Schnecken im Paradiesgarten (Teil 3 von 8)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 1: Schnecken im Paradiesgarten

In einem anderen Abschnitt des Parks schob Enlil Alulim seinen breitkrempigen Hut zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er trat näher an einen Brunnen heran, um sich das Spritzwasser der Fontäne über sein Gesicht tropfen zu lassen.
Im Gegensatz zu dem naturnahen Wäldchen, durch das sich die drei Schusarveteranen bewegten, war dieser Platz mit Backsteinpflaster befestigt. Hohe, streng beschnittene Hecken umrahmten Ruheecken und kunstvolle Formschnitte sollten den Betrachter fort vom Alltag in eine Welt der Phantasie entführen. Dass der Inselherrscher hier selbst Hand legte, war nur den wenigsten Besuchern bekannt. Es fand ohnehin nur eine Handvoll handverlesener Besucher seinen Weg an diesen Ort, da er nicht in den offiziellen Parkplänen verzeichnet war.
Der Nefilimadlige fühlte sich gut bei seiner Tätigkeit, wusste er ja, dass allein in seiner Verantwortung lag, ob hier alles grünte und gedieh. Unter den Händen des Gärtners gediehen die Pflanzen im Edinpark, als habe sich ein ganzes Heer Botaniker ihrer angenommen. Manchmal scherzte Ninurta, der Vater müsse im Äther zu den Gewächsen sprechen, doch Enlil führte seinen Erfolg in der Gärtnerei in erster Linie darauf zurück, dass er sein Hobby einfach liebte. Natürlich sprach er ab und zu mit den Pflanzen, aber erstens tat er das nicht unter Einbeziehung des Äthersinnes, zweitens erwartete er keine Antworten und drittens musste ja niemand davon erfahren!

Gerade rupfte der Gärtner eine Pflanze aus dem Boden, die er einige hundert Meter weiter sorgsam angebaut hatte, die aber hier zwischen den Hecken als Unkraut galt. Er warf das Grünzeug in einen Korb und sah sich unvermittelt einem Paar in Sandalen steckender Füße gegenüber.
Enlil hob den Kopf. Er sah einen kleinen, vielleicht acht Jahre alten Adamu. Eine Mutation hatte dazu geführt, dass der seinen dunkelhäutigen Kopf krönende lockige Haarschopf im selben matten Blondton wie Enlils eigenes Haar erschien. Ein Stirnband hielt es vom gröbsten Wildwuchs ab. Einen Moment lang hätte Enlil schwören können, dass das Band von einem Matrosenkäppi stammte. Jemand hatte das Kind in Kleidung gesteckt, womit bei einem unausgebildeten Adamu der Wert praktisch verdoppelt wurde. Der kleine Junge beugte sich zu dem Gärtner hinunter, die Hände auf die Oberschenkel gestützt.
„Du machst das gut“, erklärte das Kind überzeugt. „Aber mit dem Unkrautzupfen bist du fertig. Was kommt als nächstes dran?“
Irritiert angesichts der respektlosen Anrede erhob sich Enlil, ohne ein Wort zu sagen. Er begab sich an die Arbeit, die er sich ohnehin als nächstes vorgenommen hatte. Der Adamujunge trug ihm den Werkzeugkasten nach, als handle es sich um die selbstverständlichste Sache der Welt.
Ninhursag wird ihn mir hinterhergeschickt haben, überlegte Enlil. Obwohl sie genau weiß, dass ich niemand um mich herum haben wollte! Mag ja sein, dass Uschebti in ihren Augen nicht zählen, aber im Äther sehr wohl!
Interessiert beobachte das Kind, wie der Nefilim begann, eine Hecke zu beschneiden.
„Mein Vater macht das genauso. Er hat mir gezeigt, wie man das macht!“
„Wie man das tut“, verbesserte Enlil automatisch. „Zweimal ‚machen’ so kurz hintereinander schickt sich nicht.“
„Doch, ich denke schon, dass man es ziemlich oft machen muss. Weil es sonst nicht mehr schön aussieht.“

Enlil spießte die Gartenschere in den Boden und betrachtete das Kind genauer. Etwas stimmte ganz und gar nicht mit diesem Uschebti. Nicht nur seine merkwürdige Zutraulichkeit, sondern in erster Linie die Tatsache, dass er kein graues Hauswappen, noch nicht einmal das Siegel der Stadt Edin, trug! Nun nahm Enlil all die kleinen Details wahr, die den Jungen als nicht nach Edin gehörig verrieten. Das Fischgrätenmuster seiner handgewebten Kleidung passte nicht in die Modesaison und die Riemen seiner Sandalen wanden sich um die Waden bis hinauf zum Knie, anstatt in Knöchelhöhe in einem breiten Band zu enden. Ninhursag hätte niemals zugelassen, dass ein Sklave Edins, der immerhin Park, Familie und Clan seiner Besitzer nach außen repräsentierten sollte, derart altmodisch gekleidet herumliefe. Selbst Ninurta und Kethri, die unangepasstesten jungen Leute in Enlils Gefolge, kannten und respektierten diese Regel.
Muskulatur und Haltung, ja, seine ganze Art, sich auszudrücken, verrieten den Adamu als einen Jungen, der neben seinen Arbeiten viel Muße zum Spielen hatte. Ein hart arbeitendes Sklavenkind, selbst wenn es von einem der Gnadenhöfe stammte, wäre kräftiger und deutlich weniger dreist. Es musste sich bei seiner neuen Bekanntschaft, so schlussfolgerte der Nefilimadlige, um eine Handaufzucht eines reichen, vermutlich adligen, Siedlers handeln.
Wem gehörst du und was bezweckt dein Besitzer damit, dich voraus zu senden? überlegte Enlil. Der Nefilim hütete sich, seinen eifrigen Helfer im Äther zu betrachten. Er erschien ihm zu jung, um bereits ein entsprechendes Training durchlaufen zu haben.

„Wie heißt du, Kind?“ verlangte der Stadtherr zu erfahren.
Das Kind legte den Kopf schief. <Ach sooooooo, ja>, dachte es dermaßen angestrengt, dass es Enlil leicht fiel, den Gedanken zu folgen, obwohl der Junge nicht bewusst sendete. Obgleich er den ungewollten Kontakt so schnell wie möglich abbrach, blieb Enlil der Erkenntnis, dass es für das Kind ungewohnt war, sich vorstellen zu müssen, da in seiner Heimat ganz einfach jeder jeden kannte.
„Oh, ich bin Kain vom Haus und Geschlecht Uruk“, erklärte der Junge.
Wer sein Gegenüber nur sein konnte, war dem jungen Kain sofort klar. Allein schon seine Körpergröße wies den Gärtner als Nefilim aus, also eine Gottheit. Die pflegten üblicherweise nicht zu arbeiten. Wenn es dieses spezielle Exemplar dennoch tat, musste es sich bei ihm um einen der zu dieser Strafe verurteilten Götter handeln, die überall auf der Welt in Bergwerken und auf Feldern Dienst verrichteten.
Kain verfügte nur über ein unzureichendes Verständnis des Begriffes „Verbrechen“. In seiner Heimat begingen eigentlich nur die Kinder welche und die Tatbestände beschränkten sich auf freche Antworten, Naschen aus den Vorratsbehältern und Umgehen der Schlafenszeiten. Das war eindeutig „böses“ Verhalten, aber deswegen musste man sich nicht vor den bösen Leuten fürchten, die solche Dinge taten. Unbefangen war das Kind auf den verbrecherischen Gott zugegangen, ebenso unbefangen unterhielt es sich weiter mit ihm: „Wer du bist, weiß ich auch. Ein Diener Enlils, der über diese Insel herrscht.“
„Über die ganze Welt.“
„Ja, das auch. Du hältst den Garten für Enlil in Schuss.“
Der Vizekönig fühlte sich keiner Lüge schuldig, als er „Ja“ antwortete.
Kain nickte. „Ich helfe dir dabei, dann geht es schneller.“
Überrumpelt von dem Menschenkind vermochte der Gärtner nicht, sich diesem Ansinnen zu verweigern. Enlil nahm eine zweite Schere für den Jungen von Dilmun aus seinem Werkzeugkasten. Offensichtlich hatte Adapa sein eigenes gärtnerisches Wissen bereits der nächsten Generation vermittelt, denn Kain stellte sich als große Hilfe bei der Arbeit heraus.

„Bist du Enlil mal begegnet?“ erkundigte sich das Kind plötzlich.
„Ich sehe ihn jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen.“
Huch! Die armen Götter wurden ja unter ganz schön strenger Bewachung gehalten!
„Kannst du ihn leiden?“
„Nicht immer. Er…“
„Ja?“
„Er tut manchmal Dinge, die er gar nicht möchte. Aber da hat er keine Wahl.“
„Die Leute im Dorf sagen, Enlil kann alles. Aber Vati meint, singen gehört nicht dazu.“
Enlils seltene Begegnungen mit der kleinen Pyrrha standen dem Mann wieder deutlich vor Augen, je länger er mit Kain sprach. „Dein Vater ist Prometos!“ sagte er dem Jungen daher auf den Kopf zu.
„Nein, Adapa. Vati kann auch nicht singen. Aber die anderen Menschen haben angefangen, Lieder an euch zu erfinden, weil ihr es ja selbst nicht könnt.“
Geistesgegenwärtig bot der Gärtner seinem kleinen Gast ein belegtes Brot aus seinem eigenen Lunchpakets an, damit dieser nicht auf Idee käme, jetzt und hier ebenfalls einen Gesang anzustimmen.
„Das schmeckt seltsam… aber nicht schlecht“, erklärte das Kind.
Enlil nahm neben dem Jungen auf einer Bank Platz, auf die dieser sich nach dem ersten Bissen gesetzt hatte. Ein Uschebti aus Edin hätte die Gabe seines Herrn im Stehen verspeist, ohne dabei seine Arbeit zu unterbrechen.
„Wie geht es Adapa?“ fragte Enlil.
Kain schluckte hinter und rief: „Schlecht! Enlil hat ihn krank werden lassen! Er hat es einfach zugelassen!“
„Adapa is krank? Bist du deswegen hergekommen? Um bei uns Hilfe zu holen?“
Kain nickte. „Vater benötigt etwas, das Prometos ‚Antibiotika’ nennt. Das gibt es nur bei den Göttern. Deswegen bin ich hier.“
„Du kannst nichts von uns in deine Welt mitnehmen. Das ist verboten. Du solltest noch nicht einmal hier sein!“
„Hast du Angst, wegen mir Ärger mit Enlil zu bekommen?“
Enlil schüttelte den Kopf.
„Du warst ehrlich mit mir, also will ich es auch sein. Ich bin Enlil.“
Kain lächelte.
„Und du warst nett zu mir, deswegen will ich auch ehrlich sein. Ich bin nur die Ablenkung. Mein kleiner Bruder ist längst an euch allen vorbeigeschlüpft und hat die Medizin geholt!“
Enlil stöhnte. Das durfte doch nicht wahr sein!
„Wie viele Söhne hat Adapa denn mittlerweile?“
Und wie viele davon rennen gerade in Edin herum?! <Izimu!>

In einem anderen Teil des Parks empfing Kethri den geistigen Ruf. Für einen Moment dachte er daran, dass dies doch ein Ort der Entspannung sein sollte…
Kethri bat seine mittlerweile drei Begleiter, zum Flugfeld zurückzukehren und dort auf ihn zu warten.
Enlil sendete er ein kurzer <Bin unterwegs.>.
Ein zweiter Gott erschien neben dem Gärtner. Kain sah den Jäger, von dem sein Vater ab und zu gesprochen hatte, zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht. Welche Vorstellungen sich das Kind auch immer von dieser Person gemacht hatte, die Realität wischte sie gnadenlos beiseite. Vor Kain stand ein junger Mann, der den Verrat in allen Facetten kannte, weil er jede davon erlebt beziehungsweise begangen hatte. Eine Art Freundschaft schien zwischen ihm und dem Inselherrscher zu bestehen, eine durch finstere Geheimnisse und Hofintrigen gespannte Beziehung. Der Achtjährige spürte all dies vielmehr, als dass er es aus dem Verhalten der Erwachsenen hätte herauslesen können. Mit einem Mal schmerzte sein Kopf, mehr noch, seine ganze Haut kribbelte, als säße er in einem Brennesselbusch. Dann taten die Sternengötter etwas mit ihrem Geist, woraufhin sich das ungenehme Gefühl nach und nach verflüchtigte.
Enli richtete das Wort an den Katzenäugigen: „Kethri, ich habe hier das Anschauungsmodell von etwas, das ich gern diskret aus Edin entfernt hätte.“
Enlil setzte Kethri in über den Sachverhalt in Kenntnis, sich dabei des Äthers und des gesprochenen Wortes bedienend.
„Außerdem wäre ich dir äußerst dankbar wenn du deinem Freund Anubis und ganz besonders Janka gegenüber Stillschweigen über unsere Sicherheitslücke bewahren könntest!“
Kethris Aura strahlte das Äquivalent eines Achselzuckens aus: <Muss dir nicht peinlich sein. So etwas stellt man immer erst fest, wenn man die Grenzsicherheit einem vernünftigen Test unterzieht. Das ist ganz normal.>
Enlil schob das Menschenkind auf den Jäger zu. „Kain Uruk, nach den Gesetzen Erbet-Kibratims, von dem Dilmun ebenfalls ein Teil ist, gehörst du mir. Aber um der Freundschaft willen, die mich mit deinem Vater verband, lasse ich dich gehen. Du wirst jetzt Izimu Qat ohne Widerrede folgen!“
Enlils Dienstmann wiederholte den Befehl, jedoch auf andere Weise: <Komm>, forderte er den jungen Kain auf, ohne dabei zu sprechen.
Einige der Erwachsenen in Dilmun beherrschten diese Ausdrucksweise und Kains Vater natürlich am allerbesten von allen! Bis zu seinem Abenteuer hatte Adapas Sohn die Techniken des Äthersprechens nur ansatzweise verstanden. Auf der „Magurea“ aber, und mehr noch in Edin, gehörte diese Verständigungsweise zum Alltag. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Nefilim ihrer bedienten, hatte bleibenden Eindruck auf Adapas Söhne ausgeübt und sie dazu befähigt, die elterlichen Lektionen endlich auch in ihren eigenen Köpfen umzusetzen.
<Zu Befehl!> antwortete Kain daher forsch.

Obwohl er es den Annunakigeschwistern nicht erlaubt hatte, hinderte der Jäger seinen kleinen Gefangenen nicht daran, sich während des Ganges durch den botanischen Garten an Edins Obstausbeute zu bedienen. Natürlich verstieß es gegen die Parkregeln, doch hatte sich Kethri zwei Ausnahmen zurechtgelegt: die erste, wenn er vor Ninurta angeben wollte und die zweite, wenn es ein Adamu war, der die Früchte pflückte. Wer hier arbeitete, sollte auch etwas davon haben. Kain seinerseits empfand sich als Gast des Gottes Enlil und Gästen bot man stets das Beste an, was Küche und Keller hergaben. Er fühlte sich keiner Schuld bewusst.
„Die nicht!“ befahl Kethri plötzlich und entriss dem Menschenjungen eine gerade gepflückte Traube. „Die ist giftig und zwar nicht von der lange – Sitzung – Sorte, sondern von der tödlichen.“
Nach diesen Worten lies er die Beeren eine nach der anderen im eigenen Mund verschwinden.
„Ich denke, die sind giftig?“
„Für Menschen“, präzisierte der Sternengott. „Aber wo du sie nun einmal abgerupft hast, sollte man sie nicht verkommen lassen.“
Kethri legte die halb entbeerte Traube in der Nähe eines Vogelbades ab.
„Da, schau! Die Tiere fressen sie, scheiden die Samen wieder aus und auf diese Weise wächst eine neue Pflanze.“
„Weiß ich doch längst“, verwehrte sich Adapas Sohn. „Aber wenn deine Vögel das an der falschen Stelle tun, muss der Strauch wieder raus! So ist das!“
„Eine treffende Beschreibung deiner eigenen Situation“, erinnerte Kethri seinen Begleiter.

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