Die Herren des Tafelhause (part 2 von 2)

Immer noch der Prolog zur „Die Menschenmacher von Dilmun“

Einige Wochen nach der Generalprobe:

In Erbet-Kibratim schrieb man das Jahr 2744, doch im Nippurer Zirkustheater drehte Umul die Zeit gehörig zurück. Der Regisseur schritt um den Burgberg herum, während er vor der bis auf dem letzten Platz gefüllten Zuschauerraum uralte Verse deklamierte. Der angesehendste Dichter aus dem Volk der Nefilim, Nabu Thoth, hatte sie in die Gegenwartssprache übersetzt und mit in dieser aufgehenden Reimen versehen:

Hochverehrtes Publikum!
Ihr fragt Euch, und Ihr tut´s zu Recht,
Wozu der Schreibkunst mächtig sein?
Ist´s nicht ein Ding für Männer nur,
Um deren Gedächtnis es stehet schlecht?
´S gibt Gleiches nicht in der Natur
Und auch die hohe Weltenlehr`
Entfaltet sich im Dialog allein.

So sehet denn und lernt daraus,
Wie ein Schreiber hat einst gewettet
Mit dem Griffel nur zu siegen
Wider den wilden Reitersmann.
Seines Herrn Haus und Hof er gerettet.

Lang ist es her, doch vergessen nicht.
Auf Tafeln kann man´s noch lesen.
Meine Spielleut´ heute zeigen´s euch,
Als wärt ihr dort gewesen!

Auf dem frühmittelalterlichen Hof näherte sich nun Enki Ea in der Rolle des Schreibers seinem Herrn, dargestellt vom Vizekönig der Kolonie persönlich. Der Schreiber schickte sich an, dem Burgherren eine selbstverfasste Enzyklopädie der Natur vorzustellen, wie er in seinem Monolog verkündete.
Historikern war dieser naturkundliche Text bereits seit langem bekannt, so dass die Enzyklopädie als Anhaltspunkt für die endgültige Datierung des Theaterstücks herangezogen werden konnte. Denn offensichtlich zitierte der Verfasser des Stückes daraus, musste also die fertige Naturlehre bereits gekannt haben. Da nun das wissenschaftliche Werk aus der Hand eines Adligen des Sonnenlöwenclans stammte, bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass auch das Bühnensstück einem Angehörigen dieses Hauses zuzuschreiben war. Enki hingegen phantasierte davon, dass der Verfasser der Naturlehre zudem sein direkter Vorfahr gewesen sein mochte.
Während seines Monologs umrundete der Schreiber den Burgberg einmal vollständig. Zuerst sprach er über die Mühe, welche ihn die Abfassung seines Werkes gekostet hatte. Er betonte das schlechte Gewissen, das ihn überkommen hatte, wann immer er sich zum Schreiben zurückgezogen hatte, lagen doch Weib und Kinder noch immer mit schweren Verbrennungen darnieder. Ein Brand hatte erst vor kurzem die Hütte der Familie verwüstet, ein Brand, dem die Bewohner nur mit knapper Not entkommen waren. Aber wann immer er das Schreiben zugunsten der Pflege seiner Verwandten vernachlässigt hatte, so klagte der Schreiber, sei das schlechte Gewissen nicht verschwunden. Denn nun stahl er ja Zeit, die der Arbeit an seinem dem Burgherren versprochenen Werk gewidmet sein sollte…

Endlich stand Enki dem Burgherren persönlich gegenüber. Unter umständlichen Gesten breitete er die Lehmtafeln auf einem Baumstumpf vor dem diesem aus. Enki bedankte sich außerdem für die Zuteilung zweier Bauhelfer für seine neue Hütte, die diesmal aus Stein bestehen sollte, durch den Landesherren Er betonte, zu dessen Lob so sorgfältig wie möglich Enlils Namen auf die Tafeln gesetzt zu haben.
„Tiere unseres Landes“, nannte der Schreiber sein Werk. „Teil 5: Nutztiere.“ Dann erklärte er seinem Herrn, wie er den Begriff zu definieren gedachte: „Ihre Existenz dient nicht Erhaltung der eigenen, sondern einer anderen Art. Sie haben alle eine Wildform.“
Enki gruselte es ein wenig dabei, sich auf diese Weise ausdrücken zu müssen. Seine eigene Person von der Rolle des Schreibers zu trennen, fiel dem Laienschauspieler in diesem Moment schwerer als dem durchschnittlichen Zuschauer.
<Hätte der Ahn nicht wenigstens „sie verfügen“ oder „sie besitzen“ schreiben können? „Weisen auf“ oder…>
In den Äther ausstrahlende und damit für den Zuschauer nacherlebbare Gemütszustände der Darsteller trugen erheblich zur ungebrochenen Anziehungskraft des Theaters bei. Wer als Fernsehzuschauer seinen Äthersinn auf das Gerät konzentrierte, löste damit eher einen Kurzschluss aus, als an die Gefühle der gefilmten Schauspieler anzukoppeln. Nein, das Fernsehen würde einem Annunaki oder gar Nefilim nie sein Theater ersetzen.
Amüsement über Enkis Gefühlsleben allein rechtfertigte allerdings noch nicht, dass sich Professor Kathrima Ubaid plötzlich kerzengerade in seiner Loge aufsetzte. Der Direktor von Nippur Zweigstelle der Hofakademie wartete konzentriert, wie sich der Dialog weiter entfalten würde.
„Der Bauer“, las Enki den Eintrag zum Wichtigsten aller Hoftiere vor. „Der Bauer arbeitet zum Zwecke der Versorgung der Burgen mit Nahrung, Kleidung und Kriegsrössern.“
<Ja! Ja! Ja!> brüllte Kathrima beinahe, nur, um im nächsten Moment in seinem Sitz zusammenzusinken.
„Nimm deinen Ätherschild hoch und dann sagst du mir, was dich gerade so aufgeregt hat!“ zischte Gizzida Ubaid den Verwandten an.
Kathrima sandte unspezifische Wellen der Enttäuschung aus.
„Ich hatte gehofft, das Theaterstück enthielte den vollständigen Bauerntext“, präzisierte er nach erneutem Nachhaken Gizzidas. „Dort, wo Enki ‚Kriegrösser’ gelesen hat, klafft nämlich in unserem Exemplar der Enzyklopädie eine Lücke.“
„Die zur Entstehungszeit des Stückes natürlich noch nicht gegeben war. Verstehe. Worin bestand nun die große Enttäuschung?“
„Leider scheint die Lücke im Theatertext um einiges größer zu sein. Enki hat gerade daran gedacht, dass Nabu die fehlende Stelle aus der Enzyklopädie heraus ergänzt hat. ‚Kriegsrösser’ stellt dabei eine logische Ergänzung dar, aber wir können uns eben nicht sicher sein, ob sie auch wirklich zutrifft.“
Kathrima sah sich im Zirkustheater um. Er erhaschte den Blick des jungen Izimu Qat, der selbst als wandelndes Geschichtslexikon bezeichnet wurde. Fleiß, den er in seinem Physikstudium hatte vermissen lassen, war ins Auswendiglernen und Verstehen geschichtlicher Zusammenhänge geflossen. Kethri fiel es nicht schwer, zu erraten, woran Rektor Kathrima in diesem Moment dachte. Die beiden Nefilim verbanden sich im Äther, um über die Köpfe der restlichen Zuschauer hinweg ihre Gefühle und vielleicht auch ein paar Spekulationen miteinander zu teilen.
Gizzida Ubaid nickte zufrieden. Auf diese Weise störten die beiden wenigstens nicht den Kunstgenuss ihrer jeweiligen Begleiter.

Auf der Bühne fuhr Enki ungerührt von Kathrimas Ausbruch fort, über die Rolle des Bauern zu sprechen: „…dabei werden die Rohstoffe erst vor Ort durch kundige Köche, Weber und Tierbändiger zu Endprodukten verarbeitet, was in den Bauernkaten nur auf primitivem Niveau stattfindet. In seiner Lebensaufgabe hat der Bauer dafür zu sorgen, einen kleinen Überschuss zu erwirtschaften, um folgerichtig neue Generationen von Bauern zu erzeugen.“
Enki hob den Kopf von der Tafel in seinen Händen.
„Mein Herr“, erklärte der Schreiber traurig, „mir ist keine Wildform des Bauern bekannt. Annunaki leben nur in unserem Umfeld. Mein Werk bleibt daher vorerst unvollständig.“
Während der gesamten Rede Enkis hatten sich die Bauern und Bauaufseher im Hintergrund bewegt, um auch den Zuschauern, welche die Hauptdarsteller derzeit nicht im Blick hatten, ein Spektakel zu bieten. Immer wieder hatten sich Theaterbesucher aus dem gemeinen Volk zu den Statisten auf die Bühne begeben, um ebenfalls als Bauern Teil des bewegten, atmenden, fühlenden Bühnenbildes zu werden. Um dies zu ermöglichen, fügten Drehbuchautoren seit jeher lange Monologe, Gesänge an die Igigi oder andere streckende Passagen in ihre Werke ein.
Acanceh und Catêli spielten ihre kurzen Szenen, wie sie diese geprobt hatten, dann fragte Enlil seinen Schreiber programmgemäß nach dem Räuber.
„Er ist ein Raubtier, gewiss“, antwortete Enki und wiegte seinen Kopf weise, „und existiert im Dämmerzustand, bis seine natürlichen Bedürfnisse wieder gestillt werden müssen. Das treibt ihn dazu, aktiv zu werden.“
„So kannst du das niederschreiben“, schlug Enlil seinem Untertanen vor. „Dann hast du doch deine fehlende Wildform des Bauern!“
Wieder musste Enki ablehnen: „Nein, Herr. Räuber pflanzen sich nicht regelmäßig fort. Sie werden erzeugt aus unzufriedenen, tollwütigen Bauern, verbannten Höflingen und durch den Reichtum unserer Burgen. Wollt Ihr vielleicht bei allen Gelehrten, die meine Tafeln studieren, als Quelle neuer Räuber bekannt werden?“
Enlil, beziehungsweise der Burgherr, den er darstellte, wollte das natürlich nicht.

In diesem Moment schlug der graue Wolfshund an. Die Bauern packten ihre Werkzeuge fester, als ein Reiter im Bühnenrund erschien. Im Sattel eines irdischen Wildpferdes galoppierte die Himmelsherrin auf die Bühne. Die Nefilimprinzessin umkreiste mehrere Male den Burgberg, übersprang den Fluss und lies ihr historisch unkorrektes Reittier dann vor Onkel und Vater in die Höhe steigen, so gut es dem Tier eben nur möglich war. Verglichen mit den weiten Sätzen der Streitrösser aus Inannas Heimat kamen die irdischen Pferde kaum vom Boden. Auf Enun heimische Pferdeartige trugen Flügel, die ihnen je nach Art erlaubten, größere Sprünge oder kurze Flüge in Angriff zu nehmen.
Doch Nabu lies die Schauspieler auf Ki nicht im Stich. Wohlwissend, dass nicht jedes Tier sich freiwillig einen Holoprojektor umschnallen lies, der die einem Pferd fehlenden Flügel zumindest als Illusion erschaffen würde, hatte der Nefilim im heimatlichen Dreisternsystem dem Bühnenstück eine neue Zeile hinzugefügt. Um diese als moderne Ergänzung zu kennzeichnen, lies Nabu sie von einem der Statisten sprechen, einer eigentlich stummen Rolle:
Catêli spielte Entsetzen. Er lief auf Enlil zu, wobei er ausrief: „Das ist Kuku der Nomade! Dessen Pegasus Ihr zur Strafe für Kukus niederträchtige Überfälle die Flügel abgeschlagen habt!“
Einige „Bauern“ nutzten den Moment, um ihre Rolle wieder aufzugeben und sich erneut in Zuschauer zu verwandeln. Kukus Ankunft lieferte ihnen einen guten Vorwand dazu: sie spielten einfach, vor dem wilden Reiter in ihre Unterkünfte zu fliehen.
Kuku und der Burgherr repräsentierten zwei nebeneinander bestehende Lebensstile von Nefilim im Frühmittelalter. Noch immer lebten viele Kinder der Himmelsgötter als Reiternomaden, die jedes Jahr „ihre“ Annunakidörfer überfielen, um sich als Tribut zu nehmen, was immer ihnen gefiel. Als Bezahlung hinterließen sie manchmal Nachkommen, die entweder als Bauern endeten oder sich im Jünglingsalter einen Platz in der wilden Horde erkämpften. Enlils Familie hingegen hatte sich der sesshaften Lebensweise verschrieben. Sie steckte viel Geld und Arbeitsaufwand in den Ausbau ihrer Burg, expandierte von dort aus nur vorsichtig und regelte die Abgaben der auf ihrem Land ansässigen Annunaki über Steuer- und Arbeitsgesetze.
Kuku besaß ebenfalls eine eigene Burg, in die sich seine Bande allerdings nur im Winter zurückzog. Er hatte sie bereits als junger Mann erobert, fuhr aber dennoch mit seinen Plünderungen fort, wobei er sich nicht auf die Dörfer in seinem eigenen Revier beschränkte.
„Schon zu Zeiten meines Großvaters war dies mein Jagdrevier!“ erinnerte er Enlil.
„Diese Zeiten sind vorbei und werden nie wiederkehren“, gab dieser zurück. „Jetzt lebt mein Clan hier. Meine Bauern weiß ich zu beschützen.“
Inanna-Kuku zog seinen Säbel. „Dann wirst du als erster bei deinem törichten Widerstand untergehen und dein Clan wird dir zu den Schattenlosen folgen. Meine Horde steht bereit, euch Wilderern in meinem Revier eine Lektion zu erteilen.“

Diese Rede des Nomadenfürsten signalisierte den Adligen unter den Zuschauern, dass auch sie nun auf der Bühne zugelassen waren. Zwischen den Bauern umherzugehen und eine Schaufel zu schwingen, schickte sich nicht für ihren Stand. Die Nomaden beziehungsweise die Verteidiger der Burg in ihren jeweiligen Lagern darzustellen hingegen war völlig anmessen für einen Nefilim, handelte es sich ja um kämpfenden Rollen.
Umuls Sklaven hielten Umhänge, Helme und Schaumstoffwaffen für die Ankömmlinge bereit. An manchen Tagen würde die Aufteilung der Edlen auf die beiden Fraktionen allein ihrer Lust und Laune folgen, an wieder anderen galt es, die Augen offen zuhalten, denn oft lies sich die politische Wetterlage aus dem Verhalten des Adels auf der Bühne ablesen.
Kethri Qat zwinkerte der mehrere Logen entfernt bei ihren Alulimverwandten sitzenden Ninurta zu. Er sandte ihr das Bild eines einladend ausgestreckten Arms.
Enlils Tochter nahm die Einladung gern an. Eine Sprechrolle im Rampenlicht, nein, das musste sich Ninurta Alulim nicht antun. An der Seite ihres Geliebten pantomimisch einen Burgwächter darzustellen, das kam nicht nur schon eher in Frage, das würde ihr sogar Freude bereiten.
Als einzige weitere Frau gesellte sich Ninki Damkina zu den Kriegern. Die Zeiten, in denen die Edeldame an der Spitze von Enterkommandos Weltraummatrosen in Angst und Schrecken versetzt hatte, lagen ettliche Pfunde zuviel in der Vergangenheit. Einem eindrucksvollen Auftritt als Kukus säbelschwingender Gefolgsmann hingegen stand nichts im Wege.

Während sich das Bühnenrund mit Adligen und Gleichgestellten füllte, beschworen Enlil und Inanna in wechselnder Rede die Kampfkraft ihrer Gefolgsleute. Der Wortwechsel endete mit einer Beleidigung aus Kukus Mund, die sich auf den Ton bezog, aus dem Enlils Schreiber seine Tafeln formte: „Ha und nochmals ha!“ höhnte der wilde Reiter. „Spielst du in deinem Alter noch immer mit Matschpampe?“
Enki verstaute auf Kukus Worte hin seine Tafeln unter einem als Sitzgelegenheit für die Arbeiter gefällten Baumstamm. Erst als er sein Vermächtnis in Sicherheit wähnte, griff er nach seiner eigenen Waffe, einem einfachen Kurzbogen.
„Mein Herr spielt nicht!“ verteidigte Enki seinen Bruder. „Nie und nimmer spielt er! Das sind wertvolle Schreibtafeln, der Segen der Gelehrten und der Schatz unseres Hauses!“
„Sollen wir eure Burg in Zukunft das Tafelhaus nennen? Nur schade, dass es an dieser Tafel kein Gelage gibt. Sie trägt nichts als Kratzer im Lehm!“
Enki blickte zu Boden und lies die Schultern hängen. Sein Bogen entglitt den Fingern des Schreibers beinahe.
Der Burgherr behielt Kuku im Blick, während er näher an den Bruder herantrat. Er zog ihn an sich, funkelte den Reitersmann noch einmal bitterböse, aber natürlich ohne Einbeziehung des Äthersinns, an und blickte dann seinem Schreiber fest in die Augen.
„Warum treten dir die Wasser in deine Augen?“ erkundigte sich der Burgherr mitfühlend. „Dir, dem nie eine Schlacht Todesfurcht einzuflössen vermochte?“
„Herr!“ antwortete Schreiber Enki. „Ich fürchte nicht den Tod, weil ich an Eurer Seite streite. Die Gerechten ruft Apsu an seine Tafel in Tilmuns Herzfeste, wo der Blick des Sonnenvaters selbst zufrieden auf ihnen und ihrem Gefolge ruht. Dort lächelt Ihr mir in alle Ewigkeit zu, wenn ich Euch und die anderen Götter aus sich nimmer leerenden Vorratskammern bediene!“
Da war sie wieder, die Philosophie, welche den Bund der Fünfzig Namen von den anderen, untergegangenen, Nefilimstaaten unterschied. Bereits in ihren ältesten Texten wurde die Möglichkeit erwähnt, als Annunaki ebenfalls ins Jenseits einzugehen. Sie verschwand und flackerte wieder auf, bis im Zeitalter der Industrialisierung endgültig verkündet wurde: Ja, auch Annunaki haben eine Seele. Die Ausbreitung dieser Lehre hatte sich als äußerst nützlich bei der Führung der Untertanen herausgestellt, denn wer auf eine Weiterexistenz im Jenseits hoffen durfte, diente seiner Obrigkeit im Diesseits besonders gehorsam und eifrig.
Nein, den Tod fürchtete des Burgherren Schreiber nicht, wusste er sich doch danach gut aufgehoben an der Seite seines Halbbruders.

„Was betrübt dann dein Herz?“ verlangte Enlil zu wissen. „Sag es mir doch! So sag es mir, mein Stolz!“
„Ein Mann hat meine Kunst beleidigt. Aber dieser Mann ist ein Gott. Kukus Großvater hat noch mit Kingu persönlich gesprochen. Verachtet er meine Werke, so halten es die Igigi nicht anders.“
„Kingus Brut!“ polterte der sonst so kultivierte Burgherr in Verteidigung seines Dieners. „Manche Namen sind hier weniger gelitten als andere. Hat ein Gefolgsmann Kingus dich beleidigt, so ist das weniger schmerzhaft, als eine sanfte Brise auf der Haut. Läuse im Haarschopf sind eine schwerere Last als die Worte eines solchen Mannes. Ein Herr beschmutzt seinen Kampfstab, ruft er auf die Beleidigung eines Kingusmannes hin ‚Duell!’. Sie hat nie stattgefunden.“
„Aber Kingu ist einer der Himmelsgötter!“ beharrte der Schreiber.
„Und wird als solcher nie vergessen werden. Ich sage: Gut so! Zusammen mit allen seinen Schandtaten im Land Tiamat wollen wir Kingu nie aus dem Gedächtnis verlieren!“
Enkis Theaterrolle lies sich von solchen Worten nicht trösten.
„Er ist fortgegangen“, behauptete er. „Im Gehen hat er das verruchte Land Tiamat unbewohnbar gemacht.“
„Beweise es!“ forderte Enlil. „Wo sind die Ruinen dieses Landes?“
„Vielleicht im endlosen Himmelreich. Vielleicht…“
Enlil schnitt dem Schreiber das Wort ab: „Ich mag kein ‚vielleicht’ mehr hören! Meinen Besitz dieses Landes bestätigen deine Tafeln unauslöschlich. Kukus Vater hat seinen Finger gleich neben meinen unter die Schrift gesetzt. Die Tafeln sind damit gesiegelt. Hörst du das, wilder Kuku? Hörst du es? So rede endlich! Ich will wissen, ob du es gehört hast!“
Inanna deutete ein Spucken in den Sand an. Es gab Handlungen, die durfte sich eine Dame auch im Rahmen ihrer Bühnenrolle nicht leisten.
„Kuku, Kuku! Kehr um, wenn dir dein Seelenheil lieb ist!“ warnte Enlil den Nomaden. „Was bist du für ein Herrscher, der seine Mannen der Verdammnis ausliefert, indem er sie in einen Kampf auf der Seite des Unrechts sendet? Das Recht steht auf meiner Seite! “
„Dein sogenanntes Recht lösche ich mit einem einzigen Fingerdruck aus, Herr des Tafelhauses“, höhnte Inanna. „Lehm ist weicher als das weichste Erz. Er taugt nicht zur Waffe oder Wehr.“
„Mein Ross!“ verlangte Enlil. „Ich stoße diesen hier von seinem Pegasus und nagle ihn mit der Lanze am Boden fest! An MEINEM Boden. Wollen wir doch sehen, was deine Horde tut, wenn dein Blut erst meinen Acker nährt!“
„Ja, lass es uns sehen“, erwiderte Kuku. „Lass uns kämpfen wie es Männern gebührt. Dein Schreiber hat die Wahrheit gesprochen. Bindend ist nur das Blut der Igigi.“
Keiner der Zuschauer im Bühnenhaus erwarteten ein großes Spektakel von dem sich anbahnenden Reiterkampf. Weder Enlil noch die Himmelsherrin galten als versierte Reiter. Redner, ja, Kämpfer, natürlich. Aber Reiter? Inannas Galopssprünge mit beiden Händen am Sattel stellten bereits die Höhepunkte ihres Könnens dar.

Da hub Enki an zu sprechen. Die Miene des Schreibers hatte sich aufgehellt. Der Schreiber erklärte nun Wort für Wort, anstatt es für das Publikum offen zu senden: „Ruft nicht sogleich zum Kampf, Herr! Ich sage Euch jetzt etwas im Äther, so dass der wilde Kuku uns nicht hören kann!“
Inanna gab vor, die geistigen Worte des Schreibers nicht zu vernehmen.
„Bei seinem Igigiblut wird Kuku uns noch heute Treue schwören und den Eid nie zu brechen wagen“, versprach Enki. „Ich weiß jetzt, wie ich ihn dazu bringen kann!“
Der Burgherr lauschte. Sein Schreiber gab vor, heftig zu denken. Diejenigen Zuschauer, die sich nun auf den Äther einstimmen, um des Schreibers Plan zu erfahren, empfingen lediglich ein <Na, na, wer wird sich denn die Überraschung verderben wollen?> von den Schauspielern. Unterdessen lieferten sich die Krieger beider Seiten Drohgebärden und kurze Zweikämpfe, die immer wieder von den jeweiligen Offizieren unterbrochen wurden. Es hatte sich ergeben, dass Kethri und Schamasch in die Rollen der Unteranführer geschlüpft waren. Schamasch zog Ninki von deren Gegner, Ninurta, fort und Kethri entwand gleichzeitig Ninurta deren Säbel – doch dann schlug er zur Belustigung des Publikums mit der stumpfen Seite der Waffe selbst nach Schamasch.
Als er spürte, dass die spielenden Edelleute genug hatten und auch das Publikum bereit war, der Handlung weiter zu folgen, nahm Enlil das Wort wieder an sich: „Kuku! Mein Schreiber ist ein edler Mann, obwohl nur von gemeiner Geburt. Er möchte zu dir Todgeweihtem sprechen.“
„Dieser?“ rief Inanna verächtlich aus. „Er mag froh sein, den Brand überlebt zu haben, den meine Mannen in seiner Hütte legten.“
„So.“ Enki grinste. „Ihr wart das also. Oder die Igigi, durch Eure Hand.“
Er trat nah so an Kukus Pferd heran, wie es gegenüber einem echten Steitross niemals möglich gewesen wäre, und forderte ihn heraus: „Eine mit Fingerabdruck gesiegelte Urkunde bewahrt das Recht unauslöschlich. Du aber, Reiter Kuku, behauptest dieses Recht für nichtig erklären zu können?“
„Ich zeige es dir sogar, Einfaltspinsel.“
Inanna sprang von ihrem Reittier. Sie schlenderte zu den Tontafeln, welche der Schreiber zu Beginn des Stücks seinem Herrn vorgelegt hatte. In seiner Hast, den Bogen gegen den Eindringling zu ziehen, hatte der Schreiber nicht alle verstecken können…
Kuku warf einen verächtlichen Blick auf Schriftzeichen. Dann drückte er seine flache Hand auf die erstbeste der beschriebenen Tafeln.

„Das ist historisch verbürgt“, flüsterte Kethri seinem jüngeren Vetter zu, der ebenfalls derzeit einen der sesshaften Nefilimkrieger darstellte. Für die Zuschauer im Publikum schien es, als besprächen zwei Gefolgsleute des Burgherren ihre Taktik.
„Bis dieses Theaterstück ausgegraben wurde, haben die Archäologen lange Zeit gerätselt, weshalb unsere Vorfahren die Tafel mit dem Handabdruck über dem Text wohl gebrannt haben, anstatt sie neu auszurollen.“
„Es muss nicht so geschehen sein“, widersprach Amurri. „Hätte ich dieses Stück verfasst, nun, es wäre mir nicht schwer gefallen, eine entsprechende Tafel anzufertigen, die ‚beweist’, dass ich mich auf historische Tatsachen stütze.“

„Schreiber!“ entfuhr es Enlil. „Deine Werke! Kuku zerstört sie aus reiner Freude an unserem Leid. Mein Lob vor den Igigi, dein ganzes Herzblut – vernichtet! Jetzt muss ich die Waffe ziehen, darf sie nicht länger zurückhalten!“
„Wartet erst, ob die meine nicht härter trifft“, beruhigte Enki den Burgherren. „Ich reiche Kuku jetzt dieselbe Tafel, die sein Vater einst mit Euch zusammen gesiegelt hat und behaupte, er wird unser dort niedergelegtes Recht an diesem Land nicht aus dem Ton auslöschen können.“
Kuku lachte den Schreiber aus, während dieser sich zur Ruine seiner alten Hütte begab, um die Tafel zu holen.
„Bist ein Schreiber, keine Zauberer“, höhnte der Nomade. „Doch wärst du einer, würde es dir auch nichts nützen. Zauberwerk kann nur die Köpfe verwirren, aber nichts, was man anfassen kann. Meine Faust, ach was, mein kleiner Finger, wird dir die Macht der Reiter vorführen!“
„Nur zu!“ rief Enki aus seiner Hütte heraus.
Die Tafel, die Enki kurz darauf seiner Nichte überreichte, bestand aus festerem, gebrannten Ton. Sie lag wie ein Stein in der Hand des Reiters.
„Sieh sie dir nur genau an“, forderte der Schreiber den Wilden auf. „Das ist kein Stein, sondern eben jene Tafel von einst. Nun versuche, die Siegel darauf auszudrücken! Aber du musst es mit dem Finger oder der Hand allein tun, wie du angekündigt hast!“
„Leicht und leichter! Du hast deine Bedingung vorgetragen, nun lass mich meine nennen: Verschwindet das Siegel, gehört das Land wieder mir. Dich kecken Schreiber aber verlange ich als meinen persönlichen Gefangenen fortführen zu dürfen!“
„Bleibt das Siegel, schwören du und die deinen meinem Herrn ewige Treue!“ schoss Enki zurück.
„Treibe es nicht zu weit, Schreiber! Bis jetzt hat mich dein Spiel noch amüsiert.“
„Dann schwörst du, zusammen mit deinem Gefolge aus der Gegend zu verschwinden und uns nie wieder zu belästigen!“
„Gut, gut, kleine Laus. Dann schwöre ich eben. Es wird mich eine kleine Handbewegung kosten, euer Zeichen zu zerstören. Ist das geschehen, wird es mir eine Freude sein, dir jeden Finger einzeln abzuschneiden.“
„So stell dein Geschick doch auf die Probe!“
Kuku wagte den Versuch. Er presste zuerst seine Finger, dann den Handballen und schließlich die Faust auf die Tafel. Alles, was er zustande brachte, war ein Abdruck der Zeichen auf der eigenen Haut. Die Tafel aus gebranntem Ton lies sich nicht durch bloße Gewalt manipulieren.
„Nein, ein Zauberer wäre zu so etwas nicht in der Lage“, erklärte Enki selbstzufrieden. „Nur die Igigi in ihrer unendlichen Voraussicht. Sie sandten sie mir einen Brand zur rechten Zeit. Du wirst dich daran erinnern…?“
„Das Siegel“, ächzte Inanna. „Unauslöschlich eingebrannt…“
„In dem von dir gelegten Feuer für alle Zeiten gehärtet“, bestätigte der Schreiber. „Hebe deine Hand vor die Augen, dann siehst du die Siegel auch dort, Schwarzer Kuku!“

Kuku erhob seine Waffe, bereit, auf den Mann einzuschlagen. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, danach auch gleich noch die Tafel mit seinem Säbel zu zerschmettern.
Doch vor dessen Herrn, seinen Kriegern, den versammelten Bauern und seinem eigenen wartenden Heer konnte Kuku sein Vorhaben nicht so einfach ausführen. Der vor den Igigi geleistete Schwur band ihn bei seiner Ehre als Abkömmling der Himmelsgötter, nur Hand oder Finger zu benutzen. Der wilde Kuku führte einen Kampf gegen sich selbst. Sollte er den Schwur einhalten, obwohl der ihn um seine Beute brachte? Oder die Tafel mit seiner Waffe zerschlagen?
Kuku war ein Barbar, aber kein Räuber. Der Räuber stand außerhalb des Systems, war weniger als ein Bauer. Was ihn von einem Nefilimadligen unterschied, waren des letzteren himmelsgöttliches Blut und die Ehre.
Wie erstarrt stand Kuku auf der Bühne, Enlils schwebende Kameras aber nahmen jede Fingerkrümmung und jedes noch so kleine, vortrefflich von der Himmelsherrin dargestellte, Mienespiel auf. Wo stand denn Kapitänleutnant Inanna Alulim, derzeit Staffelführerin der roten Abteilung im Vier Sonnen Schwadron? Wie würde sie sich entscheiden, wenn ihr wieder und wieder aufgrund ihres Geschlechts Steine in den Weg zur Spitze ihrer gewählten Karriere geworfen worden? Oh ja, Enlils Tochter stellte sich als perfekte Besetzung für den Reiterhäuptling heraus! Besser als jeder andere im Zirkustheater konnte sie allein das Innenleben des schwarzen Kuku verstehen.
Aber Kuku hatte am Ende aufgegeben, sich für die Himmelsgötter, anstatt seine Gier nach Macht entschieden. Die sesshaften Nefilimsoldaten trieben ihn davon, die Darsteller der Bauern warfen den Flüchtenden aus Schaumstoff gefertigte Steine nach und die Halbbrüder fielen sich jubelnd in die Arme.
Das Stück endete mit dem zeremoniellen Brennen der anderen Tafel, jener, auf der sich noch immer Kukus Handabdruck befand. Sie sollte bis in alle Ewigkeit in das Ereignis erinnern.

Enlils und Enkis Hochstimmung hielt die folgenden Tage an und wirkte ansteckend auf ihre jeweiligen Untertanen. Ihre fortgesetzte Annäherung schien doch keine Einbildung optimistischer Naturen mit einem Hang zu Utopien zu sein.
„Unter diesen Umständen kann Erbet-Kibratim nur noch ein Gegner von außen gefährlich werden“, behauptete Acanceh Alalu während einer Sitzung des Kolonialrates. „Doch von Außerirdischen einmal abgesehen, will mir da nichts einfallen.“
„Sei vorsichtig mit deinen Worten“, erwiderte Prinz Nergal. „Denn das altsprachliche Wort für ‚Aliens’ lautet noch immer ‚Titanen’!“

(Ich tagge „Anunnaki“, weil das das die korrekte Schreibweise ist. „Annunaki“ heißen sie nur in der Story.)

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s