Hochzeit in Dilmun (Teil 2)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 3: Hochzeit in Dilmun

Kains Versuchsfelder in Dilmun.
Einen Monat später.

„Du kannst nicht als Mann zu deiner Schwester gehen“, eröffnete Adapa das seit langem geplante, nie zustandegekommene Gespräch. Kain stand ihm inmitten seiner Felder gegenüber, auf denen er die letzten Wochen über verbissen Halme abgehauen und auch gleich in einer nahen Mulde gedroschen hatte. Selbst die Nächte verbrachte der junge Mann hier draußen – fern von seiner Schwester, die er begehrte, aber auch fern von seiner Familie. Abel brachte seinem Bruder Fleisch zu essen, damit er bei Kräften blieb, aber er wusste nie vorauszusagen, ob sein Ablick willkommen war oder nicht eher weiteren Zorn in dem Älteren heraufbeschwören würde.
Adapa las die Sehnsucht nach den Verwandten deutlich in den Augen seines ohne ein Dach über dem Kopf verwahrlosten, bärtigen Sohnes. Nur mit diesen Verwandten umzugehen wusste Kain derzeit nicht.
Der Jugendliche warf dem Vater ein einziges Wort an den Kopf: „Warum?“
„Normalerweise muss ein Mensch diese Frage nicht stellen“, antwortete Adapa. „Eine Verbindung wie die von dir gewünschte führt zu schwersten Missbildungen bei den Kindern, die daraus entstehen. Möchtest du deine Nachkommen sterben sehen, bevor sie das Lesenlernalter erreichen? Bitte such ihnen eine andere Mutter und lass sie gemeinsam mit Lebudas Kindern als deren Vettern und Basen aufwachsen! Sie wären dann gesund und du hättest dir nicht ein Leben lang vorzuwerfen, dass ihnen versagt bleibt, was für andere Kinder selbstverständlich ist.“
Kain biss sich ganz und gar unmännlich auf die Unterlippe. Jemanden vorenthalten, was dessen Recht war? Wie es die Männer und Frauen im Reich der Fünfzig Namen mit den Uschebti taten? Nein, auf die Stufe der Sternengötter wollte Kain sich nicht stellen. Aber auf die wunderschöne Lebuda verzichten? War das nicht ein noch undenkbarerer Gedanke?
„Wenn es nun aber keine Nachkommen gäbe, Vater? Sie machen ohnehin nur Arbeit!“
Der Vater warf verzweifelt die Arme in die Luft. „Jahreszeiten!“ rief er aus. <Kain, wie mache ich mich dir verständlich?> „Die Menschen im Dorf würden euch ausgrenzen. Normalerweise verhindert eine angeborene Abscheu, dass derartige Partnerschaften zustande kommen…“
„Nun, ich verspüre keine solche Abscheu“, argumentierte Kain. „Das bedeutet dann wohl, dass bei mir keine Gefahr besteht, verkrüppelte Kinder zu zeugen.“
„Es bedeutet, dass du krank bist!“ entfuhr es Adapa.
Seine Ätherpräsenz übermittelte keinen Vorwurf, sondern Mitleid. Kain hatte sich für aus dem Alter herausgewachsen gehalten, in dem er elterliches Mitleid benötigte, doch nun stellte er fest, wie gut es tat. Es bedeutete, dass er seine Familie doch nicht verloren hatte! Die Verwandten liebten ihn noch immer. Das verlieh dem Jugendlichen Hoffnung, die Eltern von seinem Standpunkt überzeugen zu können. Adapa musste es einfach einsehen! War er nicht der klügste Mann im Dorf? Und die zweitklügste Person nach Kel? Adapa war ja kein tumber Mensch, sondern…

Schon hatte Kain den Mund zu einer weiteren Argumentation geöffnet, als ihm die Identität seines Vaters vollständig ins Bewusstsein trat. „Jahreszeiten“ hatte Adapa ausgerufen, als sei es ein Schimpfwort, was es in Enlils Reich wohl auch darstellte. Mitnichten bezog sich Kains Vater auf den realen Wechsel der Jahreszeiten. Er benutzte einfach nur ein paar aneinander gereihte Silben, die man bei entsprechend schlechter Laune ausspuckte – vorausgesetzt, man gehörte zu den Sternengöttern.
„Was weißt du schon darüber!“ warf Kain seinem Titanenvater vor. „Du bist doch gar kein Mensch! Du bist zur Hälfte einer von denen!“
„Und das ist gut so“, hörte sich Adapa zu seinem und Kains Erstaunen sagen. Erstmalig nach vielen Jahren thematisierte der Mustermensch seine eigene Abstammung, die er bisher so gut es ging zu verdrängen versucht hatte: „Für das, was im Affen schlecht ist, finde ich in meinem Nefilimerbteil eine bessere Alternative. Und was der Nefilim nicht vermag, steuert der Affe bei. Aber auch der Titan ist nicht vollkommen, so dass es mich zu deiner Mutter, einer Menschenfrau, zog. So ist das normalerweise auch mit der Fortpflanzung, Kain. Wir suchen uns oft ganz unbewusst einen Satz möglichst von unseren verschiedener Gene aus.“
„Hm.“
„Deswegen bin ich bereit, dich auf eine sehr weite und nicht ungefährliche Reise begeben zu lassen“, bot Adapa an. „Du könntest mit Prometos gemeinsam im Buranumtal nach einer Braut Ausschau halten oder bei Dumuzi Agrarwissenschaften studieren. Du könntest dir dabei den ganzen Planeten ansehen, wenn du wolltest.“
„Ach?“ lachte der junge Mensch bitter. „So, wie ich mir Lebuda angucken kann, ohne sie haben zu dürfen?“
<ZWING mich NICHT, ein MACHTWORT zu sprechen, Sohn!> schrie der Geist des Titanen in Adapas an einen Fürsten des Hauses Alalu heranreichender Macht. <Wenn ich mich gezwungen sehe, dich aus dem Dorf zu verbannen, um dich von Lebuda fernzuhalten…>

„Also gut!“ zischte Kain. „Dann bekommst du eben deinen Willen, wenn du mir jetzt schon damit drohst, was uns unsere ärgsten Feinde angetan haben, mit der Verbannung! Du hast vorhin gesagt, ich solle mir eine andere Braut suchen. Nun, die Auswahl an Mädchen ist klein, aber das ist ein Samenkorn auch und beinhaltet dennoch alles, was die Pflanze braucht, um groß zu werden. Es gibt ein Mädchen, das ich mir als Gefährtin vorstellen könnte. Ich finde keine Verliebtheit in mir, aber es wäre mir angenehm, sie um mich herum zu haben. Wir haben Spaß zusammen. Sie hält mich nicht für weltfremd und wenn ihr Interesse an meinen Zuchten auch gering ist, so versteht sie meine Vorgehensweise zumindest, denn sie ist klug und praktisch zugleich.“
<Awan.>
Kain nickte. „Sags aber nicht Kethri!“ <Er soll nicht erfahren, dass er Recht hatte! Jedenfalls nicht so bald.>
<Nur ein bißchen Spaß also…>, dachte Adapa laut. <Weißt du, mein Sohn, so hat das mit deiner Mutter und mir auch angefangen.>
Kain ging nicht auf die Bemerkung ein, obwohl sie zu gezielt und sorgfältig formuliert war, um sie zu überhören. Versöhnlichkeit und intime Eröffnungen schön und gut, aber es gab noch eine wichtige Angelegenheit zu klären. So gut er es vermochte, drängte Kain den Vater aus seinem Geist und wechselte wieder zur gesprochenen Sprache: „Ich tue also was du mir vorschlägst, Vater, aber nur unter einer Bedingung: Ich verlange, dass meine Verbindung mit Awan vom Herrn der Lüfte persönlich geschlossen wird!“
„Von Enlil Alulim?“ musste sich Adapa erst vergewissern, bevor Verstand und Äthersinn das Ultimatum fassen konnten. „Dem Vizekönig der Vierten Welt und Erbprinzen ganz Erbet-Kibratims?“
„Nun, ich mag Awan gern, aber ich liebe sie nicht, wie du selbst weißt“, führte Kain aus. „Stell dir aber mal vor, welchen Eindruck es auf unsere Dörfler machte, legte Enlil meine Hände in die meiner Braut! Dieser Ansehensgewinn wäre es mir wert, die von dir gewünschte Ehe einzugehen und sie niemals zu bereuen!“
„So.“
Viel leiser als während des Streitgesprächs mit seinem Vater fuhr Kain fort: „Außerdem habe ich mich bereits in Edin mit Enlil angefreundet. Er… er war doch auch dein Freund, oder?“
Adapa zögerte, darauf zu antworten. Wäre er in Edin geblieben und hätte als Günstling des Vizekönigs eine Frau aus dem Volk der Annunaki oder Nefilim gewählt, dann wäre zwar die Verbindung als solche skandalwürdig gewesen, doch es hätte im Rahmen des Möglichen gelegen, dass Enlil persönlich diese Ehe geschlossen hätte. Als Abkömmlingen des Himmelsgötter stand Nefilim dieses Recht zu, und an welchen seiner adligen Herren man sich als Gemeiner wandte, um eine Ehe legitimieren zu lassen, hing in erster Linie von der eigenen Zahlungswilligkeit ab. Billig wäre das Adapa nicht gekommen und wenn er das Adamugesetz richtig verstand, so wären seine Kinder trotz Personenstatus der Eltern Eigentum der Kolonialregierung geworden. Doch auch daran hätte man drehen können, zumindest Adapa und möglicherweise auch Prometos hätten es gekonnt. Enlil wäre schon etwas eingefallen, den Eltern dafür abzuverlangen, worin diese unter normalen Umständen niemals eingewilligt hätten. Aus reiner Freundschaft, wie er gesagt – und auch selbst geglaubt – hätte.
„Bei den Sternengöttern bedeutet Freundschaft lediglich, dass man seine Gefallen und Gegengefallen zu günstigeren Konditionen austauscht“, erklärte Adapa folgerichtig seinem Sohn.

Kain hatte begonnen, auf etwas herumzukauen. Als er feststellte, dass es sich wieder einmal um die eigene Unterlippe handelte, hielt der junge Mann sofort inne.
„Willst du nicht auch deine Eltern wiedersehen?“ platzte es aus ihm heraus. „Sie leben ewig weit weg, als hätte es sie nie gegeben!“
Adapa konzentrierte sich auf seinen Äthersinn. Er stellte fest, dass sein Sohn außer der Partnerwahl noch ganz andere Probleme in seinem Kopf umherwälzte. Wenn er erst ein verheirateter Mann wäre, würde Kain das Elternhaus verlassen. Es gab keinen Bauplatz im Dorf, von dem man nicht jedes andere Haus hätte sehen können, Adapa und Cheva würden daher nie so weit fort leben, dass nicht ein kurzer Sprint die Distanz zu überbrücken vermochte. Dennoch würde nach diesem Auszug alles anders werden. Natürlich wollte Kain ein Mann sein und sein eigenes Leben führen, natürlich wollte er nicht bis an sein Lebensende am elterlichen Tisch sitzen, doch zwischen dem Haus der Kindheit und dem eigenen stand der Moment, an man dem von ersterem in letzteres wechselte. Und dieser Schritt fiel nie leicht. Von Janka hatte Adapa einst in einem Moment beinahe familiärer Vertrautheit erfahren, dass er sogar jenen Söhnen schwer fiel, die von ihrer Mutter weitgehend ignoriert (außer natürlich, sie hatte ein Anliegen), von den Nebenfrauen gehasst und vom Vater nicht respektiert wurden. Offensichtlich war es gar nicht nötig, das Ergebnis eines fremdweltlichen Klonexperimentes zu sein, um ein kompliziertes Familienleben zu führen.
Da ihm nun bewusst war, dass sich sein Erstgeborener unter Umständen nicht einmal ausschließlich gegen die ihm zugedachte Partnerin, sondern die Haushaltsgründung als solche sperrte, obwohl er sie gleichzeitig herbeisehnte, sprach Adapa auf seinen Sprössling ein: „Kain… deine Mutter und ich werden immer für dich da sein. Das weißt du doch, oder? Ich meine, nur für den Fall, dass Awan und du uns mal zeigen wollt, was ihr alles besser macht als wir…“
„Vater! Das ist…“
„…nicht lustig, ich weiß“, gestand Adapa. „Tut mir leid. Ich weiß genau, dass du einiges besser machen wirst, aber bevor es soweit ist, wirst du noch viele Fehler begehen, darunter die meisten, die wir auch schon hinter uns haben und dir eigentlich ersparen wollten. Aber das funktioniert nun einmal nicht.“
Solange es ihm gelang, zumindest die allergrößten Katastrophen von seinen Kindern gernzuhalten, sagte sich Adapa, sollte er eigentlich zufrieden sein.

*
Dorf Dilmun.
Am selben Nachmittag.

<Awan!> rief der Patriarch Uruks nach der jungen Frau.
Unverzüglich erschien die Gerufene an seiner Seite, barfüßig, eine Heugabel über der Schulter und einen starken Stallgeruch verbreitend.
„Worum geht´s, Adapa?“ wandte sie sich an den Mann, der ihr stets wie ein Onkel erschienen war. „Wenn es immer noch wegen Ishtar ist, so habe ich nichts weiter getan, als ihr mal die Meinung zu sagen. Wenn sie das nicht verkraften kann, hat sie auch in einem Kampfflugzeug nichts zu suchen!“
„Awan! Ernsthaft!“ rügte Adapa.
Die Dilmunerin entnahm dem Tonfall, dass Adapa ganz ihrer Meinung war, was die Himmelsherrin anging und das für keiner weiteren Erörterung wert hielt. Sie verstand weiterhin, auch ohne sich des Äthersinns bedienen zu müssen, dass seine nächsten Worte Adapa sehr schwer fielen.
„Um deinetwillen und für alle jungen Menschen Dilmuns“, sprach Adapa so würdevoll und düster, wie es einem Dorfoberhaupt eher zukam als das onkelhafte Verhalten, das Awan von ihm kannte, „trug ich mich mit Gedanken an eine Reise nach Shuruppak oder ins Lager der Horde, wo unsere Verwandten leben. Damit niemand von euch einsam alt werden muss.“
„Das kannst du gern noch ein wenig länger überdenken“, grinste Awan. „Nicht jeder hier hat es so eilig wie Abel und Asura, ins gemeinsame Nest zu kommen.“
„Ja, ich weiß“, seufzte Adapa. „Es ist nur so, dass die einzige Möglichkeit, Kain von Lebuda fern zu halten, darin besteht, ihn an eine andere zu binden. Es fällt mir nicht leicht, aber ich sehe keinen anderen Ausweg, als dir meinen Sohn zum Partner zu befehlen. Wenn du ihn allerdings nicht zumindest ein kleines bisschen magst…“
„Wären wir nicht so gute Freunde, hätten wir nie zusammen gespielt, was Kain später nur noch mit Lebuda tun wollte“, antwortete Awan. „Ich mag deinen Sohn sehr. Als Freund. Als Geliebten. Ihn als Lebenspartner zu mögen, ist neu für mich, aber gewiss kein schlechtes Gefühl. Ich denke, wir werden glücklich miteinander.“
Adapa stutzte. Hatte Awan nicht eben noch gesagt, sie hätte es nicht eilig mit der Partnerschaft? Er suchte ihren Geist im Äther, versuchte sich ein Bild ihrer Gefühle zu machen, doch die junge Frau kam ihm zuvor. Kaum gewahrte sie Adapas neugierige Präsenz in ihrem Geist, gab sie auch schon bereitwillig Auskunft: „Herrje, Adapa, das ist doch nun wirklich kein großes Rätsel! Mein Titanenblut ist verwässerter als deins, meine Welt ist, nun, nenn sie mal einfacher. Was muss, das muss eben, und du hast Recht, wenn du befürchtest, dass ein Kain ohne Partnerin uns entweder verkümmert oder sich am Ende doch noch Lebuda schnappt. Beides wollen wir nicht, also heirate ich ihn.“
Awan spuckte bekräftigend auf die Erde, als gäbe es dort einen Keim zu bewässern, eine Geste, die sich die Dilmuner in zwei auseinanderfolgenden trockenen Jahren angewöhnt hatten. Mit Romantik konnte die Bäuerin nichts anfangen. Sie wünschte sich ein wenig Spaß mit einem Mann in ihrem Alter und wenn der Frieden im Dorf es erforderte, dass jemand eine Ehe mit Kain einging, dann würde aus dem Spaß eben eine Lebensgemeinschaft werden müssen. Nur Städter und Wilde machten einen Aufstand um ihre Gefühle, was Awans Meinung nach darauf schließen lies, dass sie einfach zu viel Zeit hatten.
*
Am nächsten Morgen waren Adapa, Kain und Abel bereits vor Sonnenaufgang aus dem Dorf verschwunden. „Sie machen einen Ausflug zum Waldsee, zum Angeln“, wusste Cheva den Nachbarn zu berichten. „Ganz so, als ob sie es bald nie wieder könnten!“
Cheva hingegen sah noch viele solcher Ausflüge vor ihrem inneren Auge. Sie malte sich aus, wie sie Adapa und die Kinder dabei begleiten würde. Nur, dass sich dann auch eine stattliche Zahl von Enkelkindern unter ihnen befinden würde!

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