Familienausflug ohne Straßenbahn

Eine weitere Anekdote aus der Welt von „Homo artifex“

Ort: Hallersheide bei Berlin
Zeit: In der vorletzten Schulwoche vor den großen Ferien

Seit dem Hochwasser sind mehrere Monate ins Land gezogen. Wir leben jetzt auf dem Bauernhof, auf dem Kevins Urgroßeltern Knechte und Mägde waren. Wie sich das Leben in meiner ganz privaten Künstlerkolonie gestaltet, könnte einen weiteren Roman füllen. Doch das Wochenende, das zu den Ereignissen in „Bühlowberg“ führen soll, gehört allein mir und meinen Söhnen – genaugenommen dem einen Jungen, der mein Sohn ist, und dem anderen, der sich dafür hält.
Kevin, Markus und ich sind mit unseren Angelruten losgezogen. Wir haben geangelt, tatsächlich ein paar Fische gefangen, diese über dem Lagerfeuer gebraten und sind gegen Abend nach Hallersheide gefahren. Da sitzen wir nun in einem Eiscafe über einem echten Männerabendessen: Malzbier (bzw. in meinem Fall echtes Bier), Steak mit noch mehr Steak und zum Nachtisch riesige Eisbecher, die den Atkins-Effekt der Fleischscheiben wieder zunichte machten.
Außer für die Fische ist es für jeden Beteiligten ein guter Tag gewesen. Dennoch zieht Markus seit einigen Minuten ein Gesicht, als befände er sich in der Geschichte über den Vater und den Sohn, die in der Straßenbahn fahren und einander nichts zu sagen haben. Ausnahmsweise einmal handelt es sich um ein Nichts, das in großen Lettern selbst für mich deutlich lesbar im Raum steht. Ja, ich habe sie inzwischen studiert, meine Menschen und zwar mit derselben Faszination, die Profiler empfinden, wenn sie das Portrait eines Psychopathen erstellen.

Mit den Worten „Ich bin keiner deiner staatlich verordneten Lehrer“, wende ich mich an Markus, den Jungen, der aus meinem Samen entstanden ist. „Du brauchst keinen Entschuldigungszettel und auch keine Ausrede, wenn du nicht mit uns in Urlaub fahren möchtest.“
Herr im Himmel, wie ich mir wünsche, das träfe auch auf mich zu! Mein ganzes Leben ist doch bereits ein einziger Urlaub, noch dazu ein Auslandsurlaub in einer exotischen Kultur. Aber Lynn hat sich in den Kopf gesetzt, mit allen ihren Kindern an die See zu fahren, was mich einschließt. Nur Markus wird in Berlin bleiben, was von dem Jungen selbst einmal abgesehen so ziemlich jedem klar ist.
„Wie, was?“ Markus sieht von seinem Eisbecher auf, in den er die ganze Zeit über kunstvolle Tunnel gegraben hat. „Ich… doch, ich will schon mitfahren!“
Ich schüttle den Kopf. „Die großen Ferien verbringt man mit seiner Familie, solange man sich noch mit ihr versteht. Sobald das nicht mehr gegeben ist, muss man trotzdem noch mit den Eltern fahren. Daher solltest du die Zeit genießen, in der ihr noch eine Einheit seid.“
„Aber das sind wir nicht mehr…“ murmelt Markus.
An dieser Stelle hat Kevin genug von der Vorführung. Er rammt den Plastiklöffel in die morastigen Reste seines Eises und eröffnet dem Freund geradeheraus, dass ich nicht sein Vater bin. Kurz und schmerzhaft, beinahe wie ein richtiger Kevin aus dem Volksglauben.
Markus blickt entgeistert von Kevin zu mir und dann wieder zurück.
„Soll dass heißen, ich bin auch adoptiert?“
„Kommt drauf an, ob Bernd diesen Schritt gehen möchte“, erklärt Kevin ungerührt.
Bernd, das ist der neue Partner meiner Ex-Frau, Markus’ Mutter. Und Sigrun ist… nun ja, halten wir einfach fest, dass unser einziges Kind, Mark, in einer Nacht entstand, als ich mir vorstellte, statt bei Sigrun bei Lynn zu liegen und belassen es dabei.
Wie dem auch sei, Markus wirkt unentschlossen zwischen Erleichterung und Enttäuschung. Nicht mein leibliches Kind zu sein hätte ihn geschmerzt, andererseits aber auch einiges einfacher für den Jungen gemacht.

„Mark… hör mal zu!“
Ich schiebe meine Untertasse mit dem Eisbecher zur Seite, beuge mich über den Tisch. Mein Kopf befindet sich nun auf einer Höhe mit dem Markus´. Ich erinnere mich an ein ähnliches Gespräch, das ich während er Flut mit Kevin geführt habe. Darüber, wie er jede Erfahrung bereits gemacht hat, sie aber lebenslang unter anderen Vorzeichen wiederholen muss. Mark gegenüber wähle ich andere Worte, die dasselbe vermitteln sollen:
„Was hinter dir liegt, ist Pillepalle, die wahren Tests warten erst noch in der Zukunft auf dich. Die werden härter und wer sie mit einem Vater an seiner Seite bestehen kann, sollte dankbar sein. Der Herrgott weiß das, daher hat er dir deinen gerade rechtzeitig zur Seite gestellt. Ich habe dich gezeugt, aber der Mann, der dich Autofahren lehren und dir über den ersten Korb hinweg helfen wird, das ist Bernd.“
„Aber…“
„Du fühlst dich deswegen so mies, weil du das schon lange selber weißt und ein schlechtes Gewissen deswegen hast“, analysiert Kevin in einem selbstzufriedenen Tonfall.
Der Niedlichkeitseffekt, der manchmal damit einhergeht, wenn jüngere Kinder völlig zutreffende Sachverhalte sachlich aussprechen, bleibt aus. Kevin ist zwölf, fasst dreizehn und nie ein richtiges Kind gewesen. Zuerst den Umständen geschuldet, später aus Desinteresse an diesem geistigen Zustand.
„Du hast gut reden!“ schreit Markus. „Deine biologischen Eltern kann man ja auch in die Tonne treten! Aber Willi ist tausendmal besser und…“
Markus stockt. Nicht, weil er gerade Familieninterna in Straßenzuglautstärke verkündet, sondern aufgrund seiner Verwendung meines Namens. Meines Vornamens. Willi. Nicht mehr Vati.

Markus sackt nach vorn. Eisbrecher, Wasserflasche und Tischblumen rutschen bedenklich auf die Kante des Cafetisches zu. Das Klirren ihrer Kollission übertönt beinahe, aber eben nicht ganz, das Schniefen, das Mark produziert.
„Scheiße… Verdammte Scheiße!“

Kevin und ich sitzen etwas hilflos daneben. Zum ersten Mal müssen wir für Mark nicht wie Bruder und Vater, sondern wie zwei Kumpel für einen dritten da sein. Und uns ist klar: Egal, wir gut wir das meistern, der heutige Abend markiert nicht das Ende des Konflikts, sondern nur einen von vielen Peaks.
So sind sie, die Menschen, und so schwer verständlich sie uns vorkommen mögen, in ihren Augen fühlen und verhalten wir uns ebenso befremdlich.

 

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