Hocchzeit in Dilmun (Teil 4)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 3: „Hochzeit in Dilmun“

Oannes Küstenpatrolschiff überquerte den Golf, ohne dass es zu Zwischenfällen gekommen wäre. Mittlerweile schien jedes Haus genügend Waffen in die Neue Welt geschmuggelt zu haben, dass man es sich mehrfach überlegte, den jeweiligen Nachbarn herauszufordern. Das Vier Sonnen Schwadron als häuserübergreifendes stehendes Heer tat sein übriges dazu, den Frieden zu sichern und Kriminalität fand weitestgehend in einem Medium statt, für das sich der Marineoffizier nicht verantwortlich zeichnete: Datenbanken und Handelsverträge. So betrachtete Oannes sein Schiff in erster Linie als schwimmenden Erste Hilfe Kasten für Forscher und Ausflügler.
Dessen ungeachtet fand der Kreuzer seinen Ankerplatz in Eridus Militärhafen, wie es seiner Einordnung entsprach. Vom Liegeplatz aus war der Halbmondkai nicht mehr einzusehen, doch bereits im Vorbeifahren hatten die Offiziere bemerkt, dass ein Strandfest in dem Ferienressort im Gange war. Aus Puzur Amurris daraufhin einsetzender Unruhe ließ sich schließen, dass er wusste, was gefeiert wurde, wohingegen Kethri den Kalender aus den Augen verloren hatte.
Die Vettern verließen das Schiff nach den erfreulich kurz gehaltenen Abmeldeformalitäten und kletterten in Amurris Rennboot hinab.
„Wohin solls gehen, Herr?“ erkundigte sich Puzurs Bootsführerin so unbeteiligt wie die elektronische Stimme einer Stadtbahn. Puzur Amurri leistete sich den Luxus einer Dienerin, die zu einem fremden, noch dazu den Qat beinahe gleichrangigen Haus, den Tau’eret, gehörte.
„Das liegt an meinem Bruder hier“, erwiderte Amurri, wie stets die rechtliche, nicht die biologische Verwandtschaft der Vettern betonend. „Kez, du hast die Wahl, mit mir zum Strandfest zu fahren, um hübsche Körper zu betrachten, deinen eigenen zur Schau zu stellen oder deinen Unmut über die Zivilisation auszustrahlen.“
„Das letzte tue ich eigentlich am liebsten aus der Ferne.“
„Nein, nein, was du in der Wildnis zum Besten gibst ist höchstens gelindes Unbehagen. Für tiefgreifende Ablehnung musst du schon mitten drin im Getümmel stecken!“
„Haha, stimmt ja. Lass uns einfach auf das Fest fahren und dann entscheiden, was wir dort tun, da die Veranstaltung selbst ja nicht verhandelbar zu sein scheint.“ <Wieso glaubst du eigentlich, dass sie mir nicht gefallen wird?>
„Weil du ein Geschichtsbuch zuviel verschluckt hast, um die zeitgenössische Version zu mögen.“
„Die zeitgenössische Version wovon?“
Amurri zuckte die Achseln. „Irgendetwas traditionellem des Schildkrötenhauses. Wo sie mal Waldratten und so Zeugs gejagt haben, aber heute stattdessen tanzen.“
Kethri zog in Gedanken die nötigen Verbindungen, dann beugte er sich zu der Bootsführerin vor. „Fahr bitte schneller!“
<Na, hoi? Du scheinst etwas darüber zu wissen, was mir bisher entgangen ist?>
„Ich? Nein, ganz und gar nicht. Ich habe es nur so eilig, weil ich im Auftrag eines Patriarchen reise und sehr dringend mit Enlil sprechen muss.“
„Na, klar, glaube ich dir sofort….“

Die Bootsführerin setzte Amurris Transportmittel zwischen vielen anderen auf den Strand. Mit den Worten „Hier, das wirst du benutzen wollen!“ drückte ihr Kethri seinen Feldstecher in die Hand, bevor er aus dem Boot sprang und seinem Vetter zu den Tribünen folgte, von denen aus der Adel das Geschehen verfolgte. Er überholte Amurri und setzte zum Sprint an, was diesen in noch größere Verwirrung versetzte.
<Was hast du denn plötzlich? Die Kumpira tanzen barfuß und mit nackten Waden auf dem Strand, aber erst später. Vorher kommt erst so ein langweiliger Schwimmwettbwerb.>
<Ganz genau.>
Kethri zerrte den Jüngeren hinter sich her, die Stufen hinauf, die zum Qat/Tau’eret/Balam Abschnitt führten. Die Zeremonienmeister hatten darauf verzichtet, das ebenfalls auf diese Rangstufe gehörige Haus Miztli ebenfalls hier zu platzieren und es stattdessen dem sechzehnten Haus zugeordnet, bestand doch ansonsten jederzeit die Gefahr, dass Katzen- und Löwenclan gegeneinander blank zogen.
Die beiden Qatadligen hörten kaum, wie die Zeremonienmeister ihre Namen verkündeten, und die Umsitzenden nahmen es ohnehin kaum war.
Amurri ließ sich in einen Sessel fallen, Kethri hingegen lehnte sich gegen die Brüstung. Seinen Blick richtete er auf weiter draußen im Wasser verankerte Pontons. Auf diese hielten vierundzwanzig Schwimmer zu. Ihre Bewegungen verrieten, dass sie mit nacktem Oberkörper schwammen und als sie aus dem Wasser stiegen, zeigte sich, dass dies auch für ihre Hüften, Beine und alles dazwischen galt.
„Also gut, wir hätten beinahe verpasst, wie ein paar Kerle nackt schwimmen“, bemerkte Amurri. „Sicher ist das nicht alltäglich, aber doch nicht dermaßen skandalwürdig, dass…“
<Schau einfach weiter hin!>
So eindringlich und überzeugt kam der Befehl im Äther, dass Amurri sich ihm nicht entziehen zu vermochte. Er gehorchte – und grinste breit über das ganze Gesicht!
„Du hast Recht, DAS ist skandalwürdig. Fürchterlich verwerflich.“
„Aber von immensem historischen Wert“, meinte Kethri, ebenfalls äußerst angetan aufs Wasser blickend. „Man muss es sich intensiv anschauen, um zu begreifen, wie barbarisch das Leben früher war.“
Die Vettern nickten einträchtig, ihre Blicke fest auf das kulturhistorische Lehrstück gerichtet, das sich da vor ihren Augen abspielte. Denn nachdem die Schwimmer die Pontons erreicht hatten, sprang von diesen aus eine Frau für jeden Mann ins Wasser, nachdem der jeweilige Partner ihr das Staffelmedaillon umgehängt hatte. Die Schwimmerinnen waren ebenso splitterfasernackt wie ihre männlichen Partner.
Haus Kumpiras Domänen lagen unzusammenhängend über Enun und Anur verstreut, seine Untertanenschaft gestaltete sich entsprechend vielfältig: Da gab es Schwimmerinnen, die beinahe dunkler als die Adamu waren, andere wiese die typische fahle Haut eines Bewohners Anurs auf und dazwischen schien beinahe jeder Farbschlag vertreten. So bunt, wie die Himmelsgötter sie geschaffen hatten, hielten sie auf den Strand zu, während sich ihre Oberkörper hoben und senkten. Als die Schwimmerinnen sich schließlich aus den Wellen erhoben, um die letzten Meter zu laufen, erklangen „Oh!“ und „Ah!“ – Rufe auf den Tribünen.
Im selben Moment, in dem die Frauen einen als Ziel dienenden Pfosten auf dem Strand berührten, durften auch ihre jeweiligen Partner wieder ins Wasser springen. Während einige von vornherein keine Chance mehr auf einen forderen Platz in diesem Wettschwimmen hatten, ging es bei anderen um Sekundenbruchteile. Doch wer siegte und wer zurückblieb, war zumindest jenen Zuschauern, die selbst keine Kumpira-Angehörigen waren, völlig gleich.

Im Anschluss an den Wettkampf fanden sich die Schwimmer zum Paartanz zusammen. Kampfrichter schienen auch ihr Wirbeln und Stampfen zu bewerten und obwohl nun Mittänzer auf dem Strand zugelassen waren, sorgten Ordner aus den Reihen der städtischen Miliz dafür, dass sich niemand dem Bereich näherte, indem die Wettkämpfer sich drehten.
Auch Puzurri wollte sich dem Treiben auf dem Strand anschließen. Schon hatte er sich von seinem Sitz erhoben, als er noch einmal zögerte.
„Sag mal, Kethri, sind das da unten alles echte Paare, ober könnte die eine oder andere nachher einem schnuckligen Leichtmatrosen gegenüber aufgeschlossen sein?“
Kethri winkte ab. „Das sind reine Zweckbündnisse, damit die geschwommenen Zeiten vergleichbar bleiben. Immer ein Mann und eine Frau zusammen, wie beim Häuservergleich im Mannschaftssport, wo auch die Frauenmannschaft die erste Halbzeit spielt.“ <Also ruhig ran ans Büffet!>

Kethris Blick ruhte noch eine Weile auf den Wettkämpfern und den restlichen Feiernden. Dann erhob er sich ebenfalls, streifte über die Tribüne, nahm dem einen Edelmann die Sicht, wechselte mit dem nächsten ein paar Worten oder scherzte mit einer Dame. Auf diese Weise arbeitete er sich allmählich und völlig unauffällig zu Alulims Abschnitt vor. Hier aber war es vorbei mit der Unverbindlichkeit, denn Nuska betätigte sich als Zeremonienmeister des Herrscherhauses. Als er des Jagdmeisters ansichtich wurde, trat der Annunaki beiseite und bedeutete Kethri durch eine Kopfbewegung einzutreten.
Wenig überraschend fand Kethri den Vizekönig an dem schmalen Zaun sitzend vor, der seinen Abschnitt der Tribüne von jenem des zweiten Hauses in der Rangfolge trennte. Pressewirksam hatte man den Zaun geöffnet, so dass die Brüder sich nicht wie ein Häftling und sein Besuch über eine Barriere hinweg austauschen mussten.
Unter den Worten „Mein Prinz… Gouverneur…“ verneigte sich Kethri vor den beiden, um dann weniger respektvoll hinzuzufügen: „Soll ich mich auf den Zaun setzen?“
„Nein, bleib ruhig drüben auf seiner Seite“, erwiderte Enki leichthin. „Es ist ja Enlils Tochter, um die du dich bemühst, keine von meinen.“
„Oh, Ninkurra hat da jüngst ebenfalls ein paar Avancen gemacht“, entgegnete Kethri, den Brüdern damit mitteilend, dass ihr Plan jenen Punkt erreicht hatte, an dem Ninkurra ihn einbezog. <Aber wenn es auffliegt und das Kartellgesetz mit voller Wucht auf euch beide herabfährt, weiß ich von nichts.>
Enkis Ätherpräsenz vermittelte ihm, dass er tatsächlich von nichts wusste, also das Gesamtbild nicht überblicken konnte. Alulims und Eas etwas zu enge Zusammenarbeit schien irgendwo am Ende sämtlicher Verästelungen der Stabilisierung des Reiches als Ganzes zu dienen.

„Wie dem auch sei, ich meinte gerade, dass ich die Wasserschildkröten gern in meiner Stadt beherberge“, erklärte Enki.
Kumpira zählte zu jenen niederadligen Häusern, die er als seine Vasallen betrachtete und Energie darin investierte, sie davon abzuhalten, diesen Status auch für andere hochadlige Häuser anzustreben. Das Vasallentum eines Adelshauses als Ganzem war hochgradig opportunistisch und bei weitem nicht so exklusiv wie das eines individuellen Adligen zu seinem übergeordnetem Fürsten. Kethri übersetzte Enkis Bemerkung daher als „Pfoten weg von meinen Kumpira, kleiner Bruder!“.
Enlil lächelte. „Ich verstehe, wieso sie es dir angetan haben, Bruder. Eine alte Seefahrernation, soweit es die entsprechenden Berufe angeht auch eine Ausgeglichenheit beider Geschlechter… da trifft sich, was du liebst mit deiner politischen Linie.“
Kethri sagte nichts. Genaugenommen konnte man sich nicht einmal sicher sein, ob der so gern kopierte Zuab-Kumpira-Fries, der den Admiral und seine beiden Offiziere zeigte, die historischen Tatsachen korrekt abbildete. Zuabs Liebesbeziehung zur Kaiserin der Windwärtigen Eilande mochte durchaus eine spätere Hinzudichtung sein und alle drei Männer in Wahrheit Frauen. Oder vielleicht hatte eine solche Expedition niemals stattgefunden. Seit Amurris Bemerkung über die gefälschte Tafel im Zirkustheater (Anm. 1) hatte Kethri begonnen, die Geschichte auch aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Hatte er nicht selbst erlebt, wie selbst noch nicht lange zurückliegende Ereignisse wie die Sezession und der Aufstand in Hawila ein Eigenleben annahmen, während sie von Mund zu Ohr weitergetragen wurden, um anschließend noch einmal von der Presse in die dem jeweiligen zahlenden Edelmann genehmste Form gegossen wurden? Schon bald war der Nefilim zu dem Schluss gelangt, sich über nichts als der eigenen Existenz sicher sein zu können und die Gedankenspiele weitestgehend zur Seite geschoben. Sollte die Nachwelt doch über ihn glauben, was sie wollte, die Gegenwärtigen hielten es ja auch nicht anders!
„Ich leugne es nicht“, meinte Enki auf Enlils Worte hin. „Das da unten entspringt übrigens dem uralten Mannbarkeitsritual der Kumpira. Bevor sie sich als erwachsen bezeichnen durften, mussten sich die jungen Leute zuerst in Jagd und Seefahrt bewiesen haben. Allerdings nicht, wie man annehmen sollte, durch Erwerb des Respekts ihrer Älteren über die Jahre hinweg, sondern in einer einen Tag und eine Nacht andauernden Prüfung.“
„Nur nackt werden sie dabei kaum gewesen sein“, mutmaßte Enlil.
„Doch! Ins Elternhaus zurückzukehren und die Verwandten um ein Gewand und ein paar Werkzeuge zu bitten, stellte gewissermaßen die erste Prüfung dar: jene, bei der sie ihre Vernunft über den Stolz stellen sollten. Und offenbar hat das über Generationen hinweg kein Kumpira seinen jüngeren Geschwistern verraten.“

Enki verließ die Tribüne, als er etwas erspähte, indem sich ebenfalls seine Liebe und seine politische Linie vereinten, wie Enlils es ausgedrückt hatte: Ninki Damkina, Ratsherrin des Diamantenclans.
Den Aufbruch des einen Prinzenbruders nutzte ein Sohn des Rochenclans, in Kethris Alter stehender Wissenschaftler, um sich an Nuska vorbei bis hinein in Enlils Loge zu manövrieren. Sein Erscheinen verschaffte Kethri Zeit, noch einmal die Worte durchzugehen, die er bezüglich Adapas Bitte an Enlil zu richten gedachte.
Nuskas stumme Worte setzten den Auftritt des Dagan ins rechte Licht für seinen Herren:
<Er hat gedroht, sich mit Euch ins Flugzeug nach Edin zu setzen, wenn Ihr ihn nicht heute noch anhört, und mein Äthersinn glaubt, er meint das ernst.>
„Würde Dagan etwas Dringendes wünschen, wieso hat mich euer Ratsherr dann nicht während der letzten Sitzung darauf angesprochen?“ wandte sich Enlil an den anderen Nefilim. <Oder im Anschluss daran, wenn es nicht für die Ohren und Äthersinne der Öffentlichkeit bestimmt war?>
„Vater und du, ihr habt sogar lange und ausführlich darüber gesprochen, mein Prinz“, widersprach der Daganangehörige. „Ohne dabei jedoch zu einem Ergebnis zu kommen.“
„Einem dem Mantaclan genehmen Ergebnis, meinst du“, korrigierte der Erbprinz den jungen Mann.
„Du kannst dich doch nicht den Worten deines eigenen Großvaters verwehren!“ versetzte dieser.
„Den Worten meines Großvaters?“ Enlil runzelte die Stirn. „Nun, noch spricht Tirurus Mumie nicht aus seinem Mausoleum zu mir und wenn er es täte, würde er sicher um eine pietätvollere Bestattungsart bitten.“
„Seit der Entdeckung der Mumifizierung hat unsere Art die Schreibkunst erfunden und kultiviert. Tiruru ‚spricht’ sehr wohl noch zu uns, wie du sehr wohl weißt, Enlil Alulim!“ versetzte der Daganadlige. „Mein Haus hat aus Tirurus Abschaffung der Todesstrafe und des Personenopfers ein grundsätzliches Recht auf Leben abgeleitet. Lebensrettende Medikamente beispielsweise werden innerhalb unserer Domänen kostenlos an diejenigen Untertanen abgegeben, die ihrer bedürfen.“
„Das ist ein lokales Gesetz deines Hauses, das ich auf Ki sicher nicht in Kraft setzen werde“, wiederholte Enlil seine bereits in Nippur gesprochenen Worte.
Der Wissenschaftler schüttelte heftig seinen Kopf. Kethri fiel allerdings auf, dass er dabei seinen Geist durch einen Ätherschild schützte. Tatsächlich nur in dem Versuch, etwas vor ausgerechnet dem Alulim-Prinzen zu verschleiern oder einfach nur aus Selbstschutz gegen eventuelle Zornesausbrüche des Vizekönigs? Enlil ließ sich nur selten gehen, doch mit verheerenden Folgen, wenn es doch einmal soweit kam.
„Es geht nicht nur darum, dass wir dieses Gesetz gern auf Ki verbreitet sähen, sondern um den harten Fakt, dass du seine Anwendung auch innerhalb der Grenzen unserer Domänen auf diesem Planeten unter Strafe gestellt hast!“
„Ja, meint ihr denn, ich wüsste nicht, welchem Zweck diese Medizinzuteilung wirklich dient?!“
„Der Rettung…“
<Schweig!> „Im Dreisternsystem mag das zutreffen, nicht aber auf Ki. Hier beruft ihr auch auf das Gesetz, damit ihr Präparate, von denen ihr noch nicht wisst, wie lebensrettend sie tatsächlich sind, an euren Annunaki testen könnt, ohne es zugeben zu müssen!“ <Oder die Opfer eurer Feldtests – eure eigenen Abhängigen, denen gegenüber ihr verpflichtet seid! – zu entschädigen.> „Aber nicht mit mir und nicht auf meinem Planeten!“
„Enlil…“
Der Generalgouverneur winkte Nuskas Garde, den aufdringlichen Jüngling aus der Loge zu entfernen. Ein leichtes Gestikulieren mit dem Zeremonienstab vermittelte dem Dagan die Botschaft. Mehr war nicht nötig, wollte er keinen Skandal heraufbeschwören.
„Stell ihm hundertzweiundneunzig Adamu für seine Experimente zur Verfügung“, wies Enlil seinen Diener im beinahe letzten Moment, bevor der Daganadlige sich seinem Wunsch beugen musste, an. „Das sollte alle zufrieden stellen.“
In der Tat zerfaserte der Gedankenschild des Bittstellers. Die Färbung des Äthers verriet Enlil, dass er mit diesem Ergebnis zufrieden war. Seine Versuchsreihen würden ohne Unterbrechung weitergehen und vor seinem Vater konnte der Daganwissenschaftler mit seinem Ergebnis von Nicht-ganz-nichts ebenfalls weiterhin unter die Augen treten.
„Hundertzweiundneunzig!“ flüsterte Kethri erschüttert.
Gesunde Individuen, die vor Beginn der Medikamententests ersteinmal infiziert, verstrahlt oder was auch immer werden mussten…
Enlil nickte. „Ich hatte an mehr gedacht, aber da du in Hörweite gesessen hast, mein Jagdmeister… Ich wollte uns wirklich nicht durch Nennung eines größeren Kontingents das Strandfest verderben.“

„Nun, da wir hier schon einmal am Verhandeln sind, so muss ich dir sagen, dass ich ebenfalls mit einer Forderung gekommen bin!“ fauchte Kethri, sämtliche seiner im Vorfeld zurechtgelegten Argumente vergessend. „Im Gegensatz zu dem gelehrten Herrn von eben lasse ich mich allerdings nicht mit einer Handvoll Trösterlis abspeisen!“
„So?“ <Oje, nein, nicht schon wieder! Ich sehe, du denkst an eine Hochzeit. Komm, Kez, lass das! Du weißt genau, dass dich nicht meiner Tochter geben kann!>
Kethri schluckte Enlils demütigende Wortwahl herunter. An seinen Status als ein Werkzeug der Kolonialregierung wie jeder andere Graue erinnerten ihn die jährlichen Zahlungen, mit denen er seinen Freigängerstatus aufrechterhalten musste.
„Nicht diese Ehe“, korrigierte Kethri. „Kains mit Awan Uruk! Und bei dieser Gelegenheit auch gleich Abels mit Asura, obwohl ich meine, dass es den beiden egal ist.“
„Dem Dorf wird es allerdings nicht egal sein. Natürlich vermähle ich auch deinen Schüler mit seiner Freundin, wenn ich schon einmal für seinen Bruder nach Dilmun fliege!“
„Du tust es?“ <Einfach so?>
<Sicher.>
<Wo ist der Haken?>
„Kein Haken, Kethri. Mir liegt dir Aufrechterhaltung der Ordnung auf meinem Planeten am Herzen. Und zwar überall. Als Vizekönig stehe ich sowohl Haus Uruk als auch dem Bund der Fünfzig Namen vor. Von Adapa abgesehen bin ich sogar der einzige, der diese Ehe rechtsgültig schließen darf, wenn man es genau betrachtet.“
<Ich glaubte, du würdest ablehnen.>
„Unter uns, Kethri, ich bereue unsere Schaffung der lulu Adamu bereits, so nützlich sie sich auch erweisen, nun, da sie endlich funktionieren, wie sie sollen. Dessen ungeachtet existiert Dilmun nun einmal, daher muss ich mich mit seinen möglichen und bereits auftretenden Auswirkungen auf unser Leben auseinandersetzen. Dass mir Adapas Sohn dabei mehr und mehr an Herz wächst, ist unerfreulich, aber nicht zu ändern. Letztlich verstärkt diese Bindung persönlicher Natur aber nur mein Ansinnen, keinen Abschnitt meiner Domäne im Chaos versinken zu sehen. Denn das ist es, worauf wir zusteuerten, fühlte Kain Uruk sich von den seinem sternegöttlichen Patron fallengelassen: Uns hier vermag er keinen Schaden zuzufügen, seinen Mitmenschen hingegen sehr wohl.“
„Den Mitmenschen, die dir allerdings völlig egal sind.“
„In Person, sicher. Sie als Staatengebilde und eine Halbinsel umspannende Population verwildern zu lassen kann ich mir nicht leisten. Außer natürlich, die Tagespolitik erforderte es, dass ein Wilder eine Bronzeaxt in den Hauptserver im Zikkurat zu Nippur rammt.“
Kethri schnaubte halb belustigt und halb besorgt, da er sich sehr gut vorstellen konnte, wer in diesem Fall das Tor offenhalten und Enlils wildem Mann möglichst diskret vermitteln musste, worauf genau er zu zielen hatte.

(1) siehe Prolog „Die Herren des Tafelhauses (Teil 2)“

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