Schnecken im Paradiesgarten (Teil 1 von 8)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 1: Schnecken im Paradiesgarten

Jush Camunda, zweihundertzweiundzwanzigjährig und sowohl vorbestraft als auch selbst Opfer eines schweren Verbrechens, war seit seiner Ankunft auf Ki von einem Standort zum nächsten herumgereicht worden. Die einzige Konstante im Leben des Jugendlichen bestand in seinen regelmäßigen Fahrten nach Shuruppak, wo er stets ausgiebig untersucht und auf die Folgen des Kälteschlafes behandelt wurde, dem man ihn illegalerweise im Kindesalter ausgesetzt hatte.
An jenem Morgen im ausgehenden Sommer des Jahres 2744 Anu packte Jush eine gute Robe, seine wenigen Besitztümer und die Medikamente in einen Seesack um sich sich zum Dienst an Bord des Frachtschiffs „Magurea“ zu melden. Der Name war hier Programm, denn „die über die Wasser Kreuzende“ tuckerte seit ihrem Stapellauf auf dem eridischen Golf hin und her, um Waren von einer Siedlung zur anderen und ab und zu auch wissenschaftliche Instrumente zu auf dem Meer gelegenen Forschungsstationen zu befördern. Für die nächsten zwölf Jahre sollte sie Jushs Heimat darstellen.
Es kommt immer schlimmer! Jetzt reist selbst meine befristete Wohnstatt wurzellos auf dem Planeten hin und her! Ich fühle mich schon beinahe wie Izimu Qat, bloß, dass dem das gefällt.
Jush wusste, dass ihm selbst im Besitz der Rechte eines Volljährigen keine Wahl bezüglich seines Arbeitsortes zugestanden hätte. Noch nicht einmal, wer die Reisekosten in die neue Welt selbst getragen hatte, wurde nach der Ankunft auf Ki vollständig sich selbst überlassen. Alle Ankömmlinge, ob sie nun ausgefeilte Bewerbungsverfahren durchlaufen hatten oder mit einem Sträflingstransporter nach Ki gelangt waren, verschob die Kolonialregierung solange nach Bedarf auf dem Spielbrett der irdischen Wirtschaft, bis die Gründung einer Familie oder die Übernahme eines wichtigen Postens sie fester an einen Ort banden. Selbst der Besitz eines Adelstitels schützte nicht vor Enlil Alulims rigorosem Personalmanagement.

Ein letztes Mal lies Jush seinen Blick über den Umsteigehafen und Grenzposten Urukwacht auf der Halbinsel Dilmun schweifen, der bis gestern seine Heimat gewesen war. Er weinte dem verlassenen Flecken Erde keine Träne nach. Außer einer Anhäufung von Häuschen, dem Angel- und Grillplatz am Kai, einem einzigen mit dem Hauptserver in Nippur verbundenen Mê-fähigen Computerterminal und einer botanischen Versuchsstation hatte Urukwacht nicht viel zu bieten. Eine der beiden örtlichen Kneipen bestand aus einer Bar, die sich um einen ausladenden Baum herum wand, die andere wies zwar vier Wände und ein Dach auf, blieb aber den Matrosen vorbehalten.
Sich aus dem Stadtgebiet zu entfernen war nicht gestattet, denn im Landesinneren erstreckte sich die Sonderrechtszone Uruk, Adapas Adamu – Reservat. Zur Überwachung desselben waren in Urkwacht einige Jagdflieger sowie zwei Panzer stationiert, alles in allem nicht mehr zwei Dutzend Soldaten, die Kundschafter bereits mit eingerechnet. Diese kleine Einheit wurde als ausreichend betrachtet, jederzeit mit einer steinzeitlich ausgestatteten Invasionsstreitmacht fertig zu werden.
Wichtiger als die Militärpräsenz waren den Kolonialherren fortlaufende Messungen der Umweltwerte, weshalb der Vizekönig einen in Ökologie, Meteorologie und Militärgeschichte ausgebildeten Adligen zum Hauptmann der Urukwachter Kaserne bestellt hatte. Erst, wenn sich die Zeichen häufen sollten, dass Adapas isolierte Gemeinde ins Dampfmaschinenzeitalter eingetreten sei, bestand für den Kolonialrat Handlungsbedarf. Niemand erwartete ernsthaft, dass es jemals soweit kommen würde. Dilmun war kein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde. Jushs Meinung nach war Dilmun überhaupt kein Ort, sondern traumloser Schlaf, auskristallisiert zu endloser Langeweile, eher ein niederhöllisches Sheol, als das diesseitige Pendant zum himmlischen Paradiesgefilde Tilmun. Selbst ihren Namen „Dilmun“ hatte die Region erst erhalten, nachdem sich der Adapa mit seiner Gemeinde auf der Halbinsel angesiedelt hatte. Iznak Alulim hatte ihn auf der Landkarte eingetragen, damit dort etwas anderes als die geographischen Koordinaten zu lesen stünde.

Mit seiner Verlobten Audhumla Apis lebte der Mediziner seit der Gründung der Agentursiedlung auf Dilmun. Iznak war nicht nur dem chronisch kranken Jush ein väterlicher Freund geworden, er galt auch gleichzeitig als launisch und als die Stimme der Vernunft in Urukwacht.
Gestern noch hatte sich Iznak lautstark beschwert, dass die Medikamentenlieferungen aus Shuruppak zu unregelmäßig erfolgten. Heute morgen erschien der Mann Jush weithaus gelöster, wie er auf der Veranda seines Häuschens stehend die auslaufenden Schiffe beobachtete. Aber das war eben Iznak, ein Annunaki, der selbst nicht zu wissen schien, was er denn nun eigentlich wollte. Bisweilen sollte das vorkommen, soviel hatte Jush in seinem kurzen Leben bereits begriffen. Diejenigen, die anderen am eifrigsten halfen, vermochten selbst keine klare Linie in ihr Leben zu bekommen. Und obwohl Iznak von seiner Beteiligung am Hawila-Aufstand weitestgehend rehabilitiert war, verhielt er sich oft, als trüge er eine große Schuld mit sich herum.
„Niemand ist krank, Iznak“, erinnerte Jush den Mediziner noch einmal, als er dessen Haus auf dem Weg zum Hafen passierte. „Und um deine Bestellung kümmere ich mich notfalls persönlich, wenn wir in Eridu anlegen!“
Denn alles, was aus Shuruppak über Land oder den Fluss hinunter kam, musste ja in jener Hafenstadt im Mündungsdelta des Buranum verschifft werden. Auf seinen ersten Landurlaub in Eridu freute sich Jush, denn es hieß, die Stadt verbinde sämtliche Vorteile einer Großstadt mit langen weißen Sandstränden und einer Lage im Grünen. Man musste lediglich die Tatsache verdrängen können, dass es sich zudem um eine Freistadt handelte, in der es keine abgegrenzten Viertel der einzelnen Häuser gab, sondern Personen jeder Schicht und Hauszugehörigkeit durcheinander wohnten, arbeiteten, liebten und – im Fall von Adligen – ihre Duelle ausfochten.
Iznak winkte dem in der Siedlung gut gelittenen Jugendlichen noch eine Weile nach.
Die Leute hier, ja, die waren schon in Ordnung, dachte Jush bei sich. Muss wohl so sein. Entweder man wird weise in so einem Kaff, oder man geht ein vor Langeweile!

Als Jush die „Magurea“ betrat, stellte er fest, noch nicht einmal der Jüngste an Bord zu sein. Es gab zwei Sklavenkinder an Bord, die ihm vorher nie aufgefallen waren.
Nicht, dass ich dem Kahn mehr als flüchtige Beachtung geschenkt hätte, wenn er gerade mal wieder bei uns am Kai lag. Aber Uschebti wären mir sicher nicht entgangen!
Das Besondere an den beiden Schiffsjungen war die Tatsache, dass sie in Kleidung umhergingen, als handle es sich um echte Personen. Wenn Jush das richtig verstanden hatte, scheuten die Nefilimherrschaften die damit einhergehenden Mehrausgaben, auch, wenn sie die Nacktheitsregel wohl selbst anders begründeten.
Den beiden Knaben entging nicht, wie der Blick des Annunaki auf ihren Tuniken ruhte.
„Das ist“, erklärte der etwas größere Junge ungefragt, „damit die Menschen auf Dilmun sich nicht vor uns erschrecken.“
Jush lachte!
„Was weißt DU über Dilmun?“
„Na, da leben doch Adamu!“ erklärte der kleinere Junge.
„Und zwar wie Wilde!“ rief der Ältere aus.
Jush schmunzelte, da die Kinder offenbar nicht imstande waren, näher auszuführen, wie Wilde denn eigentlich lebten, wo diese Adamu herkämen und wie es zur Gründung des Reservats gekommen war. Offensichtlich spielten ihre ausgewilderten Vettern, die Menschen, keine Rolle im Unterrichtsplan der Uschebti. Landesweite Sklavenaufstände mit dem Ziel, in Adapas gelobtes Land auszuwandern, brauchte demnach niemand zu befürchten.

Ein Matrose trat an Jushs Seite. Er musterte die Adamukinder, wobei er seinen Äthersinn über die Uschebti und den Neuen an Bord gleichermaßen schweifen lies.
„Da fehlt noch was“, entschied der Matrose nach kurzer Begutachtung. Er nahm sein Käppi ab und probierte, ob es dem älteren der beiden Adamu passen mochte. Dieser rückte das Geschenk mehrfach hin und her, bis es ebenso schief wie verwegen auf seinem Kopf saß. Es verlieh ihm das Aussehen eines Piraten.
„Für dich finde ich auch noch was“, vertröstete der Matrose den kleineren Sklavenjungen, der ein wenig enttäuscht neben seinem Kameraden stand. Im Äther war zu spüren, dass er sich für diesen freute, doch stieß selbst dieses Mitfreuen an seine Grenzen.
„Danke!“ rief das Kind daher allein auf das Versprechen des Annunakimannes hin aus.
„Magureas“ Kapitän verzog amüsiert die Mundwinkel, als ihm die Kinder zum ersten Mal mit ihren neuen Kopfbedeckungen unter die Augen tragen, als handle es sich um altgediente Besatzungsmitglieder.
<Das bleibt so!> ordnete der Adlige an.

Schon während des Ablegens wurde offensichtlich, dass die beiden Uschebti noch weniger von Seefahrt der Seefahrt verstanden als Jush. Sie lernten schnell, brachten aber keinerlei Vorkenntnisse mit. Es schien den Seeleuten sogar so, als hätten ihre neuen Sklaven das Meer noch nie zuvor gesehen.
„Offensichtlich Sonderangebote“, kommentierte der Maat. „Möglicherweise illegale Nachzuchten von den Gnadenhöfen, ungeschult und noch nicht einmal die vorgeschriebenen acht Ki-Umläufe alt. – He, Junge! Wie alt seid ihr eigentlich?“
„Acht!“
Diese Antwort brachte dem jüngeren Schiffsjungen eine Ohrfeige von seinem Kameraden ein. „Man soll nicht lügen!“ rügte dieser.
Kleinlaut korrigierte das Kind: „Mein Bruder ist acht, meine ich. Ich bin erst sechs Jahre alt.“
„Ach ja, ihr seid ja richtige Geschwister, keine Klone mehr“, erinnerte sich Jush, in dessen Leben das, was er als den „Adamu-Rummel“ bezeichnete, nie eine Rolle gespielt hatte. Er sah, dass die Brüder mit ihrer Arbeit für diesen Reisetag fertig waren und forderte sie auf: „Erzählt mir ein wenig von euch! Vielleicht von eurem Vater?“
Betretenes Schweigen folgte der Aufforderung.
Sie kennen ihren Erzeuger wohl nicht, schlussfolgerte Jush. Seine anschließenden Versuche, die Kinder aufzumuntern führten erst nach längerer Zeit zum Erfolg.

Von diesem Zwischenfall abgesehen stellten sich die Schiffsjungen als muntere und gelehrige Reisegenossen heraus. Kapitän und Matrosen teilten diese Einschätzung, auch wenn sie sonst nicht viel miteinander sprachen. So kam es, dass die Gedanken der Schiffsbesatzung und ihres Herren erstaunlich parallel liefen.
Immer wieder sagten sich die Matrosen während der Fahrt:
„So viel Spaß, wie wir mit den Adamu haben! Wenn unser Kapitän demnächst das Schiff wechselt und die Kleinen mitnimmt, sollten wir zusammenlegen um uns selbst welche anzuschaffen. Sie sollen ja noch bis ins hohe Alter so bleiben, wie man hört.“
Immer wieder sagte sich der Kapitän während der Fahrt:
„Es macht richtig Spaß, mit den Kleinen zu reisen. Da haben die Männer mal für etwas Besseres gespart als volle Schnapsflaschen. Wenn ich die ‚Magurea’ demnächst verlasse, sollte ich mir für mein nächstes Schiff selbst ein paar Adamu zulegen.“
So blieben die wahren Besitzverhältnisse ungeklärt. Dass die Schiffsjungen nach der Überfahrt verschwunden waren, wunderte die Besatzung nicht. Hatte sie der Kapitän eben mitgenommen, es waren ja seine! Der Kapitän seinerseits trat seinen Dienst vorerst allein, ohne die Geschwister an. Denn die waren ja, wie er glaubte, auf der „Magurea“ zurückgeblieben, weil sie den Matrosen gehörten…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s