Der Ältere und der Erstgeborene

(Epilog 2 zu „Die Kinder des Schusarvogels“)

Das Dreisternsystem
und dort, etwas verloren wirkend,
das gerade von Ki zurückgekehrte Raumschiff „Ekur“
Xolotl T´ien, Zahlmeister der alten „Schusar“, gähnte, während er so langsam um die Gangbiegung schlich, als habe er eine mehrfach gewundene Todeskurve vor sich. Die ihm entgegenflutenden Geräusche allerdings schienen den Eindruck einer solchen zu bestätigen.
Bevor sich der Annunaki einen besseren Eindruck davon verschaffen konnte, was genau dort vorn vor sich ging, fluteten die Ätherpräsenzen zweier Hochadliger seinen Geist. Xolotl vermochte die Eindrücke weder abzuwehren, noch in irgendeiner Form zu verarbeiten. Zu kurz war es her, dass sein eigenes Hirn wieder angefahren war und zu urtümlich, keinerlei Rücksichtnahme unterworfen, wüteten die Energien. In dem Versuch, wenigstens den Kopfschmerz ein wenig einzudämmen, drückte Xolotl mit den beiden Mittelfingern seiner Hand auf den Nasenrücken.
Ob nun das Hausmittel gewirkt hatte, oder die Nefilim sich entschieden hatten, ihre Gefühle doch noch in Zaum zu legen, jedenfalls vermochte der Zahlmeister seine Klammer schon wenige Sekunden später wieder zu lösen.
Er blinzelte und sah den Kommandanten sowie Enki Alulim vor sich, wie ersterer von seinem älteren Bruder gegen die Bordwand gestoßen wurde. Nur, dass Enki eben nicht mehr der ältere der beiden war. Der Erstgeborene des Großen An hatte den Heimflug im Kälteschlaf verbracht – und damit mehr Zeit, als sein Altersunterschied zu Enlil ausgemacht hatte.

„Gib´s zu, du hast es vorher gewusst!“ schrie Enki. „Deswegen hast du mir doch so großzügig den Ruhm „überlassen“, nach Ki zu fliegen! Das einzige Mal, das du mich hättest überflügeln können, Zweitgeborener des Großen An! Hast du gehofft, ich würde bereits die Hinreise verschlafen? Aber der Bordarzt schläft nun einmal nicht!“
Enlil brachte seinen Arm zwischen ihre Körper und versetzte dem Bruder einen leichten Kinnhaken.
„Ich habe es selbst soeben erst erfahren – und hoffte, die Information würde diesen leidigen Vorwurf, ich hätte dich bestohlen, auslöschen!“
„Ha!“

„Kommandant!“ rief Xolotl.

Die beiden Adligen lösten sich voneinander und fassten den Ankömmling ins Auge. „Kommandant?“ forschte Enlil mit überraschend ruhiger Stimme. „Da fragt man sich doch, wer von uns beiden gemeint ist.“
Der Nefilimfürst sondierte die Gedanken des Gemeinen, doch zu seiner Überraschung fand er dort nicht die befürchteten Ansätze einer Meuterei gespiegelt. Xolotls Loyalität zu Enki Alulim war nicht stärker ausgeprägt als die zum Expeditionsleiter.
Beinahe hätten die beiden Schusarveteranen laut gelacht. Denn das, wonach Enlil in Xolotls Annunakigeist suchte, würde er nicht finden, indem er den Geist des Mannes nach dessen Beziehung zu „Enki Alulim“ abtastete. Er hätte schon nach „Enki“ oder „Enki beliebiger Beiname, zum Beispiel Schusar“ suchen müssen, doch eine Person ohne deren im Nachnamen zur Schau getragene Zugehörigkeit zu einem Adelshaus zu denken, war dem Fürsten beinahe unmöglich. Zumindest war es nicht das erste, was Enlil in den Sinn gekommen wäre.

Enki berührte Xolotl bei dessen Schulter.
„Meine Mannschaft wurde heute aus der Kälteschlaf-Nachsorge entlassen“, teilte er dem Bruder mit. „Ich möchte mir Xolotls Bericht sofort anhören.“

„Komm fort von hier“, meinte Enki, den Annunaki fortführend. „Ich möchte nicht riskieren, dass unser Adel herausfindet, dass wir Freunde sind, weiß ich doch nicht, ob die „Ekur“ ein Fremdwörterbuch an Bord mitführt.“
<Ein was?>
„Schwer zu erklären und es würde ohnehin zu nichts führen.“
„Was hier eben vorgefallen ist, ist das leichter zu erklären?“
Enki hielt im Gehen inne. Atmete tief durch. Stopfte schließlich seine Faust in die Hosentasche seiner Uniform wie ein Schulbub, der sogleich einen von seinem Vater zu unterschreibenden Tadel hervorbringen würde.
„Ist es und führt ebenfalls ins Nichts.“ <Hier!>
Xolotl erhielt eine zerknitterte Schreibfolie ausgehändigt, die das Alulim – Siegel trug.
„Ein Ausdruck aus der persönlichen Lichtfunkkommunikation meines Bruders mit dem Hof“, erklärte Enki. „In dem ihm sein feiner Freund und Schützling Anzu auseinandersetzt, weshalb ich nicht die geringste Chance habe, jemals wieder meinen Geburtsrang zurückzuerlangen. Enlil bleibt Erbprinz, bis entweder das Universum den Kältetod stirbt – oder, die Himmelsgötter bewahren uns davor! – er unserem Vater auf dem Thron nachfolgt.“
„Der Hofastronom sagt so etwas? Nicht Richter Rhadamanthys?“
Enki lachte trocken. „Gewissermaßen handelt es sich um eine Anzus Fachgebiet zugehörige Tatsache.“ <Nun lies schon!>

Xolotl überflog das Schreiben, dann blickte er den Kameraden entgeistert an.
„Selbst wenn wir nicht für tot erklärt worden wären?!“
„Ja. Selbst dann. Durch die unterschiedlichen Reisezeiten zwischen Anur und Ki, die wir alle im Kälteschlaf verbracht haben, wäre Enlil in jedem Fall zum Erbprinzen erklärt worden. Er war während des gesamten Rückfluges munter, unsere Lebensfunktionen hingegen ruhten. Wir sind in all der Zeit nicht gealtert! An´ti gilt vor dem Gesetz weiterhin als minderjährig und mein kleiner Bruder ist jetzt sieben Jahre älter als ich, wie Anzu betont. Älter! Verdammnis, Xolotl! Sieben mickrige Jahre! Jetzt habe ich das Nachsehen, nur, weil „der Ältere“ und „der in der Geburtsreihenfolge weiter vorn Stehende“ in der Alten Sprache nicht unterschieden werden können!“
Xolotl suchte nach tröstenden Worten für den Freund.
„Weißt du, Zu Alalu ist nicht gerade ein Name, der beim Hofgericht einen guten Klang hat. Was den Ruf der Löwenadler angeht, kann man sich in der Öffentlichkeit sogar noch eher mit dem Nachnamen T´ien vorstellen!“
Enki winkte ab.
„Nach dem Erfolg der Schusarexpedition werden die Leute dem Hundeclan… ich meine, werden sie euch auch die Fenrisaffäre nicht mehr vorwerfen.“
Der Nefilim lächelte, als er Xolotls Gefühlsspur im Äther wahrnahm.
„Du kannst ihn noch immer nicht leiden?“
Xolotl zuckte die Schultern.
„Er macht es einem nicht immer leicht und ist so nachtragend, als hätte Tyr ihm die Erbinformation eines Elefanten anstatt eines Wolfes gespritzt.“
<Dir gegenüber.>
„Ja, mir. Und deswegen muss ich dich warnen. Bist du nicht der Mann, der uns lehren wollte, die Haus- und Standesunterschiede zu vergessen? Derzeit erweckst du nämlich nicht gerade diesen Eindruck…“

Enki legte seine Hand auf die Kunststoffverschalung des Ganges, als böte ihm die im freien Fall befindliche „Ekur“ Halt in einem vom Sturm aufgepeitschten Ozean.
„Ich habe meinen Bruder mehr geliebt als Ninhursag, Ninki, den Planeten und euch alle zusammengenommen“, presste er hervor. „Aber Enlil wusste nichts von meinem „letzten Befehl“, an jenem Abend in Eabzu als er mir nahm, wovon er annehmen musste, dass es mir noch immer alles bedeutete. Verstehst du? Es war ihm… einfach egal.“
„Derselbe Mann, der Bakchos noch vor dem Abflug von Ki eine Geschäftslizenz erteilt hat. Clan Suhurmasch betrachtet es als Machtdemonstration des Hofes gegenüber den einzelnen Häusern…“
„Der Hof erkennt eine idealistisch motivierte Handlung nicht mal, wenn ein Windwächter daneben stünde und sie kommentierte!“ schnaubte Enki. „Und ich, ich erkenne meinen Bruder nicht mehr! Seit wann ist er der Wohltäter und ich der machthungrige Tyrann? Seit wann teilen wir uns überhaupt Rollen? Hat denn der Absturz alles verändert?“
„Doch, das hat er. Hast du das nicht begrüßt?“
Enki seufzte. Xolotl hatte ja Recht, irgendwie. Aber dann wiederum auch nicht, dann nämlich, wenn die tatsächlich erfolgten Veränderungen der Umsetzung der angedachten Steine in den Weg warfen. Und bisweilen wusste Enki überhaupt nicht mehr, was er eigentlich wollte. Da war nur noch Wut… Ärger… Frust… lauter schöne Synonyme für denselben Sachverhalt, damit man auch möglichst lange darüber reden konnte oder zu einem Abschluss kommen zu müssen.

Enki entwand Xolotl den Ausdruck, strich ihn glatt und wedelte damit vor der Nase des anderen.
„Ich kontaktiere Rhadamanthys, aber ich fürchte, es wird nun nichts mehr nützen. Du kannst schon mal deine Personaldateien aktualisieren.“
Mit diesen Worten wandte sich der Nefilim abrupt um.

Xolotls Geist bemühte sich, an Enkis anzukoppeln.
Der Freund kam ihm zuvor:
„Wo ich hingehe? Meine Hobbys pflegen, wie das jüngere Söhne nun einmal so tun. Ich gehe in meine Kabine und programmiere ein Angelspiel!“

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