Der Streuner und die Bitch

Eine Anekdote aus der Welt von Homo artifex

Die Lutgers werden also Urlaub machen. Zwei Jahre in Folge hat mir Lynn abgerungen, angeblich Reikos wegen. Als ob der vorhätte, jemals auszuziehen… Ein streunendes Tier weiß, wo es die besten Happen gibt und in Reiko ist genug Raubtier zurückgeblieben, um Hotel Mama deutlich über das achtzehnte Lebensjahr hinaus zu buchen.
Jedenfalls sind wir überein gekommen, zuerst einen Ort meiner Kindheit und im Jahr darauf einen Lynns zu besuchen. Also erst die Ostsee und danach Florida. Andersherum wäre es vermutlich unbefriedigend. Die Ostsee ist ein Dreckloch, deren biologisches Gleichgewicht jederzeit kippen kann und es schon längst getan hätte, wäre ihr Süßwasseranteil nur etwas geringer. Bei Florida kommen mir zuerst die Sümpfe in den Sinn, doch Lynn behauptet steif und fest, dass wir dort Traumstände vorfinden würden. Und obwohl meine Frau mir versichert, dass in ihrer Heimat nicht jedes schwarze Kind auf Sicht erschossen wird, hege ich Bedenken, welche Erfahrungen Adrian allein aufgrund seiner Hautfarbe in diesem Land machen wird. In diesem letzten Punkt schließt sich Lynn mir an, weshalb wir unseren Amerikaurlaub in Gesellschaft der Havermanns verbringen werden. Lynns Eltern ihrerseits freuen sich bereits darauf, den neuen Enkel endlich einmal in Person kennenzulernen.

Apropos neuer Enkel, wo treibt der sich gerade wieder herum? Mein bimmelndes Handy (noch neuer als der Enkel) wird es mir gleich verraten.
„Reiko! Wo steckst du? Um diese Uhrzeit?“
„Bei Snapper.“
Für einen Geist hört sich mein Sohn zu klar verständlich an und sooo gut, Nachrichten aus dem Jenseits zu empfangen, sind diese modernen Telefone sicher auch nicht. Ich parse die Aussage daher ohne größere Mühen als „Auf dem Tierfriedhof“. Okay, das ändert sie Angelegenheit. Anstatt den Jungen aufzufordern, nach Hause zu kommen, schweige ich respektvoll. Reiko wird die Nacht dort draußen verbringen wollen und morgen früh, sollte er sich dann dazu in der Lage fühlen, vom Friedhof aus zur Schule gehen.
„Ich muss dir was sagen“, erklärt mein Sohn. „Du wirst morgen in meiner Schule erwartet.“
„Schieß los.“
Reiko erteilt mir Bereicht über die Ereignisse, die dazu geführt haben, dass ich am Montag bei seinem Schuldirektor antreten soll. Nichts davon hätte dieser Mensch nicht auch mit Jungen allein klären können, doch es war wohl zu einer unschönen Konfrontation zwischen Reiko und seiner Klassenlehrerin gekommen, welche die Belegschaft in den Glauben versetzt hat, eine weitere Autoritätsperson zwischen sich und dem Teenager zu benötigen.
„Aha, okay“, kommentiere ich den Bericht, gefolgt von der Frage, ob mein Junge wisse, was das von ihm gegenüber der Frau verwendete Wort eigentlich bedeutet. Gerade auch wegen Snapper.
„Ja, sicher, Dad. Aber sie kennt es nur als Schimpfwort.“
„Du wolltest also verletzen. Noch immer?“
„Nein. Ihr Gesichtsaudruck und der anschließende Wutausbruch waren mir Genugtuung genug. Kannst ruhig Frieden schließen.“
„Wie stehst du zu Reparationen?“
„Ich glaube, Zwangsarbeit im Schulgarten stand zur Debatte.“
„Der hat es allerdings nötig.“
„Yep.“
Damit wäre alles geklärt.

Am nächsten Morgen steht Adrian aufbruchsbereit in der Garage am Familienauto. Wir sind allein, haben alle Zeit der Welt, denn Lynn ist bereits vor zwei Stunden mit ihrem eigenen Wagen zur Arbeit gefahren und Kevin reitet zur Schule, solange ihm das Neubauviertel dabei noch nicht allzusehr im Weg steht.
Ich sollte eigentlich nicht autofahren, dafür neige ich zu sehr zum Träumen. Vor Zeiten hat mir ein Arzt einmal unterstellt, ich sei schwerhörig, weil ihm meine ungewöhnlich lange Reaktionszeit aufgefallen war und eine seiner Fragen sogar vollständig durch den Raster gefallen war. Dabei hatte ich mich nur woanders hingeträumt, um die Präsenz des mir grundlegend unympatischen Kerls besser abpuffern zu können. Als ich eine Hörbehinderung abstritt, erhielt ich einen Flyer für irgendeine Selbsthilfegruppe oder Schwerhörigenmesse in die Hand gedrückt… Nach all den Jahren habe ich Gesicht und Namen dieses Mannes vergessen, doch ich hasse ihn immer noch. Wie konnte er es wagen, meine Aussage in Zweifel zu ziehen? Ich dachte, ihr Akademiker durchschaut uns immer so leicht! Doch, nein, der gelehrte Herr sah nur, was er erwartete.
Nun, damals war ich noch ein Schulkind und steckte in der elterlich verordneten Phase des Verleugnens meines Wesens. Das mit der Schwerhörigkeit habe ich ihnen nie erzählt, doch ich bin mir sicher, sie hätten es dankbar lächelnd als weitere Ausrede für meine abweichende Art zu kommunizieren in ihren Kanon aufgenommen.
Autofahren stellt für mich also gleichzeitig Entspannung (da befreit von menschlichen Auren in meiner unmittelbaren Umgebung) wie Stress (da die Hüllen besagter Auren um mich herum potentiell gefährliche Dinge veranstalteten und mich zwingen, stärker als mir angenehm ist in der meinen verhaftet zu bleiben) dar. Mit Addi im Auto hingegen kann ich gar nicht anders, als mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Das Kind entdeckt jeden Tag etwas Neues um sich herum wobei so manches Neue Altes, durch einen Tag ältere Augen gesehen, ist.

In Reikos Schule angekommen, parke ich Adrian vor dem Büro des Direktors. Ich schärfe ihm ein, leise zu spielen, woraufhin Addi seine Puppen aus seinem Rucksack hervor holt. Die hageren Barbies haben es meinem Sohn angetan, da wir ihm nie den Unterschied zwischen diesen und Actionfiguren beigebracht haben. Nun lässt er seine Cowgirl-Barbie, Prinz Ken und Fahrradausflug-Barbie in einigem Abstand voneinander über den Boden robben. Ganz still müssen sie dabei sein, denn es gilt, fremdes Territorium auszuspionieren. So ähnlich also, wie ich es mich ebenfalls anschicke zu tun, nur eben leise. Wobei… Ohne mich bewusst dazu entschieden zu haben, öffne ich die Tür nach einem kurzen Klopfen ebenfalls so sachte wie möglich.

„Guten Morgen, Frau Direktor“, höre ich mich sagen.
Der Direktor ist weiblichen Geschlechts, müsste also korrekterweise als Direktorin bezeichnet werden. Damit auch ja jeder merkt, dass sie kein richtiger Direktor, sondern nur eine Schmalspurvariante desselben ist, welche einem echten, männlichen Direktor in dessen Glorie nicht gleich kommt. Die Direktorin erkennt den eintretenden Personerich als Herrn Lutger, den Erziehungsberechtigten des Jungen, welchem die arme Frau Karst am Freitag verbal zur Opferin gefallen ist. Sie lächelt mich freundlich an. Frau Karst befindet sich ebenfalls im Zimmer und gleich ihrer Vorgesetzten schenkt sie mir einen wohlmeinenden Blick.
Wir drei beginnen wie Volljährige zu reden, was sich aufs erste Hören wie das Gespräch dreier Erwachsener anhört.
Ich bekomme erneut, und in ebenso empörtem Tonfall wie aus Reikos Mund, zu hören, dass, wann und auf welche Weise mein Sohn eine Schulregel gebrochen hat. Die Frechheit, sich dazu äußern zu wollen, habe er auch noch besessen, weshalb die gute Frau Karst ihm zu schweigen gebieten musste. Doch erst ein überzeugtes „Ich höre dir nicht zu!“ brachte meinen Reiko zum Schweigen… nachdem er eine letzte Silbe geäußert hatte:
„Er hat seine Klassenlehrerin Bitch genannt!“
„Woher weiß sie das, wo sie doch nicht zugehört hat?“

Anschauen.

Starren.

Dann die befreiende Erkenntnis: Der Herr Lutger muss einen Scherz gemacht haben!

Es kann gar nicht anders sein, daher lachen die beiden Frauen.

Menschen können so niedlich sein, so ungemein… das kann man im Deutschen gar nicht ausdrücken… fluffy! Aber sie gleichen auch Tigern: tapsig und unbeholfen als Welpen, doch wenn sie älter werden, beißen sie sich gegenseitig in ihren Revierkämpfen die Kehle durch. Sie sind eine Gefahr für unsereinen und, ja, die Verlierer ihrer Konkurrenzkämpfe tun mir leid. Ich kann nicht auf die Toten sehen und mir sagen, dass der Wettbewerb artgerecht für Homo sapiens ist. Er selbst versteht das allerdings sehr gut und Verstehen geht beim Menschen in der Regel mit Gutheißen einher. Bloß für meine Spezies ist ein solches Verhalten eben nicht artgerecht und man geht ja im ersten Impuls stets von sich selbst aus. Daher meine ich also stets, die Omegas unter den Menschen leiden unter ihrer Situation und möchte ihnen helfen. Zudem benötigen wir die Menschen lebendig und gut im Futter stehend, um sie unsere eigenen Jungen austragen zu lassen. Die meisten artifex werden noch immer von sapiens geboren.
So vernünftig ich also den Homo sapiens in seiner Gesamtheit als notwendiges Übel betrachte, vor dem es die eigene Familie zu beschützen gilt, so sehr schmerzt mich das Leid jedes Einzelnen. Dennoch bin heute ich es, der, Tierliebe hin oder her, den beiden Lehrern Leid zufügen muss. Weil ich nun nämlich beginne, die mir von Reiko telefonisch übermittelten Beweggründe des Jungen vorzutragen. Nur, dass sie auf einmal nicht mehr pubertär anmaßend klingen, sondern mit weisem Nicken zur Kennntis genommen werden. Wie einsichtig er doch ist, der Herr Lutger! So ganz anders als sein misratener Pflegesohn!

Mitten in meiner Rede breche ich ab.
„Wissen Sie, warum Sie mir zuhören?“ fragte ich geradeheraus. „Weil ich ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft bin, Sie meinen teuren Anzug und die perfekt nachgemachte Markenuhr respektieren! Mit siebzehn beschloss ich, Aussteiger zu werden, einen Tag später lebte ich es kompromisslos. Weil ich Glück hatte, wurde ich reich, doch es hätte ebensogut anders kommen können und dann sähen Sie nicht zu mir auf, auch nicht auf mich herab, nein, dann sähen Sie mich nichtmal an!“
Jetzt werden sie rot, doch nicht vor Scham, überführt worden zu sein, sondern für das Anhörenmüssen unanständiger Worte.
Nun, das hätte vermieden werden können, hätte Frau Karst meinem Sohn vergangene Woche zugehört. Das sage ich ihr exakt so und füge versöhnlich hinzu, dass Reikos Rechtfertigungen in der Hälfte der Fälle ausgemachter Unsinn sind. Es hätte also eine 50%tige Chance bestanden, ihn trotzdem bestrafen zu können…
„…dann aber auf einer soliden Basis stehend, anstatt mich in diese Angelegenheit hineinzuziehen und Ihnen selbst den Vormittag zu verderben! Sehen Sie, hinterher ist man immer schlauer!“

Respekt sollte man sich nicht verdienen müssen. Er geht ohnehin recht schnell verloren, wie im Falle Frau Karsts mir gegenüber. Die Frau Direktor hingegen fängt sich gerade wieder. Sie wirft ein internes Übersetzungsprogramm an, überträgt artifex in sapiens Dialekt und schmunzelt.
„Fifty-fifty, sagten Sie, Herr Lutger? Und welchen Fall haben wir Ihrer Meinung nach hier vorliegen? Kopf oder Zahl?“
Ich winke nur ab. „Herrjemine, das wissen Sie doch selbst!“
„Ja.“ Die Frau nickt. „Ja, und es war dumm von mir, Reikos halbgare Erkärung plötzlich zu akzeptieren, nur, weil sie aus dem Mund des Malers Lutger kam.“
Wir nicken uns erneut zu, schütteln einander sogar die Hände. Auf Reiko wartet Strafarbeit im Schulgarten, eine sinnlose Strafe, die zu keinerlei Verhaltensänderung führen wird, da sein zugrundeliegendes Verständnis der Sachlage ein völlig anderes als das der Zivilisierten ist. Da gibt es kein Richtig oder Falsch, nur zwei unterschiedliche Ansichten, weshalb ich Reiko genaugenommen weder guten Gewissens verurteilen noch verteidigen kann. Jendefalls nicht für den Schulregelbruch. Sein „Bitch“ hingegen, das die beiden Erzieher als weitaus schlimmer ansehen, kann ich dem Jungen nicht vorhalten. Ansonsten müsste ich in Zukunft jeden anklagen, der es wagt, sich gegen eine ungerechte Behandlung zu wehren. Frau Karst jedoch geht straflos aus und wird dementsprechend ebenfalls keine Verhaltensänderung zeigen. Außer vielleicht mir gegenüber, denn in ihrer verqueren Sapiens-Logik kann sie nicht unterscheiden, für welche Verfehlung meines Sohnes ich seiner Bestrafung zugestimmt habe.

Ich verlasse das Büro, sammle Addi wieder ein und dann geht es nach Hallersheide. Bevor wir ans Meer fahren müssen, gibt es noch einiges in der Stadt zu erledigen.

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