Die Urlauber vom Bühlowberg

Um überhaupt mal wieder etwas zu posten, hier eine Episode aus der Welt von „Homo artifex“, angesiedelt im auf die Originalstory folgenden Sommer.

Prolog in der „Ritterzeit“

Das Jahr: 1880, also tief in der Ritterzeit.
Der Ort: Das Rittergut derer von Bühlow, deutlich erkennbar an den auf den Feldern arbeitenden Rittern in ihren Plattenpanzern. Nur der Herr von Bühlow selbst ist nicht daheim, denn er erforscht den Urwald von Usedom. Ein Saurier streckt seinen langen Hals aus dem Unterholz hervor. Geistesgegenwärtig zieht der Herr Ritter seine Büchse:
„Peng! Peng, Peng, Peng!“
Und schon kippt das Monster zur Seite um.
„Aber das war ein Pflanzenfresser“, wagt James, der Butler, einzuwerfen. „Der tut nichts…“
Seine freche Rede bezahlt der Begleiter mit einem strengen Blick seines Herrn.
„So, der tut nichts? Der hätte Ihn glattwohl zertreten, James!“
Daraufhin geht James ein Licht auf und er bedankt sich artig für die Lebensrettung.
Um die beiden Männer herum laden schwarze Trägersklaven ihr Gepäck ab. Sie beginnen, den erlegten Saurier in Salz zu wälzen – Proviant für mehrere Monate!

James und Von Bühlow haben unterdessen etwas Neues erspäht. Das Meer ist nämlich nicht weit, und dort draußen kämpft gerade eine Seeschlange gegen ein Wikingerschiff. Auch die Schlange muss Bekanntschaft mit von Bühlows Büchse machen, doch es ist bereits zu spät: Das stolze Drachenboot sinkt auf den Grund des Meeres. Jedoch, Glück im Unglück, die Wikinger werden alle gerettet und dürfen sogar als Fischer auf der Insel bleiben. So entsteht bald die Siedlung Heringsdorf.
Auch das Rittergut wächst zu einer großen Stadt: Bühlowberg. Und dann gibt es noch Ahlbeck, das, genau wie die beiden anderen Orte, von einem Kaiser regiert wird, weshalb sie auch die Drei Kaiserbäder genannt werden.

Schneller und schneller zieht das Tempo der Geschichte an. Wo einstmals Personen mit Eigennamen abenteuerten, wachsen nun anonyme Wohnblöcke in die Luft, entstehen Straßen und Ampelkreuzungen. Ein ganzes Wohnviertel bedeckt dabei das Salz, in dem einst der Saurier gepökelt wurde.
Aber dann stürzt alles wieder ein, denn die Kaiser sind unverträglich und machen Krieg. Hinterher wird der Adel abgeschafft, damit dies nicht noch einmal passiert. Auch dürfen schwarze Leute nicht mehr versklavt werden, sondern nur noch erschossen. Aber auch das nur in Amerika, wo die Wilden wohnen…

Prolog in der Gegenwart

Dies alles ereignete sich innerhalb einer halben Stunde und zwar in einem Ferienhaus auf halbem Wege zwischen Heringsdorf und Bühlowberg. Dem Ferienhaus direkt gegenüber befindet sich ein Strandzugang, jedoch verdecken dicht stehende Bäume den Blick auf die See. Man muss sich schon hinbegeben, um sich zu vergewissern, dass sie noch immer die gute alte Ostsee ist. Oder dass „Bühlowberg“ weiterhin Seebad Bansin heißt, außer natürlich in der Phantasie meines vierjährigen Sohnes, den die Berieselung mit der Gründungsgeschichte der Kaiserbäder während unserer Fahrt mit der Ausflugsbahn schwer beeindruckt hat. Besonders der Herr von Bühlow, der sich in die Wildnis gewagt hatte, obwohl er doch ein Adliger war, also in Addis Vorstellung jemand, der teeschlürfend auf einem Sofa saß und auf den nächsten Bauernaufstand wartete, bei dem er seinen Kopf verlieren würde. Die uneingeschränkten Herren der Wildnis, die modernen Waldläufer, das sind normalerweise allein Adrians große Brüder, Kevin der Pfadfinder und Reiko der angehende Koch. Ich widerspreche nicht, denn Reiko ist Kevin, was seine Wildniskundigkeit angeht, tatsächlich mehrere Nasenlängen voraus. Außerdem ist es nicht meine Schuld, dass sich Addi unter einem Koch jemand vorstellt, der seine Zutaten in der Wildnis sammelt – meine Frau hat kürzlich ein neues Onlinespiel entdeckt, in dem sie ihre ersten Sporen als angehende Köchin durch das Pflücken von Obst für höherstufige Spieler verdient.
Sie spielt dies Spiel gerade wieder, mit unserem Kleinen auf dem Schoß. Gebannt starrt Adrian auf den Laptopbildschirm. Genaugenommen sieht man dort überhaupt nichts, denn das Game besteht aus einer Reihe von Kästchen, zwischen die sich ab und zu mal verschämt eine Graphik schleicht, als verstünde sie sehr gut selbst, dort nichts zu suchen zu haben. Doch unter Lynns leisen Erklärungen an das Kind wehen die Blätter der Apfelbäume im Wind und dringt das Rauschen des Meeres an sein Ohr. Das haben wir gerade so ähnlich auch vor der Haustür, spannender ist es jedoch im Spiel. Nicht ganz so spannend allerdings wie in Adrians anderem Spiel gerade eben. Das ist auch Sinn und Zweck von Lynns Übung: den Jungen nach seinen Abenteuern „abklingen zu lassen“.

„Magst du auch mal einen Apfel pflücken?“ fragt Lynn Addi.
Dieser nickt.
Seine Mutter lässt ihn den Mauszeiger auf das Aktionsfeld „Einen Apfel pflücken“ führen. Das ist eigentlich für Ungelernte gedacht und kostet ihre Spielfigur, mit der meine Frau die Äpfel sonst körbeweise von den Bäumen holt, unverhältnismäßig viel Ausdauer. Da diese Arbeitskraft repräsentiert, lässt sie sich direkt in Spielwährung umrechnen. Lynn verschenkt also gerade Geld, doch was ist das schon gegen Adrians kaffebraune Bäckchen, die sich nun so röten, als sei er selbst so ein virtueller Apfel!
„Addi sagt Hallo!“ tippt Lynn in den Chat, als sie sieht, dass ein Bekannter vorbeizieht, der auch gerade die Apfelbäume plündern möchte.
„Isimud versteckt sich hinter einem Baum“, kommt es aus den Weiten des I-Nets zurück.
Wir schmunzeln. Isi, das wissen wir, fürchtet sich vor kleinen Kindern. Weil er einer Spezies angehört, die als Zweijährige aus dem Ei schlüpft oder etwas in der Art. Jedenfalls etwas fantasymäßig abgefahrenes, das die Welt, in der sich Lynn gerade bewegt, auszeichnet. Und mein Junge hat in diese fremde Welt hinein gegriffen, gar dort einen Apfel gepflückt wie die Goldmarie! Das ist eine echtes Abenteuer, kein ausgedachtes wie das mit dem Pökeldino.
Lynn legt Addis Apfel nun sorgfältig in den Korb zu den anderen, dann deckt sie ihre Ausbeute mit einem gedachten beziehungsweise erzählten Tuch zu.
Ich war bis vor wenigen Monaten Kunstmaler, derzeit versuche ich mich in einem Anfall von Protest gegen meine Kollegen als Comiczeichner. In meiner Profession vermag ich die Wirklichkeit exakt abzubilden sowie Ideen sichtbar zu machen. Lynns Fähigkeit, ganze Welten allein aus Worten heraus entstehen zu lassen und diese zu beleben, fasziniert mich jedesmal, wenn ich sie forgeführt bekomme, aufs Neue. Stolz bin ich auf meine Frau, und ein wenig auch auf mich, dass sie mich aus allen anderen gewählt hat.

„Essen fassen!“ erschallt es von der Terasse.
Dort deckt Reiko gerade den Tisch fürs Abendessen.
Wie der Blitz schießt Kevin ins Bad, wo er mehrere Pakete Räucherfisch aus der Dusche holt, die wir den Tag über dort gelagert haben. So stolz, als habe er die Tiere selbst gefangen, serviert unser Mittlerer die Filets.
„Die hast du schön, ähm, ausgewickelt“, meint meine Frau.
Den Koch muss man loben, selbst, wenn er nur nach Bühlowberg zum Räucherhäuschen gelaufen ist. Ach, nein, Quatsch, nicht nach Bühlowberg, sondern nach… wie hieß das Nest gleich nochmal? Ich fürchte, es wird mir mein Lebtag lang nur unter Addis Namen in Erinnerung bleiben.
Und während wir über Lynns Scherz lachen, trägt mein ältester Sohn noch Brot und Salat auf.
„Eigenhändig umgerührt“, erklärt er.
„Jungs, wenn ihr so weiter macht, entdeckt ihr in diesem Urlaub noch das Feuer“, kommentiere ich die Erfolge meiner beiden Jäger und Sammler, bevor Lynn mit dem Tischgebet beginnt.
Addi und meine Frau wenden sich dabei an den lieben Gott, wohingegen Reiko und ich die Meinung vertreten, so etwas Schreckliches wie die Welt kommt definitiv nicht von Gott, und uns lieber bei den Tieren und Pflanzen direkt bedanken, die in unsere Nahrung eingegangen sind. Kevin ist ein Sonderfall, der sich zwar intelektuell eher uns beiden anschließt, aber ein wenig Tradition in seinem Leben zu schätzen weiß und daher laut in das klassische Tischgebet seiner Mutter einstimmt.

Die Lutgers machten also Urlaub am Meer. Angesichts der Springflut im Frühjahr eine etwas merkwürdige Idee…

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