Schnecken im Paradiesgarten (Teil 7 von 8)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 1: Schnecken im Paradiesgarten

Unterdessen im Dorf:

So leise wie stets war der jüngere Bruder an Kain herangetreten. Adapas und Chevas Erstgeborener hatte Abel weder von der Bank aufstehen, noch auftreten gehört. Er sah nur den Schatten des anderen auf sich fallen.
Kain sah auf und lächelte dem kleinen Bruder zu. Abel wirkte irgendwie grünlich um die Nase, als sei ihm übel.
„Ach herrje… Armer Kerl! Jetzt, wo unser Abenteuer überstanden ist, wird dir flau im Magen? Naja, besser als unterwegs, sag ich mal. Komm, setz dich neben mich, ich zeige dir was Tolles!“
Doch Abel war nicht entgangen, was der Bruder im Salatbeet tat. Genaugenommen war seine aufsteigende Übelkeit direkt auf Kains Tätigkeit zurückzuführen. Hätte er nur die Augen geschlossen gelassen!
„Was machst du denn da?!“
„Unsere Salaternte vor den Schnecken retten“, erklärte Kain und führte es gleich noch einmal vor, da sich nun auch die Mädchen um das Beet versammelt hatten.
„Ui!“ rief die kleine Kelimat aus. „Guck mal, Lebuda! Asura! Awan! Schaut doch alle mal her! Kain führt Krieg gegen die Schnecken!“
Asura wandte ihren Blick rasch wieder ab. Awan schürzte die Lippen, unschlüssig, wie sie zu Kains Kriegszügen mit der Gartenschere stehen sollte.
Bei den beiden Mädchen handelte es sich um Töchter zweier Paare befreiter Sklaven. Asura, neun Jahre alt und damit das allererste im Dorf geborene Kind, war ein Mensch. Ihre Verwandtschaft zu Adapa lag so viele Generationen zurück, dass sie von den Dilmunern schon nicht mehr als real empfunden wurde.
Die achtjährige Awan war aus der Verbindung eines noch in Shuruppak geborenen Enkels Pyrrhas und einer Menschenfrau hervorgegangen.
Wie stets traten die vier etwa gleichaltrigen Mädchen in einer Traube auf. Sie waren derzeit die einzigen Kinder Dilmuns. Lebuda zeichnete sich durch vollende Schönheit aus, Kelimat war künstlerisch äußerst begabt und darüber hinaus hatten beide Mädchen die Intelligenz ihres Vaters geerbt. Awan war ein wildes Kind, das Regeln brach, nur, um zu beobachten, wie die Erwachsenen darauf reagierten, und Asura, die Älteste und doch Kindlichste im Bunde, war eine loyale Freundin, deren Lebensträume allerdings monatlich zu wechseln schienen.

Abel ignorierte die Spielgefährtinnen. Barsch fuhr er den Bruder an: „Hör auf damit!“
Ungerührt zerschnitt Kain eine weitere Schnecke. Für jede, die er zerteilte, schienen vier neue nachzuwachsen.
„Oder du tust was?“
Der Junge lächelte spöttisch, als er keine Antwort erhielt. Selbst die Mädchen hätten ihrer Aufforderung Nachdruck verliehen und ihn gemeinschaftlich mit Fußtritten ins Salatbeet befördert. Nicht so Abel. Der jüngere Bruder kämpfte nicht. Nie. Bis zu diesem Tag hatte er einfach keine Veranlassung dazu gesehen.
Abel schob Kains Hand mit sanfter Gewalt zur Seite. Überrumpelt widersetzte sich Adapas älterer Sohn nicht einmal verbal. Abel sammelte die überlebenden Schnecken ein.
„Die tragen wir jetzt auf die Wiese, wo sie hingehören!“ verkündete er. „Sonst hole ich die Götter!“
Kain wollte nicht, dass der Bruder die Gäste aus Edin alarmierte. Er wollte diesen Augen nicht noch einmal begegnen, nicht den unbeschwert-fröhlichen, nicht den treudoof-naiven und schon gar nicht denen des Raubtiers, das außen ums Dorf schlich und dabei alle deine Geheimnisse lernte. Kain hatte sich die Namen der Fremdlinge gemerkt: Schen, Asaluhi und Izimu.
„Lass die, wo sie sind“, knurrte der Junge. „Sie müssen erst ihre Arbeit fertig machen!“

Widerwillig half Kain, die die Schneckenplage in ein kleines Wäldchen im das Dorf umgebenden Grasland umzusiedeln. Die Geschwister hielten sich in Sichtweite der Ewachsenen, da sie nach ihrem Ausreißen guten Willen demonstrieren wollten.
„Hör auf, dich am Korb festzusaugen, du blödes Ding!“ schnarrte Kain eine der Schnecken an, die sich partout nicht aussetzen lassen wollte. „Mach dich fort!“
Kain zerrte an der Schnecke, doch sie riss weder, noch bewegte sie sich aus dem geflochtenen Korb fort.
Abel hielt dem Bruder ein Salatblatt unter die Nase.
„Probier´s mal hiermit! Lass sie draufkrabbeln, äh, draufschleimen!“
„Du hast auch noch Salat für die Mistviecher gepflückt?“ entfuhr es dem Älteren.
Er blickte vom Hain zum elterlichen Garten und schauderte, als ihm die Gartenschere wieder einfiel. Enlils Schere… der Salat… ein Abschiedsgeschenk an die Unerwünschten…
Die Reise nach Edin hatte alles für Kain verändert, sein Bild der Sternengötter, seiner Heimat und seiner selbst. Sehr vorsichtig, als erwarte er, dass die Kreatur jeden Moment Feuer spiee, löste der Junge die widerspenstige Schnecke aus dem Korb. Er setzte sie erst auf das Salatblatt und dann auf den Boden. Schweiß perlte Kains Stirn herab, da die ihm angeborene Mustererkennung nun Schnecke und Mensch übereinander schob.
„Das sind wir auch bloß…“
„Was meinst du?“
Ohne den Bruder anzublicken reichte Kain ihm den Korb zurück.
„Geh“, bat er den Jüngeren.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Geh! Hau ab!“
„Aber…“
„Ich bin der Ältere, du hast mir zu gehorchen! Mach dich fort! Geh nach Hause!“
Verwirrt schlich Abel davon. Er war noch nicht weit gekommen, da sah er, wie der väterlichen Hütte die drei Götter entschlüpften. Abel nahm er die Beine in die Hand! Im Laufen brüllte er den Namen des Bruders über die Schulter: „Kaaiin! Komm endlich! Sie sind fertig! Vati geht es gleich besser!“
Kain erhob sich. Ein letztes Mal blickte er auf die Nacktschnecken zu seinen Füßen. Der Junge wusste, er würde nie wieder nach ihnen sehen. Sollten sie wandern und sich vermehren, er würde sie ja doch nicht wiedererkennen. Eine Träne perlte Kains Wange herunter. All die Geschichten und Andeutungen der Erwachsenen ergaben plötzlich Sinn, doch es war ein düsterer Sinn, den gefunden zu haben keine Freude bereitete.
Die haben uns rausgeworfen, weil wir zu schmutzig für ihren schönen Garten waren! Für die Sternengötter sind wir die Schnecken.

Die drei Sternengötter standen vor Adapas Hütte. Im Vertrauen auf ihre Heilkunst plauderten sie angeregt über den Anflug und tauschten ihre Ersteindrücke von der Halbinsel aus. Den wild auf die drei zustürmenden kleinen Jungen fing Asaluhi mühelos ab. Um den Aufprall zu dämpfen, wirbelte er das Kind einmal um seinen Körper herum, bevor er es wieder absetzte. Die ganze Zeit über blieb seine Aufmerksamkeit auf die Konversation mit den beiden anderen Erwachsenen gerichtet: „Sind dir eigentlich vorhin die ganzen Wildfährten hier im Tal aufgefallen, Kez?“
Abels Herz vollführte einen kleinen Freudensprung! Eine solche Frage stellte man nicht, wenn man gerade vom Lager eines Todkranken kam! Dann spielte man auch nicht beiläufig mit dem Kind des Todeskandidaten!
Izimu nickte „Gesehen habe ich die schon, Sal. Aber dabei wird es auch bleiben.“
Der Nefilim deutete mit dem Kopf auf Abel, seine Begleiter daran erinnernd, dass sie nur geduldete Fremdlinge im Reich von dessen Vaters waren. „Wir befinden uns außerhalb unserer Domänen. In diesen Breiten hält nur Adapa das Jagdrecht.“
Abel hüpfte um die Sternegötter herum.
„Unserem Vater geht es besser!“ verkündete er dabei den Schwestern, als gäbe es daran nicht den geringsten Zweifel.
„Er schläft“, berichtigte Asaluhi.
„Endlich erholsam“, fügte Schen hinzu.
„Aber wenn er aufwacht, wird er etwas kräftigendes zu essen benötigen“, nahm Asaluhi den Faden wieder auf. <Nein, Kez, kein Wort über geräucherte Vorräte! Der Mann braucht rotes Fleisch frisch vom Knochen!>
Lebuda wusste nicht, wieso ihr plözlich das Bild ihres Vaters vor Augen stand, wie dieser herzhaft in ein Kotelett biss, doch die Idee gefiel ihr. Sie gefiel dem Mädchen so gut, dass es sie sogleich mit den fremden Heilern teilen musse!
„Wir haben einen Jäger im Dorf“, fügte Lebuda hinzu. „Nur ist der unterwegs nach Shuruppak.“
Schen klatschte in die Hände wie ein kleiner Junge.
„Wunderbar! Zeigst du uns, wo euer Jäger seine Ersatzwaffen aufbewahrt?“
„Ja. Wir dürfen sie ja nicht anfassen. Aber so, wie ihr Vati wieder gesund macht, denke ich, dass ihr klug seid und euch nicht daran verletzt.“
Die Geschwister folgten Adapas Tochter. Kethri zögerte noch, sich den Freunden anzuschließen, da ergriff das Kind Abel seine Hand.
„Du bist wohl kein Jäger? Ich auch nicht.“ Adapas Sohn zog den Erwachsenen mit sich. „Aber das lernst du schon!“
Mittlerweile kam auch Kain vom Waldrand angetrottet. Er sah, wohin seine Zwillingssschwester die Götter führte, verschränkte die Arme und rief dem Bruder mit hohntriefender Stimme nach: „Nicht auf die Schnecken treten, wenn ihr in den Wald geht!“
„Weder auf Schnecken noch überhaupt etwas“, wiederholte Kethri seine Anweisung an die Alulim-Geschwister. „Wir sollten wirklich nicht in Adapas Revier wildern!“
Doch Adapas Kinder waren Feuer und Flamme von der Idee. Schen erzählte Lebuda und Abel gerade, dass sein adliger Stadtherr stets Bärenkamm an seine Gemeinde verschenkt hatte, wenn er einen geschossen hatte. Die Kinder sahen den Enun-Bären mit seinem machtvollen Rückenkamm im Kopf des Sternengottes und erfuhren über diese Verbindung, dass es eigentlich Flügel hätten werden sollen. Nur war das Tier zu schwer zu Abheben war und nutzte seine Knochen daher anderweitig. Wer so viel über Bären wusste, dem passierte gewiss nichts im Wald! Außerdem würde sich Vati über den frischen Braten freuen!

Noch immer unwillig betrat Kethri Prometos´ Jagdhütte als letzter. Er hatte kaum Augen für die Pelze und Häute, die Speere und den Bogen, den der Titan mittlerweile „erfunden“ hatte. Asaluhi und Schen hingegen verhielten sich wie zwei Kinder, denen man das Tor ins Spielzeugland geöffnet hatte, nachdem sie unsägliche vier Stunden in der Schule hatten verbringen müssen.
„Nun hört schon endlich auf, das Zeug zu bewundern und prüft, ob es was taugt!“ meinte Kethri lachend, nachdem sich die Halbbrüder gegenseitig den dritten Satz Messer mit Steinklinge gezeigt hatten.
<Also bist du jetzt doch dabei?>
<Ja, bin ich.>
Schen spannte probeweise Prometos’ Bogen. Er stellte fest, dass das für den Gebrauch durch einen Titanen gedachte Jagdwerkzeug auch in der Hand eines Annunaki gute Dienste leisten würde.
„Den nehme ich“, erklärte der ehemalige Soldat. „Kez ist zu stark dafür, er würde ihn nur überdehnen.“
<Ich fühle mich ohnehin mit einem Speer in der Hand wohler als mit einer Schusswaffe.>
„Dann kannst du deine Pistole ja der Kleinen geben!“
Schens Vorschlag schien dem Außerirdischen vernünftig. Ein kleines Mädchen würde die mechanische Waffe benötigen, um ihre fehlende Körperkraft auszugleichen. Die allererste Pulverwaffe ihrer Zivilisation war von einer Prinzessin in Lebudas Alter abgefeuert worden, die damit der Legende nach einen Schusarvogel vom Himmel geholt hatte.
Doch der Jäger zögerte. Seine Halbautomatik trug er zwar gewohnheitsmäßig im Gürtel, nur richtete er sie ausschließlich auf zweibeinige, sprechende Gegner. Diese Kriegswaffe nun in die Hände eines Kindes zu legen, wollte Kethri nicht gefallen.
„Die Kinder sollten vielleicht erstmal nur zuschauen…“
„Sagt der Mann, der seinen ersten selbsterlegten Reiläufer noch im Puppengeschirr seiner Schwester gegart hat, haha!“
<Das ist was anderes. Wir mussten funktionieren. Die Kinder hier wachsen irgendwie behüteter auf. Am Ende spielen die mit den Pistole rum und schiessen dich über den Haufen!>
<Unsinn.>
<Es sind Affengene in diese Spezies eingegangen…>
Unvermittelt schloss Kethri seinen Geist vor den beiden Freunden. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie der Spieltrieb der Klonkinder die Erzieher der ersten Titanen völlig überrascht hatte. Was Kethri sonst noch alles über Adamuaufzucht und –erziehung wusste, mussten die Neuankömmlinge nicht aus erster Hand nacherleben.

Mitten in den Jagdvorbereitungen fragte Abel plötzlich: „Wie leben eigentlich Wilde?“
Lebuda schaute vage interessiert drein, doch die drei Sternengötter erstarrten in ihren Bewegungen. Schen lies einen Köcher fallen, in den er gerade Pfeile hatte füllen wollen, Asaluhi schnitt sich vor Schreck an seinem Jagdmesser und Kethri hielt sich an einem Speer fest, als benötige er ihn als Stütze.
„Hat sich das schon bis hierher ans Ende der Welt herumgesprochen?!“ ächzte Schen.
Zu allem Überfluss nickte Abel auch noch, als Lebuda „Ach, das sind wohl welche? Solche Wilden?“ krähte, wobei sie mit dem Finger auf die drei Gäste deutete.
„Ich denke schon“, meinte der Junge.
„Woher weißt du das?“
„Also erstmal setzen sie sich nicht auf Bänke, sondern auf den Boden, das habe ich im Park beobachtet. Asaluhi hat obenrum nichts an. Alle auf Edin sagen ‚Ihr’ und ‚Euch’ zu Kethri, außer den zweien hier. Und sie wollen jagen gehen, obwohl das ewig dauert, anstatt einfach ein Hähnchen zu schlachten.“
Stolz sah Abel in die Runde. Als ihm aufging, dass seine Analyse die Besucher beleidigt zu haben schien, legte er den Kopf schief und fragte: „Das ist wohl was Schlechtes, ein Wilder zu sein?“
„Nein!“ Kethri stellte den Speer zur Seite. „Nein, nein, nein, nein, nein“, sprach er dann schnell hintereinander, mit den Händen gestikulierend. „Nur anders.“
Abel nickte bekräftigend. Genau daran hatte er die freundlichen Besucher als Wilde erkannt. Abel und die Seinen waren keine Wilden und sie waren auch keine Sternengötter. Aber sowohl Menschen als auch Sternengötter kannten den Begriff, also mussten diejenigen, die sich anders als beide Gruppen verhielten, Wilde sein.
Lebuda schürzte die Lippen. <Manchmal ist es gut, etwas anders zu machen>, dachte sie so intensiv, dass die anderen es hörten. Der unerwartete geistige Kontakt wurde nicht angenehmer dadurch, dass in den Gefühlen mitschwang, dass es sich um eine Ausnahme handelte. Anders zu sein als der Rest war vielleicht nicht immer schlecht, aber auch nicht besonders gut.
Schen hob den leeren Köcher auf.
„Ich habe langsam genug davon“, murrte er. „Passt mal auf, Kinder! Bevor die großen Städte Edin, Shuruppak und Urukwacht errichtet wurden, haben schon Leute auf Ki gelebt. Zum einen die Horde im Notoswald, das sind eure Vorfahren. Aber noch viel früher gab es unseren Stamm, auf der anderen Seite des Meeres, am Schlangensumpf. Dann kamen Enlil und seine Anhänger, die uns vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben…“
Abel und Lebuda verloren bald den Faden von Schens Erklärung. Nur eines war Adapas Sohn klar: Als Enlil ihn und seinen Bruder aus seinem Dorf Edin hinausgeworfen hatte, da waren die Wilden Adapas Kindern zuhilfe gekommen. Sie allein waren bereit gewesen, seinen Vater zu kurieren. Deswegen nahm sich Abel vor, alles zu lernen, was er von ihnen lernen konnte. Prometos aber, der so herablassend über Wilde sprach, sollte bald etwas Krabbliges in seinem Stiefel finden, das er nicht da drin haben wollte! Ihm und dem großen Bruder würde gewiss etwas Passendes einfallen!

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