Die Mädchenspielzeugtherapie

Eine Anekdote aus der Welt von Homo artifex

Mit Adrian an der Hand schlendere ich durch die Straßen von Hallersheide. Seit unserem Umzug hat sich einiges verändert, jedoch nicht genug, als dass mir das Städtchen fremd vorkäme. Wie Siedler von der Überflutungswiese haben uns ohnehin nie als Stadtbewohner empfunden, sondern jede Fahrt in die Innenstadt als Besuch „In der Stadt“ wahrgenommen. Daran hat sich nichts geändert, lediglich der Anfahrtsweg hat sich etwas verlängert.
Wir können also diesen Ausflug ungetrübt von Heimweh genießen. Doch irgendwann wird Addi auch dieses Gefühl erfahren, möglicherweise bereits in dem vor uns liegenden Urlaub. Mag sein, ich projiziere hier meine eigenen Empfindungen auf das Kind. Ich weiß jedenfalls, dass es mir die Magenwände zusammenziehen wird, wenn es heißt „wir fahren nach Hause“, wir aber anstatt in unser altes Einfamilienhaus zu dem Bauernhof zurückkehren…

Bevor ich in Grübeleien versinken kann, stehen wir bereits vor unserem Ziel, einem Mietshaus, in dessen Erdgeschoss sich vor Zeiten ein Kaufladen befunden hat, wie noch immer zwei Schaufenster verraten. Die Glasscheiben wurden schon einige Jahre vor der Wende durch Holzbretter ersetzt und seitdem hat sich kein neuer Interessent gefunden, „weil die Bruchbude ja eh nicht mehr lange stehen wird“.
Ich hebe Adrian hoch, damit er auf die Klingel drücken kann. Sogleich betätigt jemand weiter oben den Türöffner, wir treten ein und müssen nicht noch einmal klingeln, denn die Meiers erwarten uns bereits auf der Schwelle. Frau Meier hebt nun ihrerseits Addi hoch, um ihm einen Schmatzer auf die Wange zu drücken. Ihre vierjährige Tochter Alissa ergreift die Hand meines Sohnes und zieht ihn in den Flur hinein. Die Tasche mit den Barbies hinter sich her schleifend lässt sich Addi ins Kinderzimmer entführen.
Ich bleibe zurück und wechsle einige Worte mit der Frau des Hauses.

Die Meiers sind sogenannte Spätaussiedler. Sie fungieren außerdem als eine von Manfreds Benchmarkfamilien, wie er sie nennt. Das Verhalten der Hallersheider ihnen gegenüber lässt seiner Aussage nach auf das aktuelle politische Klima schließen. Ich selbst bin blind für derartige Prozess, weil ich sie stets auf die darunterliegenden Strukturen und Instinkte kürze, aus denen heraus sie entsstehen. Wie jeder Coder wäre ich ein lausiger Supporter.
Dem sei, wie es sei, Frau Meiers ältester Sohn Juri ist Reikos bester Freund in Hallersheide. Mit Juris Mutter glaubte ich zuerst, keine Berührungspunkte zu besitzen. Ich, der arbeitsscheue Kunstmaler, ein Junge aus Berlin, dem es nie im Leben an etwas gefehlt hat, sie, die im Leben stehende Mutter, die eine Odyssee aus der ehemaligen Sowjeunion hinter sich hat, über die sie nur noch praktischer als bereits zuvor geworden ist. So standen wir uns während unseres ersten Treffens anlässlich eines Elternabends in Reikos Schule recht hilflos gegenüber. Lynn und Herr Meier hingegen waren bereits in eine ausführliche Diskussion der berufsschulischen Perspektiven ihrer jeweiligen Teenager verwickelt. Da machte es „Klick“ und wir begriffen, in unseren Familien dieselbe ökologische Nische, nämlich die der Hausfrau, auszufüllen. Von da an verfügten wir stets über genügend Gesprächsstoff.

Ich plaudere also mit Olga Meier. Irgendwie landen wir dabei bei Spaghetti, dem Besuch der Meiers in einer Nudelmanufaktor im letzten Som… du lieber Himmel, die Spaghetti!
Laut „Kooooooooool-jaaaaaaaaaaaaaaaa!“ kreischend stürzt Olga in die Küche. Abwechselnd Russisch, Deutsch und Vorsprachlich fluchend, macht sie dort ihrem mittleren Sohn die Hölle heiß. Nicht, dass es dazu noch viel bedürfte, so, wie es auf dem Herd bereits brodelt.
„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass die Nudeln ohne den Deckel gekocht werden?“
Gemäß dem Motto lieber zuviel als zuwenig des Guten streut meine Bekannte bestimmte und unbestimmte Artikel großzügig in ihre Rede. Stellen sie sich als fehl am Platz heraus, passiert auch nichts. Ganz im Gegensatz zu einem Deckel auf einem Topf mit kochenden Nudeln.
Kolja stottert etwas, das darauf hinausläuft, dass er das schon wisse, in dem Topf aber doch Spaghetti kochten. Keine Nudeln. Der Junge fängt sich daraufhin eine lernunterstützende Ohrfeige ein, die ihn wahlweise zu besserem Deutsch oder wirksameren Ausreden inspirieren soll, je nachdem, woran es denn nun wirklich gerade gehapert hat.
Nachdem das Nudelchaos beseitigt und neues Wasser aufgesetzt ist, wendet sich Olga wieder mir zu.
„Naja, so sind sie halt, die Jungs“, meinte sie entschuldigend. Die Frau schüttelt die Hände aus, wirft Kolja noch einen warnenden Blick zu und erkundigt sich dann bei mir: „Und Ihr Großer möchte wirklich ein Koch werden?“
„Oder Konditor“, antworte ich. „Am liebsten beides.“
Als unumgängliche Notwendigkeit, die sich mindestens zweimal täglich wiederholt, so meint Reiko, sollte Essen Spaß machen. Lebensfreude rund um die Uhr, dazu möchte er seinen Mitmenschen verhelfen. Soweit also sein neuer, etwas überraschender, Lebensentwurf, der den vorherigen zugegebenermaßen um Längen schlägt. Bis jetzt hat die Angelegenheit nur einen kleinen Haken: „Reiko hat ein Händchen für Verzierungen und ein ansprechendes Drumherum, dass er allerdings Nudeln kochen kann, bezweifle ich.“

Wir sprechen weiter, sehen zwischenzeitlich auf die Küchenuhr und versuchen abzuschätzen ob zuerst Juri und Reiko aus der Schule kommen oder die Spaghetti aus dem Wasser müssen.
Als Kolja beginnt, den Tisch zu decken, stecken Alissa und Adrian ihre Köpfe aus dem Kinderzimmer. Sie wollen helfen – dummerweise verstehen sie darunter nicht, sich ruhig zu verhalten, sondern greifen ebenfalls nach Geschirr und Besteck.
Nachdem es uns gelungen ist, diese den Kinderhänden zu entwinden, schlage ich vor, die beiden sollen doch zuerst den Puppen zu essen geben. Der Vorschlag gefällt und schon bald sitzen Prinz Ken, Cowgirl-Barbie sowie die Fahrradausflug-Barbie, welche Miefa heißt, zusammen mit einem Dutzend anderer Puppen jeglicher Form um kleine Tische herum. Wir sehen es durch die offenstehende Tür. Olga entgeht dabei nicht, dass meine Tasche über der Türklinke hängt – Adrians Puppen werden offensichtlich nicht wieder mit uns zurück auf den Bauernhof fahren.
„Was hat es damit auf sich?“ fragte die Mutter wie jemand, dem etwas merkwürdiges zum wiederholten Male zustößt. „Die anderen Kinder schenken Alissa die Puppen. Sie hat eigene!“
Noch bevor ich den Mund zur Antwort öffne, verrät mein Grinsen der Ärmsten bereits, dass eine völlig rationale Erklärung ihres Dilemmas existiert.
„Die Puppen sind nur geliehen“, erkläre ich.
Dabei fällt mir ein, dass ich ja noch Papierkram zu erledigen habe. Ich fische drei Karteikarten aus einer türnahen Ablage und ziehe mich mit diesen sowie Mutter Meier in den Flur zurück. Dort beginne ich, die Karten fein säuberlich auszufüllen. Olga schaut mir dabei über die Schulter. Sie kann kein Deutsch lesen, erkennt jedoch die Handschrift ihres Mannes, Alissas Vater, den sie kurz nach der Ankunft in Deutschland kennen- und lieben gelernt hat. Eine Überschrift und mehrere, jeweils mit einem Doppelpunkt endende, Wörter pro Zeile hat Lars in Blockschrift auf jede Karte geschrieben. Nun fülle ich solcher Karten genau so sorgfältig aus, wie es sich die kleine Besitzerin und ihr Vater wünschen.
„Das wirkt ja wie ein Fragebogen… oder eine Akte!“ erkennt Olga.
Als ich dann auch noch ein Lichtbild auf je eine der Karteikarten klebe, ist Alissas Mutter davon überzeugt, dass ihre Tochter eine Pension für Puppen von Ferienkindern betreibt. Dagegen ist nichts sagen. Puppen sind deutlich stressfreier als Meerschweinchen, die dem Besitzer bei unsachkundiger (oder ausbleibender) Geschlechtertrennung nach Abholung Zinsen in Form bunter, fiepender Babyschweinchen mitbringen.
„Nicht ganz“, widerspreche ich. „Genaugenommen handelt es sich um ein Sanatorium.“
Auf die Oberärztin desselben wirkt meine Erwähnung des Wortes wie ein Zauberspruch. Beinahe in Nullzeit erscheint sie im Flur, reckt ihren Kopf in die Höhe und verkündet stolz: „Für Puppen, die Jungs gehören!“
Unter wichtigem Nicken erklärt das Kind seiner Mutter, dass das jetzt ganz neu sei. Jungs dürften nun Puppen besitzen, aber die Mutti müsse mal sehen, wie die Buben mit den armen Puppen spielten!
Etwas Neues ist in Alissas Welt eingebrochen, etwas Fremdes. Doch es gibt ein Happy End: Das Abweichende kann geheilt werden!
Glücklich Adrian, der das Spiel noch nicht in seiner ganzen Tragweite begreift. Seine Puppen fahren zur Kur, das kennt er, denn viele Muttis tun das.

So sitzen wir eine Weile später um den Tisch, Olga, Juri, Kolja, Alissa, Reiko, Adrian und ich, Lars zumindest in Form einer kurzen SMS von Arbeit aus. Reiko ergeht sich ausführlich in der Beschreibung einer schwarzen Soße mit Tintenfischwürfeln, die er von einem Reisgericht konvertiert hat und die nun perfekt zu Nudeln passen müsste. Ich glaube ihm das unbesehen, wobei ich allerdings noch immer davon überzeugt bin, dass mein Sohn trotz allem keine Spaghetti kochen kann.
Stärker als die hypothetischen Tintenfischarme winden sich meine Gedanken während des Essens. Alissa und ihr Sanatorium für von geschlechtsumfassender Erziehung geschädigtes Spielzeug! Ich sollte eine Mädchenspielzeug-Therapiesitzung mit Ken malen, schießt es mir durch den Kopf. Das gefühlte dem Mainstream Nachhecheln wird jene Aussteigerkollegen, die noch mit mir sprechen, endgültig verstören und sie in ihrem Schockzustand mit dem Rest der kunstrezipierenden Welt vereinen. Aber Herr Lutger, das ist doch Popkultur! So etwas malt man nicht!
Kommt ganz drauf an… Mein erstes „so etwas malt man nicht“ hat mir zuerst zu einer Gefängnisstrafe und anschließend zu meinem Durchbruch als Künstler verholfen. Viel davon geblieben ist nicht. Zwar stelle ich regelmäßig neue Kapitel des Sintflutcomics ins World wide web, doch ansonsten habe ich mich in einen malenden Hausmann verwandelt. Eine ganze Latte Skizzen ist seit unserem Umzug enstanden. Sie unterscheiden sich grundlegend von meinen restlichen im Erwachsenenalter angefertigten. Bei denen hatte ich stets etwas zu verkünden. Natürlich, als Teenager habe ich meinen Weg zur Erkenntnis in Zeichnungen und Gemälde festgehalten, jedoch keinen dieser Zwischenschritte jemals auf den Markt geworfen. Da ich seit der Flut wieder in diesem Stadium künstlerischen Wirkens angekommen zu sein scheine, spiele ich mit dem Gedanken, tatsächlich einige dieser Momentaufnahmen meines Innenlebens auszuführen und auszustellen. Seht den Maler Lutger, was er uns schenkt! Halbfertiges in Öl, wie eingedoste halbierte Heringe in Tomatenmark. Wobei, für die bezahlen die Leute ja auch Geld…

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