(K)eine vollkommene Katastrophe (Teil 2 von 2)

(Sechste Erzählung aus „Die Kinder des Schusarvogels“)
Der zweite Tag

Am nächsten Morgen beherrschte die Astronauten ein einziges Gefühl: Durst.
Lange bevor Raubtiere, Krankheiten oder Unfälle ihre Anzahl zu verringern auch nur beginnen würden, würde es der Wassermangel bereits geschafft haben, sie auszurotten. Die Beschaffung von Trinkwasser war die wichtigste Aufgabe der Schiffbrüchigen.
„Wir benötigen Süßwasser“, sprach Aja-sal aus, was jeder auf der Lichtung wusste. „Das brackige Wasser aus dem See ist auf Dauer nicht trinkbar. Der Schlamm stört weniger als der viel zu hohe Salzgehalt.“
Kiviuk Varascha nickte zu diesen Worten. „Immerhin verrät uns die Existenz dieses Gewässers, dass das Meer nah ist. Dass es eine Verbindung geben muss. Und ebenfalls ganz in der Nähe haben wir eine Steppe.“ <Durch Beobachtung lernen wir unsere Umgebung bereits ansatzweise kennen, ohne uns von unserem Basislager fortbewegen zu müssen.>

Oannes Suhurmasch hielt sich weniger mit derartigen Erkenntnissen auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit berief sich der Kommandierende der Bordsoldaten auf die Privilegien seines Offiziersranges: „Amalthaia, bring mir Wasser!“
Der neben Oannes stehende Fähnrich Ischum blickte zu seinem halb sitzenden und halb liegenden Vorgesetzten hinab.
„Deine Adjutantin hat sich doch gar nicht für „Schusar“ beworben!“ erinnerte er den Kommandeur. „Weißt du nicht mehr, wie du mir das erzählt hast? Der Ziegenfischclan hielt keine größere Teilnehmerzahl für notwendig.“
In Oannes kälteschlafbeeinträchtigtem Hirn arbeitete es. Ischum konnte den imaginären Rädchen beinahe beim Rotieren zusehen. Endlich hakten die Zahnräder ein. Oannes begriff, dass er in der Neuen Welt ohne seine Adjutantin auskommen musste.
„Dann soll eben Geryon Apis kommen!“ ordnete er an.
Ischum seufzte.
„Der ist als einer der ersten im Wettkampf um die verfügbaren Plätze rausgeflogen“, meinte er. „Er ist ausgeschieden, Oannes. Hat die Raumstation verlassen. Er war nicht mit uns auf der „Schusar“! Verstehst du?“
„Ja, ja, ist ja gut!“ brummte Oannes. „Dann soll mir eben Amalthaia etwas zu trinken bringen!“
Das wird ein langer Morgen…, dachte Ischum bei sich.

*

Ein Umlauf des Planeten Ki um sein Zentralgestirn nahm nur einen Bruchteil eines Enunjahres in Anspruch. Fünfundfünfzig Ki-Umläufe entsprachen einem Jahr, wie es die Kolonisten von zuhause kannten. Selbst, wer auf Anur lebte, berechnete die Feiertage nach dem Enun´schen Geschäftsjahr. Im Unterschied dazu war der dreiundzwanzigstündige Ki-Tag nur um zwei Stunden kürzer als die Annunaki gewohnt waren. Viele Besatzungsmitglieder der „Schusar“ verhielten sich allerdings nach dem Absturz, als stünde ihnen jeden Tag die fünfundfünfzigfache Anzahl Stunden zu ihrer Verfügung. Ihre Bewegungen waren verlangsamt, sie benötigten mehrere Anläufe, um einfachste Sachverhalte zu verarbeiten und zeigten oft von selbst nicht die geringste Motivation, etwas zu tun, das über existieren hinausging.
Selbst jene, die sich am gestrigen Tag vergleichsweise normal verhalten hatten, ließen sich von der allgemeinen Lethargie anstecken. In einem Volk von Empathen – und eine andere Lebensform konnten sich die Annunaki nur in ihren düstersten Science Fiction Filmen vorstellen – ließ sich das nicht vermeiden.
Ihre Feudalgesellschaft hatte die Männer und Frauen zudem darauf geprägt, nicht der Mehrheit, sondern ihren adligen Herren nachzulaufen. Enki Alulim, Kulla Apis und Kethri Qat aber hatten nicht im Kälteschlaf gelegen. Yehl Kylins Einschätzung zufolge hätten die drei Edelmänner so aktiv und tatkräftig sein müssen, wie sie es vor dem Start der „Schusar“ gewesen waren. Dasselbe galt für Imdugud Ubaid, Amkur Tigâra, Keridwen Varascha und Tung Alulim, die ebenfalls während des gesamten Fluges wach geblieben waren. Doch sowohl die Nefilimadligen als auch die vier Annunaki verhielten sich ebenso apathisch wie die Kälteschläfer.

Yehl hockte sich neben Kethri Qat auf den Boden. Hatte der Offizier nicht erst gestern eine Zeltechse erlegt? Nein, das stimmte nicht ganz, überlegte der Annunaki. Aber etwas in der Art war geschehen, auch, wenn Yehls Kurzzeitgedächtnis ihn bezüglich der Details im Stich ließ. Eine Zeltechse war definitiv beteiligt gewesen.
„Ich höre im Äther, woran du denkst“, sagte Kethri. „Wir alle hängen hier herum wie Fliegen, die versehentlich im Kühlschrank eingesperrt worden sind. Bei euch Kälteschläfern ist das physisch. Eure Gehirne müssen erst wieder anfahren, die Kontrolle über eure Körper zurückverlangen und so. Wenn das einmal gelungen ist, könnt ihr normal weiterleben. Aber wir von der Brückenwache kämpfen hier gegen eine jahrzehntelang auf wenige Quadratmeter beschränkte Lebensweise an. Hauptsächlich Sitzen und Starren, verstehst du? War Ausgleichssport angesagt, lief das ebenfalls ohne Beteiligung unserer Persönlichkeit ab.“
Yehl verstand sehr wohl, was der Jüngere ihm erklärte. Darüber hinaus meinte er jedoch, auch noch etwas anderes zu verstehen: „Wenn Ihr mir das alles erklären könnt, wieso steht Ihr dann nicht mal auf!“
„Weiß nicht…“ murmelte Kethri. Dann drehte er sich auf die andere Körperseite, zog seine Arme unter den Kopf und döste weiter in der Morgensonne vor sich hin.
„Aber gestern habt Ihr doch die Zeltechse ge… gefunden! Und der Herr Kommandant schon wieder gesprochen!“ klagte Yehl.
„So schnell geht die Umgewöhnung nicht vonstatten“, mischte sich Fria-nin ein. „Für jeden Schritt nach vorn wird es Rückschritte gegen, drei Schritte vor und zwei Zurück. Na ja, besser als im Sprichwort, wo es umgekehrt ist, nicht wahr?“
Doch Yehl war nicht nach Scherzen zumute. Der Mann war nicht bereit, sich aufzugeben, doch er fühlte sich allein. Jemand musste den Anfang machen, ihm etwas geben, dem er folgen konnte!

Fria packte Yehl bei dessen Schultern.
<Willst du Hoffnung sehen?>
<Da fragst du noch?!>
Es vergingen einige Sekunden, bevor sich die Krankenschwester wieder daran erinnerte, wie man eine andere Person bewegte, doch dann gelang es ihr, Yehl in Richtung der Ubaidangehörigen zu drehen, die sich zum Gebet zusammengefunden hatten. Die Männer und Frauen standen im Kreis zusammen. Sie bewegten ihre Hände in Mustern und griffen sogar auf die einstige Nationalsprache ihres Hauses zurück, die die meisten von ihnen zwar nachsprechen, aber nicht mehr verstehen konnten.
„Sie verehren ihre Mutterdrachin. Und weiter?“ wunderte sich der Kylin.
„Spür mal in den Äther!“ forderte Fria. „Merkst du, wie sich der Nebel um ihren Geist allmählich verflüchtigt?“
Yehl konnte diesen Eindruck nicht von der Hand weisen. Doch dem, was er für Frias Schlussfolgerung hielt, wollte er sich nicht so ohne Weiteres anschließen: „Du meinst, ihre Göttin hilft ihnen? Ausgerechnet Tiamat?! Die erfreut sich doch viel eher an unserem jammervollen Anblick!“
„Ach was! Das täglich wiederkehrende Ritual verleiht den Ubaid Halt. Wie eine Überlaufrinne im Schwimmbecken, an der sich ein Schwimmanfänger entlang hangelt, um ein erstes Gefühl für das neue Medium zu erlangen. Und dann noch eines: Diese Handbewegungen müssen exakt aufeinander abgestimmt werden. Ein besseres Training für Körper und Geist gibt es überhaupt nicht!“
<Du meinst…?>
„Ich weiß, dass du an die Himmelsgötter glaubst, Yehl. Tiamat mag unter diesen nicht den besten Ruf genießen, aber auch deine Religion erkennt sie als Göttin an, oder nicht? Ich finde, ein wenig Frömmigkeit ist das Beste, das ich euch allen verschreiben kann. Zumindest während der ersten Zeit in unserer neuen Heimat sollten wir dem Beispiel der Ubaid ruhig folgen und mit ihnen zusammen beten!“
Yehl neigte bedächtig den Kopf. „Ich werde mein Möglichstes tun, die anderen davon zu überzeugen“, erklärte er. <Wieso bist DU eigentlich geistig schon wieder fit?> forschte er dann.
„Oh, äh…“ Die Annunakifrau druckste ein wenig herum, bevor sie erklärte: „Bakchos hat mir vorhin die atheistische Version, Körper und Geist wieder zu stimulieren, gezeigt…“

*

Imdugud Ubaid wollte weder etwas vom Gruppengebet noch vom Verkehr mit Astronautinnen wissen. Er folgte seinem eigenen Pfad zurück ins Leben. Der Mann hatte das schon immer so gehandhabt und sein Leben selbst gestaltet, obwohl er nicht sagen konnte, was an diesem Leben ihn eigentlich so reizte. Es hielt schon lange nichts mehr für Imdugud bereit, das anzustreben sich lohnte.
Ein wenig abseits von den anderen Schiffbrüchigen sitzend, zerhackte der Annunaki mithilfe eines spitzen Steins Zeltechsenfleisch. In Kullas Helm gekocht würde diese lockere Speise hoffentlich besser zu Kauen sein als der Lagerfeuerbraten von gestern abend.
Bereits nach kurzer Zeit gingen Imdugud die immer gleichen Bewegungen leicht von der Hand. Es war einfach, sich darin zu verlieren…
Dafür bin ich gut, schoss es dem Gemeinen durch den Kopf. Ich verrichte niederste Küchenarbeit, damit es andere nicht müssen!
Der Mann bemühte sich, nicht zu den noch immer diskutierenden Offizieren herüberzuschauen. Oannes verlangte weiterhin aus heiserer Kehle nach Wasser, während Ischum ihm diplomatisch beizubringen versuchte, dass es erstens nicht so schnell welches geben würde und zweitens sämtliche von seinem Vorgesetzten erwähnten Personen im zweitausenddreihundert Lichtjahre entfernten Dreisternsystem zurückgeblieben waren.
Oannes! Ischum! Diese beiden waren aufgrund ihres militärischen Ranges dem Erbadel quasi gleichgestellt. Selbst in diesem schattenlosenverfluchten Urwald konnte ihnen das niemand absprechen! hingegen würde es nie soweit bringen, weil ihm der Verstand für ein Studium und die körperliche Fitness für eine militärische Karriere fehlten. Den Offizieren und Hochgelehrten jedoch konnte die Neue Welt vielleicht ihr Leben nehmen, nicht aber ihre Titel. Ihr Erfolg musste doch warme Gefühle ohne Ende in den hohen Herrschaften auslösen? Wie konnten sie unter diesen Umständen Trübsal blasen? Wie konnten sie?!

„Wie… wieso?“ schniefte Imdugud.
Ehe er es sich versah, brach der Annunaki über seiner Arbeit in Tränen aus.
Wie stets, wenn er in den vergangenen fünfzig Jahren Kummer gelitten hatte, erschien Amkur Tigâra auch diesmal beinahe in Nullzeit an Imduguds Seite. Ihr hellblaues kurzgeschnittenes Haar roch noch nach dem Desinfektionsmittel, das Hauptbestandteil von Amkurs improvisiertem Haarfärbemittel an Bord der „Schusar“ gewesen war. Hellblau galt wie Schwarz als überaus feminine Farbe. Amkur liebte Hellblau, doch die Natur hatte sie lediglich mit langweiligem hellbraunen Haar ausgestattet, wie ihre ebenfalls braunen Augen verrieten.
Imdugud hatte die Technikerin während der Ausbildung und des Fluges nie mit ihrer natürlichen Haarfarbe gesehen, ansonsten jedoch gab es keinen Teil an ihrem Körper, der ihm fremd gewesen wäre. Als was auch immer Xolotls Personalakten die Annunakifrau bezeichneten, in Wirklichkeit war Amkurs Funktion an Bord der „Schusar“ eine völlig andere gewesen… Imdugud hatte ihre Dienste in Anspruch genommen wie die anderen vier wachgebliebenen Männer auch. Nun glaubte er sich in die Pflicht genommen, Konsequenzen aus seinem triebgesteuerten Verhalten zu ziehen.
„Weißt du, Amkur“, nahm der Mann das Wort an sich, „wenn du Kummer hast und weit, weit fortläufst, dann kommen deine Sorgen mit. Da kannst du so schnell rennen, wie du willst, du entkommst einfach nicht. Amkur Tigâra, den vergangenen Enunzyklus über war ich dein Kummer. Bitte lass es für immer so sein! Heirate mich!“
„Ime…“
Wie musste Imdugud diesen Tonfall deuten? Zweifelnd? Vorwurfsvoll?
<Letzteres.>
Imdugud Ubaid schnappte nach Luft! Er versenkte seine steinerne Klinge tief in dem Hackfleischberg. Saß aufrecht. Starrte Amkur verdutzt an.
„Die Adligen der Brückenbesatzung würden dir vielleicht eine Anstandsumme für deine geleisteten Dienste bezahlen, mehr auch nicht! Die respektieren dich nicht!“ rief er aus. „Und unser Pilotenwunderkind hat nicht mal daran gedacht, dir dieses Angebot zu machen!“ <Ich hingegen würde immer das Richtige tun! Selbst, wenn es bedeutete, Enki als Erbprinzen stürzen zu müssen!>
<Stopp!!!> Amkur stieß Imdugud von sich. „Hör auf!“
„Was?“ Imdugud verstand erst einmal gar nicht mehr. „Aber du bist doch zu mir gekommen…“
„Hör auf damit“, wiederholte Amkur. „Weine dir die Seele aus dem Leib, wenn dir danach ist, aber hör auf damit, deine Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren, indem du dich moralisch über uns alle stellst! Tut der junge Herr Kethri das Richtige? Manchmal ja, manchmal nein, je nachdem, wie er sich fühlt. Das ist menschlich. Er ist nicht perfekt und ebenso wenig bist du es. Du spielst es dir und uns nur vor!“

Imdugud blinzelte verwirrt. Der Mann war sich sicher, niemanden etwas vorzuspielen, zu allerletzt sich selbst. Doch selbst, wenn es so wäre, wie Amkur behauptete, wieso lehnte sie seinen Antrag ab? Waren denn die Frauen des Hauses Tigâra so anders als die Untertanen des restlichen Erbet-Kibratim? Phantasierte die Frau womöglich von einer Liebesheirat, wie die Tiamat-Gläubigen sie sich auf ihre Fahnen geschrieben hatten?
Imdugud schüttelte den Kopf. Nein, natürlich liebte er Amkur nicht. Doch galt es, ihre Ehre wieder herzustellen!
Amkur begriff das sehr wohl, doch erneut brachte sie einen Punkt zur Sprache, den Imdugud lieber übergangen hätte: „Ich dachte, jede aufgrund von äußeren Zwängen geschlossene Heirat sei im Hause Ubaid nicht rechtsgültig?“
„Verdammnis! Stimmt ja!“ Imdugud schlug sich gegen die Stirn. „Ich vergesse immer wieder, wie viel von dieser verrückten Religion in unsere weltliche Gesetze eingegangen ist. Aber vielleicht gibt es einen anderen Weg! Mit Herrn Enkis Erlaubnis könnte Dr. Ah Ceh die Ehe schließen. Er ist doch einem Adligen gleichgestellt, oder etwa nicht? Wir wären dann beide Tigâra-Angehörige…“
„Und du kannst dich auf den Kopf stellen und eine Zeltechse auf den Füßen balancieren, Imdugud Ubaid!“ schrie Amkur. „Ich werde dich nicht heiraten! Vergiss den Mist!“
Unter anderen Umständen hätte sie mit ihrem Ausbruch die Aufmerksamkeit der gesamten Mannschaft auf sich gezogen. Doch an diesem Morgen auf der Lichtung im Urwald ging der Streit über die Köpfe der Schiffbrüchigen hinweg.
„Ich bin einer Untertanin des Tigerclans!“ erklärte die Annunakifrau. „Wir waren einmal das Haus der Kaiserin der Inseln unter dem Wind und jeder Mann benötigt noch heute die Zustimmung einer Tigâra, sei sie Dame oder Frau, um sie zu seiner Braut zu nehmen!“
<Dann gib sie mir doch endlich, damit alles wieder gut wird!>
Amkur streckte ihre Hand aus. Sie streichelte Imduguds Wangen, wischte die letzten Tränen fort.
„Ich sage doch nicht, dass ich dich nicht leiden mag, mein alter Freund“, flüsterte sie. „Aber Gewohnheit darf nicht unsere wahren Gefühle für jemanden in den Hintergrund drängen. Du erhältst dieselbe Chance, mich zu gewinnen, wie jeder andere Mann. Nur könnte das seine Zeit dauern. Denn weißt du, es ist zwar weder im Sinne der Himmelsgötter, noch unserer adligen Herrschaften, aber ich würde gern ein paar Ki-Umläufe lang enthaltsam leben. Bis… bis es mir wieder etwas bedeutet, mit einem Mann zusammen zu liegen.“

Als Imdugud nichts darauf erwiderte, nicht einmal ansatzweise den Kopf schüttelte oder neigte, erhob sich Amkur Tigâra seufzend. Sie entfernte sich, lehnte sich gegen einen Baum an Rande der Lichtung und wartete auf die Rückkehr der zum See ausgesandten Wasserträger. Jahrelange Routine bei der Kontrolle der Anzeigen auf der Brücke und im Maschinenraum hatten Amkur prädestiniert für den Posten einer Wache gemacht. Sie musste nichts vom Leben in der Wildnis verstehen, musste weder kämpfen noch jagen können, sondern lediglich als lebendige Sirene im richtigen Moment Laut geben.
Bakchos und Kethri beobachteten das Verhalten der Frau mit gemischten Gefühlen. Ohne Zweifel erfüllte Amkur als Wachtposten eine wichtige Funktion und musste zu den bereits wieder dienstfähigen Mannschaftsmitglieder gezählt werden, doch unter „ins Leben zurückgekehrt“ verstanden ihre Bordkameraden etwas anderes.

*

Imdugud zog indessen den steinernen Keil aus dem Hackfleischberg. Stumm hob er das Fleisch auf, lief damit zu Dumuzi, übergab dem Proviantmeister die Nahrung und kehrte dann zu dem Platz zurück, an dem er gearbeitet hatte. Die nächsten Minuten lang beschäftigte er sich damit, intensiv auf den flachen Stein zu stieren, der ihm vorhin als Unterlage gedient hatte.
„Bei Imdugud würde man gar nicht merken, ob er wieder wie früher ist oder noch nicht“, spottete Schen. In der Personalliste als Frachtpilot und Weltraumsoldat geführt, war der Alulimangehörige während der Ausbildung viel besser als Klassenclown bekannt gewesen. Doch wann und worüber es einem Gemeinen zu lachen gestattet war, legten noch immer dessen adlige Herren fest. Und so verging Schen das Lachen, als sich Kethri Qat vor ihm aufbaute.
„Imdugud ist depressiv. Wenn ich noch einmal einen Scherz darüber höre, gibt es was im Äther, verstanden <!!!>?“
Schen umfasste seinen Schädel mit den Händen. Er krümmte sich unter den auf sein Hirn einstürmenden Energien. Ein klägliches Winseln entschlüpfte seiner Kehle. Sein Leid breitete sich allein im Äther aus, doch hatte sich der Verursacher wohlweislich aus diesem Medium zurückgezogen.
<Au!> „’Dann gibt´s was im Äther’, Herr?“ keuchter Schen. „Und was war das gerade eben?“
„Physischer Schmerz, nichts weiter“, erwiderte Kethri. „Beim nächsten Disziplinverstoß führe ich dir vor, wie es sich anfühlt, über Jahrzehnte hinweg Teil der Brückenwache gewesen zu sein.“
Schen schluckte hart. Seine Kehle fühlte sich mit einem Mal sehr trocken an. Der Mann erinnerte sich an die Erzählungen der Fernflugveteranen während der Ausbildung und wie dankbar er jedes Mal dafür gewesen war, selbst für einen Flug im „Kühlschrank“ vorgesehen zu sein.
„Ja, Herr“, beeilte er sich zu sagen. „Ich werde mich nicht noch einmal auf diese Weise daneben benehmen!“
„Na, wenigstens hast du nicht versucht, mir ein ‚Es tut mir leid’ unterzumogeln“, grinste Kethri. „Komm jetzt und hilf mir, mehr von den Feuersteinen zu suchen, die Kulla gestern gefunden hat!“

Kulla hatte seinen Morgen damit verbracht, aufzuwachen, weiterzudösen, sich zu strecken, wieder einzuschlafen und dann mit den Fingern Muster in den Erdboden zu malen, auf die er danach starrte, als handle es sich um Alalu´sche Meditationstafeln.
Nachdem Kethri und Schen am Rande der Lichtung fündig wurden, sandte Kulla ihnen einen geistigen Impuls, die gesammelten Steine begutachten zu wollen.
„Ich bin mir sicher, er erkennt, dass es sich um Steine handelt“, zischte Schen Kethri zu. „Spätestens heute Abend.“
Dieses Mal erfolgte keine Zurechtweisung. Kethri Qat hatte lediglich das Lächeln eines Mannes, der mehr wusste, für Schen übrig.
Der Edelmann hockte sich neben seinem Standesgenossen auf den Boden.
Kulla nahm die Steine entgegen, doch anstatt wie erwartet stundenlang darauf zu starren, bewegte er sich plötzlich wie im Zeitraffer! Ohne das geringste Zögern, nur dann pausierend, wenn es der jeweilige Arbeitsschritt erforderte, bearbeitete der Mann die Feuersteine. In den ersten Sekunden vermochten Kethri und Schen nicht einmal zu sagen, welcher Brocken dabei das Werkzeug und welcher das Material darstellte. Seine diamantene Umhangspange diente Kulla als Werkzeug für die feineren Arbeiten. Nach und nach entstanden unter den Händen des Bordingenieurs kleine Schaber, gezackte Schneidewerkzeuge sowie mehrere vielversprechende nadelähnliche Objekte. Die steinzeitlichen Vorfahren der Schiffbrüchigen hätten sich über Kullas Werkstücke lustig gemacht, doch Hier und Jetzt stellten sie das Wertvollste dar, das die Astronauten zu fabrizieren imstande waren.
Nachdem Kulla mit dem ersten Stein fertig war, widmete er sich dem, den Ninlor gestern für ihn aufgehoben hatte. Nachdem er nun erste Erfahrungen mit der Bearbeitung von Feuerstein gesammelt hatte, fiel es Kulla zwar nicht unbedingt leicht, doch glaubte er sich imstande, die Herstellung einer Speerspitze in Angriff zu nehmen.
Die ganze Zeit über war es Schen unmöglich, den Blick von dem vor seinen Augen wie im Akkord arbeitenden Nefilimadligen zu nehmen. So kam es, dass Kulla seinen ersten fertiggestellten Speer dem Piloten in die Hand drückte.
„Da, nimm! Ein Waffenschein ist nicht nötig.“
Schen blickte beinahe erschrocken zu Kethri.
„Was… was war das, Herr? Ist da ein Windwächter in ihn gefahren?“
„So haben wir den ganzen Flug über funktioniert“, erläuterte Kethri dem Kälteschlafpatienten. „Die meiste Zeit über befanden wir uns in einem Dämmerzustand des Bewusstseins. Aber wenn es nötig wurde, zu Handeln, gab es keine Sekunde zu verschenken und keine Toleranz für Unsicherheit.“
Schen schwieg. Es war offenkundig, dass Kethri selbst zwar grundsätzlich, aber bei weitem nicht im selben Maße wie die restliche Brückenbesatzung unter den von ihm beschriebenen Symptomen litt. Woran das liegen mochte, erschloss sich Schen allerdings nicht.

*

Kurz vor dem Mittag kehrte Zin Kibarus Gruppe mit frisch geschöpftem Wasser wieder. Die Astronauten hatten zuerst den Pfad zum See zurückverfolgt und diesen dann umrundet. Dabei hatten sie mehrere Zuflüsse entdeckt, die trinkbares Wasser führten. Trotz mehrerer Zwischenfälle, die unter anderem die Unterscheidung von Mini-Zeltechsen und Steinen, auf die man sich zum Ausruhen setzen konnte, beinhalteten, war es den Wasserträgern gelungen, ihre Beute zurück auf die Lichtung zu schaffen.
Oannes Miene hellte sich auf. Seine Ätherpräsenz verriet gleichzeitig die Freude des Mannes.
<Wunderbar!> „Herischef soll gleich Tee aufsetzen!“
„Das ist alles, was er gut konnte“, knurrte Ischum. „Weswegen er ja auch von Liste geflogen ist! Das hat den Mann davor bewahrt, mit uns zusammen in einen urzeitlichen See zu platschen.“
Der Fähnrich verließ seinen Wachtposten an der Seite des geistig weggetretenen Offiziers. Er suchte seinen Landsmann Xolotl T´ien, den Zahlmeister der „Schusar“, auf.
„Xolotl! Ich brauche dringend eine Auflistung sämtlicher Besatzungsmitglieder, damit ich sie Oannes unter die Nase halten kann! Und zwar in Großschrift!“
Doch Xolotl lächelte Ischum nur an wie ein Schulanfänger, der sich nicht sicher war, ob das exotische Konzept des Lesens und Schreibens tatsächlich in irgendeiner Form mit ihm selbst in Verbindung zu bringen sein sollte. Ein einziger Klagelaut entschlüpfte Ischums Kehle. Was hatte man denn von aller Vernunft und Diplomatiefähigkeit, wenn einen die anderen ohnehin bloß in die Verzweiflung stürzten?!

Gerade wollte sich der Waffentechniker in die Knie sinken lassen und nur noch ausgiebig weinen, da trat Saru Vayu an seine Seite. Der Armeekundschafter packte Ischum an dessen Oberarm. Er zog ihn wieder nach oben, wies auf den eröffneten Wasserausschank und bat: „Fähnrich Ischum! Kommt und trinkt etwas!“
<Saru?!>
Ischum kam aus dem Staunen nicht heraus. Ausgerechnet Saru lies ihm derartige Fürsorglichkeit zukommen? Nicht nur, dass die Soldaten der Häuser T´ien und Vayu auf eine lange Tradition der Feindseligkeit zurückblickten, Saru war auch ein enger Freund Zahrim Vayus, der glaubte, mit Ischum eine persönliche Rechnung zu begleichen zu haben. Unter den Umständen ihres unterbrochenen Kälteschlafes war die Erinnerung an die Ursache ihrer Fehde allerdings zurzeit bei beiden Parteien blockiert.
„Dieser Planet wird uns nicht fertigmachen!“ erklärte Saru mit fester Stimme. „Ich hasse das Laubgestrüpp und ich werde mich ganz sicher nicht vor Lahmu in den Himmeln lächerlich machen, indem ich mir einen Holzspeer auf den Rücken schnalle, aber das bedeutet nicht, dass ich uns aufgebe!“
Ischum nahm die Hilfe an. Annunaki waren ein zartes Volk, deren Kondition an die keiner anderen der ausgestorbenen Primatenarten ihrer Heimatwelt heranreichte. Regelrecht körperlich ausgelaugt von einem Vormittag sinnloser Diskussionen stützte sich der Fähnrich auf Sarus Schultern und dockte, so gut es sein Annunakigeist vermochte, an die Ätherpräsenz des anderen an.
Saru führte den Bordkameraden zur Wasserausgabe, konnte sich allerdings nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass er das Wappen des geflügelten Äffchens trug: „Affen sind die cleversten Tiere, die es gibt, Ischum. Wir lassen euch andere schon nicht hängen!“
Ischum trank einige Schlucke. Waschen und Rasieren stellten überflüssigen Luxus dar, solange als Wasserbehälter nur Kullas Helm und ein paar Feldflaschen zur Verfügung standen. Dafür besaß die Expedition mehrere Röhrchen tiefgefrorener nutzloser Fischeier und Dumuzis Parfümzerstäuber…

Ischum ließ sich bei Zin Kibaru und seinen Begleitern nieder.
„Wie sieht es am See aus, Kip?“ forschte er. „Nutzen viele Tiere die Wasserstelle? Sind gefährliche darunter?“
„Ich hatte mehr Augen für die Wasserqualität“, gestand der Chemiker.
Die einzige Sonde, die jemals eine Süßwasserprobe auf Ki genommen hatte, war den Wissenschaftlern der Hofakademie in einem reißenden Fluss verlorengegangen, bevor sie ihre Daten hatte senden können.
„Was die gefährlichen Tiere angeht, müssen wir sehr schnell umdenken lernen“, fuhr Kip fort. Er wies auf den neben ihm sitzenden Sirsir Varascha, der gerade aus seinem Ohr austretendes Blut von der Wange wischte.
„Wir mussten ihm einen Blutegel aus dem Gehörgang entfernen. Als makroskopisch wahrnehmbare Saprobien sehr geschätzt, aber eine tödliche Gefahr für jene, die durstig ihren Kopf über einen Fluss beugen. Der Planet muss keine wutschnaubenden Zeltechsen auffahren, um uns zu töten…“
Der Chemiker redete weiter. Er vermied es, das Gespräch auf Themen kommen zu lassen, die in keinem Zusammenhang mit seinem Fach standen. Nur dadurch, sich immer wieder sein Wissen bewusst zu machen, erlangte er die innere Stärke, angesichts des Schiffbruchs nicht zu verzweifeln.
Ein anderes Expeditionsmitglied hätte Zin Kibarus Ausführungen an vielen Stellen ergänzen und an einigen richtig stellen können: Der Ökologe Ah Ceh Tigâra. Doch Ah Ceh hockte zusammengesunken unter einem Laubbaum am Rande der Lichtung und hatte den ganzen Vormittag über nur einen einzigen Satz von sich gegeben: „Ich spare Energie.“

*

Imdugud Ubaid beobachtete die Vorgänge auf der Lichtung voller Besorgnis. Unter dem Vorwand, sich von seiner „Küchenarbeit“ ausruhen zu müssen, hatte auch er eine Weile gedöst. Sein Pflichtgefühl sagte Imdugud, dass er wieder fit zu werden und funktionieren hatte, doch seine Persönlichkeit fand nichts Erstrebenswertes daran. Warum nicht einfach liegen bleiben? Die Herrschaften würden sich schon bemerkbar machen, wenn sie etwas wollten…
Aus halb geschlossenen Augen beobachtete Imdugud Oannes. Der Offizier ließ keine Besserung seines Zustandes erkennen. Auch Ah Ceh saß noch immer da wie eine lebensechte Statue seiner selbst.

Prinz Enki, Fria und Aja-sal standen zwei Besatzungsmitgliedern zur Seite, deren Glieder gerade wieder taten, was sie wollten: Grimmig entschlossen übte sich Anubis zwischen den beiden Frauen im Geradeauslaufen, während Enki dem gefesselten Asaluhi die eigene Uniformjacke als Polster unter dessen auf und ab zuckenden Kopf schob. Imdugud konnte die Augen schließen, aber er vermochte nicht, das unartikulierte Lallen des Bordsoldaten auszublenden – oder die Erinnerung daran, dass gerade dieser Mann, der im Ausbildungslager größtes Interesse an Erste Hilfe – Lektionen gezeigt hatte, nun selbst zu einem Pflegefall geworden war.
All das war schon schlimm genug für Imdugud, doch Oannes flehentliches „Amalthaia? Ist ihr womöglich etwas zugestoßen? Kann mal bitte jemand nachsehen, wo sie bleibt?“ gab ihm den Rest. Der Annunaki sprang auf! Für einen Moment schienen seine Beine die Bewegung wiederholen zu wollen. Und dann schien es nicht mehr nur so… Imdugud blieb gar keine Wahl, als wiederholt auf und ab zu hüpfen. Zu seiner Wut gesellte sich die Scham angesichts dieser Ausgeliefertheit an den eigenen Körper.
Der Anfall ging von selbst vorüber. Imdugud hastete zu Ah Ceh hinüber und versetzte dem Doktor einen Tritt. Doch dabei ließ er es nicht bewenden. Kaum hatte sich der Gelehrte wieder in sitzende Haltung aufgerappelt, erhielt er einen neuerlichen Fußtritt.
Ah Ceh schlug der Länge nach auf den Boden, wo er liegen blieb.
„Oh, nein!“ schrie Imdugud. „So leicht macht Ihr es Euch nicht!“
Der Gemeine packte seinen privilegierten Artgenossen an dessen Kleidung. Er zerrte ihn auf die Füße.
Jetzt erst realisierte Ah Ceh die Identität seines Angreifers: „Imdugud Ubaid?“ <Haus Ubaid? Ein Angriff?>
Ah Ceh versuchte, einen geistigen Impuls auszusenden, der seine eigenen Landsleute an seine Seite rufen würde: <Tig…>.
Doch Imdugud stieß sein Opfer so heftig gegen den Baumstamm, dass dieser die Kontrolle über seinen Äthersinn fahren lassen musste.
„Na?“ höhnte Imdugud. „Ist Euch ein Sinn verlorengegangen? Wisst Ihr überhaupt noch, wie viele Ihr davon besitzt?“
Erneut schlug er zu.
„Au!“ schrie Ah Ceh.
Imdugud lachte: „Ah, jetzt fühlt Ihr also den Schmerz!“
Imduguds Knie hob sich bedrohlich in Richtung von Ah Cehs Schritt. Der andere keuchte bereits in der bloßen Erwartung eines Tritts in die Männlichkeit.
„Das alles kann ich Euch antun“, erklärte Imdugud dem Gleichgestellten. „Aber Ihr, Ihr besitzt die Macht, mich mit einem Wort zu vernichten!“ <Das ist Macht! Wenn das kein Grund ist, zurückzukehren, welcher dann?>
Wieder und wieder schlug Imdugud auf sein wehrloses Opfer ein. Doch es war nicht Ah Ceh, sondern der Angreifer, dessen Leid im Äther deutlicher zu spüren war…
<Warum? Wollt? Ihr? Einfach? Nicht? Ihr besitzt doch alles, was ich nie erreichen werde!>

Ah Ceh Tigâra lag einer Lumpenpuppe gleich zu Imduguds Füßen, als Fria und Churan herbeigeeilt kamen.
„Ich habe den Doktor zusammengeschlagen“, wisperte Imdugud ungläubig anstelle einer Begrüßung. „Schon eine angedeutete Ohrfeige stellte ausreichenden Grund dar, mich wegen Meuterei vor das Bordgericht zu stellen. Aber er will einfach nicht! Er lässt das einfach so geschehen!“
„Es gibt was Besseres als Macht, wofür jemand würde leben wollen“, behauptete Churan. „Nämlich Liebe!“
Imdugud schnaubte verächtlich. „Da wendest du dich besser an Herrn Kulla. Der bespringt bekanntlich alles, was in irgendeiner Sprache ‚Ja’ sagen kann!“
„Darum geht es mir nicht!“ schoss der Alulimanghörige zurück. „Ich spreche von Liebe anderer Art, von Aufopferung!“
Imdugud zerrte Ah Ceh auf die Füße. Er stieß ihn mit dem Rücken gegen den nächstbesten Baum und wandte sich dann erneut an Churan: „Ja, und was glaubst du, was ich hier tue?! Was ich riskiere, indem ich ihn verprügle?“
Imdugud drückte seinen linken Unterarm unter Ah Cehs Kinn gegen dessen Kehle. Der Gelehrte wagte nicht, sich zu rühren.
Mit der rechten Hand gestikulierte Imdugud vor Churan und Fria, die ebenfalls furchtsam dort verharrten, wo sie gerade standen.
„Ich bin Funktechniker, also so ziemlich das Letzte, was ihr hier benötigt“, rief Imdugud. „Was aus mir wird, ist unwichtig. Ihn hingegen benötigt ihr, der muss leben!“
Schweiß perlte Imduguds Stirn herab, floss ihm über das Gesicht und in seinen Kragen hinein. Sollte er ausgerechnet in diesem Moment die Kontrolle über seine Muskeln verlieren… Nein, das durfte nicht geschehen!
Ah Cehs halbbetäubter Geist begriff, dass sein Angreifer bereits die Kontrolle über etwas anderes als seinen Körper verloren hatte – und das nicht im Kälteschlaf oder während der Brückenwache, sondern schon vor langer Zeit. Vielleicht vor einer längeren Zeitspanne, als der Doktor überhaupt lebte. Imduguds Unterbewusstsein strahlte den Kummer und die Hoffnung des Mannes gleichermaßen in den Äther:
<Ich schraube Dinge nach Plan zusammen, verlege Kabel und drücke Knöpfe. Aber Dr. Ah Ceh ist kein Nachmacher, sondern ein Denker. Er versteht, wie die Regeln funktionieren, die Ökosystemen zugrunde liegen. Er wird uns durch die Krise bringen, also hole ich ihn zurück!>
Imdugud ballte seine rechte Hand zur Faust. Er hielt sie Ah Ceh vor die Nase.
<Ich tue, was für die Expedition nötig ist!> warnte Imdugud den Wissenschaftler. <Um die anderen wachzurütteln, bin ich bereit, Euch zu töten!>
Doch insgeheim hatte Imdugud zu zittern begonnen. Sein Druck gegen Ah Cehs Kehle ließ nach, trug er sich ja nicht wirklich mit der Absicht, den Gelehrten zu ermorden. Aber wenn noch nicht einmal Todesfurcht den anderen endlich zur Rückkehr ins Leben motivieren sollte, was dann?!

<Töten würdest du also? Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst/denkst/fühlst!!!> schrie Ah Ceh stumm.
Für einen kurzen Moment stiegen Erinnerungen in Imdugud auf, die nicht seine eigene sein konnten. In dieser Erinnerung war Imdugud/Ah Ceh jünger. Er trug einen Raumanzug, doch nicht die klobigen Modelle, in denen die Schusarrekruten Raumnotrettungsübungen trainiert hatten, sondern ein elegantes, für den Kampfeinsatz konzipiertes Rüstungsstück. Der Weltraumkrieger stand in einer winzigen Kammer. Vor seinen Augen öffnete sich eine Schleusentür.
„Kielholen ohne Wasser ist irgendwie nicht dasselbe“, höhnte eine Stimme aus seinem Helmlautsprecher. „Also sparen wir uns auch gleich das Seil…“
In kosmischen Maßstäben betrachtet direkt an der Bordwand, an der Körpergröße eines Annunaki gemessen hingegen in fernster Unendlichkeit, schwebte ein Waffenkristall im Weltraum. Imdugud wusste, worum es sich handelte: Mit einer Pistole, in der sich dieser Kristall befunden hatte, hatte er/Ah Ceh einen Weltraumatrosen erschossen. Bevor dieser ihn erschießen konnte. Weil er vorher… und weil der andere… und überhaupt alle anderen… Nun sollte er zur Unterhaltung einer Bande von Piraten versuchen, den Kristall aus dem Weltraum zu fischen. Schaffte er dieses Kunststück und kehrte danach auch noch zum Schiff zurück, würden sie ihn vielleicht wieder durch die innere Schleusentür herein lassen. Vielleicht…
Ein greller Blitz und dann der Pilz einer Spaltwaffendetonation, wie sie jedes Schulkind aus dem Geschichtsunterricht kannte, überlagerten die Kielholenszene. Die Erinnerung zerfaserte vor Imduguds innerem Auge.

Ah Ceh Tigâra schlug Imduguds Arm zur Seite. Gleichzeitig brachte er das eigene Knie in Kontakt mit den Geschlechtsteilen seines Gegners und anschließend schubbste er ihn zu Boden. Als sich der jeglicher Kampfhandlung unerfahrene Imdugud vor dem Doktor auf dem Waldboden krümmte, spuckte dieser neben ihm aus.
„Hast Glück gehabt, war schlecht gezielt. Weißt ja, der Kälteschlaf und so“, lachte Ah Ceh.
Imdugud, Fria und Churan wechselten überraschte Blicke. Natürlich wusste mittlerweile jeder an Bord der „Schusar“, dass Ah Ceh seine Weltraumerfahrung als Freibeuter gesammelt hatte, doch nun erkannten sie diesen Kapermatrosen zum ersten Mal in ihrem Hochgelehrten wieder.
„Mach dich nicht lächerlich, Imdugud“, erklärte Ah Ceh. „Was das Überleben in der Wildnis angeht, ist eine Weltraumratte wie ich sicher nicht euer bester Trumpf. Mein Hochschulstudium war für den eindrucksvollen Titel gut, mit dem ich mich schmücke. <Die stattlichen Nefilimfräuleins fahren drauf ab…> Was ihr an mir wirklich auf Ki braucht, ist gewiss nicht meine Fähigkeit, eine Populationsentwicklungskurve zeichnen zu können.“
„Egal, was Ihr mitbringt!“ schnaubte Imdugud trotzig. „Hauptsache, Ihr dämmert uns nicht wieder fort!“
Erneut lachte Ah Ceh.
„Weißt du, was wir auf unserem Kaperschiff mit Burschen wie dir gemacht haben?“ fragte er drohend. Dann streckte er die Hand nach dem Techniker aus. „Ihnen einen Platz in unserer Mannschaft angeboten.“
Imdugud ergriff die Hand.
<Danke, Imdugud.>
Was immer die Gelehrten Gegenteiliges behaupteten, Imdugud war davon überzeugt, dass Körperkontakt die Verbindung der Äthersinne begünstigte. Er spürte Ah Cehs Dankbarkeit und sie berührte ihn wie selten zuvor. Oft genug hatten seine studierten oder adligen Vorgesetzten den Techniker gelobt. Stolz hatten Imdugud diese Wertschätzungen nie hinterlassen. Er hatte nie in seinem Leben eine wissenschaftliche Theorie aufgestellt, nichts erfunden und auch kein Kunstwerk geschaffen. Er arbeitete wie jedes andere abgerichtete Hoftier. Natürlich wurden auch solche Tiere gebraucht, doch jedes einzelne war durch ein anderes ersetzbar.
<Eben das trifft auf Ki nicht mehr zu>, teilte Ah Ceh Imdugud mit.
Er stellte keine gewagte Hypothese auf, sondern bezog sich auf seine eigenen Erfahrungen an Bord eines im Asteroidenring auf sich gestellt operierenden Kaperschiffes. <Wir haben den Absturz zusammen überstanden und wir sind weit und breit die einzigen Annunaki. Was du bist oder was du kannst verkommt zu einer Nebensache. Wenn auch nur eine einzige Ätherpräsenz aus unserem Netz herausfällt, wäre das eine Katastrophe.>
„Klingt gut“, murmelte Imdugud. <Wäre schön, wenn´s stimmte.>
Churan öffnete seinen Mund. Von dem, was sich im Äther zwischen den beiden Männern abgespielt hatte, war vieles über seinen Geist hinweggegangen, doch hätte der Funker jetzt nicht von seinen Minderwertigkeitskomplexen geheilt sein müssen?
„Das Universum mag es, sich glaubhaft und realistisch zu geben“, scherzte Fria-nin, dann wieder ernst zu werden: „Durch ein paar Worte lässt sich Imdugud nicht überzeugen. Ich halte seinen Fall für überhaupt viel schwerer als die Kälteschlafdesorientierung.“
„Mir ist das auf leeren Magen zu viel“, gestand Churan. „Lasst und zu den anderen zurückkehren!“

+

Vom Hyphensalat bis zum im eigenen Hut gegarten Ragout stellten Pilze das Hauptnahrungsmittel des gemeinen Volkes im Dreisternsystem dar. Obgleich jedes Schulkind im Verlauf seiner Ausbildung mehrere Klausuren im Fach Zoobotanik schreiben musste, verstand man im Erwachsenenleben unter „Pilz“ dasselbe wie es die Menschen später tun würden: Ein Ding, das aus Stiel und Hut bestand und so eine komische Wurzel hinter sich herzog, wenn man es ausrupfte oder, je nach Größe des Exemplars, fällte.
Auf Ki erfreuten sich die Pilze zwar einer großen Verbreitung, doch in ihrer Form als Speisepilz waren sie in den Augen der Schiffbrüchigen hoffnungslos unterrepräsentiert.
„Wir brauchen keine Pilze. Bei der Vielfalt an Blütenpflanzen, die uns allein in diesem Wald begegnet, sollten eine ganze Menge essbare Früchte und Beeren darunter sein“, meinte Bakchos. „Ich denke weiterhin an Knollen und dergleichen. Lediglich Gräser fehlen, Kornfladen als Ersatz für Pilzbrot können wir uns abschminken.“
„Früchte und Beeren? Wenn wir zu viel Obst auf Anur einführen, wird das die Preise für Delikatessen verderben“, unkte Xolotl.
„Werden wir aber nicht“, zischte Kulla, „weil unser Raumschiff immer tiefer im Schlamm dieses elenden Sees versinkt und keiner etwas dagegen unternimmt!“
„Dann denk du weiter darüber nach, wie wir die ‚Schusar’ bergen können, während wir dich mit Essen versorgen“, warf Ah Ceh ein. Es lag schon eine Weile zurück, dass der Hochgelehrte von seinem Recht Gebrauch gemacht hatte, einen Edelmann zu duzen. Es galt als höflich und damit ratsam für Gleichgestellte, freiwillig auf dieses Privileg zu verzichten.
„Bakchos, Ecatl, Kethri – kommt ihr mit?“ fragte Ah Ceh in die Runde. „Gehen wir vier etwas Essbares aus dem Boden rupfen?“
Kethri schaute ratsuchend zu Enki Alulim. Als er den Kommandanten keine Ablehnung in den Äther ausstrahlen spürte, interpretierte er das als stillschweigende Erlaubnis.

„Ja, lasst uns aufbrechen. Komm, Enjelis!“
Enjelis Qat, der sich als Kethris Leibwächter und Ehrenwache an Bord befand, blieb auf dem Erdboden sitzen. Von unten herauf blickte seinen Herrn flehentlich an.
<Bitte! Kein Essen! Wozu unsere Qualen verlängern?>
Kethri beugte sich zu dem Bordsoldaten herunter.
„Jehl…“
Als er keine Antwort erhielt, wandte sich der Nefilimadlige mit einem ebenso flehentlichen Ausdruck in seinem Gesicht, wie Enjelis ihn aufsetzte, an Ah Ceh: <Das ist unsere Schuld, nicht wahr?> „Wir haben den Gemeinen mit der Waffe zu kämpfen beigebracht, aber über Generationen hinweg ihre Willenskraft zerstört.“
„Herausgezüchtet, ja.“ <Da kann ich mit meinem akademischen Hintergrund nicht drumherum reden.>
Kethri seufzte. Den Untertanen des Katzenclans ging es gut, solange sie funktionierten und die ihnen gesetzten Grenzen einhielten. Was hätte Kethris Vater mit einem Sicherheitsgardisten getan, der seiner Pflicht gegenüber seinem Sohn nicht mehr nachkommen konnte? Mindestens aus seiner privilegierten Position entlassen, überlegte Kethri, aber jede Strafe bis hin zum Entzug des Hausrechts war vorstellbar. Egal, wie oft Enjelis seinen jungen Herrn auf der Raumstation aus dieser oder jener Klemme befreit hatte, in seinem derzeitigen Zustand war er nicht mehr geeignet für den Dienst an einem Fürsten des Hauses Qat.
Das bedeutet, dass jetzt mein Dienst an Jehl beginnt, schoss es dem Offizier durch den Kopf.
Kethri Qat löste seinen Umhang von der Schulter. Er legte ihn Enjelis um. Als hätte er ein kleines Kind vor sich, sprach er: „Schlaf ein wenig. Wenn wir zurückkommen, wird alles wieder gut.“

Kethri setzte sich an die Spitze der kleinen Gruppe, wie er es schon am Vortag getan hatte.
„Bei der Herzdruckmassage“, wandte er sich grimmig an Bakchos, „geht es nicht darum, jemand wiederzubeleben, richtig? Die Technik ist nur dafür gut, den Körper am Leben zu halten.“
„Stimmt. Zu Bewusstsein gelangt der Patient durch einen gezielten Stromschlag. Genaugenommen bringt der ihn noch näher an den Rand des Todes, in der Hoffnung, dass die Notfallfunktionen des Körpers anspringen.“
„So etwas in der Art hat Imdugud bei mir versucht“, ergänzte Ah Ceh. „Aber das funktioniert nicht mit jedem. Früher oder später…“
„…brauchen wir Enki“, beendete Kethri den Satz. „Er verfügt über den stärksten Äthersinn unseres Volkes.“ Eine noch recht junge Erinnerung stahl sich ins Bewusstsein des Nefilim, nicht die angenehmste, dennoch brachte sie ihn zu Schmunzeln. „Mit Ausnahme des Hofastronomen vielleicht“, ergänzte er seine Behauptung. „Jedenfalls wird der Erbprinz schon wissen, was zu tun ist, um die Mannschaft wieder zum Leben zu erwecken. Was wir hier tun – Sammeln, Wache halten, Steine behauen – ist lediglich das Äquivalent einer Herzdruckmassage.“

*

Die vier drangen tiefer in den Wald vor. Zuerst bewegten sie sich ziellos, hautsächlich bemüht, immer den Rückweg zur Lichtung im Kopf zu behalten. Dann stießen sie auf einen sich dahinschlängelnden Pfad, der etwas tiefer in den Waldboden eingegraben war. Anhand der typischen Ufervegetation, identifizierte Bakchos den vermeintlichen Wildwechsel als kleinen Wasserlauf, der in der entsprechenden Jahreszeit auch Wasser führen würde. Er hielt die anderen dazu an, dem ausgetrockneten Bach zu folgen.
Ecatl und Kethri tauschten die nächsten Minuten über belustigte Gefühle angesichts der Ausrucksweise des Botanikers aus. Wie konnte er am zweiten Tag auf diesem Planeten bereits die „typische“ Pflanzenwelt benennen?
Bakchos und Ah Ceh gingen nicht auf den Spott ein, trugen sie sich doch mit ganz eigenen Sorgen. Sie konnten aufgrund ihrer biologischen Kenntnisse Feuchtpflanzen als solche erkennen, doch eine Aussage darüber treffen, welche davon essbar waren, welche ungenießbar und welche giftig, vermochten sie nicht ohne Weiteres.

Die Gruppe erreichte einen Fluss. Das Gewässer war weder besonders tief noch breit und floss eher gemächlich dahin. An mehreren Stellen hingen die Äste der Bäume bis hinunter zur Wasseroberfläche. Umgestürzte Baumstämme und große Wurzeln ragten in den Fluss hinein. Hier und da bildeten miteinander verkeiltes Treibholz und Wasserpflanzen kleine Inseln, um die herum sich tückische Strudel bildeten. Für einen kurzen Moment meinte Kethri, die Formen drachenartiger Ungeheuer in einigen der Holzstämme zu erkennen, doch schalt er sich sofort für seine überschäumende, ganz und gar nefilimuntypische Phantasie.
„Solche Wasserarme durchziehen den gesamten Wald“, behauptete Bakchos. „Ich würde mich nicht wundern, wenn wir auf einer der wenigen trockenen Stellen in einem ausgedehnten Sumpfgebiet lagerten. Egal! In Flüssen wie diesem sollte man eigentlich Karpfengrün ernten können.“
Kethri drückte Ecatl einen von Kullas Speeren in die Hand. Er selbst blieb zurück, während der Soldat sich dem Flussufer näherte.
Ah Ceh musterte den Nefilimoffizier.
<Wasserflächen sind wohl noch nicht wieder so dein Ding?> forschte er.
Zum zweiten Mal an diesem Tag fiel Kethri auf, dass sich Ah Ceh von seinem Höflichkeits-Ihr verabschiedet hatte. Der spezifische unterwürfige Ausdruck im Äther, welcher die Anrede begleitete, fehlte.
<Nicht so bald und vielleicht sogar niemals wieder>, musste der junge Mann zugeben. <Ich habe Todesängste ausgestanden, während unseres Tauchgangs…>

Ecatl stocherte unterdessen mit dem Speer im Fluss herum. Am Ufer war das Wasser vergleichsweise klar, doch konnten der Astronaut nicht die geringste Spur der gesuchten Blattpflanze ausfindig machen. Offenbar war die Evolution der Pflanzen auf Anur und Ki eben doch nur ähnlich, nicht aber identisch verlaufen.
Ah Ceh folgte Ecatl. Am Ufer angekommen legte er seine Uniform ab.
<Ich geh mal tiefer rein.>
Vorsichtig hielt der Annunaki eine Zehe ins Wasser, setzte dann einen Fuß in den Fluss und lief hinein, bis er bis zu den Waden im Wasser stand. Ah Ceh beugte sich herab und tauchte die Hände bis über die Handgelenke ins kalte Wasser, um seinen Blutkreislauf damit vertraut zu machen.
Die Bewegungsabfolge blieb nicht unbemerkt. Bereits das erste Kräuseln der Wellen war von einem Gehirn registriert worden, das nun die präzisierte Meldung „Nicht nur Eindringling, sondern großer, sättigender Eindringling“ erhielt. In einen der vermeintlichen Baumstämme kam Leben, dann in einen zweiten… einen dritten… und einen vierten!
Massive Reptilienleiber setzten sich in Bewegung. Zuerst watschelten sie eher unbeholfen auf vier Beinen, doch der Eindruck von Täppigkeit verflog rasch, nachdem man einmal gesehen hatte, wie elegant sie ins Wasser glitten. Gezackte Rückenkämme und hochliegende Nüstern waren alles, was man von ihnen noch sah. Aber sie kamen näher und das im Eiltempo!
„Ah Ceh, sofort raus aus dem Fluss!“ brüllte Kethri unnötigerweise.
Doch das war leichter gesagt als getan. Eine der Echsen näherte sich dem Annunaki im flachen Uferwasser. Gaben die anderen drei die Verfolgung ihrer Beute recht schnell auf, sobald sie merkten, dass der Zweibeiner ihr bevorzugtes Jagdrevier verließ, so galt das nicht für diese vierte. Sie schnappte nach dem rückwärts zurückweichenden Doktor. Ah Ceh zuckte zurück, geriet ins Straucheln und wusste nicht, ob er nun rückwärts hüpfen oder es riskieren sollte, sich umzudrehen um dann schneller fortlaufen zu können.

„Was ist das für ein Vieh?!“ schrie Bakchos.
„Wie kriegen wir es weg“, korrigierte Kethri die Frage. Er rief „<Ecatl>!“, doch der überzeugte Vegetarier umklammerte lediglich seinen Speer, unfähig, über Jahrhunderte aufgebauten Respekt vor der Tierwelt selbst in dieser Lage innerhalb von Sekunden abzuschütteln. Die Streitkräfte des Hauses Tigâra hatten dem Mann lediglich seine Tötungshemmung gegenüber zweibeinigen, denkenden Wesen aberzogen…
Erneut wich Ah Ceh vor einem Schnappen des zahnbewehrten Mauls der Echse aus.
Ecatl fing sich soweit, den Speer zurück zu dessen eigentlichen Besitzer zu werfen. Kethri fing den Schaft in der Luft und drehte ihn sofort ums Handgelenk in die richtige Richtung. Zwar war ihm die steinzeitliche Waffe unvertraut, doch sein von frühester Jugend an trainierter Umgang mit einem Kampfstab kam dem Jüngling zu pass.
Kethri eilte Ah Ceh zu Hilfe. Seine Waffe fühlte sich aus der Sicht eines Stabkämpfers unausbalanciert an. Ehrenduelle liefen darauf hinaus, den Gegner von den Beinen zu holen und unten zu halten oder ihn aus einem bestimmten Areal herauszudrängen. Man konnte sich dabei blaue Flecke holen, Prellungen oder Schlimmeres erleiden, aber niemals bestand Todesgefahr für die Kontrahenten. Kethri wurde sich der äußerst realen Gefahr seines Ablebens in dem Moment bewusst, in dem das Monster ihm den Kopf zuwandte und sein Maul aufriss. Ein zur Abwehr vor den Körper gehaltener Holzstab würde vielleicht den Angriff eines ebenso bewaffneten Nefilim parieren, doch der Flussbewohner hätte ihn mit einem einzigen Zuschnappen durchgebissen – sowohl den Stab als auch den Nefilim.
Dass sich das Monster nun auf einen zweiten Gegner konzentrieren musste, ermöglichte es Ah Ceh, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen.
Erneut schnappte die Echse zu. Erneut drehte Kethri den Speer in seinen Händen. Er hielt die Steinspitze dem zahnbewehrten Maul entgegen. Mit aller Kraft stieß er seine Waffe in den Rachen des Monsters. Gleichzeitig bohrten sich spitze Dolche in Kethris Arme. Gleichzeitig fühlte er sich gepackt und fortgezogen – das musste Ah Cehs Griff sein.
Die beiden taumelten ans Ufer. Die Riesenechse wand sich hinter ihnen im Uferschlamm. Kethris Speerschaft ragte noch immer ein Stückweit aus ihrem Maul.
Ah Ceh reichte den Verwundeten unverzüglich an Bakchos weiter.
<Zeigt mal her… viel Blut… das hätte Euch beide Arme kosten können…>
„Bakchos!“ klagte Kethri. „Alles, was ich jetzt hören will, ist „Danke“, in Ordnung?“
„Dankt Ihr lieber Euren Göttern, dass keine Hauptschlagader geöffnet wurde!“ versetzte Bakchos. „Und dankt Ah Ceh dafür, dass er Euch so geistesgegenwärtig aus dem Maul dieses Untiers gezogen hat!“
<Ist ja schon gut, Bakchos!> zischte der Jugendliche im Äther. <Ist ja schon gut…>

Kethri, Bakchos, Ah Ceh und Ecatl blieben in der Nähe des Flusses, hielten jedoch respektvollen Abstand zum Ufer.
Der Todeskampf des Wasserräubers zog sich hin. Wesentlich schlimmer zu ertragen, als der Anblick selbst, waren die Gefühle der Beschämung und des Entsetzens, die von Ecatl Tigâra ausgingen. Mehrfach war Ah Ceh versucht, den Soldaten einfach bewusstlos zu schlagen, doch beherrschte er sich.
Kethri biss die Zähne zusammen, während Bakchos seine Wunden auswusch und mit zwei Taschentüchern umwickelte. Er konnte nur hoffen, dass der Botaniker heute Mittag ein wenig Wasser abgezweigt hatte, um sie vorsorglich zu kochen.
Bakchos sah der Heilung von Kethris Wunden optimistisch entgegen. Ganz so tief, wie es zuerst ausgesehen hatte, waren sie nicht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden noch nicht einmal Narben in der gleichzeitig geschmeidigen wie widerstandsfähigen Nefilimhaut zurückbleiben. Ein Annunaki hätte im selben Fall weniger Glück gehabt.
Endlich verebbten die Zuckungen des Reptils. Es kam auf Kethris Speer aufgespießt auf dem Rücken zu liegen.
Die vier Eindringlinge in seine Welt konnten sich das Raubtier nun in aller Ruhe ansehen.
Vergleichbares existierte nicht in ihrer Heimat. Es gab Schlangendrachen, Basilisken und dergleichen mehr, doch alle diese Tiere lebten entweder an Land oder jagten aus dem Flug heraus. Und wenn sie gerade nicht auf Jagd waren, taten sie wenigstens nicht so, als seien sie ein Teil des Hintergrundes!
„Ich fürchte, die hiesige Fauna orientiert sich am Bühnenbild eines Mysterienspiels der Ubaid“, ächzte Kethri. „Alles voller Echsenviecher!“
„Wisst ihr, woran mich dieses hier erinnert?“ fragte Bakchos. „Daran, was Ihr Schen über das Wachbleiben auf einem Fernraumflug erklärt habt. Es lauert so diszipliniert, dass man es für einen Gegenstand halten könnte, aber wenn es darauf ankommt, verwandelt es sich in ein effektives Raubtier.“
So kam das Reptil zu seinem Namen, dem ersten, den ihm jemals ein vernunftbegabtes Wesen verliehen hatte: Kälteschlafechse.

Die vier schleppten ihre unerwartete Beute zur Lichtung. Dazu, nach essbaren Pflanzen zu suchen, wie sie es sich eigentlich vorgenommen hatten, kamen sie an diesem Tag nicht mehr.
„Wir waren Fischen“, erklärte Kethri bei der Rückkehr lapidar.
Kulla schnaubte belustigt: „Was hast du denn da als Köder genommen?“
Kethri deutete auf Ah Ceh. „Ihn.“
Dann war selbst ihm nicht mehr nach Herumalbern zumute. Er ließ sich fallen, wo er stand.

Der zwölfte Tag

Ausgefüllt mit ungewohnten Arbeiten vergingen die Stunden, Tage und schließlich eine ganze Woche. Die körperlichen Symptome der Kälteschläfer klangen allmählich ab, doch Kethris Gleichnis von der Herzdruckmassage blieb zutreffend. Nur, weil die Männer und Frauen wieder ohne Angst vor Verschluck- und Erstickungsanfällen essen konnten, bedeutete das nicht, dass sie sich viel davon versprachen, einen weiteren Tag durchzuhalten. Diejenigen, die sich mit ihrer Lage abgefunden hatten und versuchten, das Beste daraus zu machen, befanden sich weiterhin in der Unterzahl. Für die meisten bedeutete „sich mit der Situation abfinden“ noch immer „auf den Tod warten“.

Mit den Worten „Wir werden bei der Jagd nicht immer auf unser Glück vertrauen können.“ wandte sich Dumuzi eines Morgens an den zweiten Offizier der „Schusar“. „Bevor wir auch nur daran denken können, unser Rauschiff zu bergen und zu reparieren, muss das Überleben gesichert sein.“
„Ich weiß, Dumuzi“, erwiderte Kethri. „Und wie genau stellst du dir das vor? Du kommst doch nicht zu mir, um mir Gemeinplätze aufzutischen!“
Zum ersten Mal in seinem Leben nahm Dumuzi die Bordhierarchie nicht nur als etwas Gegebenes hin, sondern zog Erleichterung aus ihrer Existenz. Dem Kommandanten persönlich durfte er seine Gedanken nicht unterbreiten, Kethri schon eher. Das war gut so, denn der junge Navigator war im Gegensatz zu seinen beiden Vorgesetzten bereits auf Ki angekommen. Vielleicht war er ja nur deswegen schon wieder einsatzfähig, weil es nicht viel Hirn in seinem Schädel gab, das erst wieder anfahren musste. Oder Kethri konnte nicht weit genug denken, um die Hoffnungslosigkeit ihrer aller Lage zu begreifen. Die meisten der älteren Besatzungsmitglieder aber stimmten Yehl Kylin zu, der behauptete, Kethri täte einfach, was Jungen seines Alters am besten konnten: Nicht zu wollen. Nicht sterben, nicht aufgeben, nicht verlieren zu wollen. Seine Grenzen nicht nur nicht zu akzeptieren, sondern ihre bloße Existenz nicht wahrhaben zu wollen. Das Beste an der Angelegenheit war, dass Kethri mit seiner Zuversicht über seinen Nefilimäthersinn ansteckend wirkte.
Leider traf das auch auf Kulla und Enki zu, die man dezent isoliert halten musste. Der Ingenieur strahlte Verzweiflung in den Äther und bei dem Schusarkommandanten konnte niemand vorher sagen, ob man ihn in einer Phase des tatkräftigen Optimismus oder der gedankenlosen Weltabgewandtheit antreffen würde.
Dumuzi hatte sich seine Worte im bereits Vorfeld passend zurechtgelegt und mögliche Erwiderungen desw Offiziers durchgespielt, so dass er nun antworten konnte: „Mit Verlaub, Herr, wir sind sehr viele Personen. Bietet das Sicherheit oder macht es uns nicht eher zu einem Ziel?“
Kethri seufzte. „Zu sehr leichter Beute sogar“, stimmte er zu. „Zumal in unserer derzeitigen Verfassung…“
„Viele Esser sind schwerer zu ernähren als wenige. Wir kennen unser ‚Jagdrevier’ viel zu wenig. Kurz und gut, ich rate zur Zusammenstellung eines Kundschaftertrupps, Herr!“

„Das ist doch mal ein Wort!“ meldete sich überraschend Kulla Apis zu Wort.
Zusammen mit Imdugud, Amkur und Ardatlili hatte er sich damit beschäftigt, Feuersteine zu bearbeiten. So einfach, wie sich die Astronauten das vorgestellt hatten, war diese Arbeit allerdings nicht. Das Wissen um die Herstellung von Faustkeilen und Messerklingen war dem Zwillingsvolk im Laufe der Jahrhunderttausende verlorengegangen. Selbst ein ausgebildeter Archäologe vermochte oft nicht viel mehr zu tun, als ein Fundstück zu beschreiben, datieren und katalogisieren. Längst vergangen waren auch die Epochen, in denen Kulturen drastisch unterschiedlicher Entwicklungsstufen nebeneinander gelebt hatten. Die Häuser der Gegenwart unterschieden sich weniger in ihrem technischen Know-How als vielmehr in den ihnen zur Verfügung stehenden Finanzmitteln, so dass nicht jedes Haus jede ihm bekannte Errungenschaft auch umzusetzen vermochte.
Kulla schob Ardatlili, die Landvermesserin und Prospektorin der Expedition, auf Kethri und Dumuzi zu.
„He!“ beschwerte sich die Frau angesichts dieser Behandlung, doch der Nefilim grinste nur.
„Sobald uns Ardatlili eine schöne Erzlagerstätte gefunden hat, können wir daran gehen, die ‚Schusar’ zu reparieren und diese ungastliche Welt wieder verlassen!“ behauptete er.
„Ich verstehe ja nicht viel davon, aber fehlen da nicht ein paar wichtige Zwischenschritte?“ wunderte sich Dumuzi, allerdings im Flüsterton und nur an Kethri gerichtet. „Wie zum Beispiel Verhüttung?“
„Nein, nein, das ist vollkommen in Ordnung. Das kriegen wir hin!“ beeilte sich Kethri zurückzuflüstern, um dann an Dumuzis individuelle Frequenz anzukoppeln: <Lass mir Kulla ja bloß möglichst lange in diesem Zustand! Du bist in ein paar Stunden von hier verschwunden, aber ich muss mit den Zurückbleibenden zurechtkommen!>
Dem hatte Dumuzi nichts entgegenzuhalten. Nach kurzer Diskussion einigten er und Kethri sich auf Ardatlili Tichupak, Kiviuk Varascha, Agi Ubaid, Yehl Kylin, Ecatl und Ah Ceh Tigâra als Expeditionsteilnehmer.
<Ich bin mir unsicher, was Ecatl angeht>, dachte Kethri laut. <Vielleicht nimmst du doch besser Anubis mit.>
Zunehmende Unsicherheit mischte sich in seine geistige Stimme und ließ Enki, der bisher das zentrale Feuer des Lagers gehütet hatte, aufhorchen. Der Schusarkommandant wandte seine Aufmerksamkeit den Aufbruchsvorbereitungen zu. Kiviuk korrigierte gerade Ecatls Versuche, aus einer Uniformhose und einer Schnur einen Rucksack zu basteln: „Das Hinterteil kommt nach unten, die Beine gehören über die Schulter. Sie bilden einen belastbaren Träger. Siehst du? So!“
Ecatl „Ea“ und Kiviuk „Ki“, das Wasser und die Erde – Namensbestandteile, die daran erinnerten, dass die Annunaki dereinst in enger Verbundenheit mit dem Land gelebt hatte. Die Sternenreisenden hatten vor langer Zeit in Zelthütten aus Knochen und Fell gelebt und ihre Ahnen in Kulthöhlen verehrt. Unter den höheren Affen waren sie die kleinsten und schwächsten gewesen, auf ihrem Planeten überdies eine der wenigen nicht flugfähigen Arten, doch hatte sie das zu klugen und geschickten Überlebenskünstlern werden lassen. Manche Archäologen behaupteten sogar, der Annunaki sei bereits sesshaft gewesen und habe Ackerbau betrieben, als die jüngere Unterart auftrat.
Wut kochte in Enki Alulim hoch, während er dem Pläneschmieden der jungen Leute folgte. Wenn seine Vorfahren nicht vor ihrer Umwelt kapituliert hatten, wenn die ein ihr gesamtes Sonnensystem umfassendes Reich aufgebaut hatten, so konnte er das ebenfalls! Und besser!
„Ich weiß nicht“, meinte Kethri gerade zu Dumuzi. „Vielleicht solltet ihr überhaupt ganz hierbleiben.“ Uncharakteristische Unsicherheit strahlte in den Äther, so sehr sich der Nefilim auch bemühte, das zu verhindern: <Ich weiß, wie man einen Speer korrekt in einer Vogelechse versenkt, aber alles andere… Das hier könnte zu groß für mich, für uns alle sein.>

Das genügte! Von allen Wunden, die Kethri Qat ihm hätte zufügen können, schmerzte diese Enki am heftigsten! Er, der Jagdmeister, der für das Leben auf diesem Planeten geboren zu sein schien, zweifelte an seiner Fähigkeit, sich hier zu behaupten? Sein Kethri, das einzige, das Enki Alulim die lange Trennung von seinem im selben Alter stehenden, Kez so ähnlichen, Sohn erträglich machte?
„Dieser Planet…“ krächzte Enki.
Die Umstehenden horchten auf! Konnte es wirklich ihr Expeditionsleiter sein, der da seine Stimme erhob? Selbst wenn sie Enki die vergangene Woche über in einer ansprechbaren Phase angetroffen hatten, bedeutete das nicht, dass er sich über seine Stimmbänder geäußert hätte!
„…hat viel mehr mit unserer ersten Kolonie gemeinsam, als mit der fernen Heimatwelt“, fuhr Enki unbeirrt fort.
„Was?!“ fuhr Kethri auf. „Meinst du damit etwa Anur? Ich wurde dort geboren! Von wegen Kolonie!“
Enki winkte ab. „Anur, pah! Der Hoftag tagt auf einem der Anurmonde, na und? Nur, weil es schon viele Generationen zurückliegt, ändert sich nichts an der Tatsache, dass wir von Enun aus dorthin geflogen sind. Wenn man es genau nimmt, bist du ein Kolonistenkind, Kez. Was ich damit sagen will ist dies: Wir haben schon einmal ein solches Unterfangen in Angriff genommen und nun betrachten wir diese erste Kolonie als unsere Heimat. Ihr werdet sehen, bald wird es uns mit Ki ebenso gehen!“
Ungläubig lächelnd schüttelte Kethri den Kopf.
„Enki! Was ist mit dir los, dass du von Anfang an an diese verrückte Expedition geglaubt hast? Selbst in den schwersten Krisen hast du dich geweigert, das Projekt sterben zu lassen.“
<Vielleicht, weil ich weiß, wie viel es meinem Bruder bedeutet. Immerhin war er es, der diesen Planeten entdeckt hat.> „Ja, ich glaube weiterhin an Schusar, aber ich glaube auch an dich, Kez.“ <Und ich bin dir Dank schuldig, mich aus diesem farblosen Tal herausgeholt zu haben, in dem ich gefangen war.>
Oannes Suhurmasch hatte die Funktion eines Raumschiffkommandanten einmal mit der eines Radios in einem Großraumbüro verglichen. Er musste sich nicht mit den Spezialisten auf der Brücke messen können, sondern hatte dafür zu sorgen, dass diese ihrer Aufgabe gewissenhaft nachkamen. Enki Alulim war kein herausragender Jäger, unter den steinzeitlichen Bedingungen auf Ki auch kein besserer Mediziner mehr als das untergeordnete Pflegepersonal und seine Fähigkeiten als Krieger beschränkten sich auf die Begegnung Mann gegen Mann mit Duellierstab oder Säbel. Nichts davon musste er besser können, als er es vermochte. Jeder seiner Gefolgsleute beherrschte irgendetwas besser. Für Enki galt es allein, diese Fähigkeiten zu erkennen und den Leuten wieder bewusst zu machen. Was trieb die anderen an? Churan benötigte klare Befehle, Kethri etwas, worauf er stolz sein konnte. Ardatlili trieb ihr Entdeckerdrang voran, wobei es allerdings keinen Unerschied zu machen schien, ob sie ein neues Revier bereiste oder sich zu einem langen Gespräch mit einer anderen Person ans Lagerfeuer setzte. Enki hatte seinen Zorn wiederfinden müssen, nicht gerade die Eigenschaft, die ihm die meisten Freunde eingebracht hatte, aber diejenige, die ihn vorwärts peitschte.

Anstatt sich weiterhin einzukapseln, weitete Enki seinen Äthersinn auf die anderen aus. Er las mental jede einzelne Präsenz, doch seine Worte an die Männer und Frauen richtete er weiterhin laut an sie: „Brich zu dieser Kundschafterexpedition auf, Dumuzi! Ich bin mir sicher, es wird nur die erste von vielen sein. Ich werde dafür sorgen, dass ihr uns lebendig wiederfindet, wenn ihr zurückkehrt.“
Der Proviantmeister trat von einem Bein aufs andere. Nun, da der Erbprinz die Kontrolle über die Expedition wieder an sich genommen hatte, stellte sich die Frage: Wen würde Enki zum Anführer der Gruppe ernennen? Würde er auf Oannes bestehen oder einsehen, dass Ah Ceh die bessere Wahl darstellte?
„Dumuzi“, sprach Enki, „ich möchte, dass du Agi hier lässt. Er nützt uns mehr, wenn Kethri ihn bei seinen Jägern behält. Nimm statt seiner wie geplant Ecatl mit! Ich bin mir sicher, er wird sich der Reise gewachsen zeigen.“
Enki schaute in die Runde.
„Außerdem braucht ihr noch jemand, der sich mit Erster Hilfe auskennt, Aja-sal, Fria, Mithrasch, Bakchos oder Asaluhi. Ich könnte dir sagen, wer fachlich der Beste ist, aber ihr müsst die nächsten Wochen über miteinander auskommen. Daher solltet ihr euch im Äther aufeinander abstimmen und euren Feldscher blind für alles andere anhand seiner Ätherpräsenz wählen.“
„Ich werde…“ begann Ah Ceh.
„…Dumuzi mit Rat und Tat zur Seite stehen, ja, Doktor“, beendete Enki den Satz für den Ökologen. „Darauf vertraue ich.“
Hier und da erhoben sich fragende Stimmen im Äther: <Dumuzi?>
<Mir?> entfuhr es dem mit der Verantwortung für die Kundschafter betrauten Dumuzi selbst.
Weder ein Offizier noch ein Adliger oder Hochgelehrter, sondern Dumuzi, würde die kleine Expeditionsgruppe anführen. Dumuzi Alulim, der Sohn einfacher Rinderhirten, für den es bereits als Errungenschaft seines Standes galt, etwas anderes als ebenfalls Rinderhirte zu seinem Beruf machen zu dürfen. Jeder wusste, wie die Dinge zu funktionieren hatten: Dumuzi wäre in jedem Fall der Anführer geworden, doch hätte offiziell Ah Ceh oder ein anderer Gleichgestellter das Kommando geführt. Nun setzte Enki Alulim diese Rangfolge außer Kraft. Allein die Tatsache, dass die Umschichtung auf Weisung des Erbprinzen persönlich erfolgte, ermöglichte es den Männern und Frauen, sie ruhig hinzunehmen.

Dumuzi und die anderen verließen das Lager der Gestrandeten am selben Abend. Vielleicht würden nicht alle zurückkehren. Oder sie kämen wieder zurück, doch sie hätten sich verändert. Aber möglicherweise würde das niemanden im Lager auffallen, da sich auch die Zurückgebliebenen zu verändern begannen…

Der vierzehnte & fünfzehnte Tag

In Abwesenheit des Proviantmeisters füllte Bakchos die Rolle des Kochs aus. Am zweiten Abend nach Dumuzis Aufbruch trat er, die mit Suppe gefüllte Schale einer Schildkröte in den Händen, auf seinen Kommandanten zu.
„Ich habe mir erlaubt, eine neue Suppenkreation zu schaffen und bitte um Erlaubnis, sie Euch persönlich anzubieten, Herr…“
Enki unterbrach die ausschweifende Rede des Gemeinen durch einen einzigen Gedanken.
<Du möchtest mit mir reden? Worüber?>
Bakchos seufzte.
„Der junge Kethri Qat, Herr Kommandant. Was geht mit ihm vor? Er nimmt alles hin, findet sich in die Gegebenheiten und brilliert darin. Meist schon im ersten Anlauf. So richtig normal ist das doch nicht?“
Der Kommandant nahm Bakchos die Schale mit der Suppe ab. Er lies den daraus aufsteigenden Geruch in seine Nase dringen und schloss die Augen. Ohne Zweifel hatte sich der Botaniker wieder einmal selbst als Koch übertroffen.
Enki setzte die Schale an seinen Mund und trank.
„Ich beginne, mir Sorgen zu machen, wenn ihr freiwillig seinem Gesang lauschen wollt“, antwortete er danach auf Bakchos Frage.
Dieser schmunzelte unfreiwillig.
Diesen Preis für die ihre Überlegenheit im Äther hatten die Nefilim zu zahlen: Die Töne einer Melodie nicht halten zu können, ein Farbempfinden zu besitzen, das überspitzt ausgedrückt gerade einmal Schwarz, Weiß und Quietschbunt unterschied und beim Dichten nicht über den Paarreim hinauszukommen. Von Nefilim gestaltete Statuen hätten in ihrer Exaktheit jeden Chiropraktiker glücklich gemacht und in ihrer Langweiligkeit als Hinrichtungsinstrument Verwendung finden können.
„Aber ansonsten hast du Recht“, gab Enki zu. „Kez lernt sehr schnell, worauf es beim Überleben auf diesem Planeten ankommt, schneller, als man es einem Jungen seines behüteten familiären Hintergrundes zutrauen sollte. Die anderen nennen ihn schon Schusar.“
„Nach unserem Raumschiff?“
Enki schüttelte den Kopf.
„Nach dem mystischen Vogel, der sich nur erlegen lässt, wenn er es für richtig hält. Niemand schießt den Schusar, niemand hat es je getan. Er gibt sich dem Jäger hin.“
<Das glaubt Ihr?!>
Enki lächelte.
„Ich weiß, du bist um einiges jünger als ich, Bakchos, aber mehr noch als Lebensalter habe ich dir Erfahrung voraus. Du hast dich dein Leben lang in vergleichsweise engen Kreisen bewegt. Ich dagegen blicke auf viele Weltraumreisen zurück. Ich habe selbst das Licht der Welt zuerst in Form einer Leuchtstoffröhre an Bord eines Raumschiffes erblickt. Und ich habe da draußen Dinge erlebt, die mir vorgeführt haben, wie wenig wir eigentlich von der Welt verstehen. Vielleicht wandert nicht gerade eine Göttin namens Lahamu mit einer Laterne in der Hand durch das Weltall, aber ich glaube, dass es Sphären gibt, die wir nicht einmal mit unserem Äthersinn wahrnehmen können. Dass sie unsere Welt und alle Kreaturen darin berühren. Warum sollte der Schusar kein Grenzgänger zwischen diesen Welten sein?“
„Warum sollte er?“ <Die Igigi sind schon nicht meine Sache, aber der Volksglaube treibt zuweilen noch seltsamere Blüten. Weltraummatrosen sind ein besonders abergläubiges Volk.>
„Stimmt. An Kethris Verhalten ist jedenfalls nichts Merkwürdiges. Er besaß schon immer ein Ego, das einem Patriarchen mitsamt Hofstaat alle Ehre gemacht hätte, bereits als kleiner Junge. An Jagdgesellschaften hat in seiner Studentenzeit oft genug teilgenommen, so dass uns seine Erfolge auf diesem Gebiet nicht überraschen sollten. Kez ist von hohem Rang, stand aber stets im Schatten seiner älteren Brüder. Jetzt kann er sich mir, dem Erbprinzen, beweisen! Dazu kommt noch sein Alter… Du siehst, Bakchos, es ist wirklich nichts dabei.“
„Ja. Kann sein, dass es so ist.“ <Aber nur, weil Ihr mir das so vernünftig dargelegt habt, bin ich noch lange nicht von Eurer Theorie den Schusarvogel betreffend überzeugt!>
Enki schlug seinem Wissenschaftlerkollegen auf die Schulter. Es lag nur wenig Gönnerhaftigkeit in der Geste.

Zum ersten Mal seit dem Absturz beherrschten andere Themen als das Überleben die Gespräche der Schiffbrüchigen. Enki und Bakchos scherzten miteinander, philosophierten gar. Enkis Blick wanderte dabei zu den Frauen hinüber. Mit wissenschaftlicher Präzision verfolgte der Mediziner, wie sein Sexualtrieb wieder erwachte. Aber es war mehr als nur das. Enki wollte nicht nur einfach einer Frau beiwohnen. Er freute sich auf das Werben und Flirten, auf die Eroberungen, die zu diesem Ziel führen sollten.
Er wollte Dumuzi beauftragen, ein Brett und Figuren für das Ochsenrennenspiel zu schnitzen, in dem er Imdugud, den einzigen würdigen Gegner, zu schlagen gedachte. Enki musste den Annunaki bloß dazu bringen, sich wieder an diese Tatsache zu erinnern.
Mit Bakchos und Asaluhi wollte er sich in die Wälder schlagen, um die Pflanzenwelt Kis auf medizinische Anwendungsmöglichkeiten zu untersuchen.
Und er wollte zum See zurückkehren, um eine Angel hineinzuhalten, die Stunden verfliegen zu sehen und zu wissen, dass er sich das leisten durfte, weil es seinem kleinen Stamm gut ging. Es musste nicht einmal ein Köder am Haken hängen.
Selbst, dass er jeden Abend mit Sehnsucht nach seiner im Dreisternsystem zurückgebliebener Gattin, dem Erben, den Töchtern und seinem Lieblingsbruder einschlief, versetzte Enki in Hochstimmung. Denn es bedeutete ja, dass er Muße besaß, derlei Gefühle zuzulassen.
Eines Tages wollte der Nefilim seine Familie in die Neue Welt nachholen. Bis es für ihn Zeit würde, seinem Vater auf den Regententhron nachzufolgen, wollte er als Generalgouverneur über Ki herrschen.
Ja, sie würden überleben und sich diese Welt zur Heimat machen!
Ohne Angst begab sich Enki Alulim an diesem Abend zur Ruhe, wohlwissend, dass er zu am nächsten Morgen wieder zum Leben erwachen würde. Vielleicht auch zum Tod, denn damit musste man hier nun einmal rechnen, nicht jedoch zu neuerlicher Lethargie.

*

Die Sonne versank. Kis Zentralgestirn wurde nicht mehr einfach nur von Planeten umkreist. Stattdessen „ging“ es nun „unter“.
Enki musste bei diesem Gedanken schmunzeln, bevor er in erholsamen Schlaf dämmerte.
Die Stunden verflossen.
Die Sonne ging wieder auf.
Enki erwachte – und blieb liegen.
Alles, was er sich am gestrigen Abend vorgenommen hatte, würde er auch tun. Später. Er hatte doch so viel Zeit…

*

Doch der Kommandant hatte die Rechnung ohne Kethri Qat gemacht. Enkis Geist wollte gerade wieder in Halbschlaf gleiten, da rüttelte der Jüngere an seiner Schulter.
<He, wach auf! Ich habe etwas für dich!>
Kethri wartete, bis sein Vorgesetzter sich in sitzende Haltung aufgerichtet hatte. Dann hielt er ihm seine Gürteltasche unter die Augen und schlug die Lasche zurück. Im Inneren befanden sich mehrere versiegelte Röhrchen.
„Was hast du da? Astronautennahrung in Tuben?“
Kethri grinste. „So etwas in der Art.“ Der junge Mann drehte jedes Röhrchen so, dass Enki die Etiketten sehen konnte. Vier Worte in der Alten Sprache kennzeichneten den Inhalt jedes Röhrchens unverwechselbar.
„Brackwels“, las Enki. „Speisekarpfen. Und Raubpurada. Sind das etwa Fischeier?“
„Ja. Mein Vater hält die Spindelfische für die evolutionär fortschrittlichsten Fischarten unserer Heimat. Dennoch fristen sie ein Dasein im Schatten der Teppichfische. Aber das Exemplar, das Anubis vorgestern geschossen hat, war weder fladenförmig, noch wies es Lungen auf. Möglicherweise stellen die spindelförmigen Fische in der Neuen Welt die Norm dar. Vielleicht haben unsere unterprivilegierten Mitbringsel hier eine Chance.“
„Sprich nicht so über die Annunaki!“
„Mein Prinz, ich würde nie…!“
<Und lass dich nicht so leicht aufziehen, Junge!>
Enki erhob sich.
„Dann lass uns mal eine Heimat für deine Kleinen suchen. Wollen wir am Schlangensumpf beginnen?“
Kethri nickte.
Tiefgefrorene Fischeier zum Schlüpfen zu bringen, die erwachsenen Tiere aus dem fremden Ökosystem herauszuhalten und nicht zuletzt passende Gewürze für die Karpfen zu suchen, stellte eine zeitintensive Aufgabe dar. Der Kommandant würde sich ihre regelmäßig widmen müssen. Wo Pflichterfüllung den Gemeinen am Laufen hielt, übte das Lieblingssteckenpferd eines Adligen dieselbe Wirkung auf diesen aus.

Die beiden bewältigen den Weg zum See ohne Zwischenfälle.
Enki Alulim, Erbprinz seines Volkes, starrte hinaus auf die Wasserfläche, die sein Raumschiff noch immer nicht vollständig verschlungen hatte. Wie lange würde es dauern, bis der Hoftag eine zweite Expedition genehmigte? Seit der Kontakt ins Dreisternsystem abgerissen war, musste die Besatzung der „Schusar“ dort als verloren, ihre Besatzung für tot gelten. Drei Adlige, jeder einzelne ein Fürst seines Hauses, verloren, Millionen von Nê in den Sand – oder besser in den Sumpf – gesetzt! So schnell würde ein derartig riskantes Unternehmen nicht wiederholt werden. Die Gestrandeten waren auf sich allein gestellt und Enki früher als erwartet mit der Herrscherbürde betraut – wenn schon nicht über Erbet-Kibratim, dann über seinen kleinen Stamm auf Ki.
„Du hast uns sicher hierher gelotst, als die „Schusar“ bereits nur noch ein Wrack war“, erinnerte der Kommandant seinen Navigator. „Kulla, Kerdiwen, und Amkur haben sie solange zusammengehalten. Und Tung und Imdugud haben bei unserem unfreiwilligen Eintritt in die Atmosphäre das Schlimmste verhindert. Keiner von euch hat sich etwas vorzuwerfen.“
„Hm, ja. Kann schon sein.“
Kethris Hand ruhte auf seiner Gürteltasche, in der sich die konservierten Fischeier befanden.
„Ja, vielleicht hast du Recht“, meinte Enki. „Und sie erhalten hier eine Chance, die sie zu Hause nie bekommen haben.“
„Die Fische, meinst du?“
Etwas in Enkis Ätherpräsenz lies Kethri daran zweifeln, dass der Kommandant sich wirklich auf die Tiere bezog.
„Ja, die ‚Fische’. Die Kreaturen, die aus dem Wasser ans Land kamen, um eine Zivilisation zu schaffen.“
Kethri lachte herzlich!
„Dann sollten wir damit anfangen, all die lästigen Zwischenschritte in Angriff zu nehmen“, meinte er.

*

Über das, was danach geschah, hätte man einen mehrere hundert Seiten umfassenden Roman verfassen können und dabei doch nur an der Oberfläche all dessen kratzen, was sich alles ereignete. In einem dieser nie niedergeschriebenen Kapitel trat eines Tages ein halberwachsener nefilimblütiger Jäger ins Halbdunkel der Hütte ein, in der Imdugud nach tagelangem Ringen um sein Leben endlich wieder zu Bewusstsein gekommen war. Glaubte man Enki und Asaluhi, würde der Mann noch einen kompletten Umlauf des Planeten ans Bett gefesselt bleiben.
„He, Im´!“
„Hallo, Kez.“
Der erste Jäger der Eridu Fünfzig setzte sein berüchtigtes Grinsen auf.
„Imdugud“, erklärte er, „dass du Mokele magst, rührt mich zutiefst, aber ich möchte dich doch bitten, sie in Zukunft nicht mehr zu füttern. Jedenfalls nicht mehr mit dir selbst.“
Der Verwundete erwiderte das Grinsen, wenngleich er sich auf eine entsprechende Gefühlsspur im Äther beschränkte. Sein Körper brachte sie von ganz allein hervor, ohne dass Imdugud sich hätte anstrengen müssen.
„Es waren Babies. Ich wusste, dass ein Kinderhasser wie du das nicht versteht.“
„Ach! Ich mag Kinder einfach nur aus sicherer Entfernung lieber.“
Imdugud lächelte. Er erinnerte sich, in Kethris Alter nicht anders gefühlt zu haben.
„Bleibst du noch ein bisschen?“ bat er den Nefilimjüngling.
Kethri wollte nicken, doch mit einem Mal erstarrte er. Reflexartig zuckte auch Imdugud zusammen.
<Was ist los? Doch nicht etwa Echsenfresser?!>
<Nein, Imme. Ich… du… dein Äthersinn… ich bin ein Kind in deinen Augen?!>
„Du bist ein kompetenter Jäger, Schusar, aber du fühlst wie ein… nein, schon nicht mehr wie ein Kind, sondern wie ein Jugendlicher. Das eine schließt das andere nicht aus.“
Kethri ließ sich das eine Weile durch den Kopf gehen. Dann endlich nickte er doch noch.
„Ja, kann sein. Will ich jetzt mal nicht sofort von der Hand weisen. Aber dann muss ich dir auch was über dich sagen. Du bist ein kluger Mann, Imdugud. Völlig praxisuntauglich, das gehört wohl irgendwie dazu, aber klug. Die Sache ist bloß die: Uns sind andere Sachen an dir wichtig. Deine verrückte Idee mit dem Eierdiebstahl, die dich ans Krankenlager gefesselt hat, die sollte uns allen zugute kommen. Ich meine, du schimpfst immer darüber, angeblich nur für niedere Arbeiten geeignet zu sein, aber ich habe noch nie erlebt, dass du dich vor einer gedrückt hättest. Für die Mannschaft tust du mehr als du müsstest.“
„Du wohl nicht, Jäger? Du riskierst jeden Tag dein Leben!“
„Hahaha! Sagen wir, ich habe mir die Aufgabe herausgepickt, die sich am wenigsten nach Arbeit anfühlte. Ich bin ein Blaublut, Imdugud, und war zuhause oft genug mit unserem Vater auf der Jagd.“
„Soso. Hattest du auch beim Reiten Vorkenntnisse?“
„Mein kleiner Bruder und ich haben mal in unseren historischen Grenzlanden im Gebirge wilde Pegasi einfangen wollen. Es ging ungefähr so aus wie bei dir.“
<Werde ich wieder gesund, Kez?>
„Ich weiß nicht. Deine Knochen werden heilen. Enki sagt, es sei langwierig, aber du schwebst nicht mehr in Lebensgefahr. Nur, was das andere angeht, das in deinem Kopf… Ich habe keine Ahnung.“
Der Jagdmeister saß noch lange an Imduguds Lager. Sie redeten. Scherzten. Philosophierten. Nach Kethri Schusar kamen andere, den ganzen Tag über. Erst in der Nacht kehrte Ruhe ein.

Es war Imdugud stets darum gegangen, auf einem Gebiet, auf dem er bereits gut war, der Beste zu werden. Der Beste erhielt mehr Fleisch, die schöneren Frauen und dufte etwas länger leben als schwächere Individuen einer Population. So funktionierte die Natur, so lehren es die Himmelsgötter, wenn sie versprachen, die erfolgreichsten Adligen an ihre Tafel zu holen, und nicht anders orientierte sich auch Erbet-Kibratim.
Bloß in Eabzu lief alles anders. Die Gestrandeten hatten den Wettbewerb ausgeschaltet. Selbst wenn sie miteinander konkurrierten, führte das nie zur Auslese der weniger tauglicher Individuen aus ihrer Population.
Die Astronauten hatten aus ihrer Zivilisation heraus in die ungezähmte Wildnis stürzen müssen, um zu begreifen, was sie von dieser unterschied. Noch begriffen sie das nicht, sondern meinten ganz im Gegenteil, in der Natur alles zu sehen, was ihnen daheim fehlte. Immerhin hatte das Leben in ihr das Gute in ihnen hervorgebracht, also musste die Natur im Umkehrschluss ebenfalls gut sein.
Befreit von der Notwendigkeit, sich in einer Rangordnung zu behaupten oder sich gar das Recht auf die eigene bloße Existenz gegenüber den Artgenossen verdienen zu müssen, konnten die Gestrandeten vom Schlangensumpf herausfinden, wer sie wirklich waren. Welche Rolle immer sie finden würden, niemand würde ihr eine Wertigkeit zuschreiben.
Zum ersten Mal in seinem Leben nach der Schule war nicht Zufriedenheit, sondern Glücklichsein das höchste Erreichbare für Imdugud.

Frieden legte sich über das Hüttendorf am Schlangensumpf und endlich auch über Imduguds Geist. Er war einer der fünfzig Männer und Frauen von der „Schusar“. Er hatte es nicht mehr nötig, irgendjemanden etwas zu beweisen.

(Hier würde jetzt „Tiere des Feuers“ anschließen und etwa zur Hälfte des Romans die beiden Epiloge, die ich als nächste poste.)

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