Schnecken im Paradiesgarten (Teil 5 von 8)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 1: Schnecken im Paradiesgarten

Halbinsel Dilmun.
Domäne Uruk.
Adapas Dorf.

Von oben bot sich den Ankömmlingen aus Edin ein umfassender Blick über Adapas Dorf. Hätte Kethri nicht abrupt beschleunigt und den Anflug in Rekordzeit hinter sich gebracht, wäre den Außerirdischen aufgefallen, dass die Menschen zwar viele winzige Siedlungskerne innerhalb ihres Tals angelegt hatten, die restliche Halbinsel jedoch unberührt blieb.
Das eigentliche Dorf beherbergte nicht nur die sesshaften Ackerbauern, sondern auch jeder, der sich das Jahr über als Hirte, Bergmann oder Fallensteller betätigte, besaß eine aus mindestens einem Raum und einem Schuppen bestehende Hütte hier. Die Behausungen der Dörfler verteilten sich auf drei um einen zentralen Versammlungsplatz verlaufende Bebauungsringe. Wuchs die Gemeinschaft, wurde derzeit noch aufgestockt oder ein neuer Ring begonnen. Zu klein war die Gemeinde, zu ungezähmt die Wildnis, um ein zweites Dorf auf der Halbinsel zu gründen. Es blieb bei den über das Tal verstreuten temporären Unterschlüpfen, deren Bewohner sich als als Teil der Dorfgemeinschaft betrachteten, selbst wenn sie nur die geringste Zeit des Jahres im Dorf verbrachten.
Die Sternengötter schauten sich vergebens nach einer Dorfkneipe oder Geschäften um. Sie entdeckten allerdings zwei kleine Schmieden und vor beinahe jeder Hütte Hinweise auf handwerkliche Betätigung.
Mehrere Pfade aus festgetretener Erde führten aus dem Dorf hinaus zwischen den Feldern hindurch in Richtung Wald, zur Lehmgrube und zu einer kleinen Kupfermine. Das Vieh wurde von Hirten über das gesamte Tal getrieben, je nachdem, wie es der Zustand der Weiden gerade verlangte, wohingegen im ganzen Dorf Kleintiere wie die aus Shuruppak mitgebrachten Hühner und Katzen präsent waren. Insgesamt schien die Großviehzucht nur einen geringen Teil der Versorgung auszumachen und auch Jagd und Fischfang wurden nur von wenigen Menschen betrieben. Die Dilmuner betätigten sich in erster Linie als Ackerbauern, wenn man dem Ersteindruck Glauben schenken durfte. Die meisten von ihnen befanden sich gerade auf den Feldern, als die „Windwandler“ sich ihrem Refugium näherte.

Die Ankunft der Sternengötter in ihrer schwarzen Mu wurde von den Menschen Dilmuns vorerst hingenommen wie jedes andere Wetterereignis. Man konnte sich gegen die Auswirkungen schützen, es aber nicht verhindern.
In den sechzehn Jahren ihres Exils hatten sich die meisten ehemaligen Sklaven einen gewissen Abstand zu ihrer Vergangenheit erarbeitet. Der ständigen Präsenz ihrer Herren entzogen, war ihnen der unterwürfige Wesenszug zwar nicht abhanden gekommen, hatte sich aber zu wiederkehrenden, haltbietenden Rhythmen und Ritualen, gepaart mit einem gewissen Stoizismus gewandelt. Nicht länger würden die Dilmuner auf ein Kopfnicken der Außerirdischen hin für diese niedere Arbeiten ausführen. Sie würden zögern, kurz nachdenken und dann zu dem Schluss gelangen, dass sie sehr wohl dienen würden müssen, aber aus anderen Gründen als einst, nämlich, damit die mächtigeren Götter das wehrlose Dilmun nicht dem Erdboden gleich machten. Denn dass eine Verweigerung der ihnen zustehenden Dienste die Sternengötter aufbrachte und selbst unbedingter Gehorsam nicht vor ihren Grausamkeiten geschützt hatte, hatten die Menschen nicht vergessen.
Doch nicht umsonst existierten mit den Titanen Vermittler zwischen Menschen und Sternengöttern. Die Dilmuner Gemeinde erwartete daher auch an diesem Tag klare Regeln zum Umgang mit den Fremdlingen in ihrem Raumschiff von ihren „Priestern“. Da ihnen diese noch keine entsprechenden Rituale vermittelt hatten, fuhren sie in ihrer Tätigkeit fort, bis die Titanen ihnen andere Handlungsanweisungen übermittelten. Doch das Kinderlachen ertönte unsicherer, die Scherze unter Freunden leiser und die Handwerker und Feldarbeiter wurden unkonzentrierter in ihren Bewegungen. Immer wieder warf jemand neugierige Blicke in Richtung der „Windwandler“.

Bereits als sich die Mu im Anflug auf das Tal befunden hatte, waren Pyrrha und Deukalion vor ihre Hütte getreten. Nun hatten sie das Dorf bereits hinter sich gelassen und schritten über die Wiese auf die dort gelandete fremde Mu zu. Aufgrund der Tatsache, dass das Schiff noch nicht die Waffen hatte sprechen lassen, schlossen die beiden auf einen diplomatischen Besuch und würden die Boten des Bundes der Fünfzig Namen in aller Würde empfangen.
Als der Mu dann aber noch vor dem vertrauten Anblick „Mummus des Götterboten“ die beiden Söhne Adapas entstiegen, setzte sich Pyrrha so schnell es ihr in ihrem Alter noch möglich war, in Bewegung. Sie eilte auf die Kinder zu und begrüßte jeden der Knaben mit zwei saftigen Ohrfeigen!
<Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht, uns so in Sorge zu versetzen?>
Dem empörten „Aua!“ der Geschwister folgte Gelächter. Als sei ein Bann gebrochen, umringten die Dilmuner nun die Gäste. Kethri Izimu nahm schwach ihre Ätherpräsenzen wahr. Hätte es sich bei den Menschen noch um wilde Tiere gehandelt, er hätte sie in diesem Medium deutlicher verstehen können. „Sprechende Tiere“, die der eigenen Art so ähnlich waren, wie die Menschen, die Sänger oder die Horde, stellten den Jäger allerdings immer wieder vor Schwierigkeiten. Sein Unterbewusstsein schien sie durchweg als Nefilim wahrzunehmen und schaffte es nicht, den winzigen Sprung auf die eigentliche Frequenz der Fremdwesen zu vollführen. Mithilfe der von Enki und Ninki erlernten Techniken gelang es dem Jäger zwar meist, Adamu im Äther zu greifen, doch es geschah nicht so selbstverständlich, wie er mittlerweile mit der Tierwelt Kis kommunizierte. Zum Glück für die Gäste, gerade die völlig untrainierten Annunakibrüder, verließen sich die Menschen vorrangig auf ihre Stimmbänder. Sie empfingen zwar die stärkeren der Gefühle ihrer Mitmenschen, doch kaum jemand unterzog sichd er Mühe, gezielt in den Äther zu senden. Kethri hörte sie durcheinander sprechen:
„Die Sternengötter haben uns die Ausreißer wiedergebracht!“
<Komisch.> „So wohlmeinend habe ich sie gar nicht in Erinnerung?“
„Schatz! Das sind die Schöpfer der Welt!“
„Der Menschen, meinst du.“
„Nein, mein Freund, deine Frau hat Recht. Die Sternengötter haben die Welt geschaffen. Sie werkeln jetzt noch daran herum. Jedes Frühjahr dieselbe Plackerei mit den Feldsteinen – wer außer den Sternengöttern hätte wohl so einen miesen Charakter, uns das anzutun?“
Kethri realisierte, dass die von Enqatl befürchteten Verdrängungsprozesse noch nicht eingesetzt hatten. Sechzehn Jahre nach dem Vertrag von Uruk sahen die Dilmuner die Außerirdischen nicht verklärt, sondern endlich so, wie sie wirklich waren.

„Pyrrha! Sind die Pferde wieder heil im Dorf angekommen?“ verlangte der kleine Abel zu wissen.
„Das sind sie! Gesund und wohlbehalten!“
„Na, warum regst du dich denn dann noch so auf?“ wunderte sich Kain. „Wenn den Gäulen doch gar nichts passiert ist?“
Pyrrha schnaubte. Sie packte einen Jungen mit jeder Hand und zog sie mit sich fort.
Deukalion verschränkte die Arme.
„Man kann´s ihr nicht verübeln“, erklärte er. „Erst stehlen die Kinder die Pferde aus dem Stall, dann kehren die Tiere wieder heim, aber ohne ihre Reiter.“
Abel wand sich in Pyrrhas Griff. Über die Schulter rief er: „Der Brief, Deukalion! Habt ihr denn den Brief gar nicht bekommen?“
Pyrrha platzierte die Brüder auf einer Sitzbank am Dorfrand. Sie sandte ihnen eindringliche Warnungen, nicht unaufgefordert wieder aufzustehen.
„Ich trage ihn ständig bei mir“, erklärte sie dann. Die Menschenfrau kehrte zu den Besuchern zurück und reichte Kethri eine zusammengerollte Schreibfolie.

Frau Pyrrha,

Deine kleinen Vettern sind überraschend bei uns in der Stadt aufgetaucht. Sie haben mir von Adapas Erkrankung berichtet und Medikamente gefordert (sie stehen wohl auf dem Standpunkt, dass wir schuldig an der Krankheit oder zumindest der Unterlassung schuldig seien). Gern wäre ich dieser Bitte nachgekommen, doch muss ich die entsprechenden Präparate selbst erst bestellen. Sobald die Medikamente in Urukwacht eintreffen, finde ich einen Weg, sie über die Grenze zu schmuggeln.
Den Kindern habe ich ausführlich erklärt, dass sie sich durch ihre Anwesenheit in unseren Domänen in große Gefahr begeben haben. Sie schlafen satt und friedlich bei mir im Haus und werden morgen früh den Ritt nach Hause antreten.

In der Hoffnung auf baldige Besserung,
Iznak Alulim

gegeben zu Urukwacht, am Tag der Dämme…

„Den Weg nach Hause! Wo ihr aber nie ankamt!“ rief Pyrrha.
„Nur die beiden Pferde kehrten heim und unter den Deckengurt geklemmt fanden wir diesen Brief“, berichtete sie Kethri. „Ich sah die Jungs bereits tot irgendwo in der Wildnis zwischen unserem Tal und Urukwacht liegen. Unsere jungen Männer haben die Spuren zurückverfolgt, soweit sie es vermochten. Aber der einzige taugliche Fährtenleser im Dorf ist nun einmal Prometos…“
„Der sich derzeit auf dem Überlandweg nach Shuruppak befindet?“
„Gemeinsam mit Cheva, ja. Sie wollen in der Hospitalstadt um Medikamente bitten.“
„An irgendeiner Stelle habe ich den Faden verloren, was diese Pilgerreise angeht“, gestand Kethri. „Aber sei mal ehrlich, Pyrrha, wer Adapa kennt, kann doch nicht wirklich davon ausgegangen sein, dass seine Jungs tatsächlich brav heimkehren, bevor sie erhalten haben, was sie wollten?“
„Das war unser einziger Trost“, stimmte Deukalion zu. „Doch diesem ‚Trost’ folgten unzählige weitere Schreckensszenarien.“
„Ha, ja! Ihr habt ja Recht. Nun, ich habe einen Arzt mitgebracht. Asaluhi und Schen sind alte Freunde, das heißt, ihr könnt ihnen ebenso wenig vertrauen wie mir.“
Pyrrha schüttelte mitleidig den Kopf. Unwillkürlich trat sie näher an den Nefilim heran, wollte schon die Hände heben, verbot es sich dann jedoch im letzten Moment.
„Kez… diese Bitterkeit!“
„Weißt du nicht mehr, was du mir über die Welt erklärt hast, als du sechs Jahre alt warst? Ich scheine selbst mit Ninurtas Hilfe nicht mehr so gut darin zu sein, es zu vergessen.“
<Und besitzen wir nichts Gutes, an das zu erinnern sich eher lohnte, Jäger?>
<Hehe, das schon – aber nicht vor Deukalion oder Ninurta!>
Kethris „Hehe“ bestand aus zwei gedachten Silben, denn echte Heiterkeit wollte nicht aufkommen, wenn man seiner Jugendliebe (oder zumindest einer von vielen Jugendlieben) als einer greisen Frau gegenüberstand.

Pyrrha und Deukalion als alte Leute zu erblicken bedrückte Asaluhi und Schen kein bisschen, hatten sie das Ehepaar ja nicht im Kindesalter kennen gelernt. Leichthin erkundigte sich der Sal nach dem Haus seines Patienten.
„Na dort, wo seine Kinder sitzen“, gab ein dilmuner Titan Auskunft.
Bei dem Haus im äußeren Ring, vor dem Kain und Abel auf der Bank saßen, handelte es sich um Adapas Wohnstatt. Sie hob sich nicht von den Häuschen seiner Gefolgsleute ab. Zwar hatten der Mustermensch und seine Familie ihre Hütte ebenso individuell gestaltet wie jede Dilmuner Familie, sich aber keine herausragende Präsenz vor den anderen herausgenommen.
Zwei kleine Mädchen hockten den Söhnen des Hausherren gegenüber am Boden, zwei weitere gesellten sich ihnen hinzu. Kethri und den Annunaki fiel es nicht leicht, Menschen anhand ihrer Gesichtszüge Blutlinien zuzuordnen. So mussten sie bis auf weiteres davon ausgehen, dass alle sechs Kinder der Verbindung des Mustermenschen mit Cheva entsprungen waren.
Kethri legte eine Gartenschere in Adapas verwaisten Werkzeugkorb, bevor er das Haus betrat. „Ein Geschenk des Vizekönigs“, erklärte er auf den fragenden Blick der Kinder. Dabei fragte er sich insgeheim, wann Enlil das „Geschenk“ wohl zu vermissen beginnen würde…
Dann verschwanden alle drei Götter in Adapas und Chevas Haus.

Abel blieb mit geschlossenen Augen auf der Bank vor der Tür sitzen. Die beiden neben ihm sitzenden Mädchen waren seine Schwestern. Als wären sie kleine Nefilim, waren die Brüder Kain und Abel jeder mit einer Zwillingsschwester auf die Welt gekommen. Lebuda, die ältere, hielt Abels rechte Hand, Kelimat die linke. Gemeinsam teilten sie die Sorgen des Jungen: Was, wenn all der Ärger, den sich die Brüder aufgehalst hatten, umsonst gewesen war? Wenn die Krankheit ihren Vater fortnahm und die Mutter auch nicht zurückkehren würde? Die Erwachsenen würden dann lamentieren, ihrer Anführer beraubt zu sein und dass die Sternengötter möglicherweise zurückkehren würden. Als ob so etwas dann noch wichtig wäre…
Der ältere Sohn des Erkrankten schenkte dem Trio auf der Sitzbank keine Beachtung. Auch die beiden Nachbarskinder wurden von ihm ignoriert. Kain schlich eine Zeitlang um des Vaters Werkzeugkorb herum, bevor er entschlossen nach der neuen Schere griff und sich ins Salatbeet in Adapas Garten neben dem Haus hockte.
SCHNIPP!
Eine Nacktschnecke fiel, in zwei Hälften geteilt, zu Boden.
Oh, ja, dachte der Knabe. So ist es perfekt!

Anmerkung: „Mustermensch“ ist die wörtliche Übersetzung von Adapas Namen. Man denke hier eher an ein Schnittmuster als eine mustergültige Lebensführung.

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