Hochzeit in Dilmun (Teil 1)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 3: Hochzeit in Dilmun

Es war ein warmer Tag, den die Dilmuner nutzten, um die letzten faulen Stunden vor der Erntezeit zu verdösen oder ihre Werkzeuge zu überprüfen und bei Bedarf neue bei Awans Vater in Auftrag zu geben. So stolz war der Menschenmann darauf, eines der wenigen Kinder des Dorfes gezeugt zu haben, dass er die Anrede „Awans Vater“ seinem Eigennamen vorzog.
Namen, wie überhaupt jedes Wort, waren den Menschen wichtig. Doch dafür, dass dem gesprochenen Wort eine solche Bedeutung zugemessen wurde, ließen die Dilmuner es an der Ehrfurcht im Umgang damit fehlen. Oder anders ausgedrückt: die Gerüchteküche im Dorf, ja, schon bald im gesamten Tal, war gehörig am Brodeln!
Kains geheimnisvolle Braut sei den Sternnengöttern nun bekannt, sprachen die Menschen untereinander. Allerdings zeigten sich die höchsten Wesen nicht mit der Wahl der jungen Leute einverstanden.
Selbst jene Menschen, die durch das Gemunkel überhaupt ersteinmal davon erfahren hatten, dass sich Adapas Söhne zu vermählen gedachten und dieses Ansinnen mit gewissen Schwierigkeiten verbunden war, gelangten beinahe ebenso so rasch zu einer Einschätzung der Lage, wie sie die neuen Informationen aufnahmen.
Ob es nun seinem Hadern mit den Eltern, der auferzwungenen Trennung von Lebuda oder fehlender Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen in deren Aufregung zuzuschreiben war, jedenfalls zog sich Kain nach dem Abflug der Sternengötter recht schnell aus dem Dorf zurück. Seine Tage widmete er ganz der Arbeit, die er liebte. Die Menschen beurteilten jene Arbeit ebenso, wie Kain der Jagdlust des jüngeren Bruders: als sinnfreie Spielerei, der man sich allenfalls hingeben durfte, wenn alles Wichtige getan war. Dennoch hießen sie es gut, dass Kain etwas gefunden hatte, was ihn vom Dorf fern hielt. Denn offensichtlich stand der Jüngling nicht mehr in der Gunst der Götter. Sollte er das Dorf nur ruhig meiden, auf diese Weise würde er auch den Zorn der Götter nicht auf die Menschen lenken!
So war aus Adapas Sohn in der Wahrnehmung der Dörfler also ein gefährlicher Außenseiter geworden, aufgrund dessen Sünden am Ende noch großes Unglück über sie alle hereinbrechen mochte.

Awans Vater gehörte zu den wenigen, die sich von der allgemeinen Unruhe nicht anstecken ließen. Der Mann ging seinem Alltag nach, ohne sich von Menschen oder der anstehenden Erntezeit hetzen zu lassen. Was ihn anging, hatte Kain aufgehört zu existieren. Adapas Sohn war Abel, der oft vorlaute, aber letzten Endes verständige Junge, der den Speiseplan der Dörfler bereicherte und damit nicht unwesentlich zu deren Lebensgenuss beitrug. Ein Bengel, natürlich, welches Kind war das nicht? Zudem war Abel weitaus einfacher zu verstehen als… als… na, der andere eben. Der, an den Awans Vater nicht mehr hatte denken wollen.
Abel hatte bereits eine Zeitlang ganz in der Nähe auf dem alten, ausgemusterten Amboss gesessen und dem Schmied bei dessen Arbeit zugeschaut. Nun meinte er, die über dem Kopf des Mannes aufsteigende düstere Wolke beinahe sehen zu können. Wodurch sich der Äther derartig verdichtet hatte, vermochte der Jugendliche weder zu lesen noch zu erraten. Er begriff allerdings etwas anderes: dass er sich nämlich in nächster Zeit nicht von diesem Ort fortbewegen würde. Daraus folgte, dass er ebensogut aufstehen und dem Älteren zur Hand gehen konnte.
Wortlos lächelnd drückte der Schmied seine Freude über die ebenso wortlos angebotene Hilfe aus. Das Schmiedehandwerk nicht erlernen zu wollen, stellte die häufigste Ausrede seiner Mitmenschen dar, wenn sie nicht am Blasebalg knien und pumpen wollten. Dabei benötigte Awans Vater überhaupt keinen Lehrling, sondern lediglich ab und zu einen wie den jungen Jäger, der seine Arme auf und ab zu bewegen vermochte, ohne die Hufeisen von der Wand zu reißen! Genau diese Hilfe erhielt Awans Vater und zusätzlich eine weitere, von der ihm nicht bewusst gewesen war, sie zu benötigen: In dem Maße, in dem sich seine Gedanken wieder von Adapas älterem Sohn und dessen Wahnsinn lösten, klarte auch der Äther in der Schmiede wieder auf.

Bald schon stand die Sonne im Mittag. Um diese Zeit pflegten die Dilmuner sich im Familienkreis zusammenzufinden und eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Awan war bereits auf dem Heimweg von der Pferdekoppel, nur machte Abel keine Anstalten, ebenfalls nach Hause aufzubrechen.
„Na?“ scherzte der Schmied. „Kannst du dich nicht zwischen deiner alten und deiner neuen Familie entscheiden, dass du stattdessen hier bei uns Wurzeln schlägst?“
Er legte sein Werkzeug beiseite und griff nach einem Leinentuch, mit dem er sich den Schweiß aus dem Gesicht wischte. Als sein Gehilfe nicht antwortete, schlug der Mann spielerisch mit dem Handtuch nach ihm. „Na komm schon! Irgendwas hast du du doch!“
Abel starrte unverwandt auf das Haus seines Vaters. „Ja…“ murmelte er in abwesendem Tonfall. „Ja, so ist es. Wie du gesagt hast.“
Schritt für Schritt ging er auf sein Haus zu. Die Worte des Schmiedes „He! Das sollte doch kein Rauswurf sein!“ hörte der Jugendliche schon gar nicht mehr.

Den ganzen Vormittag über hatte sich niemand Adapas Haus genähert. Es schien beinahe so, als existiere es überhaupt nicht, und das ausgerechnet in Dilmun, wo die Heimstatt des „Oberpriesters“ den Dreh- und Angelpunkt des Dorflebens darstellte!
Abel kniff die Augen zusammen. Er stellte fest, dass sich seine Hände zu Fäusten ballten, als müsse er etwas tun, das er nicht wolle. Je näher er seinem Ziel kam, umso stärker wurde der Widerwille dagegen. Alarmglocken schrillten in Abels Jägerverstand. Was er erlebte, war ganz und gar nicht normal! Sein Zögern, heimzukehren hatte auch nichts damit zu tun, dass er sich allmählich von den Eltern abnabelte. Abels Unwille schien, nein, er musste sogar!, aus einer anderen Quelle als seinem Innenleben heraus entstehen.
Abels Neugier war geweckt und sein Gerechtigkeitsempfinden tat das seinige, ihn gegen den Widerwillen ankämpfen zu lassen. Adapas Sohn baute den stärksten Ätherschild auf, den er jemals zustande gebracht hatte – und siehe da, die Abscheu verebbte.
Habe ich also richtig geraten. Jemand sorgt im Äther dafür, dass niemand an unserem Haus vorbeispaziert oder gar eintritt Und dieser Jemand bist du, Paps. Aber ein einfaches „Lasst mir mal ein wenig Zeit für mich“ hätte es auch getan!
Abel entschied, dass die Strafe für einen derartig respektlosen Ausschluss aus dem Familienleben darin bestand, hemmungslos belauscht zu werden. Vielleicht spielten Adapa und Cheva ja gerade Vögelchen und er konnte etwas von den Eltern abschauen, was diese nicht freiwillig mit ihren jugendlichen Söhnen teilten?
So leise es ihm möglich war, überbrückte Abel die letzten Meter bis zum Haus, wo er sich auf den Fenstersims hochzog. Aus der Stube waren Erwachsenenstimmen zu hören. Sachte raffte Abel den Vorhang neu, so dass er in den Wohnraum hineinschauen konnte, aber kaum Gefahr lief, entdeckt zu werden…

Adapa und Cheva sprachen, wie Abel erkannte, mit Prometos und Pyrrha. Seine eigene Zwillingsschwester Kelimat saß zwischen den Großen, als habe sie schon immer zu diesem Kreis gehört. Das Gespräch schien sich wieder einmal um das Reizthema von Kains Partnerschaft zu drehen. Abel konnte nachvollziehen, dass die Dorfältesten es vorzogen, dabei nicht gestört zu werden. Andererseits ging es um seine Familie, so dass er anstatt sich diskret zurückzuziehen weiter lauschte.
„Wie wahrscheinlich ist es denn überhaupt“, wandte sich Adapa gerade an seinen Klonbruder, „dass es zu diesen Missbildungen kommt, die wir fürchten?“
Prometos seufzte. „Genaugenommen ist es ein Glücksspiel, wie jede Zeugung. Es kann gutgehen oder auch nicht. Wir haben es hier einen dieser Spaltenergierwerk-Fälle zu tun: Im Katastrophenfall zu schlimm, um selbst geringe Eintrittswahrscheinlichkeiten zu riskieren.“
„Das Dorf würde eine solche Verbindung nicht akzeptieren“, warf Cheva ein. Sie hörte sich an, als habe sie den anderen diesen Fakt heute schon öfter in Erinnerung gerufen und sei es allmählich müde.
„Ein zweites Dorf auf der Insel…“ begann Adapa.
Prometos fuhr herum. Er starrte den Bruder an.
„Du willst den Menschen ein Feindbild direkt vor die Nase setzen? Obwohl du weißt, wohin das nur führen kann? Die Dilmuner würden enger zusammenrücken und ihre Ablehnung gegenüber Kains und Lebudas inzestösen Clan würde sich nur verstärken. Anstatt ihnen zu einem sorgenfreien gemeinsamen Leben zu verhelfen, hättest du das Todesurteil der beiden unterschrieben! Dabei dachte ich, du seist derjenige, der solche Gedanken durchkaut wie andere Brot!“
„Ich bin verzweifelt!“ entgegnete Adapa. „Ich will, dass meine Kinder glücklich werden, und sei es unter den extremsten Umständen. Kain und Lebuda… ist das denn wirklich so undenkbar? Eigentlich habe ich dazu nur noch eine einzige Frage: Im Falle einer Vereinigung beider, könnten Kain und Lebuda ihre behinderten Kinder lieben?“
„Sie sind selbst anders, sie wissen also, wie das ist“, behauptete Kelimat.
„Kain ist ganz mein Sohn“, widersprach Cheva leise, aber bestimmt. „Weniger als Perfektion ist unakzeptabel für ihn.“
„Zumal er sich nicht als abweichend, sondern überlegen wahrnimmt“, kam Pyrrha der Menschenfrau zu Hilfe. „Du weißt das selbst, Adapa. Ob es dir gefällt oder nicht, die Zeit, in der du deinen Kindern jeden Wunsch erfüllen durftest, ist vorbei.“

Der heimliche Lauscher auf dem Sims verstand nicht, wieso Prometos sich plötzlich nach vorn auf die Tischplatte fallen ließ und sein Gesicht unter den Armen verbarg. Abel sah Pyrrhas Hand nach dem Jüngeren wandern, aber sofort wieder zurückzucken, als dieser auf den Windhauch der Bewegung hin ein leises Schniefen hören ließ. Prometos weinte wie ein Kind, obwohl er relativ gesehen bereits dem Jugendlichenalter entwachsen sein mochte. Niemand hatte sich jemals die Mühe gemacht, die Lebensabschnitte eines Titanen wissenschaftlich zu studieren. Sobald sie acht Ki-Umläufe zählten, hatten die Sklaven der Sternegötter zu funktionieren, für wie lange auch immer sie das durchhalten würden. Prometos zählte zu den wenigen Ausnahmen, die ihre Unfreiheit abgestreift hatten. Vor allem aber war er eines nicht mehr: Älter als Pyrrha. Deren Satz über Kinder und verflossene Zeiten hatte den ständig im Hintergrund präsenten Kummer des Mannes wieder heraufgebracht.
„Da siehst du es, Adapa“, bemerkte die alte Frau traurig. „Kinder werden offenbar nie zu alt, um ihren Vätern Kummer zu bereiten.“
„Pyrrha, nicht…“ kam es von Prometos. „Du hast nicht… es ist doch nicht deine Schuld!“

Kelimat schaute auf. Hatte sich da nicht der Vorhang im Wind bewegt? Oder war es eine Ratte gewesen, die begierig auf die letzten Vorräte der Familie war? In diesem Fall musste man Abel rufen, damit er dem Tier erklärte, was es mit einem Knüppel auf sich hatte und diesen, so die Warnung ihren Zweck verfehlte, auch gleich einsetzte.
Abel aber vermochte nicht mit den Tieren zu sprechen, wie es der Jagdmeister tat und Kelimat von ihm erwartete, bald ebenfalls zu beherrschen. Dafür aber hatte er nun doch noch begriffen, was zwischen Pyrrha und ihrem Vater vorging. Er sah sich selbst in der Rolle der alten Frau, die seine Ahnherrin mütterrlicherseits sein mochte, und in jener des Onkels sah er Kethri Qat. Abels Vernunft erinnerte ihn daran, dass es noch gar nicht gesagt war, dass Kethri ihn überleben würde. Ihr Leben war nicht ohne Gefahren. Doch der Gedanke, seinen Mentor bei einem Jagdunfall zu verlieren, bot verständlicherweise keinen Trost.
Abrupt sprang aus dem Fenster heraus auf den Boden. Ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben, verfiel er in Laufschritt und ehe er es sich versah, fand er sich zwischen Ackerpflanzen wieder, die bis zu seinen Schultern aufragten. Kain sprach davon, dass die seinen einst sogar einen Titanen überragen würden. Und da stand der Bruder auch schon, noch immer einen halben Kopf größer als Abel, und grinste den Jüngeren an.
„Ich sehe im Äther, dass du gerade nicht so gut auf die Sternengötter zu sprechen bist.“
„So könnte man es auch ausdrücken“, erwiderte Abel.
„Fein! Magst du mir auf dem Acker helfen? Oder falls du lieber flennen willst, beug dich über die Zwiebeln – dann hast du eine Ausrede!“
„Nur vom Angucken weint man sicher nicht…“
„Ich sagte ja auch „Ausrede“, nicht „Erklärung“.“
Die Brüder lachten – Abel über Kains Witz und Kain über seinen eigenen Witz, wie schon so oft zuvor. Dann begaben sie sich an die Arbeit, die im Großen und Ganzen aus dem unvermeidlichen Zupfen von Unkraut bestand.
<Danke übrigens.> „Enki hätte das sich nicht für Enlil getan“, bemerkte Kain nach einer Weile.
Das brachte Abel abermals zum Lachen!
„Enki? Opa Enki und nicht in Enlils Garten Unkraut rupfen? Wieso denn nicht? Was könnte es für Großvater Besseres geben, als Onkel Enlil zu zeigen, auf dessen ureigenstem Fachgebiet besser als er zu sein!“
Sein Lacher war noch nicht verklungen, als der Jüngere sich plötzlich stürmisch umarmt fand!
„Wir an ihrer Stelle würden alles anderes machen!“ behauptete Kain.
Sein Bruder stellte ja im Gegensatz zu Enlils lediglich eine Herausforderung für Kains Weltbild, nicht aber für seine Vorangstellung, dar. Mit einem solchen Bruder, fand der Ältere, ließ sich leben, den konnte man auch getrost als seinen Freund betrachten.
„Ja, würden wir!“ bekräftigte Abel, um dann hervorzupressen „Vor allem kämpfen diese beiden niemals körperlich gegeneinander, wohingegen du gerade dabei bist, mich zu erdrücken!“
„Ups, tut mir leid.“
Kain ließ seinen Bruder los und so lagen sie nebeneinander zwischen den Feldpflanzen.
„Dafür züchtest du sie also so hoch, damit niemand sieht, wie du hier faulenzt.“
„Tu ich doch gahhhhhhhr…“ Kains Protest ging in ein Gähnen über. „Nicht“, beendete er den Satz, doch der Zischlaut ähnelte bereits sehr dem Atem eines Schlafenden. Abel begriff, dass der Bruder sich kaum eine Pause gegönnt haben musste, seit er das Dorf verlassen hatte. Er selbst fühlte sich ebenfalls ausgelaugt von der eintönigen Bedienung des Blasebalges und allem, was ihn nur kurz, doch dafür umso heftiger nach seiner Flucht vor dem Ältestenrat durch den Kopf gegangen war. Und so verschlummerten die beiden den Nachmittag im Schatten der Getreidehalme, aneinandergekuschelt wie zwei junge Feldhasen.

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