In Nachbars Garten

Über Ostern habe ich nach langer Zeit wieder das Blumenzüchterspiel „Flori“ gespielt und beim Stöbern in meinen alten Screenshots auch diese Anekdote gefunden:

3_gerettete Gerbera

Eine hellgrüne Gerbera. Eine Blume aus Nachbar´s Garten. Nichts Besonderes eigentlich. Gut, sie ist Level 99 und ein Mix in meiner Lieblingsfarbe, aber das ist es nicht, was sie zu etwas Besonderem macht, weshalb ich ihre Geschichte aufschreibe.
Meine Bekanntschaft mit diesem speziellen Individuum begann völlig unverbindlich, ja, belanglos, während des Abarbeitens der Freundesgärten. Inmitten anderer bunter Blumen stand sie da und entlockte mir lediglich durch ihre Farbe ein Lächeln. Dann entlockte ich ihr etwas, nämlich einen Gerbera-Samen, mit dem ich auf meinem Level noch gar nichts anfangen konnte. Nachdem ich einige unfeierliche Worte gedacht hatte, denn immerhin blockierte mir der Samen einen Taschenplatz, bot ich den Samen sofort auf dem Markt an. Wie, um mich zu ärgern, warf die Blume mir am nächsten Tag einen neuen, obwohl sich bereits der erste als Ladenhüter erwiesen hatte. Auch dieser wanderte schnurstracks zu seiner Schwester auf den Handelsplatz.
Einige Zeit später besuchte ich den Garten erneut. Noch immer stand er voller Blumen, nur, dass diese ganz und gar nicht mehr so bunt wie ehedem aussahen. Sie reckten ihre Köpfe zwar noch immer stolz in die Höhe, doch sie waren schwarz. Nicht x-20-20 – schwarz, sondern schwarz wie die Nacht oder das Grab. Vertrocknet, verwelkt, abgestorben. Wie sie da Spalier standen, wirkten die toten Blumen gespenstisch. Der Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass neben zweien von ihnen Samen lagen…
Eine einzige Überlebende wiegte ihren Blütenkranz im Wind. Vielleicht zitterte sie auch, das war nur schwer festzustellen. Es handelte sich um eine der beiden Gerberas, genauer gesagt um die hellgrüne, von der ich die beiden Samen erhalten hatte. Es stand nicht gut um die Pflanze, sie war beinahe verhungert, denn Unkraut aß mit von ihrem Dünger, doch wenigstens verfügte sie noch über mehr als die Hälfte ihres Wasservorrates und war nicht erkrankt. Ich ging sofort an die Arbeit, befreite Gerbi vom Unkraut, legte Dünger nach und goss ein klein wenig. Mit etwas Glück würde ihre Besitzerin sie noch lebendig vorfinden, wenn sie zurück käme. Doch genau das geschah nicht. Nicht am nächsten Tag und nicht am übernächsten.
Als ich das erste Mal auf die verbleibende Lebenszeit schielte, waren das noch etwa 60 Stunden. Sollte ich die Gerbera etwa so lange durchfüttern? Wozu eigentlich? Man hatte sie aufgegeben, ohne ihre Zwillingsschwester als Kreuzungspartner war sie sowieso nutzlos und möglicherweise war die Gartenbesitzerin ja überhaupt nicht mehr an ihrem Account interessiert. Wasser und Dünger wären an anderer Stelle sicher sinnvoller verwendet.
Aber dann begriff ich, dass die naheliegenden Antworten nicht die richtigen sein mussten. Denn die Blumen der aktiven Spieler, jene, die leben würden, sich vermehren und schließlich verkauft werden, denen standen genug andere Nahrungsquellen zur Verfügung. Auf die grüne Gerbera traf das nicht zu. Sie war allein, auf die Hilfe der Freunde ihrer Gartenbesitzerin angewiesen. Also zweigte ich bei jedem Rundgang mehr meiner täglichen Vorräte für die Nachbarsblume ab. Soweit es mir möglich war, sollte sie die ihr zur Verfügung stehenden Stunden ausnutzen. Wasser stellte zu keiner Zeit ein Problem dar, aber Gerbi fraß Dünger wie ein Scheunendrescher, nein, schlimmer, sie fraß wie ich selbst! Würde ich es schaffen? Wieviele andere Nachbarn beteiligten sich an der Versorgung des Waisenkindes, das nur langsam zur alten Frau wurde? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, wie die Sache unvermeidlich ausgehen würde, ob ich nun Erfolg hatte oder nicht. Meine Gerbera würde sich unterschiedslos in die Armee der schwarzen Blumen einreihen, die sie noch immer umringte. So, als hätte sie gemeinsam mit diesen den Kampf von Anfang an verloren. Nur die flüchtige Erinnerung einer Menschenfrau würde dann noch von ihr bleiben. Und natürlich die nie verwesende Leiche…
Oder?
Oder?!
Wie Schuppen – nein, wie ein ganzer Karpfen! – fiel es mir von Augen: Ich besaß ja noch einen Samen, der auf dem Markt vor sich hin gammelte! Oder nicht? Die vergangenen Tage über waren regelmäßig Verkaufsnachrichten eingeflattert und einmal war der Kontostand danach sehr weit hoch geschnellt. Das musste die Gerbera gewesen sein. Es konnte gar nicht anders sein!
Schade. Naja, nicht zu ändern. Außer natürlich… wer weiß? Vielleicht… vielleicht ja doch…
Einen Druck auf die Screenshot-Taste später befand ich mich auch schon wieder in meinem heimatlichen Garten und dort in der Marktansicht. Mit klopfendem Herzen klickte ich auf „Eigene Angebote“ und siehe da – nicht einer, sondern gleich zwei Gerbera-Samen befanden sich dort in der Auslage, jeder an die 2000 Credits wert. Den ersten holte ich mir sofort zurück, den zweiten nach einigem Zögern. Noch zwei Level, dann kann ich selbst Gerberas züchten. Egal, ob ich meiner Stieftochter nun zu einem langen, erfüllten Blumenleben verhelfen kann oder nicht, etwas wird von ihr bleiben.
Zwei Level. Noch zwei Level. Und dann: gelbe Nachkommen, blaue und hellgrüne. Und natürlich ein Familienphoto mit Gerbi und den Kindern, die sie nie kennenlernen wird.
Heute stelle ich mir gern vor, dass mir „meine“ Gerbera mit Absicht ihre Samen anvertraut hat, damit etwas von ihr in Floriland erhalten bleibt. Es sind natürlich alles nur Pixel (oder Sprites oder Polygone oder was auch immer), aber wo wäre die Welt ohne ein wenig Zauber 😉
Noch 31 Stunden. Morgen um diese Zeit werde ich Gerbi das letzte Mal lebendig sehen.
Hey, ist doch nur ein Spiel!
Hm. Ja, klar…

3_Gerbis Kinder

Screenshot: Eine rote Gerbera von der Stange sowie die drei mit dem von mir gefundenen Samen züchtbaren Farbvarianten.

Ironischerweise wurde das Spiel zwischenzeitlich eingestellt, und damit auch meine mühsam geretteten und aufgezogenen Kinder der Gerbera gelöscht. Unter dem Namen „Floristia“ wiederbelebt kann es unter dem folgenden Link gespielt werden: http://www.floristia.de

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