Schnecken im Paradiesgarten (Teil 4 von 8)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 1: Schnecken im Paradiesgarten

Mann und Kind verließen den Park durch das Tor nach Edin-Zehn. Offenbar wollte Kethri zuerst den einen Jungen aus dem Park entfernt wissen, bevor er sich auf die Suche nach dem anderen machte. Kain war das nur recht so, denn je mehr Zeit sich der Sternengott damit lies, umso besser standen die Chancen für Abel, die benötigte Medizin zu stehlen.
Die Gardisten schenkten dem vermeintlichen Sklavenkind keine Beachtung. Selbst wenn ihnen das Fehlen des Wappens aufgefallen wäre oder sie sich erinnert hätten, dass Kethri den Jungen beim Betreten des Parks noch nicht bei sich geführt hatte, sie stellten keine überflüssigen Fragen. Es war doch der Jagdmeister, der an ihnen vorbei schritt und es stand zu vermuten, dass er direkt von einem Treffen mit dem Vizekönig kam. In diesem Fall war es gesünder, kurz in eine andere Richtung zu blicken.
Kethri mochte das farbenfrohe Treiben im Hafen lieber als den Transport- und Besucherverkehr auf den Flugfeldern, den er als hektisch empfand. Er schritt daher zügig über den versiegelten Boden aus, ohne sich ablenken zu lassen.
Eine behäbige Schem hob von einem Startplatz in einiger Entfernung ab. Auf wieder anderen Landeplätzen schwebten Passagierzeppeline ein. Über die Landstraße näherten sich Schwebegleiter der Bewohner des Umlands und ein Kleinbus mit den Nachmittagsausflüglern aus der Stadt. Sich in ihrer grauen Tracht gegen den Hintergrund kaum abhebende Gottheiten setzten ein Haus aus Platten zusammen, wobei sie sich mechanischer Hebewerke bedienten, die mithilfe von Rollen sogar genau wie Autos umherfahren konnten: „Kran“ nannte sich die Erfindung, die auch auf der Magurea benutzt worden war.
Kain, für den all dies vollkommen neu war, vergaß vor Faszination des öfteren, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Der Junge zuckte zusammen, als er den Wortwechsel zweier minderer minderer Gottheiten, Annunaki wurden sie genannt, mitanhörte: „Wenn ich so ein ungezogenes Vieh hätte, würde ich ihm das Rumgetrödel schon austreiben.“
Der Sprecher deutete dabei ein Bewegung an, die einer Ohrfeige ähnelte, Kain aber nur zu gut bekannt war, weil er selbst auf diese Weise seine Reitgerte zu führen pflegte…

„Hier geht es zu den privaten Parkbuchten“, kündigte Kethri schließlich an. <Komm, ab in den Lift!>
Kain verlor die Landebahnen aus den Augen. Eine Fahrstuhlfahrt, bei der alles glatt lief, war allerdings auch nicht zu verachten, fand der Junge. Mit Fahrstühlen hatten er und sein Bruder bereits in der Stadt Edin schlechte Erfahrungen gemacht. Bevor die Geschwister herausgefunden hatten, dass man einem solchen wandernden Raum einfach sagen konnte, wohin man wollte, hatten sie durch wildes Knöpfchendrücken eine wahre Odyssee hinter sich bringen müssen. Auf der „Magurea“ hatte es ja nur die Tasten „Hoch“, „Runter“, „Ganz runter“ und „Hilfe!“ gegeben.
<Wir sind gleich da>, vermittelte Kethris Äthersinn dem Gefangenen, dann öffnete sich die Fahrstuhltür auch bereits wieder vor den beiden.
Kain fasste die verschiedenen auf dieser Etage geparkten Flugmaschinen ins Auge. Sportflugzeuge, Reisemaschinen von Diplomaten, ja, sogar eine Mu des Solist III – Typs warteten auf die Rückkehr ihrer Herren. Manche standen hier unten lediglich vor Wind und Wetter geschützt bis zu ihrer Abreise vom Flugfeld, andere wiederum würden direkt aus dem unterirdischen Hangar heraus starten. Kethri passierte sie alle, ohne langsamer zu werden.
„Das Kleinraumschiff dort hinten ist meins. Dort müssen wir hin.“
<Das ist ein KLEINraumschiff?!> entfuhr es Kain, als er die „Windwandler“ erblickte. „Und ist die blau oder schwarz?“
„Beides“, antwortete der Eigner grinsend.
„Izimu!“ ertönte eine Stimme im Rücken der beiden.
Dem Lift entstieg Asaluhi Ea. Der Annunaki schloss eiligst zu Kethri auf und hielt auf dem Weg zu der schwarzen Mu mühelos mit dem größeren Mann Schritt.
„Asaluhi Ea, Kain Uruk“, stellte Kethri vor. „Und das dort vorn, Kain, das ist die ‚Windwandler’!“
Im Schatten der Mu wartete bereits Schen, der Kain ebenfalls vorgestellt wurde.
„Immer noch nicht Ninurta“, bemerkte Schen angesichts Izimus neuen Begleiters. Er und sein Bruder sahen nun den zweiten Menschen in ihren Leben.
„Wer ist eigentlich für Adamu zuständig?“ erkundigte sich Asaluhi. „Die Biologen? Veterinäre? Mediziner?“
Kethri hob Kain auf eine bereitstehende, den Piloten die Leiter ersparende Hebebühne, sprang hinterher und schob Kain am Ende dieser neuerlichen Fahrstuhlfahrt durch die Einstiegsluke ins Innere der „Windwandler“.
„Wir“, antwortete er schlicht auf Asaluhis Frage, als dieser nachkam.

Kain streckte den Kopf wieder aus der Maschine. „Warum habt ihr uns dann erst rausgeschmissen?“
„Sh!“ machte ein etwas jüngeres Kind.
Eine kleine, aber sehr bestimmt zerrende fünffingrige Hand zog den Menschenjungen wieder zurück. Erst als Kain den Jüngeren an seiner Tunika ziehen spürte, nahm er überhaupt wahr, dass sein kleiner Bruder die ganze Zeit über bereits im Cockpit der Mu gesessen hatte.
„Abel! Wenn du willst, kannst du unsichtbar werden! Wie haben die ausgerechnet dich erwischen können?“
Abel zuckte die Achseln.
„Hätten sie´s nicht, wären wir ganz umsonst hergekommen. Der Gott Izimu hat mir erklärt, dass sich sein Freund Vati erst angucken muss, bevor er weiß, wie er ihn wieder gesund machen kann.“
„Dieser da?“
Kain funkelte Asaluhi an. Der Mediziner fühlte sich unter diesem Blick wie ein weiterer Ausrüstungsgegenstand, der zu funktionieren hatte. Oh, ja, in dieser Spezies steckten eindeutig Nefilimgene!
Als letzter kletterte Schen ins Cockpit. Der Annunaki strahlte Aufregung und Vorfreude in den Äther. Zuerst der Park, dann der unerwartete Fang des jungen Abel und nun stand auch noch ein Besuch in Haus Uruk bevor? Der erste Tag nach der Entlassung aus der Quarantäne war ebenso ereignisreich wie jener nach dem Absturz der „Schusar“ – mit dem Unterschied, dass Schen sich diesmal im Vollbesitz seines Verstandes befand.

Bevor er startete, atmete Kethri Izimu tief durch. Sein Blick ruhte auf den beiden Knaben, die Adapas Söhne und damit Sjurens Enkelkinder sein sollten. Was sie darüberhinaus über ihre Mutter und Prometos´ Kreuzungsexperimente von den Kreaturen der Erde mitbekommen hatten, blieb unklar.
Kain hatte Adapas große schwarze Augen geerbt. Abels Pupillen standen deutlicher abgegrenzt in seinen dunkelblauen Augen, aber sein Haar war schwarz, nicht blau. Die Gesichtszüge der Geschwister orientierten sich an den sich allmählich für Adamu als normal herauskristallisierenden. Sonderlich ähnlich sahen sie ihrem nach den Nefilim schlagenden Vater damit nicht.
„Ich bin Kethri Izimu Qat“, stellte sich der Jäger noch einmal vor. „Ich war ein Freund eures Vaters. Man könnte sagen, wir sind zusammen aufgewachsen, in Eridu.“
Der Nefilimfürst schloss die Augen. Er sorgte dafür, dass die nun vor seinem inneren Auge ablaufenden Erinnerungen im Kopf von Adapas Kindern ankommen würden…

<Kethri, den einjährigen Adapa auf dem Arm, dieser vergeblich mit seinen kurzen, in einem mit Spitze besetztem Strampelanzug steckenden Ärmchen nach einer Kameralinse greifend. Kethri spricht etwas in diese Kamera, unterbrochen von dem Kleinkind.
Adapa: „Ga?“
Kethri: „Die Sachen, die du nicht sehen darfst? Dabei geht´s ums Kindermachen, das ist nur was für Erwachsene.“

„Bist du, Adapa Ea, nicht der Meinung, dass es Pudding viel öfter geben müsste?“
„Und ob ich das bin, Kethri!“
„Es gibt da eine besondere Sorte, die du noch nie gegessen hast. Ich habe sie selbst erst zweimal gekostet und arbeite daran, das zu ändern…“

Kethri und Adapa, scharf beobachtet von einem Enlil zum Verwechseln ähnlich sehenden Sternengott.
„Kethri! Wovor hast du denn Angst?“
„Offen gestanden vor dir, Adapa. Kleine Kinder gehen mit ihrem Äthersinn oft völlig unbeherrscht um und du hast mich vor fünf Jahren ziemlich heftig erwischt.“
„Magst du deswegen keine Kinder?“
„Unter anderem. Die Lautstärke spielt allerdings ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle dabei.“
„Na ja, in Ordnung. Aber ich bin ja jetzt kein kleines Kind mehr! Und ich will nicht, dass Leute Angst haben müssen!“

Kethri, der jugendliche Adapa und zwei Gleichaltrige um einen Kneipentisch sitzend, zu ihren Füßen ein verschütteter Drink.
An´ti: „Bedienung! Vier Mokeleklauen bitte!“
Adapa: „Keine Schmetterlinge?“
An´ti: „Wo denkst du hin, Adapa! Hast du nicht gesehen, wie das Mokelezeug gedampft hat, als es mit dem Holz der Dielen in Berührung kam?“
Der Annunakijugendliche zieht einen hölzernen Zahnstocher aus einer in den Tisch eingelassenen Vertiefung und hält ihn wie einen Cocktailspieß zwischen den Fingern.
An´ti: „Ich wette, das ist guter Stoff!“

Kethri, eine Kampfpilotenrüstung tragend, zu Adapa: „Für dich wird es dennoch bitterer Ernst. Enki inszeniert deine Abschlussprüfung.“

Adapa vor dem Jäger stehend, gewandet in eine mitgenommene Fliegerkombination und mit den Resten von Ockerfarbe in seinem Gesicht, Kethri vor diesem zurückweichend.
Adapa: „So kannst du mit den Prinzen sprechen, aber nicht mit mir! Keiner von euch hat das Recht dazu!“

Kethri auf einem großstädtischen Flughafen: „In Edin werden in diesen Tagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gewisse Pläne in Gang gesetzt. Ich bin auf dem Weg dorthin, begleitest du mich?“
Ein strahlender Adapa: „Da fragst du noch?“

Enlil Alulim fixiert Adapa, Kethri beobachtet den Wortwechsel aus dem Hintergrund, Prometos hält seine fünfjährige Tochter im Arm.
Enlil: „Er wird Ergebnisse bringen?“
Adapa: „Ja. Wir müssen es, damit wir das Projekt behalten dürfen.“

Kethri zieht seine Pistole aus dem Halfter und richtet sie auf Adapa.
Adapa: „Das war nicht abgesprochen!“

Kethri und Adapa in Feldbetten liegend, vor dem Fenster ihrer Kabine der Weltraum.
Adapa: „Das war sicher der kürzeste Krieg in der Geschichte.“>

Adapas Söhne zeigten sich besonders von der Erinnerung an ihren Vater im Kleinkindalter beeindruckt. „Er hat wirklich ‚Ga!’ gerufen!“ teilten sie sich unter Heiterkeitsanfällen immer wieder gegenseitig mit.
„Ga!“ machte Abel, woraufhin sich der Ältere vor Lachen brüllend auf die Schenkel schlug.
Der Sechsjährige zupfte Kethri an dessen Jagdhemd.
„Du weißt lustige Sachen. Lach doch mal!“
„Nein. Als ich noch lachte, habe ich bloß nicht begriffen, was für Mist wir alle bauen.“
Dröhnend stieg die „Windwandler“ in den Himmel.
„Adapas Frau ist unterwegs nach Shuruppak?“ kam Asaluhi auf ein von Enlils Anruf unterbrochenes Gespräch mit Abel zurück. Bereits beim ersten Hören hatte er es kaum glauben können. „Ein weiter Weg, aber ein völlig unnötiger. Von den Symptomen her verfügt jedes beliebige Ortskrankenhaus über einen Vorrat der nötigen Medikamente. Ich habe mich in der Stadt mit <hoffentlich> allem, was Abels Beschreibung der Krankheit nach infrage kommen könnte, eingedeckt.“ Der Mediziner lachte hell: „Und mit den Vitaminen, die auf Ki von ganz allein wachsen, benötigen wir auch kein Shuruppak! Den Infoheftchen zufolge, die sie uns am Parktor aufgedrängt haben, muss die Gegend um Mictlan die reinste Apotheke darstellen!“
„Bakchos deutete etwas in der Richtung an“, erwiderte Kethri.

Das Gespräch der Sternengötter ging über Kains und Abels Köpfe hinweg. Die Kinder pressten ihre Nasen gegen die Scheiben, als sich die Mu in Fluglage senkte und sie ihren ersten Eindruck der Welt von oben erhielten.
„Wie hoch kann die ‚Windwandler’?“ erkundigte sich Abel.
„So hoch“, sagte Kethri, „dass die ganze Welt von oben nur noch wie ein blauer Punkt inmitten der Dunkelheit aussieht.“
Die Brüder schüttelten einträchtig die Köpfe. Auf diese Weise machte das Fliegen sicher keinen Spaß mehr!
Kethri lies seinen Dreiecksflieger so tief wie möglich in Richtung Dilmun gleiten. Er wählte nicht die direkte Route über den Golf, sondern flog zuerst zum Festland und anschließend parallel zur Küste. Selbst im Bummelflug würde er für die Strecke keine ganze Stunde benötigen.
„Eine kleine Tour über unser schönes Buranumtal gefällig, Schen, Sal?“
Schen stieß Asaluhi in die Seite als unter ihnen eine Gazellenherde vorbeizog. Bei den Gazellen blieb es nicht.
„Mufflons, Rehe, Wildrinder … und das Schönste: völlig unbekannte Kreaturen! Ich hoffe, du hast dein Jagdmesser mitgebracht, Bruder!“
„Flieg höher, Izimu!“ bat Abel. „Wir erschrecken sonst die Tiere!“
Kain winkte ab. „Dann laufen die wenigstens mal richtig und wir können sehen, wer der Schnellere ist!“
Ohne eine weitere Warnung zu benötigen, klickten die Annunakihalbbrüder in den hinteren Sitzen ihre Sicherheitsgurte ein. Im selben Augenblick zog Kethri die „Windwandler“ hoch und beschleunigte. Die Kinder wurden erst aus dem Stand zwischen die Sitze geschleudert und dann in die Polster gepresst.
„So fühlt es sich an, einen ordentlichen Schrecken eingejagt zu bekommen“, teilte Kethri Adapas Sohn mit.
Kain hielt anklagend den Finger auf den Piloten gerichtet und keuchte: „Bisher wusste ich nicht, was Vater damit meint, wenn er sagt ‚gemeingefährlich’!“
Weit, weit, entfernt von den fünf Intelligenzwesen aber gingen die Gazellen weiter ungestört ihrem Gazellentum nach.

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