Abreisevorbereitungen

Eine weitere Anekdote aus der Welt von „Homo artifex“

Einen letzten Gang gilt es noch zu erledigen, bevor wir heimfahren können: Wir besuchen Manfred Schönfelder. Manfred ist der stellvertretende Bürgermeister von Hallersheide und so etwas wie mein bester Freund, wäre ich zu Freundschaft in der Lage.
Die Schönfelders verbringen ihre Urlaube stets auf Bauernhöfen; solchen mit Streichelzoos für Touris, modernen, wo man mit anpacken kann, Reiterhöfen… das gesamte Programm eben. In diesem Sommer werden sie unseren stillgelegten Hof beziehen, täglich die Pferde bewegen und Snaky Joe den Meereber verwöhnen. So praktisch das für uns ist, seine Zusage, uns diesen Gefallen zu erweisen, ist auch symptomatisch für Manfreds missliche Lage, sich selbst im Urlaub nicht weiter als eine Autostunde von Hallersheide fortbewegen zu können. Auch die Schlüsselübergabe und smartphonevideounterstützte Einweisung in unseren Hof findet nicht bei den Schönfelders daheim, sondern in Manfreds Büro im Rathaus statt.
Als die Frage nach der Vergütung des Aufenthalts aufkommt, winke ich ab.
„Sie tun mehr für uns als wir für Sie. Spenden Sie die Summer lieber.“
„Ja, ich weiß, Willi, das ist Ihre Standardantwort. Sie brauchen unser Geld nicht, aber ich möchte Ihnen dennoch irgendetwas Gutes tun. Sie sind wie ein Fels, unveränderlich und jedem im Weg, gleich, ob er nun von rechts, von links oder aus dem Grünen heraus anmarschiert kommt. Doch wenn man raufklettert, erlangt man eine Perspektive, aus der die Schwierigkeiten plötzlich bewältigbar erscheinen. Wie diese eine Hexe aus den Scheibenwelt-Büchern.“
Ich schmunzle versonnen. Das Bild der Hexe trifft es gut und viele meiner politischen Gegner würden mich sicherlich gern auf dem Scheiterhaufen sehen. Vorzugsweise mit dem jeweils anderen gleich mit oben drauf, da die meisten meiner Feinde sich auch untereinander spinnefeind sind.
Mandfreds Angebot ist weitaus mehr wert, als er mir zahlen könnte, selbst, wenn er es zum Bundeskanzler brächte. Er besitzt, was ich mir im Frühjahr verscherzt habe: Beziehungen. Bevor ich jedoch aus diesem Reservoir schöpfe, muss ich mir darüber klar werden, was ich eigentlich möchte. Wir kommen überein, das Ganze nach dem Urlaub zu besprechen.

Zurück daheim finden wir Lynn am Rechner sitzend vor, wo sie in einem Spielzeugkatalog schmökert. Den haben ihr die Havermanns geschickt, als sie erfuhren, dass wir Addi mit Puppen spielen lassen. Von jeder Vollfarbseite blicken uns Freundinnen aus aller Welt für Barbie, Ken und Miefa an. So ziemlich jeder Aspekt weiblicher Existenz kann nachgespielt werden: Fulla beispielsweise hat einen Gebetsteppich und Lammily ihre Tage.
Das solle die Kinder zu einer positiven Einstellung zu etwas verhelfen, mit dem es keinen positiven Umgang gibt, erklärt mir Lynn und fügt hinzu: „Erziehung zum unbefangenen Umgang mit einer natürlichen Funktion des eigenen Körpers – so etwas können sich echt nur Männer ausdenken!“
„Anwesende eingeschlossen?“ forsche ich, meiner Frau einen Kuss auf die Wange hauchend.
Lynn kichert. „Bist du denn anwesend oder nur vorhanden?“
Ich hebe meine Hände in einer „Ertappt!“-Geste.
„Ich wollte wirklich noch etwas arbeiten, Schatz.“
„Kein Problem“, nickt Lynn, „Dann nutze ich den Abend um zu sortieren, was ich während meiner Abwesenheit der Praktikantin überlassen kann, was an die Kollegen geht und wovon jeder im Haus die Finger lassen soll. Aber was die Puppen angeht, das nächste Mal vielleicht doch lieber einen Optimus Prime für Addi?“
Ich nicke. Lynns Vorschlag klingt weniger bedrohlich als die Blutbad-Barbie.
Reiko und Kevin haben unseren kurzen Austausch mit angehört. Was sie sich zuflüstern klingt verdächtig nach „Verhütungs-Ken“…

An diesem Abend arbeite ich weiter an meinem Comicprojekt, das als ehrbares Triptychon im Kirchenmalereistil begonnen hat. Kurz nach der Überschwemmung habe ich es aus der Taufe gehoben, so dass es niemand Wunder nehmen sollte, dass sich die Handlung um die Sintflut dreht.
Im letzten Kapitel haben zwei Geschwister aus Noahs Dorf, Junge und Mädchen, geschaukelt, das Mädchen etwas höher. Nun kann das ihr Bruder nicht auf sich sitzen lassen. Als die beiden ins Haus gerufen werden, schwingt er sich daher noch einmal in die Höhe, anstatt zu gehorchen. Schaukeln macht Spaß, aber das Seil ist so lang und das Gestell hoch, so hoch! Aus seiner Perspektive vermag das Kind das gesamte Dorf zu überblicken. Es sieht auch die kränklichen Halme auf den Feldern und die von der Trockenperiode stammenden Risse im Boden, die an überlange Krähenfüße erinnern. Auf der den Feldern gegenüberliegenden Seite befindet sich die Baustelle mit dem Schiff. Sein Papa hilft beim Bau mit und der Bauherr hat ihm versprochen, ihn und die Seinen dafür mitfahren zu lassen. Das ist natürlich Quatsch, weiß das Kind. Das Schiff wird nie fahren, doch hofft jeder im Dorf, dass es den Regen anlocken könnte.
Vor, zurück, vor zurück… Felder und Schiff überlappen sich, bis zuerst das Schiff auf dem Feld steht und sich dann beide in grau-grüne Streifen verwandeln. Über die Äcker, über den Schiffsmast hinaus blickt der Knabe nun, bis hin zum Friedhof mit seinen normallangen Gräbern und jenen bis zu drei Meter messenden der Riesenabkömmlinge. Einer dieser Mischlinge hält gerade wieder Wache auf einem nahen Hügel, um das Dorf rechtzeitig vor seinen Verwandten väterlicherseits zu warnen. Nicht einmal der Knabe auf der Schaukel kann so weit ins Land hinein schauen wie der Wachtposten – und er will es auch gar nicht. Ist er nicht ohnehin schon müde von einem langen Tag? Die Füße scheinen ihm zu erlahmen, doch es ist nur der Widerwille dagegen, eine weitere Stufe in die Höhe katapultiert zu werden. Der Junge verfügt über weitaus mehr Kraft und Ausdauer als seine Schwester, nun muss er sie einsetzen. Schweiß perlt ihm die Stirn herab, die schwitzigen Hände vermögen das Seil kaum festzuhalten, dafür klebt der Hintern im Brett, auf dem der Junge sitzt. Dennoch schwingt er weiter.
Ich zeichne die verkrampften Finger, glutroten Wangen und den weit geöffneten Mund. Der Knabe schreit, doch es ist bereits zu spät: Die Schaukel hat ihren höchsten Punkte erreicht, dann überschritten, das Gestell wackelt bedenklich und für einen kurzen Moment scheint der Magen des Kindes frei im Raum zu schweben.
Dann ist es schon wieder vorbei, der Überschlag geglückt und der Junge heil wieder am Boden. Hier rückt das väterliche Lob darüber, seine Hemmung gegenüber großen Höhen überwunden zu haben, alles wieder in Perspektive. Seine Kinder an der Hand schreitet der Familienvater auf die Hütte zu.
„Schaukel nicht mehr so wild“, schäft er dabei seiner Tochter ein. „Das ist gefährlich, du könntest dich verletzen!“

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