Heller Tag und die Wächter des Windes

Eine Fantasy-Story (Kapitel 2)

Plötzlich erhob sich eine geistige Stimme über die der anderen. Eine leise Stimme, denn der „Sprecher“ gehörte zu den schwächsten Sendern des Stammes. Unendlich erstaunt gab derjenige zu verstehen: <Ich erinnere mich…!>
Ein Geist allein vermochte nicht zu fassen, was der Windwächter aus den Tiefen seiner Erinnerung heraufholte, daher verbreitete es sich noch im Entstehen im gesamten Stamm. Doch selbst das genügte nicht. Das Männchen, es handelte sich um den Hellen Tag, musste sich zudem einer zweiten Ausdrucksweise bedienen, um nicht an der Wucht seiner Gefühle – und den auf ihn einstürmenden geistigen Nachfragen der anderen – zu zerbrechen. Im Gegensatz zu den meisten seiner Stammesgefährten aber bestand dieses Mittel zweiter Wahl für Heller Tag nicht in Gestik, sondern in aus Bauch und Kehle heraus produzierten Lauten.
„Ich erinnere mich!“ rief er.

Die Wächter des Windes waren nicht einfach nur clevere Tiere, nein, sie waren darüberhinaus auch Sprechende Tiere.
Die Sprache zu beherrschen war nicht unbedingt notwendig. Das Medium, über das die Windwächter sich verständigten, ermöglichte weit mehr als den alltäglichen Austausch von Gefühlen. Von <Bitte>, <Danke> über <Das ist KEINE Bitte>, <Leck mich doch!> bis hin zu Gedankenspielen über Prozesse, die nicht in der anfassbaren Welt erschienen, aber dennoch abliefen oder zumindest vorstellbar waren – es erforderte Zeit und gehörige Anstrengung, doch letzten Endes konnte jedes Konzept kommuniziert werden.
Was das gesprochene Wort leistete, war, den Austausch abzukürzen. Seine Verwendung machte die Sprechenden Tiere effizienter und damit überlebensfähiger.

Heller Tag erinnerte sich also. Aber woran? Seine geistige Präsenz verriet es: An etwas angenehmes, etwas, das zudem jeder derzeit lebende Wächter des Windes ebenfalls kannte, auch, wenn ihm oder ihr die Erinnerung daran, wie es entstanden war, abhanden gekommen war.
Das Heraufbeschwören von etwas Altvertrautem brachte wieder Struktur in das geistige Gewebe des Stammes. Einige der auf der Lichtung hockenden Personen lösten sich aus der Verbindung, weil sie spürten, dass der Abstand ihnen gut tat. Andere wiederum lehnten sich sogar noch enger an jene, die ebenfalls diese Methode der Aufarbeitung bevorzugten. Die Unterscheidung, wer in welche Gruppe gehörte, fiel leicht, kam völlig natürlich zustande und die Klarheit in der Entscheidungsfindung kehrte zurück.
„Was Schusar vorhin über die Sonnen gesagt hat, das ist von mir!“ erklärte Heller Tag in einer Mischung aus Wort, Geste und Gedanke.
Schusar, diese beiden Silben fassten den kombinierten Geist-/Körpernamen des Vogeltänzers zusammen. Obgleich aus ihrer Mitte entführt, existierte der Gefährte noch immer in Form dieser Lautfolge, die keine andere Bedeutung trug als ihn zu benennen. Solange die Laute im Gedächtnis des Stammes blieben, würde auf die Frage nach ihrem Inhalt stets die Erinnerung an den Tänzer beschworen. Der Natur der Windwächter geschuldet, mochte dieser Zustand unter Umständen keine allzu lange Zeitspanne beschreiben…

Heller Tag hob die Hand. Er strich sein langes Blondhaar zur Seite, das noch heller als sein Fell strahlte. Darunter kamen die üblichen kleinen Ohrmuscheln eines Windwächters zum Vorschein, doch endeten sie in Spitzen wie jene der Halbhohen, die im Tal wohnten.
Der Anblick jener anderen Sprechenden Tiere, welche die Welt mit ihnen teilten, hatte in Heller Tag wieder hervorgebracht, wie er zu den Wächtern des Windes gekommen war: als ein im Wald verirrtes Kleinkind. Hungrig, verängstigt, von Kratzern und Blauen Flecken übersät, doch bereits verständig genug, um nicht in lautes Weinen auszubrechen. In den hohlen Stamm eines toten Hutpilzes gepresst schrie allein sein Geist um Hilfe. Und Hilfe war ihm auch zuteil geworden, denn die Wächter des Windes hatten sich seiner angenommen, zuerst seinem Körper einen Namen gegeben und dann erfahren, wie der Heranwachsende seinen Geist benannte. Ganz selbstverständlich hatte Heller Tag seinen zweiten Namen verkündet, denn zu diesem Zeitpunkt war ihm die Kultur seines neuen Stammes bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Die Windwächter aber hatten bereits vergessen, dass keiner der Lebenden diesen speziellen Jüngling geboren hatte. Er galt ihnen einfach nur als ein Junge ohne Mutter, wobei die Umstände, die zu seiner Verwaisung geführt hatten, nicht mehr im Gedächtnis standen, da sie keine Rolle spielten. Andere Unterschiede zu den Altersgenossen stachen stärker hervor, so auch die Neigung des Jugendlichen zu Phantasiespielen.
Mittlerweile aber war Heller Tag ein erwachsenes Männchen, ein kluger und fingerfertiger Mann, jedoch zu ungeduldig für die Aufgabe eines Webers. Obwohl seine Werke sich von denen der restlichen Windwächter durch ihre einfallsreichen Webmuster abhoben, trieb sich der Helle Tag lieber mit den Jägern herum, unter denen er zu den durchschnittlichen zählte. „Geistkundschafter“ lautete sein Geistname, da sich die ausschweifende kindliche Phantasie mittlerweile zur Fähigkeit der Planung gewandelt hatte und Geist wie Körper nur ungern stillstanden.

Doch seine Existenz als Wächter des Windes lag hinter dem Männchen, als habe sie in einem anderen Leben stattgefunden. Heller Tag war anderes als alle, und daher in dem Moment, in dem ihm dies aufgegangen war, aus dem geistigen Netz herausgefallen.
<Dein Schock hat uns aus dem tiefen Äther herausgeholt>, erklärte ein Stammesmitglied. <Mag sein, dass du uns allen damit das Leben gerettet hast>, fügte sie hinzu. <Also gräm dich nicht!>
Doch das sagte/sendete sich so leicht… viel leichter, als es auszuführen war! Denn Heller Tag war nicht nur anders, er war auch gleich. Den Windwächtern, sicherlich, aber auch den Halbhohen. Und das schmerzte, denn die spitzohrigen Kinderfänger aus dem Tal hatten sich ja nun als Feinde der Windwächter herausgestellt.
<Einen guten Feuerstein, auf den ein Stier geschissen hat, hebt man doch auch auf>, kommentierte das Weibchen Heller Tags Selbstzweifel. <Der ist einfach zu gut, um ihn liegenzulassen. Man putzt ihn halt blank, bevor man ihn bearbeitet.>
Ohne Zweifel hatte der Stamm auch den Hellen Tag „blank geputzt“. Auf welche Weise und von welchem Ort er auch immer zu ihnen gelangt war, seine Erziehung hatte den Knaben zu einem Wächter des Windes geformt.
<Ich glaube nicht, dass er aus dem Tal kommt>, bemerkte ein älteres Männchen. <Heller Tag ist so groß wie wir, er hat ein feines Fell und sein Geist kann die Finger ausstrecken um andere zu berühren.>
<Aber wenn ich mich doch erinnere?>
Der Alte trat auf seinen Stammesbruder zu.
<Wir alle haben soeben einen großen Schock erlitten>, meinte er. <Da sollte es uns nicht verwundern, dass Geist und Körper ein wenig zittern. Du wirst dich an etwas erinnern, das du geträumt hast! Nur hältst du es aufgrund unserer aller Verwirrung für die Wirklichkeit.>
Heller Tag bedachte diese Aussage.
<Nun gut, so habe ich geträumt, aus dem Tal gekommen zu sein>, lenkte er ein. <Aber wer hat noch mit mir geträumt? Wer hat ebenfalls diese Geschichte erlebt? Niemand! Kennst du einen Traum, den nur einer sieht?>
<Nein, natürlich nicht! So ein Unsinn!>
<Daher muss meine Erinnerung etwas betreffen, das in der wirklichen Welt passiert ist>, folgerte Heller Tag.
Doch der Alte lies sich nicht beirren. <Schusar>, erklärte er. <Schusar hat mit dir geträumt, aber er ist nicht hier, daher kann er uns nicht sagen, dass er diesen Traum mit dir zusammen geträumt hat.>
<Ja, mein Freund, so wird es sein>, sprach das Weibchen, das den Hellen Tag vorhin getröstet hatte, zu dem Alten. <Wir gehen ihn holen, dann wird er seine Aussage machen. Kümmere du dich doch unterdessen um alles Nötige hier bei uns im Lager!>
<Na also, sind ja doch verständig, diese jungen Leute>, strahlte der Geist des Mannes aus. Wie vorgeschlagen verließ er die Lichtung, um sich im Zeltdorf zur Nachtruhe zu legen. Er wollte seinem Tagwerk nachgehen, bis der Vogeltänzer zurückgekehrt wäre und die Balz erneut eröffnete.
Andere Stammesmitgleider folgten dem Männchen, um etwas zu essen, zu trinken und nachzudenken.

Zurück blieben jene, deren Gemüter keine Ruhe finden konnten, die am liebsten sofort gehandelt hätten. In der Regel waren sie es, die durcheinander sprachen und fühlten, während gesetztere Naturen die Pläne entwickelten. Heller Tag hätte gut in diese letztere Gruppe gepasst, wenn er nur gewollt hätte. Die Unruhigen wiederum waren stets bereit und oft auch besser geeignet, diese Pläne umzusetzen.
So trug ein jeder im Stamm zu dessen Funktionieren bei. Nur Heller Tag fand sich mit einem Mal außen vor stehend, obwohl ihm die anderen wieder und wieder versicherten, dass er einer der ihren war. Doch keinerlei Versicherung half, die Kluft zu überbrücken. Denn gegenüber einem beliebigen anderen Stammesmitglied hätten die Windwächter gar nicht erst für nötig erachtet, diese Versicherung zu leisten…
„Schusar“, sprach jemand. „Schusar ist auch anders.“
Man sah dem Vogeltänzer seine Andersartigkeit nicht an, doch setzten ihn seine vielfältigen Ideen und die Beherrschung des Vogelgesangs nicht ebenfalls von den anderen ab? Ihr Freund war nicht nur der beste Tänzer unter ihnen, er vermochte auch die Töne der Vögel nicht nur nachzuahmen, sondern sie in einer Weise zu verändern, die keinem anderen gegeben war: Schusar schuf neue Melodien, die dennoch erkennen ließen, zu welchem Tier sie gehörten.
„Schusar und…“
Das Männchen stockte. Gern hätte es noch weitere Stammesmitglieder aufgezählt, die sich in irgendeiner Weise von den anderen abhoben, doch ihm war aufgegangen, dass dies auf jeden Einzelnen zutraf. Jeder Windwächter war ein Individuum, doch daraus auf irgendetwas schließen zu wollen, war dumm. Glitzerten nicht auch die Schuppen jedes Ziegenfischleins ein wenig anders?
<Ich bin anders-anders. Auf eine andere Weise anders als Schusar>, beharrte Heller Tag. Seine Gefährten nahmen mit Erleichterung zu Kenntnis, dass sich zumindest die Selbstanklage aus den Worten des Männchens verflüchtigt hatte.
Eines aber war klar: Das Mysterium um den Fremdling, der einer der ihren geworden war, allerdings von vornherein schon wie sie ausgesehen hatte, war nicht im Geist aufzulösen. Die Wächter des Winde würden sich schon zur Quelle begeben müssen, um das Wasser dort zu begutachten.

<Wir gehen ins Tal.>
Das war das Weibchen. Sein Vorschlag traf auf uneingeschränkte Zustimmung.
<Und schlagen den Halbhohen die Schädel ein!>
Wieder das Weibchen, doch diesmal schlug ihr Zweifel im Äther entgegen.
<Wir schlagen ihnen auf ihre Schädel drauf? Zur Warnung?>
Die Reaktion ihrer Gefährten lies sich mit <Schon besser.> zusammenfassen.
<Wir holen die Geraubten zurück!> ergänzte ein Männchen.
<Aber wie?> Diesmal lies sich nicht erkennen, von welchen Einzelpersonen der Gedanke ausging.
Wie so oft war es Heller Tag, der eine Antwort darauf parat hatte:
<Naja, wir könnten zu den Zelten zurückkehren und schauen, ob die anderen uns etwas zu Essen übrig gelassen haben. Vielleicht haben sie ja auch schon einen Plan.>
Völlige Übereinstimmung.

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