Ein unverhofftes Wiedersehen

(Epilog 1 zu „Die Kinder des Schusarvogels“, ursprünglich Schluss von „Der Zorn des Schwarzen Kingu“)
Der Planet Ki.
Im dreißigsten Jahr nach dem Absturz der „Schusar“.

Donner grollte. Die Blitze folgten so rasch aufeinander, dass es schwer auseinander zuhalten war, ob nun zuerst der Blitz oder der Donner niederging und ob nicht vielleicht der Donner den Blitz ankündigte.
„Ach, das vergeht“, erklärte Churan Alulim seinem Herrn und Erbprinzen. „Als Ki noch jünger war, hat es hier jeden Tag so geregnet.“
Die beiden Begriffe nicht mehr mit Enki, sondern Enlil Alulim assoziieren, war neu für Churan. „Herr“ – zumindest dieser Teil stellte kein Problem dar. Churans Herr war Enki nur noch in dem Sinne, dass die Gestrandeten den Nefilim im sechsten Jahr nach dem Absturz zu einer Art Stammeshäuptling gewählt hatten.
Was nun die Erbprinzenschaft anging, so vertrat Enki das Ideal einer ständelosen und hausgrenzenfreien Gesellschaftsordnung, was jedoch nicht einschloss, seinen Titel dem nächstbesten Artgenossen zu übertragen, auch nicht seinem Lieblingsbruder. Der Große An hatte das getan, als der Kontakt zur „Schusar“ abgerissen war und jedermann hatte annehmen müssen, dass die Astronauten ein endgültiges Ende gefunden hatten. Und obwohl Enki den Unfall überlebt und jedes einzelne Besatzungsmitglied bis zum Eintreffen der Rettungsexpedition am Leben gehalten hatte, würde er seine fortgesetzte Existenz schon in Person vor dem Hoftag beweisen müssen. Bis zu diesem Moment stand der Titel seinem jüngeren Bruder Enlil zu.

Die beiden Männer hatten unter einer Gruppe urzeitlicher Gewächse Schutz gesucht, deren wissenschaftliche Namen Enlil vor allem deswegen kannte, weil er die meisten davon selbst konstruiert hatte. Churan wusste nach dreißig Jahren seines Exils eine bessere Sammelbezeichnung dafür: „Gestrüpp, das dich weder essen will, noch essbar oder sonstwie nützlich ist, außer, es regnet“.
„Ich habe in meiner Kindheit ein Computerspiel gespielt, in dem jeder Blitz ohne Zeitverzögerung von einem Donner-Soundeffekt begleitet wurde“, erinnerte sich Enlil.
Churan horchte auf.
„Ihr habt ZSK gespielt, mein Prinz?!“
Der neu ernannte Erbprinz sollte sich in einem Computerspiel auf dem Hausserver herumgetrieben haben? Von Kethri wusste Churan, was heranwachsende Fürsten so spielten: Kaufmannsladen mit der Schwester, indem man den Besitzer eines beliebigen Geschäfts für einige Stunden aussperrte und sich selbst hinter die Theke stellte. Oder Feuerwehr, wenn man ein echtes Feuerwehrauto mitsamt zwei Feuerwehrleuten vom Vater erhielt und das Pförtnerhäuschen der elterlichen Residenz in Brand steckte. Aber das waren nur die Streiche der älteren Brüder eines Fürsten des niederen Adels(zumindest hatte Kethri den anderen erzählt, es seien die Ideen seiner Geschwister gewesen…) . Wie würde Enlils und Enkis Kindheit ausgesehen haben?
„Der Zorn des Schwarzen Kingu?!“ wiederholte Churan völlig perplex.
Enlil nickte düster.
„Ja. Gleich in der allerersten Runde. Enki hat sich nie dafür interessiert. Es war das erste Mal, dass mein Bruder und ich eine Leidenschaft nicht teilten…“

Churans Kindheitserinnerungen bettelten um einen Platz an der Oberfläche seines Bewusstseins und als das nicht half, nahmen sie sich diesen einfach.
„Habt Ihr die Taverne ‚Segelbraten’ gestiftet, Herr?“ kam es dem Mann über die Lippen, bevor er es sich anders überlegen konnte.
„Wie bitte? Ich… ich weiß nicht mehr, wie ich meine Ortschaften genannt habe. Ich erinnere mich nur noch daran, das Spiel nie gewonnen zu haben und dass mir einmal gegenüber einer Handvoll Landsknechte mein richtiger Name entschlüpft ist.“
„Das war ich“, bekannte Churan. „Ymir-urta.“
„Warte mal… war das so ein rothaariger Jäger? Mit einer Schwester, die für meine Gefolgschaft arbeitete?“
„Nah genug dran, mein Prinz. Die Schwester war war auch eine meiner Figuren. Ihr habt vergessen, dass ich in ihrer Rolle für meinen Jäger um einen Platz in Eurer Gefolgschaft gebeten habe. Das hattet ihr schon, als Ymir-urta dann später zum ersten Mal vor Euch stand.“
Belustigt schüttelte Enlil den Kopf. Woran man sich erinnerte, wenn man unter dem Blätterdach eines prähistorischen Waldes das Ende eines Gewitters abwartete!
„Und nun bist du tatsächlich ein Jäger geworden, Churan Alulim“, meinte der Edelmann mit unverholener Zuneigung.
Unter den Gestrandeten von der „Schusar“ zählte Churan zu den unauffälligeren Naturen, deren Exzentrizitäten sich in Grenzen hielten. Der Mann war zuverlässig, hilfsbereit, ein Durchschnittsuntertan auf Anur und ein durchschnittliches Mitglied von Enkis kleinem Stamm.
„Vorher habe ich Bergmann gelernt“, meinte Churan mit dem Ansatz eines Schmunzelns in den Mundwinkeln. „Ganz wie in dem Spiel.“
<Gab es da nicht so ein Minispiel, in dem man Käfer zerquetschen musste?> überlegte Enlil.

Churan wusste es nicht mehr. Dafür aber erinnerte er sich an etwas anderes.
„Bleibt einfach hier, Herr“, bat er den Adligen. „Ich laufe nach Eabzu, komme mit einem geschlossenen Wagen zurück und hole Euch ab.“
Der Annunaki rannte hinaus in den Regen. Er erspähte einen freilaufenden Trompetenläufer aus der Herde der Gestrandeten, eine auf zwei Beinen laufende große Echse, auf deren Kopf ein hohler Knochen als Signalgeber diente.
Churan schwang sich auf das Tier und preschte davon. Der Reiter hatte es eilig, doch er dachte nicht daran, mit einem Geländewagen zurückzukehren. Sollte sich der Prinz doch unter seinem Schachtelhalm in den Wassern der Erde auflösen!
Denn außer Ymir-urta und dessen Schwester hatte es noch eine dritte Spielfigur gegeben, einen kleinen Bauernjungen, der von großen Heldentaten geträumt hatte. Der Junge und seine Freunde aber waren gestorben, ermordet aus dem Hinterhalt, auf Knopfdruck vom Server gelöscht, ohne Kampf, ohne Vorwarnung. Einer dieser Recken, Xipe-martu mit Namen, hatte auch im wahrem Leben mindestens seine Freiheit eingebüßt. Sie hatten sich in einem harmlosen Bühnenspiel Rechte angemaßt, die ihnen nicht zustanden und mit einem Mal war das Spiel ganz und gar nicht mehr so harmlos gewesen…

„Hallo, Churan“, begrüßte Enki den Bordkameraden in Eabzu, der Hüttensiedlung der gestrandeten Astronauten am Schlangensumpf. „Du reitest, als seien die Schattenlosen hinter dir her. Bist du wasserscheu oder hungrig?“
„Weder, noch, aber dafür wütend!“ gab der Angesprochene zurück. „Enki Alulim! Stimmt es tatsächlich, dass wir Ki verlassen müssen? Müssen wir zurück… dorthin?“
Enki senkte den Kopf.
„Es ist wahr“, gab er zu. „Wir wissen noch nicht, wann, aber es wird definitiv innerhalb unserer Lebensspanne notwendig werden.“
Churan stutzte. <So, wie du das sagst… Woher wusstest du, dass ich hier bleiben wollte?>
<Durch den Äthersinn, mein Freund. Aber ich bitte dich, es dennoch nicht zu tun>
„Bei dem Gedanken an Erbet-Kibratim wird mir schlecht!“ erklärte Churan.
„Ja, das verstehe ich. Und weil das so ist, bitte ich dich erneut, mit uns anderen zurückzufliegen. Denn ich gelange allmählich zu der Erkenntnis, dass sie uns im Dreisternsystem brauchen.“
Churan zögerte, seine nächste Frage zu stellen. Schließlich erkundigte er sich, ob Enki die Eridu Fünfzig als seine Gefolgschaft betrachte.
Der Nefilim stand wie vom Blitz getroffen und möglicherweise hallte gerade Donner in seinem Äthersinn wieder.
„Wie bitte? Du, Churan, ich weiß nicht, was du in mir siehst. Ich bin nicht so edel, wie du denkst, denn ich erwarte Treue und Gehorsam von Männern wie Nuska und Sobek, Gefolgschaft, die ich einfordere, so sie nicht aus freien Stücken gegeben wird. Aber nicht von euch, nicht von den Eridu Fünfzig! Nicht, solange ihr mir dieselbe Loyalität entgegenbringt, die ich jedem von euch entbiete.“

Der Annunaki nickte bedächtig. Wenn die Häuser- und Standesgrenzen innerhalb ihres Bundes entkräftet waren, so erschien ihm das als ein guter Anfang. Xipe-martus Andenken ehrte er nicht, indem er sich von einem fehlgeleiteten Asteroiden erschlagen lies.
„Dann fliege ich mit in die Alte Welt“, entschied Churan.

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