Die Herren des Tafelhauses (part 1 von 2)

Die Menschenmacher von Dilmun

„Before you start to drift and your soul begins to scream
I just wanted to tell you that you’re listening to a dream.“

Lyrics from Shinedown, „Dream“

Prolog: Die Herren des Tafelhauses

In grauer Vorzeit:

Aus Lehm geformte Schreibtafeln trockneten in der Sonne, während ein Schreibergehilfe bereits neue vorbereitete. Immer wieder drückte der ältere Mann Tonklumpen auf einen glatt polierten Stein, quetschte sie in alle Richtungen platt und legte dann einen viereckigen Holzrahmen so darauf, dass möglichst wenig Material abgeschnitten wurde. Die Reste wurden anschließend zu einem neuen Klumpen zusammengerollt und dieser zur Verwendung durch die Schreibschüler aus der Burg zur Seite gelegt. Nur die besten, im ersten Arbeitsgang ausgerollten Tafeln, waren dem Schreiber des Burgherren gut genug, seine wirtschaftlichen und philosophischen Betrachtungen darauf festzuhalten.
Der Schreiber, ein dunkelblonder, hochgewachsener Mann mit onyxschwarzen Augen, in denen seine Pupillen beinahe vollständig verschwanden, beobachtete das Geschehen um ihn herum wohlwollend. Ebensolches Wohlwollen, so hoffte er, würde ihm von seinem Herren entgegengebracht werden, legte er diesem in wenigen Minuten sein neuestes Werk vor.
Enlil Alulim lautete der Name des Herren der Festung und, so unglaublich das auf den ersten Blick erscheinen mochte, der Schreiber und selbsternannte Jäger war sein jüngerer Bruder.
Enlils respekteinflößende Erscheinung rührte nicht nur von seinem athletischen, in vielen Kämpfen gestählten Körper her. Nein, Enlil Alulims gefährlichste Waffe blieb sein kristallklarer Verstand. Der Burgherr stand überdies in dem Ruf, einen schwer nachvollziehbaren Humor zu pflegen und jeden seiner Untertanen bei dessen Namen zu kennen.

Vorerst hatte Enlil keine Aufmerksamkeit an seinen Schreiber zu verschwenden. Die an diesem Tag auf seinem Land mit Kanalarbeiten beauftragten Bauern hatten den Zorn des normalerweise ruhigen Adligen geweckt und würden ihn zur Gänze auszubaden haben.
Enki kaute auf seinem Schreibgriffel herum. Er wusste selbst nicht zu sagen, wie viele dieser Schreibgeräte er in der vergangenen Stunde bereits auf diese Weise ruiniert hatte. Der Schreiber wusste nur, dass sein Griffelvorrat größer war als die ihm verbliebene Geduld. Ebenso scharfsinnig wie Enlil, aber viel impulsiver als dieser, glich Enki den Wogen der großen Ströme: die Bewohner des Landes zwischen den Flüssen benötigen sie zum Überleben, doch in zu großer Menge konnten die Wasser einem unvorsichtigen Fischer den Tod bringen. Viele Adlige, aber auch nicht wenige Männer und Sklaven, begrüßten es daher, dass es sich bei Enlils Bruder nicht um einen erbberechtigten Adligen des Alulim-Clans handelte.
<Diese dämlichen Bauern!> dachte Enki. <Das kann doch nun wirklich nicht so schwer zu koordinieren sein!>
„Du tust meinen Leuten Unrecht!“ beschwerte sich Catêli, der unter den Bauern das Wort führte. „Sie geben bereits ihr Bestes. Wenn sich alles verzögert, dann ist es nicht allein ihre Schuld!“
Der Bauer äußerte sich nicht dazu, wer denn der Schuldige sein mochte. Doch durch sein Schweigen verriet er, wer gemeint war und diese Anschuldigung konnte der Schreiber nicht einfach so hinnehmen.
„Wenn du noch einmal den Mund aufmachst, wo es nicht von dir verlangt wird…!“ begann Enki, doch sein Bruder unterbrach den Streit mit einem einzigen Räuspern.
„Ich würde in meiner eigenen Stadt auch gern mal etwas sagen“, erklärte Enlil.
„Ich hoffe, du kannst schön langsam sprechen, damit Ishtar Zeit bekommt, wieder zu uns zu stoßen.“
„Erst die Bauern, jetzt meine Tochter! Und du hältst dich vermutlich für den einzigen, der in dieser Stadt hart arbeitet?“
„Um die Bauern geht es doch schon gar nicht mehr, Herr“, lies sich mit leicht genervter Stimme Umul vernehmen. „Es geht um die Räuber.“
„Das hängt ja wohl zusammen“, widersprach Enki.
Eine weitere Zurechtweisung erfuhr der junge Mann mit dem schwarzen Kraushaar nicht. Zwar stand Umul im Rang weit unter Catêli und erst recht Enki, doch als Lieblingssklave der Prinzessin Tichupak durfte er sich mehr herausnehmen als so mancher freie Mann.

Enki lies seinen Blick über die Steppe schweifen. Um diese Jahreszeit war der Fluss, dem sie alle ihre Existenz verdankten, kaum mehr als ein schmales Rinnsal, gerade ausreichend, das Wasserrad in Bewegung zu versetzen. Auf dem Hügel in des Schreibers Rücken erhob sich die Burg, der Herrschersitz seines Bruders. Ausgewählte Bauern der umliegenden Dörfer arbeiteten schwer daran, den Flusslauf umzuleiten, so dass er in Zukunft den Berg umfließen und auf diese Weise einen Burggraben bilden würde. Angesichts des gespannten Verhältnisses zu den Adelshöfen in der näheren Umgebung war diese Maßnahme auch bitter nötig. Obgleich die Bauern das ebenfalls einsahen – fanden sie doch bei einem Überfall mit ihrem Vieh und den Familien Schutz im Burghof – führten sie ihre Arbeit nur unwillig aus. Die Aufseher mussten sie des öfteren gezielt antreiben, als hätten sie Sklaven des Burgherren vor sich.
Als Acanceh gerade wieder seine Schaufel in einen Erdwall stieß, um sich einen Schluck aus dem Trinkschlauch zu genehmigen, setzte einer der Bauaufseher seinen Hund auf ihn an. Das Tier, ein grauer Wolfshund, wie er in den nördlichen Wäldern vorkam, sprang auf den Faulenzer zu. Doch anstatt ihn umzureißen, glitt er durch den Körper des Bauern hindurch, löste sich auf und erschien ohne zeitliche Verzögerung an der Seite seines Herrchens wieder. Dabei schien der Hund der Meinung zu sein, wie geplant auf Acancehs Körper zu hocken und diesen anzuknurren. Stattdessen steckte er nun mit der Nase im Stiefel des Aufsehers.
Der Hundeführer, ein Kriegsmann niederer Geburt mit Namen Janka, sandte Enlil einen fragenden Ausdruck: <?>
Dass sich eine Hundeschnauze immer tiefer in seinen Fuß bohrte, schien den Mann nicht weiter zu stören.
<Lass gut sein>, antwortete der Burgherr. <Einfach weitermachen.>
Acanceh allerdings war bereits halb im Fallen begriffen gewesen, als sich das Tier verflüchtigt hatte. Trotz ausdauernden Ruderns mit den Armen gelang es ihm nicht, die Balance zurückzugewinnen und so fiel der Mann am Ende doch noch in den Matsch.
„Au!“ ächzte er.
Acanceh erhob sich blitzsauber und trocken aus dem Uferschlamm des Flusses. Dafür rieb er sich sein Hinterteil, als sei er gerade auf einen Untergrund aus härtestem Fels, anstatt auf Morast aufgeschlagen.
Die übrigen Bauern bemühten sich, dem Vorfall nicht mehr als periphere Aufmerksamkeit zu zollen, zumal der Aufseher das Versagen seines geisterhaften Hundes noch lange nicht verwunden hatte. Janka dampfte förmlich vor Ärger, was sich durchaus in Richtung der Bauern entladen mochte! Sie arbeiteten weiter, wie es der ihnen zugewiesenen Rolle entsprach.

Immer wieder spähte Catêli zu den Brüdern herüber. Endlich fasste er sich ein Herz und schlich sich an die beiden heran. Eine tönerne Flasche gefüllt mit gutem Wein hatte es dem Wortführer der Bauern angetan… Enlil hatte sie zwischen den zum Trocknen ausgebreiteten Schreibtafeln abgestellt, dann aber aus den Augen verloren. Stattdessen beugte sich der Burgherr interessiert über Enkis bereits beschriebene Tafeln. Er bemerkte nicht, wie sich der Bauersmann an seiner Flasche zu schaffen machte, deren Inhalt in seinen leeren Wasserschlauch umfüllte und sie dann wieder verkorkte.
Umul hingegen, dem diese Aktion nicht unbemerkt geblieben war, nickte voller Genugtuung.
<Jetzt!> teilte Enki dem Bruder mit, der daraufhin unverzüglich zu sprechen begann: „Ich vermisse den Räuber. Du hast ihm keinen Eintrag gewidmet.“
Dann wandte er sich übergangslos an seine Arbeiter: „Hat man was gehört?“
<Nein. Der Äther war frei>, lautete die einhellige Meinung.
Umul, der seit einiger Zeit ohne ersichtlichen Grund bis zur Hüfte in einem Erdhaufen stand, schien ebenfalls zufrieden. „Den Hund lasse ich von Aian /Suhurmasch reparieren“ erklärte er. „Das wird allerdings peinlich für den ursprünglichen Programmierer.“
„Soll es nur!“ schimpfte Acanceh. „Es ist bereits schwer genug, die eigenen Bewegungen mit einem substanzlosen Hologramm zu koordinieren, wenn es richtig funktioniert.“
Der Nefilim trat zur Seite. Er strich ein Stück Buschwerk beiseite und betätigte den dahinter versteckten Hauptschalter für das holographische Bühnenbild. Fluss, Erdhaufen, Wasserrad und Steppe verschwanden, um wieder dem Nippurer Zirkustheater Platz zu machen, in dem sich die ganze Szene abgespielt hatte. Lediglich der Burgberg blieb bestehen, handelte es sich doch um eine Konstruktion aus Gips, auf deren Kuppe sich die Festung als ein kleines Meisterwerk der Miniaturenkunst erhob.

Denn dies war nicht die Blütezeit einer frühen Hochkultur und diese Kreaturen keine Menschen. Enlil, Enki und die Bauern zählten zur adligen Oberschicht eines Volkes, das sich aus dem Weltraum kommend die junge Erde untertan gemacht hatte. Sie spielten eine Begebenheit aus der Geschichte ihres Sternenreiches nach, welches eine ganz ähnliche Vergangenheit durchlebt hatte wie es die Menscheit später tun würde. Menschen existierten in dieser Epoche der Weltgeschichte lediglich in potentia in Männern wie Umul, dem Regisseur des Stücks und, dieses kleine Detail des Bühnenspiels entsprach der Wahrheit, Lieblingssklaven seiner adligen Eigentümerin. Als Bindeglied zwischen Nefilim und Mensch, Weisungsbefugter und rechtloser Wertgegenstand war Umul ein Grenzgänger in sowohl biologischer als auch sozialer Hinsicht.

Umul befahl einem Bühnenarbeiter, einem Sklaven zweiter Serie, unverzüglich den harten Gipsrest am Boden zu entfernen, auf den Acanceh während der Probe gefallen war.
„Die Steinzeit war nicht bequem, weder daheim noch hier auf Ki“, bemerkte der Regisseur zu seinem adligen Schauspieler. Acanceh tat, als habe er die kameradschaftliche Bemerkung nicht gehört. Nicht umsonst hieß es über Edelmänner des Hauses Alalu, dass sie den niederen Adel wie das gemeine Volk, ihre Gemeinen wie Vieh und das Vieh, zu dem auch die Sklaven zählten, nur wahrnähmen, wenn es ihnen gebraten und ansprechend garniert serviert würde.
Umul beachtete den Mann nicht weiter. Unter den Kolonialherren mochte er den geringsten Rang bekleiden, dennoch gehörte er zu ihnen und wollte es auch nicht anders. Nicht, dass es etwas anderes als das Sternenreich Erbet-Kibratim gegeben hätte, zu dem man gehören konnte…

Enlil zückte indessen eine Fernbedienung, um die überall unter dem Kuppeldach des Theatergebäudes verteilt schwebenden Kameras landen zu lassen. Er warf einen Blick auf die Aufzeichnungen, dann meinte er zufrieden: „Zoom, Blickwinkel, Ausleuchtung… das Material ist verwendbar.“
„Wofür brauchst du noch einmal diese Aufzeichnung?“ erkundigte sich Acanceh Alalu. „Wären sie nur für´s Familienalbum, müsstest du uns ja nichts dafür bezahlen.“
„Ich möchte sie den Schulanfängern unseres Hauses vorspielen“, gab Enlil Auskunft. „Die Vorrede über die Huldigung des Lesens und Schreibens schreit geradezu danach.“
Bei Enki stieß das Ansinnen des Bruders auf Erheiterung: „Vielleicht solltest du die eher euren Abgängern zurück ins Gedächtnis rufen!“
Doch da selbst ein Gouverneur und wissenschaftlich-medizinischer Leiter des Kolonisierungsprojekts nicht ungestraft den Vizekönig über Ki und Erbprinzen ganz Erbet-Kibratims verspottete, relativierte Enki seine Beleidigung sofort, indem der hinzufügte: „Unsere zumindest könnten sich in diesem Alter intensiver mit der Schreibkunst auseinandersetzen. Wo wir jetzt die Schulpflicht eingeführt haben…“
„Ich werde meine darüber maulenden kleinen Untertanen zu dir schicken“, drohte Enlil dem Bruder. „Immerhin geht das Gesetz auf deine Initiative zurück.“
In der Tat wurde oft gescherzt, dass die am selben Tag in den Häusern Ea und Alulim eingeführte Schulpflicht nur deswegen von Anu akzeptiert worden sei, weil der Kaiser von der ungewohnten Einigkeit seiner beiden ältesten Söhne überrumpelt gewesen sei.

„Wie Brüder… So war es früher zwischen den beiden“, flüsterte Inanna Umul zu.
Enlils Tochter hatte die Probe bereits vor einer ganzen Weile entnervt verlassen, um telefonisch mit ihrem Gatten Dumuzi im fernen Harappa zu plaudern.
„Haben Catêli und Enlil den Anschluss endlich hinbekommen?“ erkundigte sie sich nun.
Umul /Tichupak nickte.
„Ja, Herrin. Herr Enki hat seinem Bruder im Äther auf einer perfekt gesicherten Frequenz mitgeteilt, wann Catêlis Diebstahl über die Bühne gegangen ist und der Dialog wieder einsetzen muss. Die Zuschauer werden nichts davon mitbekommen.“
Auch Umul blieb von dem Geschehen im Äther ausgeschlossen. Die „perfekt gesicherte Frequenz“ musste er so hinnehmen, ohne die Behauptung überprüfen zu können. Als einer der frühesten Titan verfügte der junge Mann nicht mehr über seinen Äthersinn. Die Erzieher hatten ihn jedem einzelnen der Klonkinder aus ihren erste Vernetzungen ausbildenden Säuglingsgehirnen ausgebrannt. Gegen einen Titanen musste man sich niemand gesicherter Frequenzen im ätherischen Medium bedienen. Im Gegenzug blieben sie allerdings auch telepathischer Beeinflussung von der Sendung peinigender Rohenergie bis hin zur Sondierung ihrer Gedanken gegenüber immun – nicht gerade, was sich die Nefilim von ihrer selbstgebastelten Sklavenrasse wünschten, weshalb die Titanen auch bei erster Gelegenheit durch die weitaus formbareren Adamu ersetzt worden waren.
Inanna erfüllte Umuls Aussage mit beinahe kindlicher Freude, soviel stand deutlich in ihrer Miene zu lesen. Ihr Volk nutzte den Äthersinn, so stark, dass er Körpersprache und Mimik abgelöst hätte, dominierte er ihre Körper allerdings nicht. So entging Inanna auch Umuls leiser Zweifel nicht.
„Großvater hat mir erzählt, dass die zwei früher ihre Streiche auf diese Weise abgesprochen haben“, verriet sie ihm. „Die bewusste Frequenz ist tatsächlich abhörsicher. Außer natürlich, Enki will Vater öffentlich blamieren und sendet mit Absicht zum falschen Zeitpunkt…“
„Jahreszeiten! Er wird das doch nicht in Betracht ziehen?“
Inanna schmunzelte darüber, wie schnell sich der Sklave die Benutzung des stärksten unter den in der Kolonie gebräuchlichen Schimpfworten angewöhnt hatte. Dabei stammten doch Umuls Ahnen mütterlicherseits von diesem Planeten, dessen im Vergleich zur Nefilimheimatwelt unnatürlich rasch wechselnden Jahreszeiten die Siedler plagten!
„Sei ohne Sorge, Umul“, beruhigte die Himmelsherrin den Theaterregisseur. „Während dieser Aufführung wollen beide glänzen. Überdies glaube ich, dass Onkel Enki meinen Zwillingsbruder ins Herz geschlossen hat. Ashtar ist ein Versager, aber ist ein kühner, gutaussehender und manchmal rebellischer Versager. Auch die jungen Damen lassen sich gern davon blenden.“
Umul zuckte die Achseln.
„Ich könnte das nicht einmal beurteilen, stünde der junge Herr hier vor mir, anstatt zweieinhalbtausend Lichtjahre entfernt in der Hofakademie.“

Enlils Erbsohn Ashtar Alulim war der eigentliche Initiator der an diesem Tag geprobten Aufführung. Vor kurzem hatte der Prinz eine archäologische Expedition nicht nur finanziert, sondern gemeinsam mit seinem etwa gleichaltrigen Onkel Nanna persönlich begleitet. Auf ihrem Ausflug in die Vergangenheit hatten die beiden Alulimadligen unerwartet eine wertvolle Entdeckung zu Tage gefördert: Das älteste erhaltene Theaterstück der Ersten Welt.
Zu Ehren der jungen Männer brachten ihre nächsten Verwandten dieses Stück auf die Bühne. Da sich Inanna, Enlil und Enki auf Ki niedergelassen hatten, fiel der Ruhm dieser Erstaufführung der Vierten Welt zu.
Um den Part der Kanalarbeiter zu spielen hatte Umul die adligen Gutsherren aller im Regierungsbezirk verteilten Wirtschaftseinheiten eingeladen, von denen die meisten auch zugesagt hatten. Lediglich Ayu Alalu hatte seinen Platz dem extrovertierteren Catêli Dagan überlassen.
Irgendwann während der Vorbereitungen hatte sich Ratsherr Acancaeh Alalu selbst eingeladen.
Noch fehlten Hinweise auf die Hauszugehörigkeit der Erbauer der von Ashtars Grabungshelfern freigelegten Anlage und damit des Verfassers des uralten Bühnenstücks, doch stand für den Löwenadlerclan fest, dass nur einer der ihren als Urheber der ältesten schriftlichen Kulturdenkmals infrage kommen konnte. „Einer der ihren“ schloss in diesem Fall auch die Lenker des Sonnenwagens und die Schlangen ein, denn alle drei an der Spitze der Börsentabelle stehenden Häuser führten ihre Abstammung auf dieselben Vorfahren, das Alim-Geschlecht, zurück. Ihr Verhältnis gestaltete sich nicht eben freundlich, da die jeweils anderen als Sezessionisten, neureiche Emporkömmlinge beziehungsweise Titelräuber verschrieen waren. Doch während der Proben für Ashtars Stück schienen Acanceh, Enlil und Enki Burgfrieden geschlossen zu haben. Sie feierten die gemeinsame Geschichte ihrer Häuser.

Umuls /Tichupaks anfängliche Nervosität angesichts der Tatsache, mit Hochadligen zusammenzuarbeiten, hatte sich noch nicht vollständig gelegt. Trotz aller seiner Kompetenzen und Mami Tichupaks Protektion blieb Umul doch ein Uschebti, ein Mann, dessen Nachname mit dem besitzanzeigenden Trennstrich geschrieben wurde! Als solcher sollte er im Rahmen der Proben den Herren und Damen der edelsten Familien Erbet-Kibratims, dem Vizekönig gar, Anweisungen erteilen? Das war weder unmöglich noch undenkbar, ganz im Gegenteil standen Umul sämtliche möglichen Fauxpasse mit ihren Folgen deutlich vor Augen.
Hinzu kam, dass auch die Anwesenheit ihres Herrschers auf der Bühne die Zuschauer nicht daran hindern würde, der gängigen Praxis folgend auf die Bühne zu kommen und sich unter die Statisten zu mischen. Wenn Acanceh Alalu also seine Rauferei mit dem Wolfshundhologramm vorführte, konnten Störungen durch temporäre zusätzliche Schauspieler nicht ausgeschlossen werden.
Kurz und gut, bisweilen hörte man den Regisseur resigniert „Kurnugi soll ja schön sein um diese Jahrezeit“ murmeln, wobei er den Namen eines der ältesten Arbeitslager auf dem Planeten heraufbeschwor, in dem sich Majestätsbeleidiger in der Regel wiederfanden. Denn jenes andere, weitaus bekanntere im Hawilbezirk, erwähnte man nicht einmal im Scherz…

Als Ishtar diese zum Ende der nicht öffentlichen Probe das Theatergebäude verlies, wurde sie dort bereits von ihrer jüngeren Schwester erwartet.
„Für mich wäre das nichts“, erklärte Ninurta, um sich dann ihrem Begleiter zuzuwenden: „Aber DU hast mir gesagt, dass du viel zu lange nicht mehr gespielt hast!“
Der Angesprochene schmunzelte versonnen.
Neben den Enlilstöchtern in ihren Ausgehuniformen des Vier Sonnen Schwadrons wirkte dieser Jüngling in seiner Wildlederkleidung wie einer von vielen Kundschaftern, die im Dienst der Expeditionsleitung standen. Die Kinder und Jugendlichen der Kolonie erkannten ihn an seinen drei Markenzeichen: dem seinem Schusar-Orden, dem mit Mikroelektronik gespickten etwas klobigen Platinring und einem Messer aus einen geschliffenen Kristall, das der Legende nach mit Ätherenergie aufgeladen sein sollte. Welche Namen auch immer er in seinem Leben gewählt oder verpasst bekommen hatte, für Freund und Feind war dieser junge Adlige „der Jäger“ oder „Jagdmeister“.
Tatsächlich kam es vor, dass Kethri Izimu Qat sich seinen Messetagsbraten selbst im Wald schießen musste, da es sich das Hofgericht teuer bezahlen ließ, ihn frei herumlaufen zu lassen. Auf der Bühne zu stehen galt für einen Edelmann als ebenso seinen Stand betonend wie ein Studium der Naturwissenschaften und Kethri Izimu Qat war nicht nur ein Adliger, sondern zudem ein Fürst, ein Angehöriger der herrschenden Familie seines Clans. In einem Bühnenspiel aufzutreten hätte dazu beitragen können, seinen Ruf vielleicht nicht gerade wiederherzustellen, aber zumindest in neutralere Bahnen zu lenken.
„Stimmt ja“, meinte der Jagdmeister. „Dafür habe ich im Alltag bereits viel zu oft das Gefühl, Theater zu spielen.“
„Vater hat durch das neue Stück seine Liebe zur Kunst wiederentdeckt“, eröffnete Inanna dem Pärchen. „Er hat davon gesprochen, Enscha-sims Versuchung auf die Bühne bringen zu wollen. Wäre das nicht was für dich, Izimu?“
„Ja!“ fiel Ninurta ein. „Du würdest sicher eine hübsche Moorleiche abgeben, Kez!“
Inanna sah das ein wenig anders, wie sie sogleich betonen musste: „Ach, ich weiß nicht. Ich denke, die Mumie würde ihm besser stehen. Stell dir mal vor, Izimu: dein Gesicht wäre von Binden umhüllt. Du könntest vor dem gesamten Kolonialrat Grimassen ziehen!“
Ninurta hakte sich bei ihrem Partner ein.
„Du bist kindisch, Schwester. Als ob mein Kethri es nötig hätte, das verhüllt zu tun!“
Obwohl Adapas Weggang und Shimtis und Madi Enqatls Streit um den Projektleiterposten im Adamu – Programm noch auf ihm lasteten, konnte sich Izimu Qat der gelösten Atmosphäre nicht entziehen. Ein kurzer Blick in den Äther verriet den Schwestern, dass der Jäger ernsthaft in Betracht zog, eine Rolle in Enlils nächstem Stück anzunehmen.
„Ich spiele den besten Enscha-sim, den ihr je gesehen habt“, versprach er den Frauen. „So würdevoll, dass die Himmelsgötter sich daneben schämen müssen!“
„Eigentlich war er ein ziemlicher Nichtsnutz“, warf Ninurta ein.
Doch auch dafür hatte Kethri eine Antwort parat: „Ach! Man muss eben mit der Zeit gehen.“

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