Zu Gast in Dilmun (Teil 3 von 7)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 2: Zu Gast in Dilmun

Die Sonne stand noch unter dem Horizont, lediglich ein verheißungsvolles Glühen erhellte den Himmel. Adapa und Cheva erwachten auf der Bank vor Adapas Haus. Mann und Frau hatten den auf das spontane Grillfest folgenden Rest der Nacht im Freien verbracht. Unschuldig aneinander gekuschelt hatten sie die Sterne gezählt, sich dann zurückgezogen, auf der Bank Händchen gehalten und waren darüber eingeschlafen. Nach diesem wenig erholsamen Einstundenschlaf auf dem harten Holz war der dieser Nacht innewohnende Zauber verfolgen.
„Dich bedrückt etwas“, stellte Cheva fest. <Und damit meine ich etwas anderes als den Holzbanken.>
„Die Kinder“, antwortete Adapa seufzend. Den Rest seiner Gedanken übertrug der Äthersinn so wortlos wie konturlos in den Geist seiner Frau.
Cheva war die prekäre Situation der Dilmuner nicht verborgen geblieben. In nächster Zeit hatte sie den Lebensgefährten darauf ansprechen wollen, dass er nun von sich aus dieses Thema begann, erleichterte die Angelegenheit immens. Je länger Adapa allerdings über das Verpaarungsproblem der Kinder sprach, umso deutlicher spürte er, dass Cheva in eine völlig andere Richtung dachte. Adapas Worte kamen unsicherer, stockender, bis allein der Äthersinn für ihn sprach: <Also gut! Was genau übersehe ich?>
„Dass sich Dilmuns Bevölkerung seit unserer Ankunft hier veranderthalbfacht haben müsste“, antwortete die Frau.
<Wie? Was?> „Wir haben sechs Kinder im Dorf, das ist bereits das Doppelte der optimistischsten Zukunftsprognosen!“
Cheva küsste ihren Mann auf die Stirn, dann rieb sie ihre Nase an seiner. Sie konnte nicht anders, denn gar zu verständnislos schaute Adapa drein. Erst nach dem kurzen Austausch von Zärtlichkeiten nahm sie das Thema wieder auf: „Nefilimprognosen, Schatz. Wer beinahe endlos lang lebt, wird auch nur höchstens ein Kind innerhalb eines Menschenalters erwarten – wenn überhaupt. Ein Menschenpaar hingegen benötigt schon einmal zwei Nachkommen, um die Anzahl nur stabil zu halten!“
<Ach so… ja…>
„Wir sollten mit Prometos darüber sprechen. Er war in Shuruppak in den Nachzuchtprozess eingebunden. Er kennt die Menschen auf andere Weise als du und ich und wird bestätigen können, dass unser Zustand hier nicht normal ist.“
„Ich…“ Adapa fuhr herum, als sich die Tür öffnete und sein älterer Sohn heraus trat. Die Kinder, Epimetes eingeschlossen, hätten eigentlich bis mindestens Mittag schlafen sollen.

„Ich kann nicht schlafen. Habe euch reden hören“, begrüßte Kain die Eltern. <Und im Äther habe ich gesehen, dass ihr auch gerade grübelt.>
Die Eltern rückten enger zusammen, um ihrem Sohn auf der Bank Platz zu machen.
<Was hast du auf dem Herzen?>
„Onkel Prometos hat mir gestern Nacht erklärt, was Adamu sind. Richtig erklärt, meine ich. Von den Affen an. Jetzt frage ich mich, ist… ist das heilbar?“
„Gefiederpest!“ zischte Adapa.
Prometos! Hätte sein Bruder die Angelegenheit nicht kindgerechter erklären können? Oder wenn schon nicht das, dann wenigstens seine elenden Nefilimvorurteile aus seinen Worten heraushalten können? Jetzt schämte sich der Junge seiner irdischen Gene!
Kain sah die Eltern aus seinen dunklen Augen flehentlich an.
„Das Affenblut muss doch irgendwie rauszukriegen sein!“ Bitte gebt jetzt die richtige Antwort… bitte…
Cheva erhob sich. Von unter der Bank holte sie einen Holzeimer hervor. Mit den Händen schaufelte die Frau Sand und Erde hinein, bevor sie das Behältnis ihrem Sohn reichte.
„Schöpfst du mir bitte Wasser?“
„Da hinein?“
<Ja.>
Kain gehorchte. Kurze Zeit später kehrte er mit einem vollen Eimer zurück. Der Junge war gerannt, Wasser und Erde hatten sich daher bereits in dem Gefäß vermischt. Cheva schöpfte mit einem Becher einen Teil des noch sauberen Wassers nahe der Oberfläche ab. In den Becher lies sie eine Handvoll Salz rieseln, das sie aus dem Haus geholt hatte.
Während Kain sich noch fragte, was das Ganze bedeuteten sollte, rührte seine Mutter das Gemisch im Eimer mit den Händen um. Immer wieder entglitt ihr die Erde. Klümpchen plumpsten zurück in den Eimer und Dreckwasser spritzte über den Rand hinaus.
„Siehst du, mein Sohn? Schlamm ist Erde neben Wasser im selben Eimer. Sie existieren nebeneinander, aber sie vermischen sich nicht richtig. So ist es mit den Menschen und den Besuchern, die jedes Jahr zu uns kommen.“
„Hm, ja.“
Cheva ergriff den Becher mit dem Salzwasser. Sie hielt ihn ihrem Sohn unter die Nase.
„Wenn du dir zehn Becher Schlamm schöpfst, wird in jedem ein anderes Verhältnis von Wasser zu Erde zu erkennen sein. Bei dem Wasser in diesem Becher ist das anders. Es ist eine echte Verbindung mit dem Salz eingegangen und hat sich gewandelt. Zehn Schluck aus diesem Becher werden alle gleich schmecken, Kain. Das Salzwasser sind wir Menschen. In uns passen das Blut der Sternengötter und der Großen Affen zusammen.“

„Aber…“, überlegte Kain laut, „wenn ich es koche und richtig lange warte, dann verdampft das Wasser! Und das Salz ist wieder da!“
„Ja, mit Gewalt ist es möglich, die Bestandteile aufzutrennen“, korrigierte Cheva. „Aber dafür ist das Gemisch nicht gemacht.“
„Nicht gemacht!“ brauste Kain auf. „Von wem denn gemacht? Von den Sternengöttern selbst! Die wollen es so haben!“ Der Junge nahm den Wasserbecher und schüttete seinen Inhalt wütend gegen die Hausmauer. „Ich wünschte, sie würden verdampfen, zurück zu den Sternen, und mich nicht jeden Tag daran erinnern, was ich bin!“ Das Kind schleuderte den Tonbecher hinterher. Eine Scherbe splitterte ab und flog in Adapas Richtung, doch das Gefäß als solches blieb heil. Kain versetzte dem angeschlagenen Becher einen Tritt. „Aber dann will ich auch wieder mitfliegen, wenn sie gehen und alles hinter mir lassen, was auf dieser Welt passiert ist“, getand er.
„Da siehst du es, du weißt ja selbst nicht, was du willst“, meinte Cheva.
Sie bückte sich und hob den Becher auf. Tiefe Risse zogen sich durch seine Struktur, doch wenn schon nicht mehr zum Einfüllen von Wasser, zu irgendetwas würde er schon noch zu gebrauchen sein.
„Weil du beides bist“, fügte die Frau ihren Worten an Kain hinzu, nachdem sie sich wieder aufgerichtet hatte.
Der Junge schüttelte vehement den Kopf.
„Nein! Vater ist beides. Ich bin noch nicht mal ein richtiger Titan!“
Bis zu diesem Moment hatte Adapa nur stumm dabei gesessen und Cheva das Sprechen überlassen. Doch diese Worte seines Sohns konnte er nicht so einfach durchgehen lassen.
„Noch nicht einmal?!“ wiederholte er Kains Satz drohend. Die Wortwahl implizierte, dass die Menschen – und damit auch seine Cheva – weniger wert als die Titanen wären. „So sprichst du nicht über meine Frau, deine Mutter!“
Adapa holte zu einer Ohrfeige – oder mehr – aus. Cheva ergriff seinen Arm, bevor es dazu kommen konnte.
„Lass ihn! Er weiß doch gar nicht, was er sagt!“
Kain war noch nie in seinem Leben geschlagen worden. Er fragte sich, warum eigentlich nicht. Als ob irgendein Schmerz jenem anderen, den er seit seinem Besuch in Edin ständig mit sich herumtrug, gleich käme! Und dieser Schmerz war durch nichts zu lindern.
Vater und Mutter diskutierten von Kopf zu Kopf über einen Kanal, der dem Jungen nicht zugänglich war. Nach einer Weile zogen sie sich ins Haus zurück.
Kain blieb auf der Türschwelle hocken – übermüdet, mit Bauchschmerzen von einem zu vollen Magen und bis ins Tiefste seiner Seele verwundet, ohne benennen zu können, von wem nun eigentlich genau.

Sonderrechtszone Dilmun.
2751 Anu.

Kain Uruk, Sohn der Cheva und des Adapa saß auf der Schwelle des väterlichen Hauses, als habe er sich seit jenem Morgen vor fünf Jahren nicht von der Stelle gerührt. Der junge Mann lauschte den zirpenden Grillen, die Arme um seine angewinkelten Beine geschlungen. Nur ab und zu hob er den Kopf, um in den Himmel hinauf zu blicken, wo die ersten Sterne dieser Nacht blinkten.
Solcherart in seine Gedanken versunken fand Abel den älteren Bruder. Der Dreizehnjährige warf nur einen kurzen Blick nach oben, zuckte die Achseln und meinte: „Ich mag den Sternenhimmel nicht. Man fühlt sich darunter so klein und unbedeutend.“
„Brüderchen, wir SIND klein und unbedeutend!“ schnaubte Kain.
Abel setzte einen Fuß auf die Schwelle und verschränkte die Arme.
„Nicht mehr lange!“ erklärte er.
„Ach!“ brummte Kain.
Abel drang nicht in den Älteren. Geduld zählte zu den wichtigsten Tugenden, die er vom Jagdmeister gelernt hatte. Erst nach einer längeren Pause sprach Kain weiter: „Wir werden groß, aber das andere ändert sich nie. Mutter sagt, es gibt keine Heilung.“
<Welches andere?> „Du, Kain, in Rätseln zu sprechen, lässt dich nicht erwachsener erscheinen. Höchstens ein bißchen altersdement…menziös…“ Als der Jüngere das richtige Wort nicht fand, ersetzte er es durch eine eindeutige Geste mit den Fingern gegen seine Stirn. Da Kain nicht auf seine Stichelei einging, lies sich Abel neben ihm auf der Schwelle nieder und zog nun ebenfalls ein Gesicht, als hätten die Sternengötter den Dilmunern die Ernte verhagelt.

Erst als Asura an Adapas Haus vorrüberkam, hellte sich Abels Miene schlagartig auf. Er sprang auf, winkte der Freundin und zerrte gleichzeitig seinen Bruder auf die Füße.
<Komm, steh auf! Ich habe eine Idee, die dich ganz sicher aufmuntern wird!>
„Mit Mädchen zu spielen? Ich glaube nicht…“
Asura und Abel brachen in Lachen aus.
„Äh, ja, mit Mädchen spielen“, bestätigte Abel. „Aber so, wie du das aussprichst, klingt es irgendwie gemein.“
Ein einziges Fragezeichen repräsentierte Kain in diesem Moment im Äther, wo Adapas halbwüchsiger Sohn sonst seine Überheblichkeit zur Schau trug. Dahinter lag eine dicke Schicht Desinteresse, die eine dünne, aber umso heißer brennende Lage Wut im Zaum hielt. Diese wiederum schützte das tödlich verwundete Selbstwertgefühl des jungen Mannes, das wie eine Fessel um sein innerstes Wesen lag. Worin dieses bestand, wusste niemand, am wenigsten Kain selbst. Und Abel, ausgerechnet der in den Tag hinein lebende Träumer Abel, wollte eine Möglichkeit gefunden haben, dieses Gefühlschaos zu ordnen? Voll der Skepsis, aber auch der Vorfreude, dem Jüngeren später vorhalten zu können, wie sehr er sich überschätzt hatte, folgte Kain seinem Bruder.
Asura ging voran. Sie führte die Jungs zuerst auf den Stall zu, beschleunigte dann ihren Schritt und verschwand in einem im letzten Jahr errichteten Anbau.
„Ich habe nicht die geringste Lust auf einen nächtlichen Ausritt…“ beschwerte sich Kain, doch Abel öffnete einfach die Tür des Schuppens.
„Wart´s ab“, grinste er.

Am nächsten Morgen und den gesamten Tag über sah man Abel und Asura kaum weiter als ein, zwei Meter voneinander entfernt. Das Mädchen verhielt sich ganz so, als habe sie Adapas Sohn zu demonstrieren, dass er ihr allerbester Freund war und sich nie etwas daran ändern würde. Abel akzeptierte Asuras übertriebene Bekundung ihrer Zuneigung zuerst mit Amüsement. Erst als er seinen Äthersinn einmal kurz soweit öffnete, dass er ihm ermöglichte, die Welt durch Asuras Augen zu sehen, verstand der Junge und bemühte sich nun seinerseits, Asura zu versichern, dass ihre Handlungen in der gestrigen Nacht verstanden, verziehen und genaugenommen längst vergessen waren.
Der ältere Bruder aber fand sich unversehens im Zentrum der Aufmerksamkeit seiner Schwester Kelimat. Untrügerisch hatte deren Intuition sie zu Kain als Ursache des merkwürdigen Verhaltens der beiden Freunde geführt.
„Alle denken, Abel und Asura hätten sich heftig gestritten“, eröffnete sie dem Bruder, „und dass du der Grund dafür seist. Aber da ist mehr!“
Kain lies sich auf seiner Lieblingsbank auf den Rücken fallen. Mit geschlossenen Augen nickte er.
„Ja! Weitaus mehr!“
Kelimat setzte sich neben den Bruder. Wie lange war es her, dass sie ihn dermaßen zufrieden erlebt hatte? Eine Woche vielleicht. Aber wie lange lag es zurück, dass Kains Zufriedenheit eine unschuldige wie an diesem Tag war und nicht nur darauf zurückging, in etwas besser gewesen zu sein als ein anderer Mensch? Eine Zeitspanne, die in Jahren gemessen werden musste!
„Mein cleverer Bruder!“ seufzte Kain.
Kelimat horchte auf. <Bewunderung für einen anderen? Von dir? Wie kommt das denn zustande?>
„Haha!“ Kain setzte sich auf. „Aus etwas, das nur Jungs passiert, ein so wundervolles Spiel zu erfinden!“
Die Dreizehnjährige folgte Kains Gedanken. Sie erhaschte einen Blick auf seine an der Oberfläche seines Bewusstseins befindlichen Erinnerungen und hörte zu, was der Bruder zu erzählen hatte. Was Asura und Abel Kain vorgeführt hatten, wozu das Mädchen Kain dann ebenfalls eingeladen hatte, jenes Spiel der Körper, das den großen Bruder so abgrundtief zufrieden hinterlassen hatte, lies die heranwachsende Kelimat noch kalt. Es verstörte sie nicht, aber sie fand in sich keinen Antrieb, es den anderen Jugendlichen gleich zu tun. Noch nicht einmal, wenn jemand ganz Bestimmtes, an den auch nur zu denken Adapas Tochter sich verbot, ihr Partner bei diesem Spiel gewesen wäre.

„Abel und Asura spielen das bereits seit einiger Zeit, und gestern Nacht hat Asura es mir beigebracht“, fasste Kain zusammen. „Aber so viel Spaß wir auch dabei hatten, du siehst ja, wie Asura heute deswegen rumspinnt.“
<Rumspinnt? Ja, sag mal…!>
Bevor Kelimat ihre Empörung in Worte fassen konnte, war ihr Bruder bereits von selbst zur richtigen Entscheidung gelangt: „Ich glaube nicht, dass sie und ich es wiederholen sollten.“
<So ist es! Gut, dass du es einsiehst! Wenn auch nur, um deine Ruhe zu haben, fürchte ich.>
„Naja, und genaugenommen stört mich das nicht einmal. Asura ist Abels Richtige, nicht meine.“
„Denkst du etwa an einen Sternengott, äh, eine Sternengöttin?“ entfuhr es Kelimat.
Kain horchte auf. Aha, so ist das also, diese Wege gehen deine Gedanken. Gut zu wissen.
Kelimat stand auf. Peinlich berührt eilte sie davon. Kain hielt das Mädchen weder auf, noch kam er in nächster Zeit erneut auf das Thema zu sprechen, obwohl es viel zu sagen gegeben hätte. Denn er spürte instinktiv, dass seine Wahl im Spiel der Körper Ärger bedeutete…

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