Alles wird gut…

(Eine Fantasy-Geschichte, Kapitel 3)

Ich bin kein Vogel… bin kein Vogel… bin nicht wirklich ein Vogel! Wieso fängt man mich mit einem Netz, wo ich doch gar kein richtiger Vogel bin?
Unablässig drehten sich die Gedanken des Vogeltänzers um diese eine Frage. Den Entführern konnte das nur Recht sein, denn während er damit beschäftigt war, dem Rätsel auf den Grund zu gehen, leistete ihr Gefangener keinen Widerstand. Die Mahlsteine in Vogeltänzers Kopf würden sich noch eine ganze Weile drehen. Trotz seiner prominenten Rolle während der Balz war Schusar im Grund ein Einzelgänger, der jedes Problem zuerst ohne die Hilfe anderer zu lösen versuchte.
Die Entführer indessen blieben ausgeschlossen von den Vorgängen im Geist des Windwächters. Ihre Einschätzung der Situation warfen sie sich spöttisch lächend zu, während sie ihre Beute durch den Wald abtransportierten: „Der ist ja völlig zugekifft!“
Genau darauf beruhte ja der Plan dier haarlosen „Halbhohen“ aus der Ansiedlung am Fuß des Gebirges, die ihre Waffen nicht nur zur Jagd trugen, sondern sie gegen andere Sprechende Tiere richteten. Was genau während eines Rituals der Wächter des Windes zwischen diesen ablief, verstanden die Angreifer nicht. Offensichtlich aber war selbst für sie, dass der Effekt dem glich, den sie selbst durch Inhalieren verbrannter Kräuter oder Rauschgetränke herbeiführten. So viel hatte bereits die Generation vor der ihren herausgefunden.
Die Talbewohner hatten darauf gebaut, die die Herren des Waldes im Moment ihrer Schwäche anzutreffen und waren nun immens stolz auf den geglückten Überfall.

„Sowas Schönes habe ich meinem Weib schon lange nicht mehr mitbringen dürfen!“ meinte einer.
„Willst ihn wohl am liebsten selber behalten, was?“ scherzte ein anderer.
Doch anstatt nun spielerisch mit dem Steinbeil nach seinem Artgenossen zu schlagen, nahm der Angesprochene die Frage ernst: „Hm, ja, wieso denn eigentlich nicht?“
Natürlich nicht zu dem angedeuteten Zweck, überlegte der Mann, doch wieso sollte seine Familie nicht um ein neues Mitglied anwachsen? Dem Fremden würde es doch sicher auf seinem Hof gefallen, besonders, da er ja sein ganzes bisheriges Leben nur unter den Kronen von Nadelbäumen und Hutpilzgenitalia verbracht hatte! Dies alles setzte der Talbewohner den anderen auseinander, während sie die Netze mit ihrer teils heftig zappelnden Last durch den Wald schleppten. Doch der Anführer der Gruppe wischte die keuchend vorgetragene Argumentation beiseite: „Das sind Viecher, Rowald, die fühlen sich nur in der Wildnis wohl. Außerdem sind sie nicht zu zähmen, machen nur Ärger.“
„Aber wenn wir ihnen nun die Klötze abschneiden…“ überlegte Rowald laut.
„Dann sind sie nutzlos für uns.“
„Ja, hinterher, meinte ich ja auch!“
Unter Ächzen und Schnaufen stieß der Anführer sein letztes, bestes Argument hervor: „Halt endlich dein Maul!“

Dem Rowald Genannten blieb nichts anderers übrig, als seinen Widerspruch einzustellen und seine Kraft vollauf auf den Abtransport der Beute zu konzentrieren.
Leicht fiel es ihm nicht, denn er zählte nicht mehr zu den Jüngsten im Dorf. Doch selbst im fortgeschrittenen Alter war Rowald noch stärker als so mancher Jüngling. Bereits als er aus dem Mutterleib gerutscht war, musste seine Kraft den Eltern aufgefallen sein, denn der Name, den sie ihm verliehen hatten, leitete sich von „Roder des Waldes“ ab. Es handelte sich um einen sehr alten Namen, wie sich daran erkennen ließ, dass die ursprünglich beschreibende Benennung bereits kaum mehr aus den Lauten herauszulesen war. Auch hatte sein Volk das eigene Territorium schon lange nicht mehr in den Wald hinein erweitert, sondern sich stattdessen im ganzen Tal ausgebreitet. Bergpässe hatten sie überwunden, um weitere Täler in Besitz zu nehmen, wobei der eine oder andere mit seinem Weib ausgeschert war und stattdessen eine Siedlung am Hang gegründet hatte. Schon bald entwickelte sich zwischen den Bergdörfern und jenen im Tiefland ein reger Tauschhandel. Um den Bund zu besiegeln, gaben sich sämtliche Dörfler einen gemeinsamen Namen: Sie waren nun die Igigi.
Der Wunsch, selbst ebenfalls seltene, begehrte Tauschobjekte anbieten zu können, führte dazu, dass weitere Lebensräume erschlossen wurden: auf abgelegenen Almen, im Inneren von Höhlen und über die Inseln inmitten des großen Sees-der-nur-ein Ufer-hatte verstreut. Lediglich in den tiefen Wald, wo die Wächter des Windes hausten, drangen die Igigi nicht vor.
Wieviele von Leuten ihrer Art bewohnte Dörfer es mittlerweile gab, wussten deren Bewohner selbst nicht. Doch dafür wussten Rowald seine Gefährten etwas anderes: Jede einzelne Siedlung schrumpfte und schon bald würden einige von ihnen vom Erdboden verschwunden sein. Außer natürlich, man kannte das Geheimnis. In diesem Fall wuchs man selbst, während die anderen schwächer wurden und bereit waren, JEDEN Preis dafür zu bezahlen, ebenfalls in das Geheimnis eingeweiht zu werden.

*

Einige Stunden später:

In dem Maße, in dem der Gefangene aus seiner Trance zurückkehrte, nahm er seine Umwelt wieder wahr. Nicht, dass es viel zu sehen gegeben hätte. Die Entführer hatten ihre Beute in einem Schuppen untergebracht, die beiden Kinder in einem Pferch, den Vogeltänzer vorerst achtlos auf den Boden geworfen. Wo sich die restlichen erwachsenen Männchen befanden, vermochte Schusar nicht zu sagen. Er hatte nicht gesehen, wann er von ihnen getrennt worden war.
Das erste, das ihm seine Entführer reichten, war ihre Hand: nämlich ins Gesicht, damit er ja nicht noch einmal auf den Gedanken käme, sich aufzurichten.
<Au!> beschwerte sich Schusar. <Au, das war viel zu kräftig!>
Anstatt sich zum Wohle aller zusammenzureißen, ließ der Vogeltänzer seinen Schmerz ungebremst in den Äther fließen. Derjenige, der ihn zurück zu Boden geschlagen hatte, sollte erfahren, sich in der Stärke verschätzt zu haben und in Zukunft gefälligst mehr Vorsicht walten lassen!
Stattdessen geschah – nichts.
Es geschah deswegen nichts, weil es am Ort von Schusars Bemühungen nichts zu geben schien, an das sich ankoppeln ließ. Zuerst erschrak der Windwächter, weil er meinte, keinen Geist in dem Körper zu finden, der da so drohend über ihm aufragte. Sekundenbruchteile später begriff Schusar, dass sich da schon etwas befand, er nur keinen Zugriff darauf erhielt. Sein geistiges Tasten glitt an dem anderen ab wie Regen an einem gewachsten Umhang. Er schien es sogar ebensowenig wie der unbelebte Umhang zu bemerken.
Der Talbewohner war seinem Gefangenen so fremd wie jegliche Kreatur der Welt. Ebensogut hätte Vogeltänzer versuchen können, einen Teichgründler zu begatten – die Teile passten einfach nicht zueinander. Wäre dem anders gewesen, könnten die Wächter des Windes die Gefühle ihrer Beute spüren, sie hätten nie die erfolgreichen Jäger werden können, die sie waren. Dennoch – glichen ihnen denn die Talbewohner nicht weitaus mehr, als jede andere Kreatur der Welt? In den Momenten, in denen Vogeltänzer die Existanz der Halbhohen bewusst war, gedachte er ihrer sogar als Seinesgleichen, deren Körper lediglich anders geformt waren. Doch diese Annahme hatte sich gerade als Irrtum herausgestellt.
Unglaube, Wut, Verwirrung, Hilflosigkeit, erneuter Ärger… Schusars Gefühlscocktail stand deutlich in seinem Gesicht zu lesen. Normalerweise erfüllte ihre Mimik keinen Zweck, außer, die Windwächter daran zu erinnern, dass sie Körper besaßen, die ihr Innenleben reflektierten. In Vogeltänzers Fall mochte sein Mienespiel die Botschaft doch noch an den Empfänger bringen. Der Gefangene starrte. Und starrte. Und starrte…
Der Bauer blickt auf den Fremden in seinem bunten Gewand herab, der ihn vom Boden aus wütend anfunkelte.
„Redest nicht viel, hm?“ bemerkte er. „Die Sprache unterscheidet eine Person vom Tier… das sagt ja schon alles.“
Vogeltänzer begann zu zittern. Einen Teil der Worte verstand er, wenngleich er sich nicht daran erinnerte, wo oder von wem er sie erlernt hatte. Etwas mit Sprechen… wie sollte Schusar in seinem Zustand sprechen?! Sah der andere denn nicht, was in seinem Gefangenen vorging? Und wenn er es schon nicht begriff, musste ihm denn nicht zumindest aufgefallen sein, DASS etwas nicht stimmte? Er würde doch… er müsste… und überhaupt…

Doch der Bauer wandte sich einfach nur um und verließ den Schuppen. Als die Tür zufiel, begannen die Kinder zu schreien. So finster wie einem hölzernen Verschlag, in dem jede Ritze zudem mit Werg gestopft war, wurde es in einem Zelt daheim im Wald nie.
Der Vogeltänzer seufzte. Wenigstens ein Gutes hatte das Geplärr des Nachwuchses seines Freundes: Ihn aus seinem Selbstmitleid herauszuholen und eventuellen Grübeleien vorzubeugen. Schusar hatte ungeachtet der eigenen Befindlichkeit seiner Pflicht als erwachsenes Stammesmitglied nachzukommen. Er konzentrierte sich darauf, den Kindern beruhigende Wellen zu senden, die wie ein sanfter Wind über ihren Geist strichen.
<Müde… ihr seid müde… und jetzt wisst ihr das auch wieder, nicht wahr? Schlaft jetzt…>
Nicht jeder Versuch eines Elternteils, den Nachwuchs auf diese Weise in den Schlaf zu senden, wurde von Erfolg gekrönt. Oft genug strömte zeitgleich mit ihrem Ansinnen der Frust über das Geschrei in den Kindergeist, was diese nur noch lauter jammern ließ. Doch der Stamm war groß und irgendjemand fand sich stets, dem das Kunststück gelang.
In Vogeltänzers Fall bestand die zweite Stimme seiner geistigen Stimme in tiefer Erleichterung. Es tat gut, sich nach dem Schock angesichts der ätherblinden Talbewohner wieder mit einem Geist zu verbinden. Noch dazu mit einem so vertrauten, wie dem der Kinder des Hellen Tages. Für den Moment war alles wieder gut.
<Alles ist gut.>
Die Kinder entspannten sich angesichts der Gefühle des Erwachsenen. Ja, alles war gut und sie konnten ohne Furcht einschlafen.

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