Hochzeit in Dilmun (Teil 5)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 3: Hochzeit in Dilmun

Sonderrechtszone Dilmun.
Jahreswechsel 2752/53 Anu.

Pünktlich zum Ende der Erntezeit erschien Enlils Jagdmeister wieder in Dilmun, um der Hochzeit von Adapas Kinder beizuwohnen.
„Dachte ich mir, dass er den Termin perfekt einhält. Es ist ungewöhnlich, Izimu zu sehen, wenn Arbeit ansteht“, bemerkte Kain zur Belustigung seiner Mutter, doch dann fügte er hinzu: <Mit seiner Einstellung hat er uns den Kleinen völlig verdorben.>
„Sprich nicht so über deinen Bruder!“ rügte Cheva ihren Ältesten. Von ihren vier Kindern schätzte die Mutter dieses am meisten, was allerdings nicht bedeutete, dass sie eine Beleidigung Abels oder der Mädchen aus Kains Mund hinzunehmen bereit gewesen wäre.
<Ich spreche doch gar nicht!> grinste Kain, was ihm eine wortlose, dafür umso schmerzhaftere Abfuhr im Äther einbrachte: <Und SO sprichst du nicht mit MIR!>

Unter den Augen von Mutter und Sohn begrüßte Kethri Izimu Qat den Dorfherren. Anschließend tauschte er eine lange Umarmung mit der alten Pyrrha aus, die ihr Haus auf recht wackligen Beinen verlassen hatte und sich nun auf den Nefilim stützte. Als Menschenfrau der ersten Generation war Prometos Tochter eine höhere Lebenserwartung als einfachen Menschen gegeben, doch mittlerweile hatten die Altersleiden auch bei ihr eingesetzt.
„In meiner Mu wartet ein Schwebestuhl auf dich, aber einer deiner Vettern wird ihn sich verdienen müssen“, kündigte Kethri an.
„Durch hingebungsvolle Verehrung“, erwiderte die alte Frau verschmitzt.
<Wie die Kinder wohl reagieren werden, wenn sie herausfinden, was dabei von ihnen erwartet wird?>
„Kethri! Sie werden außer sich vor Begeisterung sein, denn egal, was sie zu tun haben, in den Ritus eingeweiht zu werden, bedeutet, dass sie sich ab heute offiziell als Erwachsene bezeichnen dürfen!“

Während der Enlilsbote nach und nach seine alten Bekannten begrüßte, wurden Adapas Söhne immer unruhiger. Izimu war allein angereist, von anderen Sternegöttern oder gar dem „Herrn des Himmels“ war weit und breit nichts zu sehen.
Abel schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich hatte erwartet, dass Enlil ein Mann von Ehre sei“, bemerkte er zu seinem Bruder. „Dass er herkäme, um sich deine Hochzeit zumindest anzuschauen. Dem Vertrag von Uruk nach steht Enlil als Anus Sohn im Rang unter unserem Vater. Er ist ein Prinz wie wir beide.“
„Ich hatte ebenfalls mehr erwartet“, stimmte der Bruder zu. „Ich habe mir wirklich eingebildet, dass manche der Sternengötter unsere Freunde sein könnten. So wie du und der Jäger oder Prometos und Agaku Garuda. Und nicht nur, weil es ihr Rangordnungsprotokoll von ihnen verlangt.“
„Aber diese Rangordnung ist alles, was sie kennen“, flüsterte Abel. „Sie sind keine Menschen, sondern T…“
Pyrrha legte Abel ihre Hand auf die Schulter, bevor dieser seine Einschätzung der außerirdischen Kolonisten laut aussprechen konnte. Gleichzeitig schmunzelte sie in sich hinein.
„Wieso lachst du!“ fuhr Kain die alte Frau an.
Pyrrhas gute Laune vermochte er damit nicht zu trüben.
<Nicht über euch.>
„Es besteht überhaupt kein Anlass zum Lachen“, murrte Abel. „Nach all dem Ärger im Sommer hätte Enlil durch sein Erscheinen auf der Hochzeit meinen Bruder einmal richtig glücklich machen können. Will einen Planeten regieren, aber denkt nicht mal so weit!“
„Wenn ich aber trotzdem vergnügt bin“, erwiderte Pyrrha, „dann muss das wohl heißen, dass alles in Ordnung ist, nicht wahr?“
Nicht umsonst hatte Pyrrha lange Zeit als Lehrerin gearbeitet und Annunaki sowie Artgenossen in der Anwendung ihres Äthersinns unterwiesen. Obgleich der Besucher es weder mit Worten noch durch gezieltes Abstrahlen in den Äther ausgedrückt hatte, war Pyrrha anhand einer kurzen Betrachtung von Izimus Aura klar geworden, dass nichts der von Kain gewünschten Hochzeit im Wege stand. Enlil würde sich früher oder später in Dilmun zeigen. Diese Erkenntnis vermittelte die alte Frau den Jugendlichen ebenso wortlos, wie sie zu ihr gekommen war.

„Wohin gehst du?“ wunderte sich Kain, als der Bruder sich daraufhin abrupt abwandte.
„Nun, wenn sich nun doch alles wie geplant entwickelt, dann will ich heute noch einmal das Junggesellenleben genießen, großer Bruder.“
„Du gehst jagen? Am Tag vor deiner Hochzeit?! Komm schon, das kannst du mir nicht einreden!“
„Ist aber so.“
Kain beschleunigte seinen Schritt, um mit dem Jüngeren mitzuhalten. „Also gut. Du gehst jagen“, lenkte er ein, um gleich darauf zu fragen: „Und warum gehst du jagen?“
Abel seufzte vernehmlich. „Aus demselben Grund, aus dem du heute unbedingt nach deinen Zwiebeln sehen musst“, antwortete er. „Weil meine Knie ebenso zittern wie deine und es sich dabei um keinen Zustand handelt, in dem ich meiner Braut unter die Augen drehten möchte. Alles klar soweit?“
Kain nickte. „Schade eigentlich“, meinte er.
<Was ist schade?>
„Ich hatte gehofft, du wüsstest, wie man die Unruhe und den Handschweiß abstellt…“

Das Fehlen der beiden jungen Männer blieb ihren Bräuten nicht unbemerkt, kam diesen aber eigentlich nicht ungelegen, waren sie doch von der selben Unruhe beseelt wie die Brüder. So kam es, dass Kethri seinen Freund und Schüler beim Pfeileschnitzen vorfand, seine Gedanken und den Äthersinn intensiv auf die Arbeit konzentriert, sein Gefühlsleben hingegen ausschließlich mit dem vor ihm liegenden Ereignis beschäftigt.
Der Jäger lies sich neben Abel nieder. Der hoffnungsvolle Bräutigam sortierte von ihm gesammelte sowie erbeutete Federn, während der Nefilim nach Abels Messer griff und begann Pfeilschäfte anzufertigen. Dass Abel von Zeit zu Zeit auf der Jagd daneben traf, lag nicht an seiner Zielgenauigkeit, sondern an der mangelhaften Beherrschung der Bognerkunst in Adapas Gemeinde. Aber da die Dorfgemeinschaft für ihr Überleben nicht auf einen erfolgreichen Wildbeuter angewiesen war, er also viel freie Zeit genoss, durfte sich Abel seinen Handwerksexperimenten widmen, die er ebenso sorgfältig anging, wie sein Bruder die Auswahlzucht von Feldfrüchten.
Dass Abel einmal Prometos Nachfolger werden sollte, war jedermann im Dorf klar. Dennoch vermochte sich der Jägerlehrling nicht über seine Perspektiven zu freuen. Denn der langlebige Prometos würde seinen Platz erst dann freigeben, wenn er Dilmun verlies. Den Termin für diese Abreise kannten seine Verwandten genau: erst, wenn Pyrrha nicht mehr unter den Lebenden weilte, wollte ihr Vater nach Shuruppak heimkehren. Aus diesem Grund sehnte der junge Abel diesen Tag ganz und gar nicht herbei, wünschte im Gegenteil, er möge noch in ferner Zukunft liegen.

Mitten in der Arbeit übertönte das Geräusch einer zweiten Flugmaschine nach Kethris „Windwandler“ die Hintergrundgeräusche des Dorflebens. Die beiden Jäger schenkten ihm keine Beachtung. Erst als die vereinigte Ätherpräsenz der Dilmuner keinen Zweifel mehr daran ließ, wer da eingeflogen kam, hob Kethri den Kopf. Er spürte die mit Angst gemischte Verehrung der Menschen für den Ankömmling, die Dankbarkeit für ihr neues Leben auf der Halbinsel und den Zweifel, ob ihr Lebenswandel es ihnen wohl ermöglichen würde, dieses Leben nach dem heutigen Tag fortzusetzen, oder ob Plantage, Bergwerk oder gar die „Gnaden“spritze auf sie warten mochte.
„Also gut“, seufzte Abel. „Euer Alphabulle ist da. Hoffentlich hat er wenigstens seinen Bruder im Buranumtal zurückgelassen.“
<Danke fürs Weglassen der Adjektive, an die du gerade denkst.>
„Gern ge… was, bitte, ist das für ein Ding?!“ kommentierte Abel das Gefährt, dessen sich die Besucher bedienten. Er musste mehrmals hinschauen, bevor sein Verstand den Anblick zu fassen vermochte.
„Enlils Yacht“, erklärte Kethri. „Die ‚Varuna II’, mit der Staatsbesuche zu tätigen pflegt. Ein Kriegsschiff wie das meine ist dafür nicht angemessen.“
Abel runzelte die Stirn. „Fliegt irgendwo eines eurer Tarnschiffe zur – wie hieß das noch mal? Bedeckung? – dieses taumelnden Luftballons herum? Ich meine, das ist doch bloß ein Luftschiff!“
„Die ‚Varuna II’ ist mit gefährlicheren Waffen als Raketen bestückt“, deutete der Jagdmeister an, was er selbst einem großen Affen oder einer Salatgartenschnecke gegenüber nicht hätte genauer ausführen dürfen. „Oha!“ entfuhr es ihm, als er den dem Luftschiff entsteigenden Piloten erkannte. „Und dieser Mann da, Abel, weiß genau, wie er jene Waffen am effektivsten einsetzen muss.“
Der Nefilim an Enlils Seite trug das Wappen des Schlangenclans. Er wirkte ebenso athletisch wie Enlil, wenngleich er deutlich jünger zu sein schien. Abel fiel es schwer, Gesichtszüge ihm unbekannter Sternegötter zu interpretieren, doch etwas in den Bewegungen des Nefilim erweckte den Eindruck eines jungen Mannes auf ihn. Der Fremde sah Enlil zudem ähnlich, doch musste das aus der Sicht eines Menschen für so ziemlich jeden Nefilim gelten.
„Ist das Enki?“
„Das ist dein Onkel Marduk Ea. Aber sprich ihn besser mit ‚Herzkenner’ an, wenn Enlil sich in Hörweite befindet.“
„Schazu Ea“, wiederholte Abel. „Wie Vater wohl auf Onkel Marduks Erscheinen reagieren wird…?“
Izimu schüttelte den Kopf. „Das sind drei Hochadlige, mein Freund. Wir werden nichts von ihnen zu hören bekommen, was sie nicht weitergeben wollen.“

Der Jäger sollte sich nicht täuschen. Enlil Varuna, Marduk Schazu und Adapa Mariutu hatten starke geistige Schilde errichtet, um ihre Gefühle vor Freund und Feind verborgen zu halten.
Enlil erlaubte sich lediglich, sein Wohlgefallen über die nun einsetzenden Gesänge der Menschen auszustrahlen. Obgleich es ihnen schwer fiel, Musik zu reproduzieren oder gar neue Melodien zu erschaffen, liebten Nefilim dieses Kunst doch außerordentlich.
Kelimat Uruk dirigierte den Chor. Was Enlil von ihr empfing, stellte die Gesänge noch in den Schatten. Kelimats Hingabe an ihre Berufung nachzuempfinden, war durchaus ein Kunstgenuss für jemand, der sich im Äther heimisch fühlte.
„Eine Hochzeit zu schließen bin ich gekommen, doch mir scheint, zumindest du bist bereits mit deiner Musik verehelicht“, sprach Enlil am Ende der Aufführung.
„Und der bleibe ich treu, Herr, erwiderte Adapas Tochter.
Kelimats mangelndes Interesse am Vogelspiel ließ sie in den Augen ihrer Mitmenschen als noch nicht würdig genug, am Ritus teilzunehmen, erscheinen, daran änderte auch ihre zeitweilige Anwesenheit im Ältestenrat nichts. Kelimats Anteil an der offiziellen Huldigung des Herrn des Himmels endete daher zusammen mit dem Musikstück, auf Kain und Awan, Abel und Asura hingegen wartete ihre Aufnahme in den Kreis der Männer und Frauen Dilmuns.
Enlil erklärte, er wolle die Zeremonie noch zur selben Stunde vorgeführt bekommen.
„So abgestoßen von unserer primitiven Welt, dass Ihr gar nicht schnell genug wieder fortkommen könnt?“ fragte Prometos allein mit seinen Augen. Ohne eine geistige Verbindung zu dem Titanen war es Enlil Alulim nicht möglich, seine Antwort diskret zu geben. Der Vizekönig rollte daher die Augen in einer „Was weißt du schon“-Manier.

Zu zwölft betraten die an der Zeremonie Beteiligten Adapas Haus: die Eltern der Zwillinge, die beiden Söhne, ihre Bräute, Awans Vater, Asuras Mutter, Prometos und die drei höchsten der zu Gast im Dorf befindlichen Sternengötter: Enlil, Marduk und Kethri.
Der großzügig auslegte Wohnraum bot allen Anwesenden Platz. Adapas Söhne schauten sich neugierig um, was sich wohl während ihrer Abwesenheit im Verlauf des Vormittags im Inneren des Hauses verändert haben mochte. Doch bis auf den freigeräumten Esstisch, an dessen langen Seiten nun nur noch jeweils ein Schemel stand, fiel ihnen nichts Ungewöhnliches auf.
Awan verschränkte die Arme. „Also, worin besteht nun das große Geheimnis?“
„Das wüsste ich allerdings auch zu gern“, gestand Enlil.
Adapa öffnete ein normalerweise in der elterlichen Schlafkammer aufbewahrtes Holzkästchen, dem er ein Spielbrett entnahm. Er klappte es auf, stellte es auf den Tisch und schüttelte aus einem Beutelchen annähernd runde, flache Knochenplättchen in zwei bereitstehende Schälchen. Beinahe entschuldigend erläuterte Adapa: „Mittlerweile haben die Menschen das System verfeinert, halten Reden, wie symbolsträchtig die Züge seien und so weiter und so fort, aber letzten Endes ist es nichts weiter als das Flussspiel aus meiner Kindheit.“
„Ja“, flüsterte Prometos. „Aus deiner Kindheit. Chevas und meine verliefen ein wenig anders.“
Adapa seufzte, ob nun in Erwiderung auf die Worte seines Klonbruders oder angesichts des Dilmuner Ritus, blieb unklar. „Wir haben uns damals nicht anders zu helfen gewusst“ gestand er den mit offenen Mündern vor ihm stehenden Jugendlichen. „Die Menschen bestürmten mich nach der Gründung unseres Dorfes immer wieder mit Fragen, wie sie die Sternengötter nach dem Auszug aus Erbet-Kibratim korrekt verehren sollten. Weil ich keine Antwort darauf wusste, vertröstete ich sie darauf, ich würde sie rechtzeitig einweisen, wenn die Götter in unserem Dorf erschienen. Hätte ich denn ahnen können, dass Kez hier hereinschneit, kaum dass ich einmal nicht aufpasse?“
Prometos ergänzte: „Oder dass der Jagdmeister mit Adapa über einem Brettspiel brüten würde, als seine Gemeinde eintrat! Die Dörfler haben geglaubt, zu verstehen, was das bedeutet: früher mussten sie für die Sternengötter arbeiten, jetzt dürfen sie spielen. Die Götter haben sie freigelassen, aber nun wollen sie auch, dass die Menschen sich an dieser Freiheit erfreuen.“
„Spiel als Gegenteil von Arbeit?“ überlegte Enlil laut. „An der Oberfläche der Materie kratzend, aber nicht ganz falsch gedacht, möchte ich meinen.“
„Schön, dass Ihr derartigen Gedankengängen etwas abgewinnen könnt“, erwiderte Prometos. „Wir in Dilmun, den Jagdmeister eingeschlossen, finden das Ganze eher peinlich.“
Kain und Asura schienen sich dieser Einschätzung anzuschließen, Abel musste einen Lachanfall niederkämpfen, Awan und ihr Vater hingegen schüttelten die Köpfe über soviel Unvernunft. Allein Asuras Mutter fühlte sich, wie bei jedem Besuch der Götter, würdevoll erhoben.

„Wie dem auch sei“ fuhr Prometos fort, „seit diesem denkwürdigen Besuch gilt folgende Abmachung: ein Mensch spielt gegen einen Sternegott und wenn der Mensch gewinnt, verliert der Sternengott sein Pfand. Ein Trank- und Speiseopfer erhält er hinterher allerdings in jedem Fall.“
Kethri und Adapa warfen Enlil abschätzige Blicke zu. Dem Vertrag von Uruk nach war Adapa ein Patriarch seines Hauses und damit von Adel. Sportliche Wettkämpfe um ein Pfand zählten zu den nie aus der Mode gekommenen Vergnügungen der Edlen. Wie weit würde sich Enlils Entgegenkommen erstrecken? Innerhalb der schützenden Wände von Adapas Haus war er nicht gezwungen, genötigt oder auch nur angehalten, seine Rolle als Sternengott zu spielen. Nur die erweiterte Familie des Mustermenschen würde Bescheid wissen, wenn sich der Nefilimadlige dem Ritus entzöge…
„Auf diese Weise gelangt sternengöttliche Technologie in die Sonderrechtszone…“ bemerkte der Vizekönig.
„…die aber niemand hier nachzubauen versteht, Herr!“ beeilte sich Prometos zu versichern.
Enlil war sich sicher, bei einem erneuten Studium des Vertragswerkes festzustellen, dass es sich bei dem Pfandspiel der Dilmuner um eine völlig legale Angelegenheit handelte. Wer das Kethri allerdings verraten hatte oder ob Adapa selbst diesen Schluss aus der Lektüre seiner Kopie des Vertrages gezogen hatte, blieb vor dem Vizekönig verborgen.
Enlils Blick ruhte auf dem Spielbrett. <(Dem auf mich Zukommenden zustimmende Bitte um diskrete Aufklärung)> „Ich fürchte, ich habe die Regeln nicht mehr vollständig im Kopf.“

Auch Marduk begutachtete das vor ihm stehende Spielbrett. Es unterschied sich leicht von der ihm bekannten Variante, doch die grundlegenden Regeln blieben vermutlich dieselben. Nicht selten setzten Hauslehrer solche Spiele auch als Rechenbretter ein, weshalb sie bereits ihrem Aufbau nach als Merkhilfe für einfache Rechenregeln dienten: Ein aus zwölf Einzelfeldern gebildetes großes Rechteck und ein aus sechs Feldern bestehendes kleineres wurden durch eine zwei Spielfelder lange Brücke verbunden. Zwölf geteilt durch zwei ergab sechs, wie jeder Schüler wusste. Die zu Rechtecken gruppierten Felder bildeten außerdem drei Reihen. Wiederum ließ sich hier ein Rechenprinzip anwenden: Die vier Felder einer Reihe des linken Rechtecks geteilt durch die Zweierbrücke ergaben die zwei Felder einer Reihe des kleineren.
Anstatt sich auf die beiden Rechtecke zu konzentrieren, konnte ein Spieler das Brett auch als aus drei paralle Reihen von Spielfeldern beschreiben. Von diesen waren die beiden, an denen sich die Spieler gegenübersaßen jeweils identisch gestaltet. Zwischen ihnen erstreckten sich die mittlere, die sogenannte Aufmarschreihe, einem Fluss gleich, der zwei feindliche Armeen trennte, und natürlich die Brücke.

95

Bild: Brettspiel aus den Königsgräbern von Ur (Quelle: ancient.eu). Mehr Bilder  hier

Und hier ein Rekonstruktionsversuch der  Spielregeln

Adapa verteilte nun die Knochenplättchen auf die Felder. „Jeder Spieler erhält zwanzig Steine. Das ist die größte mit allen vier Gliedmaßen bildbare Zahl.“
Marduk und Enlil nickten. Ihnen waren bereits die Kennzeichnungen der Spielfelder aufgefallen: Eins als Grundzahl, Fünf für je eine Hand oder einen Fuß, Vier als höchster Multiplikator beruhend auf den vier sechsstündigen Abschnitten eines irdischen Tages und Zwanzig als Summe aller Finger und Zehen. Lediglich das Sechzehner – Feld wussten die Nefilim noch nicht einzuordnen. Vermutlich entsprang diese Zahl ganz einfach taktischen Erwägungen.
„Die Zeichen auf den Feldern geben an, wie viele Figuren sich jeweils höchstens auf ihnen aufhalten dürfen“, wiederholte Adapa in dem Bemühen, den Gästen die Regeln wieder im Detail ins Gedächtnis zurückzurufen. Enlil besaß keine Erinnerung mehr daran, er musste alles neu lernen. Glücklicherweise gehörte das Flussspiel zu jenen leicht zu erlernenden, aber schwer zu meisternden Taktikspielen, die Erwachsene und Kinder untereinander auf ihrem jeweiligen Niveau, aber auch gemeinsam am Familientisch spielen konnten. Der Nefilimherrscher lief zu keinem Zeitpunkt Gefahr, sich zu blamieren.
Adapa kam mit seinen Ausführungen zum Ende. Er wies einladend auf die sich gegenüberstehenden Stühle.
„Wir sind nur zu dritt, aber es sind vier Menschen zu initiieren“, warf Kethri ein. „Enlil, Marduk und ich, wer wird noch antreten?“
Prometos trat vor. „Ich.“
Der Titan schritt auf Enlil zu und obgleich er sich gerade als Bürger des Bundes der Fünfzig Namen präsentierte, war Prometos in diesem Moment ganz Adapas Bruder und nicht etwa ein Forscher aus Shuruppak auf Studienreise.
„Ich spiele gegen eines der Kinder, Prinz Enlil“, bekräftigte Prometos, „und falls es gewinnt, erhält Dilmun Zugriff auf das planetenweite Mê!“
„Dazu benötigt ihr Strom.“
„So ist es. Wir werden daher ans Stromnetz des Hawilabezirks angeschlossen.“
„Über eine Windmühle ließe sich sprechen.“
„Ein Windrad und einen Elektrogenerator also, wie in Notos!“
Adapa schob seinen Ältesten auf einen der Schemel. „Fangt einfach schon an! Die Verhandlungen können sich eine Weile hinziehen.“
Siegessicher nahm Marduk auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches Platz. Adapa zwinkerte seinem Pflegebruder aufmunternd zu, dann wandte er sich an seinen Sohn: „Mach ihn alle!“
Kains Augen blitzten auf. <Das musst du mir nicht extra sagen, Vater!>
„Eines noch, Jungs“, erinnerte Adapa sie Spieler, sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass er relativ gesehen nun älter als der mehrere Jahrunderte vor ihm geborene Marduk sein musste. „Angefasst ist gesetzt!“
Beide Kontrahenten bestätigten im Äther, dass sie die Spielregeln und Siegbedingungen verstanden hatten. Dann folgten die Züge Schlag auf Schlag. Keiner lies dem anderen viel Zeit zum Überlegen, ganz anders als die strategische, zwanzig und mehr mögliche Folgezüge berücksichtigende Spielweise, derer sich Enlil bedienen würde. Hart und schnell, nicht unbedingt auch überlegt, bedrängte einer den anderen. Außer dem Klicken und Klacken der Spielplättchen fiel kein Wort.
Abel konnte den Blick nicht von den Vorgängen am Tisch lassen. Er wusste genau, dass auch Izimu und er selbst sich nichts schenken würden, wenn die Reihe an sie käme. Doch sein Bruder spielte gegen den ihm völlig fremden Nefilim, als hätte er eine persönliche Fehde zu bestreiten.
<Ich habe bisher nicht gewusst, wie viel Hass in dem Jungen steckt>, erkannte auch Adapa. <Auf Ea und Alulim, weil die uns verbannt haben, und sogar auf sich selbst, weil er etwas ist, dass man verbannen musste/konnte!>

Mitten in Marduks und Kains stummen Wettkampf am Tisch und seinen umso heftiger mit Prometos geführten Verhandlungen fuhr Enlil Kethri Izimu und Adapa an: „Könntet ihr bitte damit aufhören? Ich kann mich nicht konzentrieren!“
„Was ist los?“ erkundigte sich Marduk, dabei unbeirrt einen weiteren Spielzug ausführend.
„Izimu und dein Bruder spielen ohne Brett im Kopf. In Adapas Kopf.“
Marduk lachte kurz auf. Er hatte nichts davon mitbekommen. Seit er Platz genommen hatte, schützte ein starker Ätherschild seinen Geist, für den Fall, dass sein Neffe ihn über dieses Medium zu beeinflussen trachtete.
Auch Prometos blieb völlig unbeeindruckt, sein Äthersinn existierte ja nicht mehr.
„Komm, Adapa!“ wandte sich Enlil an seinen Neffen. „Lass uns eine Runde durch dein Dorf drehen und dabei deine neu erwachten Kräfte als virtuelles Spielbrett diskutieren!“
<Wieso an der frischen Luft?> ließ sich Kethri vernehmen. <Fällt dir dort das Denken leichter?>
<Weil ich>, erwiderte der Geist des Hochadligen unwillkürlich, als sei er dem respektlosen jungen Mann Rechenschaft schuldig, <erst recht auf Adapas Stand in der Gemeinde bedacht bin, wenn ich schon seinen Söhnen kostenlos zu einer prestigeträchtigen Eheschließung verhelfe. Wird er im vertrauten Gespräch mit mir gesehen, ist das Adapas Ansehen dienlich.>
Die beiden verließen Adapas Haus. Mehrfach wandte sich Adapa um, als wolle er sich vergewissern, ob Kethri im Haus noch am Leben sei. Der Titan hatte den Kommentar seines Freundes sehr wohl mitgehört. Enlils Entscheidung, zu ignorieren, was anderen Siedlern zumindest zeitweilig ihr Hauswappen und ihre Freiheit gekostet hätte, sprach Bände zu Adapa. Der Jagdmeister war zu wichtig für die Pläne der Prinzenbrüder und befand sich im Besitz zu vieler ihrer Geheimnisse. Kethri mochte durchaus in Ereschkigals Ätherversuchslabor enden oder einen tragischen Unfall erleiden, lange bevor Adapas natürliche Lebensspanne ausgeschöpft sein würde, doch bis es soweit war, dufte er sich weitaus mehr herausnehmen, als ein normaler niederer Adliger.

Als Enlil und Adapa zurückkehrten, hatten dort bereits Awan und Prometos ihren Wettkampf beendet. Abel und Kethri saßen am Tisch in das „Opferspiel“ vertieft. Der Jäger funkelte den Stau auf dem Spielbrett finster an: „Wer ist auf die selten dämliche Idee verfallen, ausgerechnet an dieser Stelle ein Einserfeld zu installieren?!“
Enlil und Adapa nickten einander zu, wie Männer, die mehr wussten. Der Jagdmeister mochte schimpfen, im Äther jedoch sprach sein Geist eine ganz andere Sprache. Worte des Unmuts, doch in Wahrheit war Kethri in diesem Moment glücklich. Egal, wie das Spiel ausgehen würde, sein Gefühl der Verbundenheit mit der Gastgeberfamilie konnte weder durch Sieg noch Niederlage getrübt werden.
<Pass auf, Adapa>, kommentierte Enlil. <Eines Tages zieht er bei euch ein.>
„Ja“, erwiderte der Patriarch im höflichen Plauderton, der von ihm erwartet wurde, obwohl er genau wusste, dass eben dieser Fall nie eintreten konnte.
„Awan hat verloren, aber ich habe den Schwebestuhl für Pyrrha gewonnen!“ flüsterte Kain stolz dem Vater zu.
<Und Prometos’ Pfand?>
<Unwichtig>, erwiderte Kain. „Enlil traut Onkel nicht, er fürchtet wohl, Prometos würde absichtlich verlieren. Daher hat er ihm befohlen, etwas einzusetzen, das er auch wirklich bei sich hat. Der Siegerpreis wäre sein Telefon gewesen. Enlils Pfand hingegen…“ Kain stockte, als sein Blick auf das Spielbrett fiel. „Himmelsgötter!“ ächzte er. „Gibt es eigentlich eine Zeitbegrenzung für dieses Spiel? Abel und Kethri schaffen es doch nie, ihr Chaos dort entwirrren!“
Kain sollte sich täuschen. Unendlich langsam nur, doch Zug um Zug löste sich der Stau auf dem Spielbrett auf. Die schwarzen und weißen Knochenplättchen wanderten beharrlich auf ihr Ziel zu – wenn sie denn noch dazu in der Lage waren, denn der Versuch, ein mit andersfarbigen Spielsteinen geteiltes Feld wieder zu verlassen, leitete eine kurze Kampfsequenz ein. Vierseitige Würfel klackten über den Tisch, um der Kampfstärke der Plättchen ein Zufallselement hinzuzufügen. In der Tat spielte sich die Begegnungsphase nicht auf dem Brett selbst, sondern auf Tabellen ab, welche Würfelergebnisse mit Armeestärke und Ort des Zusammentreffens abglich. Zwei der drei mit Tabellen bedruckten Karten waren mit „optional“ gekennzeichnet und bisher auch von keinem der Paare verwendet worden.
Weitaus mehr Steine als während der gesamten Partie wanderten in dieser letzten Phase zurück in die Schalen, dann endlich dann brachte Kethri sein letztes Plättchen „nach Hause“. Abel hatte die Partie verloren.
„Ich habe das Flusspiel einfach verlernt“, brummte der Jugendliche. „Aber ich werde wieder besser darin!“

Prometos trat vor Enlil. „Dann seid Ihr jetzt dran, Herr. Denkt daran, was wir vorhin als Euer Pfand ausgehandelt haben!“
Mit diesen Worte rückte der Titan Asura den Schemel zurecht.
Enlil zuckte unwillkürlich zusammen, als ginge ihm erst jetzt vollständig auf, was für eine Kreatur ihm da gegenüber saß: ein Menschenmädchen nämlich. In Vorbereitung auf den persönlichen Kontakt mit jemand, den er bisher gleich einer Dienerin als Teil des Hintergrundbildes wahrgenommen hatte, baute Enlil einen mächtigen Gedankenschild auf. Das Konstrukt versiegelte seinen Geist nach beiden Richtungen, so dass nichts hinein oder hinaus gelangen konnte. Wer vermochte schon zu sagen, was die Berührung eines so fremdartigen Geistes wie der eines freien Menschen auszulösen vermochte? Kain kannte Enlil, auf Abel hätte er sich einstellen können, indem er sich vorstellte, Kethri gegenüberzusitzen und die Uschebti Edins hatten ein spezifisches Training durchlaufen. Awan und Asura hingegen stellten die Joker der Dilmuner dar, für den Nefilimfürsten vollständig unberechenbare Variablen.
Ein weißes Plättchen in der zur Faust geballten rechten Hand und ein schwarzes in der linken, streckte der ätherblinde Prometos seinem König beide Fäuste entgegen.
„Wählt!“
Enlil tippte auf weiß und eröffnete damit die Partie. Unter seinem Ätherschild abgeschottet meinte er, gegen einen Computer anstatt eine junge Frau anzutreten. Seine Isolation machte es dem Nefilim unmöglich, auf Spielzüge bezogene Gefühle Asuras zu empfangen. Unter diesen Umständen hatte Enlil nicht die geringste Chance, zu erkennen, dass die ausgefeilten Fingerspiele seiner Kontrahentin nur dazu dienten, deren Betrugsversuche zu kaschieren. Asura setzte ihre Armeen so, dass ihr ein beiläufiges Schnippen und ein „Vergessen“ bestimmter Spielsteine Vorteile verschafften, die ihr nach den Regeln spielender Gegner schon bald nicht mehr wettmachen konnte.
Fassungslos blieb Enlil nach seiner Niederlage am Tisch sitzen, während Abel Asura stürmisch beglückwünschte. Der Nefilim tröstete sich aber damit, dass es sich ja nur um ein Kinderspiel handelte, dem er längst entwachsen war.

„Was hat Asura Enlil da gerade abgerungen?“ erkundigte Adapa mit einem abfälligen Unterton in der Stimme. „Eine solarbetriebene Spielkonsole?“
„Einen Satz Schutzimpfungen und Medikamente für das Dorf“, erwiderte Prometos.
„Ist das dein Ernst?!“
„Natürlich. Wie gut, dass jeder weiß, wie selbstsüchtig und zivilisationsverliebt ich bin, hm? Aber ich wäre nicht mit euch hierher ans Ende der Welt gezogen, bedeutete mir die Menschheit nichts.“
„Das… ist wahr.“
„Enlil hätte niemals herausgerückt, was er demnächst aus Shuruppak senden muss, hätte ich nicht gleich zu Anfang so überzogen hohe Ansprüche gestellt. So habe ich mich nach und nach auf mein eigentliches Anliegen ‚herunterhandeln’ lassen. Enlil verfiel ganz von allein auf die Idee, das Thema zu wechseln und mir statt meinem Mê-Abonement medizinische Hilfsgüter anzubieten.“
„Es ist ja nicht so, dass unsere Freunde nichts dafür bekämen“, schmunzelte Adapa. „Zeit für die Kinder, das Speiseopfer zu bringen!“
Prometos schüttelte angewidert den Kopf. „Cheva hat für unsere Gäste gekocht, aber wir nennen es ein Opfer! Wie konnten wir uns von unseren Schutzbefohlenen derartig reinreiten lassen, Adapa? Wie?“
„Sieh es doch einmal so: Gäbe es diese Tradition nicht, wartete auf uns keine Ladung Impfstoff gegen Kinderlähmung.“
Bedächtig nickte der Titan. Was sein Bruder sagte, war nicht von der Hand zu weisen.

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