By any other name

Eine Anekdote aus der Welt von Homo artifex

Zeit vergeht, für uns Erwachsene viel zu schnell, für Adrian so unendlich langsam, dass ihm die bevorstehende Reise schon bald weniger real als ein Märchen über ein fernes Zauberland erscheint. Mich daran erinnend, die Zauberland-Geschichte erstmalig im Kindergarten vorgelesen bekommen zu haben, lese ich sie nun mit Addi gemeinsam. Seine Lieblingsfigur ist Elli, das Mädchen aus Kansas, seiner Wahrnehmung nach also ein Cowgirl. Im Laufe der Lektüre geht Addis Zuneigung im selben Maße auf den Eisernen Holzfäller über, in dem er sich außerhalb der Lesestunde mehr mit Rittern als mit Cowboys und Indianern beschäftigt.
Als ich ihn jedoch frage, welche Figur aus dem Buch er gern sein möchte, fällt die Antwort anders aus: Der weise Scheuch! Wieso? Na, weil der doch klug ist!
„Der schlaue Urfin ist auch ein Kluger, oder?“ frage ich.
„Hm, naja, schon.“
Erst nach einigem Nachhaken wird mir offenbart, wieso Urfin dem Scheuch nicht das Wasser reichen kann: „Na, weil der alles von der Hexe gelernt hat. Und von Guamokolatokint.“
Mein Sohn kann sich den Namen der Eule nicht nur merken, sondern auch aussprechen. Alle Kinder können das, es ist einfach eine Frage der Kinderehre.
„Aber der Scheuch ist richtig klug, von sich aus!“ erklärt Adrian.
All die Bücher, die der weise Herrscher der Smaragdenstadt liest, kann er verstehen, weil er klug ist. Urfin hingegen musste Bücher lesen, die ihm überhaupt ersteinmal zeigten, wie man klug wird.

Klug, gebildet, schlau, clever, praktisch denkend, weise… Adrians Vokabular erweitert sich in einem Tempo, dass ich befürchte, im Urlaub wird er seine eigenen Bücher schreiben.
Momentan muss das noch Kevin für unseren Jüngsten tun. Adrian möchte Sekretär spielen, aber genaugenommen spielt er denjenigen, der dem Sekretär etwas diktiert.
Mit der auf der inneren Umschlagseite des Kinderbuches abgedruckten Landkarte als Erinnerungstütze beschreibt der kleine Entdecker seine eigene imaginäre Reise durch das Zauberland. Kevin muss alles getreulich mitschreiben. Doch mein mittlerer Sohn betrügt und tut nur so, als schriebe er. Adrian kann das nicht unterscheiden, sein Blick ist ohnehin auf die Landkarte gerichtet. Doch als er von Kevin verlangt, das Geschriebene vorzulesen, fliegt der Bluff auf. Zuerst versucht Kevin, der Buchhandlung zu folgen,wobei er einfach Elli durch Adrian ersetzt, doch geht das Rezept nicht auf.
„Das denkst du dir nur aus! Du bist gefeuert!“ ruft Addi voller Empörung.

Unterdessen sitze ich am Computer und starre auf das Forum von Dungeon Academy Online. Ab und zu kritzle ich etwas auf einen Zettel: Screennamen von Spielern und was ich demjenigen begreiflich machen möchte. Lynn oder Kevin sollen meine Gedanken in Menschendeutsch umsetzen, da ich nun einmal kein Adrian oder Scheuch bin.
Wenn ich etwas poste, dann gibt es im Wesentlichen vier Möglichkeiten, was weiter passiert:

1. Im Falle eine Meinungsäußerung
Ich werde nicht verstanden und daher ignoriert.
2. Im Falle einer Frage
Jemand erklärt mir, was ich längst weiß, die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet.
3. Im Falle einer Antwort auf eine Frage
Auf die Antwort erfolgt keine Reaktion. Nach grob überschlagen einer Viertelstunden geben ein bis drei Personen dieselbe Antwort in anderen Worten und ernten Dank dafür.
4. Ich trete als Wilfried Lutger auf
Die Beurteilung des Geschriebenen hängt in erster Linie davon ab, welches vorgefasste Urteil der Leser über mich besitzt und erst in zweiter vom Inhalt.

Kurz und gut, das Ganze gestaltet sich recht frustrierend.
Unter diesem Umständen auch noch auf die Einhaltung zeitgenössischer Orthographie zu bestehen, erscheint mir lächerlich. Schreibfehler hemmen den Kommunikationsprozess nicht einmal annähernd in dem Maße wie Formulierungsschwächen, eine Barriere, die auch in der gesprochenen Sprache immer wieder auftritt. Dreimal hintereinander „haben“ oder gar „machen“ zu verwenden, ist nicht besser oder schlechter als eine als höherwertig markierte Variante zu wählen – wohl aber erkennbar anders. Mehr noch als die eigentlich zu übertragende Information werden eine (angestrebte) Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe beziehungsweise Schicht vermittelt. „Sang“, „singte“ und „tat singen“ haben ihre Berechtigung und es gilt, abzuschätzen, welche Form sich in welchem Umfeld am besten verwenden lässt. Ist Anpassung das Ziel? Vorbildhaftigkeit? Und wenn letzteres, befinde ich mich am richtigen Ort und zur passenden Zeit, um eine realistische Chance zu haben, diese auch erreichen zu können? Vor allem, wenn ich eigentlich nur wissen möchte, ob der Kletterhandschuh +3 über eine versteckte Ability verfügt, weil sein Listenpreis exakt dem eines +4 Gegenstandes gleicher Verarbeitung entspricht…

Leider ist der Mensch bemüht, unreflektiert seine eigene Hauptbezugsgruppe zu demonstrieren und zu promoten. Ausgewählte Fremdsprachen wie Latein, L33t, Englisch und Mittelhochfäkal werden zu diesem Zweck in ein ausgefeiltes Bewertungssystem eingebunden, das zu erlernen ich nicht mehr die nötige Toleranz aufweise. An irgendeiner Ecke ist mir schon bewusst, dass ich mich mehr für die Spiele meiner Mitmenschen interessieren sollte, wie ich ja auch nach den Namen von Addis Stofftieren frage und sie mir einpräge. Guma… Guam… Guameiko… naja, die Eule eben eingeschlossen.
Aber Adrian ist auch vier Jahre alt und die Menschheit bereits in der Pubertät!
Ich erwarte mehr von ihr, egal, wie oft ich sie als Viecher bezeichne. Ich sehe Noah in ihr und den jungen Halbriesen aus meinem Comic, dessen fremdweltliche Genetik das ökologische Gleichgewicht der jungen Erde gestört hat und der deshalb nur in Form der Erinnerung an seine Hingabe an die Gemeinde überleben durfte. Und selbst diese Erinnerung galt als zu gefährlich, als dass Noahs Nachkommen sie in die offizielle Überlieferung übernommen hätten. Die Taten einiger Riesenmischlinge hatten zur Sintflut geführt, denn diese waren böse gewesen. Aber eben nicht alle… Wurde den Menschen nun in diesem Wissen ein Riese vorgeführt, würde er sich fragen, ob er nicht eventuell auch gut sei und sich im schlechtesten Fall erschlagen lassen, weil zu lange gezögert hatte, seine Schleuder zu ziehen. Daher war es besser, die Leute lieber gleich in dem Glauben zu belassen, alle Riesen und was von ihnen kam, wäre böse.
So jedenfalls die Worte, die ich meinen Protagonisten in den Mund lege.

Selbst spreche ich immer weniger mit Menschen.
Wozu auch?
Eines Tages werden sie über einen direkteren Zugang zu meinen Gedanken verfügen als den durch meine Worte und Taten. Natürlich setzt das voraus, dass sie vorher gestorben sind, was für für eine im Weltlichen verhaftete Seele etwas Verstörendes sein muss – sowohl der Tod als auch die Weiterexistenz.

„Öhm, Dad?“
Reikos Stimme.
„Ja?“
Meine Zettelwirtschaft begutachtend fragt der Junge, was ich da täte.
Ich klopfe auf den Bildschirm, verweise auf die aktuelle Forendiskussion, an der ich mich gerade beteilige. Reiko hakt nach, wieso ich einfach nur ins Leere gestarrt habe, wenn ich doch gerade diskutiere.
„Diese Leute sind wortgewandter, gebildeter und klüger als ich. Ich kann ihnen nicht beikommen, würde zerfetzt werden. Deswegen lasse ich alle meine Gefühle fließen, von denen ich will, dass sie sie erfahren. Wenn wir tot sind, werden sie diese Gedanken empfangen, jetzt sind die anderen zu starrsinnig, aber später können wir an diese Diskussion anknüpfen, die nie geführt wurde. Verstehst du?“
„Ich verstehe, dass du dringend Urlaub benötigst!“
Ich nicke.
„Ja, Reiko. Aber dahin, wo ich hinmüsste, möchte ich noch nicht gehen. Ich weiß, es ist ungewöhnlich für einen Künstler, aber ich hänge an meinem Leben.“
Der Jugendliche erwidert mein Nicken, fühlt er ja ebenso. Trotz allem, was sich im Frühjahr zugetragen, was wir uns an den Kopf geworfen haben, in strömenden Regen in jenem Fertigbauhaus, in dem just in diesem Moment fremde Personen ihrem Tagesablauf nachgehen, nicht ahnend, was sich in dem werdenden Gebäude abgespielt hat… trotz allem also, was wir über das Nachleben zu wissen glauben, bleibt stets ein Rest Zweifel daran, ob es überhaupt stattfindet, bestehen.
Also lassen wir das mit dem Urlaub und fahren lieber mit unserer Familie ans Meer.

„Das sind, glaube ich, in Wirklichkeit Kletter- und Schwimmhandschuhe, der Name ist bloß zu lang fürs Anzeigefenster“, bemerkt Reiko zu einer meiner Notizen. „Aber poste das bloß nicht im Bugforum, ich kann nämlich morgen früh ein Paar für den Plus Drei Preis bekommen!“
Ich blinzle. Wozu braucht mein Sohn diese Handschuhe? Sein neuer Gauklercharakter tanzt durch jedwedes Gelände wie über Ballsaalparkett!
Mein Gesicht scheint Bände gesprochen zu haben, denn Reiko gibt bereitwillig Auskunft:
„Thereallara und ich wollen morgen durch den Kanal der Schande tauchen und den Ophiosuchus oder wie das Teil heißt plattmachen. Ohne die Handschuhe säuft sie uns doch glatt ab in ihrer Vollplatte.“
„Auch wieder wahr. Aber mit ihrem Bogen braucht Lara dort gar nicht erst anzutreten.“
„Waffe ist nicht nötig, wir turnen das Teil.“
„Den Knochenwurm kannst du nicht turnen.“
„Deswegen machen wir das ja auch gemeinsam.“
„Ich meinte nicht, weil dein Level nicht ausreicht, sondern weil der nicht undead ist. Der sieht bloß so aus.“
„Wie bitte?“
„Was meinst du wohl, wieso der Knochenwurm euch junge Leute zum Frühstück frisst, obwohl der Dungeon für Level fünf ausgezeichent ist? Weil der Cleric turned und turned, aber nichts dabei rauskommt. Meinen ersten habe ich auf diese Weise verloren – und die Gruppe gleich mit, weil ich vor lauter sinnlosem Geturne nicht zum Heilen gekommen bin.“
„Echt nicht untot?“
„Der Wurm ist ein Achievement wert, allein aufgrund seiner Eigenschaft, jeden in die Irre zu führen. Aber damit habe ich bereits genug gesagt. Denkt einfach mal drüber nach.“
„Ja… ja, werden wir.“
„Wann geht ihr ungefähr los?“
„Gleich nach der Schule.“
„Fein! Je eher, umso besser.“
„Wieso?“
„Weil ich voraussichtlich etwa eine halbe Stunde später meine Kletterhandschuhe zum Nullkostenpreis von euren Leichen erhalte.“
„Aber nur im Traum!“

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