Zu Gast in Dilmun (Teil 7 von 7)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 2: Zu Gast in Dilmun
Am Ende der Woche kehrten die vier Ausflügler zurück ins Dorf. Abel hatte seine Lektionen im Lagerfeuerkochen mit Erfolg absolviert. Mehr beherrschte auch Kethri Qat nicht und mehr erwartete Asura nicht von ihrem Zukünftigen.
Kain saß unter einem Nussbaum, wo er undefinierbare Bilder in die Erde kratzte. Aus den Augenwinkeln, doch mehr noch mit seinem Äthersinn, bekam er mit, wie die Dilmuner die beiden Sternengötter bestürmten. Er erwartete schroffe Ablehnung seitens zumindest des Jagdmeisters, musste sich jedoch eines Besseren belehren lassen. Mittlerweile geschult in den Riten der Dilmuner behauptete Kethri, deren Gebete während seiner Abwesenheit in der Ferne empfangen und mit Wohlwollen aufgenommen zu haben. Die letzte Entscheidung über das Wohl und Wehe der Welt stehe allerdings nicht ihm, sondern Enlil zu. Im Zweifelsfall wisse Adapa am Besten, was der Erlangung der Gunst des Herren der Lüfte am zuträglichsten sei.
Cheva konnte sich ihren Spott angesichts von so viel unerwarteter Einsicht ins Funktionieren der Gemeinde nicht verkneifen: <Pass bloß auf, dass du nicht noch zivilisationstauglich endest, Jäger!> Ihre Ätherpräsenz beinhaltete nicht das winzigste Quäntchen Zuneigung oder gar feundschaftlicher Frotzelei. Das Gegenteil war der Fall: Die Frau schloss Abel und Asura in die Arme, befragte sie nach Details ihrer Zeit im Wald, die sie nicht im geringsten interessierten, weil sie sich einfach nur freute, die beiden Kinder wieder an Leib und Seele heil um sich herum zu haben. Es gab keinen Grund, das just in diesem Moment zu tun. Chevas Präsenz verriet sogar deutlich, dass sie die Umarmung und das Zuhören lieber auf einen späteren Zeitpunkt verschoben hätte, zu dem sie mehr innere Ruhe besaß. Es vor Kethris Augen zu tun, sollte lediglich demonstrieren, wer hier willkommen war und wer nicht und es bedurfte keiner Sinne für den Äther, um sich Chevas Motivation zu erschließen.

Angesichts des Empfangs und nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass der Äther zwischen Adapa und Dumuzi verdunkelt war, gesellte sich Kethri der einzigen Person in der Umgebung zu, die sich gerade in einer ähnlich angepissten Stimmung wie er selbst befand: Kain unter dem Nussbaum. Auch wenn die beiden in nur wenig übereinstimmten und aus völlig unterschiedlichen Gründen so fühlten, wie sie es gerade taten, würden sie kurzzeitig im Gleichklang ihrer Präsenzen Trost finden.
„Hallo, Jäger.“
„Hallo.“
Kain hob den Kopf. Zu Kethris Überraschung grinste der Jugendliche ihn an.
„Das war ernst gemeint, mit dem Wohlwollen aus der Ferne, richtig? Je weiter in der Ferne du bist, während die Menschen dich anbeten, umso größer dein Wohlwollen dem Sermon gegenüber!“
„Haha, ja. Ich musste wirklich nicht lügen!“
Kain deutete mit dem Kopf in Richtung seines Vaters.
<Sie tauschen Gefühle aus… keine angenehmen.> „Was hat es nun wieder damit auf sich? Ich dachte, Dumuzi könne mein Freund werden, aber irgendwie scheinen alle meine Freunde komplizierte Beziehungen zu Vater zu pflegen. Als sei er doch nicht so freiwillig von euch fortgegangen, wie er behauptet…“
Kethri vermochte weder einen unwillkürlichen Seufzer noch die weitaus schnellere Ausbreitung seiner Gefühle über den Äther zu verhindern: <Ist er ja auch gar nicht. Aber…> „Zu dem Zeitpunkt erschien es uns allen als das kleinste Übel. Selbst Enki war davon überzeugt, jedenfalls in gewisser Weise.“
„Das kleinste Übel?“ Kain stieß seinen zum Zeichnen benutzten Zweig in den Boden. „Wie typisch für euch.“ <Ich will mehr!>
<Denkst du, ich nicht?> „Dumuzi und Adapa, das ist vergleichsweise einfach zu erklären: Dein Vater hat Dumuzis Frau einmal im Äther angegriffen. Es handelte sich um eine absolute Kleinigkeit, wegen derer sie sich stritten, aber Adapa kurz vorher erfahren, was es mit den Adamu auf sich hat und war entsprechend aufgewühlt.“
<Oh…!>
„Die Himmelsherrin hat Adapa eines Tages verziehen, Dumuzi noch lange nicht. Naja, und hinzu kommt, dass er ehemalige Liebhaber seiner Frau nicht so rasch vom Haken lässt.“
<Wer würde das schon?> Kain schüttelte ungläubig seine Locken. Wieso sprach Kethri das so aus, als sei es etwas Außergewöhnliches? Wieso hatte er dabei gelacht? <Ich meine, das ist doch völlig normal!>
<Ach so, ja, das kannst du ja gar nicht wissen.> „Die beiden haben eine Abmachung: Inanna darf Vögelchen spielen, mit wem sie möchte, und Dumzi darf denjenigen verprügeln, wenn er es herausfindet. Auf diese Weise stellen sie sicher, dass es beim Sex bleibt, denn wenn Inanna für jemand Gefühle hegt, wird sie nicht riskieren, diese Person Dumuzis Zorn auszuliefern.“ <Es funktioniert. Meistens.>
<Wilde. Eindeutig Wilde>, stand im Äther zu lesen. Verachtung und Amüsement begleiteten den Gedanken, doch zumindest richtete sich Kains Verachtung wieder nach außen, anstatt sich als Selbsthass zu manifestieren. Kethri verstand, dass entweder sein neuer Status als Bald-Erwachsener oder seine Beziehung dem jungen Mann gut taten.

Hatte Kain bis dahin lediglich über Bewegungen seines Kopfes kommuniziert, erwachte mit einem mal sein gesamter Körper zum Leben: Er warf sich herum, bereit, eine kleine Spinne von Kethris Lederhemd zu schnippen. Oder, nein, nicht wegzuschnippen, sondern sie, da wo sie saß, zu erschlagen. Diesen Schluss zu ziehen und Kains Handgelenk zu ergreifen, waren beinahe eins. Mühelos packte der Jäger zu und hielt den Arm des Menschenjungen fest umklammert.
„A…au!“ <Gemeingefährlich! Aber sowas von!>
Kethri stieß Kain von sich und zu Boden, dann sprang er selbst auf. Aufgestauter Frust, der nicht einmal allein dem Jungen galt, entlud sich in Form eines Fußtritts gegen Chevas Sohn.
„Was, wenn jemand DICH einfach mal so nebenbei vernichtete? Das ist leicht, selbst Kinder vermögen das, aber niemand kann ein Lebewesen wieder lebendig machen! Wieso begreift das keiner?!“
<Wer sagt, dass ich es nicht begreife? Nur…> „…warum sollte es mich kümmern?“
Kethri baute sich über dem Menschenjungen auf, doch es war nicht der gestrenge Sternengott, der sich anschickte, dem erbärmlichen Sterblichen eine Lektion darüber zu erteilen, wie man sich korrekt in seiner Gegenwart verhielt. Ganz im Gegenteil begriff Kain, dass er aufgrund seiner Abstammung als Nachkomme befreiter Sklaven noch weitaus mehr Rücksicht empfing als Kethri sie einem Annunaki oder Nefilim hätte zukommen lassen. Zudem fühlte sich der Jugendliche mit einem Mal von einem Anspruch bombardiert, der allein an jene wie den Jagdmeister – oder diesem noch weit übergeordnete Personen – gestellt wurde.
„Wil du der Prinz des Hauses Uruk bist, von Chevas und Adapas Blut!“ schnarrte Kethri, als erkläre das alles.
„Sklaven.“ Kain blickte zu Boden. „Laborexperimente.“
„Sowie Abkömmlinge mindestens eines der Himmelsgötter.“
Kethri hockte sich neben den anderen. „Sie testen ihre Nachkommen“, behauptete er.
Seitens Kains spürte der Nefilim auf die Eröffnung folgendes reserviertes Interesse. Ausgerechnet der Jäger, der sich nicht anbeten lassen wollte, nahm plötzlich göttliche Abstammung für sich in Anspruch? Reale zudem, nicht bloß die Anbetung seiner eigenen Art? Natürlich, der Götterglaube der Menschen kam nicht von irgendwoher. Jemand musste das Konzept bereits vorher gekannt und lediglich die Begrifflichkeit auf das Verhältnis von Mensch und Nefilim übertragen haben!
<Du… ich… das gibt es alles wirklich?!>

„Man sagt, sie haben die Annunaki geschaffen und es heißt weiterhin, dass die Unterschiede zwischen jenen und uns auf Liebesbeziehungen zwischen den Himmelsgöttern und ihrer Schöpfung zurückgingen“, antwortete Kethri ausweichend. „Die meisten Priester schlussfolgern, dass wir aufgrund dieser Parallele so versessen darauf sind, selbst eine neue Art zu schaffen.“
„Na, du schonmal nicht.“
„Nein, ich nicht, nicht mehr, seit ich den Prozess verstehe. Am Anfang… ich weiß nicht. Ich habe mich wohl oft gegen das Projekt ausgesprochen, ohne zu wissen, was ich eigentlich wirklich wollte.“
„Also schlagen deine Himmelsgott-Instinkte doch an“, meinte Kain im Scherz. „Sind das Individuen mit eigenen Zielen oder transzendieren die <auch> nur so vor sich hin <wie Abel und du>?“
Kethri zuckte die Achseln. „Unsere Vorfahren haben die Igigi fein säuberlich sortiert, seit die Häuser sich ausbreiteten und mehr und mehr miteinander interagierten. Aber diese Listen mussten sich mehr als einmal der Politik beugen und schon bald man sich nicht einmal mehr Mühe, den Originalzustand abzubilden. Haus Qat war einst mächtiger als heute, Mitbegründer unsers allerersten Staates. Es ist daher anzunehmen, dass die von uns verehrte Himmelsgottheit über lange Zeit in den Diskursen des Klerus präsent war, ihr viele Texte gewidmet wurden und sie schließlich ins Pantheon der zwölf Großen einging, obwohl ihre Nachkommen mehr oder weniger in Bedeutungslosigkeit versanken.“
Kain folgte Kehris Ausführungen ohne mit Zwischenfragen zu stören. Der Jugendliche wusste ohnehin nicht, was er sagen sollte. Das meiste von dem, was Kethri da über die Geschichte und Mythologie seines Volkes vor ihm ausbreitete, schwappte über Kain hinweg wie eine Welle. Er fand keinen Bezug dazu, keinen Ankerplatz in den mal in diese und mal in jene Richtung ausschlagenden Wassermassen, da es dem Nefilim schwer fiel, sein umfangreiches Wissen für einen Laien gerecht zu ordnen. Eines allerdings war Kain klar, und es war diese Einsicht, die ihm die Zunge lähmte: Dieser Kethri musste Jahrhunderte dem Studium von etwas gewidmet haben, das noch sinnloser war als Abels Herumgejage im Wald! Welchen Zweck erfüllte es, aufsagen zu können, in welcher Generation welche Mode das Bild einer in irgendeinem Krieg zerstörten Stadt geprägt hatte? Und über wieviele Assoziationen war Kethri überhaupt von den Himmelsgöttern zum Makeup für Frauen gelangt? An irgendeinem Punkt musste die Chemie eine Rolle gespielt haben…
Endlich gelang es Kain, seiner abgestoßene Faszination zu entkommen und den Mund zu öffnen: „Dann erreicht Kelimat also mit deiner Anbetung wirklich einen Himmelsgott irgendwo weit am Anfang einer langen Reihe, die zu dir führt. Lustig!“
„Sagst du’s ihr?“
<Ja!> Kain nickte heftig. „Wenn sie sich mal schlecht fühlt, dann wird es meine Schwester aufmuntern. Sie arbeitet ebensowenig wie Abel, leistet aber trotzdem viel für das Dorf. Ihr Sternengötter sorgt auf verdrehte Weise für Stabilität, das muss ich euch zugestehen. – Was hat es mit den Igigi auf sich?“ <Ich glaube, das war meine ursprüngliche Frage.>
„Der Volksglaube treibt bizarre Blüten“, gab Kethri zu. „Aber Enlil und mein älterer Bruder haben die Igigi studiert. Es sind Kreaturen der Balance: Sei so erfolgreich wie möglich bei so viel Rücksichtnahme auf die Umwelt wie nötig, damit das System als solches erhalten bleibt.“
„Und was ist deine Rolle dabei? Ich meine, du glaubst doch nicht wirklich daran, oder etwa doch?“
Kethris Glaubensstärke war typisch für einen Nefilim: Umso sicherer und inbrünstiger, je besser es ihm ging. An solchen Tagen versetzte ihn die Überzeugung davon, nach dem Körpertod auf einer anderen Ebene weiterzuexistieren, in eine Hochstimmung, die zu ganz und gar nicht liturgisch anerkannten Gedankenspielen führten. Dann malte sich der junge Nefilim aus, wie er den Igigi gegenübertreten würde. Mittlerweile gab es mehr Nefilim als Igigi, sein Ahn Madi, der edle Hexer, und Kethris tödlich verunfallter jüngster Bruder Sîn Qat waren nur zwei davon. Und jeder dieser Adligen verfügte über eine Anzahl loyaler Annunaki. Man musste sie nur in der Hölle ausfindig machen und aufrütteln, um mit dem alten Herrschaftssystem der Igigi direkt an der Quelle aufzuräumen. Dann mochte sich die Prophezeiung von einem neuen, besseren Adelsstand doch noch erfüllen…
„Die Himmelsgötter haben mir nichts zu bieten!“ erklärte Kethri voller Überzeugung.
Kain nickte. War der andere also doch vernünftig, wenn er die Mythologie studierte, um sich die Zeit zu vertreiben, aber nichts auf unbewiesene Phantastereien gab.

„Was du allerdings vor ein paar Tagen auf der Schmetterlingswiese sagtest gefiel mir“, meinte Kethri. „Weil ich dann wohl im Gegenzug du wäre.“
Der junge Mensch schnaubte verächtlich: „Gefällt´s dir hier wirklich so gut?“
„Ja, tut es. Das hat mir schon Asura vorgeworfen.“
„Klar, wenn man etwas besitzt, ist es leicht, es wegzuwerfen. Aber wenn man nichts hat…“ Kain schüttelte den Kopf. „Aber ICH besitze etwas, das ich niemals wegwerfen würde! Etwas, das tausendmal mehr wert als alle Fürstentitel Erbet-Kibratims zusammengenommen ist!“
„Deine mysteriöse Partnerin“, schlussfolgerte Kethri. „Sei vorsichtig, Kain. Ältere Frauen neigen dazu, mit unsereinem nur zu spielen.“
„Oh, meine nicht! Meine ist mir verfallen!“
Kethri Izimu erwartete weder eine Antwort, Kains erwählte Lebensgefährtin betreffend, noch suchte er nach ihr. Sie traf ihn unvorbereitet. Im Äther formte sich das Bild einer Dilmunerin. Es handelte sich um eine der wenigen Untertanen Adapas, die der Jäger näher kannte. Genaugenommen zählte sie zu seiner erweiterten Familie. Sowie zu Kains unmittelbarer, und genau darin lag das Problem.
Kain sah das Bild seiner Braut in Kethris Geist. Durch die Augen des Nefilim gesehen, erschien die Frau nur umso begehrenswerter.
„Sie ist wunderschön“, hauchte Kain. „Und wir sind dafür bestimmt, für immer beinander zu liegen, denn genau so wurden wir im Mutterleib geschaffen!“

Dass Kains Geheimnis ans Licht gekommen war, gefiel diesem zwar nicht, doch war es nun einmal geschehen. Sich den Kopf darüber zu zerbrechen erschien Adapas Sohn unsinnig. Statt sich oder Kethri also Vorhaltungen zu machen, suchte er lieber seine Braut auf, um sie über die Wende der Ereignisse zu informieren. Und zu einem anderen Zweck, den sich der Nefilim nicht genauer ausmalen wollte.
Kethri wandte sich nicht sofort mit seiner Erkenntnis an die Dilmuner. Er wartete den Abend ab und suchte schließlich Adapa auf. Der Patriarch spazierte nahe seines Hauses über ein Stoppelfeld, tief in durch sein Wiedersehen mit Dumuzi und den beiden Offizieren ausgelösten Gedanken versunken. Kethris Ännäherung bemerkte er zuerst anhand der diesem vorauseilenden Ätherpräsenz. Sie verriet Kethris Aufgewühltheit, darüberhinaus aber auch bereits den Grund derselben: Der Jagdmeister hatte die Identität von Kains mysteriöse Braut aufgedeckt!
Wem genau hatte sich der Jugendliche da anvertraut, fragte sich Adapa? Einem Sternengott? Dem Lehrer seines Bruders? Einer Art Onkel? Einfach nur einem Außenstehenden, der gerade greifbar war?
Solange er es nur überhaupt getan hat kann es mir eigentlich egal sein, fand Adapa. Etwas arbeitet in meinem Großen, das er seinen Eltern nicht offen legen will. Etwas, bei dem wir ihm vielleicht helfen könnten.
Je näher Kethri kam, umso klarer vermochte Adapa seinen Gedankeninhalt zu lesen. Neben seiner Erkenntnis Kains Ehe bezügliche, schien den Nefilim auch ein eigenes Familienproblem zu belasten. Mit den Worten „Du denkst an deine Schwester, Kez“ begrüßte Adapa den Freund. „Aber dir ist schlecht dabei. Wieso? Gerade ihr beide hängt doch sonst so aneinander?“
„Wir beide!“ spuckte Kethri aus. Es fehlte nicht viel, so fürchtete Adapa, und der Jüngere würde sich tatsächlich übergeben. Er lauschte genauer auf den Äther.
„Himmelsgötter! Was hat Mijun angestellt, dass du ihren Namen im Zusammenhang mit ‚abartig’ denkst? Und was hat diese Assoziationen ausgerechnet mitten in Dilmun geweckt?“
„Nicht Mijun ist abartig.“
„Ich könnte es ohnehin nicht beurteilen“, erwiderte Adapa. „Wenn sie auf Ki lebte, hätte ich vielleicht sogar geheiratet, ohne mich auch nur nach einer anderen umzusehen. Die Schwester meines besten Kumpels und so weiter…“
„Mijun wäre eine gute Wahl für jeden“, behauptete Kethri stolz. „Mit einer einzigen Ausnahme: für mich. Es mir auch nur vorzustellen, als ihr Mann zu meiner Zwillingsschwester zu gehen, dreht mir den Magen um.“
„Wieso tust du dir solche Gedankenspiele dann an?“
„Um zu verstehen, wie es sich anfühlt. Wie er sich fühlt. Was in deinem Jungen vorgeht, Verdammnis noch mal!“
„In Kain?“
Kethri nickte heftig. „Adapa! Ich habe mit deinem Sohn gesprochen und der Äther hat mir verraten, wen sich Kain als Lebenspartnerin wünscht. Es ist Lebuda! Als er merkte, dass ich es weiß, hat er es sofort zugegeben.“
Adapa erbleichte sichtlich. Die Ehe von Halbgeschwistern galt in Erbet-Kibratim nicht als ungewöhnlich, weil im Zwillingsvolk aus Nefilim und Annunaki keine Erbgutdefekte aus solchen Verpaarungen hervorgehenden Nachwuchs belasteten. Ohne diesen günstigen Zustand wäre das gesamte System der Clans und Häuser bereits vor langer Zeit gekippt. Äußerst selten, aber noch immer toleriert, kamen bei den Sternengöttern Partnerschaften zwischen vollen Geschwistern zustande. In den unter Laborbedingungen gezüchteten frühen Menschengenerationen war es sogar oftmals nicht zu vermeiden. Aber die eigene Zwillingsschwester zu begehren, stellte ein Tabu dar, das niemand zu brechen verlangte. Nicht nur wegen der damit verbundenen Probleme für die nächste Generation, sondern augrund einer jedem Individuum angeborenen Abscheu dagegen.
„Nun, dieses Programm zu installieren scheint Ki bei deinen beiden Großen vergessen zu haben“, stellte Kethri fest.
Die Sonne versank langsam hinter dem Horizont. Sie streckte die Schatten der Menschen grotesk in die Länge.
<Und Lebuda, Kez? Versteht wenigstens sie…?>
<Dasselbe.>
Adapa schüttelte traurig den Kopf. „Ich glaube, ich muss heute Abend meinen sechzehnjährigen Kindern Hausarrest verordnen“, seufzte er.

Der Abend schritt voran. In Adapas Haus beschäftigte man sich mit Handarbeit. Kain hielt dabei die Wolle, aus der seine Zwillingsschwester Tücher und Überwürfe strickte. Die überlegen-spöttischen Blicke, die sie sich zuwarfen, wären noch zu ertragen gewesen, die ihre Zweisamkeit begleitenden Gefühle hingegen beinahe zu viel für die restlichen Familienmitglieder.
Als Asura zu Besuch hereinkam, zogen sie und Abel sich sofort nach oben zurück. Dort saßen sie nur nebeneinander, hielten sich an den Händen, ließen ihre Gedanken schweifen und hofften, das irgendwie alles gut würde.
Nach Abels Rückzug verlies auch Kelimat fluchtartig das elterliche Haus.
Doch nicht die unsittliche Liebe der Zwillinge trieb das Mädchen fort. Wäre der Äther im Elternhaus von Gefühlen der Liebe schwanger gewesen, Kelimat hätte sich den älteren Geschwistern zugesellt und die Eltern zum Reden mit diesen aufgefordert. Selbst einfaches Begehren ohne jegliche tiefergehende Zuneigung hätte die junge Frau nicht zur Flucht veranlasst. Doch Lebudas und Kains Überheblichkeit, die sich so sehr vom Stolz eines Menschen, der etwas geleistet hatte, unterschied, ihre Verachtung gegenüber allen, welche die Welt nicht mit ihren Augen sahen, ihre völlige Ignoranz gegenüber den Gefühlen ihrer Freunde und Verwandten, das war zu viel gewesen. So deutlich und geballt wie an diesem Tag waren diese Eigenschaften der Geschwister noch nie zutage getreten.

Kelimat lief weit ins offene Land hinaus und setzte sich dann mitten auf die Schmetterlingswiese, wo sie zu Izimu Qat zu beten begann. Zum ersten Mal in ihrem Leben fragte sich die Bardin Dilmuns, ob ihre Verehrung des Jägers vielleicht ebenfalls einer Verliebtheit zuzuschreiben war. All die eingebildeten Hindernisse wie ihr Altersunterschied, ihre Zugehörigkeit zu verschiedenen Völkern und die Tatsache, dass Kethri bereits eine feste Partnerin hatte, erschienen mit einem Mal nichtig. Genaugenommen trennte die beiden nichts außer selbstgemachten Schranken. Lebuda hingegen… und Kain… Kelimats eigene Geschwister! Das war ein echtes Problem.
Mit einem Mal stand Izimu hinter Adapas Tochter. Kelimat wandte sich um und strahlte den Sternengott an. „Du bist wirklich gekommen!“
Izimu nickte. „Ich trage diesen Beinamen nicht umsonst, Kel. Ich sehe und höre alles“, meinte er.
Sonderlich schwer war es ihm in dieser Nacht nicht gefallen. Anstatt sich nämlich, wie es ein Himmelsgöttergläubiger tat, in sich selbst zu versenken und dort einen Kanal anzusprechen, der direkt zu den Igigi führen sollte, hatte sich Kelimat beim Beten einer Methode bedient, von der sie wusste, ihren sternengöttliche Patron damit zu erreichen: des Äthersinns.
<Du musst etwas tun, Kethri!>
„Wende dich mit deiner Bitte lieber an Enlil“, riet der Nefilim der Menschenfrau. „Er ist wirklich gut im Verhindern von Hochzeiten…“
„Egal, welche Entscheidung ihr trefft“, erklärte Kelimat. „Allein, dass ihr Anteil an den Geschehnissen hier nehmt, gibt mir Hoffnung!“
Kethri lies sich neben Adapas Tochter nieder.
„Kel…“, sprach er. „Die Welt wird von Mächten gelenkt, die ich nicht zu Gesicht bekomme. Manche behaupten, es seien die Himmelsgötter, andere sind der Meinung, es läge an uns allein und wieder andere sagen, dass selbst die Dreckbazillen auf unserer Haut uns zu steuern in der Lage seien. Auf nichts davon kann ich Einfluss nehmen. Wir Sternengötter sind nur auf einem Gebiet gut: wir können Menschen machen.“
Kelimat wartete ab. Der Jagdmeister schien einen weiteren Hinweis für sie in seinem Kopf hin und her zu wenden. „Weil wir das können, wissen wir auch, wie man es zuverlässig verhindert, dass Menschen entstehen“, sprach Kethri weiter. „Es gibt eine einzige Lösung für das Dilemma deiner Geschwister. Ich kenne sie, aber nur Iznak in Urukwacht wäre in der Lage, sie umzusetzen.“ Der Nefilim reichte Kelimat eine Schreibfolie. „Erst entrollen, wenn ich von hier verschwunden bin, verstanden?“
„Wieso?“
Weil mir an der Unversehrtheit meiner Synapsen gelegen ist, dachte Kethri. Ninurta hat es vorhin wenigstens beim Anbrüllen belassen, als ich ihr den Plan auseinandersetzte. Wer weiß, was du mit meinem Äthersinn anrichten kannst… Laut aber sagte er: „Wenn ich das ausspreche, könnte es von den Dörflern als Befehl der Sternengötter missverstanden werden. Aus Adapas oder deinem Mund hingegen ist es der Rat eines engen Verwandten.“
<Das ergibt Sinn. Danke.>

Am nächsten Morgen standen Dumuzi und Inanna aufbruchbereit und gut erholt von ihrem extravaganten Urlaub an der „Windwandler“. Ihren Begleitern fiel die Trennung ungleich schwerer.
„Offen gestanden habe ich nicht geglaubt, dass aus euch beiden etwas Längerfristiges werden könnte“, gestand Adapa Ninurta. „Umso mehr freut es mich natürlich für Kez und dich.“
<Leichter als meine gestaltet sich deine familiäre Situation derzeit ja auch nicht>, erwiderte die Nefilimprinzessin diskret.
<War das jemals anders?> strahlte Adapa aus, als er Ninurta zum Abschied die Hand fest drückte.
Während Ninurta im Einsteigen begriffen war, umarmte Adapa Kethri.
„Bis zum nächsten Jahr“, verabschiedete er den Jäger. Noch fiel es ihm leicht, auf das angehängte „mein Junge“ zu verzichten, doch auch dieser Tag würde kommen. Zu seinem eigenen Erstaunen musste sich der Herr Uruks eingestehen, dass seine Abneigung, die Jugend hinter sich zu lassen, mehr und mehr zurückging. Einmal in Gang gesetzt erschien der Prozess dem betroffenen Individuum offensichtlich völlig natürlich.
Die „Windwandler“ erhob sich in die Lüfte. Adapa blieben nur wenige Sekunden, ihr nachzuschauen und dabei über das Altern zu philosophieren, bevor der Alltag wieder seine volle Aufmerksamkeit erforderte.
„Adapa!“ hörte der Familienvater Cheva flehentlich rufen. „Was soll ich jetzt mit den Kindern tun? Wir können sie ja schlecht einsperren!“
„Der Gedanke ging mir durch den Kopf“, knurrte Adapa.
Nur seiner Lebensgefährtin fiel auf, wie sehr er in diesem Moment seinem Pflegevater im fernen Eridu ähnelte, doch sie hütete sich, auch nur deutlicher daran zu denken, um den geliebten Mann nicht zu verletzen. Denn Adapas Vergangenheit unter den Sternengöttern lag noch längst nicht so weit oder auch nur so verarbeitet, hinter ihm, wie er sich vormachte.
Adapa legte seinen Arm um Chevas Schultern. Im Äther versicherten sich die beiden ihrer Anwesenheit. Egal, was auf sein einstürmen mochte, sie würden es gemeinsam durchstehehen.

Bevor weitere Worte gewechselt werden konnten, trat Kelimat aus dem Haus. Stolz teilte sie ihrem Vater mit, das Hochzeitsproblem in der gestrigen Nacht gelöst zu haben.
„Äh…“ Adapa runzelte unwillkürlich die Stirn. Eine Lösung im Kelimat-Stil zeichnete sich üblicherweise dadurch aus, perfekt auf das Problem zugeschnitten, elegant, sämtliche Aspekte der Sache abdeckend, aber leider völlig undurchführbar zu sein. Zu ähnlich waren sich Kelimat und der Jagdmeister aus Erbet-Kibratim in dieser Hinsicht. Adapa hatte es oft erlebt, dass seine Kleine mit ihren Ideen von den Erwachsenen abgeschmettert worden war. Zwei, drei oder vier Jahre später suchten dieselben Erwachsenen das Dorfoberhaupt auf und gestanden Adapa, wie viel einfacher alles gewesen wäre, hätten sie damals auf sein Töchterchen gehört. Doch es lag in der Natur des Menschen, dass selbst diese Personen wieder den Kopf schüttelten, wenn Kelimat einem weiteren Ratsuchenden einen „undurchführbaren“ Vorschlag unterbreitete.
Adapa entrollte die Schreibfolie, die Kelimat von Kethri erhalten hatte. Er studierte sie unter den erwartungsvollen Blicken seiner Tochter. Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein, Kel, DAS ist unmöglich!“ erklärte Adapa entschieden.
Doch auch Kelimat wurde älter und so schmollte sie nicht mehr, sondern erwiderte lächelnd, dass die Leute das jedes Mal sagten.
Adapa reichte ihr das Schreiben zurück. Er setzte der Tochter seinen Inhalt auseinander. Erklärte ihr, was Sterilisierung bedeutete. Kelimats Lächeln verflog bereits mit den ersten Worten des Vaters. „Das ist VÖLLIG unmöglich!“ rief sie schließlich aus. „Die Göttin Ninurta will keine Kinder, aber noch nicht mal die würde das mit sich machen lassen!“
„Dann geht mit dem Brief zu Lebuda“, forderte Adapa Kelimat und Cheva auf. „Sprecht mit ihr, wie es ein Mann nicht kann. Ich versuche inzwischen, zu unserem Ältesten durchzudringen.“

 

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