Von Socken und Schleiern

Eine Anekdote aus der Welt von Homo artifex

Ehe ich es mich versehe, ist der Abreisemorgen gekommen. Die Sonne meint es nicht gut mit uns, denn sie sendet ihre Strahlen erbarmungslos auf den Asphalt.
„Mach dich nach Usedom, wo du hingehörst“, knurre ich das Mistding an.
Um nicht wie der letzte Proll barfuß in Sandalen auf der Sonneninsel anzukommen, nehme ich ein Paar Tennissocken aus dem Schrank und schlüpfte hinein. Ich bin noch nicht ganz aufbruchsbereit, als Kevin ins Elternschlafzimmer hinein platzt. Kevin trägt bunte Shorts und seine nackten Füße stecken in Wildledersandalen. Ich grinse ihn an. Endlich, so denke ich, ist mein Sohn von seinem Modefimmel kuriert!
Doch weit gefehlt. Ein Blick in Kevins Augen belehrt mich eines Besseren und die Blickrichtung besagter Augen verrät mir auch sogleich das Problem:
Was immer ihm auf der Zunge lag, hat mein Sohn mit dem Eintreten verschluckt. Kevin starrt ebenso erschüttert auf meine Socken, wie ich letzte Woche auf Rangers Leiche – Reikos Spielfigur in Dungeon Academy online, die ich in den Tod habe gehen lassen, um sie hinterher auszuplündern. Hätte ich geahnt, wie sehr mir der Anblick an die Nieren gehen würde… aber was solls, Reiko und Lara benutzen meinen Screenshot ihrer nebeneinander dahingesteckten Leiber stolz als ihren neuen Forenavatar. Ihre virtuelle Romanze ist unter uns Spielern Legende, obwohl Lara eine feste Freundin hat und Reiko sich ausschließlich mit Rosie Palms fünf Töchtern trifft, da er nach allem, was hinter ihm liegt, noch zu wenig gefestigt ist, um einem anderen Menschen sowohl körperlich als auch emotional derartig nah zu kommen.
Mein Junge also, tot in einem Gewölbe liegend – und Kevins Miene ist, so lächerlich das klingt, exakt in derselben Weise verzerrt wie meine in jenem Moment. Ich begreife, dass meine weißen Socken absolut untragbar für einen korrekt sozialisierten Sapiens sind. Im Wortsinn.
Wie ich es geschafft haben soll, einen jungen Sapiens korrekt zu sozialisieren, sei hier einmal dahingestellt. Jedenfalls bin ich angesichts der bevorstehenden Reise zu mies aufgelegt, um an diesem Morgen auch noch eine Grundsatzdiskussion zu provozieren. So tausche ich die weißen Strümpfe gegen kürze, dünne, sandalenfarbene Modelle. In denen fühlte ich mich zwar nicht wie ein barfüßiger Proll, aber dafür wie ein Mädchen. Nun, es soll ja förderlich sein, mit unserer Anima in Kontakt zu treten. So wie man ab und zu das Bedürfnis hat, bei seinen Verwandten vorbeizuschauen und hinterher wieder weiß, weshalb man das all die vergangenen Monate über unterlassen hat.

Dann geht es auf die Landstraße, danach die Autobahn, immer Richtung Meer. Lynn und ich wechseln uns beim Fahren ab, Kevin durchstöbert Wikipedia nach den letzten Wissensgebieten, die ihm bis dato entgangen sind und lässt ab und zu einen Fluch hören, wenn ein weiterführender Link sein Gerät zum Aufhängen bringt. Reiko zeichnet mit Adrian um die Wette, wie er den Kleinen überhaupt mehr und mehr zu schätzen lernt. Für Addi ist der Neuzugang in unserer Familie nämlich weder ein gefährlicher Geistesgestörter, noch ein vorbildhaft geläuterter Sträfling, sondern einfach nur sein großer Bruder.
In Wolgast lasse ich meine Familie in die Bäderbahn umsteigen, die auf der Insel verkehrt. Sie sollen vorausfahren, in der Ferienwohnung einchecken und dürfen gern auch den lästigen Einkauf der ersten Vorräte erledingen, während ich einige geruhsame Stunden im Stau zu verbringen gedenke.
Eine andere Art der Einsamkeit erwartet mich in Heringsdorf, die der Anonymität. Mein Bekanntheitsgrad reichte nicht aus, um mich auch hier am Ende der Welt hervorzuheben. Wer mich zu kennen glaubt, würde mich ohnehin nicht erkennen; die einen, weil der Herr Lutger sicher niemals Socken in Sandalen tragen würde, die anderen, weil Willi niemals in so einem Edelseebad urlauben würde! Die Annahmekraft in der Feriensiedlung schrieb, so berichtet mir Lynn später, sogar zuerst unseren Namen falsch (oder eben richtig): Luitger.

In der Ferienwohnung angekommen ist von den Kindern nichts zu sehen.
Lynn begrüßt mich in einem tollen weißen Strandkleid, das sie insgeheim gekauft und verstaut hat – die Überraschung ist gelungen! Ich fühle mich kurz schäbig, wie ich sie da euphorisch anhimmle. Sie ist doch Lynn, meine Partnerin, da sollte es mir egal sein, wie sie aussieht. Ich liebe diese Frau doch, verdammt noch mal! Dennoch bin ich hin und weg, so verzaubert von Lynns Präsenz wie den ganzen vergangenen Monat über nicht. Das muss ich ausdrücken, doch gleichzeitig steigt die Furcht auf, meine Frau könne glauben, ich möge sie weniger, wenn sie keinen derartigen Fummel anlegt. Es ist kompliziert, doch ich habe Glück im Unglück: Meine Reaktion entspricht der erwarteten, die ein Mann meiner Kultur zeigen sollte, und Lynn freut sich. Obwohl ich sie im Überschwang sogar „Lynniemaus“ nenne.

Arm in Arm flanieren wir zuerst den Waldweg entlang und anschließend die Bansiner Strandpromenade, in die er übergeht. Wir betreten die Seebrücke, halten allerdings bereits weit vor der kleinen Plattform mit den Sitzbänken an. Den Blick zurück in Richtung Ort gewandt, nehme ich das Treiben auf dem Strand in mich auf.
„Was siehst du?“ flüstert Lynn.
„Ergraute Männchen, die Nachwuchs in überlebensnotwendigen Fähigkeiten unterweisen, um ihren Platz in der Horde zu legitimieren. Brutpflege betreibende Weibchen in bestem Paarungsalter. Sie werden scharf beobachtet, ob sie wohl wieder zur Paarung bereit sind. Aber sie stehen auch unter dem Schutz ihres Besitzers, der dieses Recht exklusiv für sich einfordert. Jungtiere führen Kunststückchen auf, um das Quäntchen mehr Aufmerksamkeit gegenüber ihren weniger wilden Geschwistern zu erringen, die ihre Überlebenswahrscheinlichkeit auf „gesichert“ anhebt. Die Paarung übende Jünglinge… und eine Schicht Kultur, die all das gleichzeitig mystifiziert und als edel darstellt.“
Lynn schweigt versonnen.
„Auf deiner Seite des Schleiers könnte ich nicht existieren“, gesteht sie schließlich. „Dort ist kein Leben.“
Eine sachliche Feststellung, der Wahrheit entsprechend.
„Unser Leben muss dich schmerzen. Ich bin so dankbar, dass du es dir dennoch ansiehst!“ Meine Frau lacht wie jemand, der gleich eine schlechte Angewohnheit gestehen wird.
„Ich für meinen Teil liebe das Balancieren auf der Grenze“ erklärt sie. „Ganz im Leben zu stehen genügt mir nicht, ich brauche deine Welt.“
„Wie ich deine.“
Anziehung und Abstoßung, liegt das nicht am Grunde von allem? Pure Physik. Ich verrate Ihnen etwas: Physik kann Spaß machen!
Wir stehen eng umschlungen auf der Seebrücke wie ein ganz normales Liebespaar in mittleren Jahren. Der Wind lässt unsere weiten Kleider flattern und ich fühle mich plötzlich doch im Urlaub angekommen. Nicht als ein Sträfling auf der Ruderbank einer Galeere, was in etwa meine Einstellung zu einer solchen Reise wiedergibt, sondern auf die klassische Weise.

Damit wäre das erste Kapitel abgeschlossen, allerdings fehlt mir noch eine Handlung, so dass die nächsten Posts erstmal wieder einer anderer Storywelt gewidmet sein werden.

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