Zu Gast in Dilmun (Teil 6 von 7)

Die Menschenmacher von Dilmun
Kapitel 2: „Zu Gast in Dilmun“

Unterdessen spazierte Dumuzi durch die sich um das Dorf herum erstreckenden Äcker. Ohne es zu wollen, verfiel der Mann in seine Routinen, während er die Feldwege entlang schritt. Als Gouverneur der Speisekammer Kis und ehemaliger Minister für Landwirtschaft konnte er gar nicht anders, als die ihn umgebende Landschaft auch während seines Kurzurlaubs mit professionellen Augen zu betrachten. Als ihm bewusst wurde, was er da tat, setzte Dumuzi seine inoffizielle Inspektion umso aufmerksamer fort.
Der Annunaki lies die gemeinschaftlich bewirtschafteten Äcker hinter sich und betrat das persönliche Reich von Adapas ältestem Sohn. Hier hatte der junge Kain seine Versuchsfelder angelegt. Jeder Pflanzenreihe war eine Tafel zugeordnet, auf welcher der Ackerbauer die Herkunft des verwendeten Saatgutes festhielt. Dumuzi erkannte jede einzelne Getreideart, die auch sein eigenes Volk in dieser Region anbaute, sowie einige ihm unbekannte Kreuzungsergebnisse. Er passierte ein weiteres Beet, in dem Kain nichts weiter tat, als in jedem Jahr die größten Zwiebeln des Vorjahres zu stecken, um eine kontinuierliche Ertragssteigerung zu erreichen.
Während die Großen Affen also noch im Jagd – und – Sammel – Stadium verharrten, hatte die Auslesezucht in Dilmun Einzug gehalten. Ihren Triumphzug hatte sie allerdings noch nicht halten dürfen. Lediglich eine kleine Anzahl von den älteren Dilmunern angebauten Pflanzen stammte aus Kain Uruks Freiluftlabor, wie Dumuzi ein Vergleich mit den von ihm bis hierher durchwanderten Feldern verriet.
„Dumuzi?“ begrüßte der Herr über dieses Ackerland den Gast.
Der Annunaki konnte sich der Erwartungshaltung des Jugendlichen nicht entziehen. Was würde der Fremde von seinen Erfolgen halten, fragte sich Kain? Dessen Gebahren nach stand er in Dumuzi jemand gegenüber, der etwas von der Landwirtschaft verstand. Dieser Mann würde erkennen, was der Junge geleistet hatte, aber würde er es auch zu schätzen wissen? Nicht so wie sein Vater der Kleingärtner…
<Stolz… Erwartung… Besorgnis… Enttäuschung… Scham…>
Der kurze Kontakt der beiden Geistessphären hinterließ beide Männer ein wenig schwindlig.
Dumuzi enthahm Kains Gefühlen, dass Adapa sich mit dem bisher Erreichten zufrieden gab. Die bekannten Getreidepflanzen in ihrem gegenwärtigen Zustand ernährten seine Gemeinde zuverlässig, so dass für weitere Verbesserungen oder gar Experimente kein Bedarf bestand.
„Mein Vater züchtet andere Lebensformen“, verteidigte Kain Adapa. „Sein Stolz sind seine Menschen, meiner diese Felder hier.“

„Acht Millionen Jahre Enun’sche Ackerbaugeschichte“, sinnierte Dumuzi laut. „In einer einzigen Generation übersprungen. Du bist wahrlich einer der Titanen, mein Junge. So benutzen die Menschen das Wort doch, oder? Für etwas überlebensgroßes, schwer nachzuvollziehendes und unerreichbares?“
Kain strahlte zur Antwort.
„Aber wenn mein Bruder hier wäre, um mir zu helfen“, meinte er dann, „wenn er nicht immer wieder in den Wald fortliefe, dann könnten wir mehr tun, als nur zu Überleben. Dann kämen wir endlich einmal voran!“
Der junge Bauer stutzte, als ihn ein ablehnendes Gefühl seines Gegenübers streifte. Er konzentrierte sich intensiver auf seinen Äthersinn, obwohl der Kontakt mit dem Fremdwesen ihm den Boden unter den Füßen fortzuziehen drohte.
Nefilim, Affen und Titanen standen zwischen dem Annunaki und dem Menschenjungen. Sie erschwerten Kain den direkten Austausch mit Dumuzi, obwohl in diesem doch endlich einmal jemand vor ihm stand, mit dem der Junge mehr als mit allen anderen Personen, die er kannte, gemeinsam hatte! Bei den Schattenlosen! Waren sie denn nichts weiter als Kulturzwiebeln im Beet, die sich allein nach ihrer Biologie bemaßen? Vielleicht, ja, in den Augen der Sternengötter sogar ganz sicher, der Junge aus Dilmun in noch stärkerem Maße als der Annunaki. Aber wenn dem so war, so wollte Kain die größte, saftigste und tränentreibendste Zwiebel im gesamten Beet sein. Dumuzi schien das ähnlich zu sehen, denn er trug, ungewöhnlich für sein Volk, ein Adelswappen zur Schau.
Vorankommen also, sich über den einem zugeteilten Stand erheben, die von der Biologie gesetzten Grenzen überwinden… natürlich, das verursachte ein Schwindelgefühl im Kopf, aber es war möglich. Was genau hatte Dumuzi also daran auszusetzen? Wieso eine Ablehnung nicht des unangenehmen Geisteskontaktes, sondern dessen Inhalts?
„Wie meinst du das im Äther: <das wäre nicht unbedingt von Vorteil>?!“ presste Kain hervor.
„Voranzukommen, wie du es verstehst, wäre nicht gut für eure Gemeinde“, antwortete Dumuzi. „Sobald Haus Uruk als ernstzunehmende Konkurrenz wahrgenommen wird, gibt es erneut Krieg, aber diesmal einen richtigen. Die Fünfzig Namen werden diese Auseinandersetzung mühelos für sich entscheiden und was dann?“

„Was schlägst du mir denn als Alternative dazu, auf der untersten Stufe der Evolutionsleiter zu verrecken, vor? Mit Prometos nach Shuruppak zu gehen und dort sein Haustier zu werden?!“
„Ich habe ebenfalls einmal nicht umsetzbaren Wünschen nachgehangen…“ begann Dumuzi, verständnisvoll, wie er meinte.
Kain schnitt ihm das Wort ab. „Ach?!“ höhnte er. „Und weil du damit auf die Schnauze gefallen bist, soll es niemals möglich sein? Weißt du was, Sternengott? Nicht alle hier sind Verlierer! Ich werde mir demnächst etwas holen, das alles in den Schatten stellt, was du hier siehst!“
„Deine heimliche Geliebte? Nein, erschrick nicht, Sohn Chevas. Das ganze Dorf spricht doch von nichts anderem! Dein kleiner Bruder ist ehrlich verliebt in seine Asura, aber liebende Paare scheint es hier genug zu geben. Solche Geschichten sind langweilig. Deine hingegen…“
„Ich liebe meine Frau ebenfalls!“ protestierte Kain.
„Aber du machst ein Geheimnis um ihre Identität, machst dich damit interessant.“ Dumuzi wies in weitem Bogen auf die Felder. „Hast ausgerechnet du das wirklich nötig?“
„Es ist ein bisschen komplizierter.“
„Das sagen alle, die nicht zugeben wollen, dass man ihr Problem auf einen Nenner bringen und im Handumdrehen lösen könnte.“
„Um mein Problem zu lösen, müsstest du schon den ganzen Planeten schütteln, bis ihr runterfallt“, knurrte Kain. „Und anschließend würde ich darüber weinen, nicht mitgefallen zu sein, sondern hierher zu gehören.“

Der Waldsee.
Am Abend desselben Tages.

Asura hängte einen mit Wasser gefüllten Kessel in ein über der Kochstelle aufgebautes Gestänge.
Sorgfältig gab sie anschließend Fleischbrocken ins Wasser, um das Ganze zum Kochen zu bringen.
Abels Ausrüstungslager enthielt nützliche Gegenstände wie ein kleines Beil und einen Wetzstein, aber keine über einen kleinen Salzvorrat hinausgehende Gewürze. Die Ausflügler hatten sich jedoch in weiser Voraussicht bereits im Dorf entsprechend ausgestattet und nun lag Asuras bunt gemustertes Lederbeutelchen neben dem geschnittenen und geputzten Wildgemüse, welches die vier im Laufe des Nachmittages gesammelt hatten.
Während Asura arbeitete, planschten die andren drei noch im See. Die Ausflügler waren sie überein gekommen, den Küchendienst in der Reihenfolge vom besten zum schlechtesten Koch rotieren zu lassen. Abel mochte ursprünglich die vage Hoffnung gehegt haben, diese Kunst innerhalb von zwei Tagen von Asura und Kethri zu erlernen, schien seinen guten Vorsatz aber längst wieder vergessen zu haben. Er beherrschte das „Heißmachen bis ohne Gesundheitsschäden essbar“, was immerhin schon eine Stufe besser als Ninurtas diesbezügliche Fähigkeiten war. Was diese anging, beschränkte sich Asura auf den einzigen Hinweis, von dem sie glaubte, dass ihn die Kriegerin verstehen mochte: „Das Wasser kommt in den Topf!“
„Wie lange noch bis zum Essen?“ erkundigten die sich drei bei Asura, als sie wenig später genug vom Schwimmen hatten.
„Eine halbe, dreiviertel Stunde.“
„Aha“, grinste Abel. „Also dreiundzwanzig Minuten.“
Asura schlug spielerisch mit ihrem Kochlöffel nach dem Partner. „Noch so eine Bemerkung und ich lasse dich deine Portion wirklich schon in dreiundzwanzig Minuten essen!“ drohte sie.

Weitere Scherzworte folgten, doch allmählich forderte der mit Fallenstellen, Schwimmen und spielerischen Raufereien unter Jugendlichen verbrachte Tag seinen Tribut. Die vier liesen sich im Halbkreis um die Kochstelle nieder.
Ninurta lies sich lang hinfallen, als habe sie im Alleingang eine Schlacht gewonnen, von der sie sich nun erholen müsse. Neben ihr hockte Asura, neben dieser ihr Verlobter und ganz außen lag Kethri auf dem Bauch. Er behauptete, mit seinem Äthersinn Krabbeltierchen vom Rastplatz fernzuhalten, was allerdings niemand so richtig glaubte. So dösten und träumten die vier in wohliger Trägheit vor sich hin, lediglich Asura musste selbst beim Ausruhen ihre Finger beschäftigen. Ninurta hörte das Messer der Menschenfrau über ein Stück Holz schaben. Ab und zu fiel ein Span auf Ninurtas entblöste Arme oder die Wange. Dann schüttelte sie sich kurz wie ein Pferd, das eine Fliege mit dem Schwanz zu verteiben versucht, und lies den Kopf wieder auf die Arme sinken.
„Was schnitzt du da?“ erkundigte sich Ninurta, bevor sie entschied, ob Asuras Motiv ein Hinschauen ihrerseits – und damit das Öffnen der Augen – rechtfertigte.
Kethri warf einen Blick auf das im Entstehen begriffene Spielzeug. Eine meinte einen Fisch zu darin erkennen.
„Ein Flugzeug“, korrigierte Asura.
Ninurta drehte den Kopf. „Wo ist das Fahrwerk?“ hakte sie nach.
Asura schüttelte den Kopf. „Nicht draußen, wenn es doch gerade fliegt!“
„Auch wieder wahr“, musste Ninurta zugeben.
„Vielleicht bastle ich für meine Kinder mal eines, das ein ausklappbares Fahrwerk hat“, überlegte Asura laut. Sie lachte: „Aber da ich solche Feinheiten noch gehörig üben muss, müssen wohl auch die Kinder noch warten!“
Abel stimmte aus vollem Herzen zu, Ninurta und Kethri hingegen schien nicht nur der Gedanke an eigenen Nachwuchs in ferner Zukunft, sondern das Konzept an sich bedrohlich.

Dafür, dass Abels Lebensgefährtin noch nie ein Flugzeug gesehen hatte, sah ihr Kunstwerk erstaunlich lebensecht aus, fand Ninurta, die nun doch einen Blick riskiert hatte. Genaugenommen glich es der „Windwandler“, deren Design sich wiederum an enunischen Teppischfischen orientierte. Kethri und seine wechselnden Begleiter erschienen nun einmal stets in der schwarzblauen Mu über Dilmun, Autos oder Schwebegleiter waren den Kindern Uruks nur aus den Erzählungen ihrer Eltern bekannt. Selbst jene Objekte, die in ihrer Kindheit zum Alltag der Auswanderer gehört hatten, waren ohne entsprechende handwerkliche Kenntnisse nur schwer nachzubauen. Deukalions Schubkarren beispielsweise eierten auf ihren aus einer massiven Holzscheibe bestehenden Rädern nur so dahin, dass niemand Interesse zeigte, sich einen Wagen zur Fortbewegung zuzulegen.
<Na und?> kam es aus Kethris Geist. <So etwas benötigen wir hier nicht.>
<Jäger!> beschwerte sich Asura. <Dilmun ist nicht dein persönlicher Wildpark!>
Adapas Sohn seufzte. „Aber so unrecht hat er gar nicht einmal. Solange die Arbeit schwer und zeitaufwendig ist, ziehen die Menschen an einem Strang. Ein weniger härter und der Konkurrenzkampf ums Überleben würde wieder einsetzen, ein wenig leichter und die Dekadenz der Sternengötter hielte Einzug. Ich sehe keinen anderen Weg, als die Menschen in dieser schmalen Zone zu halten, die Vater für sie gefunden hat…“ Der Jugendliche lachte: „Aber ich bin auch erst vierzehn und habe ehrlich gesagt in letzter Zeit völlig andere Gedanken im Kopf!“

„Wenn’s nur der Kopf wäre, wo dir was durchgeht, hätten deine Eltern sicher weniger Stress“, warf Ninurta ein.
<Trotzdem noch weniger als eure.>
<Auch wieder wahr.>
„Und, Kethri?“ fragte Abel plötzlich. „Ninurta?“
„Was, „und“? Wir sind zusammen, oder was willst du wissen? Der Äther flackert, als fiele es dir schwer, deine Frage herauszubekommen.“
„Ach so“, meinte Ninurta zu verstehen. „Bettgeheimnisse.“
„Habt ihr uns denn überhaupt noch welche voraus?“ forschte Abel. „Wie alt seid ihr wirklich? Wenn ihr Menschen wärt, meine ich.“
Während sich Kethri noch scheute, die Frage direkt zu beantworten, erklärte Ninurta bereits leichthin: „Immer noch älter als ihr! Kez auf jeden Fall, ich selbst bin, was weiß ich, gerade siebzehn geworden?“
„Ja, schon, aber wir leben auch anders!“ beeilte sich Kethri einzuwerfen, was Ninurta zum Kichern brachte.
„Hm-hm“, murmelte Abel, dann drehte er sich vom Feuer weg und starrte in den Wald.
Der Jäger würde ihm stets neue Fertigkeiten beibringen können und mehr Geschichten zu erzählen haben, soviel verstanden sie beide. Im Äther stand es deutlich zu lesen, dass sich Kethris und Abels Gedanken in dieselbe Richtung bewegten. Doch schon bald würde der Nefilim nicht mehr Abels väterlicher Mentor sein, sondern sich in dessen Wahrnehmung in ein cleveres Kind verwandeln. Und dann…
<Dann sehe ich euch alle sterben.>
<Ja, Jäger. Muss ganz fürchterlich sein, uralt zu werden, während des Rest von uns zeitig sterben „darf“. Du hast es ja SO schwer.>
Minutenlang starrten die beiden in unterschiedliche Richtungen. Ninurta und Asura blieben von dem geistigen Austausch ausgeschlossen. Im Gegensatz zu ihren festen Freunden neigten diese beiden nicht zu tiefgründigen Gedankenspielen. Ihre Träume, wie auch die Awans, Lebudas, Puzurs und des Knaben Epimetes, bezogen sich konkret auf Dinge, die sie begehrten und Erfolge, die sie erringen wollten. Auf alles, was über ihre konkrete Lebenssituation hinausging, hätte man sie gezielt aufmerksam machen müssen.
Mehr noch als ihre Geschlechter oder ihre Abstammung schied diese Eigenschaft die jungen Leute Dilmuns in zwei Gruppen.

Am selben Abend im Dorf:

Zwei zusammengerollte Decken unterm Arm erklomm Dumuzi Alulim die zum Heuboden einer Scheune führende Holzleiter.
<Wieso trage ich eigentlich diese Dinger?> beschwerte sich der Minister bei seiner Frau, die noch am Boden stand. „Du bist doch die Kampfpilotin, die sich in einer noch viel schwereren Rüstung schmale Leitern hinaufhangelt!“
„In Sippar haben wir Aufzüge. Und die Cockpits der Solist-6 sind sogar eigenbewegliche Schwebegleiter, die auch als Bodenfahrzeuge dienen können.“
„Also besteht die gemeinsame Armee der Fünfzig Namen aus lauter Faulpelzen?“ lachte Dumuzi. „Wir Eridu Fünfzig bleiben gern in Form!“
„Dann freu dich, dass dir die bösen, schweren Decken eine Gelegenheit dazu verschaffen!“
„Punkt für dich.“
Mann und Frau machten sich auf dem Boden gemütlich. Die ihnen von den Einheimischen unterbreiteten Angebote angemessener Quartiere hatten die beiden höflich, aber bestimmt ausgeschlagen. Zu einem stilechten Urlaub auf einem Bauernhof gehörte nun einmal eine Übernachtung im Stroh.

Aus der Art und Weise, wie sich seine Frau am Abend dieses ersten Tages in Dilmun an ihn kuschelte, schloss Dumuzi Alulim, dass Ishtar keinen Geliebten im Menschendorf gefunden oder auch nur gesucht hatte. Obwohl die Himmelsherrin kein Hehl aus ihrer Faszination für die Titanen machte, betrachtete sie die freien Menschen mit denselben Augen wie die Uschebti: als intelligente, aber letzten Endes nicht als Sexualpartner infrage kommende Fremdwesen. Was in Dumuzis Augen eine deutliche Verbesserung zur restlichen Bevölkerung darstellte, für die erstere ZU ähnliche Freaks und letztere bloße Tiere darstellten.
Obwohl die Individuen ihr also so fremd wie jeder ihrer eigenen Untertanen blieben, kreisten Inannas Gedanken an diesem Abend intensiv um die Menschen. Ein kurzer Anstoß im Äther brachte ans Licht, dass sie an ganz bestimmte Personen gedacht hatte:
<Worüber ich gerade sinniere, Schatz?> „Dass jemand die eigenen Eltern zu seinen Erben erklärt, ist nicht ungewöhnlich, wenn der Altersunterschied so gering ist, dass man nicht vorhersagen kann, wer wen überlebt. Prometos beerbt Pyrrha, aber wer erhält einmal Adapas Besitz?“
„Niemand, den wir kennen. Die Nachkommen seiner jüngsten Kinder“, murmelte Dumuzi schläfrig. Er bereute bereits, nachgeforscht zu haben, anstatt sich dem Schlaf hinzugeben.
„Das wäre höchst unklug“, widersprach die Himmelsherrin.
„Hm? Wieso?“
„Wir im Vergleich zu den Menschen langlebigen Personen verfolgen ebenso langfristige Pläne, aber die Grundlage jeder Zivilisation ist, wie du mich gelehrt hast, die Landwirtschaft“, erinnerte Inanna ihren Gatten. „In diesem Ressort bedeutet ‚na, da ist es eben mal hundert Jahre lang trocken’ das Todesurteil für eine Region und alle abhängigen Städte.“
Dumuzi verstand noch immer nicht. „Ja – und?“ fragte er. „Die zukünftigen Standorte für die Gutshöfe ermitteln wir anhand unserer Klimaprognosen für das jeweils nächste Jahrtausend. Diese Berechnungen fallen den Wissenschaftlern leichter als der tägliche Wetterbericht, Inanna!“
„Eben! Ki ist nicht durchgeplant wie Anur, hier müssen wir ständig wandern. Aus diesem Grund bevorzugen die Verkehrsplaner doch sinnvollerweise Flugrouten gegenüber Straßen. Aber wohin wandern die Uruker, wenn Dilmun sie nicht mehr ernähren kann? Ihnen bleibt nur das Reich der Fünfzig Namen, wo sich mein Vater jeden einzelnen von ihnen als Sklaven einverleiben wird.“
„Bis dahin ist Adapa längst gestorben“, wehrte Dumuzi ab. „Und wir sollten uns hüten, ihm sein Exil durch derartige Bedenken unnötig zu erschweren!“
„Ja“, stimmte Inanna zögerlich zu. „Das ist sicher vernünftig. Dann schlaf gut, Schatz!“
„Du auch, Liebling“, erwiderte der Annunaki. Kurz darauf war er auch schon eingeschlafen.

Inanna aber starrte noch lange an die Scheunendecke, ohne dem Partner ins Traumreich folgen zu können. Dilmun bedeutete ihr lediglich insofern etwas, als dass dieses Projekt den alten Kamderaden Adapa glücklich machte. Aber ihren Dumuzi, dem die Himmelsherrin ihre Freiheit, Würde und nicht zuletzt die Bestätigung ihrer Weiblichkeit verdankte, reden zu hören, wie es der Vizekönig tat, schmerzte die Inanna. Unwillkürlich streichelte sie dem Mann über den beinahe kahlen Schädel, als läge der friedlich Schlummernde mit einer schweren Krankheit darnieder.

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