Schnecken im Paradiesgarten (Teil 8 von 8)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 1: Schnecken im Paradiesgarten

Viel später in Adapas Hütte:

„Üm…“
Pause.
„Ü-hüm…“
<Das hast du schon gesagt.>
Adapa schlug die Augen auf. Unsicher, ob seine Kraft für weitere Bewegungen ausreichte, blieb er einige Atemzüge lang liegen und beobachtete, wie sich die Felldecke auf seinem Bauch ob und wieder senkte. Noch immer gelang es dem Titanen nicht, schmerzfrei zu atmen, doch die Fieberklammer um seinen Geist hatte sich gelockert. Adapa drehte den Kopf in jene Richtung, aus der er die geistige Botschaft empfangen hatte. Dort saß auf einem Schemel, von dem aus er bis vor wenigen Minuten aus dem Fenster gestarrt hatte, der Jagdmeister.
„Bei den Windwächtern! Bist du etwa auch tot, Kethri?“
Izimu zuckte zusammen. Adapa aber lachte, so gut er es vermochte! Sein Lachen ging in einen Hustenanfall über, was den Mann nicht daran hinderte, seine Heiterkeit in den Äther zu strahlen.
„Na, im Leben können wir uns doch nicht wieder begegnen“, erläuterte Adapa unter Keuchen. „Weil doch keine lebende Seele nach Dilmun rein darf. Sag mal, wie hast du das geschafft?“
„Na, Enlil hatte mir doch befohlen, deine Söhne hierher zurückzubringen“ erschien Kethri nicht als das Förderlichste, das der auf dem Weg der Genesung befindliche Freund hören sollte, daher beschrieb er einfach den Ablauf seiner Anreise, anstatt die Gründe dafür preiszugeben: „Ich habe in Edin auf meinen alten Wildhüterposten verwiesen und daraufhin offizielle Starterlaubnis erhalten. Die Leitstelle auf der Golfinsel hat Urukwacht über meine Ankunft informiert. So ging alles zügig über die Bühne.“
Adapa wartete, bis sich seine Lunge wieder beruhigt hatte. Kethri spürte, dass der alte Freund weiter sprechen wollte, denn was Adapa zu sagen hatte, lies sich über den Äther schlecht ausdrücken.
„Ich hatte einen Fiebertraum. Dass die Kampfflugzeuge aus Urukwacht über unser Dorf brausten. Es klang, als hätten sie dort neuerdings einen Bomber oder eine ausgewachsene Mu.“
„Adapa Uruk“, grinste Kethri Izimu, „ich bin ein Fürst des Katzenclans und meine Staatsbesuche pflege ich nicht zu Fuß zu tätigen!“
Der Titan strahlte! „Dann war es deine neue Mu, die ich gehört habe? Das bedeutet ja, ich war die ganze Zeit über bei klarem Verstand!“
„Davon abgesehen, dass du Asaluhi vorhin ‚Marduk’ genannt hast, vielleicht“, erwiderte der Nefilim.
„Asaluhi“, sinnierte Adapa. „Das ist doch der Begründer der Patientenkasse! Wurde ihm mehr oder weniger höflich angetragen, sein Glück doch besser in der Kolonie zu versuchen?“ <Dann hat sich bei euch also nichts geändert.>

Kethri Izimu wich dem Thema Politik aus. Er erhob sich, um aus einem Tonkrug Brunnenwasser in einen Becher auszuschenken.
„Bist du durstig? Hals wund?“
Adapa schüttelte den Kopf. Nein, er wollte jetzt nichts Nasses in seine Kehle, da ihm bereits genug Feuchtigkeit aus der Nase hinein lief. Genaugenommen fühlte er sich am ganzen Körper durchgepitscht, von innen und außen durchnässt. Was dem Mann fehlte, war irgendetwas Würziges, das den Schnupfengeschmack überdeckte und die damit einhergehende Übelkeit bekämpfte. Er stellte zudem erfreut fest, dass sein Körper bei dem Gedanken an eine Mahlzeit nicht mehr protestierte.
„Nein“, erwiderte Adapa daher, obwohl er durchaus Flüssigkeit zu ersetzen gehabt hätte. „Aber einen Hunger habe ich… Ich könnte ein Kaiserinnenmammut mit Stoßzähnen und Zehnägeln vertilgen!“
„Es gibt andere, beinahe ebenso schwer zu verfehlende Ziele auf deiner Insel“, entgegnete Kethri, auf einen niedrigen Tisch deutend. Mittlerweile erkaltete Bratenscheiben lagen dort zusammen mit Fladenbrot bereit, den Hunger des Patienten zu stillen.
<Danke, Jäger>, sendete Adapa.
Schon wollte er nach dem ihm von Kethri gereichten Tablett greifen, als der Nefilim den Kopf schüttelte.
„Nicht ich habe das erlegt, sondern dein kleiner Sohn“, stellte Kethri richtig.
Um welchen Sohn es sich genau handelte, verriet der Äther Adapa.
„Mein Junge!“ flüsterte er gerührt. <Es muss hart für die Kinder sein, dass Cheva sie von meinem Krankenlager fernhält…>
Ein mentaler Ruf streifte Kethris Nefilimgeist. Adapa versuchte, seine Partnerin zu kontaktieren!
Obwohl er keine Antwort erhielt, machte sich der Mann voller Appetit über seine Mahlzeit her. Cheva würde sich außerhalb seiner aufgrund der Grippe stark eingeschränkten Sendereichweite aufhalten und schon auftauchen, wenn sie sich nach íhrem Mann sehnte. Er, Adapa, durfte jetzt nicht egoistisch sein, immerhin hatten sich Frau und Kinder viele Tage lang Sorgen gemacht. Wie lange mochte er im halbbewussten Zustand vor sich hin gedämmert haben? Eine ganze Woche? Länger? Jedenfalls viel zu lange für seinen Geschmack! Adapa musste irgendetwas tun, am besten selbst ebenfalls einen Auerochsen erlegen!
Kethri spürte die Unruhe seines Freundes. Er deutete auf eine als Regal dienende Reihe von in die Lehmwand eingearbeiteten Nischen und die Objekte, die der Familienvater darin aufbewahrte.
<Wie wäre es für den Anfang damit?>

Dass Kethri vom Fenster verschwunden war und sich dem Hütteninneren zugewandt hatte, war von den Dörflern nicht unbemerkt geblieben. Niemand konnte hören, was zwischen ihm und dem Patienten gesprochen wurde, doch anhand der Tatsache, dass der Sternengott nicht eine betretene Miene aufsetzend vor die Tür getreten kam, schlussfolgerten die Menschen, dass ihr Oberhaupt sich auf dem Weg der Besserung befinden musste. Sie gewährten Adapa eine Stunde Zeit zum Kraftschöpfen, bevor die ersten von ihnen sich nicht mehr davon abhielten ließen, ihm einen Krankenbesuch abzustatten. Ihre Erleichterung eilte den Menschen im Äther voraus, darüberhinaus empfing Kethri eine natürliche Fröhlichkeit und Lebensfreude, die allerdings gedämpft wurde, als die Eintretenden sahen, was in dem Raum vor sich ging.
Kethri Izimu saß nämlich auf einem Schemel neben Adapas Bett und kommentierte einen Vorgang, den die meisten Dilmuner kannten, ohne ihn bisher in seiner ganzen Tiefe verstanden zu haben.
„Das Opfer muss dir schwer gefallen sein, aber ich denke, ich nehme es an“, grinste der Sternengott, gefolgt von einer Handbewegung.
Opfer? Annehmen? Respektvoll verharrten die Männer und Frauen auf der Schwelle!
„Aha! So verehrt man also die Sternengötter korrekt!“ schlüpfte es einem der ehemaligen Sklaven gefolgt von einem „Das hätte ich nie gedacht!“ über die Lippen.
„Nein, das ist…“ begann Kethri, schaffte es aber nicht, seinen Satz zu beenden oder sich auch nur vollständig von seinem Schemel zu erheben. Denn an den Erwachsenen vorbei drängten sich nun die vier Kinder des Hausherren, um diesen ungeachtet der Ansteckungsgefahr unter ihren Liebkosungen zu begraben.
„Adapa hat nicht… das war keine rituelle Handlung, was wir getan haben!“ versuchte der Nefilimfürst klarzustellen.
„Lass mal, Izimu“, meinte der Kranke, solange er unter dem Ansturm seiner Sprösslinge noch dazu in der Lage war. „Es gibt peinlichere Dinge, die zwei Kerle zusammen im Bett anstellen können.“
Izimu blickte auf den winzigen Gegenstand in seiner Hand herab. Es handelte sich um einen hölzernen Spielstein, den ihn Adapa hatte schlagen lassen, um an einer anderen Stelle auf dem Brett ungestört seinen geplanten Zug ausführen zu können.
„Das“, prophezeite Kethri, „wird die seltsamste Religion, die je ein denkendes Wesen gestiftet hat.“ Kopfschüttelnd verstaute der Nefilim die „Kultobjekte“ in einem Lederbeutel und legte diesen zusammen mit dem Brett zurück in die Wandnische.

Unterdessen verteilten sich die Kinder um das Bett ihres Vaters, Kain beugte sich über das Kopfteil, Lebuda setzte sich neben Adapa auf die Bettkante und Kelimat saß im Schneidersitz auf dem Fußende beziehungsweise sekundenlang direkt auf Adapas Füßen. Abel griff erst nach dem Schemel, entschloss sich dann aber, lieber ins Bett zu hüpfen und mit dem Vater zu Kuscheln. Adapa erhielt den starken Eindruck, dass sein jüngerer Sohn gerade „Wilder“ spielte.
„Kain und Abel haben einen Arzt für dich geholt“, teilte Lebuda ihrem Vater mit.
„Das hier ist Kethri Izimu Qat“, ergänzte Kelimat. „Er kommt dich jetzt oft besuchen!“
„Nein, das glaube ich nicht“, verwehrte sich Kain gegen die in eine Aussage gefasste Bitte der jüngeren Tochter Adapas.
„Doch, das kommt er!“ beharrte das Mädchen. „Wie soll denn Abel sonst Jagen bei ihm lernen?“ Kelimat blickte ihren Zwillingsbruder direkt an und ergänzte: „Du glaubst doch nicht etwa, dass Vati und Mutti euch noch mal bis zum Meer weglaufen lassen?“
<Mindestens einer von euch hat mir sehr viel zu erklären>, bemerkte Adapa.
Die Antworten seiner Söhne erfolgten ausschließlich über den Äther.
<Ihr benutzt euren Äthersinn aktiv?> wunderte sich der Vater, jedoch nicht, ohne gleichzeitig unbändigen Stolz auszustrahlen. <Und was soll das bitte heißen, Kain, du hättest dir das von Enlil abgeschaut?!>
Kethri entfernte sich auf Zehenspitzen aus dem Raum…

Einige Tage später kehrten Cheva und Prometos heim, wo sie sich ausführlich über das Abenteuer der jüngeren Generation aufklären lassen mussten. Am Abend ihrer Ankunft hob die „Windwandler“ ab und legte Nordwestkurs an, Richtung Eridu. Vorher jedoch hatten Adapas Kinder dem Piloten vorher das Versprechen abgenommen, sich möglichst bald wieder blicken zu lassen.
Und damit änderte sich das Leben der Dilmuner gründlich…

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