Die Wächter des Windes

Eine Fantasy-Geschichte (Kapitel 1)

Vor langer Zeit in einer Galaxis, weit, weit entfernt… oder gleich im nächsten Sonnensystem… jedenfalls nicht auf der Erde:

Über der Welt, die keinen anderen Namen als eben diesen trug, weil ihre Bewohner keine andere kannten, von der sie die ihre hätten abgrenzen müssen, ging die eine kleine weiße Sonne unter. Doch so winzig das Himmelslicht vom Boden aus wirkte, sein Verschwinden genügte, um eine besondere Art der Dämmerung einzuleiten: die helle Nacht. Während der hellen Nacht zeigte sich allerlei Getier, das sowohl tagsüber als auch während der dunklen Nacht die Sicherheit des eigenen Baus bevorzugte. Die dunkle Nacht wartete mit weitaus schlimmeren Gefahren auf als der Tag, doch würde sie erst eintreten, wenn auch der große Tagstern vollständig herabgesunken war. Bis dahin aber würde noch einige Zeit verstreichen müssen, Zeit, welche die im Wald-unter-dem-Himmel beheimateten Zweibeiner zu nutzen gedachten.

<Die Kundschafterin ist dem Himmelsjäger vorausgeeilt und der Alte macht sich bereit, ihr zu folgen>, lies sich einer der Zweibeiner, ein noch junges, wenngleich längst ausgewachsenes, Männchen vernehmen. <Das bedeutet, der Himmel gehört nun uns!>
Ausgelassenes Lachen antwortete dem Mann.
Die Humanoiden beherrschten unmissverständlichere Verständigungsmethoden als ausgerechnet Lachen, das aus so verschiedenen Befindlichkeiten heraus entstehen konnte. Gestik beispielsweise, den geistigen Austausch oder exakt definierte Lautfolgen. Dennoch lachten sie in diesem Moment, denn sie bewohnten nun einmal Körper und diese reagierten auf das, was im Geist vor sich ging. Aus diesem Grunde besaß ein jedes Gruppenmitglied zwei Namen: den Geistnamen, der so wechselhaft wie der Wind war, und den Körpernamen, der meist, aber eben nicht immer, offenkundig war. In noch seltenseltenen Fällen stimmten Geist- und Körpername überein. So auch bei dem jungen Männchen, dessen Eigenbezeichnung mit „Vogeltänzer“ übersetzt werden konnte. Den Vogeltanz einzuleiten war jene Tätigkeit, bei der ihn seine Stammesgefährten am häufigsten sahen, für den sein Körper trainiert war und den vorzuführen zudem das innigste Verlangen dieses speziellen Individuums darstellte.
<Lass die Kundschafterin ruhig noch ein wenig Abstand gewinnen, bevor du zeigst, was du hast!> meldete sich ein Altersgenosse des Vogeltänzers, ein Weibchen diesmal, zu Wort. <Sonst kehrt sie gleich wieder um, und dann gerät der ganze Himmel in Unordnung!>
Erneut machte sich Heiterkeit breit, wobei sich diesmal zusätzlich ein gehöriger Anteil Vorfreude im Stimmungscocktail des Zweibeinerstames ausmachen ließ.

Die Zweibeiner kannten keine Götter oder andere übernatürliche Wesen. Sie glaubten auch nicht wirklich, dass die kleine Lichtkugel der großen vorauseilte oder gar eine Meinung zu ihrem Tun vertrat. Die Dinge dort oben passierten einfach, als unwausweichliche Folge des Weltengesetzes, eines ebenso unerklärlichen Prozesses wie die Existenz der Welt an sich.
Zur Benennung der beiden Himmelskörper war es dereinst während einer Lehrstunde für die jüngsten Stammesmitglieder gekommen, als jemand einen Vergleich zwischen der Bewegung am Himmel und dem Treiben der Jäger des Stammes gezogen hatte. Wer daran beteiligt gewesen war, hatte sich nicht in der Überlieferung erhalten, doch jedem war klar, dass die Kinder von einst längst den Boden mit ihren verbrauchten Körpern angereichert haben mussten. Denn keine einziges Gruppenmitglied erinnerte sich an den Akt der Benennung oder daran, sich mit jemand darüber ausgetauscht zu haben, der einen der ursprünglichen Namensgeber gekannt hatte. Sie wussten nicht mehr, dass sie selbst jene neugierig lauschenden Kinder gewesen waren und erst recht nicht, dass die Namen mitnichten von einem erfahrenen, weisen Jäger stammten, sondern die Jüngsten selbst den Vergleich erfunden hatten. Im Laufe ihres langen Lebens wandelten sich die Stammesmitglieder, doch nicht stetig oder festen Rhythmen folgend wie die Jahreszeiten, sondern keinem Muster außer der höchst individuellen Lebenserfahrung jedes Einzelnen folgend. Mangels einer Überlieferung, die über Jagdtechniken und Umweltmerkmale hinausgehende Konzepte beinhaltete, lebten die Benenner der Sonnen trotz ihres umfangreichen Sachwissens in einer ewigen Gegenwart, wobei sie verschiedene Persönlichkeiten ausprägten, ohne zwischendurch die Körper wechseln zu müssen.

Diese Kreaturen waren keine Menschen. Doch eines Tages würde die Menschheit aus ihnen hervorgehen.
Sie nannten sich selbst die Wächter des Windes, nach den breiten Planen, die sie aus dem Erdreich entrissenen Myzelen flochten. Die Geflechte, auf aufrecht in die Erde gestoßene Äste gespannt, schützten darunter ruhende Zweibeiner vor Wind und Wetter. Diese Eigenschaft, nämlich dem, was auf sie einstürmte, nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern ihre Umwelt gezielt zu formen, erschien den Windwächtern als das prägendste Merkmal, welches sie von allen anderen Tieren abhob.
Die Eigenbezeichnung war notwendig, denn im nahegelegenen Tal lebten Wesen, die den Windwächtern ähnlich sahen, dabei aber von grundverschiedener Art waren. Auch jene Kreaturen besaßen ein weiteres Teil des genetischen Puzzles, aus dem sich in ferner Zukunft Homo sapiens zusammensetzen würde.
Doch in dieser Nacht mochten sie ebensogut überhaupt nicht existieren, denn die Gedanken und Gefühle der Wächter des Windes beinhalteten ausschließlich sich selbst und die ihren.

Der Vogeltänzerwar mittlerweile aus seiner Lederkleidung geschlüpft. Anstatt jedoch „zu zeigen, was er hatte“, wie ihm das Weibchen unterstellt hatte, warf er sich nun das rituelle Gewand um. Vor jedem Vogeltanz musste das Gewand sorgfältig ausgebessert werden, denn es bestand aus aberhunderten von Federn, wobei es die Windwächter nicht so genau damit nahmen, ob das Gefieder nun tatsächlich von einem Vogel oder einer anderen schwingentragenden Kreatur stammte. Bei den meisten Federn handelte es sich um von ihren früheren Trägern ausgemauserte; das traf besonders auf die weichen Daunen zu, welche das Innenfutter des Gewandes bildeten. Für die Deckfedern mussten schon vorzeigbarere Exemplare her, die man als Nebenprodukt der Jagdbeute gewann oder dadurch, die nächstbeste gefiederte Kreatur kräftig zu erschrecken, auf dass sie aufflatterte. Kamen auf diese Weise nicht genügend bunte Federn zusammen, so wurden die langweiligen braunen gefärbt, denn nicht nur, wenn es ihr Überleben sicherte, sondern bereits zur persönlichen Erbauung gestalteten die Windwächter die Welt, in der sie lebten.
All die Farben hoben sich auffällig vom braunen Pilzwald ab, in dem die Kappen der höchsten Hutpilze den Windwächtern als Unterschlupf gedient hatten, bevor diese ihre Zelte erfunden hatten. In einer Welt, in der man überlebte, indem man nicht auffiel, stellte das Spiel der Farben eine seltene Ausnahme dar. Aus diesem Grund nahm es niemand wunder, dass nach und nach ein jedes Stammesmitglied die Arbeit zum nächstmöglichen Zeitpunkt niederlegte und stattdessen das Männchen in seinem Kostüm beobachtete.

Der Vogeltänzer schritt in seinem Gewand umher, damit es auch jeder in seiner ganzen Pracht bewundern konnte. Zuerst stolzierte er zuerst auf dem Platz zwischen den Zelten, dann entfernte er sich immer weiter, wobei er sich in regelmäßigen Abständen umwandte und lockende Gesten vollführte. Einem plötzlichem Impuls folgend fügte der Tänzer seiner Darbietung einen Laut hinzu: „Squawk!“
Die Umstehenden lachten aufs Neue. Zwei kleine Kinder sprangen übermütig nach vorn und versuchten, nach den Federn zu schnappen.
Geistesgegenwärtig ergriff ein Männchen eines der beiden mit jeder Hand. Sein Körpername lautete „Heller Tag“, nach seiner gelbbraunen Körperbehaarung, und er war der Vater beider Kinder, der einzigen ihres Alters, die der Stamm derzeit besaß. Heller Tag zögerte kurz, unschlüssig, ob er mit den Kindern im Schlepptau dem Verkleideten folgen sollte, entschied sich aber schließlich dafür.
Erneut gab Vogeltänzer seine Laute von sich. Aufs Erfreulichste überrascht tauschten die restlichen Windwächter sich im Geiste aus. Es geschah nicht oft, dass einer der ihren mit einer kreativen Idee aufwartete, doch gerade bei einem Anlass wie diesem Tanz, der einen der Höhepunkte ihres Stammeslebens darstellte, war es umso willkommener.

„Squawk! Gack! Gack!“
Eines der ältesten Männchen ergriff die Hand seiner Partnerin.
<Komm! Das wird gut!>
<Der Tanz, meinst du?>
„Squawk! Gaaaaaaaaaack! Gack, gack, gack!“
<Alles. Versprochen!>
<Haha! Ich hoffe, du kannst das einhalten!>
Unter seinem rotbraunen Fell schien auch die Haut des Männchens mit einem Male zu erröten, zumindest in seinem Gesicht. Wie, um davon abzulenken, griff es rasch zwei gewebte Decken aus dem Unterschlupf des Paares, reichte eine davon an das Weibchen und hüllte sich selbst in die andere. Noch bedeckte der Schnee nicht nur die höchsten Hänge, sondern lag auch noch in jenem Teil des Waldes, den die Wächter des Windes zu ihrem Revier erklärt hatten. Ihre ledernen Kapuzenwämse, Leggins und Stiefel schützten die Stammesmitglieder vor dem schneidenden Wind, gegen die Kälte des ausgehenden Winters aber half am besten ein warmer Umhang aus der Daunenwurzel, einem Pilzmyzel von weitaus weicherer Konsistenz als jenem, aus denen die Windwächter ihre Zelte fertigten.

Mann und Frau, Alte und Junge, Jäger und Weber, in Decken gehüllte sowie der Kälte trotzende folgten dem Vogeltänzer. Die Lichtung, zu der sie alle strebten, wurde nicht oft genug aufgesucht, als dass ein Trampelpfad durch den Wald hätte entstehen können. Daher war es des öfteren vonnöten, sich zwischen kniehohen Hutpilzen hindurch zu winden, über Baumwurzeln zu klettern oder im Weg hängenden Ästen auszuweichen.
Der Lockvogel an der Spitze des Zuges bewegte sich nicht einfach vorwärts, sondern zelebrierte jede einzelne Etappe. Galt es, eine Wurzel zu überqueren, so stieg er nicht einfach darüber, sondern sprang hinauf, schlug mit seinen „Flügeln“ und hüpfte, unablässig weiterflatternd, auf der anderen Seite wieder hinab. Dieser Abfolge lies er weitere Hüpfer am Boden folgen. Der Vogeltänzer erspähte eine zweite Wurzel, beschleunigte seinen Schritt und übersprang dieses neuerliche Hindernis, ebenfalls mit den Flügel schlagend.
So setzte sich die Prozession fort, wobei der Führer niemals dieselbe Bewegung zweimal hintereinander einsetzte, so, wie auch sein Gewand in jedem Frühjahr ein wenig anders aussah. Niemand vermochte zu sagen, woher dieses Männchen seine Ideen nahm, doch jederman erfreute sich an der Tatsache, dass seine Inspirationsquelle nie zu versiegen schien.

Endlich erreichten die Wächter des Windes die Lichtung. Um den den Vogeltänzer herum ließen sich seine Stammesgefährten im Kreis nieder. Der Ring war weder gleichmäßig, noch geschlossen. Mal hier und mal dort saßen Grüppchen befreundeter Altersgefährten, dann wieder ein einzelnes Stammesmitglied oder eine Familie.
Ihrer aller Aufmerksamkeit galt dem Tänzer.
Vogeltänzer stakte im Inneren des Kreises entlang! Er beugte sich nieder, vollführte Hocksprünge und schnellte schließlich in die Luft, wobei er seinen Körper streckte, so dass sein Gewand darum herum flatterte und gut zu sehen war, was sich sich darunter befand: ein dünner Pelz nämlich sowie viel nackte Haut, die sich über kräftigen Muskeln spannte.
Die Zuschauer klatschten in die Hände. Einige schlugen rhythmisch auf ihre Schenkel. Der Vogeltänzer näherte sich ihnen, wobei er seinen Oberkörper vorbeugte und den Hals im selben Rhythmus vor und zurück reckte.
Diese Bewegungsabfolge gehörte zum Ritual seit die Windwächter denken konnten. Niemand hatte sich je den exakten Rhythmus eingeprägt oder einem anderen vorgeführt. Ebensowenig gab es einen bestimmten Zeitpunkt, an dem diese spezielle Szene zu spielen war. Blieb sie zu lange aus, vermisste sie stets irgendjemand und begann von sich aus mit dem Schenkelklopfen. Die Stammesmitglieder wussten einfach, was sie zu tun hatten, wie so vieles in ihrem Leben von einer absoluten Klarheit beherrscht wurde, obgleich ihr episodisches Gedächtnis bisweilen zu wünschen übrig ließ.

Nachdem Vogeltänzer auf diese Weise mit verschiedenen Gruppen sowie einem einzeln sitzenden älteren Weibchen gespielt hatte, kehrte er in die Mitte des Kreises zurück, wo er seinen Solotanz wieder aufnahm. Erneut schritt und gestikulierte das Männchen oder vollführte weite Sprünge. Es präsentierte sich. Lockte. Gab sich scheu wich zurück, um dann zu krähen und die Flügel zu spreizen. Kurz und gut, es balzte, was das Zeug hielt!
Nicht jede Bewegung, wohl aber doch die meisten, waren im Revier der Windwächter beheimateten Vogelarten abgeschaut. Andere Tiere führten ihre eigenen Paarungsriten aus, doch es den Vögel nachzutun, gefiel den Wächtern am besten.
Schon bald verbanden sich ihre Selbstsphären in der geteilten Freude am Tanz und der Ahnung dessen, was sich unweigerlich anschließen würde. Auch jene, die dem Treiben bisher in aller Unschuld gefolgt waren, erhielten über die Verbindung einen Eindruck davon, dass das Schauspiel einen verborgenen Zweck verfolgte.
<Bäh, das ist ja bloß wieder sowas, wo man was von lernen soll!> kam es von einem der Kinder des Hellen Tags. Der Knabe erhob sich und schlüpfte aus dem Kreis heraus, unwillig, sich etwas beibringen zu lassen, wenn er ebensogut spielen konnte. Noch dazu, wo er doch im Geist der Erwachsenen explizit las, dass es nicht notwendig war, dieser Lehre zu folgen.
Es dauerte nicht lange, da spürten auch die älteren, aber noch nicht geschlechtsreifen, Jugendlichen, dass hier etwas passierte, das nicht mit ihnen in Übereinstimmung zu bringen war. Von einem einzigen Jungen abgesehen, der dennoch zuschauen wollte, was geschah, zogen sich nach und nach alle zurück.
Eine Altersgrenze für die Teilnahme am Vogelritual setzen, war nicht notwendig. Die passenden und unpassenden Teilnehmer sortierten sich von ganz allein in ihre jeweilige Kategorie. Es existierten überhaupt nur sehr wenige festgesetzte Regeln im Stamm der Windwächter. Dafür sorgte ihre geistige Verbindung, die keinen Raum für Unklarheit ließ.

Weiter setzte sich der Tanz fort.
Die Selbstsphären der Zuschauer verbanden sich enger. Mit jedem weiteren Tanzschritt, der mehr andeutete, als er zeigte, forschten die Stammesmitglieder tiefer in den sie umgebenden Präsenzen. Sie tasteten, beschnüffelten sich mental und begannen, ohne sich dessen bewusst zu sein, ihre Plätze zu wechseln…
Wer kein Interesse an einer körperlichen Verbindung zeigte, hatte dennoch seinen Spaß an dem Spektakel: Würde SIE IHN erhören? Oder würde DER, der den ganzen Winter ein spezielles Weibchen umworben hatte, plötzlich eine andere völlig finden, die besser zu ihm passte, weil man im Alltag niemals so tief forschte wie während des Tanzes?
Doch die letztendlich auf sie wartende Überraschung traf die Wächter des Windes in völlig anderer Weise…

Aus Richtung des Dorfplatzes drang Kindergeschrei an ihre Ohren, zuerst Warnrufe, dann Hilfeschreie. In ihrer Trance nahmen es die Erwachsenen kaum wahr.
Die Schreie wurden schriller, dann wieder leiser, als dämpfe sie etwas.
Und dann flogen Stöcke durch die Luft, gefolgt von Netzen! Mit Steinen beschwert gingen sie auf die Zuschauer nieder und hielten die Überrumpelten unten.
Wesen, die sich nicht im Gewebe der Geistessphären wiederfanden, erschienen am Rande der Lichtung. Sie waren kleiner als die Windwächter, von den Schädel angesehen haarlos und aus ihrem merkwürdig isoliert wuchernden Kopfhaar ragten an beiden Seiten des Kopfes lange Ohren hervor, die in ebensolche Spitzen mündeten wie ihre Stöcke.
Die Angreifer waren ausschließlich männlichen Geschlechts. Jeder trug zudem eine Handwaffe, ein Steinbeil, mit dem einige von ihnen unwirsch in ihre Gesichter hängende Zweige abschlugen.
Einmal auf der Lichtung angekommen, konzentrierten die „Halbhohen“ sich auf die männlichen Windwächter. Wenn sie ein junges Männchen in ihren Netzen fangen konnten, schleiften sie es rasch fort, um es im Schutze des Waldes noch fester zu umwickeln. Gegen Frauen und ältere Männchen hingegen hoben sie ihre Waffen – in den seltenen Fällen, in denen es überhaupt nötig war. Die sich in Trance befindlichen Windwächter kämpften nicht, und schlugen nur dann um sich, wenn sie etwas wie eines der Netzte mit voller Wucht berührte. Allenfalls musste einer der Halbhohen jemand, der im Weg saß oder stand, mit der flachen Seite seines Beils niederschlagen.
Ihr überraschend einfach vonstatten gehender Überfall ließ die Halbhohen sich gegenseitig Worte zuwerfen. Einige wenige Windwächter, darunter Heller Tag und sein bester Freund der Vogeltänzer, verstanden die fremde Sprache der Angreifer. Doch selbst der so verständige Helle Tag hatte Mühe, zu begreifen, was um ihn herum vor sich ging – genaugenommen fiel es dem Männchen schwer, zu verstehen, DASS überhaupt etwas um ihn herum vor sich ging. Es hörte die Worte, doch erst später setzten sie sich zu einer Bedeutung zusammen:
„Seht nur das Gehänge, der wird gute Arbeit leisten!“
Lediglich einen Sinnzusammenhang zwischen einem Gehänge und Arbeit vermochte Heller Tag nicht herzustellen.

So schnell, wie sie aufgetaucht waren, verschwanden die Halbhohen auch schon wieder im Wald. Mit sich nahmen sie mehrere erwachsene Männchen und die jüngsten der Kinder, Junge und Mädchen.
Wo vorher Klarheit geherrscht hatte, breitete sich nun Verwirrung aus. Jeder hatte gesehen, was geschehen war, doch keiner verstand es.
Die Ratlosigkeit der Windwächter schaukelte sich bis zur Handlungsunfähigkeit hoch. Es gab kein Entkommen aus der kollektiven Verwirrung, bestand ja keine Möglichkeit der Abgrenzung. Schon gar nicht, wenn man sich dermaßen tief in dem sie alle verbindenden Medieum befunden hatte, wie während des Balzrituals.
Ließe man der Natur ihren Lauf gelassen, so würden als nächstes Raubtiere die irgendwie krank wirkenden Affen umschleichen, sich dann aber davon machen. Mit der Zeit würden sich die Stammesmitglieder von selbst wieder fangen, wenn nämlich der Drang nach Nahrung oder Schlaf sie zum Handeln in vertrauten Bahnen zwänge. Oder eine Räuber entschiede sich, dass die Windwächter doch essbar seien. In diesem Fall würden die Selbsterhaltungsinstinkte angespringen und möglicherweise hätte die Gruppe noch nicht einmal jemand verloren, bevor der Feind vertrieben war.
Die Halbhohen aus dem Tal waren nicht als dieses Verteidigungsprotokoll auszulösende Gefahren im Geist eines Windwächters programmiert. Um sie als Bedrohung einzustufen und sich ihrer zu erwehren, hätte man sich bei wachem Verstand befinden müssen.
Trotz dieses Nachteils war es nur eine Frage der Zeit, bis die Wächter des Windes aus ihrem Zustand befreit würden. Wäre dem nicht so, ihre Spezies hätte sich niemals bis an diesen Punkt hin entwickeln können, sondern wäre bereits vor lange Zeit vom Antlitz der Welt verschwunden.
Doch auch wenn der Stamm als solcher weiterexistieren würde, für die Entführten war es zu spät.

(Wird fortgesetzt)

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