!“
„Welche Soldaten?“ hätte Dumuzi am liebsten geantwortet. Die Besatzung der „Schusar“ unterteilte sich nicht mehr in Offiziere, Soldaten und Zivilisten, Wissenschaftler und Ingenieure, nicht einmal mehr in Adlige und Gemeine, sondern in jene, deren Körper mit dem Abbruch des Kälteschlafprogramms fertig wurden und jene, deren Gehirne noch nicht wieder vollständig angefahren waren. Letztere befanden sich deutlich in der Überzahl…
Dumuzi beschwor den Nefilimjüngling: „Kez! Seht Euch um! Das ist keine Mannschaft mehr, das ist eine Vieherde. Glaubt mir, um die durch den Wald zu treiben, bin ich Euer bester Mann.“
Kethri schüttelte belustigt den Kopf. Dann sandte er Dumuzi. Der Proviantmeister hatte ja Recht. In diesen ersten Stunden nach dem Absturz hatte jeder zu tun, wofür er am besten geeignet war und zu unterlassen, wobei er nur Schaden anrichten würde.
„Geh“, sprach Kethri sanft zu Churan. „Geh mit den anderen weiter.“ <Es tut mir leid, dass ich vorhin von dir verlangt habe, wozu du noch nicht wieder in der Lage warst.>
Drei weitere Schiffbrüchige traten zu Kethris Gruppe hinzu. Churan jedoch ließ sich nicht abwimmeln.
<Ich möchte mitkommen. Ich will Euch nicht noch einmal enttäuschen>, sendete er mühsam in den Äther. Was bei seinem adligen Herrn ankam, war jedoch die hinter den Gefühlen liegende wahre Motivation des Mannes, die, derer sich Churan Alulim selbst nicht bewusst war: Sein über Generationen hinweg auf Gehorsam selektiertes Annunakigehirn benötigte Befehle Sie gaben Churan Sicherheit, ermöglichten es ihm, die Ausnahmesituation zu meistern, in der sie sich alle befanden. Solange der junge Offizier ihm etwas vorgab, woran er sich halten konnte, würde Churan ungeachtet der Umstände gar nicht anders können als zu funktionieren.
„Na gut“, antwortete Kethri. „Du warst mal Bergmann, richtig? Ich hoffe, du hast das Klopfen auf hartes Zeug nicht verlernt!“

*

Kethri, Churan, Dumuzi, Zahrim, Anubis, Sukun und auch Epona richteten ihre Aufmerksamkeit auf das noch immer unverändert lauernde Hornmonster. Sie wagten nicht, sich in die Augen zu schauen, oder zu tief in die Ätherpräsenz ihrer Mitstreiter hineinzuspüren.
Das Aufgebot der sieben Raumfahrer nahm sich erbärmlich gegen das, was da auf sie lauerte, aus. Anubis und Zahrim führten zwar jeder ein schweres Lasergewehr mit sich, doch sie konnten sich nicht sicher sein, inwieweit sie damit nicht noch immer eine größere Gefahr für ihre Schützlinge als die lokale Raubfauna darstellten.
Kethri besaß ein Multifunktionswerkzeug, das ihm bei kleineren Reparaturen auf der Brücke der „Schusar“ gute Dienste geleistet hatte. Es wies auch eine Messerklinge auf, doch ebenso gut hätte sich der junge Mann dem Monster mit seinen Fingernägeln allein stellen können. Churan hatte zögerlich einen Knüppel aufgehoben, Epona eine Schlingpflanze vom nächsten Baum gerissen, die ihr als Peitsche diente. Sukun war mit einer Pistole bewaffnet, die er von einem noch nicht wieder einsatzfähigen Soldaten ausgeborgt hatte. Dumuzi schließlich hielt einen Parfümzerstäuber in den Händen. Mittlerweile fragte sich der Mann, wieso er den aus der Schusar gerettet hatte.
Epona schmunzelte. „Gegen ein wildes Tier könnte ein Sprühstoß aus dem Ding unsere beste Waffe darstellen“, erklärte sie.
Kethri richtete seine Aufmerksamkeit auf die Ätherpräsenz der Frau.
<Nanu? Wo ist deine Angst hin?>
<Unterdrückt. Jetzt, wo wir handeln. Merkt Ihr es nicht? Selbst Anubis und Zahrim haben die Rivalität ihrer Häuser vergessen.>
Kethri verstand den ersten Teil der Antwort, weil er sie in seinem Inneren selbst kannte. Er empfing außerdem etwas, das sich so anfühlte wie „Alle ziehen am selben Strang“. Für den Moment genügte es. Sich tiefer in den Äther zu versenken, hätte mehr geschadet als genützt, fand Kethri. Er kannte andere Ausdrucksweisen für den Sachverhalt: Nicht zielführend, kontraproduktiv, potentiell lethal… Begriffe aus einem anderen Leben, dem Leben eines jungen Fürsten, der zufällig seinen Namen trug. Eines Jungen, der wie ein kleines Mädchen gezittert hatte, als es soweit gewesen war, das Wrack der „Schusar“ tauchend zu verlassen. Der gekreischt und im Wasser gezappelt hatte, anstatt seiner Pflicht nachzukommen, den anderen über den Äther Sicherheit zu vermitteln. Der seinen Lehnsherren angeblafft hatte, als dieser von Hoffnung zu sprechen wagte…
Nie wieder! schwor sich Kethri Qat. Nie wieder werde ich die Mannschaft derartig enttäuschen!

Die Kundschafter achteten darauf, sich dem Tier nicht frontal zu nähern. In einem weit auseinandergezogenen Halbkreis strebten sie auf ihr Ziel zu.
<Spürt jemand von euch was im Äther?> erkundigte sich Sukun.
<Nein>, kam es zur Antwort von Kethri. <Keine Gedanken zu erkennen und wenn es fühlt, dann nicht auf einer Frequenz, die uns zugänglich wäre. Es ist wirklich bloß ein Tier.>
<Hütet euch vor den Flügeln!> schärfte Epona ihren Kameraden ein.
Eine Kreatur von der Masse des Hornmonsters würde sich zwar nicht in die Lüfte erheben können, war allerdings in der Lage, Angreifern mit seinen Schwingen schwerste Verletzungen zuzufügen.
Je näher die sieben ihrem Ziel kamen, umso mehr Einzelheiten vermochten sie zu erkennen. Vier stämmige Beine trugen einen massiven Leib, doch es stand nicht aufrecht, sondern lauerte in einer Art Hockstellung. Von Kopf bis Schwanz mochte das Wesen sieben oder acht Meter messen – mehr als die doppelte Körpergröße eines Nefilim.
„Es ist ja nur ein Stier!“ entfuhr es Epona. <Ein Pflanzenfresser!>
„Hahaha!“ lachte Zahrim. „Nicht alles, was Hörner hat, ist eine Kampenschlange!“
<Und nicht alles, was ein Gehirn besitzt, kann denken>, versetzte Kethri. <Es hätte durchaus ein Raubtier sein können.>
„Und nur, weil es uns nicht fressen mag, kann es sich durch uns trotzdem in seiner Hoheit über dieses Revier herausgefordert fühlen“, kam Epona dem Offizier zu Hilfe.

Kethris kleiner Trupp befand sich nun nur noch wenige Meter von dem Wesen entfernt. Noch immer bewegte sich das Hornmonster nicht. Es schien viel eher zu schlafen, als die Schiffbrüchigen zu belauern. Wirkte es nicht exakt so, als sei es zur Seite gekippt, und nur deswegen nicht umgefallen, weil ein Baum seinen Körper stützte?
„Also gut“, seufzte Kethri. „Ich gehe vor. Wenn wir fortlaufen müssen, dann zurück zum See, nicht zu den anderen!“
<Ja.>
<Alles klar.>
Ein weiterer Schritt, dann noch einer… und ein letzter.
Endlich entdeckte Kethri die winzigen Augen des Hornmonsters. Sie verrieten ihm, was Körperhaltung und nicht wahrnehmbarer Atem der Kreatur bereits angedeutet hatten: Dieser Stier musste nie wieder einen Eindringling in sein Revier fürchten. Die Vorgänge in der Welt betrafen ihn nicht mehr.
„Es ist tot“, stellte Kethri fest. „Der Stier ist tot!“
Nun überbrückten auch die anderen die restliche Distanz.
„Stier, ja?“ erwiderte Dumuzi. „Das ist alles andere als ein Stier!“
<Jetzt, wo du´s sagst…>
Fasziniert widmeten sich die Erkunder ihrem Fund. Nach den Raubfischen stellte das Hornmonster die zweite einheimische tierische Lebensform dar, mit der sie es unmittelbar zu tun bekamen. Diesmal hatten sie Muße, sich genauer mit dem Tier zu beschäftigen.
<Was ist mit seinen Flügeln geschehen?> wunderte sich Kethri. <Eb?>
Die Zoologin betrachtete den Kadaver eingehend.
Der Körper des Nicht-Stiers war mit einer harten Lederhaut überzogen. Diese natürliche Rüstung war vollständig intakt. Nirgendwo auf dem Rücken oder an den Flanken waren Narben zu erkennen, auch keine Stümpfe, an denen sich einst weitere Gliedmaßen befunden hatten. Das ließ nur einen Schluss zu, dass nämlich auch das Skelett darunter vollständig war. Wenn die Außerirdischen keinen Flügel erkennen konnten, dann deswegen, weil es sich bei ihrem Fund um eine Lebensform handelte, der von Natur aus lediglich zwei Gliedmaßenpaare zur Verfügung standen.
Doch damit endeten die Merkwürdigkeiten nicht. Die Stirnplatte, die länger als der eigentliche Kopf war, wies zwei von Hautlappen überzogene Löcher auf. Die Schnauze des Tiers endete in einem scharfen Schnabel. Am Ende des Körpers zog es einen langen Eidechsenschwanz hinter sich her. Anstelle von Hufen wie es Klauen auf.
„Weder Stier, noch Echse“, überlegte Epona laut. „Als ob die Natur versucht hätte, möglichst viele Merkmale in eine einzige Kreatur zu packen.“
„Nennen wir das Vieh doch so“, schlug Kethri vor. „Stierechse.“

Dumuzi trommelte mit den Fingerknöcheln auf der toten Stierechse herum.
„Die wichtigste Frage ist doch, woran ist die gestorben?“ warf er in die Runde. „Altersschwäche vielleicht? Oder hat sie etwas Giftiges gefressen? Das ist frisches Aas! Können WIR es vielleicht essen? Epona?“
Die Zoologin bückte sich. Sie unterzog die Beine der Stierechse einer genaueren Betrachtung und erklärte dann: „Hier ist eine alte Fraktur zu erkennen. Entweder gar nicht, oder in einer Weise verheilt, die jede Bewegung der Beine zur Qual werden ließ. Das ist auch kein Waldbewohner. Ich tippe darauf, dass er sich verletzt hierher geschleppt hat, um Schutz zu suchen. Aber das Tier war bereits viel zu geschwächt. Es ist mitten zwischen Futterpflanzen verendet, die es nicht mehr abzurupfen die Kraft fand.“
„Eine Tragödie, die sich hier im Stillen abgespielt hat, während wir die unsere vor den Augen der Himmelsgötter aufführten“, murmelte Sukun.
„Wir wissen jetzt also, dass sich ganz in der Nähe eine Steppe befinden muss?“ hakte Dumuzi nach.
<Ja, richtig.>
Kethri löste seine Aufmerksamkeit von der toten Stierechse.
„Dumuzi? Sag bitte den anderen Bescheid, was wir gefunden haben! Weit können sie ja inzwischen nicht gekommen sein.“
„Zu Befehl.“

*

Dumuzi beeilte sich, die Hauptgruppe einzuholen. Er übersprang umgestürzte Baumstämme, schlug tiefhängende Äste samt den darauf sitzenden Urvögeln zur Seite, stolperte und lies sich fallen, anstatt sich zu fangen zu versuchen.
Dumuzi lag zwischen Nadeln und Laub. Er bewegte die Hände vor seinen Augen, spürte seine Kontrolle über jedes Fingerglied von Sekunde zu Sekunde stärker zurückkehren, lachte und erfreute sich daran, wieder am Leben zu sein.
Der Mann gönnte sich nur wenige Sekunden der Besinnung. Er rappelte sich wieder auf und rannte weiter.
Mausgroße Pelztiere wichen seinen schweren Stiefeln aus. Kreaturen, die weder Vogel noch Kriechtier waren, sprangen empört zur Seite und zischten. Derartig rücksichtslose Wesen wie der Annunaki waren ihnen nicht unbekannt, doch war es noch nicht die Jahreszeit für deren Marsch durch den Wald…
Dumuzis Gedanken eilten seinem Körper voraus. Noch bevor er offiziell Meldung erstatten konnte, wusste jeder im Zug, was Kethris Kundschafter gefunden hatten: <Da hinten im Wald! Ein riesiger Fleischberg!>

*

Die restlichen Astronauten waren unterdessen auf eine Schneise gestoßen, die irgendetwas vor langer Zeit durch den Wald geschlagen hatte. Noch hatte sich die Vegetation hier nicht wieder zur voller Größe erholt. Erleichtert traten die Männer und Frauen aus dem Wald heraus. Endlich spürten sie wieder so etwas wie eine Straße unter ihren Füßen!
„Hier hat sich etwas Großes und Schweres gezielt langgewälzt“, meinte Ah Ceh. „Ein Waldbrand hätte jedenfalls nicht so eine gerade Allee geschaffen.“
Saru blickte sich zweifelnd um. <Kann es wiederkommen?>
„Das ist nicht auszuschlie… Verdammnis! Saru!“
Ah Ceh stieß einen Fluch aus! Hatte der Armeekundschafter noch bis eben friedlich neben ihm gestanden, so krümmte er sich nun wie unter Qualen. Dann begann Sarus Leib unkontrolliert zu zucken. Es war nicht der erste epileptische Anfall, den Ah Ceh seit dem Absturz bei seinen Bordkameraden miterleben musste, doch dass es Saru traf, versetzte dem Wissenschaftler einen Schock bis in die Knochen hinein. Der Kundschafter fühlte sich unwohl in seiner neuen Umgebung, vieles jagte ihm Angst ein und um seine Laune stand es nicht zum Besten, doch hatte er bisher zu denen gehört, die aus klaren Augen in die Welt blickten und reagierten, wenn man sie ansprach. Ausgerechnet Saru Vayu sich zu seinen Füßen winden zu sehen, konnte Ah Ceh nicht so leicht verkraften.
Enki und Aja-sal kamen herbeigeeilt. Der Kommandant, der auf einem Fernraumflug zugleich das wichtigste Amt an Bord, das des Bordarztes ausübte, hielt Saru fest. Im Vergleich zu Enki wirkte selbst der durchtrainierte Armeeangehörige zierlich und elfenhaft, gehörte er ja wie die meisten an Bord zum Volk der Annunaki. Aja-sal bekam Sarus Kopf zu fassen. Beherzt zerrte sie seine Zunge aus dem Mund, um zu verhindern, dass der Mann sie sich während des Anfalls abbiss.
Bakchos reichte der Frau einen Ast. <Steck ihm das rein!>
<Ja, aber… Ist der nicht voller Keime?>
Ah Ceh wandte sich ab. Er wollte das Geschehen nicht weiter verfolgen, wollte die Ätherpräsenzen der anderen nicht mehr spüren, wünschte sich allein seine Kälteschlaftruhe zurück – am liebsten zusammen mit einem Rückflugticket.
„Unsere Muskeln wurden elektrisch stimuliert, während wir „schliefen““, erklärte Aja-sal gerade. „Aber bevor unser Gehirn wieder die volle Kontrolle darüber erlangt, kann es zu solchen Ausfällen kommen. Rechnet damit, dass es die nächsten Tage über noch jeden treffen kann!“

Ah Ceh vermochte nicht mehr länger zuzuhören. Obwohl er das Risiko kannte, verließ der Ökowissenschaftler die Gruppe und lief in den Wald hinein.
Bereits nach wenigen Metern hörte er etwas Knacken, dann ein Schnaufen und ehe er es sich versah, war er schon mit Dumuzi zusammengestoßen. Dessen Äthersinn quoll über vor Begeisterung, doch es benötigte einige erklärende Worte, bevor Ah Ceh verstanden hatte, was sich im Wald zugetragen hatte. Der Ökologe runzelte die Stirn.
„Bisher hat also niemand eure Stierechse gefressen? Weshalb? Wegen ihrer dicken Haut? Oder weil sie ungenießbar ist?“
„Vielleicht“, grinste Dumuzi, „weil es keine Fleischfresser in diesem Wald gibt?“
„Dumuzi! Wir sind über einem fremden Planeten abgestürzt, nicht im Märchenland!“
<Sicher habt Ihr Recht, Doktor. Aber wenigstens lacht Ihr wieder. Im Äther jedenfalls.>

*

Die beiden kehrten zu den anderen zurück. Bakchos führte die Gruppe die Schneise entlang zu einer Lichtung. Diejenigen, die selbst laufen konnten, ließen ihre Bordkameraden, die sie hatten stützen müssen, achtlos zu Boden fallen – und sich sofort im Anschluss ebenfalls.
Enki, Aja-sal, Saru, Ah Ceh und Dumuzi betraten die Lichtung als letzte.
Erneut musste Dumuzi seinen Bericht abliefern und wieder gab sich Enki skeptisch, was die unbekannte Nahrung anging.
<Vielleicht sollten wir doch besser nach Wurzeln graben…>, überlegte er.
<Nein!> An´tis Ausbruch im Äther wurde von einem Jaulen begleitet. „Und was ist dann in denen drin, was wir auch bloß wieder nicht essen dürfen, Herr? Ich habe Hunger!“
Ah Ceh trat auf den Schiffsjungen zu. Jungs in seinem Alter, die keine Kinder mehr, aber auch noch keine richtigen Jugendlichen waren, waren beinahe ständig nur am Essen.
„An´ti…“ begann der Wissenschaftler tröstend.
Doch Bakchos ließ ihn nicht ausreden. „Der Junge hat Recht!“ rief er in die Runde. „Mit etwas müssen wir anfangen und das schnell. Ich sage, gekocht ist so ziemlich alles essbar!“
Aus dem sich erhebenden Gemurmel stachen die Ätherpräsenzen dreier Großstadtbewohner hervor: Enjelis Qat, Tung Alulim und Briareos Tigâra stimmten Bakchos von ganzem Herzen zu. Enjelis und Tung stammten selbst aus ärmlichsten Verhältnissen und Briareos hatte sein gesamtes Leben in einer keinem Adelshaus zugehörigen Freistadt verbracht, in der das Leben nie leicht war. Diese vier kannten die Not besser als jeder andere hier.
<Nur>, ergänzte Tung, <ist „alles“ zu essen nicht mehr ganz so leicht, wenn man sich ersteinmal an etwas Besseres gewöhnt hat.>

Enki übermittelte Dumuzi ohne Worte seinen Befehl, so viel von dem Fleisch, wie seine Astronauten tragen konnten, auf die Lichtung schaffen zu lassen. Sonderlich wohl fühlte er sich nicht dabei.
„Wir alle kannten das Risiko, das wir auf uns nahmen, vor dem Start“, sprach Bakchos auf den Kommandanten ein. „Irgendwann wären unsere Vorräte auch bei einer vorbildlichen Landung aufgebraucht gewesen, und wer sagt uns, dass wir bis dahin selbst mit unserer Laborausstattung schlauer gewesen wären, als jetzt?“ <Ihr wisst, worin die Alternative bestand und dass wir uns alle dagegen gesträubt haben!> erinnerte der Mischling Enki. <Haus Fara wollte Hauslose mit an Bord nehmen, um an ihnen alles zu testen, das uns in irgendeiner Form gefährlich werden könnte. Das war einer der Streitpunkte, die schließlich zum Bruch mit dem Wurmclan geführt haben! Wir wollten es so, wie es gekommen ist!>
<Schon gut, Bakchos. Aber ich esse als erster von dem neuen Fleisch! Sollte ich es nicht überleben…>
Bakchos lauschte auf den Äther. Es folgte eine längere Rede Enkis, die in zwei Forderungen kulminierte, denen sich Bakchos nicht zu entziehen vermochte. <Einverstanden>, nickte er. <Oannes wird entgegen der Bordhierarchie Euer Nachfolger und ich lege Euch offen, wer mein Vater ist, wenn Ihr tödlich vergiftet im Sterben liegt. Aber das wird nicht geschehen..>

Eine Grube war schnell ausgehoben. Einen Bratrost zu improvisieren und ein Feuer in Gang zu setzen, dauerte länger, stellte die Schiffbrüchigen aber nicht vor unlösbare Probleme. Es handelte sich um verschüttetes Wissen, das sich viele der Expeditionsmitglieder während ihrer Armeeausbildung oder aus anderen Quellen angeeignet hatten, und das wieder zu reaktivieren oder gar zu perfektionieren, seine Zeit in Anspruch nehmen würde.
Andere Fähigkeiten einiger der Astronauten offenbarten diese ihren Bordkameraden überraschend. So brachte Epona die Haut des Nicht-Stiers mit ins Lager der Schiffbrüchigen.
„Ich habe einen neuen Namen für das liebe Tier“, verkündete die Frau. „Zeltechse! Denn das wird unser erstes Heim auf diesem Planeten!“
Dumuzi musterte das ramponierte Beutestück, an dem noch blutige Fleischfetzen hingen, misstrauisch. <Ich lege mich nicht darunter!> erklärte er.
Amüsiert entgegnete Epona: „Doch, Dumuzi, ich denke, das wirst du. Aber natürlich noch nicht heute. Ich habe eine Ausbildung zur Kürschnerin absolviert und traue mir durchaus zu, das Gerberhandwerk, wie es unsere Vorfahren betrieben haben, von diesem Ansatzpunkt aus herzuleiten.“

*

Während die Fleischstücke gebraten wurden, ordnete Enki eine komplette Inventur an.
Erst jetzt befreite Ninlor als treue Zofe Kulla aus dessen Raumanzug, während die ebenfalls in einem Raumanzug gefangene Amkur dazu Ajas Hilfe in Anspruch nahm.
„Ich hatte einen kleinen Werkzeugkasten aus dem Wrack gerettet“, gestand die Technikerin ihrer Landsmännin. „Ihn aber beim Tauchen verloren…“
<Mach dir keine Vorwürfe>, tröstete Enki die Annunakifrau. <Viel wichtiger ist jetzt: Haben wir Wasser?>
„Ich habe einen Erste Hilfe – Beutel dabei“, antwortete Saru. „Dazu gehört auch eine gefüllte Wasserflasche.“
<Das ist destilliertes Wasser>, winkte Enki ab. <Nicht trinkbar. Tung, was ist mit dir?>
Der Steuermann der „Schusar“ löste eine Feldflasche von seinem Gürtel. „Das hier kommt nach unserem langen Flug Wasser wohl physikalisch am nächsten“, erklärte er. Dann legte der Annunaki die Reinigungsbürste daneben, die er noch immer bei sich führte.
Niemand lachte darüber. Nicht alles, was zum Vorschein kam, als die Schiffbrüchigen ihre Taschen leerten, war auf den ersten Blick nützlich. Doch jedem war klar, dass für jedes Objekt schon bald ein Nutzen gefunden werden würde.

*

Als die erste Mahlzeit in ihrem Exil fertig zubereitet war, erwartete jeder, dass sich zuerst die Adligen bedienen lassen würden. Stattdessen forderte Enki die Frauen und die Jüngsten der Männer auf, ans Feuer zu kommen. Xolotl, Anubis, An´ti, Tung und Zahrim zählten zu dieser Gruppe, Kulla und Kethri hingegen fühlten sich trotz ihres ebenfalls passenden Alters von der gedanklichen Aufforderung ausgeschlossen.
<Euch haben wir mitgenommen, weil wir euch heranwachsen und Kinder bekommen sehen wollen>, erklärte Enki denen, die er bewirtete. <Ungeachtet dessen, wie sich die Dinge entwickelt haben, sollte dieser Planet von Anfang an unsere neue Heimat werden!>
Für die Adligen, die Offiziere und die promovierten Gelehrten hatte der Kommandant ungeachtet deren Alters eine andere Botschaft: <In Zeiten der Not haben die Starken nur eine Pflicht: Ihr Leben in den Dienst der Schwächeren zu stellen. Es aufzugeben, wenn nötig.>
Es war nicht ganz die Eröffnung, die man auf den leeren Magen hören wollte. Selbst Kethri musste sich eingestehen, dass er von seinem Stolz nicht leben konnte. Er wollte etwas zu Essen in seinen Magen, keine hehren Reden hören! Und das Zeltechsenfleisch duftete so verführerisch, dass Kethri auf seinen leeren Magen beinahe übel wurde. Als ihn Enki auch noch der ersten Wache zuteilte, hätte der junge Mann am liebsten ebenso kläglich aufgejault wie An´ti vorhin.

„Es ist notwendig“, behauptete Ah Ceh. „Dort, wo ihr die Zeltechse zurückgelassen habt, werden sich schon bald die Raubtiere ein Stelldichein geben. Falls es einem davon einfällt, uns hier zu besuchen, benötigen wir Eure scharfen Sinne, um uns rechtzeitig zu warnen, Kethri.“
„Ich weiß ja…“
<Und Ihr bekommt ja zu Essen, nur eben nicht sofort>, ergänzte Ah Ceh.
Sein letzter Gedanke, bevor man ihn in das seine Anabiosekapsel ausfüllende Gel eingetaucht hatte, stand Ah Ceh wieder vor Augen: Nechbet soll sich Zeit lassen mit der Errichtung unserer Basis auf Ki. Ich freue mich auf ein paar Wochen Campingurlaub.
Und was hatte er stattdessen bekommen? Den Horrortrip seines Lebens! Alles war so verwirrend! Die Eindrücke, die aus allen sechs Sinnen auf den Mann einstürmten, schienen nicht zu bewältigen. Überhaupt wieder am Leben zu sein, den eigenen Körper zu spüren, stellte eine Herauforderung dar. Doch die Betten im medizinischen Modul der „Schusar“, das der Besatzung einen sanften Übergang ermöglicht hätte, standen von diesem Tag an nur noch den Fischen zur Verfügung. Tannennadeln, Farne, Schachtelhalme und unnatürlich anmutendes Baumlaub waren alles, was die Schiffbrüchigen besaßen.
Obgleich er anfangs zu den aktiveren der Schiffbrüchigen gehört hatte, schottete sich Ah Cehs Verstand nun zunehmend von allem ab, was um ihn herum vor sich ging.

*

Auch Enki hatte den ganzen Tag über nur gedacht. Beim Laufen hatten sich seine Arme nicht bewegt, alle anderen Bewegungen waren auf das Nötigste beschränkt geblieben. Andere zu berühren, wäre dem Kommandanten nicht in den Sinn gekommen. Gar etwas von dem Braten zu sich zu nehmen, kostete immense Überwindung.
Die Umstellung von der breiigen Astronautennahrung der Brückenwache zu echter Nahrung war schwer genug, doch zusätzlich erlebte Enki aus zweiter Hand die weitaus schwerwiegenderen Anpassungsprobleme der Kälteschläfer mit: Mit dem Essen kehrten die Sinne in nie gekannter Schärfe zurück. Unter normalen Umständen hätten die Astronauten in diesem Stadium ihrer Wiederbelebung spezielle Nahrung zu sich nehmen müssen, die ihnen auf ihrer Lichtung aber nicht zur Verfügung stand. Ihre Körper begriffen endgültig, dass ihnen keine sanfte Umgewöhnungsphase gegönnt würde.
Enkis Hunger kam ihm zu Hilfe, es zumindest wieder mit Ernährung zu versuchen. Sein Körper wollte ja leben! Doch bereits während der ersten Bissen erschien der Hunger erträglicher als die Qual seiner wieder erwachenden inneren Organe. Enki beendete die Mahlzeit daher lange bevor er sich gesättigt fühlte.

Nicht alle waren bereit, sich in ihr Los zu fügen. Ecatl Tigâra verweigerte die Nahrungsaufnahme rigoros.
„Nein, danke“, erklärte er, die ihm zugedachte Portion des Zeltechsenbratens von sich schiebend. „Ich suche lieber mit Bakchos nach essbaren Pflanzen.“
Dass Ecatl grundsätzlich kein Fleisch zu sich nahm, hatte auf der Raumstation, auf der die Schusarrekruten für diese Expedition gemeinsam trainiert hatten, bestenfalls als Kuriosum gegolten. Niemand hatte sich weiter darum geschert, wie Ecatls kulinarische Vorlieben aussahen. Es hatte einfach keine Rolle gespielt. Doch hier in der neuen Welt wurde diese Eigenschaft zum prägendsten Merkmal des Mannes. Egal, was er sonst noch tun würde, Ecatl war „der, der kein Fleisch aß“. Schon bald würden ihn die anderen nicht mehr bei seinem Kurznamen „Ea“ rufen, sondern ihm einen beschreibenden Namen verpassen, der diesen Sachverhalt ausdrückte.

*

Zwei Drittel der Crew waren selbst am Ende der Mahlzeit noch immer nicht einsatzfähig. Der Ausdruck bedeutete genau das: Nicht nur nicht voll einsatzfähig, sondern noch nicht einmal ansatzweise.
Nimur Ubaid beispielsweise konzentrierte sich seit dem Auftauchen auf jeden einzelnen Atemzug. Sie war völlig fertig, sowohl nervlich, als auch körperlich erschöpft. Die Frau konnte nur hoffen und beten, dass sie im natürlichen Schlaf wieder lernte, wie man das Atmen einfach geschehen ließ. Denn morgen würde sie mit den anderen Angehörigen des Hauses Ubaid zu ihrer Göttin beten müssen. Jedes Mitglied ihrer Gemeinde hatte das einmal am Tag zu einem beliebigen Zeitpunkt zu tun. Zum Beten würde sie ihre Stimmbänder benötigen… Und auch der Hunger nagte weiterhin an Nimur, da sich auch Kauen und Atmen nicht miteinander vereinbaren ließen.
Was, wenn ich es nicht schaffe? Dann ersticke ich entweder oder verhungere! Ich will nicht sterben! Und das, obwohl ich weiß, dass meine Furcht Unsinn ist. Wie stehe ich denn vor Mutter Tiamat da, wenn ich tot in den Palast unter den Wellen einziehe und Angst vor dem Tod hatte? Aber ich will trotzdem nicht sterben!
Sich unruhig auf ihrem Lager hin und her wälzend, brach die Frau schließlich in bitterliche Schluchzer aus. Und siehe da: Weinen und Atmen funktionierten wunderbar zusammen. Aber wenn Weinen und Atemholen kombinierbar waren, dann musste das ja auch für Kauen, Schlucken und Atmen gelten!
Nimur brauchte einige Minuten, bevor diese Erkenntnis ihren Weg ins Bewusstsein der Frau gefunden hatte. Doch als das einmal geschehen war, sprang sie auf.
Nimur eilte zur Feuerstelle, auf der Suche nach ein paar Resten, die sie zu sich nehmen konnte.
„Nimur!“ Bakchos lächelte der Frau freundlich entgegen. „Willst du mich als Hüter unseres Feuers ablösen?“ <Das wäre wirklich eine große Hilfe.>
<Ich will dir noch ganz anders helfen>, erwiderte die Ubaidangehörige.
Sie rutschte näher an Bakchos heran, umfasste seinen Kopf mit ihren Händen und presste ihre Lippen gegen die seinen. Küssen, Atmen… es war alles eins und alles ganz einfach!
Der Botaniker ließ geschehen, was Nimur ihm schenkte. Er hatte zu denen gehört, die der Kälteschlaf am wenigsten mitgenommen hatte. Doch erst jetzt wusste der Mann auch wieder, wofür es sich lohnte, am Leben zu sein!
<Nein, ich bin nicht verheiratet>, eröffnete er der Frau in seinen Armen, als Nimurs und sein Körper sich nach dem Kuss mehr wünschten. Doch die Ubaidangehörige hielt sich zurück, bis dieser Punkt geklärt war. Einer Anhängerin ihrer Religion war die Ehegemeinschaft heilig. Jedes Haus mochte seine eigenen Regeln bezüglich Stand, Anzahl, Alter, Verwandtschaftsgrad, Zeugungsfähigkeit und Geschlecht der Eheleute aufstellen und Verstöße gegen die Unantastbarkeit des Bundes seinen eigenen Gesetzen nach strafen. Doch das waren weltliche Gesetze. Für Nimur kam das Eindringen in eine vor der Himmelsgöttin geschlossene Ehe einer Sünde gleich. Glücklicherweise konnte Bakchos sie da beruhigen. Nein, er war nie einen solchen Bund eingegangen, wie er noch einmal betonte: <Mein Hirn mag JETZT geschädigt sein, aber noch nicht vor dem Abflug!>

*

Bakchos´ Ätherpräsenz strahlt grenzenlose Zufriedenheit aus, als er wenig später die schlafende Nimur verließ und sich wieder zurück ans Feuer setzte. Hier hatten sich inzwischen Enki und Kethri niedergelassen. Sie taten entweder so, als hätten sie nicht mitbekommen, was gerade geschehen war, oder es war tatsächlich über ihre Köpfe hinweggegangen. Gerade bei Enki war das an diesem Tag schwer einzuschätzen. Der Kommandant schien zusätzlich zu seinen eigenen Problemen das Leid der anderen zu tragen, ohne, dass es für diese gelindert worden wäre.
Kethris Kopf lag auf Enkis Schulter, ein Bild der Vertrautheit, die Bakchos als Blutsverwandter des Erbprinzen nie mit diesem würde teilen können. Genaugenommen lag dem Wissenschaftler auch nichts daran, eine familiäre Beziehung zu Enki aufzunehmen.
„Warum mussten wir eigentlich alle in den Wald marschieren?“ erkundigte Kethri schläfrig. „Wäre es nicht klüger gewesen, nur eine kleine Truppe auszusenden und die Zivilisten am Ufer des Sees zurückzulassen?“
Bakchos, selbst ein Zivilist reinsten Wassers, antwortete mit einem langgezogenen „Äh…“
<Damit die Leute nicht ständig unsere absaufendes Raumschiff sehen müssen>, ließ sich Enki vernehmen. <Solange wir noch nicht wieder über die Mittel verfügen, sie zu bergen, sollte niemand morgens mit dem Blick auf die Silhouette der „Schusar“ aufwachen.>
Kethri stellte diese Erklärung zufrieden.
„Ach so.“
Darauf konzentriert, wirklich nur dessen individuelle Frequenz im Äther anzusprechen, wandte sich Kethri an Bakchos: <Und ich dachte schon fast, du hättest dir diesen Befehl selbst ausgedacht!>
Ein Krächzen entschlüpfte Enkis trockener Kehle. Kethri konnte es weder als Lachen noch als Rüge deuten. Erst ein Blick in den Äther verriet ihm, dass sein Verdacht den Kommandanten amüsierte – die Gedanken selbst sowie Kethris dilettantischer Versuch, seinen Geist vor dem Hochadligen zu verschließen.
Enki seinerseits koppelte mühelos an Bakchos an, ohne Mithörer zuzulassen.
<Der junge Herr wird es nie erfahren, aber er hat ins Schwarze getroffen>, dachte Bakchos.
<Kethris Durchblick Dinge betreffend, die ihn eigentlich nichts angehen, ist eine der Eigenschaften, die Enlil und ich gleichermaßen an dem Jungen schätzen>, erwiderte Enki. <Was nun deinen Aufbruchsbefehl am See angeht, Bakchos, so hätte ich mich schon beschwert, hättest du etwas Falsches angeordnet.>

Bakchos spürte, dass er nicht belogen wurde. Der Kommandant meinte, was er sagte. Doch entsprach es auf objektiv gesehen der Wahrheit?
Drei weitere Söhne und zwei Enkel des Großen An standen bereit, diesem auf den Herrscherthron nachzufolgen. Die Erbfolge Erbet-Kibratims war nicht gefährdet, sollte Enki Alulim auf Ki als Autist enden. Aber welche Folgen würde es für die Schiffbrüchigen nach sich ziehen, wenn sich der Kommandant immer mehr in sich selbst zurückzöge? Denn um Enkis designierten Nachfolger Oannes und Kulla, den Ersten Offizier, stand es ebenfalls nicht zum Besten. Sie gehörten zu jenen, die noch tief unter Schock standen. Der nächste in der Rangfolge aber war bereits Kethri Qat. Beliebt, selbstbewusst, nicht der Dümmste – aber auch fähig, die Gestrandeten anzuführen?
Und was würde er, Bakchos, tun, sollte sich der junge Edelmann als schlechter Anführer herausstellen? Was durfte er denn tun? Oder besser: Was musste er, der das „Blut der Himmelsgötter“ in sich trug, tun?
Voller düsterer Vorahnungen schürte Bakchos Suhurmasch ein letztes Mal das Feuer, bevor auch er sich schlafen legte.

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